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Vacanze Romane

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / MaleSlash
06.12.2021
26.01.2022
14
112.145
20
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
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15.01.2022 9.219
 
VACANZE ROMANE
@Shutterfly 2022

Kapitel 11: Konfettiherzchen

Giglio d'oro

  „Scharfe Sünde? Dein Ernst?“

  „Wer will nicht heiße Unterhosen haben an diesem Tag?“, erwiderte Ernesto und schlug vergnügt die Schokoladenpallets über dem warmen Wasserbad auf. „Hast du an die Marzipanrosen gedacht?“

  „Na klar.“ Fabio präsentierte ihm die Kartons, die er frisch aus der Konditorei geholt hatte.

  „Dann kann ja nix schiefgehen.“ Ernestos Äuglein verschwanden in einem Gewirr von Falten. „Und die Holundermarmelade?“, fiel ihm ein.

  „Ganz ruhig, ist alles da, was du brauchst. Granatapfelsirup, Zimt, Chili und Ingwer. Hebst du mir was auf davon?“

  „Heiße Nacht geplant?“

Fabio seufzte. Wenn das so einfach wäre. Eigentlich hätten sie auch mal einen ruhigen Abend verdient, aber Tris wollte öffnen, weil er das Geschäft witterte, dabei scharwenzelte sein Carabiniere schon herum und vertröstete sie mit der Ankündigung, dass es eine Überraschung gäbe. Er lugte hinüber zu seinem blonden Chef, der am Tisch hockte, den Bleistift hinterm Ohr und den Kuli im Anschlag. Wenn er jetzt immer noch über dem Menü brütete, war es definitiv zu spät. Das rosarote Himbeer-Tiramisu, das jetzt runterkühlte, reichte doch schon.

  „Garnelen in Tomatensauce mit Flammkuchenherzen“, brabbelte Tristano vor sich hin. „Valentins-Cocktail, Saltimbocca, Geflügelragout-Törtchen, Ravioli mit roter Beete, Mohn und brauner Butter, Spargelrisotto, Büffelmozzarella auf Auberginen-Carpaccio mit Cranberries...“ - er schreckte hoch, als sich warmer Atem über sein Ohr legte. „Wah! Erschreck mich doch nicht so!“ Er machte sich los, um gleich darauf vom Stuhl zu schnellen und seine Arme um Vitos Genick zu legen.

  „Schreibst du deine Karte neu? Bisschen spät, was? Mir hängt schon der Magen in der Kniekehle.“

  „Jaja. Hier, koste mal.“ Tristano langte hinüber und zog einen Teller von der Anrichte. „Probierteller.  Tunfischtürmchen mit Avocado.“

  „Was denn, keine Herzchen?“

  „Nee, der Ausstecher ist zu klein.“ Tristano sah ihn ernsthaft an, dann platzte er vor Lachen. „Also, ich mache nie wieder an Valentino auf!“

  „Das will ich dir auch geraten haben“, schmatzte Vito. „Schmeckt prima. Du hast sogar den Knoblauch weggelassen.“ Er leckte sich die Finger ab. Im Hintergrund schmurgelte und blubberte es,  Teller klirrten, Messer wurden gewetzt und die Musik hochgedreht. Aus dem noch geschlossenen Gastraum hörten sie Stimmen. „Bist du fertig?“

  „Was? Nein! Ich muss alles abschmecken. Und den Wein aus dem Keller holen!“

  „Na dann... sag mir, was du brauchst, ich hol's hoch.“

Tristano schmatzte ihn auf die Nase.


  „Zum Glück werfen hier keine Engelchen Konfetti von der Decke“, murmelte Luca. Er sah sich im Gastraum um. Nur die rosa Tischdecken waren ein Tribut an diesen seltsamen Tag und die besonders schönen Blumengestecke auf jedem Tisch. „Sind wir überhaupt richtig angezogen? Ich meine...“

  „Du meinst, weil Pasquale kommt?“, fragte Alessandro. „Der hat doch keine Krone auf, gioia.“

  „Naja, er kommt selten genug, oder?“

Sandro zog Luca grob an sich und starrte ihm lüstern ins Gesicht. „Du siehst zum Reinbeißen aus. Wie immer.“ Sein Kuss strafte die harsche Bewegung Lügen. „Wehe, du sagst Alessio, dass Shayne in Rom ist“, flüsterte er.

Luca löste sich aus der Umarmung. „Was meinst du, was er dann tut? Hinfahren? Das ist doch absurd.“

  „Warum? Also, ich finde ja Pasquale auch interessant und liebenswürdig, aber eigentlich passt das doch gar nicht. Nicht mehr. Findest du nicht?“

Luca sah ihn stumm an. „Wie kommst du darauf? Sie sind doch unzertrennlich.“

  „Jaja. Aber ich habe Alessio mit Shayne gesehen, er war ein ganz anderer Mann. Die Grübelei hatte aufgehört.“

  „Ich weiß nicht, was du damit sagen willst. Alessio hat sich für Pasquale entschieden, funktioniert doch gut, er hat sich jedenfalls nicht bei mir beschwert.“

Alessandro zog die Augenbraue hoch. „Du hast recht“, sagte er dann. „Und deshalb will ich auch nicht, dass er erfährt, dass die Versuchung so nah ist.“

Luca seufzte und lehnte sich wieder gegen seinen Partner. „Das ist Mist, es soll keine Versuchung sein.“

  „Ich hoffe, du sprichst aus eigener Erfahrung“, raunte Alessandro. „Der Typ ist immer noch viel zu heiß.“ Sein Blick folgte Rosso, der mit langen Schritten den Raum überquerte und die Fronttür aufschloss. Schlag halb sieben. Das „Giglio d'oro“ hatte nur noch von Dienstag bis Freitag geöffnet. Das machte Tristano nicht fertig, er hatte genug Zeit für Vito und der Gewinn war fast derselbe geblieben. Er verdiente am Eisstand dazu, das er jeden Tag anbot.

Rosso begrüßte formvollendet die Gäste, die reserviert hatten, und überreichte jeder Dame eine Lilie, die sie gleich in die bereitgestellte Vase auf dem Tisch stecken konnte. „Du bist doch der Prinz der Lilien“, gluckste Luca an seiner Seite. „Für mich bleibst du das immer.“

Tja. Zwischen dem Prinzen und dem Touristenführer lag ein langer Gefängnisaufenthalt, dachte Sandro.

  „Pssst. Da sind sie“, machte Luca.

Pasquale und Alessio standen vor der Tür. Es war dunkel geworden, die Sonne flammend über Florenz untergegangen.

  „Ein herrlicher Tag, nicht wahr? Ein Hauch von Frühling.“ Pasquales Stimme summte.

  „Ja. Und wenig Touristen, das ist das beste daran“, stimmte Alessio zu.

  „Eh, wenn keine Touristen kämen, wären wir pleite!“, widersprach Sandro, und ging auf die beiden zu. „Trotzdem dürfen wir das auch mal genießen.“ Er lächelte breit und schüttelte ihnen die Hand. „Buon Valentino.“ Verdammt, der Kerl haute einen jedes Mal wieder um, dachte er mit Blick auf Alessio.

  „So ist es“, lächelte Pasquale. „Wir waren gestern sogar in den Uffizien, da war ich jahrelang nicht drin. Eine Wohltat.“

  „Fürs Herz und für den Grips.“

Rosso wartete geduldig, um sie dann an den einzigen Sechsertisch zu führen.  „Aperitif?“, fragte er.

 „So", sagte Sandro, als Rosso gegangen war, „wie geht’s euch? Habt ihr schon für den Sommer geplant? Wieder ans Meer?“

  „Warum nicht?“, antwortete Alessio. „Wir wollen uns mal Forte dei Marmi ansehen, da war ich noch nie.“

Luca streifte sein Duft. Diesmal unlaut, als wolle er die ganze Stadt nicht mehr wuschig machen. Etwas feines, das er nicht identifizieren konnte, aber er kannte sich mit Gerüchen eh nicht so gut aus, wie mit Steinen. Am Rande lauschte er Sandro, der von Forte dei Marmi schwärmte.

  „Und du? Hast du schon Urlaubsbuchungen für das Haus in Fiesole?“, fragte Pasquale arglos.

  „Diesmal nicht, ich muss die Küche umbauen lassen und generell sollte da mehr Komfort rein. Vielleicht auch den Garten auf Vordermann bringen.“

  „Etwa die alten Apfelbäume absägen?“, schaltete sich Alessio ein. Seine Stimme klang ein bisschen entsetzt.

Luca heftete seinen Blick auf ihn. Klar, war er entsetzt. Wie lange hatte er da oben mit Shayne gehaust? Drei Wochen oder vier? Sein Blick rutschte zu Pasquale, dessen Gesicht ein eingefrorenes Lächeln zeigte.

  „Nee, die bleiben stehen. Nur drumherum neue Anpflanzungen, das sieht ja aus wie Kraut und Rüben.“

  „Mir hat's gefallen“, murmelte Alessio. „Die Blumenwiesen waren toll.“

Niemand antwortete ihm und Luca verdammte diese Sprachlosigkeit. Es wussten doch alle, was abgegangen war.

  „Wie auch immer“, sagte Sandro, „ich muss mir erstmal die Pläne der Gartenarchitekten zeigen lassen. Die Küche braucht aber auf jeden Fall eine Runderneuerung.“

  „Und was machen eure jungen Kakapos? Habt ihr sie mal in Pistoia besucht?“, fragte Luca.

  „Wachsen und gedeihen. Schade, dass wir keinen Zoo haben. Wieso eigentlich nicht?“ Alessio blickte von einem zum anderen. Sie zuckten die Schultern.

Rosso stand mit den Getränken neben ihnen. „Negroni Sbagliato?“ Alessio hob die Hand. „Aperol Spritz?“ Ungefragt stellte er das vor Sandro ab. „Campari Milano?“ Pasquale nickte.

  „Und der Valentins-Cocktail kann ja dann nur für dich sein, tesorino.“ Er grinste Luca an und stellte ihm das rosa Getränk hin. „Minze, Honig, Wodka, Granatapfel und Grapefruitsaft auf Eiswürfel. Wohl bekomms! Ich schicke Rosso für die Bestellung. Heute nur leichte Küche!“ Lässig schob er von dannen.

  „Ja, tesorino, probier mal!“

Lucas Ohren liefen rot an. Er rührte mit dem Glasstab darin herum und kostete. „Nicht übel! Süß und sauer.“

Alessio hatte sich in die Speisekarte vertieft. „Die Menüs klingen super.“ Er reichte das Speisenbüchlein an Pasquale weiter. Dann fand sein Blick Lucas. „Habt ihr auch schon was vor, außer die Küche zu renovieren?“

  „Wahrscheinlich wird’s auch wieder Forte dei Marmi.“ Der kleine Matteo war gar nicht mehr klein und ging mit Begeisterung in den Kindergarten, dachte Luca. Er beugte sich vor. „Wie geht’s dir?“, flüsterte er. „Alles gut bei euch?“

  „Klar.“ Die hellen Stachelbeeraugen bohrten sich in Lucas dunkle Seen. „Alles gut.“ Wieder traf Luca diese Welle an Wohlgeruch. „Neues Parfum?“

Alessio nickte geheimnisvoll und legte den Finger über die Lippen. „Überraschung.“ Er lächelte und Luca schmolz ein wenig dahin. Vaccata, der Typ konnte einen immer noch irre machen.  

Rosso nahm ihre Bestellungen auf. „Dauert heute auch nicht lange“, versprach er. „Was darf ich euch dazu empfehlen? Als Weißwein haben wir einen ausgezeichneten Frescobaldi, cremig, weich und verführerisch, also das Richtige für diesen Abend. Weiße Blüten und Pfirsich“, sagte er direkt zu Pasquale. „Außerdem im Repertoire Chianti Classico DOCG San Giusto. Rauchig, trüffelig und kandierte Früchte. Nein, getrocknete Früchte.  Wer hat die Saltimbocca bestellt?“

Alessio und Sandro hoben die Hand. „Prima, für euch haben wir den roten Panzano Giorgio Primo, etwas ganz ungewöhnliches im Chianti. Es ist eine Cabernet-Merlot-Mischung, frisch und kräftig. Oder den Castello di Ama Gaiole Chianti, duftet nach wilden Kirschen, Tabak, Süßholz und Minze. Voller Gaumen, Länge und Tiefe. Natürlich abgesehen von prima Jahrgängen des Tenuta Tenaglia, Tignanello, Brunello und Sangiovese“, schnurrte er herunter.

Alle lachten ihn an. „Super. Bring uns einfach was passt“, sagte Sandro.

  „Also, ich würde gerne den Frescobaldi probieren“, sagte Pasquale. „Francesco hat mir neulich von ihm begeistert erzählt.“

Rosso neigte den Kopf und verschwand.

War ja klar, dachte Sandro. Pasquale war mit den Frescobaldi lose befreundet. Uralt-Adel zu Uralt-Adel. Außerdem hatte Alessios Mutter ihr Atelier und den Verkaufsraum im Palazzo Frescobaldi. Augenblicklich erinnerte er sich, dass er selbst zum Uralt-Adel der Stadt gehörte. Aber irgendwie fühlte er sich nicht mehr zugehörig. Er hatte neue Freunde gefunden. Stinknormale Leute, denen die Gene nicht wie Steine im Blut lagen. Sein Blick rutschte zu Alessio, der mit Luca wieder den Kopf zusammensteckte. Verdammt. Unauffällig trat er gegen Lucas Schienbein. „Au!“, machte dieser und sah Sandro verständnislos an. Sandro riss die Augen auf, sagte aber nichts.

Luca nickte unmerklich. Er hatte nicht vor, Alessio etwas zu stecken. „Die Medici-Kapelle hat uns ein paar Aufträge gegeben“, fuhr er fort, als sei nichts gewesen. „Ausbesserungen an den Steinen; im Winter ist die einzige Gelegenheit, wo wir das ungestört machen können, weißt du ja.“

  „Und sonst?“, legte Alessio den Kopf etwas schief. „Privataufträge für die Villen?“

 „Bäder verschönern?“ Luca grinste mutwillig. Damals, als er die Bäder auf Bellosguardo mit Mosaiken ausgestattet hatte, war es geschehen. Als hätte ihn der Parfümteufel geritten. Nee, nahm er sich an die Kandarre. Alessio war mehr als die schöne Larve. Wenn er darauf hereingefallen wäre, würde er sich selbst beleidigen. „Auch das“, sagte er laut. „Nicht gerade Bäder, aber Wände.“ Er schielte hin zur Längswand, wo sein Mosaik hing. War nicht übel, dachte er.  

Sanftes Geschnatter drang durch den Gastraum, weiches Licht, gedämpfte Musik. Und dann schwang die Pendeltür der Küche auf und Vito trat heraus, sah sie und ging schnurstracks an ihren Tisch. „Buon Valentino!“, summte er mit tiefer Stimme. „Das Essen ist im Anmarsch.“

Luca sah, wie Alessio leicht zusammenzuckte. Ja, der Carabiniere war schon eine Hausnummer. Hart im Beruf und watteweich privat. Und ohne Uniform nicht halb so einschüchternd. „Wie hast du hingekriegt, dass du heute frei hast?“, staunte Sandro.

  „Ich habe die Polizeichefin gevögelt“, flüsterte Vito.

Alessio prustete in sein Negroni-Glas und stellte es vorsichtshalber auf den Tisch zurück. Pasquale verzog das Gesicht.

Rosso erschien mit geöffneten Weinflaschen, zeigte sie herum und goss jedem von ihnen den zum Gericht passenden Wein ein. Sein Gedächtnis war bemerkenswert, dachte Luca. Und das von Fabio, denn der eilte nun mit den Vorspeisentellern an ihren Tisch. Dicke Crostinischeiben mit Tapenade, mit Tunfischcreme; mit Ziegenkäse, Birnen und Feigen, mit Garnelen und Knoblauchbutter. „Kleine Glücksbringer!“, annoncierte er.

Sie ließen ihn hochleben. „Was denn, du hast die nicht in Herzform ausgestochen?“, frotzelte Sandro.

  „Hör bloß auf“, brummte Vito. „Warts ab, bis du die Flammkuchenherzchen siehst.“

An den anderen Tischen ließ man sich schon entzückt über die Herzchen aus und süffelte begierig den Valentins-Cocktail. Vito grinste so breit, dass alle in Gelächter ausbrachen. „Mann, jetzt lästert doch nicht!“, rief Sandro halblaut. „Manchmal muss es Zuckerguss sein. Di noi!“ Er hob sein Glas. „Buon Valentino!“, prostete er nun sehr laut den anderen Gästen zu, die ebenfalls ihre Gläser erhoben.

Alessio schwamm in einer Wolke. Das liebte er an den Italienern sehr, sie blieben nie allein. Und endlich fühlte er sich ihnen auch zugehörig. Ganz und gar. „Was machen denn die Vorbereitungen?“, fragte ihn Vito über den Tisch. „Wann soll die Hochzeit sein?“

  „Im späten April, wenn das Wetter stabil ist.“ Alessio zeigte sein strahlendes Lächeln. „Eine Woche nach Ostern. Wir feiern auf Bellosguardo.“ Er hätte gerne gesagt: ihr seid alle eingeladen, aber das war nicht seine Entscheidung. So nickte er nur Pasquale zu.

  „Allerdings brütet sie noch über der Farbe ihres Kleides“, warf Pasquale ein.

  „Weiß?“, warf Luca nicht ganz ernst gemeint in den Raum.

  „Flieder und hellgrau, eine meiner Lieblingskombis.“

Alessio nickte zustimmend. Seine Mutter nähte ihr Hochzeitskleid selbst und war jeden Tag nach Feierabend mit Schnittmustern beschäftigt. Und für Fabrizio hatte sie sich etwas Besonderes ausgedacht. Tja. Er starrte in sein leeres Negroni-Glas. Dann hatte er nun also bald einen echten Stiefbruder. Gianrico Bardini. Und Mamma einen neuen Namen, denn sie war froh, diesen Rattenschwanz von Hadley-Eldringham endlich loszuwerden. Die allerletzte Verbindung zu seinem britischen Vater war gekappt.

Rossos lange Schürze flog im eigenen Wind, als er mit fünf Tellern auf einmal angerauscht kam. „Garnelen in Tomatensauce mit Flammkuchenherzen für alle!“

  „Aaaah!“



Um elf Uhr schloss sich die Tür hinter den letzten Gästen. Tristano plumpste auf den Stuhl neben Vito und wischte sich die Stirn am Geschirrtuch. „Basta così!“, rief er und schnappte sich Vitos Weinglas. Die Küchencrew hatte er mit Fresspaketen in den Feierabend geschickt. „Rosso, Fabio!“, rief er durch den Raum in die Küche. „Alles fallenlassen!“

Die beiden erschienen an der Flügeltür zur Küche, hinter ihnen tauchte Isolde auf, Tristanos Schwester und Freundin Fabios. „Raus aus meiner Küche, Schwesterherz!“

  „Und ich dachte, ich wäre der einzig Privilegierte, der in die Küche darf“, moserte Vito, sprang wieder auf, verschwand in der Küche und kehrte mit einem Kuchen in Herzform zurück. Darauf prangten rosa Marzipanrosen.

  „Du lieber Himmel, wo hast du den denn her?“

  „Aus dem Kühlschrank? Wer will?“

Man rückte noch einen Tisch und Stühle heran, ließ die Spumante-Korken knallen und machte sich über den Kuchen her. Pasquale aber kramte in seinem Beutel, der an seiner Stuhllehne baumelte und holte kleine, bunte Kartons heraus. „Ein Valentinsgeschenk von uns für euch alle“, verkündete er.

  „Aaaah!“, ging es wieder durch die Runde. „Was ist es? Lasst mich raten! Mazerierte Pralinen? Die neuesten Kreationen aus der Hexenküche? Sind wir Versuchskarnickel?“

  „Alles, ohne Pralinen“, rief Alessio. „Macht auf. Wenn's euch nicht gefällt, stampfen wir die Produktion ein.“

  „Cazzo!“, rutschte es Rosso raus, dessen Freundin auf sich warten ließ. „Das wird Emilia gefallen.“ Er schnupperte am kleinen Teststreifen, auf das er das Parfüm aus dem Zerstäuber gesprüht hatte.

  „Wir haben es „Italia“ genannt“, sagte Alessio aufgeregt zu Rosso. „Safran, Milch und Mandel im Testa. Das Herz besteht aus Bourbonvanille und Toffee.“

  „Ah, das riecht süß!“

  „Ui, und das ist ganz was anderes!“ Luca hielt ein grünes Fläschchen in der Hand. Er zupfte ein Zettelchen aus dem Karton. „Amabile. Grüner Apfel, amalfitanische Limone und kalabrische Bergamotte. Cuore: Orangenblüte, rosa Pfeffer, Jasmin, Kardamom. Fondo: Atlaszeder, indonesisches Patschuli, Veracruz Vanille, weißer Moschus. Das muss man erstmal komponieren!“

  „Nicht verreiben!“, rief Alessio. „Ihr zerstört die Duftmoleküle. „Einfach antrocknen lassen. Und gebt ihnen Zeit, in zwei Stunden sollte das ganz anders riechen.“

  „Wie kriegt ihr das hin?“

  „Betriebsgeheimnis. Ist alles unisex. Die Einteilung in „für Frauen“ und „für Männer“ ist Blödsinn. Ein guter Duft ist für alle da.“

  „Außer, er stammt aus der Drogerie und von Popsternchen.“

Sandro hatte sein drittes Fläschchen geöffnet. „Apollo“ stand auf dem Zettel und die Zutatenliste war kurz. Weiße Blüten, Irisbutter, Moschus. Er schielte zu Alessio hinüber, der seinen Blick auffing. Sandro wedelte mit dem Zettel.

  „Riech zweimal, versprühe es und dann rieche morgen noch einmal.“ Das war alles, was Alessio sagte, als Sandro der elegante Duft entgegenwehte. Jasmin. Und das andere musste... verdammt, diese Irisbutter, war das nicht das teuerste Zeug überhaupt? Seit Shayne ihnen in den Ohren gelegen hatte mit den Apparaten, die auf Bellosguardo herumstanden, hatte er einiges davon behalten. „Sag mal, die Irisknollen, die müssen fünf Jahre lagern, bevor ihr sie zermahlt und Butter draus macht?“, beugte er sich vor.

Alessio nickte. „Fünf Jahre insgesamt, sechs sind besser. Drei Jahre in der Erde, drei Jahre im Kasten. Wir haben die schwarze Iris verwendet, nicht die weiße. Die teuerste Ingredienz überhaupt.“

Sandro roch an seinem Handgelenk, nicht dem Teststreifen. Wow. Simpel und irgendwie... sensationell gut. Er ließ Luca riechen. „Verrückt. Und wir sollen jetzt auswählen, was das beste ist? Oder das teuerste?“

  „Jeder riecht anders.“

Rossos Freundin Emilia klopfte gegen die Scheiben der Tür und wurde gleich mit einbezogen in den Duftrausch. Im Gebrabbel der Freunde konnte niemand mehr die Meinungen auseinanderhalten.

  „Riecht wie verbranntes Streichholz!“, krähte Rosso. „Und dann nach Mandeln und Caffé Latte  mit Kakao!“ Er hielt sein „Italia“ hoch.

Pasquale schmunzelte. Ja, das abgebrannte Adlerholz kam hier nochmal zur Verwendung.

  „An den grünen Apfel muss ich mich erst gewöhnen!“

 „Schon irre, was man aus so einer hässlichen Knolle alles machen kann!“

 „Je mehr die Pflanze ums Überleben kämpfen muss, desto besser duftet sie, das machen die Abwehrstoffe. Sie geben den extremen Gehalt an Duftstoffen ab“, erklärte Pasquale. „In diesem Falle die Ironen.“

  „Das heißt, wenn ich meine Blumen eingehen lasse, riechen sie am besten?“

  „So riecht das also, wenn echte Stoffe verwendet werden?“

  „Also, für mich sind alle toll! Ihr dürft weitermachen.“


Die Musik wurde hochgedreht und abendliche Spaziergänger erblickten durch die Fensterscheiben der „Goldenen Lilie“ einen Valentinsabend der besonderen Art. Mitten im warmen, gedämpften Licht des Gastraums tanzten Pärchen eng umschlungen. Männer mit Männern, Frauen mit Männern.


  „Na, das war doch erfolgreich“, summte Pasquales Stimme dicht an Alessios Ohr.

 „Sie haben nicht gesagt, welches sie am besten fanden.“ Aber das war ihm gleich. Er schmiegte sich an Pasquales Körper, schlang seine Arme um Hüfte und Schulter. Manchmal vermisste er immer noch das wellige, halblange Haar, dass ihm mal bis auf die Schultern gefallen war. Immer hatte er es in einem Zopf gebunden, bis er eines Tages verschwunden war. Alessio wusste noch ganz genau, wann das gewesen war. Er und Shayne waren auf der Ponte Vecchio gewesen, um Murano-Glasperlen zu kaufen. Und plötzlich hatte Pasquale neben ihnen gestanden, wie ein Geist, der sie verfolgte. Er schwor, dass es unabsichtlich geschehen war und Alessio hatte ihm geglaubt. Letztendlich war es auch egal.

Er schloss die Augen und wiegte sich zur Musik. Alles, bloß nicht Il Volo. Das konnte er nicht mehr ertragen und Alessio wagte sich nicht die Frage zu stellen, warum. Alles geisterte nur durch seine Träume und an manchen Tagen fragte er sich, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte.


  „Sorry fürs Treten“, raunte Sandro Luca ins Ohr, nahm dessen Kopf zwischen seine Hände und küsste ihn.

  „Schon gut, wir wollten doch nicht Amor spielen. Ich will nicht Schuld sein, wenn alles wieder von vorn beginnt. Alessio scheint doch glücklich.“

Luca linste zu ihm hinüber. Beobachtete den Kuss, den Alessio und Pasquale tauschten. Das synchrone Wiegen zur Musik. Er wusste mehr über Alessio, als Sandro lieb war – auch das war nicht mehr zu ändern. Manche Dinge mussten hingenommen werden. Trotzdem war ihm unwohl bei dem Gedanken, dass sie hier vielleicht etwas verhinderten.



