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Mélodie de neige

von Hakuyu
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P16 / MaleSlash
Noé Archiviste Vanitas (Mensch)
03.12.2021
03.12.2021
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„Also wirklich, Noé! Dass du so begeistert von Schnee sein kannst...“
„Aber er ist einfach wunderschön! Sieh doch mal!“ Noé löste eine seiner Hände von der kühlen Fensterscheibe und winkte Vanitas zu sich rüber, der mit verschränkten Armen hinter ihm stand.
„Ich weiß, wie Schnee aussieht. Und ich weiß auch, dass ich seit Gévaudan für den Rest meines Lebens die Schnauze voll davon habe.“
„Aber das ist was anderes! Paris im Schnee ist einfach herrlich und dass es ausgerechnet heute an Weihnachten schneit…!“
Mit einem Mal begann Vanitas zu lachen.
„Was ist so witzig?“ Noés Blick löste sich von den wirbelnden Flocken. Verwundert sah er Vanitas an.
„Du bist echt interessant. Dass sich ein Vampir so viel aus Weihnachten macht. Einem Fest der Kirche. Wo gibt es denn sowas? Das ist einfach herrlich.“ Vanitas lachte.
„Mein Meister hat früher immer mit uns Weihnachten gefeiert“, erklärte Noé mit einem Strahlen. Die Erinnerung an den funkelnden Baumschmuck, den Geruch von Tannenzweigen, heißer Schokolade ließ seine Wangen glühen.  
„Ach echt?“, Vanitas neigte den Kopf, verschränkte die Arme und musterte Noé. Er sah so skeptisch drein…glaubte er ihm nicht?
„Ja! Jedes Jahr hat er einen Tannenbaum mitgebracht und ihn geschmückt! Wir haben Kekse gebacken und es haben überall Kerzen geleuchtet und am Abend gab es Geschenke und-“ Noé stockte, als er Vanitas Gesicht sah. Sein Blick schien plötzlich desinteressiert, genervt…aber in seinen Augen schwamm eine seltsame Traurigkeit. Dabei hatte er gerade eben noch gelacht. Noé fragte sich, warum? Hatte er etwas Falsches gesagt?
„Ich würde gerne noch weiterzuhören, aber ich habe keine Zeit“, erklärte Vanitas gleichgültig.
„Keine Zeit? Was ist denn los?“
Zur Antwort nahm Vanitas einen Umschlag von dem Tisch und hielt ihn hoch. „Dieser Brief ist heute Morgen angekommen, als du noch geschlafen hast. Ein potentieller Patient, der sich bei mir gemeldet hat. Er wohnt ein wenig außerhalb von Paris. Ich muss gleich den Zug nehmen. Bin vermutlich gegen fünf Uhr nachmittags wieder da.“ Mit diesen Worten nahm Vanitas seinen Mantel vom Stuhl und warf ihn sich über. Der schwarze Stoff wallte. Er würde jetzt einfach so gehen…?
„Ich komme mit!“, erklärte Noé. Doch Vanitas winkte ab.
„Nicht nötig. Ich komm klar.“ Mit diesen Worten ließ er den Brief in die Manteltasche gleiten.
„Aber was, wenn etwas passiert? Wenn dein Patient die Kontrolle verliert und…“ Noé wagte es nicht, weiterzusprechen.
Vanitas lachte freudlos auf. „Das ist nicht das erste Mal, dass ich das alleine mache. Die größeren Probleme waren neben den Fluchträgern, wenn sie die Kontrolle verloren haben, die Vampire, die mir nicht geglaubt haben und versucht haben, mich umzubringen. Der Patient hier glaubt mir zumindest. Und mit Fluchträgern weiß ich umzugehen. Also kein Problem.“
Obwohl er so gleichgültig klang spürte Noé die Bitterkeit und Einsamkeit, die in diesen Worten lag.
„Ich möchte aber mitkommen“, erklärte Noé.
„Wolltest du nicht Paris im Schnee genießen und dir einen schönen Tag machen oder so? Sagtest du nicht sowas?“
Ja, das hatte er vorgehabt. Eigentlich hatte er sogar für heute alleine durch die Innenstadt von Paris gehen wollen.
Am besten, ohne, dass Vanitas etwas davon mitbekam. Aus einem ganz besonderen Grund. Zudem hatte er nur noch diesen Tag Zeit.
Eigentlich war dies die perfekte und im Grunde einzige Gelegenheit, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Dennoch…
„Das ist doch vollkommen egal! Außerdem macht es alleine keinen Spaß!“, hörte Noé sich trotzdem sagen.
Vanitas‘ Augen verengten sich. Er seufzte. „Du bist wirklich…Du wolltest doch alleine in die Stadt gehen! Also hör auf zu diskutieren. Wegen dir verpass ich noch meinen Zug.“, blaffte er, „Pass auf! Du gehst dahin, wo du hinwillst und ich geh dahin, wo ich hinwill. Du lässt mich alleine fahren und wir treffen uns gegen fünf Uhr im Park gegenüber vom Hotel. Wir sehen uns am Eingangstor. So. Zufrieden?“ Noé biss sich auf die Lippe. Es fühlte sich falsch an, Vanitas alleine gehen zu lassen. Was, wenn etwas passierte? Was, wenn er ein zu großes Risiko einging und etwas schrecklich schiefging? Aber Vanitas wusste, was er tat.
Vanitas war so eine lange Zeit alleine zurechtgekommen. Er schaffte es. Es würde nichts passieren. Ganz bestimmt.
Sie würden sich am Nachmittag im Park treffen. Es gab ein ‚später‘.
Noé sah ihm tief in die Augen.
„Versprich mir, dass du zurückkommst“, sagte er ernst. Versprich mir, dass du nicht stirbst.
„Fang nicht mit sowas an“, seufzte Vanitas. Manchmal war es, als würde sich Vanitas vor seinen Augen in Nebel auflösen, wenn er versuchte, ihn zu greifen. Als wäre seine ganze Existenz etwas schrecklich Flüchtiges.
„Versprich es.“ Wenn er jetzt blieb und Vanitas nicht zurückkam, würde er es sich nie verzeihen.
„Ja, ja, ist ja gut, ich versprech’s. Bis später.“
Mit einem Winken und wehendem Umhang war Vanitas durch die Tür verschwunden.
Noé ließ sich auf die Bettkante nieder und starrte für einen Moment ins Leere. Murr schlief zusammengerollt am Fußende. Noé kraulte das dicke, weiße Fell, lauschte dem Schnurren und spürte die Vibration unter seinen Fingern. Eigentlich hatte er sich gleich auf den Weg machen wollen, schließlich hatte er nur noch bis fünf Uhr Zeit. Aber war, als schwebte Vanitas‘ Blick noch immer im Raum. War Vanitas nur genervt gewesen über seinen Enthusiasmus?
Doch er hatte irgendwie so traurig gewirkt, als Noé  von seinen Weihnachtserinnerungen erzählt hatte…War er unsensibel gewesen?
Er hatte sich in der Freude, die seine Erinnerungen ausgelöst hatte, verrannt. Am Ende hatte er Vanitas damit gezeigt, was dieser nicht hatte, vielleicht nie gehabt hatte…Bestimmt war es lange, lange her, dass er Weihnachten gefeiert hatte.
Dass ihm jemand ein Geschenk gemacht hatte.
Aber das würde Noé heute ändern. Mit neuer Entschlossenheit stand er auf, griff nach Handschuhen, Mantel und Zylinder.
Seine Entschlossenheit wurde jedoch von einer entscheidenden Frage gebremst. Eine Frage, auf die er seit Tagen keine Antwort fand, obwohl er sich den Kopf zerbrach: Was sollte er Vanitas überhaupt schenken?  

Die weißen Pflastersteine waren bedeckt mit einer Schicht festgetretenem Schnee.
Lautlos wirbelten die Schneeflocken durch die Luft. Am Rande der Einkaufsstraße, an den Türen der Geschäfte waren kleine Tannen aufgestellt, eingewickelt in blinkende Lichterketten. Der Geruch wehte zu ihm hinüber.
Noé blieb an dem Schaufenster einer Bäckerei stehen und starrte hinein. Warmes Licht strahlte ihm entgegen.
Der Geruch von Lebkuchen schien durch die Scheibe zu strömen. Noés Blick fiel auf die auslegten Kuchen, verziert mit bunten Streuseln, Zuckerguss oder mit Schokolade überzogen. Dicke, weiße Zuckerschrift erinnerte an Rüschen eines Kleides oder die ornamentenreichen Fassaden der Häuser. Wie schön!
Aber nein, er musste sich zusammenreißen.
Es ging hier nicht um ihn und Vanitas mochte keine Süßigkeiten.
Außerdem wollte er ihm etwas schenken, was von Dauer war und nicht innerhalb von Minuten wieder verschwand.
Trotzdem riss Noé sich nur mit Mühe von der Scheibe los, hinter der die kunstvollen Gebäcke lagen, und setzte seinen Weg fort.
Selbst an Heiligabend waren die Straßen von Paris voller geschäftigem Treiben. Allerlei Menschen schoben sich an ihm vorbei oder kamen ihm entgegen.
Männer in schwarzen Mänteln und Schals. Frauen mit dicken Umhängen, die Hände in flauschigen Muffen vor der Kälte verborgen.
An den schlohweißen Fassaden flossen golden funkelnde Lichterketten hinab. Als wären Sterne an Fäden aufgehängt und nicht weiter entfernt als die Mauern der Gebäude. Noé folgte dem Verlauf der Straße, bis sich vor ihm der Marktplatz eröffnete.
Im Zentrum reckte sich eine gewaltige Tanne in die Höhe. An den dicken Zweigen baumelten tiefrote, glänzende Kugeln.
Die blinkende Lichterkette ließ die schneebedeckten Nadeln funkeln. Das Lametta glitzerte in allen Farben. Noés Herz schlug ganz laut. Sein Bauch kribbelte warm, trotz der Kälte, die auf seinen Wangen lag. Sein Mund öffnete sich und er strahlte.
Das war also Paris an Heiligabend!
Erst das Läuten der Turmuhr riss Noé aus seinen Gedanken. Noé sah hinauf auf das Ziffernblatt. Schneeflocken fielen ihm ins Auge.
Er blinzelte, bis er die Zeiger erkannte. Es war bereits vier Uhr. Das hieß, er war bereits zwei Stunden unterwegs. Zwei Stunden, die sich wie nichts angefühlt hatten. Und hatte nur noch eine Stunde Zeit.
Eine Stunde, die sich ebenfalls wie nichts anfühlen würde.
Sein bisheriger Erfolg war, ein paar unvergessliche Impressionen von dem weihnachtlichen Paris ausgenommen…nicht vorhanden.
Was könnte er Vanitas schenken?
Was nur? Noé steckte die Hände in die Taschen seines weißen Mantels und flanierte an den Schaufenstern vorbei, aus denen warmes, einladendes Licht strömte.
Scheibe an Scheibe glitten an ihm vorbei und ihm war, als schaue er jedes Mal in eine andere Welt. Eine Welt bestand nur aus Bauklötzen, Schaukelpferden, Puppen, Kreiseln und kleinen Spielzeuglokomotiven.
Nein, Vanitas würde ihn entweder auslachen oder komisch angucken, wenn er ihm sowas gab.
Eine andere Welt war allein aus gebauschtem Stoff, Tüll, Rüschen und wallenden Kleidung.
Nein, er wusste nicht einmal Vanitas‘ Kleidergröße.
Eine andere war eine Welt aus gegerbten Leder, Portmonees und Taschen.
Nein, auch nicht wirklich das richtige, obwohl ihm diesmal nicht einmal eine Begründung einfiel.
Noé blieb vor einer Welt stehen, die nur aus glitzernden Silber und Gold bestand. An zarten, silbernen Fäden hingen funkelende, bunte Edelsteine. Ein Schmuckgeschäft. In einem ähnlichen Geschäft hatte er Domis Weihnachtsgeschenk gekauft…vor einigen Tagen bereits.
Eigentlich hatte er bereits zu dem auch Zeitpunkt Vanitas‘ Geschenk kaufen wollen. Aber ihm war einfach nichts eingefallen. Außerdem war es leichter, für Domi etwas zu kaufen. Sie war schließlich eine langjährige Freundin.
Er wusste, was ihr gefiel. Auf andere mochte Domi vielleicht anspruchsvoll wirken. Tatsächlich ging sie mit den Beschenkungen anderer so distanziert-reserviert um, wie es sich für jemanden aus dem Hause de Sade schickte.
Doch war sie jedes Mal außer sich, wenn Noé ihr etwas zu Weihnachten schenkte. Ihre Augen glänzten, ihre Wangen röteten sich und vor Freude überschlug sich ihre Stimme.
Er wollte Vanitas auch so eine Freude machen können. Aber egal, wie oft er das Szenario in seinem Kopf durchspielte, sein imaginärer Vanitas warf ihm nur einen ‚was-zur-Hölle-soll-das-sein-und-was-soll-ich-damit‘-Blick zu.
Doch so würde er vermutlich selbst auf das bestmögliche Geschenk reagieren, während er versuchte, seine Begeisterung zu verstecken. Noé  schmunzelte bei dem Gedanken. Dabei ließ seinen Blick entlang der Schmuckstücke gleiten, bis er einige Ohrringe sah.
Vanitas trug immer seinen sanduhrartigen Ohrring. Vielleicht würde er sich über einen neuen freuen.
Auf der anderen Seite…Vanitas hatte zwar nie darüber gesprochen, aber irgendwie erschien ihm der Ohrring wichtig zu sein.
Bestimmt bedeutete er ihm irgendetwas, auch wenn Noé dieses ‚irgendetwas‘ nicht fassen konnte.
Wenn dahinter eine Bedeutung steckte, war es womöglich nicht richtig, den Ohrring einfach so ersetzen zu wollen, oder?
Möglicherweise interessierte sich Vanitas gar nicht für Geschenke. Am Ende war es ihm vielleicht vollkommen gleichgültig. Es hatte vielleicht überhaupt keine Bedeutung für ihn. Vielleicht wollte er auch nichts. Aber selbst, wenn er nichts wollte und für ihn keine Bedeutung hatte, Noé wollte ihm zeigen, dass es jemand gab, der ihn beschenkte.
Der an ihn dachte. Der ihm wichtig war.
Auch, wenn Vanitas dies wiederum vielleicht auch egal war…
Noé seufzte. Wenn er nur seinen Lehrmeister fragen könnte – er wüsste sicherlich eine Antwort. Als sein Schüler sollte er sich ein Vorbild an ihm nehmen. Sein Lehrmeister hatte immer so gute Ideen gehabt…

„Hier, für dich, mon chaton.“
Noé erinnerte sich noch an das kleine Bündel flauschigen, schneeweißen Fells, dass sein Meister plötzlich in die weihnachtlich geschmückte Stube getragen hatte. Sanft überreichte er ihm das leise miauende Kätzchen. Noés kleine Hände umfassten den noch kleineren Körper. Er konnte den Atem und den Herzschlag des kleinen Wesens spüren. Das Kätzchen war weich und warm. Seine Finger versanken in dem plüschigen, dicken Fell. Er konnte gar nicht mehr aufhören zu lächeln und bekam vor Freude kein Wort heraus.
„Wie süß!“, rief Domi an seiner Stelle und sah sogar von ihrem kleinen Automaten auf, den der Meister ihr geschenkt hatte und der unablässig Blütenblätter in die Luft spuckte.
„D-Danke!“, stammelte Noé an seinen Meister gerichtet.
Dieser lächelte nur sanft, den Zylinder so tief ins Gesicht geschoben, dass Noé seine Augen nicht sah. Aber bestimmt lächelten seine Augen mit.
„Der guckt aber grimmig“, sagte Domi besorgt, als sie näher an Noé herantrat.
„Stimmt…Aber er meint das sicher nicht so“, antwortete Noé und lächelte, „Bestimmt ist sein Herz so weich wie sein Fell.“
„Das ist eine Perserkatze“, erklärte ihr Meister, „Die schauen von Natur aus so drein. Ich habe mir versichern lassen, dass er ein ganz lieber und der richtige Spielgefährte für Noé ist. Es ist übrigens ein Kater.“
„Ich liebe ihn jetzt schon!“, rief Noé aus und hob das Kätzchen an. „Er hat ja zwei verschiedene Augenfarben, guck auch mal, Louis! Schau mal, wie er süß er ist! Komm!“
„Nicht nötig. Ich seh’s von hier.“ Louis hockte mit angezogenen Knien auf dem weinroten Ohrensessel vor dem Kamin und löste den Blick gar nicht erst von seinem Buch, welches der Meister ihm geschenkt hatte.
Das Kätzchen zappelte in Noés Händen, bis er es nicht mehr halten konnte.
