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Baby an Bord

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Chakotay Der Doktor Kathryn Janeway Seska
14.12.2021
19.01.2022
9
18.752
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14.12.2021 1.743
 
Kathryn saß in ihrem Bereitschaftsraum und stützte den Kopf auf die Hände. Sie war so müde. Und selbst der Kaffee neben ihr hatte kaum noch Wirkung. Aber an eine Pause war leider nicht zu denken. Sie hatten die Voyager wieder erobern können und fürs erste waren die Kazon verschwunden. Aber Kathryn traute sich nicht zu hoffen, dass es so bleiben würde. Seska hatte während der Kämpfe den Tod gefunden, vielleicht wollten sie sich rächen, sobald sie sich erholt hatten.
Kathryn seufzte. Die Ereignisse der letzten Tage ließen sich kaum fassen. Sie waren erobert und ausgesetzt worden, Naomi hatte die Hitze auf dem Planeten sogar beinahe das Leben gekostet. Es war nur der Hilfe der indigenen Bevölkerung zu verdanken, dass sie noch lebte. Und es war Lon Suders Opfer, der Hilfe das Talaxianer sowie Tom Paris Einfallsreichtum zu verdanken, dass sie alle wieder sicher auf der Voyager waren.
Die Kazon hatten bei ihrem Rückzug Seskas Baby zurückgelassen. Nach ihrem Tod hatte Culluh wohl keine Veranlassung mehr gesehen das Kind eines anderen Mannes anzunehmen.
Kathryn dachte an den Moment zurück, als sie das Baby in ihrem Bereitschaftsraum gefunden hatte. Chakotays Sohn.
Er hatte auf ihrem Sofa gelegen und geweint.
Auf dem Boden vor ihm war Seskas Leiche gewesen.
Sie fuhr sich müde über die Augen, versuchte die Bilder wieder zu verdrängen und sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Aber den Anblick Chakotays, wie er Seskas leblosen Körper gesehen hatte, den Schmerz in seinem Gesicht, würde sie nie wieder vergessen. Es hatte gedauert, bis er sich von der Frau abgewandt und dem weinenden Kind zugewandt hatte. Kathryn wollte lieber nicht wissen, welche Gedanken in diesem Moment in seinem Kopf waren. Und sie wollte sich ihren eigenen Gedanken und Empfindungen definitiv nicht stellen. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte er das Kind auf den Arm genommen und die Anweisung gegeben Seskas Leiche auf die Krankenstation zu beamen. Danach war er schweigend mit dem Kind gegangen und Kathryn hatte ihn nicht aufgehalten. Das war erst gestern gewesen, aber es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Chakotay war ihr noch nie so weit entfernt erschienen.
Seska und Lon Suder waren am Morgen bestattet worden. Sie und Chakotay hatten schweigend Seite an Seite gestanden, aber es hatte sich angefühlt als wäre der ganze Deltaquadrant zwischen ihnen. Nach allem was zwischen ihm und ihr auf New Earth gewesen war, konnte und wollte sie ihre Gefühle nicht in Worte fassen. Sie war an seiner Seite gewesen, als die Frau bestattet worden war, die ihm einen Sohn geboren hatte. Sicher, er hatte es nicht gewollt. Das Baby war aus einem Akt der Gewalt gegen seinen Willen entstanden. Doch es war jetzt da und Seska tot.
Das Baby war inzwischen auf der Krankenstation, weil der Doktor entgegen seiner ersten Untersuchung eine Infektion erkannt hatte. Er hatte auch erklärt, woher diese Infektion kam, aber Kathryn hatte nicht zugehört. Sie hatte das Kind gesehen und es doch nicht gesehen. Und auch wenn sie es nicht wollte, auch wenn sie sich dafür schämte, konnte  sie die ganze Zeit nur daran denken, dass es Chakotays Kind mit einer anderen Frau war und sie es eigentlich nicht auf ihrem Schiff haben wollte.
Kathryn erinnerte sich an ihr Versprechen. Sie hatte Chakotay volle Unterstützung zugesagt, alles zu versuchen, seinen Sohn zu retten. Auch die Crew stand hinter ihm. Doch ein Teil von ihr hatte gehofft, dass Seska gelogen hatte und das Baby nicht von Chakotay war. Es hätte so vieles einfacher gemacht. Es war sein Kind mit einer anderen Frau. Kathryn schämte sich für diese Gedanken und konnte sie doch nicht verdrängen. Sie seufzte müde.
