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Das blaue Totem

von Minotaur
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P18 / FemSlash
Chloe Price David Madsen Frank Bowers Juliet Watson Maxine "Max" Caulfield Rachel Amber
07.12.2021
12.04.2022
24
107.009
14
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09.12.2021 4.038
 
Kapitel 2: Im Licht der Löwin


Gabriel hatte mir schon vor Tagen von dem Ort für das Shooting erzählt, daher wusste ich genau, wo ich hinmusste. Ich quälte mich durch den Verkehr von L.A. und überquerte die Ortsgrenze nach Long Beach. Dann steuerte ich den Parkplatz des Shoreline Aquatic Parks an. Der Park war um diese Zeit noch nicht gut besucht, aber in den nächsten Stunden würde eine große Anzahl von Besuchern über die Gehwege des Küstenparks strömen. Ich hatte Gabriel von unterwegs angerufen und er traf mich am Parkplatz, um mir mit meiner Ausrüstung zu helfen.
Im südlichen Teil des Parks, auf der Grünfläche des Lions Lighthouse, sollte das Shooting stattfinden.
„Alles okay bei dir?“, fragte er, während wir den Weg zum Leuchtturm entlangschritten, und blickte mich besorgt mit seinen tiefblauen Augen an, die mich so an Chloe erinnerten.
„Etwas müde“, sagte ich schnippisch. „Ausschlafen hätte geholfen.“
Gabriel lachte. „Ich kann nichts dafür, dass du digitale Terminkalender verweigerst. Und den Papierkalender, den ich dir besorgt habe, benutzt du vermutlich nur, um deine Schnappschüsse zwischen den Seiten aufzubewahren.“ Gabe kannte mich so gut. „Vielleicht solltest du mal wieder einen Plan machen, statt einfach so in den Tag hinein zu leben.“
„Hat man dafür nicht einen Agenten? Damit man einfach so in den Tag leben kann, und er sich um alles kümmert?“, schoss ich zurück.
„Die meisten Agenten lassen ihre Kundschaft aber nicht in ihrem Strandhaus wohnen“, gab Gabriel zu bedenken. „Du weißt, ich werde immer weiter Jobs für dich haben, aber du verschwendest dein Talent mit diesem Kleinkram. Wird Zeit, dass du wieder etwas tust, an dem dein Herz hängt, weißt du?“
Ich seufzte. Es war mir unmöglich, Gabriel irgendetwas vorzumachen. Er hatte recht und ich wusste es. Und er wusste, dass ich es wusste. Aber auch wenn ich es wusste, war ich wie gelähmt. Etwas woran mein Herz hängt? Augenblicklich füllte sich mein Herz von Tag zu Tag mehr mit Schmerzen. Ich fühlte es auch jetzt, leicht gedämpft durch die Pille die ich geschluckt hatte.
Ich quälte mich zu einem Lächeln ab. „Du bist ein echter Engel, Gabriel. Aber ich brauche noch etwas Zeit.“ Und das meinte ich, wie ich es sagte. Zwar zog ich Gabriel immer wieder mit seinem Erzengel-Namen auf, aber tatsächlich hatte ich in den letzten Monaten überhaupt nur ein Einkommen, weil er sich um alles gekümmert hatte. Und natürlich hätte ich mich auch in einem Hotel einquartieren können, aber Gabriel hatte damals darauf bestanden, dass ich in seinem Strandhaus wohne. Es war schon seltsam, irgendwie hatte ich immer das Gefühl, dass er es sonst benutzte, um Frauen zu beeindrucken, und nun blockierte ich es seit Monaten.
Nicht dass Gabriel ein Strandhaus zum Angeben nötig hätte. Er sah blendend aus, war groß, gut gebaut und hatte volles, wuscheliges blondes Haar. Er trug einen sportlich-lockeren Look und wirkte keinesfalls versnobt, obwohl er beruflich sehr erfolgreich war und in Los Angeles eine Menge Kontakte hatte. Außerdem war er ein absoluter Gutmensch und gehörte zu den wenigen Leuten, denen ich absolut vertraute. Eigentlich war er der Traumtyp schlechthin, und als ich ihn vor drei Jahren kennenlernte und er mein Manager wurde, hätte ich mich beinahe in ihn verknallt. Aber nach Chloes Tod hatte ich lange kein Bedürfnis gehabt, so was wie romantische Liebe in mein Leben zu lassen. Stattdessen waren Gabriel und ich sehr gute Freunde geworden. Wenn er sagte, dass ich mein Talent verschwendete, dann glaubte ich ihm das absolut, und dann sollte ich meinen Hintern langsam mal wieder hochbekommen. Ich wusste nur leider gerade überhaupt nicht wohin mit meinem Hintern.
