Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Drama am Nebelfels

von Branda
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Mystery / P16 / Het
Gestaltwandler Vampire Zombies & andere Untote
09.12.2021
17.01.2022
7
13.081
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
09.12.2021 1.445
 
Herbst
Wiesduch, Polen, 2017

Leises Rauschen. Das Geräusch von Paddeln, die durch die Wasseroberfläche brechen. In der Ferne der Ruf einer verspäteten Eule. Diese Dinge waren das Einzige, was auf dem See zu dieser Stunde zu hören war, denn es war früh und es war kalt. Sehr kalt.
Ein Schniefen mischte sich in den morgendlichen Chorus. Erzeugt wurde es von Lily Blackmore, einer der wenigen Überlebenden des Duskridge-Massakers. Mit ihren fast elf Jahren hatte sie dem Tod öfter ins Auge geblickt als die meisten Erwachsenen, und es gab nur wenige Dinge auf der Welt, die sie noch schreckten. Allerdings änderte das nichts daran, dass sie an diesem Montag im späten Oktober lieber ausgeschlafen hätte. Lily gähnte.
Etwas stupste sie. Sie hielt die Hand vor den Mund und sah zu Sonja herüber, die ihr wissend zulächelte. Lily grinste entschuldigend und Sonja sah wieder auf den See hinaus, über den sie eben fuhren.
Sonja Cosic war immer schon erwachsen gewesen, so kam es Lily vor. Sie strahlte eine selbstverständliche Autorität aus, dabei hätte sie mit ihren schwarzen Locken und der Stupsnase direkt aus einem Märchen kommen können. Ihre Haut wirkte wie Porzellan.
Sonja war der Grund, warum sie hier war. Eigentlich war sie sogar der Grund, warum Lily überhaupt noch lebte. Im Herbst vor vier Jahren, als die Untoten aus den Wäldern in die Stadt gekommen waren, hatte Sonja sie vor den Frostgeistern gerettet.
Und hinterher, als sie in Duskridge nicht mehr hielt, war Lily einfach bei Sonja und Rick geblieben. Die beiden hatten ihr ein Jahrzehnt voraus und wurden so etwas wie ihre Familie.
Lily wandte den Blick nach hinten. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber seit den Ereignissen am Silberfall konnte Lily auch im Dunkeln weit sehen. Diese Eigenschaft teilte sie mit Sonja – wie noch einige weitere. An den Rudern des Bootes saß Rickart, das Gesicht trotz der Anstrengung entspannt. Lily wusste, dass er und Sonja sich aus der Highschool kannten.
Rick kam, wie sie selbst, ursprünglich aus Amerika, schwärmte aber für Irland. Das konnte man ihm auch ansehen, denn der riesige Kerl hatte einen feuerroten Schopf und das Gesicht voller Sommersprossen. Damals am Silberfallberg hatte er gegen die Armee der Toten gekämpft. Er besaß eine furchteinflößende Kraft, die Feuer erzeugte. Rick hatte Jahre gebraucht, um sie kontrollieren zu können.
Im Dunkeln sehen konnte er allerdings nicht. Darum hatte das Boot am Bug eine kleine Laterne, in der rotes Feuer glomm. An dem Schein, den dieses Feuer aufs Wasser warf, orientierte Rick sich. Er trieb das Boot mit kräftigen und gleichmäßigen Zügen voran.
Und sie selbst? Lily erinnerte sich kaum an ihre richtigen Eltern. Sie wusste, dass ihre Mutter gestorben war, um sie zu beschützen, aber an die genauen Ereignisse dieser Nacht konnte sie sich nicht erinnern. Sie war zu jung gewesen, und die Geschehnisse zu grausam. Sonja pflegte zu sagen, dass Lily sowohl ihr Herz als auch ihre Augen von ihrer Mutter hatte. Das linke Auge war grün, das Rechte blau-grau. Lily gab sich jedenfalls Mühe in der Schule und half anderen Leuten, wenn sie konnte, also hoffte sie, dass Sonja auch mit dem Herzen Recht behielt.
Das Boot schwankte leicht, als Rick das Rudern einstellte. Lily schreckte auf. Sie wäre fast in diesen sanften Halbschlaf gefallen, der sonst die Zeit zwischen vier Uhr morgens und ihrer Aufstehzeit prägte.
Sie schaute sich um. Soweit Lily sehen konnte, dümpelten sie nun in der Mitte des Sees herum. „Sind wir da?“ Der Atem trieb in dünnen Wolken von ihrem Mund. Sie war gespannt, was sie hier erwartete. Wo immer hier war. Denn etwas musste sie erwarten, Rick hatte immer ein Ziel.
„Joh. Zeit fürs Frühstück.“ Damit zog Rick die Ruder ins Boot und löschte die Laterne mit einer Handbewegung. Der Himmel färbte sich langsam dunkelblau. Man konnte schon deutlich die Bäume rund ums Ufer des Sees erkennen, und Berge am Horizont.
Sonja stellte keine weiteren Fragen. Sie lächelte nur und im Nu hatte sie einige kleine Boxen aus ihrer Tasche gezaubert. „Naleśkini. Warm schmecken die noch viel besser, aber Rick wollte sie mitnehmen.“
Begeistert stellte Lily fest, dass es sich um eine Art Pfannkuchen handelte. Ein starker Duft nach Äpfeln ging von ihnen aus. Sie nahm einen Thermobecher entgegen und hatte damit schon ein richtiges kleines Frühstück in ihren Händen. Sie bedankte sich. Aus dem Becher dampfte es heftig, darum trank Lily nicht sogleich.
„Sada. Also. Ich würde auch gerne wissen, was wir hier genau tun“, sagte Sonja schließlich.
Rick grinste breit. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Weidet eure Augen.“
Kaum, dass er geendet hatte, sah Lily einen Schimmer durch die Bäume brechen. Es war ein tiefes, pinkfarbenes Leuchten. Violett und Orange waren auch dabei. Der Schimmer kam von Osten und ließ die herbstbunten Bäume und den Frühnebel in den Farben der Morgenröte erstrahlen.