Piazza del Colosseo

Das Taxi hielt in einer Seitenstraße des Kolosseums. Neugierig sah sich Shayne um. Hier waren sie doch letztens erst gewesen, beim Abendessen und der nächtlichen Beleuchtung der kleinen Lämpchen in jedem Bogen. „Via San Giovanni in Laterano“, las er an einer Marmortafel der Häuserwand ab. Hier war was los, das witterte er. Und hatte ihm Kay nicht mal was von einer „Gay Street“ erzählt? Sein Herz begann zu klopfen.

Junge Männer standen draußen in Grüppchen herum, tranken aus Pappbechern und rauchten. „Coming Out“ prangte als Leuchtreklame über einem schmalen Eingang „where life is better since 2001“ entzifferte er. Hm. Männer strömten auch aus einem Eingang, das eine große Regenbogenflagge aufgesteckt hatte. „My Bar“. Sein Herz schlug Kabolz. Er wirbelte zu den beiden herum und grinste breit.

  „Falls es dich interessiert, das hier“, Sebastian deutete auf eine dunkle Erdgrube zu ihrer Linken, „ist der Ludus Magnus, die große Gladiatorenschule fürs Kolosseum. Das sind die alten Zellen und unterirdischen Gänge, die mit ihm verbunden waren.“

Nein, das interessierte Shayne jetzt weniger, aber er war beeindruckt, als er hinunterblickte. Ruinen. Abgewetzte Ziegeltürmchen, braunrote Erde, ein bisschen Unkraut im warmen Scheinwerferlicht... Gladiatoren?, sickerte es nun doch ein. Spartacus, Crixus und Gannicus? Löwen, Panther und Bären? „Toll“, quetschte er heraus. „Lanista.“ Sein Blick fiel auf das „Imperial Rooms Hotel“. Ah, da wusste man also gleich, wo man in die Falle kriechen konnte...

  „Na, los“, drängelte Kay, zückte seine Mitgliedskarte und bezahlte für zwei. „Heute ist Karaoke!“

Shayne stöhnte.

  „Biglietti Amore!“, drückte ihm der Einlasser zwei Karten in die die Hand. Amors Pfeil. Das wurde ja immer schlimmer, aber Shayne ließ sich die Laune nicht verderben. „Du musst dein Date finden“, rief Kay.

  „Mist, das ist ja wie bei Luigi“, murmelte Sebastian. „Ich werde langsam zu alt für diesen Quatsch.“ Dann blieb er verdattert stehen. „Flavio? Was macht du hier?“

Ihr Nachbar sah heute mal wieder relativ piekfein aus. Nicht in Smoking und Zylinder, auch nicht im Kimono und Schlappen, dafür in schwarzem Rollkragenpullover und dunkelgrauer Hose. Sein kurzes, graumeliertes Haar war modisch zerstrubbelt.

  „Sind dir die Opernkarten ausgegangen? Und wieso feierst du nicht eigentlich Karneval?“

  „Claudio mag das nicht“, murmelte Flavio.

 „Dein neuer Lover? Hast du uns noch gar nicht vorgestellt.“ Er wurde geschubst und zog Flavio beiseite. „Hör mal, warum kommst du nicht mal wieder auf eine Buttermilch vorbei?“

Flavios Gesicht hellte sich auf. „Mach ich, danke. Jetzt muss ich Claudio suchen.“

Sebastian sah ihm hinterher. Dieser stronzo, dachte er. Hatte Flavio doch gar nicht nötig, sich herumkommandieren zu lassen.

Es war eng. Aus dem schwachen Licht tauchten Gesichter auf. Mandelaugen, dunkelhäutige Gestalten, ein Stakkato an spanisch, dann wieder asiatisches Gezirpe. Hier traf sich wohl ganz Rom und seine Studenten, Touristen und Abenteurer. Man musterte Shayne, lächelte ihm zu, zwinkerte, quatschte ihn an. Aber Shayne brauchte erstmal einen Drink und eine Ecke, von wo aus er das alles überblicken konnte. Er linste auf seine Nummer. „165b“. Dann musste er wohl also 165a finden. Wollte er das?

  „Un birra, per favore“, rief er dem Barkeeper zu. „Scusa, due“, korrigierte er sich sofort im Hinblick auf Kay, der hinter ihm war. „Was is'n deine Nummer?“

  „69a. Na, das passt doch. Salute!“ Er stieß gegen Shaynes Pappbecher. War ja auch egal; das hier war wenigstens Bier, das den Namen verdiente, nicht diese Plörre, die es in der Dreiliterkanne bei ihm daheim gab.

Die Lichter begannen plötzlich zu rotieren. Grelle Blitze zuckten über die Männer und jemand quatschte in ein Mikrofon. „Signori e signori, attentione!“

Shayne blickte sich um. Da hinten musste eine Bühne sein. „Wo ist Sebastian?“, rief er.

  „Na hier“, tippte Sebastian ihm auf die Schulter.

  „Karaoke per ogni!“

Gebrüll hallte durch die Räume und die Soundmaschine wurde angeworfen. „Meine Fresse!“, jubelte Shayne und schwappte mit seinem Bier herum, bevor er nach vorne stürmte.

Sebastian und Kay sahen sich lachend an. „Was ist denn in ihn gefahren?“

  „Steht auf Musik.“ Sebastian machte Handzeichen, dass er sich was zu Trinken holen wollte. Kay nickte und stürzte Shayne nach.

Von außen mickrig und innen super, dachte Shayne. Nicht das „Babylon“, aber auch daran war er ja schon gewöhnt. Karaoke war okay, solange er nicht singen musste. Die Leute tobten, als die ersten Töne von „Sweet Caroline“ ertönten. Whatthefuck, diese alte Kamelle, schoss es ihm durch den Kopf, wo haben sie die wieder ausgegraben.? Dann ergab er sich einfach der knarrigen Stimme von Neil Diamond und grölte den Refrain mit.

Der DJ rief etwas in die Menge, schwenkte die Arme und zwei Typen krabbelten die Bühne hinauf, stellten sich vor die Teleprompter, krächzten heiser in die Mikrophone und wurden überbrüllt vom gemeinsamen Chor. Jemand rückte ihm von hinten auf die Pelle, was er zuerst gar nicht bemerkte. Die Typen auf der kleinen Bühne heizten ihr Publikum an. Dann spürte er Härte an seinem Hintern und trat nach hinten aus, ohne sich umzudrehen. Jungs waren überall gleich. Der Jemand quiekte auf und Shayne grinste. Ein kleiner Asiate enterte die Bühne, als Gloria Gaynor erklang und sang mit überraschend brummiger Stimme „I am what I am“.

Wieder spürte er eine Hand, diesmal auf seiner Schulter. Er wollte schon seinen Ellenbogen ausfahren, als er Kay entdeckte. „Mann, ich wollte dir grade eine runterhauen“, grinste er.

  „Traust du dich? Der Teleprompter sagt, nächster Song ist Abba.“

  „Wah! Nee, das ist mir zu queer.“ Lieber summte er Gaynor mit, der Song war wenigstens ein Statement.

Dann drang lautes Gezänk von der Seite an sein Ohr. Jemand hinter ihm wurde aus der Reihe gezogen. Shayne zuckte die Schultern. „Wo is'n Sebastian schon wieder?“

  „An der Bar. Willst du noch ein Bier?“

  „Warte, ich komm mit.“ Sie wühlten sich aus dem Pulk, ließen Abba über sich ergehen und dann ertönte eine Raspelstimme mit der ersten Songzeile „Una festa sui prati“. Gejohle und schrille Pfiffe antworteten ihm.

Ha. Adriano! Das kannte er noch. „Una bella compagnia, panini, vino, un sacco di risate...“ Shayne strahlte und zeitgleich traf ihn ein spitzer Pfeil in die Magengegend. „E luminosi sguardi di ragazze innamorate, ma che bella giornata...“ Shayne musste sich umdrehen und zusehen. Verdammt. Der Wind in seinem Haar im offenen Cabrio. Ja, was für ein schöner Tag.  Einer von ganz vielen.

Er schrak zusammen, als jemand ihn am Arm packte. „Hey!“

  „Selber hey“, sagte er automatisch. Dann riss er die Augen auf. „Gerrit?“, stieß Shayne hervor. „Was für ein Zufall!“

Gerrits blaue Augen glitzerten mutwillig. Natürlich würde er Shayne nicht verraten, dass er eine Nachricht von Sebastian erhalten hatte, der ihm geschrieben hatte, dass sie in die „My Bar“ gehen würden. Mehr nicht. Insgeheim hatte er gehofft, Shayne wiederzusehen.  