„Du weiß ja wie das ist“, murmelte ich mehr, als dass ich sprach. „Die ewige Suche des Künstlers nach Inspiration.“
„Das ist nicht alles, Max, aber ich verstehe schon.“ Er lächelte mich an und drückte meine Schulter. „Du bist immer noch Max Caulfield, meine persönliche Starfotografin, also keinen Stress.“
„Danke, Gabe“, seufzte ich und war dankbar, dass er keinen weiteren Druck ausübte.

Wir kamen am Leuchtturm an, der sich über uns in den Himmel erstreckte. Ich schirmte mit einer Hand die Sonne ab, dessen Intensität immer stärker wurde, und blickte hinauf. Die weiße Farbe des Turms strahlte geradezu im Licht der Sonne. Die obere Spitze, bei der Laternenplattform, war in Rot gehalten. Es war schwer zu vermeiden, dass mir der Leuchtturm von Arcadia Bay, wieder in den Sinn kam. Der Sturm schien sich wieder in meinen Gedanken zusammenzubrauen und ich war froh, dass ich mich mit Arbeit ablenken konnte.
Die Models und der Kunde, ein irgendwie schmierig wirkender Typ im Anzug, warteten schon. Wenn der über die Länge des Shootings bleiben würde, dann freute ich mich schon drauf, zu sehen, wie er in der Mittagssonne zerfloss. Gabriel stellte uns vor.
Er hieß Herbert Tanner und wir schüttelten uns die Hände. „Sie sind also Maxine Claufield?“, fragte er, als ob er sich vergewissern müsste, es mit der richtigen Person zutun zuhaben.
„Max. Niemals Maxine“, erwiderte ich, so wie ich es immer tat, wenn mich jemand Maxine nannte.
Tanner rümpfte die Nase, nickte aber. Die Fotos waren für eine Werbeserie eines renommierten Reiseunternehmens gedacht. Ich merkte schnell, dass Tanner mich offenbar auch nicht besonders leiden konnte. Während wir besprachen, wie ich bei den Fotos vorgehen sollte, schärfte er mir ein, dass er keinen künstlerischen Schnickschnack wünsche. Ich sollte mich lediglich an die Vorgaben halten. Das bedeutete wohl, dass er mit meiner Arbeit vertraut war, und dass er keinen Sinn für Kunst hatte. Aber das kam mir gerade recht und ich konnte ihm voll in die Hände spielen.
Eigentlich hasste ich es, Fotos für Werbung zu machen. Im Grunde machte ich den Job nur wegen des Geldes und um Gabriel zufriedenzustellen. Meine künstlerische Intension war vermutlich noch nie so tot gewesen wie in diesen Tagen. Aber das bedeutete auch, dass ich mein Hirn abschalten und einfach nach den Vorgaben des Kunden arbeiten konnte. Sollte mir recht sein.
Ich öffnete meine Fototasche und legte einige Objektive zurecht, eines schraubte ich auf meine Digitalkamera. „Lass deinen Zauber wirken, Magic-Max!“, flüsterte Gabe mir zu. Er machte einen Wink in Richtung der Models. „Ich kümmere mich derweil um Mr. Schweißfleck!“
Ich blickte zu Herbert Tanner herüber, der mittlerweile die Anzugjacke ausgezogen hatte und unterdrückte ein Lachen. „Na dann, los!“
Die vier Models, zwei weibliche und zwei männliche, waren professionell und relativ unkompliziert zu handhaben. Auch wenn ich nicht wirklich Lust auf den Job hatte, verhielt ich mich ebenfalls professionell und leistete ordentliche Arbeit. Der Ort für das Shooting war gut gewählt. Von hier aus gab es in jeder Himmelsrichtung irgendwelche guten Hintergründe, sei es der Leuchtturm, das Hotelschiff Queen Mary oder den Long Beach Harbour, ganz zu schweigen vom Los Angeles River. Hin und wieder scheuchte ich die Models zu einer anderen Stelle, um einen anderen Hintergrund einzufangen, ohne mich selbst oder die Models zu weit laufen zu lassen. Am Ende war ich selbst nicht wirklich zufrieden mit meiner Arbeit. Es war wie Gabriel schon erkannt hatte, ich war nicht mit dem Herzen dabei. Dennoch war meine Arbeit für Gabriel und Tanner völlig zufriedenstellend, vor allem da ich mich bemühte, seine Vorgaben einzuhalten.