Es landete mit den Pfoten auf den Teppichboden. Schnurstracks rannte es auf Domis Automaten zu, tat einen Satz in die Luft, versuchte ein Blütenblatt zu fangen. Lachend hockten Domi und Noé auf dem weichen Teppich und sahen dabei zu, wie das Kätzchen mit den Vorderpfoten nach den Blütenblättern angelte, mit dem buschigen Schweif wedelte und  ausgelassen Luftsprünge machte. „Hast du schon eine Idee für einen Namen?“, hörte Noé die Stimme seines Meisters hinter sich. „Murr!“, platzte es aus Noé heraus, „Nach der Katze in dem Buch, das du uns neulich vorgelesen hast!“
Er hatte nicht einmal überlegen müssen, der Name überkam ihn einfach.
Vor einigen Wochen hatte der Meister ihnen ein Buch mit dem Titel „Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ mitgebracht und vorgelesen.
Noé fand allein den Titel viel zu lang und er hatte ihn zigmal aufgesagt, damit er sich ihn ganz merken konnte. Von der Länge des Buches ganz zu schweigen. Darüber hinaus hatte er kaum etwas verstanden.
Sein Meister sagte, es sei in Ordnung, das Buch sei auch nicht für Kinder geeignet. Aber er wollte ihnen trotzdem die Literatur näherbringen.
Zwar verstand Noé vom Inhalt recht wenig. Doch trotzdem oder gerade deswegen faszinierten ihn all die neuen Worte. Die verschlungenen Sätze fesselten ihn.
Und er merkte, wie er mehr und mehr verstand, je länger er sich mit dem Buch auseinandersetzte und den Erklärungen seines Lehrmeisters lauschte. Er mochte es. Das prickelnde Gefühl, langsam mehr und mehr zu verstehen, von dem er zuvor glaubte, er würde es nie begreifen.
Insbesondere gefiel ihm der Gedanke einer Katze, die ihre Biographie verfasste. Eines Tages wollte er auch seine Erinnerungen aufschreiben, wenn sich etwas so Bedeutendes in seinem Leben begab, wovon es sich zu schreiben lohnte.
Sein Nachname war schließlich Archiviste – das kam vom Wort ‚archivieren‘, hatte sein Meister erklärt.
Soweit Noé wusste, hieß das sammeln, bewahren.
Das wollte er tun. Irgendwann. Aber nun wollte er zusammen mit Domi und Louis spielen, am besten für immer.
„Wenn du das Kätzchen Murr nennst, nenn ich den Automaten Kreisler“, erklärte Domi und tätschelte das Gerät, welches nunmehr nach dem zweiten Protagonisten des Buches und Murrs Besitzer benannt war.
„Das ist toll! Dann passen die Namen ja zusammen.“ Noé strahlte.
„Genau!“, Domi lächelte. Die Stube war erhellt von dem warmen, prasselnden Feuer des Kamins und den Kerzen des Weihnachtsbaums.
Das silberne Lametta schimmerte golden im Licht des Kaminfeuers.
Noé und Domi spielten den ganzen Abend mit Murr, während Louis sich seinem Buch widmete. Sein gelangweilter Blick ließ keinen Zweifel daran, dass er sämtliche Vorgänge in diesem Raum als kindisch und albern erachtete.
„Spiel mit uns, Louis“. Schließlich packten Noé und Domi Louis an den Armen und zogen ihn ungeachtet seines Protestes von dem Sessel zu ihnen auf den Teppich. Tatsächlich spielte Louis mit ihnen. Das hieß, er schaute die meiste Zeit noch immer nur zu. Doch zumindest las er nicht mehr, sondern sah sie an.
War mittendrin. Irgendwann kraulte er sogar Murr, welcher sich müde vom Spielen unter dem Weihnachtsbaum eingerollt hatte. Lächelte.
Louis konnte so sanft lächeln, doch hinter diesem Lächeln tat sich ein Abgrund großer Einsamkeit auf.
Wenn nur alles so geblieben wäre, wie an diesem Heiligabend…
Wenn es etwas gegeben hätte, was er tun könnte…

Mit einem Mal fühlte sich der sanft fallende Schnee ganz kalt an.
Noés Wangen stachen. Selbst sein Spiegelbild, welches sich ihm blass in dem Schaufenster abzeichnete, schien schrecklich fern.
Ferner noch war dieser Tag, an dem er, Dominique und Louis in der weihnachtlich geschmückten Stube hockten.
Und von den warmen Umarmungen des älteren Paares, welches ihn aufgenommen hatte, blieb nur noch ein flüchtiger Hauch einer Erinnerungen. Ihre sanften Stimmen. Das Knacken des Holzes im Kamin und dem süßlichen Geruch von Weihnachtskeksen.
Wie er auf dem Schoß der Großmutter gesessen hatte, während ihm diese Weihnachtsgeschichten vorlas.
Der Geruch von Wachs und Rauch der Kerzen.
Der Weihnachtsbaum mit den dünnen Ästen und den wenigen Kugeln und der trotzdem wunderschön war.
Noé liebte ihn, ihn zu schmücken und wenn er die höheren Äste nicht erreichen konnte, hob der Großvater ihn hoch.
„Toll gemacht“, sagte er, wenn Noé es schaffte, den Strohstern auf die Spitze zu setzen.
All dies war so weit weg. Doch sah Noé all dies so deutlich vor sich, wie sein Spiegelbild. Ein dicker Klumpen formte sich in seiner Kehle.
Er schüttelte den Kopf, um die Gedanken loszuwerden.
So wie früher würde es nicht mehr werden. Doch auch heute würde ein wunderschönes Weihnachten sein.
Wenn er nur ein passendes Geschenk finden würde.
Ob er es seinem Meister gleichtun und Vanitas ein Kätzchen schenken sollte? Dann müsste es eine schwarze Katze sein. Vanitas meckerte schließlich immer über die weißen Katzenhaare auf seinem schwarzen Mantel. Das wäre ein toller Kontrast zu Murr. Aber die beiden müssten sich vertragen. Auch war Vanitas‘ Beziehung zu Katzen nicht ganz eindeutig, beschwerte er sich oft über besagte Katzenhaare und auch sonst behandelte Murr mit einer gewissen Gleichgültigkeit.
Außerdem kam mit einem Haustier große Verantwortung, das war nichts, was man einfach so verschenkte.
Ein Buch? Noé hatte Vanitas häufig lesen sehen, aber nie einen genauen Blick auf den Inhalt erhaschen können.
Was er wohl mögen könnte? Noé hatte keine konkrete Vorstellung, so sehr er es auch versuchte. Es war besser kein Risiko einzugehen und einfach irgendetwas zu kaufen. Er wollte Vanitas nichts schenken, was er nicht mögen konnte.
Noé erinnerte sich, dass sein Lehrmeister Louis einmal eine Novelle zum Lesen gegeben hatte.
Als Noé einmal in die Stube gekommen war, hatte Louis mit dem aufgeschlagenen Buch in der Ecke gehockt. Die Augen weit aufgerissen, den Blick starr auf die Zeilen gerichtet.
„Louis?“, fragte Noé vorsichtig und schlich an ihn heran, „Was hast du?“ „Nichts“, knurrte er, erhob sich und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.
Noé, lief ihm noch hinterher, doch Louis ignorierte ihn.
Später fand Noé heraus, dass das Buch „Der Sandmann“ hieß und vom gleichen Autor stammte, wie das Buch vom „Kater Murr“.
Im Mittelpunkt der Handlung stand ein Student, welcher sich von einer dämonischen Macht verfolgt fühlte, die für ihn die Gestalt der Sagengestalt des Sandmannes annahm. Diese Kreatur solle Kindern die Augen ausreißen.
In der Geschichte wurde nicht ganz klar, ob der Student paranoid war oder die Gestalt, die ihn heimsuchte, tatsächlich existierte…Eine Gestalt, die einen verfolgte und einem etwas nehmen wollte…beinahe wie Scharlatan…wie sehr Louis unter diesem Buch gelitten haben musste.
Wie sehr es ihn erschüttert haben musste.
Es musste nicht das Buch des Vanitas sein und es musste auch nicht in der Lage sein, den wahren Namen zu korrumpieren – doch Bücher veränderten im Innern immer etwas.
Noé wollte nicht denselben Fehler begehen, wie sein Meister, auch wenn es bestimmt ein Versehen gewesen war.
Er würde Vanitas kein Buch schenken, welches ihn am Ende erschüttern könnte.
Noé betrachtete die baumelnden Ohrringe im Schaufenster. Vanitas‘ Sanduhrohrring…wenn er ihm keinen Ohrring kaufte, dann eine echte Sanduhr!
Noés Herz machte einen Sprung.
„Entschuldigen Sie, Monsieur?“, sprach er einen Mann an, der zufällig an ihm vorbei lief. Zum Gruß hob er seinen Zylinder.
„Ja, bitte?“ Der Herr lächelte freundlich und tat es ihm gleich.  