Insgesamt kamen die Reparaturen gut voran, bald wäre alles wieder in Ordnung. Mannschaft und Schiff hatten die Kämpfe alles in allem gut überstanden. Und wenn alles erledigt war, würde der Schrecken über das Erlebte verblassen und sie würde ihre Gefühle wieder in den Griff bekommen. Es würde vergehen, der Schmerz mit jedem Tag geringer werden.
„Doktor an Janeway.“, kam es über die Komm und riss sie aus ihren trüben Gedanken. Kathryn runzelte die Stirn, betätigte aber ihren Kommunikator. Was konnte er von ihr wollen? „Sprechen Sie Doktor.“ „Captain, bitte kommen Sie auf die Krankenstation. Ich muss etwas mit Ihnen besprechen.“ Kathryn schnalzte mit der Zunge, sie wollte nicht auf die Krankenstation. Der Doktor würde ihr nur wieder ihren Kaffee verbieten und sie von der Arbeit abhalten, die sie von ihren schrecklichen Gedanken ablenkte. „Worum geht es?“, fragte sie und bemühte sich um einen neutralen Ton. „Um das jüngste Crewmitglied. Es ist wichtig, dass Sie kommen!“ Kathryn runzelte die Stirn. Warum rief er nicht Chakotay? Nun sie würde es wohl nur erfahren, wenn sie zur Krankenstation ging. „Ich bin auf dem Weg.“, sagte sie und schloss die Verbindung.
Kathryn zwang ihren inneren Widerstand nieder, erhob sich, übertrug auf der Brücke Tuvok das Kommando und machte sich auf den Weg zur Krankenstation.
Der Doktor erwartete sie bereits, von Chakotay war nichts zu sehen, dafür war im Hintergrund ein leises Wimmern zu hören. Das überraschte Kathryn. „Worum geht es und warum ist der Commander nicht hier?“ „Ich erreiche ihn nicht.“ Kathryns Augen weiteten sich. „Er scheint nicht viel Interesse an seinem Sohn zu haben. Seit ich ihn behandle, war er nur einmal hier.“ Kathryn nickte. „Ich werde ihn holen.“ Sie wollte sich umdrehen, als der Doktor sprach. „Das halte ich für keine gute Idee.“ Kathryn wandte sich wieder ihm zu. „Wie meinen Sie das?“ Der Doktor sah sie ein wenig unschlüssig an. „Nun ich bin nur ein Hologramm, aber mein Programm wurde auch um einige Elemente für die psychische Gesundheit erweitert.“ „Ich weiß, das habe ich schließlich angeordnet.“ Kathryn verschränkte die Arme vor der Brust. Sie hatte keine Zeit für seine langen Ausführungen. Wenn sie ehrlich war, wollte sie nur von dem leisen Wimmern fliehen. Chakotay wollte sie eigentlich auch nicht sehen.
„Captain, ich denke, der Commander ist noch nicht bereit, seinen Sohn anzunehmen.“ Der Doktor überging ihre ablehnende Haltung „Ich werde mit ihm reden.“, versprach sie. Doch der Doktor schüttelte den Kopf. „Der Commander benötigt Zeit. Das Baby braucht allerdings jetzt jemanden, jemand Lebendiges.“ Kathryns Augen weiteten sich. „Und was wollen Sie jetzt von mir?“, fragte sie und konnte einen leicht panischen Unterton nicht unterdrücken. Am liebsten wollte Kathryn gleich rückwärts raus, weil sie ahnte, in welche Richtung dieses Gespräch nun gehen würde. „Ich habe die Infektion des Babys behandelt, doch er benötigt menschliche Nähe, um gesund zu werden. Er hat seine Mutter verloren und ist seit dem allein. Ich kann ihn behandeln, aber ich kann ihm keine Familie ersetzen.“ „Das kann ich auch nicht!“, sagte Kathryn. „Captain, Sie sind eine der Personen an Bord, die dem Commander am nächsten stehen. Gleichzeitig haben Sie nie zum Marquis gehört und haben daher keine offenen Konflikte mit den Cardassianern.“ Er sprach einfach weiter und ließ Kathryn nicht zu Wort kommen. „Ich habe lange überlegt, wen ich frage. Doch ich befürchte bei den Mitgliedern von Chakotays ehemaliger Mannschaft ebenfalls Ablehnung. Sie sind emotional zu sehr involviert. Seskas Verrat war für sie sehr viel persönlicher als für die Offiziere der Sternenflotte. Sie sind die beste Wahl!“ ‚Ja natürlich, ich bin emotional überhaupt nicht involviert!‘, dachte sie böse, aber das konnte sie ihm leider schlecht auf die Nase binden. „Doktor, ich habe ein Schiff zu befehligen! Ich habe keine Zeit, mich um ein Baby zu kümmern.“, wich sie stattdessen aus. Er schüttelte den Kopf. „Sie sollen ihn nicht adoptieren, es geht um einen Moment körperlicher Nähe.“, erklärte er.