Als wir nach drei Stunden fertig waren, schüttelte ich erneut Tanners Hand zum Abschied, der derweil auch die Ärmel hochgerollt und einige Knöpfe am Hemd geöffnet hatte. Die Mittagssonne brannte bereits ordentlich und ich nahm zum ersten Mal wahr, wie wenig man in Kalifornien bemerkte, dass es bereits wieder Oktober geworden war.
Paul, eines der männlichen Models, mit dem ich und Gabriel schon öfter zusammengearbeitet hatten, half mir, meine Ausrüstung wieder zurück zum Parkplatz zu schleppen.
Nachdem ich die Ausrüstung im Wagen verstaut hatte, kam Gabriel dazu. „Wie sieht es aus, Max. Ich und Paul wollen noch ein paar Freunde in einer Bar treffen. Kommst du mit?“
Ich schüttelte schnell den Kopf. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich schon viel zu lange in der Öffentlichkeit gewesen und müsste mich dringend wieder verkriechen. Gabriel seufzte und auch Paul stöhnte auf. „Komm schon, Max. Du warst wie üblich hella gut. Das solltest du feiern.“
„Ich war hella Scheiße. Ich hasse solche Jobs.“ Ich rollte mit den Augen und ließ die Schultern hängen.
„Sie redet schon wie ein echter Kalifornier“, bemerkte Paul grinsend.
Gabriel machte eine abwinkende Handbewegung. „So hat sie schon immer geredet. Du hast das von deiner Freundin abgeguckt, nicht wahr? Von Chloe?“
Mein Herz rutschte mir bis in die Schuhe. „Ja“, brachte ich kaum merklich heraus. Tatsächlich war es Chloe gewesen, die immer ‚hella‘ gesagt hatte, und ich hatte es mir durch sie angewöhnt. Und sie hatte es … von Rachel Amber. Ich erschrak förmlich bei dem Gedanken. Meine Knie wurden weich und knickten ein.
„Max!“, rief Gabriel erschrocken und hielt mich am Arm fest. „Was ist los?“
Vor fünf Jahren war ich auf der Suche nach Rachel Amber zusammen mit Chloe in das Büro von Prinzipal Wells von der Blackwell Academy eingebrochen. Dort hatte ich auch einen Blick in die Schulakte von Rachel Amber geworfen. Das alles war in einer anderen Zeitlinie passiert. Eine Zeitlinie, die nun nicht mehr existierte. Doch ich konnte mich wieder erinnern. Rachels Geburtsort war in der Akte vermerkt gewesen: Long Beach, Kalifornien. Wie konnte ich das vergessen?
Ich hatte vier Monate lang nur wenige Kilometer von Rachel Ambers Geburtsort entfernt gewohnt und es war mir nicht mal bewusst gewesen. Es war mir nicht ganz klar, warum diese Erkenntnis mich so dermaßen erschütterte, aber es dauerte einen Moment, bis ich mich wieder gefangen hatte.
„Danke, es geht schon … ich bin nur … war nur zu lange in der Sonne“, murmelte ich.
Gabriel und auch Paul sahen mich verstört an. „Vielleicht sollte ich dich lieber nach Hause fahren“, schlug Gabriel vor. „Es tut mir leid, ich hätte Chloe nicht erwähnen sollen.“
„Nein!“, sagte ich eine Spur zu scharf. Ich hatte Gabriel schon oft von Chloe und ihrem Tod erzählt, aber natürlich nichts von Zeitreisen und dergleichen. „Das ist es nicht. Wirklich. Mir geht es gut. Zieht ihr los und ich gönne mir eine Runde Schlaf, die ich noch nachholen muss.“
Gabriel schien einen Moment mit sich zu ringen, dann nickte er. „Pass nur auf dich auf.“
Ich nickte ihm zu und er und Paul verabschiedeten sich und gingen den Parkplatz zu Gabriels Wagen hinunter. Ich atmete durch und hängte mir meine Umhängetasche um die Schulter, in der sich auch meine Polaroidkamera und meine Schnappschüsse befanden. Dann verriegelte ich den Audi wieder. Ich hatte nicht vor, zurück zum Strandhaus zu fahren. Ich wusste nicht genau, was es bringen sollte, aber wenn ich schon mal hier war, dann konnte ich mich in Rachel Ambers Geburtsort auch einmal genauer umsehen.

