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Das blaue Totem

von Minotaur
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Fantasy / P18 / FemSlash
Chloe Price David Madsen Frank Bowers Juliet Watson Maxine "Max" Caulfield Rachel Amber
07.12.2021
12.04.2022
24
107.009
14
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
07.12.2021 4.145
 
Vorwort des Autors:

Willkommen zu 'Das Blaue Totem'. Es handelt sich hier um eine 'Life is Strange' FF, die als Fortsetzung des Hauptspiels gedacht ist. Dabei gehe ich von einem Spielverlauf aus, bei der sich zwischen Max und Chloe eine Liebesbeziehung entwickelt hat und in der Chloe sich am Ende für Arcadia Bay opferte.

Auch wenn sich Teile der Handlung stark auf das Hauptspiel beziehen, versuche ich immer so zu schreiben, dass man die Geschichte auch ohne Vorwissen genießen kann. Ich habe also diverse Erläuterungen zur Spielhandlung und der Vorgeschichte eingebaut.
Die Handlung ist bereits abgeschlossen und ich muss nur einzelne Kapitel vor dem Upload überarbeiten. Soweit ich keine Änderungen an der Kapitelstruktur vornehme, werden es 23 Kapitel werden. Es gibt also regelmäßige Updates.

Triggerwarnung: Trigger sind ein schwieriges Thema und für die Betroffenen sehr individuell. Zwar habe ich auch vor einem Kapitel bereits eine Triggerwarnung gesetzt, aber ich fühle mich überfordert jedes Triggerthema zu berücksichtigen bzw. überhaupt zu erkennen. Das blaue Totem ist, so wie Life is Strange, mit einigen schwierigen Themen und intensiven Situationen angereichert und nicht unbedingt ein Sonntagsspaziergang. Daher möchte ich hier darauf hinweisen. Ihr könnt mich gerne anschreiben, falls ihr ein Triggerthema habt, dann kann ich euch mitteilen, welche Kapitel vielleicht ein Problem für euch darstellen können.  

Das erste 'Life is Strange'-Spiel hat für viele ein unbefriedigendes Ende gehabt. Aber das Spiel ist gespickt mit Hinweisen, Geheimnisvollem und einer Meta-Story, die sich aus Interpretationen zusammensetzt. Meine Story dient hautsächlich der Unterhaltung, aber ich will auch den Inhalt des Spiels aufarbeiten und den Versuch starten, die Frage nach dem ‚Warum?‘ zu beantworten.

Es werden im Verlauf ein paar Charaktere aus dem Hauptspiel wie auch einige aus 'Before the Storm' auftauchen. Leider erlaubte mir der Rahmen der Handlung nicht, alle Charaktere einzubauen, die ich und ihr vielleicht gerne dabei gehabt hättet.
Auch wenn Chloe und Rachel tot sind, möchte ich darauf hinweisen, dass beide für mich, neben Max, zu den Hauptcharakteren dieser Geschichte gehören. Es geht einfach sehr viel um die beiden, und auf die eine oder andere Art und Weise wird es ein Wiedersehen mit ihnen geben, so viel kann ich verraten. Es gibt auch ein paar OCs in der Geschichte, die aber eher Nebenrollen haben.

Die Geschichte hat neben dem Drama-Anteil auch deutliche Thriller- und Fantasyelemente und wird im späteren Verlauf auch sehr meta. Die Handlung wird hauptsächlich durch Max als Hauptprotagonist erzählt, aber es gibt auch später ein paar Perspektivenwechsel. Ich neige nicht dazu, Perspektivenwechsel anzugeben. Um der Handlung zu folgen, sollte schon ein wenig mitgedacht werden.

Ich bin kein Experte in der Mythologie amerikanischer Ureinwohner. Auch wenn ich viel recherchiert habe, so musste ich einiges mit Interpretationen statt mit Wissen füllen, zumal die Mythologien und entsprechenden Bedeutungen sich von Stamm zu Stamm stark unterscheiden.

