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Caffeinism

von leo-b
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P18 / MaleSlash
16.12.2021
30.06.2022
29
116.713
22
Alle Kapitel
51 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
23.06.2022 4.224
 
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG



Knappe zwei Wochen später fand sich Ethan bereits in einem neuen Nebenjob wieder. James hatte ihm nur eine kurze Nachricht geschickt — die Adresse einer Bäckerei, gefolgt von einem kurzen Kommentar, welches ihm gesagt hatte, wann er beginnen durfte. Eigentlich hatte Ethan gehofft, dass der Ältere ihn zu seinem neuen Arbeitsplatz begleiten würde, um ihn vorzustellen und das Ganze weniger seltsam zu machen, doch in den letzten Wochen hatten sie sich kein einziges Mal getroffen und Ethans Nachrichten wurden meist ignoriert. Nur manchmal, wenn Ethan sich traute, ihn zu fragen, was denn los war, bekam er die Standard-Antwort ‘Ich habe viel zu tun’ zurück. Und als er mit James’ Kreditkarte versucht hatte, sein Studium zu bezahlen, wie dieser es von ihm verlangt hatte, da hatte James ihm auch geschrieben. Mit einem unsicheren Gefühl hatte Ethan die Nummer der Kreditkarte auf der Webseite seiner Uni eingegeben, bevor ihm dann eine Fehlermeldung ins Gesicht geschleudert wurde. Ethan hatte schon begonnen, zu befürchten, dass James seine Meinung geändert hatte und es ihm doch nicht bezahlen wollte, doch nur wenige Momente danach war eine Nachricht von dem Älteren angekommen: “Versuch’s nochmal. Sollte jetzt gehen.” Anscheinend hatte die Bank seine Kreditkarte aus Angst vor Betrug oder Diebstahl gesperrt und James hatte sie anrufen müssen, um ihnen zu sagen, dass alles in Ordnung war. Beim zweiten Versuch hatte es tatsächlich funktioniert und mit nur einem Klick war sein Studium sicher gewesen, seine Gebühren bezahlt und er hatte sich noch nie so seltsam gefühlt. So dankbar, so schuldig und so unwissend, wie er sich jemals bei dem anderen genügend bedanken sollte oder ob er es jemals zurückzahlen könnte. Er hatte sich mehrmals bei ihm bedankt und nur ein einziges Mal einen Text, der ‘Kein Problem’ las, zurückbekommen. Nach einer Woche hatte Ethan bereits aufgegeben, dem anderen oft zu schreiben und sich damit abgefunden, dass er wohl zu beschäftigt war oder keine Lust hatte, sich mit Ethan zu treffen. Bis auf diese paar Nachrichten hatte es also kaum Kontakt zwischen ihnen gegeben, auch wenn Ethan sich am liebsten mit ihm treffen wollte und zugeben musste, dass er ihn vermisste.