Rachel Amber. Es war nicht zu vermeiden gewesen, viel über dieses Mädchen nachzudenken und über ihre Beziehung zu Chloe. Wenn man es aber genau nahm, dann wusste ich nicht viel über Rachel. Ich schloss die Augen und erinnerte mich an das Foto von ihr, welches auf den Gesucht-Plakaten abgedruckt gewesen war, mit denen Chloe damals ganz Arcadia Bay tapeziert hatte. Kein Zweifel, sie war wunderschön gewesen. Im Vergleich zu ihr hatte ich nicht den Hauch einer Chance. Außerdem wusste ich aus den Erzählungen von Chloe und aus der Schulakte von Rachel, dass sie intelligent, begabt und eine 1A-Vorzeige-Schülerin war. Aber es gab noch eine andere Seite von Rachel und Chloe hatte diese Seite gut gekannt. Ich hatte nur wenige Eindrücke davon erhalten, was Rachel für ein Mensch gewesen war. Ich hatte sie nie persönlich kennengelernt.
Von einer Sache konnte ich überzeugt sein: Chloe hatte Rachel über alle Maßen geliebt. Ich erinnerte mich schmerzlich daran, wie wir Rachel Ambers Leiche fanden, ausgerechnet auf dem Schrottplatz, auf dem sich Chloe und Rachel stets vor der Welt versteckt hatten. Und ich erinnerte mich, wie Chloe zusammengebrochen war. Wie sie heulend vor der Leiche gekniet hatte und es nicht glauben wollte. Ich erinnerte mich nicht mehr an alle Worte, die sie sagte, aber in diesem Moment kam alles in ihr hoch. Wie sehr sie Rachel geliebt hatte und wie sehr sie die Welt hasste, die sie ihr genommen hatte. Ich konnte sie nur in die Arme nehmen und für sie da sein, so wie ich damals für sie hätte da sein sollen, nachdem ihr Vater William gestorben war. Chloe hatte zu diesem Zeitpunkt schon so viel Verlust erlebt gehabt. Ihr Vater war bei einem Autounfall verunglückt, ihre beste Freundin hatte sie sitzen lassen und dann nahm ihr die Welt den einzigen Menschen, der sie wieder glücklich gemacht hatte. Meine Eifersucht brachte mir ein verdammt schlechtes Gewissen ein. Wie konnte irgendetwas falsch oder schlecht sein, dass Chloe glücklich gemacht hatte?

Abrupt blieb ich stehen. In Gedanken versunken hatte ich nicht darauf geachtet, wo ich hinlief, und war wieder zurück in Richtung Lions Lighthouse gegangen. Das machte wenig Sinn, weil dahinter nur noch der Fluss und das Meer waren. Ich wollte mich gerade wieder abwenden, da hörte ich das Krächzen eines Vogels. Instinktiv blickte ich in die Richtung und sah einen Raben auf einer der Parklaternen sitzen, keine fünf Meter von mir entfernt.
Das konnte doch unmöglich derselbe Vogel sein! Vielleicht gab es Raben an der Küste doch öfter, als ich dachte. „Kennen wir uns nicht zufällig?“, murmelte ich, während ich langsam die Kamera aus der Tasche zog.
Der Rabe sah mich an und krächzte erneut. Es war, als ob er tatsächlich mich meinen würde.
„Das dachte ich mir“, redete ich weiter mit dem Tier. „Du bist bestimmt nicht so schüchtern wie dein Kollege, oder?“ Ich hob die Kamera, nahm den Vogel in den Sucher, und schon hatte er wieder abgehoben und flog Richtung Leuchtturm davon.