  „Zufälle gibt’s doch gar nicht.“ Er grinste. Seine Zähne glänzten im silberblauen Licht. „Erzähl mir lieber, wie du hierher gefunden hast.“

Shayne warf einen Blick auf die Bühne. Der schwarzhaarige Schlacks hatte sein Hemd bis zum Bauchnabel aufgeknöpft und hakte den Daumen in den Kragen, so dass es noch weiter klaffte. Vielleicht wollte er entdeckt werden. „Na, mit Sebastian und Kay.“, Er wandte sich wieder Gerrit zu und musterte ihn.  „Sag nicht, das haben sie dir erzählt?“

  „Doch.“ Gerrit wollte nicht schwindeln. „Ob ich komme oder nicht, war aber meine Entscheidung.“

Aha. Shaynes Augen glühten auf. Dieser Sebastian! „Bist du oft hier?“

  „Manchmal. Ich wohne um die Ecke.“

  „Ach. Ich wollte dich doch auf dem Forum besuchen.“

  „Ja, da warte ich auch jeden Tag drauf.“ In die blauen Augen fiel ein Stroboskopfinger und ließen sie aufleuchten wie Katzenaugen. Es drängelte Shayne, ihm den Gummi aus dem Zopf zu ziehen, um zu sehen, ob er wie ein Botticelli-Engel aussah. Nein, das tat er bestimmt nicht, dazu war seine Kinnlinie zu markant. „Singst du auch?“

  „Ich?“ Gerrit lachte. „Nee, ich kann nicht singen. Du?“

Shayne schüttelte den Kopf. „Macht doch nix, geht doch um den Spaß. Ich wollte mir ein Bier holen, du auch?“

Gerrit nickte, aber dann sah er den Teleprompter, auf dem der nächste Song aufleuchtete. Ohne zu zögern, nahm er Shayne wieder fest am Arm und enterte mit ihm die Bühne. Shayne sträubte sich. „Was machst du?! Ich will da nicht rauf!“

  „Ruhe!“ Gerrit hob die Arme und zeigte dann von oben herab auf Shayne. „Nostro ospite dall'America!“, brüllte er. Ein ohrenbetäubendes Pfeifkonzert und Applaus antwortete ihm.  

   „Benvenuto a casa nostra!“, rief der DJ. „Prossimo canzone, pronto!“ Er wedelte mit den Armen und die ersten Takte erklangen. Mandolinen. Oh Gott. Geigen, noch schlimmer. Shayne sträubte sich, dann erblickte er unten Kay und Sebastian, der auf zwei Fingern pfiff und ihn anfeuerte. Heilige Scheiße. „Ich kann kein Italienisch!“, log er. Aber der Countdown zählte bereits runter und Gerrit drückte ihm das Mikro in die Hand. „Na, los, zier dich nicht!“ Er holte tief Luft, begann abzulesen und mit überraschender Baritonstimme zu singen: „Penso che un sogno così non ritorni mai più, mi dipingevo le mani e la faccia di blu...“

Shayne starrte ihn von der Seite an, verpasste den Einsatz und kam erst wieder beim Refrain zur Besinnung, als er Kay ansah, der beide Arme schwenkte und ihm ein Zeichen gab. „Volare, oh oh... cantare, ohohoh!“, sangen beide nun aus voller Kehle und grinsten sich an, schwangen die Hüften und kreiselten um sich selbst. „Nel blu dipinto di blu, felice di stare lassù....“

Shayne konnte vor Lachen kaum das Mikro gerade halten, aber diesen Text konnte er auch ohne Prompter. „E volavo, volavo felice più in alto del sole ed ancora più su, mentre il mondo pian piano spariva lontano laggù...“ Die Bar grölte nun mit „Una musica dolce suonava soltanto per me!“

Sebastian pfiff wieder schrill auf zwei Fingern und reckte die Daumen hoch, Kay fotografierte inzwischen oder drehte ein Video, scheißegal, ob es Il Volo war oder nicht, er konnte ja doch italienisch! Er hakte sich in Gerrits Arm ein und sie drehten Ringelrein. Der letzte Tanz auf dem Rasen des Zaubergartens verpuffte an der silbernen Decke der Bar. Ein paar Rosen flogen zu ihnen hinauf. Und... eine Unterhose? Ein Tusch und es war vorbei, sie fielen sich in die Arme und genossen den johlenden Applaus. „Applauso, applauso!“ schallte es durch den Raum. „Bravo, bravissimo! Ancora!“
 
Nein, keine Zugabe! Shayne kletterte euphorisiert die drei Stufen der Bühne hinunter und wurde unten mit Schulterklopfen empfangen. Gerrit folgte ihm mit den aufgesammelten Rosen, von denen er eine in Shaynes Knopfloch steckte.

  „Wahnsinn! Ich hab's aufgenommen!“, grinste Kay. „Wer sagt denn, dass du nicht singen kannst?!“  

Man prostete ihm zu, schickte Luftküsschen und  Shayne wischte sich den Schweiß von der Stirn. Brian würde sich ausschütten vor Lachen, dass er sich hier zum Löffel gemacht hatte. Nee, würde er nicht und hatte er nicht. War doch nur Spaß. „Sollten wir öfter machen“, grinste ihn Gerrit an. „Dein Italienisch ist ja gar nicht so schlecht.“

  „Deins auch nicht.“

Jemand baute sich breitbeinig vor ihm auf. Ein Jemand in Lederklamotten und Dreitagebart, der ihn noch um einen halben Kopf überragte. „165a“ streckte er ihm seine Karte hin. Ach du Scheiße. Sein Date.

  „Sloggia!“, rief Gerrit und riss ihm die Karte aus der Hand. „Il mio.“ Lachend zog er Shayne mit sich.

Shayne drehte sich nochmal um und machte eine hilflose Geste in Richtung Lederklamottes bedeppertes Gesicht.

In einer ruhigeren Ecke mit Sofa machte sich Shayne endlich los. „Eh! Ich bin doch kein Möbelstück.“ Er atmete heftig. „Was, wenn der dir eine runtergehauen hätte?“

  „Mir? Na, das möchte ich sehen.“ Er spannte die Muskeln an und Shayne erinnerte sich an seinen harten Händedruck. „Machst du Kung Fu oder sowas?“

  „Ich bin im Ruderclub. Wann besuchst du mich endlich?“ Das Licht tanzte blau auf Gerrits weißblondem Haar.

  „Nächsten Dienstag habe ich einen Workshop in einer Mosaikwerkstatt!“, rief Shayne. „Aber danach.“

  „Warum nicht übermorgen? Komm, holen wir uns was zu trinken.“

Shayne bestellte zwei Cola mit Rum und bis sie zum Sofa gefunden hatten, hatte er schon die Hälfte ausgetrunken. Sie quetschten sich zu einem knutschenden Paar. Shayne atmete tief durch und lauschte dem Brodeln in seinen Adern. Eng, klein und schwitzig war es hier, kein Vergleich zum Tanztempel in Pittsburgh. „Volare“ dröhnte es durch seinen Kopf. „Cantare.“ Alessio war mit einem Schlag weit weg.

  „So, du willst also lernen, wie man Steinchen legt?“, fragte Gerrit. „Ich buddel sie lieber aus.“

  „Und was hast du schon ausgebuddelt?“

  „Eh, ich bin doch noch im Studium. Archäologisches Praxissemester, ich habe schon griechische und römische Archäologie hinter mir und mache meinen Bachelor.“

  „Aha. Und dafür buddelst du also auf dem Forum Romanum?“

  „Auf dem Palatin auch. Meistens ist es aber nur katalogisieren. Hast du schon mal zweitausend Bruchstücke auf einem Tisch gehabt und willst eine Vase oder eine Schüssel zusammensetzen? Du weißt ja am Anfang nicht mal, was es genau ist, noch wie es aussah, als es heil war.“

  „Also doch Mosaikarbeit?“, grinste Shayne.

Der nächste Sänger versuchte sich an „Azzurro“ und wurde freundlich ausgebuht.

  „So in etwa. Die Fundstücke übertragen wir auf Millimeterpapier in maßstabsgerechter Größe und Lage. Am Institut gibt es gigantische Bibliotheken und Kartons voll alter Zeichnungen von Winckelmann, der war Experte in Rom. Außerdem muss das alles auch digitalisiert werden.“

Shayne sah ihn beeindruckt an.

  „Und was hast du schon alles gesehen von Rom?“ Gerrit rutschte noch näher. Es war nicht unangenehm, im Gegenteil. Shayne mochte seine leichte Stupsnase. Irgendwie sah er wirklich aus wie ein Skandinavier. „Ich habe eine echte Prinzessin gesehen!“

  „Ach? Und wo?“

Shayne erzählte ihm vom Casino Aurora und dem Deckenfresko von Caravaggio. „Den kennst du doch?“

  „Habe ich schon von gehört. Ist das der mit der krassen Dunkelmalerei? Mit Gemälden kenne ich mich nicht so gut aus.“ Gerrit unterbrach sich und steckte seine Nase in Shaynes Haare. „Ach, du bist das. Wieso riechst du so gut?“

  „Äh...“ Shayne kam nicht weiter, denn plötzlich drückte Gerrit seine Lippen auf Shaynes Mund. Whoa. Ein Schlag ging durch seinen Körper. Eine Zehntelsekunde sträubte er sich, dann hielt er dagegen. War es das? War es Alessio auch stets so ergangen? Die Männer folgten seinem Duft und ergaben sich mit Haut und Haar? Oder wurden zudringlich? Quatsch, funkte ihm sein Hirn, was war das denn für ein altmodisches Wort? Mehr noch in der Bedeutung.... er legte die Hände um Gerrits Kopf, dann schlang er sie um den Oberkörper und sein Unterleib stand in Flammen. Was der einmal gekostet hatte, wollte er immer wieder. Da konnte das Hirn alle Warnlampen anschmeißen und mit Tatütata durch alle Körperzellen rasen – es war umsonst.