Allerdings schwirrten nun ganz andere Sorgen in seinem Kopf, als er vor der kleinen Bäckerei stand, die er nun seinen neuen Arbeitsplatz nennen durfte. Zwar war es nicht der Job, den er erwartet hatte, doch er hatte in den letzten Jahren genügend Erfahrung in den verschiedensten Nebenjobs — als Kellner in Restaurants, als Barista im Coffee-Shop und noch ganz andere — gesammelt, sodass er auch hier sicherlich gut abliefern konnte. Schwer schluckte er und rieb sich den Nacken, bevor er sich dann entschied, durch die Tür zu treten. Mit einem leichten Klingeln einer Glocke fiel die Tür hinter ihm ins Schloss, als er seinen Blick durch den Raum schweifen ließ. Schon von der ersten Sekunde an konnte er den herrlichen Duft frisch gebackener Herrlichkeiten genießen und als er sich umsah und zur Konditoreivitrine sah lief ihm bereits das Wasser im Mund zusammen. Die verschiedensten Kuchenstücke, Cupcakes und andere Gebäcke erstreckten sich vor seinem Auge und staunend ging er einen Schritt weiter auf die Theke zu. Schon jetzt knurrte sein Magen und er hätte sich am liebsten sofort eines dieser Desserts geschnappt, aber auch das wurde ihm verwehrt, als er Schritte und eine weitere sich schließende Tür hörte. Heftig zuckte er zusammen, da ihm die Anwesenheit einer anderen Person bewusst wurde und er nun sah, wie eine Frau neben ihm stand und ihn sanft anlächelte.
“O-Oh! Hallo, ähm…”, stammelte er überrascht und kratzte sich am Hinterkopf. Sein Blick huschte über die ältere, überraschend große und doch schlanke Frau. Ihr Lächeln war warm und einladend, ihre babyblaue Schürze mit Mehl bedeckt und ihr schwarzes Haar begann langsam, sich grau zu färben. Ihre dunklen Augen strahlten eine ungewohnte Freundlichkeit aus und doch kamen sie ihm bekannt vor. Genauso wie ihre eindeutigen Gesichtszüge und das Logo auf ihrer Schürze. Bevor er die Bäckerei betreten hatte, da hatte er kaum auf das Logo oder den Namen des Inhabers geachtet, sonst hätte er sicherlich sofort herausgefunden, warum sich einiges an ihr so bekannt anfühlte.
“Ich bin—“, begann er seinen scheiternden Versuch, sich vorzustellen, doch er wurde sofort unterbrochen.
“Ethan! Richtig? Ich bin Maria!” Sie klang viel zu begeistert dafür, dass sie gerade ihren neuen Mitarbeiter begrüßte. Und dennoch brachte es Ethan zum Lächeln und er nickte schwach. “Ich freue mich so, dich endlich kennenzulernen. Jamie wollte dich mir gar nicht vorstellen und dann kam er auf einmal an und meinte, dass du gerne hier arbeiten würdest… Was ein schöner Zufall, was? Wo ist er nur? Ich habe eigentlich gedacht, dass er dich herbringt.” Jamie? Sie mussten einander nahe stehen, wenn James zuließ, dass sie ihn bei einem Spitznamen nannte. Zwar nannte Ethan ihn Jimmy, aber er war sich noch immer nicht sicher, ob es ihm überhaupt gefiel. Jedes Mal, wenn er diesen Nicknamen aussprach, da zuckte James entweder vollkommen zusammen oder sein Körper versteinerte sich vollkommen, während sein Blick sich unerkenntlich veränderte. Vielleicht hasste er es sogar, Jimmy genannt zu werden, doch Ethan konnte es einfach nicht lassen.

“Ich weiß nicht, er meinte, er ist beschäftigt. Habe ihn schon eine Weile nicht mehr gesehen…”, murmelte Ethan und schmollte mit aufgeblasenen Wangen.
Maria seufzte und huschte hinter die Theke. “Ach, mein Kind, immer am Arbeiten. Wie typisch.” Nun runzelte Ethan die Stirn und blickte seine neue Chefin noch umso genauer an. Und da sah er es: die scharfen Kanten des Kiefers, die dunklen, geheimnisvollen Augen, die Lippen… James schien all seine Züge von seiner Mutter bekommen zu haben anstatt von seinem Vater. Auch seine Größe schien er von ihr vererbt zu haben, so hocgewachsen, wie auch sie war. Er hatte ein Bild von James’ Vater gesehen und er war längst nicht so groß und sah ihm kein bisschen ähnlich.
“Oh! Sie sind James’ Mutter? Wow, ihr seht euch voll ähnlich!”
Sie lachte herzlich, während sie in der Vitrine nach einem bereits geschnittenen Stück Kuchen griff, welches sie daraufhin auf einen Pappteller legte. “Ja, das bin ich! Hat er es dir nicht erzählt? Er hat dir doch auch mal Kuchen von meiner Bäckerei zum Probieren mitgebracht. Dieser Idiot, dass er nicht einmal erwähnt, von wem die sind…” Nun erinnerte er sich an die fantastischen Kuchenstücke, die James ihm vor langer Zeit einmal mitgebracht hatte. Verpackt in der selben weiß und puderblauen Kombination an Farben wie auch auf Marias Schürze.
“Die waren von Ihnen? Er hat’s mir wirklich nicht gesagt…” Wie seltsam das war, dass er von James Kuchen bekommen und diese genossen hatte, ohne überhaupt zu wissen, dass sie von dessen Mutter gewesen waren. Warum hatte Jimmy denn nichts gesagt? Und warum erwähnte er nicht, dass Ethans neue Chefin ebenfalls seine Mutter sein würde? Dieses Wissen wäre wirklich hilfreich gewesen, dann hätte er sich besser auf diesen Tag vorbereitet. Er wollte doch einen guten Eindruck machen und verhindern, dass auch seine Mutter von Ethan glaubte, er sei nur dem Geld eines älteren Mannes, der auch noch ihr Sohn war, hinterher. Wobei sie gar nicht wirkte, als würde sie ihn auf irgendeine Weise verurteilen.
“Die waren echt lecker!” Er grinste zufrieden an die Erinnerung der beiden Kuchenstücke, die er damals sofort vernascht hatte. Wieder einmal lachte Maria und kam nun wieder hinter der Theke hervor, mit einem Kuchenteller in der Hand.