„Das ist wunderschön“, sagte Lily nach einer Weile des Essens und Trinkens. Das Licht war in der Zwischenzeit stärker geworden und besiegte so langsam die Nebel am Seeufer.
„Das war also der Grund? Ich bin beeindruckt.“ Sonja nahm einen Schluck.
„Auch.“
„Auch?“
Rick zuckte die Schultern. „Heute ist besonders. Wir haben wieder diese Zeit im Jahr.“
Lily verstand. Vor vier Jahren, in einem noch kälteren Herbst als heute, waren die Monster gekommen. Die Verzehrer, die Frostgespenster und die Albe. Wie jedes Jahr dachten sie, zusammen mit einigen anderen, an diesem Tag daran, dass sie noch am Leben waren. Und wie jedes Jahr überraschte der Tag Lily damit, wie schnell er kam.
Es war typisch für Rick, dass er sie beide eher in ein Boot verfrachtete, um mitten im Nirgendwo auf einen See zu fahren, bevor er das, was er dachte, in Worte fasste. Aber Lily kannte ihn nicht anders und mochte alles, so wie es war.
Sie hörte Gläser klirren, als Rick eine Flasche aus seiner Tasche zog. Lily bekam einen warmen Kakao, der wunderbar nach Zuhause schmeckte, während Sonja und Rick anstießen.
Dann zerbrach ein melodisches Klingeln die Stille.
„Mmpf“, machte Rick und stellte langsam sein Glas neben sich. Er fing an, nach seinem Telefon zu suchen.
„Wir sind nicht da“, schlug Sonja vor, aber sie alle wussten, dass es um Leben und Tod gehen konnte. Nicht ran gehen war unmöglich.
Mitten in der Bewegung fegte Rick sein Glas um und dampfende Flüssigkeit ergoss sich ins Boot und über seine Jacke. „Verflucht. Lily, nimm das mal.“
Er gab ihr das Telefon und Lily nahm ab, was das Klingeln zum Verstummen brachte. „Da?“, sagte sie, Sonjas übliche Begrüßungsformel nachahmend.
„L-Lily?“ Bryan O´Connors Stimme drang leicht verzerrt durch den Hörer. „Was ist mit Rick?“
„Er hat seinen Becher umgestoßen und wackelt das Boot. Also rede ich.“
„Natürlich hat er d-das. Gut. Hör zu. Ich habe mich wegen der Sache in Wiesduch umgehört, anscheinend wird das ein Cold C-Case werden. Die P-Polizei hat keine Spuren mehr.“
Lily wiederholte es laut, damit Sonja und Rick auf dem Laufenden blieben. „Cold Case in Wiesduch. Wie geht es weiter?“
„Ich dachte, weil ihr sowieso schon in der Gegend seid, könntet ihr da m-mal vorbeifahren.“
„Also ist das ein... spezieller Fall? Einer mit Geistern?“
„Unsicher. M-Mortcombe sagt, dass die Forensiker völlig verängstigt waren. Und das ganze Dorf fühlt sich irgendwie abweisend an, m-meint er. Klingt nach einer starken Aura.“
„Starke Aura, Forensiker verängstigt.“ Lily suchte den Blick von Sonja, die jetzt aussah, wie eine Katze, die das Loch einer Maus ausfindig gemacht hatte.
„Soweit wir wissen, gibt es keine Todesfälle, die mit den Vermissten in Verbindung stehen. Rick und Sonja sollen trotzdem vorsichtig sein. “
„Keine Toten, aber Vorsicht ist geboten.“
„Und du schaust, ob du bei Sonjas Eltern bleiben kannst, während die beiden sich umgucken. Nur für den Fall.“
„Wie bitte? Kannst du das wiederholen?“
Bryan seufzte laut durch den Äther. „Ich hab es zumindest v-versucht. Bleib bei Sonjas Eltern. Zur Sicherheit.“
„Die Verbindung macht es schwer, dich zu verstehen. Du brichst immer im Wort ab. Chhr-chrr“, sagte Lily.
„Ich lege auf. Tschüss, Lily. Und sei auf der Hut.“
„Bye, Bryan!“ Sie drückte auf das rote Telefon am unteren Bildschirmrand, woraufhin das Bild von Ricks Bruder zusammen mit der Anrufdauer verschwand und einer sehr schönen Aufnahme von Rick und Sonja Platz machte.
Die echte Sonja schaute Lily erwartungsvoll an. „Also hatte meine Mutter Recht? Da stimmt etwas nicht im Nachbarort?“
„Bryan und Mr. Mortcombe glauben das.“
„Und was meinst du? Rick, was denkst du über diese Geschichte? Immerhin sind wir auf eine gewisse Art im Urlaub.“
Rick hatte es geschafft, die verschüttete Flüssigkeit vollständig zu verdampfen. Durch die Morgensonne sah es aus, als würde sein roter Schopf in Flammen stehen. „Machen wir einen Abenteuerurlaub draus. Wer hat Lust, ein paar Phantome zu jagen?“
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast