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Applaus, geschenkte Burger und der tägliche Wahnsinn – eine Pflegeausbildung während Corona

von Shizuka95
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
12.12.2021
13.05.2022
29
29.813
4
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12.12.2021 822
 
Es war Mitte März, mein dritter praktischer Einsatz während meiner Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin hatte begonnen. Mein Einsatz trieb mich auf eine offene Suchtstation in der Psychiatrie, bei der ich meine Ausbildung mache. Im nächsten Lehrjahr würde es dann in die somatischen Häuser der Stadt gehen. Mir graute jetzt schon davor. Schließlich arbeitete ich am liebsten mit meinen ganzen gestörten Patienten. Beinbrüche und Magengeschwüre hingegen interessierten mich herrlich wenig. Aber bis dahin hatte ich ja noch ein halbes Jahr Zeit.
Wer jetzt viel Spannung und Abwechslung von einer Suchtstation erwartet, den muss ich enttäuschen. Die Aufgaben, die ich bekam, waren schon nach einer Woche ziemlich langweilig. Morgendliche Highlights waren Essen austeilen und Blutdrücke messen. Nachmittägliche und abendliche Highlights… Da gab es eigentlich nur den Feierabend. Doch langweilig war nicht gleich entspannend. Keineswegs. Nachdem ich die Woche vor meinem Einsatz zum Glück noch mit der Bahn aus meinem Urlaub in Amsterdam nach Hause gekommen war, mir die letzte Packung Klopapier aus meinem benachbarten Rewe geangelt und mit Schrecken festgestellt hatte, dass ich erst einmal ohne Nudeln würde auskommen müssen, wurde mir ziemlich schnell klar, dass auch mein Einsatz nicht weniger aufreibend werden würde. Corona war in Deutschland angekommen. Die Menschheit bangte um ihr Überleben. Supermärkte hatten sich inzwischen in Schlachtfelder verwandelt. Und meine Einsatzstation, die wurde seither jeden Tag mit neuen Anordnungen überrannt. Das Positive daran war, dass sich daraus ein paar neue Azubi-Aufgaben ergaben. Das Negative, dass diese Aufgaben nicht besonders erfüllend waren.
Türklinken, Fenster- und Schrankgriffe, Tische, Stühle, Lichtschalter und Tastaturen mussten einmal pro Schicht desinfiziert werden. Wisst ihr, wer das machen durfte? Die Azubis natürlich. Habt ihr eine Ahnung, wie viele Schalter, Klinken et cetera es auf einer Station gibt? So viele, dass ich bislang nicht motiviert genug war, sie zu zählen. Und wisst ihr, wie lehrreich und spannend diese Aufgabe ist? Ich hätte dabei im Gehen einschlafen können.
Eine weitere, furchtbar spannende Aktion war der Umbau der Station. Umbau? Ja, klar. Wie die Einbahnstraßen in Supermärkten und Einzelhandelsgeschäften, mussten wir auch umgestalten. Tische und Stühle verschieben, Sofas über die Station schleppen, Zettelchen aufkleben, auf denen steht: „Hier bitte nicht hinsetzen!“ Sogar den Balkon hatte ich schon beklebt. Es gab dort jetzt drei Quadrate auf dem Boden, die den Rauchern einen Abstand von anderthalb Metern gewährleisteten. Wenn sie sich denn an meine mit so viel Liebe aufgeklebten Markierungen gehalten hätten. Und ich nicht alle fünf Minuten hätte hinausrennen müssen, um meine Patienten darauf hinzuweisen, ihre Abstände einzuhalten. Und mich dabei vollkommen zum Deppen zu machen. Die ganze Station war schon schlecht gelaunt. Nicht nur die Patienten. Auch das Team. Und ich konnte es niemandem verübeln. Die Welt wurde gerade sehr, sehr seltsam. Vor allem ja nicht nur auf Station. Wenn ich nach Hause kam, ging der ganze Spuk weiter. Ausgangssperren. Ich hatte nun einen Wisch vom Krankenhaus bekommen, der mir bestätigte, dass ich dort arbeite. Ich hatte das großartige Privileg, zur Arbeit gehen zu dürfen, während alle anderen zu Hause ihr Leben chillten. Toll. Aber immerhin hatte ich noch Urlaub. Über Ostern. Den ich eigentlich in meiner Heimat bei meinen Eltern verbringen wollte. Jetzt traute ich mich aber nicht mehr. Durfte ich aktuell überhaupt noch über Ländergrenzen hinaus fahren, um meine Eltern zu besuchen? Keine Ahnung. Ich hatte den Überblick verloren. Da blieb ich lieber zu Hause und verkroch mich weinend im Bett. Das waren doch schöne Ostern. Da freute man sich ja fast schon, wenn man wieder arbeiten durfte.
Allerdings machte mir Arbeit immer wieder klar, dass ich mich nicht über sie freuen sollte. In den Nachrichten munkelte man schon über eine Maskenpflicht für medizinisches Personal. Doch ich hörte kaum Nachrichten. Zurzeit viel zu deprimierend. Dass diese Maskenpflicht tatsächlich in Kraft trat, erfuhr ich erst, als ich eines Tages zum Spätdienst die Treppen zur Station hochlief. Durch die Scheibe der Tür hindurch sah ich bereits, dass all meine Kollegen plötzlich eine Maske trugen. Eine Weile stand ich vollkommen verdutzt vor der Tür und starrte durch die Scheibe zum Dienstzimmer. Hatten wir etwa einen Coronafall auf Station? Musste ich jetzt in meiner Siebzehn-Quadratmeter-Wohnung in Quarantäne? Sollte ich lieber gleich wieder gehen?
Mein Kollege Benni winkte mir zu. Vermutlich ein Zeichen, dass ich ruhig reinkommen darf. Also betätigte ich den Türöffner und schlich zum Dienstzimmer, als könnte um die Ecke eine Säbelzahntiger stehen, der mich gleich anfallen würde.
„Hey, Franzi, du brauchst keine Angst haben. Komm ruhig rein“, begrüßte Benni mich. Vielleicht freudestrahlend. Ich wusste es nicht. Das Strahlen versteckte sich irgendwo hinter dem weißen Stück Stoff, das vor seinem Mund und seiner Nase hing. Vielleicht streckte er mir auch grade die Zunge raus. „Masken sind im weißen Beutel hinten im Pausenraum. Da musst du dir ab heute jeden Tag eine rausholen.“
„Ist das jetzt Pflicht?“, fragte ich verunsichert.
Benni nickte.
Cool. Sauerstoffmangel, Segelohren und Kopfschmerzen. Konnte mir nichts Besseres vorstellen.
Aber hey, ich hatte das Privileg, zur Arbeit gehen zu dürfen. Ich sollte dankbar sein.
 
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