“Die Bilder, die Jamie mir von dir gezeigt hat, waren schon sehr hübsch, aber du bist umso süßer in Realität!” Ethan konnte spüren, wie seine Wangen sich erhitzten, als Maria ihre Hand an seinen Rücken legte und ihn in Richtung eines Tisches schob. “Aber du bist so schlank! Komm, setz dich und iss ein Stück.” Sie drückte ihn auf den Stuhl und stellte ihm das Stück Kuchen vor die Nase, noch immer so freundlich lächelnd. So erwünscht fühlte er sich selten — nicht einmal, wenn er seine eigene Mutter besuchte. Maria drückte ihm eine Gabel in die Hand und wuschelte ihm dann durch sein blondes Haar.
“Jetzt habe ich ja endlich jemanden in der Familie, der meine neuen Rezepte ausprobiert. Jamie tut das nämlich nie”, meinte Maria, als sie dann wieder zurück zur Theke huschte und er sie dabei beobachtete, wie sie Kaffee zum Kochen aufsetzte. Ein wenig irritiert war er schon — eigentlich war er doch zum Arbeiten hergekommen, doch Maria war zu freundlich, als dass er ihr Angebot ablehnen konnte. Sie war das komplette Gegenteil von James. Wie war es möglich, dass er so kalt und distanziert war, wenn sie ein regelrechter Sonnenschein war?
“Jimmy ist ja immer auf seiner Diät…”, seufzte Ethan und sie beide lachten im Einklang. “Womit soll ich Ihnen also helfen? Ich bin gut mit Kunden und ich lerne auch schnell!” Maria sagte ihm direkt, dass er sie doch bitte duzen sollte und schließlich sagte sie, dass sie es gemeinsam herausfinden würden und sie doch Zeit hatten. Sie redeten über die Dinge, die es in der Bäckerei zu tun gab, redeten über James und Ethan sprach auch über sein Studium. Maria war engagiert in das Gespräch und sie beide waren glücklich über die Situation. Ethan fühlte sich sicher in diesem neuen Arbeitsumfeld, fühlte sich, als müsste er sich hier keine Sorgen darüber machen, bald gefeuert zu werden. Eine gute Woche verging, in der er alles lernte, was es in der Bäckerei zu lernen gab, um ihr zufriedenstellend helfen zu können. Jedes Mal redeten sie viel und lachten viel, allerdings meldete sich James kein einziges Mal, auch wenn Ethan ihm mehrmals schrieb und ihm von seinen Tagen berichtete.

Ehe er sich versah verbrachte er freie Minuten auf der Arbeit damit, auf sein Handy zu starren und zu sehen, ob James online war, ob er seine Nachrichten gelesen hatte oder ihm eventuell schrieb. Jedes Mal, wenn er sah, wie James online ging, schlug sein Herz voller Hoffnung schneller, nur um dann zu sehen, wie er sofort wieder offline ging. Jedes Mal füllte ihn eine seltsame Enttäuschung, die seinen ganzen Körper schwach fühlen ließ. Und natürlich realisierte auch James’ Mutter recht schnell, dass etwas nicht stimmte.
“Wieder nichts?”, fragte sie, als sie ihn dabei erwischte, wie er hinter der Kasse stand und auf sein Handy starrte, weil die Bäckerei für einen Moment vollkommen leer war. Er zuckte heftig zusammen und steckte sein Handy wieder ein. Sein Verhalten fühlte sich unangebracht an — Maria war, trotz der Umstände, noch immer seine neue Chefin und er sollte nicht dabei gesehen werden, wie er sich während der Arbeit von seinem Telefon ablenken ließ. Er schüttelte stumm den Kopf und biss sich auf die Innenseite seiner Wange, das Gewicht von einem Bein aufs andere verlagernd.
“Er ist sicher sehr beschäftigt mit der Arbeit”, nuschelte er und in seiner Naivität hoffte er noch immer, dass das der Wahrheit entsprach. Maria lächelte — beinahe gequält — und jedes Mal, wenn Ethan Jimmys Verhalten erwähnte, da musterte sie ihn mit einem Blick, der ihn fast glauben ließ, dass sie so viel mehr wusste als sie zugab.
Doch er fragte nicht nach und sie sagte nichts, gab ihm nur einen mitleidigen Blick und ein sanftes Drücken auf die Schulter, bevor sie sagte: “Er meldet sich sicher bald. Ich habe ihn auch schon lange nicht mehr gesehen. So ist er immer.” Ethan konnte allerdings nicht verleugnen, dass es ihn beunruhigte. Sie beide hatten doch gesagt, dass sie einander mochten, und kurz danach begann James, sich so distanziert zu Verhalten. Oft fragte er sich, ob er etwas falsch gemacht hatte, doch nichts fiel ihm ein. Jedes Mal, wenn sie Zeit miteinander verbracht hatten, war es wundervoll gewesen, bis James begonnen hatte, sich in Ethans Gegenwart zurückzuhalten und sich regelrecht emotional von ihm fernzuhalten. Noch immer erinnerte sich Ethan ganz deutlich an die paar verletzenden Momente, als James nicht auf ihn reagiert hatte und nicht zugelassen hatte, dass sie intim wurden. Und nun sahen sie einander ganz und gar nicht mehr. Sah James denn nicht, wie seltsam das war? Ethan glaubte manchmal sogar, dass James keine Lust mehr auf ihn hatte, weil er zu jung und dämlich war, weil Jimmy keine Lust mehr hatte, ihm Geschenke zu machen oder andere, dumme Gründe. Konnte James ihn denn nicht wenigstens aufklären, damit er sich nicht weiter so sorgen musste? So sehr Ethan Anrufe auch hasste, bei James würde er sich mittlerweile sogar darüber freuen. Er wollte seine Stimme hören, wollte ihm sagen, dass er ihn vermisste und wollte hören, wie Jimmy es mit seiner tiefen Stimme ebenso aussprach. Er wollte ihm von seinem Tag erzählen, während James stumm in das Telefon atmete und Ethan zuhörte. War er wirklich so beschäftigt, dass sie nicht einmal um Mitternacht telefonieren konnten? Gab es keine Zeit für eine kurze Nachricht? War da wirklich nichts für Ethan, den James doch angeblich so mochte? Wie konnte er einfach Ethans Probleme lösen und dann geradezu spurlos verschwinden? Ein Seufzen entfloh ihm.

“Mach doch für heute Feierabend, hm?”, schlug Maria plötzlich vor. Es war kurz nach sechs am Nachmittag und eigentlich schloss die Bäckerei erst um acht.
Irritiert sah Ethan zu ihr hinüber. “Sicher? Ich kann gern bleiben, das macht mir nichts aus…” Doch sie bestand darauf, dass er doch eher nach Hause gehen und sich ausruhen sollte. Sie bedankte sich bei ihm für seine Hilfe und meinte, dass er doch immer so hart arbeitete — sei es in der Bäckerei oder mit seinen Vorlesungen — und dass er eine Pause verdiente. Genauso wie bei James war ihm sofort klar, dass sie keine Widerrede zulassen würde. Sie war auf jeden Fall seine Mutter.
“Danke”, murmelte er schwach lächelnd und griff nach seiner dünnen Jacke — mittlerweile war es Frühling und er brauchte seine dicke Pufferjacke gar nicht mehr — und nach seinem Rucksack. Er war direkt nach seiner Vorlesung zur Arbeit gelaufen und hatte gar keine Zeit gehabt, seine Tasche in seiner Wohnung abzustellen. Genauso wie der Coffee-Shop war die Bäckerei viel zu weit von seiner Wohnung entfernt.
“Bis morgen!”, rief er noch, bevor er die Bäckerei verließ und sich gelassenen Schrittes auf den Weg zur Bushaltestelle machte. Dabei richtete er seinen Blick wieder aufs Handy, nur kurz den Chat mit James ansehend, ehe er seine sozialen Medien auscheckte. Doch auch sein Insta-Account schmeckte bitter — seit Wochen hatte James kein einziges seiner Bilder geliked und einmal hatte Ethan sogar seine Follower durchsucht, aus Angst, dass sein Account verschwunden war, doch als er James’ Namen entdeckt hatte, da hatte sich sein zitternder Körper ein wenig beruhigt. Dennoch fand er es schade, keine süßen Komplimente von ihm unter seinen Bildern mehr zu finden — sie hatten ihn immer dazu gebracht, rot zu werden und seinen Herzschlag zu verschnellern. Er hatte sich immer über sie gefreut. Doch nun war da rein gar nichts mehr außer seiner üblichen Kommentare und Likes, die sich mittlerweile sinnlos anfühlten, wenn James nicht unter ihnen zu finden war. Seufzend ließ er sein Handy in seiner Tasche verschwinden, als er in den Bus stieg, und steckte sich Kopfhörer ein. Der Musik lauschend starrte er aus dem Fenster und musterte das typisch feuchte und bewölkte Wetter Seattles, welches seine graue Laune zu hundert Prozent widerspiegelte.

***


Nach kurzem Zögern trat James durch die klingelnde Tür, die er kurz darauf hinter sich laut klappernd zufallen ließ. Sofort blickte seine Mutter von ihrem Wischmopp zu ihm auf, ihre Augen groß und glitzernd, die Bäckerei um sie herum bereits ganz dunkel und leer.
“Jamie! Was machst du denn hier? Ethan ist schon gegangen…” Sie lehnte ihren Wischer gegen die Wand, um James sofort in eine Umarmung zu ziehen.
“Ich weiß”, entgegnete er monoton und löste sich von seiner Mutter. Ethan schrieb ihm ständig, wann er Feierabend hatte, teilte ihm ständig mit, an welchen Tagen er frei hatte und an welchen nicht und James wusste ganz genau, dass er das nur tat, weil er hoffte, James würde ihn besuchen oder von der Arbeit abholen. Dabei nutzte James es nun für das genaue Gegenteil — um ihm erfolgreich aus dem Weg zu gehen. Er räusperte sich, als er den eindringlichen Blick seiner Mutter spürte. Ihre Augen bohrten sich in die seine, direkt durch ihn hindurch und in seine Gedanken hinein. Er fühlte sich gezwungen, seinen Blick abzuwenden. Den Rücken durchdrückend und sich die Krawatte glatt streichend versuchte er mit aller Kraft, seiner Mutter standzuhalten. Doch Energie hatte er keine mehr.
“Du siehst müde aus”, stellte sie natürlich sofort fest, sein Pokerface schon längst gebrochen. Er atmete tief durch und streckte ihr seine Hand entgegen, in der er eine kleine Box hielt. Seine Zähne biss er so heftig zusammen, sodass er das Knirschen laut in seinen Ohren hören konnte. Sein Blick blieb auf der kleinen Box — er traute sich nicht einmal, zu seiner Mutter zu sehen, als sie es entgegen nahm und hinein sah.
“Sie gehört Ethan. Sie ist kaputt gegangen, also habe ich sie reparieren lassen. Gib sie ihm bitte zurück.” Er verschränkte die Arme vor der Brust, ein letzter Versuch, irgendwie stark zu wirken, wobei seine Stimme ungewollt zitterte. Er sah zu Boden, starrte auf die Spitzen seiner Schuhe und der Atem blieb ihm im Hals stecken, während seine Mutter Ethans schöne Halskette musterte. Es war klar, dass sie sich an den Moment erinnerte, als sie es zusammen in Dänemark gekauft hatten. Er konnte deutlich die Bitterkeit schmecken, die seine Mutter gerade fühlte.
“Was soll das werden?” Ihr Ton klang wie ein Vorwurf, klang wie eine Verurteilung und natürlich wusste James sofort, worauf sie sich mit ihrer Frage bezog. Er konnte nicht antworten, wusste nicht, was er denn sagen sollte, um sein bescheuertes Verhalten irgendwie zu rechtfertigen. Es gab keinen Weg, diese Sache so zu erklären, dass sie Sinn machte. Er war ein schlechter Mensch — das war alles, was es war, und er musste nicht hören, wie seine Mutter ihm diese Worte genauso an den Kopf warf wie er es doch schon längst tat. Also schwieg er, sein Körper angespannt auf ihre nächsten Worte wartend.