Natürlich ist es nicht sehr schön, wenn deutsche Texte mit englischen Begriffen gespickt sind. Ich werde aber dennoch einige wenige Zitate und Begriffe aus den Spielen nicht ins Deutsche übersetzen. Das bezieht sich beispielsweise auf Chloe-Graffitis wie auch auf Umgangssprachliches, dessen Übersetzung einfach nicht den Stil des Originals treffen würde.

In dem Zusammenhang will ich auch den Begriff ‚hella‘ kurz erläutern. Es handelt sich um einen Slang aus dem kalifornischen Raum, welchet zur Unterstreichung einer Aussage dient, für den aber keine genaue Übersetzung existiert. Man könnte beispielsweise den Satz ‚This is hella good‘ mit ‚Das ist verdammt gut‘ übersetzen. Leider ist das mit der Übersetzung teilweise doch sehr vom Kontext abhängig, sodass bei den deutschen Texten der Spiele auch sehr viele unterschiedliche Übersetzungen herauskamen und der Begriff an sich völlig untergeht, wenn man sich nur auf die deutschen Texte konzentriert. Das soll bei mir nicht so sein, da ich den Begriff für eine wichtige Verbindung zwischen den drei Hauptcharakteren halte. Ich werde daher von einer Übersetzung absehen, auch wenn es hin und wieder etwas irritierend sein könnte, diesen Begriff in einem deutschen Text zu sehen.

Folgendes um Namensirritationen zu vermeiden: Ich habe bereits für meine LiS Geschichte 'Chase Runner' den OC Gabriel ‚Gabe‘ West erschaffen, der auch in dieser FF dabei ist. Bitte nicht zu verwechseln mit Gabriel ‚Gabe‘ Chen aus 'Life is Strange 3', welches erst später erschienen ist, sonst hätte ich den Charakter vielleicht anders benannt. Jetzt soll der Name aber so bleiben.

Chase Runner kann man übrigens ein wenig als Vorgeschichte betrachten. Man muss sie aber nicht gelesen haben und sie hat wenig Bezug zu 'Das blaue Totem'. Empfehlen kann ich sie euch aber trotzdem.

Gebt mit gerne euer Feedback in Form von Reviews oder Empfehlungen.

Viel Spaß beim Lesen :-)

Minotaur



Kapitel 1: Gestrandet


Wütender Wind riss an meiner Kleidung und wehte mir durch die Haare. Reflexartig hob ich die Arme vor das Gesicht, um mich vor dem Regen zu schützen, aber es war sinnlos. Der Himmel war von grauen Wolken verhangen und ich mitten in einen Sturm geraten. Der Wind brüllte orkanartig und dennoch konnte ich deutlich das Knarzen und Krachen der Bäume um mich herum hören. Blätter flogen aufgewirbelt herum und Äste rauschten im Wind. Ich zuckte erschrocken zusammen, als ein dicker Ast neben mit zu Boden ging.
Verwirrt blickte ich mich um. Ich war völlig ahnungslos und wusste weder wo ich war noch, was hier vor sich ging. Ich war, wie durch ein Loch im Universum in diese wilde Welt gefallen.
Ich erkannte vor mir einen Pfad, der den Hügel hinaufführte. Am oberen Ende ragte ein Leuchtturm in die Höhe, der genau in diesem Moment von einem durch die Luft geschleuderten Fischerboot getroffen wurde. „Nein“, keuchte ich, während ich beobachtete, wie das Bauwerk erzitterte und die Spitze des Turms in einem Trümmerregen zu Boden ging. Das Boot hatte sich in den abgebrochenen Turm gebohrt und verharrte dort. Wie ein abstraktes Kunstwerk wirkte es auf mich, sodass ich ein überwältigendes Bedürfnis verspürte, ein Foto davon zu machen. Leider hatte ich keine Kamera dabei.
Ich setzte mich in Bewegung und rannte den Weg zum Leuchtturm hinauf. Ich wusste nun wieder, wo ich war und zu welchem Zeitpunkt. Der Leuchtturm … Arcadia Bay … Der Sturm. Aber das konnte nicht sein! Nicht schon wieder!
Atemlos kam ich oben an und blickte zur Klippe hinüber. Der Horizont dahinter war nicht zu erkennen, denn alles wurde von einem gewaltigen, alles mit sich reißenden Wirbelsturm überdeckt, der auf die Bucht zusteuerte und die Stadt Arcadia Bay zu vernichten drohte. Der Sturm schien das Wasser des Meeres in die Luft zu reißen und um sein Zentrum zu wirbeln, sodass eine gewaltige, alles vernichtende Säule aus Luft und Wasser entstand.
Vor dieser Kulisse standen zwei Gestalten am Rand der Klippe. Die eine, etwas kleinere, schmale Gestalt mit braunen, schulterlangen Haaren hatte sich zum Rand der Klippe gewandt und ich konnte nur ihren Rücken sehen. Es war mir gleich. Ich wusste, wer sie war. Die andere Gestalt war für den Augenblick jedoch viel interessanter. Ich ihre löchrige Jeanshose, die schwarze Lederjacke und die blauen Haare, die unter der Stoffmütze hervorragten. Leider war ihr Gesicht ebenfalls abgewandt, sodass ich es nicht sehen konnte.
„Chloe!“, rief ich, doch meine Stimme versagte und wurde vom Lärm verschluckt. Ich wollte, dass sie sich mir zuwandte und mich anblickte. Ich wollte ihr Gesicht sehen und ihr in die Augen blicken.
Doch mir wurde schmerzlich bewusst, dass jeden Moment alles vorbei sein würde, und daher konzentrierte ich mich wieder auf die kleinere der beiden. Die schmale Brünette hatte ein Foto in der Hand, auf das sie niederblickte. Ich wusste, was sie vorhatte. Denn ich war sie.
„Max Caulfield!“, rief ich, so laut ich konnte, über den Sturm hinweg und sie drehte mir tatsächlich den Kopf zu. Ich sah in mein eigenes Sommersprossengesicht, in dem nasse Haarsträhnen klebten. Ich fühlte sie auch in meinem Gesicht, das feucht war von Regen und Tränen. Ich hatte nicht bemerkt, wie ich zu weinen begonnen hatte, spürte aber das Brennen der salzigen Flüssigkeit in den Augen. „Tu es nicht! Bitte tu es nicht!“, brüllte ich der anderen flehend entgegen. Ich wusste, dass sie das Foto benutzen wollte, um durch die Zeit zu reisen. Zurück zu dem Zeitpunkt, an dem es  gemacht worden war- zu dem Zeitpunkt, an dem alles begonnen hatte. Der Tag, an dem Chloe sterben würde.
Ich wollte es nicht zulassen. Ich wollte auf sie zugehen, ihr das Foto wegnehmen und es einfach zerreißen. Doch der Wind zerrte an mir, so als würde er versuchen, mich von der Klippe zu fegen. Geduckt und mit schützenden Händen vor dem Gesicht, kämpfte ich mich voran, doch kam mir die Distanz bei diesem Gegenwind fast unüberwindbar vor.
„Es ist zu spät!“, rief mir mein Spiegelbild entgegen. „Du kannst es nicht verhindern und das weißt du genau. Du hast diese Entscheidung bereits getroffen!“
„Nein! Es war ein Fehler, tu es nicht! Bitte … Chloe, bitte halte sie auf. Lass nicht zu, dass sie dich sterben lässt!“, rief ich verzweifelt und tatsächlich reagierte nun auch die andere Gestalt auf mich und wandte sich mir zu. Ich suchte ihren Blick, doch da war nichts. Dort wo das von den blauen Haaren eingerahmte Gesicht sein sollte, war nur ein wabernder Fleck tiefer Schwärze.
„Zu spät, Max. Du hast mich schon aufgegeben!“, hörte ich eine unheimlich verzerrte Stimme, die mich nur entfernt an ihre erinnerte, und die in meinen Ohren widerhallte, sodass sie zu klingeln begannen. „Du hast mich aufgegeben! Du hast mich aufgegeben! Du hast mich aufgegeben!“, erklang die Stimme immer wieder und wieder. Ich drückte meine flachen Hände auf die schmerzenden Ohren und begann zu schreien. Dann verlor ich den Halt und der Wind riss mich von der Klippe.


εїз εїз εїз


Schreiend schreckte ich aus dem Schlaf hoch und riss die Augen auf. Diese waren durch die Helligkeit überfordert und ich blinzelte heftig. Kühle Luft umwehte meine bloßen Arme. „Uuuuh“, stöhnte ich auf. „Licht aus!“ Doch die Sonne ließ sich nicht abschalten.
Ich lag auf einem Liegestuhl und blickte genau in das spektakuläre rotorangene Farbenspiel am Horizont. Die Spiegelung auf der Oberfläche des Meeres duplizierte das Schauspiel in eine verzerrte Version ihrer selbst, nicht weniger spektakulär. Die goldene Stunde für Fotographen. Und eine absolute Reizüberflutung wenn man gerade wach geworden war. Ich griff die dünne Stoffdecke, die verrutscht war und nur noch meine Beine bedeckte, und zog sie mir über den Kopf.
Ich musste einen Moment überlegen, ob es sich um den Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang handelte. Wenn es Sonnenuntergang war, hatte ich den ganzen Tag hier verpennt. Das konnte nicht sein. Andererseits, seit wann wurde ich so früh wach, egal ob ich auf dem Balkon im Liegestuhl einschlief oder nicht? Da bemerkte ich, dass das Klingeln in meinen Ohren immer noch da war, genau wie in dem schrecklichen Traum, der nur noch eine verschwommene Erinnerung war. Einen Moment war mir, als müsste ich diese Erinnerung festhalten, aber was gab es schon zu erinnern? Das, was ich wirklich sehen wollte, war mir verwehrt geblieben. Warum konnte ich in dem Traum Chloes Gesicht nicht sehen? Dies war mir nicht zum ersten Mal passiert. War die Erinnerung an sie bereits so verblasst?
Langsam dämmerte es mir, dass das Klingeln von dem Smartphone kam, das direkt neben mir auf dem Tisch lag. Ich lugte unter der Decke hervor und blickte auf das Display. Das lärmende Geräusch kam von der Weckfunktion. Seltsam, ich hatte doch gar keinen Alarm eingestellt. Ich hatte nicht mal vorgehabt, auf dem Balkon einzuschlafen. Außerdem schienen ein paar Nachrichten  eingegangen zu sein. Vielleicht würden die ja Licht ins Dunkel bringen. Die Nachrichten waren von meinem Manager und Freund Gabriel West.

Gabe: Guten Morgen Sleepy-Max.

Gabe: Ich war am Strandhaus. Wollte dich nicht wecken, du hast so knuffig ausgesehen. Daher der Wecker.

Gabe: 9:00 Uhr Shooting Shoreline Park. Du hättest es sowieso vergessen. Sei pünktlich!

„Verdammt!“, fluchte ich leise. „Ich hätte es hella vergessen.“ Ich antwortete sofort.

Max: Werde da sein.

Ich quälte mich auf die Füße und streckte mich gähnend. Vor mir lag der Strand von Malibu. Diesen Ausblick wollte ich zumindest noch einen Moment genießen. Also lehnte ich mich an die Balkonbrüstung und blickte immer noch leicht blinzelnd zum Horizont. Ich unterdrückte den Impuls, meine Kamera zu holen, denn Selfies vor dieser Kulisse hatte ich in den letzten vier Monaten mehr als genug gemacht. So lange wohnte ich schon im Strandhaus von Gabriel. Allerdings vermutete ich doch stark, dass er mich langsam loswerden wollte, da er mich mittlerweile immer öfter scherzhaft ‚Hausbesetzerin‘ nannte.
Ich wusste selbst nicht genau, warum ich eigentlich noch hier war. Nach Chloes Tod hatte sich einiges geändert, auch meine Vorstellung vom Leben. Ich war nicht zurück auf die Blackwell Academy gegangen und hatte dort nie den Abschluss gemacht. Einige Wochen blieb ich in Arcadia Bay, um für Joyce da zu sein. Eine Zeit lang war sie auch für mich wie eine Mutter gewesen und es brach mir das Herz, sie leiden zu sehen. Aber sie war stark genug, es zu verkraften. Außerdem war ihr Mann David für sie da, Chloes Stiefvater. Also kehrte ich Arcadia Bay den Rücken. Einfach alles dort erinnerte mich an das Schreckliche, was geschehen war. Alles erinnerte mich schmerzhaft an Chloe.
Es war nicht so, dass ich sie vergessen wollte, aber die schrecklichen Ereignisse vor fünf Jahren hatten mich verändert. Ich wollte nicht mehr in Studiensälen herumsitzen und Bücher wälzen. Ich wollte leben. Meine Eltern waren nicht gerade begeistert darüber, als ich wieder in Seattle aufschlug, immerhin hatte ich ein Stipendium weggeworfen. Aber sie brachten auch Verständnis auf, dass Chloes Tod mich mitgenommen hatte.
Es gab einige Menschen, denen der Tod von Chloe naheging. Auch wenn sie sich so oft alleine gefühlt hatte, es gab Menschen, die sie liebten. Dennoch konnte keiner dieser Menschen auch nur im Ansatz verstehen, was ich selbst durchmachte. Sie wussten nichts von der letzten Zeit, die ich mit meiner Freundin Chloe verbracht hatte. Sie wussten nichts von dem Sturm, und auch nicht, was für eine Entscheidung ich hatte treffen müssen. Sie wussten nicht, mit was ich fertig werden musste.
Ich reiste eine Weile durch die Gegend und verbrachte ein Jahr in Südamerika. Hier machte ich diverse Fotoserien, die ziemlich gut ankamen und Geld einbrachten. Ich hatte plötzlich Erfolg, einen Manager und Aufträge, die mich sogar nach Europa führten. Wenn ich so drüber nachdachte, fühlten sich die letzten Jahre verdammt anstrengend an, aber das lag vermutlich an der aktuellen Mattheit, unter der ich litt. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, die letzten fünf Jahre waren wie im Flug vergangen.
Ich lachte leise. Fünf Jahre war es nun her. Wieder diese fünf Jahre. Damals waren auch fünf Jahre vergangen. Ich war in Arcadia Bay aufgewachsen, zusammen mit meiner besten Freundin Chloe, und dann waren meine Eltern mit mir nach Seattle gezogen. Erst fünf Jahre später war ich zurückgekehrt, um an der Blackwell Academy zu studieren. Ich war so stolz und glücklich gewesen, nicht nur weil die Blackwell Academy einen guten Ruf hatte, sondern auch weil ich den berühmten Fotokünstler Mark Jefferson als Lehrer haben würde. Heute schüttelte es mich vor Ekel, wenn ich an diesen Namen dachte.
Fünf Jahre waren es gewesen, in denen ich nicht mit Chloe gesprochen hatte. Ich war ein Esel gewesen, das war mir immer klar, aber gerade als meine Freundin mich gebraucht hatte, war ich ihr entrissen worden. Der Umzug nach Seattle war nicht mein Wunsch gewesen. Wie schaffte man es, für seine Freundin da zu sein, nachdem ihr Vater bei einem tragischen Autounfall gestorben war, wenn man so weit weg war?
„Wieder nur dumme Ausreden, Maxine“, ertönte eine kritische Stimme in mir. Ich war einfach feige und unfähig. So wie ich feige gewesen war, als ich damals nach Arcadia Bay zurückgekehrt war und mich nicht gleich bei Chloe gemeldet hatte. Vermutlich war meine Angst zu groß gewesen, dass sie mich hasste. Sie hätte allen Grund dazu gehabt.
Und als ich dann Chloe wiedertraf, genau in dem Moment, in dem Nathan Prescott ihr Leben beendete, entdeckte ich meine Kräfte. Ich entdeckte, dass ich die Fähigkleit hatte, die Zeit zurückzudrehen. Ich war eine menschliche Zeitmaschine geworden. Also spulte ich die Zeit zurück und rettete ihr Leben.
Dann erfuhr ich von Chloes Suche nach Rachel Amber, derjenigen, die mich ersetzt hatte und die für Chloe dagewesen war, als ich es nicht gewesen bin. Ich machte es mir zu meiner Aufgabe, Chloe zu helfen. Vermutlich war es mein schlechtes Gewissen, was mich angetrieben hatte, aber kaum waren Chloe und ich wieder vereint, war es so wie früher und mehr.
Wir fanden heraus, was mit Rachel passiert war und enttarnten Mark Jeffersons Machenschaften, der in Wahrheit ein gefährlicher Psychopath war. Jefferson hatte ein schwer gestörtes Verhältnis zu seiner Kunst gehabt. Mit Nathan als Werkzeug entführte er Schülerinnen der Blackwell, setzte sie unter Drogen und machte in seiner geheimen Dunkelkammer Fotos von ihnen. Seiner Meinung nach war es die einzige Möglichkeit, die perfekte Unschuld seiner unfreiwilligen Modelle einzufangen. Im Grunde war er nur ein kranker Bastard. Zwar war es ein Unfall gewesen, dass Rachel an einer Überdosis starb, aber auch die Überlebenden hatten stark daran zu knabbern. Von der Droge jeglicher Erinnerung beraubt, blieb nur das quälende Gefühl, dass etwas Schreckliches mit ihnen passiert war und dass sie missbraucht worden war. Doch ohne Beweise glaubte ihnen niemand. Das hatte mitunter dazu geführt, dass eine andere Freundin und Mitschülerin von uns, Kate Marsh, sich beinahe umgebracht hätte.
Chloe und ich hatten alles ans Licht gebracht, aber am Ende hatte dies keine Bedeutung mehr gehabt. Ich hatte die Zeit so oft manipuliert, dass Raum und Zeit zu zerbrechen drohten und ein riesiger Orkan auf Arcadia Bay zusteuerte, um alles zu vernichten. Schließlich war Chloe der eigentliche Superheld in dieser Geschichte gewesen. Niemals hätte ich es getan, wenn sie mich nicht förmlich angefleht hätte. Ihrer Meinung nach hätte sie nie gerettet werden dürfen. Sie war der Faktor, der alles zum Einstürzen brachte. Und so hatte sie sich für Arcadia Bay geopfert. Sie wollte es so.
Ich besaß auch die Fähigkeit, über einen größeren Zeitraum in der Zeit zurückreisen. Wenn ich ein Foto benutzte, konnte ich an den Ort und Zeitpunkt zurückspringen, an dem es aufgenommen worden war. An dem Tag, kurz bevor ich Chloes Leben gerettet hatte, hatte ich auf der Damentoilette der Blackwell ein Foto eines mysteriösen blauen Schmetterlings gemacht. Wie Chloe es wollte, reiste ich über dieses Foto zurück und erlebte erneut, wie sie von Nathan Prescott erschossen wurde … und tat nichts. Ungesehen hatte ich mit geballten Fäusten in der Ecke des Toilettenraums gesessen und leise geweint, während Chloe starb.
Die letzten fünf Tage wurden ausgelöscht und die Dinge nahmen ihren Lauf. Nathan wurde verhaftet und verhört und die gestörten Machenschaften von Jefferson kamen ans Licht. Am Ende war es Chloes Tod gewesen, der Rachel Ambers Mörder schließlich überführt hatte und der Sturm blieb aus. „Mission erfüllt, Süße“, flüsterte ich wehmütig.
Natürlich hatte ich später noch einmal versucht, die Zeit zurückzudrehen. Ich war ganz vorsichtig, aus Angst, wieder irgendwas zu versauen, aber meine Kräfte waren verschwunden. Ihr Verschwinden war für mich so unerklärlich gewesen wie ihr plötzliches Auftauchen. Anfangs war ich mir so sicher gewesen, dass ich die Kräfte bekommen hatte, um Chloes Leben zu retten. Dass es Schicksal sein musste. Doch das Schicksal ist eine Bitch, wie es so schön hieß. Was war nur der Sinn von allem gewesen? Wie oft hatte ich mir schon den Kopf darüber zermartert.
Irgendwann hatte ich genug vom Ausland und ging auch eine Weile nach Seattle zurück. Aber irgendwie fühlte ich mich dort nicht mehr so heimisch. Und wenn ich es recht bedachte, dann fing es dort schon an, dass die Albträume wiederkamen. Von Reisen und Abenteuern hatte ich mittlerweile die Nase voll. Ich musste mir eingestehen, dass ich unglücklich war.
Gabe hatte mir damals vorgeschlagen, nach Kalifornien zu kommen, eine Weile in seinem Strandhaus zu wohnen und sich ein wenig am Meer zu erholen. Doch trotz dieses wunderschönen Ortes, direkt vor meiner Nase, schien ich immer trauriger zu werden. Und die Albträume wurden stärker. Der Sturm fegte wieder durch meine Gedanken. Ich konnte es mir selbst nicht erklären und zog mich immer mehr zurück von allem. Das Strandhaus war zu einem Versteck geworden. Kamen nun die ganzen Zweifel wieder hoch? Quälte mich die Frage, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte? Hatte es keine andere Möglichkeit gegeben? Was wäre, wenn?
„Ich vermisse dich so sehr, Chloe!“, sagte ich leise dem Sonnenaufgang entgegen.