  „Hmmm“, Gerrit leckte sich über die Lippen. „Süß.“

 „Cola.“ Sie grinsten sich an und legten die Stirnen aneinander. „Los komm, da drüben wird getanzt.“

Shayne ließ sich hochreißen und stolperte hinterher. Er entdeckte Kay und Sebastian, die abhotteten, das sah lustig aus und sexy zugleich.


Sebastian machte einen langen Hals, als er sie entdeckte. Und drei Kreuze, dass Shayne sich nicht wieder rettungslos verknallte. Das gab bloß Ärger. Vielleicht war die Nachricht an Gerrit doch nicht so eine gute Idee gewesen. „Hast du Postillion d'Amour gespielt?“, grinste ihn Kay an. „Ich kenn dich doch.“  

   „Was?“ Sebastian streckte den Arm aus und riss Kay an seine breite Brust. „Ich doch nicht.“

Kay starrte ihn an. „Na gut. Er muss doch mal diesen Typen aus Florenz beiseite schieben. Aber Gerrit? Der ist doch nur mit seinem Scheibenrätsel verheiratet.“

  „Und deshalb darf er keinen Spaß haben?“ Sebastian kniff ihn in den Hintern. „Außerdem ist jede Leidenschaft auch gut fürs Bett.“



  „Kommst du mit zu mir?“

Oh Mann, diese Frage hatte er lange nicht gehört. Um die Geilheit loszuwerden gab es den Darkroom; hier war davon keine Rede. Das gab jedem immerhin die Möglichkeit, sich es zweimal zu überlegen. „Einfach so?“, fragte er.

  „Wartet jemand zu Hause auf dich? In Pittsburgh?“

 „Nee.“ Shayne zog ihn am Gürtel an sich und küsste ihn wild. „Lass uns abhauen!“ Er schubste Gerrit vor sich her, entdeckte Kay und gab ihm einen Wink.

  „Was'n los?“ Kay war erhitzt; kleine Schweißtröpfchen standen auf seiner Nase.

  „Wir sehen uns nachher. Oder morgen früh. Ich finde schon nach Hause.“ Shayne hielt Daumen und kleinen Finger ans Ohr.

  „Pass auf dich auf!“, rief ihm Kay hinterher. „Nimm dir ein Taxi!“ Er beobachtete, wie Shayne mit Gerrit verschwand. Scheiße, war das eine gute Idee? Aber Gerrit war kein Fremder.


Via dei SS. Coronati

Die Schlüssel klirrten in die Glasschale, die auf der Kommode im Flur stand. Shayne registrierte es nicht, weil Gerrit ihn an sich zog und seine Hände unter Shaynes Gürtel und Hosenbund schob. Er leckte ihm über die Lippen und Shayne spürte seine Härte zwischen den Beinen. „Tizio pennt schon“, flüsterte er und öffnete eine Tür in seinem Rücken.

  „Hast du was mit dem?“, flüsterte Shayne zurück.

  „Nee, er ist Sizilianer.“

  „Was heißt...?“

 „Dass zu Hause seine Mamma auf ihn wartet.“ Gerrit grinste, ließ sich aufs Bett fallen und zog Shayne mit sich. Der fiel genau über den langgestreckten Körper und mit einem Schlag stand er in Flammen. Von Kopf bis Zehe. Zog Gerrit den dünnen Pullover über den Kopf und versenkte sich in den glatten Torso. Er roch gut. Oder nach gar nichts. Nach Deo vielleicht. Shayne war es egal, solange ihm nicht die Tuberosenhure einen Tritt in die Eier versetzte. Seine Sneaker fielen auf die Dielen und Gerrit zerrte an seiner Hose, öffnete den Gürtel, zog den Reißverschluss herunter und seine Hand fuhr über Shaynes harte Erektion.

Shayne stöhnte auf.

  „Oh Gott, du riechst so gut. Hast du das mitgebracht?“, raunte Gerrit.

  „Was?“

Gerrit leckte ihm übers Ohr. „Na, ob es das in Amerika zu kaufen gibt?“

Shayne strampelte sich aus der Jeans und versenkte nun seine Nase in Gerrits klaffendem Hosenschlitz. „Das ist nur meins“, nuschelte er undeutlich, zerrte ihm die Jeans über die Hüften und zog den schwarzen Slip herunter, leckte über den Tropfen Flüssigkeit, der Gerrits Schwanzspitze nässte und ließ die Zunge darübergleiten.

Sein Körper schaltete auf Autopilot und Shayne überließ sich willig seiner Führung. Dachte nicht nach, überlegte nicht mehr, verglich nicht, sondern zerrte sich das Hemd von den Schultern, während er sich auf Gerrit stürzte.    

Gerrit haschte nach etwas. „Was ist das?“, fragte er unter Küssen.

Shayne hörte ihn nicht mehr. Zog ihm stattdessen das Haargummi vom Zopf und wühlte alle Finger in die weißblonden Locken. „Botticelli“, knurrte er und biss ihm verspielt in die Unterlippe.

Gerrit hielt mit allen Sinnen dagegen, saugte an Shaynes Hals und drückte die Fersen in Shaynes Hintern. Shaynes innere Feuersäule loderte hoch.



Jemand rüttelte an seiner Schulter „Frühstück?“

Shayne murrte unwillig und schlug die Augen auf. Was zum Geier?? Dann erinnerte er sich. Das Bett war ein bisschen durchgelegen, das hatte er gar nicht bemerkt. Sein Hintern schmerzte etwas, er war auch nichts mehr gewohnt... Es roch nach Sex. Jemand riss die Fensterflügel auf und kühle Luft strömte herein. Shayne zog sich die Decke über die Schultern.

  „Hey, du Schlafmütze, willst du Frühstück?“

Fuck. Gerrit. Shayne saß kerzengerade im Bett und sah sich aus verquollenen Augen um. Ein großer Raum, vollgestopft mit … Dingen.

Gerrit stand am Fenster und sah ihn an. Nur Jeans, sonst nichts. Und Haut. Und ein schöner Brustkorb. Und schöne Arme. Kam das vom Buddeln? Nee, rudern, erinnerte er sich dunkel. Das weißblonde Haar war offen und fiel ihm gekringelt auf die Schultern; der Blick aus den blauen Augen war auf ihn gerichtet. Blau. Nicht grau. Schön, sie mal bei Tageslicht zu sehen. „Geht's dir gut?“, fragte der Mund.

  „Klar.“ Shayne schlug die Decke zurück und stand auf. „Und dir?“

  „Wenn du dir nicht sofort was anziehst, gibt’s kein Frühstück.“ Gerrit trat zu ihm und sein Zeigefinger fuhr Shaynes Brusthügel entlang. Der Finger stockte. „Hübsche Kette.“ Er nahm den Fiorino hoch. „Gehst du in die Kirche?“, fragte er dann mit veränderter Stimme.

  „Nur, um mir Kunst anzusehen“, erwiderte Shayne. Gerrit entspannte sich augenblicklich. Seltsam. „Du bist schön.“

Wie konnte er das einfach so sagen? Das hatte Shayne nicht mal zu Alessio gesagt. „Ich spiele Fußball“, antwortete Shayne und musste über sich selbst lachen. „Und du ruderst.“ Er wischte sich die Haare hinter die Ohren und umarmte Gerrit. Die Reibung seines Schwanzes gegen den weichen Stoff der Jeans verursachte erneutes Kribbeln. Wikinger. Nee, Germane. Er spürte einen Kuss auf seinem Ohr. Dann Finger, die erneut den Goldflorin um seinen Hals anhoben und betrachteten. „Was ist das? Dein Talisman?“

  „Ein Florin.“

Fragend sah Gerrit ihn an.

  „Eine alte, florentinische Währung. Vorne die Lilie, hinten Johannes der Täufer.“

  „Geschenk?“

  „Zum Geburtstag.“

Sie sahen sich in die Augen. „Die zweite Tür links im Flur, da ist das Bad. Ich hab dir Handtücher und Zahnbürste hingelegt.“

Shayne ließ ihn los. „Danke. Lauf nicht weg.“


Das Bad war winzig, die Dusche in der Ecke, aber das kannte er ja aus seiner eigenen Bude. Er fand die Handtücher auf dem Wäschekorb, die eingepackte Zahnbürste lag auf dem cremefarbenen Waschbecken.