Rational wusste Kathryn, dass er Recht hatte. Sie war die beste Wahl, seine Argumente waren völlig korrekt. Aber sie konnte sich nicht überwinden. Es war sein Kind mit einer anderen Frau.
„Ich verstehe nicht, weshalb Sie zögern. Für Naomi haben Sie doch auch um Unterstützung bei dem indigenen Volk gebeten.“ Der Doktor wirkte verwirrt. Und er war es zu Recht, ihr Zögern entbehrte jeder Logik und es schadete einem Crewmitglied. Sie verhielt sich untypisch. „Und ich hätte ehrlich gesagt erwartet, dass Sie bei dem Kleinen noch besorgter sind, immerhin ist er der Sohn des Commanders.“ Kathryn sah auf und funkelte ihn an. Sie wollte ihn gerade wütend zur Rede stellen, dass er solche Kommentare gefälligst lassen sollte, als das Wimmern ein wenig lauter wurde. Wahrscheinlich fühlte sich das Baby durch das Gespräch angespornt lauter auf sich aufmerksam zu machen. Das Geräusch war mehr als Kathryn ertragen konnte. Sie nickte geschlagen. „Also schön, ich helfe.“, stimmte sie widerstrebend zu. Der Doktor strahlte und bedeutete ihr zu dem kleinen Bett zu folgen. Ihren inneren Widerstand niederkämpfend trat Kathryn näher und betrachtete den kleinen Jungen.
Sie hatte ihn natürlich schon gesehen, aber trotzdem war es jetzt anders. Es schien Kathryn, als würde sie ihn jetzt zum ersten Mal richtig sehen. Es war auf den ersten Blick zu erkennen, dass er nicht nur menschlich war. Allerdings änderte dies nichts an der Tatsache, dass er einfach nur ein Baby war. Und gerade hatte dieses Baby niemanden.
Kathryn streckte ihre Hand aus und strich ihm vorsichtig über den Kopf. „Was machen wir nur mit dir?“, fragte sie leise. Das Baby suchte augenblicklich Kontakt, lehnte sich gegen ihre streichelnde Hand. Das Wimmern hörte auf und er öffnete die Augen. Wie bei einem menschlichen Baby waren sie blau. Kathryn sah in das kleine Gesicht und in diesem Moment verschwanden alle Gedanken an Seska. Dies war Chakotays Sohn, nur das zählte noch. Und es ging dem Kleinen nicht gut. Wenn Chakotay noch nicht bereit war, dann würde sie einspringen. Natürlich würde sie das. Sie konnte doch nicht zulassen, dass seinem Sohn etwas zustieß, dass er weiter allein blieb.
„Computer, Temperatur auf 25° erhöhen!“, wies sie an und zog Uniformjacke und –pullover aus. Dann streckte Kathryn beide Arme nach dem kleinen Jungen aus und hob ihn aus dem Bettchen. Es sah sicherlich noch ein wenig ungelenk aus, aber sie war den Umgang mit Kindern nicht gewöhnt. „Komm her, mein hübscher, kleiner Junge.“, sagte sie leise und drückte ihn vorsichtig an sich. Das ein wenig selbstgefällig aussehende Hologramm neben sich blendete sie vollständig aus. In dem Moment, dem sie das Baby auf dem Arm hatte, war ihre gesamte Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet. Der Kleine schmiegte sich sofort vertrauensvoll an sie. Er weinte nicht und er wimmerte auch nicht mehr. Für den Moment schien seine Welt wieder in Ordnung zu sein.
„Setzen Sie sich, Captain.“ Der Doktor dirigierte sie zu einem Sitz und sie ließ sich darauf nieder. Ihr Blick blieb während der gesamten Zeit auf Chakotays Sohn liegen, der in ihrem Arm langsam einschlief.
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