Dank Gabriels Weckaktion hatte ich genug Zeit zur Verfügung und geriet nicht wie sonst üblich in absolute Hetze. Ich ging ins Haus, duschte und kleidete mich an. Ich hatte mich in den letzten fünf Jahren in den Spiegeln der verschiedensten Länder betrachtet und in den verschiedensten Klamotten. Ich hatte mich verändert. Aber seit ich in L.A. war, hatte ich mich förmlich zurückentwickelt. Ich hatte nicht im Mindesten die Lust, mich den modischen Trends dieser Stadt anzupassen.
„Als würde dir so ein Trend stehen, Maxine. Schau dich im Spiegel an. Klein, flach, unweiblich sind die Worte, mit denen du zu beschreiben bist!“, bestätigte mir die kritische Stimme aus meinem Inneren.
Es war warm und ich zog eine kurze blaue Stoffhose und ein weißes T-Shirt über, auf dem ein fröhliches Smiley-Gesicht abgedruckt war. Zwar konnte ich mich mit dem lächelnden Gesicht gerade nicht wirklich identifizieren, aber vielleicht konnte ich damit andere über meine depressive Stimmung hinwegtäuschen.
Hilfreich waren aber auch die Antidepressiva, die Gabe mir vor ein paar Wochen besorgt hatte und von denen ich eine Pille mit dem morgendlichen Kaffee hinunterspülte. Sie waren nicht besonders stark, aber stark genug, um die zweifelnden und quälenden Stimmen in meinem Inneren zu betäuben. Ich hatte keine Ahnung, wo Gabriel sie her hatte, aber in L.A. war es offenbar relativ einfach, an verschreibungspflichtige Medikamente zu kommen, auch wenn man kein Rezept hatte. Gabriel hatte auch gar keine andere Wahl gehabt, wenn er mir helfen wollte, denn eines hatte ich klargestellt: Ich würde mit keinem Psychiater sprechen! Das war sinnlos. Wenn es nur das Verlustgefühl gewesen wäre, dass mich quälte, aber da war noch mehr, und das hätte ich einem Psychiater niemals erklären können. Entweder hätte ich ihn anlügen müssen, oder er hätte mich gleich eingewiesen, wenn ich anfing, über Zeitreisen und Parallelwelten zu sprechen.
Ich ging in die Garage und lud die Fotoausrüstung in Gabes Audi ein. Gabriel benutzte das Strandhaus selten und auch die beiden Wagen, die hier parkten, waren eher Zweit- und Drittwagen. Ich schielte zu dem anderen Auto, einem schwarzen Porsche Carrera. Eigentlich war ich der Meinung, dass nur dumme Schnallen beim Anblick eines Sportwagens schwach wurden, aber dieses Fahrzeug reizte mich aus einem besonderen Grund.
„Benutze den Audi, so viel du willst“, hatte Gabriel mir damals gesagt. „Aber NIEMALS den Porsche. Also wirklich NIEMALS.“ Nach meinem Geschmack hatte er ein paarmal zu oft 'niemals' gesagt.
„Ein anderes Mal“, versprach ich dem Porsche, während ich den Mechanismus aktivierte, der das Garagentor hochfahren ließ. Da bemerkte ich, dass mein Smartphone noch draußen auf dem Balkontisch lag.
Ich ging durch das Wohnzimmer zurück Richtung Balkon und erstarrte mitten in der Bewegung.
Durch die offen stehende Balkontür sah ich einen schwarzen Vogel auf der Balkonbrüstung sitzen.
„Du schon wieder“, zischte ich leise zwischen den Zähnen hervor.
Ich hatte den Vogel schon einige Male gesehen. Ich glaubte, er gehörte zur Familie der Kolkraben und vermutete bereits, dass er sich verflogen hatte. Soweit ich wusste, waren am Meeresufer Raben eher selten. Und dieser spezielle Rabe hatte eine für mich unerträgliche Eigenschaft. Obwohl ihn schon mehrfach in den letzten Tagen gesehen hatte, war es mir nicht gelungen, ein Foto von ihm zu machen. Dabei hatte ich meist meine Kamera griffbereit gehabt. Es war wie verhext und jedes Mal gleich. Kaum hatte ich ihn im Sucher, flog er davon, bevor ich den Auslöser drücken konnte. Dieser verdammte Vogel weckte meinen Ehrgeiz.
„Diesmal krieg ich dich“, murmelte ich, während der Rabe mich direkt anzustarren schien. Die Fotoausrüstung war bereits im Auto, aber keine zwei Meter von mir entfernt lag meine alte Polaroidkamera auf dem Wohnzimmertisch. Diese Art der Fotografie war mir privat noch am liebsten, auch wenn ich für die Arbeit digitale Geräte benutzte.
Vorsichtig und wie in Zeitlupe bewegte ich mich in Richtung der Kamera und streckte den Arm nach ihr aus. Ich ließ den Vogel nicht aus den Augen und er mich scheinbar auch nicht. Ich hob die Kamera auf und blickte durch den Sucher. Kaum hatte ich den Raben anvisiert, stieß er sich ruckartig von der Brüstung ab und flog davon.
„Verflucht!“ Zwar hatte ich den Auslöser noch gedrückt, aber ich vermutete bereits, dass es zu spät gewesen war. Ich wedelte das Sofortbild einen Moment in der Hand hin und her, bevor ich es betrachtete. Ich hatte ein wunderbares Foto eines leeren Balkons gemacht. „Dieser Vogel will mich doch persönlich verhöhnen!“, knurrte ich und stürzte auf den Balkon. Von dem Raben war jedoch weit und breit nichts mehr zu sehen.


Erscheint in Kürze >>> Kapitel 2: Im Licht der Löwin.
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