„Nur einen Moment…Wissen Sie zufällig, ob es in der Nähe ein Uhrengeschäft gibt?“
„Aber ja doch, es ist sogar ganz in der Nähe. Einfach geradeaus, am Ende der Straße.“
„Oh wunderbar. Haben Sie vielen Dank!“, Noé verbeugte sich dankend, „Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten.“

Das sachte Klingeln der Glocke am Türrahmen übertönte das vielstimmige, gleichmäßige Ticken, ehe das Echo verhallte.
Wärme schlug Noé entgegen und legte sich auf seine Wangen. Es roch nach Holz und Politur. Um ihn herum glänzte Holz und Metall. In diesem Laden schien kein Körnchen Staub zu existieren.
Mit einem Nicken und einem Lächeln begrüßte er einen Mann mit faltigem Gesicht und weißem Bart, der hinter der Theke stand.
Der Mann lächelte zurück. „Guten Tag, Monsieur. Kann ich Ihnen helfen?“ Noé schüttelte den Kopf. „Ich sehe mich nur um.“
„Bitte sagen Sie mir, wenn ich helfen kann.“
„Das werde ich tun, vielen Dank.“
Mit bedächtigen Schritten bewegte sich Noé durch das Geschäft. Die Tische und Schränke, die voll von Uhren gestellt waren, ließen nur enge Gänge. Noch nie hatte Noé so viele Uhren auf einmal gesehen. Weiße Ziffernblätter sahen ihm entgegen wie unzählige Augäpfel. Auf ihnen bewegten sich filigrane Zeiger. An einer Seite des Ladens standen mehrere Standuhren, die Noé um einiges überragten.
Hinter den Glasscheiben schwenkten die schweren Pendel unter getragenem Ticken hin und her. Auf Tischen und Holzregalen standen kleinere, hell tickende Uhren. Die Pendel winkten wild hin und her wie Metronome.
Die Ziffernblätter waren in glänzendes Holz eingefasst. Einige Uhren waren mit Schnitzereien oder goldenen oder silbernen Applikationen verziert.
Die unterschiedlichsten tickenden Laute vermischten sich zu einem Orchester, in dem jede Uhr ihren Platz zu haben schien.
Noé lächelte. Was für ein herrliches Geschäft.
Besonders faszinierend war es, wie alle Zeiger eine unterschiedliche Zeit anzeigten – an einem Ort, der voller Uhren war, schien die Zeit selbst keinerlei Rolle zu spielen. Für einen Moment bezweifelte Noé, dass er unter all den Stücken hier Sanduhren finden würde.
Möglicherweise hätte er besser nach einem Antiquitätengeschäft suchen sollen…Doch dann erblickte er ein Holzregal, in dem mehrere Sanduhren standen.        
Noé neigte den Kopf und betrachtete die Stücke.
Wie wunderschön…Das Licht der Lampen spiegelte sich in den bauchigen Gläsern. Die dunkle, glatte Holzeinfassung glänzte.
Der helle Sand funkelte und schien so weich, dass Noé ihn liebend gerne unter den Fingern gespürt hätte.
„Sie dürfen sie ruhig umdrehen“, sagte der alte Mann hinter der Theke.
Noé drehte sich um. „Ja, darf ich? Ich werde auch ganz vorsichtig sein.“ Der Mann nickte und Noé nahm behutsam eine der Sanduhren in die Hände. Der Holzböden waren so groß, dass sie seine Handflächen einnahmen.
Die Sanduhr war schwerer, als erwartet. Vorsichtig drehte Noé sie um und stellte sie zurück in die Vitrine. Wie erster Schnee rieselte der helle Sand hinab. So wie die Sandkörner hochsprangen, wenn sie auf das Glas trafen, waren sie vielmehr wie Hagel.
Obwohl der fallende Sand kein Geräusch von sich gab, stellte sich Noé vor, wie unglaublich laut der Einschlag der Körner auf dem harten Glas sein musste, wenn man klein war, sehr klein.
Langsam bedeckte sich der Boden mit Sand. Das Ticken der umstehenden Uhren umhüllte den Laden, allein die Sanduhr gab kein Geräusch von sich.
Doch war es ihm, in dem Glasgefäß sei ein wenig stiller und ruhiger geworden, als der Sand sich nur noch Sand vermengte. Wie faszinierend. Der Sand im oberen Gefäß wurde immer weiter in die Tiefe gesaugt.
Die Zeit verging mit jedem Sandkorn. Zeit war etwas so abstraktes, doch in solchen Momenten schien sie ganz merklich. Ähnlich, wie man einen Sekundenzeiger betrachtete oder gar ganz konzentriert atmete. Aber in dieser Sanduhr verging die Zeit nicht nur – sie lief ab. Lief auf ein Ende zu. Ein Ende. Mit einem Mal musste Noé schlucken.
Das war doch traurig.
Natürlich konnte man die Sanduhr umdrehen und das Spiel ging von vorne los. Aber letztendlich zeigte der unaufhaltsame Strom des Sandes, dass etwas zu Ende ging. Und dieses ‚etwas‘ war vielleicht mehr bloßer Sand.
Alles ging vorbei. Noé drehte die Sanduhr um, bevor die letzten Körner fallen konnten und wandte sich ab.
Was wollte er Vanitas mit seinem Geschenk überhaupt sagen? Noé wusste es nicht.
Aber er wollte nichts schenken, was sagte „sieh zu, wie alles im Leben und das Leben selbst vorbeigeht und du nichts dagegen machen kannst“.
Machte er sich zu viele Gedanken? Vielleicht. Konnte er eine derartige Botschaft mit seinem Gewissen vereinbaren? Auf keinen Fall.
Noé seufzte. Zwar wusste er nicht, welche dieser unzähligen Uhren in diesem Laden richtig ging, doch viel Zeit hatte er wohl nicht mehr. Das war nicht gut.
„Doch kein Interesse an der Sanduhr, Monsieur?“
„Ich fürchte leider nicht, ich danke Ihnen trotzdem.“ Noé verneigte sich. Dann wandte sich zum Gehen, lief an einer der gläsernen Vitrinen vorbei.
Sah etwas aus dem Augenwinkel.
Und stockte. Er trat näher heran, um das Objekt noch genauer ansehen zu können.
Plötzlich wusste er genau, was er Vanitas schenken würde.

Noé erkannte Vanitas bereits von weitem, wie er mit dem Rücken an dem steinernen Torpfosten lehnte.
„Vanitas!“, rief Noé, die Kehle rau vom Rennen im kalten Wind. In diesem Moment hallte das schwere, blecherne Schlagen der Turmuhr über sie hinweg.
Vanitas hob seinen Blick, lächelte. „Beeindruckend, Noé. Du schaffst es exakt pünktlich zu sein und mich trotzdem warten zu lassen“, Vanitas strahlte ihn an, als hätte er ein tolles Werk vollbracht. Offenbar hatte er gute Laune. Besser, als am Mittag. Es ging ihm gut. Ein Glück.
„Und du schaffst es, zufrieden zu sein und trotzdem noch rumzumeckern“, antwortete Noé, noch immer ein wenig außer Atem.
Vanitas lachte. „Lass mich doch. Ist doch alles gut. Du hast dich ja offensichtlich nicht verlaufen.“
„Als ob das alles ist, was ich tu! Wie lief das Treffen mit deinem Patienten? Ist alles in Ordnung?“ „Natürlich“, Vanitas schloss die Augen und rieb die Handflächen gegeneinander, als wolle er sich Staub von den behandschuhten Händen klopfen.
„Ein Glück“, sagte Noé, „Also ist alles gut gelaufen? Geht es deinem Patienten wieder besser?“ Das wäre so schön…Dass die Person in Ruhe und Sicherheit Weihnachten feiern und dem neuen Jahr entgegensehen konnte…
Vanitas nickte. „Es gab kein Problem. Ich konnte das Versprechen, dass du mir heute Mittag abgenötigt hast, sogar etwas früher einlösen, als gedacht. Also hier bin ich. Und nun?“ Vanitas öffnete die Augen, grinste.
Noé wich seinem Blick aus, spürte Hitze in ihm aufsteigen. Irgendwie schien ihm sein Benehmen im Nachhinein schrecklich peinlich…Dabei hatte er sich nur Sorgen gemacht, es hätte schließlich sonst was passieren können, wenn der Fluchträger die Kontrolle verlor und...
„‚Und nun‘…“, wiederholte Noé murmelnd, „Das fragst du mich. Du wolltest doch, dass ich herkomme.“
„Ja, stimmt. Sag Noé, wie hat dir das weihnachtliche Paris gefallen?“
Noé konnte bei dem Gedanken nicht anders als strahlen.