Während er sich unter den heißen Wasserstrahl stellte, fragte er sich: War das jetzt toll gewesen oder nicht? Super? Aufregend erschütternd? Sensationell? Oder einfach nur gut und befriedigend? Letzteres. Und das war eine Menge; er wollte doch mal wieder guten Sex haben.

Er hob den Kopf und ließ sich das Wasser übers Gesicht laufen. Sein Körper entspannte. Lauschte auf Fußtritte, die ihm sagten, dass Alessio sich gleich zu ihm gesellen würde. Und dann fielen ihm Sebastian und Kay wieder an, an die er in den letzten Stunden keine Sekunde lang gedacht hatte. Er musste sich bei ihnen melden. Und da er keine Ahnung hatte, wo er sich befand...

Er prustete das Wasser aus und seifte sich ein. Es roch gut. Nicht nach angebrannter Milch, nach einer Gewürzexplosion oder nach schwarzer Lilie. Gut so. Solange er daran hing, konnte es nicht besser werden. Das traurige Tier in ihm wand sich sekundenlang. Dann hob er den Kopf. Bereit für den Tag.

Als Shayne zurückkehrte, fertig angezogen und geduscht, standen zwei Kaffeepötte auf einem kleinen Tisch in der Ecke neben einem vollgestopften Regal. Mandarinen, warmer Toast, Käse und Marmelade. „Tizio ist in der Küche, ich will mich nicht andauernd erklären“, sagte Gerrit, der sich ein Hemd übergezogen hatte und eine Zigarette rauchte.

   „Wieso, ist er in der Heilsarmee?“, lachte Shayne.

  „Das nicht, aber hetero.“ Als wäre das eine Erklärung.

  „Und du machst das öfter?“

Gerrit drückte die Kippe im Aschenbecher aus, setzte sich und trank einen Schluck Kaffee. „Na los, setz dich. Tizio mümmelt sein Cornetto, mehr gibt’s nicht. Hast du dich daran schon gewöhnt?“

Shayne dachte an Alessios English Breakfast. An die Sardellen, Tomaten, Eier und manchmal Bohnen. „Bei meinen Gasteltern gab's bislang immer ordentliches Frühstück“, grinste er. „Also, bei Sebastian und Kay. Ich war letztes Jahr in Florenz.“ Den Rest schluckte er mit seinem Kaffee hinunter.

  „Wie lange bleibst du?“

  „Acht Wochen. Und wie lange machst du das noch?“

  „Vier Monate.“ Gerrit biss herzhaft in seinen Marmeladentoast. „Wir haben auch noch Salami.“

  „Ich will keine Salami.“ Shayne schenkte ihm einen bohrenden Blick. „Dann ist ja alles klar. Ich suche niemanden und du auch nicht. Oder?“

  „Nein. Aber wenn wir uns ab und zu sehen, wäre das schön.“ Er beugte sich vor und drückte einen Kuss auf Shaynes Lippen. „Wann besuchst du mich auf dem Forum?“

Shayne fiel ein Stein vom Herzen. Er wollte kein Drama. Und sich verlieben schon gar nicht. Gut, dass die Fronten geklärt waren. „Wann hast du Zeit?“

Und dann sah er sich zum ersten Male richtig in diesem Zimmer um. Zeichnungen hingen an den Wänden und Aufrisse von Gebäuden. Ein winziger Fernseher, ein Schreibtisch mit aufgeschlagenen Büchern und Heften. Studentenbude, wie er selbst eine hatte.

  „Übermorgen?“, beantwortete Gerrit die Frage.

 „Prima.“ Mit dem Toast in der Hand stand Shayne auf und ging hinüber zu einem Poster, das eine seltsame Büste zeigte. „Was ist das denn für ein Alien? Wieso hat der so einen Eierkopf?“

Gerrit lachte. „Tizio hat dasselbe gefragt. Das ist Pharao Echnaton aus der 18. Dynastie, also tausenddreihundert Jahre vor unserer Zeitrechnung. Der Mann von Nofretete.“

Shaynes Kopf fuhr herum. „Echt? Die hatte ja einen schlechten Geschmack.“

Gerrit stellte sich glucksend neben ihn. „Das ist nur eine Rekonstruktion, wie er ausgesehen haben könnte.“

Aha. Schmale Asiatenaugen, ein überlanges Kinn und ein schöner, voller Mund. Aber der Hinterkopf sah aus....

 „Der langgezogene Hinterkopf ist das Zeichen der königlichen Familie. Kindern wurde er schon abgebunden und in Form gezogen. Jede Mode ist anders.“ Gerrit blinzelte ihm zu. „Er wurde immer nackt dargestellt mit aufgeblähtem Bauch, als wäre er im neunten Monat schwanger.“

Shayne sah ihn an. „Und, war er es?“, fragte er trocken.

„Wahrscheinlich nicht“, frotzelte Gerrit zurück. „Das war ein Gegenentwurf zu den Statuen Ägyptens, die alle stramm dastanden und sich nicht rührten. Echnaton sah echt aus, Bierbauch, dünne Beine, langes Kinn, ein bisschen moderne Kunst. Modern war auch seine Philosophie, er entsagte nämlich der Vielgötterei und hatte nur noch einen, er war der erste, der die Natur und die Menschen aus einem einzigen Prinzip erfasste: das Licht. Also, die Sonne mit Gott Aton. Deshalb gab er sich den Namen Ech-n-Aton.“

Gerrit betonte anders und Shayne verstand.

  „Das ist ein Poster aus dem Neuen Museum bei uns in Berlin, da steht diese Büste nämlich. Und die Nofretete, die schönste Frau der Welt. Ihre Gräber und Mumien sind nie gefunden worden. Ich träume davon, mal in Achet-Aton in den königlichen Felsengräbern zu graben.“ Er sah Shayne an. „Es gibt so viele ungelöste Rätsel, so vieles ist noch nicht ausgegraben worden, es sind ja meist nur Zufallsfunde. Kennst du Kryptoarchäologie? Ein paar Rätsel sind schon gelöst worden, zum Beispiel hier in Apulien beim Castello del Monte vom Stauferkaiser Friedrich Zwei, hast du das schon mal auf Fotos gesehen? Ein schmuckloses Achteck, an dem achteckige Türme kleben. Man fand heraus, dass es die Planeten-Sonne-Mond-Konstellation vom 26. Dezember 1241 zeigt, das war der Geburtstag des Kaisers.“

Meine Fresse, dachte Shayne. Gerrit war offensichtlich ganz in seinem Element. Gerrit trank einen Schluck Kaffee und leckte sich über die Lippen. „Oder der größte Buddhatempel der Welt auf Java, der vom Dschungel überwuchert und vergessen wurde. Das waren wohl Vulkanausbrüche. Aber warum wurde Angkor Wat verlassen, warum Machu Picchu und was ist die Sabu-Scheibe, die man im Grab des Prinzen in der ältesten Pyramide der Welt in Sakkara fand? Die ist fünftausend Jahre alt und sieht aus wie die Radkappe eines Autos. Ist es ein Frisbee oder eine futuristische Öllampe, Turbine oder Propeller, Schiffsschraube oder eine Warnung vor Radioaktivität? Räder gabs damals noch nicht. Warum war sie so wichtig, dass sie ihm mit ins Grab gelegt wurde? Es wurde bislang nur dieses eine Exemplar gefunden. Die Alien-Fans meinen, es sei das Antriebsrad eines Raumschiffes, aber das funktioniert nicht.“

Er schoss die Worte ab wie ein Maschinengewehr und Shayne verstand nur die Hälfte, was nicht an Gerrits Englisch lag. Er merkte ihm an, dass er gewohnt war, seine Gedanken in einer fremden Sprache zu formulieren, was wohl an der Internationalität des Institutes lag. Oder?
 