„Das gibt’s doch nicht!“ Ich senkte die Kamera, ohne den Auslöser zu drücken, und blickte dem Vogel einen Moment fassungslos hinterher. „Du erinnerst mich langsam an ein Reh, das ich mal kannte.“
Es war seltsam. Aber die Erinnerung, an das Reh, welches mir damals öfter in meinen Träumen erschienen war, gab mir ein gutes Gefühl. Hatte es mich nicht stets auf etwas aufmerksam machen wollen. Etwas, das ich sonst übersehen hätte?
Ich spürte, wie sich Gänsehaut auf meinem Rücken ausbreitete, während ich gleichzeitig zu lächeln begann. „Dann spiele ich dein Spiel halt mit.“ Ich atmete einen Moment durch, griff die Kamera fester und lief los. Dem Raben hinterher.

Mein Herz pochte wie wild, als ich den Leuchtturm erreichte. Mein Verstand sagte mir, dass ich einem verdammten Vogel hinterherlief, aber mein Herz sagte mir, dass hier etwas anderes vor sich ging. Hektisch sah ich mich um. Der Rabe war nirgendwo zu entdecken, aber um mich herum waren eine Menge Menschen, da der Park um die Mittagszeit immer voller geworden war. Ich sah in verschiedene Gesichter und suchte etwas, von dem ich nicht genau wusste, was es war. Auf dem Gehweg unter dem Leuchtturm war es mir zu voll, also suchte ich etwas Abstand und ging in Richtung des Wassers.
Irgendwo klingelte ein Handy. „James Amber hier!“, hörte ich jemanden sagen.
„Was?!“ Ich wirbelte herum. Nur wenige Meter von mir entfernt stand ein Mann mit dunklen Haaren, dessen Haarschläfen ergraut waren und der gerade mit seinem Handy telefonierte, ohne mich wahrzunehmen. Er trug Freizeitkleidung, war aber nach meiner Einschätzung kein Tourist. Direkt neben ihm auf einer Bank saß eine Frau mit schulterlangen schwarzen Haaren, die von grauen Strähnen durchzogen waren. Das Kleid, welches sie trug, war recht altbacken, aber ich mochte irgendwie das Blumenmuster und den Retrocharme ihrer Ausstrahlung. Beide waren bereits im fortgeschrittenen Alter. Ich spürte wieder, wie meine Beine weich wurden. Ich ballte die Fäuste zusammen und verhinderte mit aller Kraft, dass ich einknickte. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass eine schwere Last auf meine Schultern drückte. Trotzdem setzte ich mich langsam in Bewegung. Die Frau auf der Bank hatte mich direkt angesehen, so als hätte sie meine Reaktion bemerkt. Ich hatte den Eindruck, dass ich kaum vorankam und dass mich das Gewicht jeden Moment zu Boden drücken würde, aber irgendwann stand ich vor ihr und blickte in ihre neugierigen Augen, die mich fragend anblickten.
In dem Moment wurde mir bewusst, dass ich nicht im Mindesten wusste, was ich sagen sollte. Aber irgendwas musste ich doch sagen. Stattdessen stand ich mit hängenden Schultern da und starrte sie nur an.
„Stimmt etwas nicht, mein Kind?“, fragte die Frau mit einem mütterlich besorgten Unterton in der Stimme.
„Sind Sie … Entschuldigung … Kannten Sie … Rachel Amber?“, hörte ich mich mit schwacher Stimme stottern.
Die Frau erhob sich von der Bank und blickte mich überrascht an. „Natürlich. Ich bin ihre Mutter! Kannten Sie Rachel?“
Ich konnte es kaum fassen. Mein Verstand begriff nicht, was mich hierhergeführt hatte, aber das hier war Rachels Mutter und der Mann mit dem Handy musste Rachels Vater sein. Da war es wieder, dieses Miststück von Schicksal.
„Nein“, brachte ich mühsam hervor. „Leider nicht. Ich bin eine Freundin von Chloe Price!“
„Oh, ich verstehe.“ Für einen Moment schien sie um Fassung zu ringen, dann reichte sie mir ihre Hand. „Ich bin Rose.“
Ich ergriff ihre Hand. „Ich bin Max.“
Für einen Moment standen wir uns schweigend gegenüber. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, obwohl ich so viele Fragen gehabt hätte. Rose blickte an mir vorbei und schien in Erinnerungen versunken.