“James? Was soll das? Der Arme wartet jeden Tag auf deine Nachrichten, weißt du?” James Lippen pressten sich schmerzhaft aufeinander und noch immer sah er nicht auf, noch immer sagte er kein Wort. Natürlich wusste er das — es war doch offensichtlich in den Nachrichten, die Ethan ihm ständig schrieb, dass dieser es kaum erwarten konnte, von ihm zu hören. Für einen Moment schlossen sich seine Augen, voller Scham wegen seiner Taten und der Tatsache, dass seine Mutter ganz genau über sie Bescheid wusste. Sein Herzschlag flatterte genauso wie sein zittriger Atem.
“James, du…” Die Stimme seiner Mutter brach und endlich hob sich der Blick ihres Sohnes, nur um in ihre mit Tränen gefüllten Augen sehen zu müssen. “Warum? Wegen deinem Vater? James, bitte, wann verstehst du denn endlich… Ach, Jamie, verdammt noch mal.” Sie schniefte laut, die Tränen nun über ihre Wangen rollend. Tief holte sie Luft, während der Schmerz sie nun einholte, während die Sorge um ihren Sohn sie ummantelte. Noch immer war sein Mund verschlossen — es gab nichts, dass er sagen könnte, was die Situation verbessern würde. Seine Mutter wusste ganz genau, dass sein Vater wieder dazwischen gefunkt hatte und dass James sich ergeben hatte, so, wie er es immer tat. Und nun musste sie in das müde Gesicht ihres Sohnes sehen, so, wie sie es immer tat. Und es brach ihr sichtlich das Herz und James war nur dazu in der Lage, seinen Kiefer zusammenzuballen und sich all die Schuld zuzuweisen. Sie hasste James’ Vater für diese Manipulation und doch, egal was sie tat, was auch immer James sich von seinem Vater wünschte und was er für ihn fühlte blieb erhalten. James’ Schwäche sorgte dafür, dass sein Vater solche Macht über ihn besaß.
“Er hat dich doch glücklich gemacht…”, nuschelte sie voller Trauer. “Und jetzt? Du bezahlst ihm sein Studium und lässt ihn hier arbeiten und verschwindest einfach? Er ist traurig, weißt du?” James öffnete mehrere Male den Mund, doch nichts kam heraus, bis er sich endlich ein paar Worte zusammen sammelte und sie leise und schwach aussprach.
“Ich wollte sicherstellen, dass es ihm gut geht.” Egal, wie sehr ihn der Gedanke schmerzte und wie sehr es ihm leid tat, Ethan auf diese Weise zu verlassen, er war sich sicher, dass Ethan darüber hinweg kommen würde. Nicht lange sollte es dauern, da würde Ethan schon an der Seite eines neuen Mannes stehen und sich fragen, warum er sich überhaupt auf einen älteren Mann wie James eingelassen hatte. Ethan war jung — er würde schnell über diesen Herzbruch hinweg kommen. Er war sich sicher darüber, dass das geschehen würde. Zumindest hoffte er, dass es so sein würde. Weil er egoistischerweise vermeiden wollte, Ethans Gesicht sehen zu müssen, wenn er ihm die Wahrheit sagte. Weil er nicht genügend Kraft zusammen kratzen konnte, um ihm tatsächlich zu sagen, dass es vorbei war.

“Und was ist mir dir? Dir soll es doch auch gut gehen. Du siehst so erschöpft aus, James. So traurig. Du siehst so viel schlimmer aus als letztes Jahr! Ich mache mir Sorgen um dich, mein Schatz. Immer wieder brichst du dir selbst das Herz und dann versteckst du dich in deiner Arbeit und bist so allein. Das ist nicht gut für dich.”
“Mir geht’s gut”, entgegnete James sofort. Er wollte sich nicht wieder anhören müssen, wie seine Mutter ihm unterstellte, an Depressionen zu leiden, oder dass er doch mit einem Therapeuten über all diese Dinge sprechen sollte — über seinen Vater und über seine wegen ihm zerbrochenen Beziehungen. Über alles. James glaubte nicht daran, glaubte nicht, dass so etwas ihm überhaupt helfen würde, und seine Mutter versuchte schon seit Jahren, ihn davon zu überzeugen. Er wollte nichts davon wissen. Doch seine Worte lockten ein Schluchzen aus der Kehle seiner Mutter.
“Jamie…” Sie konnte sofort erkennen, dass er log, dass es ihm alles andere als gut ging und dass er nicht darüber sprechen wollte. Sie schniefte und drückte ihren Sohn wieder in eine Umarmung, um ihn fest zu halten. James erstarrte, bewegte sich keinen Millimeter. “Ich hasse ihn so sehr, deinen Vater… Er ruiniert dir das Leben, siehst du das denn nicht? Ich will doch, dass du liebst, wen auch immer du willst, dass du lebst, wie auch immer du willst und dass du glücklich bist… Aber er? Er will dich nur kontrollieren.” Sie schluchzte ein weiteres Mal und schüttelte im Unglauben den Kopf gegen James’ Brust. Sicherlich gab sie sich gerade selbst die Schuld an alledem, weshalb James’ Hände sich langsam bewegten und über ihren Rücken strichen. Er schwieg, die Worte klebten in seinem Hals, doch sie wollten nicht heraus.
“Es tut mir—“ Sofort schlug seine Mutter ihm mit der flachen Hand gegen die Brust und drückte sich von ihm, die letzten Worte erstickten unter ihrem Blick.
“Warum entschuldigst du dich bei mir, hm? Lass das. Mir tut es leid. Ich liebe dich, Jamie und ich hasse es, dich so zu sehen. Du bist mein Sohn und ich muss mit ansehen, wie du so leidest. Du magst ihn doch, oder nicht? Er nennt dich Jimmy…” Sie lachte leise und klang dabei unfassbar traurig. “Und jetzt willst du ihn verlassen, weil dein Vater das von dir verlangt, obwohl er dich so glücklich gemacht hat? Und willst nicht einmal mit ihm darüber reden?” Nun war sie es, die die Arme vor der Brust verschränkte. Ihre Tränen trockneten langsam, doch ihre Augen glänzten noch immer in diesem besonderen, bedrückten Schein. Sie schniefte und James fühlte sich gezwungen, den Blick zu senken. Er wollte lügen, wollte ihr sagen, dass Ethan schlichtweg etwas gewesen war, dass er haben wollte und nun nicht mehr brauchte. Dass da nichts anderes dahinter gewesen war und er keinen Sinn darin sah, mit ihm darüber zu reden, doch sie würde sofort erkennen, dass das nicht der Wahrheit entsprach, sie würde sofort den Schmerz in seinem Gesicht erkennen. Seine Handlungen allein bewiesen das komplette Gegenteil — er hatte sich um Ethan gekümmert, hatte dafür gesorgt, dass sich sein Leben so, wie er es wollte, weiter drehte. Dass er nicht litt und sich keine Sorgen mehr machen musste. Zudem wollte er nicht so respektlos über Ethan sprechen — er war so viel mehr gewesen als nur ein Mittel, um seine sexuelle Lust zu befriedigen. Sie beide wussten, dass James sich lediglich gezwungen fühlte, seinem Vater gefällig zu sein.

James schwieg. Er schämte sich, vor seiner Mutter zuzugeben, dass er schwach war. Dass er nicht der Mann war, zu dem sie ihn eigentlich erzogen hatte. Sein gequälter Gesichtsausdruck schien für seine Mutter genug zu sein und auch sie schwieg bedrückt, während sie in ihrem Kopf über all das nachzudenken schien. Es schmerzte ihr, zu wissen, dass sie nicht die selbe Macht über James hatte wie sein Vater, dass sie seine Meinung niemals verändern konnte. Sie hatte es schon unzählige Male versucht, doch ihr Sohn war die Marionette seines Vaters.
“Ethan wird sofort wissen, was los ist, wenn ich ihm die Kette gebe und nicht du. Er macht sich schon die ganze Zeit Sorgen.” Ihre Stimme bebte und sicher dachte sie gerade sowohl an James als auch an den armen Ethan, dem er das Herz brechen musste.
Jimmy nickte stumm und sein Herz fühlte sich schwer an. “Ich muss los.” Er räusperte sich und sein Blick traf kein weiteres Mal den seiner Mutter, als er sich umdrehte und die Bäckerei verließ, um sich in seinem Auto von seinen Schuldgefühlen und seiner Scham ertränken zu lassen.








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Hi!
Ich hoffe, es hat euch gefallen. Nicht mehr lange hoffentlich, und dann wird sich hier allen aufklären. Ob fürs Gute oder fürs Schlechte, da müssen wir drauf warten. D:
LG Leo
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