„Es ist großartig! All die Farben und Lichter und Gerüche! Alles blinkt und glitzert! Es ist herrlich!“, seine Stimme überschlug sich.
Vanitas lachte. „Hab ich mir fast gedacht. Hast du auch den Weihnachtsbaum im Zentrum des Marktplatzes gesehen?“ Noé nickte eifrig. „Ja, er war großartig.“
Vanitas legte den Kopf schief, lächelte. „Ach ja? Aber ich wette, das Beste hast du noch nicht gesehen. Komm!“
Vanitas dreht sich um, bedeutete Noé mit einem Winken, mit ihm zu kommen. Noé sah dabei zu, wie Vanitas durch das Tor hinein in den Park ging.
Er zögerte. Seine Hand wanderte zu seiner Manteltasche. Unter dem Stoff spürte er die kleine Schachtel. Nein, jetzt noch nicht.
Es kam sicher noch eine bessere Gelegenheit. Ganz sicher.
„Noé, bist du festgefroren?“
„Ich komm ja schon!“

Noé blieb der Atem weg.
Der Schnee hatte seine dichte Decke über den gesamten Park gelegt.
Vor ihnen erstreckte sich eine Allee. Die Äste der Bäume neigten sich über den Weg, wie ein Tor. In den Ästen hingen bunte, leuchtende Kugeln, gleich gläsernen Früchten. Rot. Blau. Gelb. Grün. Die Bäume, der Schnee. Alles erstrahlte in buntesten Farben. Der Schnee funkelte unter dem blauen, roten, grünen Licht wie Splitter von Saphiren, Rubinen, Smaragden.  
„Wow“, brachte Noé keuchend hervor, „Das ist fantastisch!“ Ganz deutlich spürte er sein Herz schlagen.
Er stürmte an Vanitas vorbei, breitete die Arme aus, um all die Farben und das Funkeln zu umfassen. Immer wieder drehte er den Kopf, wusste gar nicht, wohin er zuerst schauen sollte. Der Schnee legte sich wie dicke Zuckerwatte um die Äste.
Die Glaskugeln aussahen aus wie gefrorene, bunte Seifenblasen. Das Schmelzwasser, das an der glatten Oberfläche hinableckte, glänzte im Schein der Lampen.
Die bunten Lichter blinkten in einem wilden Rhythmus, zu dem die Schneeflocken zu tanzen schienen. Noé strahlte.
Wirbelte umher. Rannte durch die Allee, über ihm  verschlossen sich die verschneiten Äste ineinander.
Es war, als liefe er durch einen weißen Tunnel. Rutschte dabei mehrmals fast auf dem festgetretenen Schnee aus, fing sich wieder, lachte.
Auf ihn hinab fiel ein unendlicher, immer gleicher Strom und doch hatte Noé gehört, dass jede Schneeflocke einzigartig war.
Das war wirklich etwas ganz anderes, als der Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz. Keine drängenden Menschenmassen.
Außer ihnen beiden war der Park leer. Keine Pflastersteine, keine Hauswände, nur eine funkelnde Schneedecke und Bäume, die sich wie gefrorene Säulen gen Himmel streckten.
So still. Der Schnee fiel lautlos und machte nur ein Geräusch, wenn er unter ihren Stiefeln knackte. Die Kälte stach in Noés Wangen und doch fühlte er sich im Innern warm.

Noé hielt inne und drehte sich zu Vanitas um.
„Du hattest recht! Das ist so toll!“, rief er.
Vanitas schlenderte nur langsam hinter Noé her.
Mit jedem Schritt wiegte der Stoff seines weiten Mantels hin und her. „Natürlich hab ich recht. Komm trotzdem mal runter.“
Gerade eben hatte er noch gelächelt, jetzt wirkte er mit einem Mal genervt. Dabei wollte er doch, dass er mitkam. Hatte er ihm das nicht zeigen wollen? Jetzt war er genervt, auch wenn es wohl kein ernster Fall von Genervtheit war. Warum wohl? Manchmal schienen Vanitas‘ Stimmungen so flüchtig, wie die vorbeiwirbelnden Flocken. Mal lächelte er, wirkte beinahe kindlich, dann schien er plötzlich genervt und abweisend. Sicherlich war es auch für ihn selbst anstrengend. Vielleicht wusste er selbst nicht, wie er sich fühlen sollte oder was seine Gefühle überhaupt bedeuteten. Seine Gefühle waren vielleicht nicht nur so flüchtig wie der fallende Schnee, sondern auch genauso chaotisch. „Aber es ist so schön! Die Schneeflocken. Alles.“ Noé strahlte.
„Oh man, du bist manchmal echt wie ein kleines Ki-.“ Weiter kam Vanitas nicht.
Von einem Ast über ihnen löste sich der Schnee und fiel Vanitas direkt auf den Kopf. Dieser verzog das Gesicht, als hätte er auf eine Zitrone gebissen.
Noé konnte förmlich dabei zusehen, wie sich alles in ihm sträubte und schüttelte.
„Scheiße“, hektisch wischte sich Vanitas mit der Hand den Schnee aus dem Haar, nur um zu erstarren und sich zu schütteln, als der Schnee ihm offenbar in den Nacken fiel.
„Ich hasse dieses beschissene Zeug!“ Vanitas‘ genervtes Gesicht, seine Versuche, den Schnee abzuschütteln, sein Gefluche – Noé konnte nicht anders, als zu lachen.
„War klar, dass du das lustig findest!“ Vanitas blickte ihn finster an.
„Tut mir Leid“, Noés Worte wurden erstickt durch sein eigenes Lachen.
„Sehr glaubwürdig. Mal sehen, ob du das auch so lustig findest.“
Vanitas bückte sich, sammelte Schnee in seinen Händen und schleuderte Noé einen Schneeball entgegen. Dieser traf lediglich seine Schulter und zerplatze in weißem Staub.
„Ach“, Noé grinste, „Und du nennst mich kindisch. Du hast nicht richtig mal getroffen. Der Baum kann besser zielen als du.“
„Halt die Klappe!“ Der nächste Schneeball traf Noés Gesicht. Noé prustete, die Kälte raubte ihm für einen Moment den Atem.
„Der war nicht schlecht“, lachend wischte er sich den Schnee aus den Augen, „Aber dir ist klar, dass ich das nicht einfach auf mich sitzen lasse?“
Mit diesen Worten kniete Noé nieder, presste Schnee in seinen Händen zusammen, warf und traf. Früher hatte er oft Schneeballschlachten mit Louis, Domi und den Kindern aus dem Dorf veranstaltet und immer gut dabei weggekommen.
Bis auf das eine Mal, als ihn ein Schneeball so hart am Kopf getroffen hatte, dass er geweint hatte. Aber abgesehen von diesem Vorfall er war quasi Profi!
Lächelnd sah Noé zu Vanitas auf, den er gerade getroffen hatte und sah in ein ausdrucksloses Gesicht und kalte Augen.
War er etwa eingeschnappt?
Ohne ein Wort zu sagen wandte sich Vanitas ab und trat aus der Allee hinaus.
Er war eingeschnappt.
„Hey Vanitas, jetzt sei doch nicht so.“
Noé folgte Vanitas auf die große, weite Schneefläche. Hier war der Schnee locker, Noé sank bis über Knöchel ein. Schließlich blieb Mitte Vanitas stehen.
„Noé Archiviste“, sagte Vanitas ruhig, ein wenig zu ruhig für Noés Geschmack, „Du solltest mittlerweile wissen, mit wem du dich anlegst.“
Mit diesen Worten wirbelte Vanitas herum, warf sich gegen Noé, klammerte sich an ihm fest. Dieser taumelte unter dem plötzlichen Aufprall.
Er schaffte es, sich zu fangen.
Doch bei dem Versuch, sich aus Vanitas‘ Umklammerung herauszufinden, rutschte er aus und fiel rücklings in den Schnee.
In einem Moment spürte er Vanitas‘ Kopf auf seiner Brust, im nächsten eine Ladung Schnee. Kälte rann in seine Augen, in Nase und Mund. Prustend und begleitet von Vanitas‘ Lachen befreite sich Noé vom Schnee. Gegen die Flocken und das Schmelzwasser anblinzelnd sah er Vanitas über sich stehen und zufrieden grinsen.
Na warte, so einfach würde er es ihm nicht machen.
„Nimm das!“ Noé rappelte sich auf, umklammerte Vanitas Beine und stemmte sich mit allem Gewicht gegen ihn.
„Noé, was zur Hölle!“, schrie Vanitas noch, ruderte mit den Armen, bevor er ebenfalls rücklings im Schnee landete.