„Ich mochte Chloe“, sagte sie plötzlich. „Leider haben ich und mein Mann mit ihr und Rachel nicht so viel Zeit verbringen können, wie wir es uns gewünscht hätten.“ Ich schluchzte auf, ohne dass ich es verhindern konnte. Verzweifelt versuchte, ich den Impuls meiner Tränendrüsen zu unterdrucken, die bereit waren, die Schleusen zu öffnen. 'Ich kenne dieses Gefühl', wollte ich sagen, brachte aber keinen Ton heraus.
Ein Lächeln erschien auf Roses Gesicht und ich war für einen Moment irritiert, bis ich erkannte, dass sie immer noch an mir vorbeiblickte, zurück in eine andere Zeit. „Ich erinnere mich noch gut an den Tag, als Chloe zum ersten Mal bei uns zum Essen war“, sprach sie weiter. „Es war in der Woche, in der es diesen schrecklich Brand gab, in den Wäldern von Arcadia Bay. Leider wurde dieser Tag von einer Familientragödie überschattet, welche Rachel schwer erschütterte. Ich weiß noch, wie unfähig wir waren, ihr Leid zu lindern, da wir es als Eltern selbst verschuldet hatten. Wir waren hilflos und heute verstehe ich, wie allein sie sich gefühlt haben musste.“ Ihre Stimme begann zu zittern und eine Träne lief ihre Wange hinunter. Das Lächeln in ihrem Gesicht war jedoch ungebrochen.
Im Grunde hatte ich keine Ahnung, worum es ging, aber jedes ihrer Worte traf mich mitten ins Herz. Rose blickte mir nun in die Augen, bevor sie weitersprach, und ich las große Aufrichtigkeit in ihnen. Ich war mir nicht sicher, ob jemals zuvor in meinem Leben ein mir absolut fremder Mensch so aufrichtig mit mir gesprochen hatte, wie diese Frau es gerade tat.
„Aber ich war so froh, dass Chloe für sie da war. Sicher war sie die Art von Mädchen, die Ärger bedeutete, das wussten wir. Aber zwei Naturgewalten, die sich vereinten, waren nicht aufzuhalten. Chloe war so stark. Sie war Rachels Fels in der Brandung. Und ich glaube, Rachel war ihrer.“
Es war nicht mehr zu verhindern, dass die ersten Tränen über mein Gesicht liefen.
„Und sie hatte so ein freches Mundwerk!“, sagte Rose lachend.
Nun musste auch ich lachen. „Das ist so Chloe!“ Und dann lachte und weinte ich. Und dann weinte ich irgendwann nur noch. Rose nahm mich in die Arme und zog mich an sich. Ich drückte mein Gesicht in ihre Schulter und lies meiner Trauer freien Lauf.

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich mit Rose und James Amber. Ich sprach so offen mit zwei fremden Menschen über meine Gefühle wie schon lange mit niemanden mehr. Und ebenso teilten sie ihre Gefühle mit mir. Es war schon verrückt, wie ähnliche Schicksale die Menschen zusammenbrachten. Man glaubte, ihnen mitten ins Herz sehen zu können, da man denselben Schmerz in sich trug.
An diesem Nachmittag erfuhr ich mehr über Rachel Amber als jemals zuvor, und ich fragte mich ernsthaft, warum ich mir niemals zuvor die Mühe gemacht hatte, mehr über sie herauszufinden, um sie besser kennenzulernen. Hatte ich einfach Angst davor, zu erkennen, wie hella super sie war und dass ich ihr niemals das Wasser reichen konnte? Dass ich am Ende nur eine Lückenbüßerin gewesen war?
Jedenfalls erfuhr ich, dass Rose nicht Rachels leibliche Mutter war. James und sie hatten Rachel diesbezüglich belogen, um sie vor ihrer leiblichen Mutter zu beschützen. Dies stellte sich am Ende als schwerer Fehler heraus, zumal es gerade James mit den Lügen schwer übertrieben hatte. Rachels Welt wurde erschüttert, als sie dies erfuhr, und hier kam Chloe ins Spiel, die im Laufe der Geschichte noch für einigen Ärger sorgen sollte. Jedenfalls führte dies zum Zerwürfnis zwischen Rachel und ihren Eltern, sodass sie sich nicht mehr so oft gesehen hatten, bis es zu Ende war.