  „Und die Scharrbilder von Nazca?“, fuhr Gerrit fort. „Das waren wohl Prozessionsstraßen, aber wie konnten sie diese exakten Bilder machen, die man nur vom Flugzeug aus sieht? Und wozu? Und die Wagenspuren auf Malta, die sich so tief in die Steine gegraben haben und sogar bis ins Wasser führen? Sind das zweitausend Jahre alte Gleisanlagen? Und Stonehenge? Die Steine kamen aus Wales, haben sie die nach England gewackelt oder gab es Gletscher als Transportmittel? Wie wurden die ägyptischen Pyramiden gebaut? Das hat bis heute niemand plausibel erklärt.“

Shayne starrte ihn aus aufgerissenen Augen an. Dann grinste er breit. „Das macht Spaß, oder? Vielleicht wirst du mal Indiana Jones. Oder der, der Nofretetes Grab gefunden hat.“

Gerrit grinste zurück und bremste sich dann. „Sorry. Manchmal gehen die Pferde mit mir durch. Wovon träumst du?“

Shayne verschluckte sich am letzten Bissen Toast. Wovon er träumte? Er schüttelte ein wenig den Kopf. Vom Zaubergarten? Vom Blick auf den Florentiner Dom? Von einer duftenden Sexorgie zu zweit? Das waren alles keine Ziele, die man im Leben haben sollte, sondern nur Beiwerk. „Ich habe das BWL-Studium abgebrochen, weil mich das nicht mehr interessiert“, sagte er leise. „Ich habe in Florenz so viel gesehen, dass ich mich umorientieren will. Ein Handwerk erlernen. Oder Geschichte studieren.“

Gerrit nickte. „Klingt super. Sieh mal hier, das ist der Laokoon. Kennst du?“

Wenn er jetzt verneinte, würde er wie der letzte Depp dastehen vor all diesen kunstwütigen Männern. Er starrte auf die drei gewundenen Körper ganz in weiß, die von Schlangen umschlungen  und wahrscheinlich zu Tode gewürgt wurden. So ein Foto prangte in jedem Schulbuch für die höheren Klassen. Also nickte er. „Natürlich. Der Priester von Troja.“

Gerrit quittierte nickend. „Weil er vor dem Pferd der Griechen warnte, schickten ihm die Götter, die auf der Seite der Griechen waren, die Schlangen, damit er die Klappe hielt. Am Winckelmann-Institut der Humboldt-Uni habe ich an der Ausstellung über Laokoon mitgemacht, wir haben einen Teil im verkleinerten Maßstab aufgebaut. Die Freie Uni Berlin hat einen großen Ausstellungsraum antiker Repliken in Gips. Fantastisch. Wir haben überlegt, wie die fehlenden Teile aussehen könnten, die Arme zum Beispiel. Die fehlten bei der Auffindung. Dazu haben wir Videos und Animationen installiert, dazu altes Bildhauerwerkzeug hingelegt.“

Shayne bewunderte die verdrehten Körper, gerade des alten Mannes, der sich heftig gegen die Schlangen wehrte, die Muskulatur, die Sehnen, das leidende Gesicht. Das hier war bei aller Stärke kein Melonenquetscher. Die Griechen hatten es drauf.

  „Er wurde auf dem Esquilin-Hügel gefunden, 1503. Die Leute wussten sofort, was es war, denn das Werk war in alten Schriften gefeiert worden. Aber die rechten Arme fehlten und so weiß man bis heute nicht, wie síe genau angeordnet waren. Erst 1903 fand man den Arm des Priesters in einer Werkstatt, der war angewinkelt und verdreht. Wir haben versucht, den Schlangenkopf von der linken Hüfte hinauf an den Hals von Laokoon zu platzieren. Warte mal.“ Er kramte im Regal und zog eine Farbfotografie heraus. „Wir haben sie auch angemalt, die rote Schlange für den Vater, die grünen für die Söhne.“

Laokoon

Shayne starrte auf das Foto. Nicht übel. Waren die Statuen früher nicht alle angemalt? „Sieht super aus“, sagte er.

  „Warst du schon in den Vatikanischen Museen? Da steht das Original. Ich könnte dir tausend Sachen darüber erzählen.“

War das ein Angebot? Shayne war ein wenig überfordert. Aber es war verlockend. „Sebastian hat mir eine private Nachtführung versprochen. Kann er so was deichseln?“

  „Als Chef der Ausgrabungen auf dem Palatin... wahrscheinlich. Aber er sollte jemanden im Vatikan kennen. “ Er sah Shayne an. „Wenn ich mitkommen dürfte, wäre das ein Traum.“

Gerrit hatte nun wieder Shaynes volle Aufmerksamkeit. „Warum nicht! Wäre toll.“ Ein Ziel musste man haben im Leben. Nicht nur vom Zaubergarten träumen. „Ich muss mich sowieso bei ihm melden. Bekomme ich noch einen Kaffee?“

  „Klar!“ Gerrit verschwand mit den Pötten in der Küche, wo Shayne ihn reden hörte. Tizio, die Klemmschwester.

Endlich holte er sein Handy aus der Lederjacke. Er hatte zwei Nachrichten von Sebastian, die ihn nicht wie ein Kleinkind behandelten, aber wissen wollten, ob er okay war.

Kurzerhand wählte er die Nummer. „Alles okay bei dir?“, summte Sebastians Stimme.

  „Alles gut. Sorry fürs Verschwinden. Ich bin bei Gerrit, wir haben gefrühstückt und ich habe was über das ägyptische Alien und über den Schlangenpriester erfahren.“

  „Was? Ich dachte, ihr habt gevögelt?“

Shayne grinste. „Erzähle ich dir später. Jetzt muss ich nach Hause finden oder gibst du uns einen Tag frei?“

  „Gerrit kann eh kommen und gehen, wann er will. Du auch. Was wollt ihr denn machen?“

  „Keine Ahnung. Außerdem wollten wir doch noch aufs Forum. Können wir das bald machen?“

  „Natürlich. Guckt euch das Kolosseum an und melde dich, wann du zurück bist.“

Gerrit kam mit zwei Kaffeetöpfen zurück. „Mach ich, bis dann! Grüß Kay von mir.“

  „War das Sebastian?“, fragte Gerrit.

  „Alles in Ordnung. Wir haben einen Tag frei und sollen uns das Kolosseum angucken, da war ich noch nicht. Willst du?“

Gerrit stellte die Pötte auf dem Tisch ab. „Ich will dich zuerst.“ Er verwickelte Shayne in einen atemberaubenden Kuss.



  „Gib mir auch eine Kippe“, sagte Shayne. Manchmal brauchte er das. So lange er mit Alessio zusammen war, hatte er keine angerührt.

  „Du meinst, gewisse Dinge lassen sich nur mit Whisky und Zigaretten ertragen?“, neckte ihn Gerrit und hielt ihm die Zigarettenschachtel hin. MS – morte sicura. Beim ersten Zug schwindelte es Shayne, dann war es vorbei. Lässig hing er im Sessel, die nackten Beine aufs Bett gelegt und beäugte Gerrit, der nackt vor ihm im Bett auf dem Bauch lag. Die runden Hügel seines Hinterns ließen schon wieder seinen Bauch kribbeln.

  „Hey, warum machen wir nicht Sightseeing mit der Straßenbahn! Für eins fünfzig fährst du bis zur Villa Giulia und zurück nach Trastevere.“

  „Echt? Ich bin dabei!“

  „Gilt auch für zukünftige Trips. Du kannst bis zum Zoo fahren, oder in die Museen der Villa Borghese, das ist alles ganz dicht bei.  Oder mit der 13 an der Cestius-Pyramide vorbei und dem nicht-katholischen Friedhof, ganz toll.“

Shayne strahlte ihn an und versuchte, alles im Kopf zu behalten. „Borgst du mir was zum Anziehen?“

  „Klar.“ Gerrit drückte die Kippe im Aschenbecher aus und erhob sich. Nackt ging er zu seinem schmalen Kleiderschrank hinüber und Shayne folgte ihm mit Blicken. Gerrit war unkompliziert und kumpelhaft – also genau das, wonach Shayne sich jetzt sehnte. Keine Dramen, Liebestragödien oder Herzschmerz.

Gerrit riss die Tür auf und klaubte ein dunkelblaues Sweatshirt mit dem Logo der Humboldt-Universität Berlin heraus. „Das passt bestimmt.“ Er warf es Shayne in den Schoß, der es auseinander faltete und sich das kreisrunde Logo besah.

  „Das sind die Humboldt-Brüder, die sind in Berlin geboren.“

  „Echt?“ Humboldt. „Hat nicht einer von ihnen Südamerika bereist?“

Gerrit nickte. Er trat auf Shayne zu, fiel auf die Knie und zog ihm das Shirt vom Schoß. Seine Hand schlang sich um Shaynes wachsenden Schwanz, während er ihm ins Gesicht grinste. „Ist doch noch früh...“, murmelte er, dann versenkte er sich in den Unterleib. Shayne stöhnte.


Eine halbe Stunde später wachten sie aus ihrer Trance im Bett auf; knutschend und glucksend schob Gerrit ihn endlich über die Bettkante. „Mann! Ich hatte schon lange nicht mehr so guten Sex!“, sprang er ihm hinterher und umarmte ihn von hinten.

  „Dito.“ Shayne schnappte nach dem Sweatshirt, zog es über und schob die langen Ärmel nach oben. „Passt. Kriegst du gewaschen wieder. Berlin ist schön, oder? Sollte ich da auch mal hin?“

  „Schön? Na, ich weiß nicht. Manchmal. Ich würde sagen, die Stadt ist interessant.“ Gerrit zupfte ihm die Schultern zurecht. „Das beste ist, dass wir einen Riesenhaufen Kultur haben, die Museen sind so voll davon, dass die Hälfte im Depot steht. Aber jetzt baut man ja ein Humboldt-Forum.“ Er tippte Shayne auf die Brust, mitten aufs Logo. „Da kommt eine Menge aus dem Depot rein und außerdem soll es für die Kunst und Kultur der ganzen Welt sein, das ist gut.“

tbc
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