Noé nutzte die Gelegenheit für einen Gegenangriff. Während Vanitas unter Flüchen, Drohungen und Lachen damit beschäftigt war, sich vom Schnee zu befreien, kroch Noé rückwärts. Bevor er Abstand gewinnen konnte, traf schon der nächste Schneeball.
Diesmal Noés Zylinder, der durch die Wucht des Aufpralls von seinem Kopf fiel. Ein weiterer Schneeball streifte sein Ohr.
Reflexartig duckte er sich. Im nächsten Moment schubste ihn Vanitas zurück in den Schnee. Für einen Moment sah Noé nur weiß.
Nach Luft schnappend drehte er sich auf den Rücken.
Er hob den Kopf und blicke an Vanitas hoch. Vanitas saß über ihm, die Beine gegen Noés Seite gepresst, sodass dieser eingeklemmt war.
Im Gesicht ein hämisches Grinsen.
In den Händen zwei gewaltige Ladungen Schnee. Bevor Vanitas seinen Angriff starten konnte, bekam Noé Vanitas‘ Schultern zu fassen und riss ihn zu Boden. Keuchend wälzten und rangelten sie sich im Schnee, bis es Noé war, der über Vanitas hockte.
Damit Vanitas nicht gleich wieder zum Gegenangriff ausholte, packte Noé seine Handgelenke und drückte sie in den Schnee. Leider hatte er damit selbst keine Hand mehr frei. Gegen die fallenden Flocken anatmend blickte Noé auf Vanitas hinab.
Für einen Sekundenbruchteil blickte ihn Vanitas mit aufgerissenen Augen zurück. Dann grinste er, neigte den Kopf leicht zur Seite.
Schneeflocken verfingen sich in seinem pechfarbenen Haar und puderten den schwarzen Mantel, der ihm von den Schultern gerutscht war. Die große, blaue Schleife um seinen Hals hatte sich gelöst, das Band hing unordentlich herab.
Sein Brustkorb hob und senkte sich schnell. Sein Puls, sein rauschendes Blut, pochte deutlich gegen Noés Handflächen.
Für einen Moment verharrten sie bewegungslos, nur der Schnee fiel auf sie hinab.
„Tja, Noé“, Vanitas Grinsen wurde breiter, obgleich er vollkommen außer Atem war, „Das nennt man wohl patt.“
„Allerdings, Vanitas. Wie geht es nun weiter?“
Vanitas lachte. „Das liegt wohl an dir, Noé, ich kann mich gerade herzlich wenig bewegen. Wie machst du wohl weiter? Na?“ Vanitas‘ Augen blitzten. Noé stockte. Worauf wollte Vanitas hinaus? Es wäre einerseits schön, wenn sie beide gewinnen würden.
Gleichzeitig machte es so viel Spaß.
Es sollte noch nicht vorbei sein.
Außerdem…wollte er wirklich so gewinnen? Noé ließ von Vanitas‘ Handgelenken ab.
„Hä?“, machte Vanitas, hob seinen Oberkörper, soweit es seine Lage zuließ und sah ihn verdutzt an. „Du bist dran“, Noé hob demonstrativ die Hände, „So zu gewinnen kommt mir nicht fair vor.“
„Nicht fair?“, Vanitas brach in Gelächter aus und ließ sich wieder in den Schnee fallen, „Dein Ernst? Nicht fair? Ach Noé! Das ist so typisch du! Dass du selbst bei sowas…du bist echt--!“ Vanitas letzte Worte gingen in Gelächter unter.
Verwirrt legte Noé den Kopf schief. „Ach echt?“
„Ja, echt! Aber gut, du hast es nicht anders gewollt.“

Noé wusste nicht, wie lange sie im Schnee tobten, sich gegenseitig abwarfen oder zu Boden rangen. Der Schnee stob in die Luft wie Diamantenstaub.
Irgendwann fand er sich Kopf an Kopf neben Vanitas liegen. Die einst so glatte Decke aus Schnee war vollkommen zerwühlt.
Beide hatten sie Arme und Beine von sich gestreckt, keiner konnte sich mehr bewegen. Sie lachten und die endlosen Flocken aus dem grauen Himmel auf sich hinabfallen ließen. Der flüchtige Nebel ihrer beider Atem vermischte sich ineinander. Noé spürte weder seine Wangen, seine Hände oder Füße, sondern nur eisiges Stechen. Die Kälte prickelte in seinem Hals, sein Lachen wurde mehrmals von Husten unterbrochen. Aber es war in Ordnung. Es war alles in Ordnung. Vanitas‘ Haare kitzelten an Noés Hals.
„Gut gekämpft, Noé, muss ich zugeben“, lachte Vanitas neben ihm, schwer atmend.
„Danke, gleichfalls“, erwiderte Noé, „Einigen wir uns auf unentschieden.“
„Pah, ich hab dich mindestens fünf Mal mehr getroffen.“
„Und ich habe dich mindestens zehnmal mehr in den Schnee geschubst.“
„Hast du nicht.“
„Hab ich schon“, antwortete Noé.
„Und wenn schon, ich habe dir den Zylinder vom Kopf geschossen, das gibt einhundert Bonuspunkte.“
„Das ist das erste Mal, dass ich diese Regel höre. Außerdem hätte ich vorhin locker gewinnen können. Wenn du schon ein Punktesystem einfügen musst, wären das mindestens tausend.“
„Ja, du hättest gewinnen können. Hast du aber nicht. Da warst du zu weich. Hat dich aber nicht davon abgehalten, mich mitten im Gesicht zu treffen. Meine Wange brennt noch immer.“
„Das war nur eine Revanche. Außerdem warst du selbst nicht gerade zimperlich und-“
Noé hielt inne. Unter den lautlos fallenden Schnee mischten sich entfernte, schwere Glockenschläge. Obwohl sie von weit weg kamen, durchbebten die Schwingungen seinen gesamten Körper. In seinem Bauch kribbelte es. Richtig…es war Weihnachten.
Während ihrer Schneeballschlacht hatte er das ganz vergessen.
Ob er Vanitas jetzt zum Klang der Glocken sein Geschenk geben sollte?
Aber so durchgefroren, wie sie waren… Noé konnte nicht einmal seine eigenen Finger spüren. Wie sollte er da ein Geschenk überreichen? Die Kälte kroch unter die Haut.
Er würde warten, bis sie wieder zurück im Hotelzimmer waren.
Also später…sofort…Er wollte nur noch einen Moment neben Vanitas liegen, die Augen schließen, den Schnee auf sich fallen lassen und den Glockenklängen lauschen.    

Als Noé sich zurück im Hotelzimmer den Mantel auszog, ließ er die kleine Schachtel unauffällig in die Tasche seiner Weste gleiten. Dann ließ er sich neben Vanitas auf dem Teppich vor dem Kaminfeuer nieder. „Warum wird das verdammte Ding nicht schneller warm?“, murrte Vanitas und hielt die Hände in Richtung des aufblühenden Feuers. Noé konnte nicht anders als lachen. „Es war doch deine Idee, in den Park zu gehen. Warum eigentlich? Hattest du nicht gesagt, du hättest die Schnauze voll von Schnee?“
„Hab ich auch und jetzt erst recht.“
„Warum wolltest du denn hin?“
„Ist doch egal!“, Vanitas neigte den Kopf zur Seite, entzog sich Noés Blick, „Das ist was völlig anderes, hat auch keinen bestimmten Grund das Ganze.“
Das…ergab nicht wirklich Sinn.
„Wirklich?“, harkte Noé nach.
„Ja, wirklich!“
So wie er gesagt hatte, dass sie sich vor dem Park treffen sollten…Hatte Vanitas ihm am Ende eine von Anfang an Freude machen wollen?
„Auf jeden Fall danke für den schönen Spaziergang. Auch, wenn es wohl eher eine Schlacht war. Aber es hat mir großen Spaß gemacht.“ Noé lächelte ihm zu.
„Nur fürs Protokoll, ich habe gewonnen!“, erwiderte Vanitas grinsend.
„Das hättest du wohl gerne“, sagte Noé noch heiter.
Aber sein Lächeln erstarb. Es war wie immer, wenn er Vanitas Freundlichkeit entgegenbrachte. Entweder er wechselte wie jetzt das Thema.
Oft schlug Vanitas mit Worten um sich wie ein in die Ecke getriebenes, verängstigtes Tier mit Krallen und Zähnen. Oder er zog sich so in sich selbst zurück, als hoffte er, als könnten die wärmenden Worte ihn dort nicht erreichen.
Vermutlich sagte Vanitas auch deswegen nichts mehr und deswegen war das einzige Geräusch zwischen ihnen das Knacken des Holzes in der Glut.
Wärme legte sich auf Noés Gesicht.