James und Rose machten sich schwere Vorwürfe nach ihrem Tod. James hatte später seinen Job als Staatsanwalt an den Nagel gehängt und sie waren wieder nach Long Beach gezogen. Ich wusste, dass Rachels sterbliche Überreste auf dem Friedhof in Arcadia Bay bestattet worden waren, und Rose und James bestätigten dies. Sie wollten dies auch nicht ändern, so hatten sie immer mal wieder einen Grund, hoch nach Oregon zu fahren.
„Wieso eigentlich?“, fragte ich bei dem Thema plötzlich, ohne wirklich den Grund für meine Neugierde zu verstehen. „Arcadia Bay hat uns allen so viel genommen. Warum an diesen verfluchten Ort zurückkehren?“
„Um uns zu erinnern natürlich, meine Liebe“, sagte Rose ganz selbstverständlich.
„Ein Ort ist nicht gut oder böse und sicher nicht verflucht“, ergänzte James. „Aber er steckt stets voller Erinnerungen.“
Ich seufzte und konnte den Gedanken immer noch nicht nachvollziehen. „Aber es sind so schreckliche Erinnerungen.“ Wenn ich an als das zurückdachte, an die Dinge, die ich dort erlebte, Dinge die nur Chloe und ich wussten, dann erinnerte ich mich auch an eine große Schuld, die ich auf mich genommen hatte. Wieder liefen Tränen über mein Gesicht und ich schaute beschämt zu Boden. „Ich hätte sie retten können, hätte es tun müssen!“
James lächelte verständnisvoll. „Ich verstehe, was es bedeutet, sich schuldig zu fühlen. Ich habe mit meinen Lügen viel Leid über meine Familie gebracht.“ Rose griff nach seiner Hand und die beiden lächelten sich einen Moment an, bevor er weitersprach: „Schlussendlich aber ist die eine Person, von der wir uns Vergebung erhoffen, nicht mehr da. Vielleicht musst du nichts weiter tun, als dir vorzustellen, was Chloe sagen würde, wenn sie jetzt hier wäre. Würde sie dir zürnen oder würde sie dir vergeben?“
Ich versuchte, einer Antwort auf diese Frage auszuweichen. „Wie ist es mit Rachel? Hat sie ihnen verziehen?“
Er atmete tief durch. „Rachels Wut konnte wie ein siedeheißes Feuer sein, aber jedes Feuer erlischt irgendwann. Wir hatten nicht mehr die Gelegenheit, unsere Beziehung wieder zu dem zu machen, was sie mal gewesen ist. Aber Rachel hatte ein großes Herz, voller Liebe und Mitgefühl für andere. Ja, ich glaube, dass sie mir vergeben hat.“
Ich nickte. „Das ist gut.“
„Ich weiß, wie schwer es ist, seine Trauer zu überwinden, Max. Und es scheint mir, als hättest du den Tod von Chloe noch nicht ganz verarbeitet“, sagte Rose besorgt.
„Ich dachte mal, dass ich es überwunden habe. Aber nachdem, was heute hochgekommen ist, kann ich dir nur recht geben“, musste ich kleinlaut eingestehen. „Es ist, als ob da immer noch ein Kloß aus tiefer Traurigkeit in mir drinsteckt.“
„Diese Dinge herunterzuschlucken, wird dich eben nicht weiterbringen. Du musst dich deiner Trauer stellen, um sie zu bewältigen“, empfahl Rose mir mit dringlichem Tonfall. „Dieser Ort hier.“ Sie deutete auf den Leuchtturm. „Wir kommen hierher, weil er uns an Rachel erinnert. Der Löwe ist ihr Sternzeichen und sie liebte diesen Ort in ihrer Kindheit.“
„Lions Lighthouse. Ich verstehe.“ Ich sah den Leuchtturm plötzlich mit ganz anderen Augen.
„Ist Chloe Todestag nicht in der nächsten Woche? Anfang Oktober?“ Rose sah mich fragend an.
Jeder Muskel in meinen Schultern schien sich gerade zu verhärten. „Ja, am siebten Oktober. In fünf Tagen“, sprach ich aus, was ich so lange zu verdrängen versucht hatte. Dennoch wusste ich ganz genau, welche Woche und welcher Tag es war.
„Vielleicht solltest du irgendwas Besonderes tun, um dich an sie zu erinnern“, schlug Rose vor.
„Ich werde darüber nachdenken“, sagte ich und war selbst überrascht, wie ernst ich es meinte.


Erscheint in Kürze >>> Kapitel 3: Totem
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