Das Kaminfeuer tauchte das Zimmer in sanftes Rot und malte schwarze, lange Schatten.  
Du hast Angst vor Zuneigung, oder?
Angst vor Vertrauen.
Du bist so einsam, nicht wahr?
„Vanitas?“, sagte Noé leise.
Vanitas hob den Kopf. „Was denn?“
Noé griff in seine Westentasche und hielt Vanitas die Schachtel entgegen. Sie war so groß, dass sie Noés Handfläche vollkommen ausfüllte, schwarz und verziert mit einer blauen Schleife. Noé neigte den Kopf und lächelte sanft.
„Fröhliche Weihnachten.“
Für einen Sekundenbruchteil sah Vanitas ihn mit aufgerissenen Augen und halbgeöffneten Mund an. Ungläubig. Fast hilflos. Beinahe…erschrocken?
Doch Noé konnte diesen Gesichtsausdruck nicht länger deuten, denn mit einem Mal fing Vanitas an zu lachen.  
„Also doch“, Vanitas grinste, „Ich hab’s mir gedacht, dass du sowas abziehen wirst.“
Noé blinzelte verwirrt. „Ach, ja?“ Er war wohl doch nicht so unauffällig vorgegangen, wie gedacht... „Ja, echt! Glaubst du, ich merke das nicht?“
„Ehrlich gesagt, schon“, Noé seufzte, „Was hat mich verraten?“
„Erstens“, Vanitas hielt ihm den Zeigefinger entgegen, „Du hast mich nicht mitgeschleppt. Schon verdächtig, wenn du mich fragst.“
„Du hättest doch eh keine Lust gehabt.“
„Du schleppst mich trotzdem immer mit.“
„Und du kommst auch immer mit, obwohl du wieder und wieder betonst, dass du nicht willst“, erwiderte Noé.
„Wie auch immer, Punkt Nummer zwei!“, Vanitas hob den zweiten Finger hoch, „Du wolltest nicht zu meinem Patienten mitkommen.“
„Doch, wollte ich!“, verteidigte Noé sich, als ob das noch etwas an seiner Enttarnung ändern würde. „Du hast aber im Vergleich zu sonst erschreckend leicht aufgegeben. Dass du trotzdem mitwolltest, obwohl du deine Pläne hattest, ist halt typisch du.“
Noé spürte mit einem Mal Wärme in seinem Bauch aufsteigen.
Obwohl diese Worte nicht einmal ein wirkliches Kompliment waren und mehr mit einem amüsierten, fast spöttischen Lächeln ausgesprochen waren als alles andere.
Und doch lag in ihnen eine gewisse Vertrautheit.
„Sag bloß, du weißt auch schon, was drin ist?“, fragte Noé, leicht besorgt. Dabei war es unmöglich. Er selbst hatte vor kurzer Zeit nicht die geringste Ahnung gehabt, was er schenken sollte.
„Ich bin Arzt und kein Wahrsager, weißt du?“
„Dann finde es heraus“, Noé hielt ihm die kleine Schachtel noch näher entgegen.
Überraschend zögerlich fasste Vanitas die Schachtel nur mit den Fingerspitzen, welche durch die Handschuhe wirkten wie Klauen und viel gefährlicher wirkten, als sie eigentlich waren.
Er berührte das Paket, als könne er sich verbrennen. Lange starrte Vanitas die Schachtel nur an.
Ob er nervös war?
Ob er sich sorgte, nicht angemessen reagieren zu können?
Oder ob er wirklich nur genervt und das Geschenk ihm egal war?
„Du musst dich nicht darüber freuen. Es ist in Ordnung, wenn es dir egal ist“, erklärte Noé schnell, „Und wenn du willst, kann ich auch weggucken.“
„Hä? Was soll denn der Quatsch? Warum machst du immer so alles kompliziert. So.“ Vanitas zog an der Schleife, der Knoten löste sich. Wieder nur mit den Fingerspitzen öffnete Vanitas den Deckel.
Ungewohnt vorsichtig, als wäre er drauf und dran die Büchse der Pandora zu öffnen. Schließlich legte er den Deckel beiseite, sah in die Box.
Erstarrte. Vorsichtig griff er in die Schachtel und holte den Inhalt hervor.
Eine goldene Taschenuhr.
Im Licht des Kaminfeuers schimmerte das Metall als würde es heiß glühen.
Vanitas hob und senkte sacht die Hand, als würde er das Gewicht der Uhr spüren wollen. Die Kette, an welche die Uhr befestigt war, rann durch Vanitas‘ Finger wie ein funkelender, goldener Spinnfaden.
Mit dem Daumen strich er über die Gravuren, welche den Deckel der Taschenuhr zierten.  
Noé wollte Vanitas gerade dazu ermutigen, die Taschenuhr zu öffnen, als dieser sich mit einem Mal erhob.
„Hm? Was ist denn?“
„Warte kurz.“ Vanitas Schritte hallten auf den Holzdielen wider. Ein Geräusch, das in seiner Härte ganz fremdartig schien. Vanitas ging zu seinem Mantel, die über einen Stuhl hang und wühlte in einer Innentasche.
Noé kniff die Augen zusammen, jedoch konnte er nicht mehr erkennen.
„Hier! Fang!“, rief Vanitas heiter und Noé sah etwas auf sich zu fliegen.
„Was?“, platzte es aus Noé heraus.
Murr, der sich vor dem Kamin zusammengerollt hatte, sprang angesichts der drohenden Gefahr fauchend auf und flüchtete sich aufs Bett.
Aus Reflex fing er das, was Vanitas ihm zugeworfen hat. Einen quadratischen Gegenstand, dick eingewickelt in Papier.
Aufgrund des Papiers konnte Noé nicht einschätzen, wie dick das Objekt war, aber es schien zumindest doppelt so lang wie seine Hand zu sein.
Möglicherweise ein Buch.
„Was ist das?“, fragte Noé ehrfürchtig.
„Das findest du heraus, wenn du’s auspackst.“
„Darf ich?“, Noés Augen begannen zu glänzen. Vanitas verschränkte die Arme. „Was fragst du denn noch? Mach einfach.“
Mit pochendem Herzen und zitternden Fingern wickelte Noé den Gegenstand aus, befreite ihn Schicht um Schicht.
Schließlich hielt er in den Händen tatsächlich ein Buch. Hörbar atmete Noé ein. Das rotgefärbte Leder fühlte sich weich unter seinen Fingern an und schimmerte wie Samt. Wie wunderschön. Er hatte sich so sehr auf Vanitas‘ Geschenk konzentriert…aber dass Vanitas ihm seinerseits etwas schenken könnte…
„Vanitas! Vielen Dank!“ Noé strahlte.
„Du weißt ja noch nicht einmal genau, was es ist.“
„Aber ich freue mich trotzdem!“ Noé drehte das Buch hin und her. Einen Titel konnte er jedenfalls nicht erkennen. Also schlug er es auf. Die Seiten waren vollkommen weiß. Er blätterte. Auch die nächsten waren vollständig unbedruckt.
„Ein Notizbuch!“, rief Noé aus, „Vielen Dank, es ist wirklich wunderschön!“
„Findest du?“ Mit diesen Worten trat Vanitas wieder in den Schein des Kaminfeuers und ließ sich neben Noé nieder.
Noé sah ihn zufrieden lächeln. Zwar gab eigentlich nichts zu sehen, aber schlug Noé die Seiten um. Wie seltsam, für einen Moment fühlte es sich so an, als hätte er das Buch des Vanitas in der Hand. Und das, obwohl dies kein Grimoire, sondern ein ganz normales Buch war. Obwohl die Seiten nicht vollkommen schwarz, sondern vollkommen weiß waren.
Und trotzdem. Unweigerlich musste Noé sich vorstellen, wie er wohl die Seiten gestalten würde. Was er in Zukunft auf ihnen festhalten würde.
‚Archiviste kommt von Archivieren‘, hallte die Stimme seines Meisters in seinem Kopf wider, ‚Die Erinnerungen der Personen um dich herum sind wertvolle Schätze und du bist neben den Personen selbst der einzige, der sie sehen kann. Und wirst in Zukunft viele von Ihnen sehen können. Sie erforschen und vor allem bewahren. Du eines Tages wirst die Vorgänge dieser Welt verstehen und sie für die Nachwelt aufschreiben. Natürlich nur, wenn du willst.‘  
Er wollte etwas Gutes tun, so wie Vanitas es mit seinem Buch tat, wenn auch auf andere Weise.
Es würde dem Geschenk von Vanitas etwas wichtigem widmen.
Ganz sicher.
Plötzlich kam Noé ein Gedanke und er brauchte Gewissheit.
„Sag mal, Vanitas. Hast du es heute besorgt und wolltest deswegen nicht, dass ich mitkomme? Hast du das geplant?“
Vanitas Augen weiteten sich. „Kannst du dich nicht einfach freuen, ohne Fragen zu stellen?“, zeterte er und sah Noé missmutig an.
Noé grinste. „Ertappt. Das war nämlich auch sehr verdächtig.“
„Du bist derjenige, der verdächtig war“, um seine Worte zu unterstreichen zeigte Vanitas mit dem Finger auf Noé, „ Das ist eine Schuld, dass du es so offensichtlich machst und ich habe keine Lust, dumm dazustehen. Mein Patient ist Buchbinder. Also hat es halt sich so ergeben. Das war’s.“ Mit diesen Worten zog Vanitas seine Knie an und schlang seine Arme darum und starrte in das Feuer.
Noé konnte nicht anders als lachen.
„Ach so ist das. Auf jeden Fall vielen Dank! Ich freue mich sehr, das Buch ist wunderschön. Ich werde etwas Wichtiges darin aufschreiben.“
Vanitas lächelte. „Ich freu mich schon drauf.“

Vanitas holte die Taschenuhr hervor, ließ die Kette durch die Finger rinnen und sie an in der Luft baumeln. Die Uhr drehte sich leicht unter blitzenden Lichtreflexen.
„Ein echt interessantes Stück“, murmelte er, „Wie bist du denn darauf gekommen?“
Noé überlegte. Eine gute Frage. Es hatte sich einfach irgendwie richtig angefühlt. Eine Sanduhr war ihm zu traurig gewesen. Doch ein Ziffernblatt hatte kein Ende, es lief nicht aus. Der Zeiger lief immer in die Runde. Und obwohl er immer im Kreis ging, konnte er einem vielleicht die Richtung weisen wie ein Kompass. So wie Noé immer wieder zur Uhr geschaut hatte, um die Zeit abzuschätzen, bis sie sich wiedersahen. Darüber hinaus…
„Weißt du“, sagte Noé, „Ich glaube, ich hatte ungefähr den gleichen Gedanken wie du. Aber heißt das, du magst sie? Wirklich? In echt? Freust du dich?“ Die Worte sprudelten aus Noé hervor. Hatte er es geschafft? Vanitas lachte auf.
„Meine Güte, bist du aufgeregt. Typisch, dass du dir zu viele Gedanken machst.“ Vanitas lächelte, als versuche er dabei geheimnisvoll zu wirken. Doch war sein Lächeln nicht vage genug, um seine Gefühle vollkommen zu verschleiern.
Wärme stieg in Noé auf. Auch, wenn er anders tat, sicher hatte sich auch Vanitas viele Gedanken gemacht.
„Dabei hast du das Beste noch gar nicht gesehen! Du beschwerst dich, dass ich das Buch noch nicht geöffnet habe und mich freue, dabei hast du die Uhr noch nicht aufgemacht. Also los, mach sie auf“, ermutigte Noé ihn und lächelte sanft.
Vanitas tat wie geheißen.
Mit einem Klicken klappte der Deckel hoch.
Im selben Moment erklang eine leise Melodie. Vanitas öffnete den Mund, schloss ihn aber wieder, bevor Wörter sich formen konnten. So saßen sie wortlosen nebeneinander und lauschten den Klängen der Spieluhr.
Die Töne waren wie Tautropfen, welche sanft von den Blattspitzen fielen. Wie kleine, goldene Glöckchen. Ja, es war, als schimmerten die Töne an sich so golden wie Taschenuhr selbst. Noé stellte sich vor, wie es im Inneren der Uhr arbeitete, wie viel mechanische Anstrengung hinter jedem einzelnen Ton stand. Die Töne waren etwas, was durch eine Walze und einem Mechanismus angetrieben wurde. Gleichzeitig schienen die Klänge aus dem Bereich der Weltformel selbst zu stammen. Noé kannte die Melodie nicht, aber sie löste in ihm dasselbe Gefühl aus, als er seine eigene Spiegelung im Schaufenster beobachtet hatte. So nah und so unglaublich fern erschien ihm die ganze Welt.
Die Musik schien Gefühle zu sein, die eine andere Form angenommen hatten. Eine klangliche Form, welche die Luft und die Gefühle anderer zum Schwingen brachte. Das flackernde Feuer im Kamin war ihm genauso nahe wie der Abend, an dem sein Meister ihm Murr geschenkt hatte.
Louis‘ Gegenwart wirkte auf einmal so präsent wie die von Vanitas und Vanitas schien mit einem Mal so weit fort wie Louis es war.
Gegenwart und Vergangenheit schienen so zu verschwimmen wie es Noés Sicht tat. Von dem Feuer sah Noé nur noch einen hellen, flüssigen Fleck wie verlaufene, orangene Wasserfarbe. Innerlich wartete er darauf, dass Vanitas ihn auslachte.
„Was? Warum heulst du denn wieder, Noé?“ oder dergleichen. Doch nichts. Vanitas war vollkommen still. Nur das Klingen der Uhr erfüllte die leicht nach Rauch riechende Luft. Auch, als Noé ein Gewicht gegen seinen Arm und Schulter spürte, sagte Vanitas nichts. Nur sein sanduhrförmiger Ohrring klimperte sachte, als sein Kopf gegen Noés Schulter traf.
Als Noé sich zu ihm wandte, nun auch sah statt nur spürte, wie Vanitas sich gegen ihn lehnte, wich Vanitas seinem Blick aus.
Doch die niedergeschlagenen Augenlider, die Art, wie er die Unterlippe leicht vorschob, bedeuteten Noé, nichts zu sagen.
Also blieb auch Noé stumm.
Spürte Vanitas‘ Wärme und Vanitas‘ Körper gegen seinen. Lauschte dem Prasseln des Feuers und den sanften Klängen dieser unbekannten Melodie. Beobachtete die flackernden Schatten, welche das Kaminfeuer auf Vanitas‘ Gesicht malte.
Was denkst du wohl gerade? Wie fühlst du dich?
Mit einem dumpfen Aufschlag sprang Murr vom Bett. Gurrend kam er auf Noé zu. Mehrmals drehte sich der Kater im Kreis und rollte sich schließlich auf Noés Füßen zusammen. Der Minutenzeiger wanderte über das Ziffernblatt. Und doch schien die Zeit stillzustehen.
Draußen war es bereits dunkel. Allein Schneeflocken blitzten aus der Schwärze hervor, wie sie lautlos zur Erde segelten und sich zu den Spieluhrtönen zu wiegen schienen.
Der Schnee erinnerte ihn ans Gévaudan. Er trug eine überwältigende Mischung aus Gedanken und Gefühlen bezüglich der Ereignisse dort in seinem Herzen. Doch gerade kamen ihm zwei ganz bestimmte Augenblicke in den Sinn.
Vanitas, der ihm sagte, er solle ihn in Gedanken halten, wenn er gegen Astolpho kämpfte, um das zu vergelten, was er ihm angetan hatte. In gewisser Weise für ihn und mit ihm kämpfen. Vanitas, der ihn aufforderte, ihn davon zu überzeugen, Chloé zu retten. Dabei standen sein eigener Willen, seine Freiheit und Unabhängigkeit für ihn an erster Stelle. Gewöhnlich stieß er ihn weg, sobald Noé seiner Vergangenheit, um seine Gefühle, sein Innerstes einen Schritt zu nahe kam. Und doch umschloss er Noé in seine Gedanken und erlaubte, sich von Noés Gedanken umschließen zu lassen.
Mit Gévaudan musste Noé auch an Chloé denken. Den Moment, an dem Vanitas ihren wahren Namen ausgesprochen hat. „Die, die mit Schneeflocken musiziert“.
So ein wunderschöner Name. Lange hatte sich Noé gefragt, wie man mit etwas derart Lautlosem musizieren konnte und wie es wohl klingen würde.
Wenn Schneeflocken Musik machen würden, dann würden sie so klingen, wie die Töne, die aus der Uhr erschallten.
Noé fühlte, wie Vanitas Körper sich unter den ruhigen Atemzügen sanft hob und senkte.
„Noé?“ flüsterte Vanitas leise, so leise, als wollte er nicht gehört werden.
„Ja?“, antwortete Noé, ebenso leise.
„Fröhliche Weihnachten.“
Hoffentlich würde sie noch viele Weihnachten zusammen verbringen können. Noé wusste bereits jetzt, dass er dieses Weihnachten in besonderer Erinnerung halten würde.
Sie würde einer der vielen Erinnerungen an Vanitas sein, die er in Buch, welches Vanitas ihm geschenkt hat, festhalten würde, als die Zeit gekommen war.
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