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Shotgun Jane

von Romy Krug
Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
02.12.2021
02.12.2021
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Shotgun Jane



1868

Die Sonne brennt heiß auf die etwa einhundert Männer und Frauen herab, die sich an diesem Nachmittag auf den Weg gen Westen gemacht haben. Die großen Planwagen kommen nur langsam vorwärts und vor den Reisenden liegt nichts als die Weiten der einsamen Prärie. Jack P.C. Thompson nimmt einen Schluck Wasser und fragt seine Frau Mary, ob sie auch etwas haben wolle. Die beiden Söhne George und Lucas sitzen hinten und stellen sich vor, sie wären zwei Indianer, die es geschafft hätten, sich in den Planwagen zu schleichen. George schnellt mit einem Kriegsschrei vor und lässt seinen Vater vor Schreck herumfahren.
„Setzt euch wieder hin“, sagt dieser mit lauter Stimme und richtet seinen Blick wieder geradeaus. Mary sieht nach hinten und wiederholt die Worte ihres Mannes. George setzt sich schmollend zu seinen Bruder und die beiden starren auf den kleinen Tisch und die Stühle, die sich im inneren des Wagens befinden.
Im Wagen vor ihnen ertönt ein Banjo. Mary kennt dass Lied, das der Banjospieler spielt und singt leise mit.
„Als Lisa mir ihre Kleider gebracht hat, haben wir das immer gesungen, erinnerst du dich?“ fragt sie. Jack nickt und meint, als sie sich diesen Treck anschlossen, habe er geglaubt, dass seine Ohren nun endlich Ruhe hätten. Mary sieht in die Steppe hinaus.
„Entschuldige, aber wenn man so lange unterwegs ist, ist man irgendwann mit den Nerven am Ende“, sagt Jack und trinkt noch einen Schluck Wasser. Dann verfallen sie in ein Schweigen, das bis zum frühen Abend andauert.
„Ich glaube, wir halten an“, sagt Jack irgendwann. Nach und nach kommen die Wagen zum stehen und Jack nimmt sein Gewehr. Dann steigt er ab.
„Worauf wartest du, Schatz?“ fragt er seine Frau und läuft um den Planwagen herum. Er fordert seine beiden Söhne auf, ihm ein Paar Stühle nach draußen zu reichen und stellt sie neben dem Wagen ab.
„Mama, werden wir reich sein, wenn wir in Kalifornien sind?“ fragt George. Mary wühlt ihm durchs Haar und lächelt ihren Sohn an.
„Wahrscheinlich nicht sofort, aber irgendwann vielleicht“, sagt sie. Jack sagt, er werde nach etwas Essbarem Ausschau halten und reitet davon. Mary ruft ihm nach, er solle vorsichtig sein. Sie hat immer Angst, wenn er alleine losreitet und sie nicht weiß, wann er wieder zurückkommt. George hat sich in der Zwischenzeit mit seinen Bruder auf Entdeckungsreise begeben und die beiden schleichen zwischen den Planwagen umher. Mary kann sie lachen und reden hören. Irgendwo fängt ein Hund an zu bellen und woanders ist klapperndes Geschirr zu hören. Dann ertönt erneut das Lied, dass sie zuvor gehört hatte. Mary singt wieder leise mit, während sie das Geschirr, das sie von zuhause mitgebracht haben, auf den Tisch stellt.
Vom Planwagen ist Gelächter zu hören und ein Mann kommt zum Vorschein. Er geht auf die Rückseite des Planwagens und entnimmt dem Gerümpel eine Geige, die schon etwas ramponiert aussieht. Dann mischt sich der Klang des Instrumentes in das Lied. Nun spielt das Banjo mit der Geige. Irgendwann wird ein anderes Lied angestimmt. Es ist rhythmischer und schneller als das erste.
„Peng, peng!“ Mary fährt herum. Hinter ihr stehen George und Lucas und halten eine Fingerpistole auf sie gerichtet. „Her mit dem Geld!“
„Ich möchte nicht, dass ihr hier zwischen den ganzen Leuten herumlauft. Noch hat sich niemand beschwert aber wir müssen ja auch nicht darauf warten, dass es jemand tut“, erwidert Mary.
„Aber …“
„Kein aber. Ich weiß, ihr langweilt euch. Wenn ihr wollt, könnt ihr hier ein wenig spielen, aber ich möchte nicht, dass ihr zwischen den Leuten herumspringt“, sagt Mary. George setzt sich auf einen Stuhl und verschränkt die Arme vor der Brust.

Am Abend bereiten sie das Kaninchen zu, dass Jack in der Prärie geschossen hat und reden. Sie unterhalten sich über Kalifornien und die Möglichkeiten, die sich ihnen dort bieten.
„Ich habe gehört, morgen werden wir nach Fort John kommen, da decken wir uns mit dem Nötigsten ein“, sagt Jack auf einmal. Dann entschuldigt er sich. Er geht zu der anderen Seite des Planwagens, in der Hand sein Gewehr, und guckt hinaus in die Prärie. Als er neben sich eine Zigarette aufleuchten sieht, bemerkt er, dass er nicht der Einzige ist, der dort steht und Wache hält.
„Kann ich auch eine haben?“ fragt Jack und geht auf den Mann zu. Der Fremde wirft ihm den Tabak zu und Jack dreht sich eine Zigarette. Er zieht den Rauch tief in die Lungen ein, dann atmet er aus.
„Johnny Lopez“, sagt der Fremde und trinkt einen Schluck Whiskey.
„Johnny?“ sagt Jack überrascht. Lopez hält ihm die Flasche hin und Jack nimmt sie entgegen.
„Hast du mich nicht erkannt?“ fragt Lopez. Jack sieht ihn kurz an und trinkt einen Schluck aus der Flasche.
„Im ersten Moment nicht“, erwidert er. Johnny Lopez nimmt den Whiskey wieder an sich.
„Es ist ruhig hier“, wechselt Jack das Thema.
„Zu ruhig, ich traue der Stille nicht. Hier können sich überall Wilde verstecken“, entgegnet Johnny Lopez. Ein paar Wagen vor ihnen fängt der Hund wieder zu bellen an und Jack spannt sein Gewehr.
„Ich sagte doch, der Stille ist nicht zu trauen“, zischt Lopez und zieht seinen Colt.
„Harvey, aus!“ hören sie einen Mann sagen und ein paar Sekunden später kehrt wieder Ruhe ein. Johnny Lopez steckt seinen Revolver weg und Jack entspannt den Hahn seiner Waffe.
Während der letzten Minuten ist die Temperatur abgekühlt und Jack holt seine Jacke. Auch Johnny fröstelt leicht und trinkt einen Schluck aus seiner Flasche.
„Das hält warm“, sagt er und hält sie Jack hin. Dieser trinkt ebenfalls einen Schluck und gibt sie zurück.
Im Hintergrund hört Jack seine Frau rufen und entschuldigt sich.
„Wo bleibst du denn?“ fragt Mary leise und Jack setzt sich zu ihr.
„Wo sind die Kinder?“ fragt er.
„Sie schlafen“, erwidert Mary und gähnt.
„Ich war da hinten. Hab Wache gehalten“, sagt Jack. Dann legen auch sie sich schlafen.



Sie erreichen Fort John am Morgen des dritten Tages. Zwei Soldaten, die am Eingang Wache schieben, kontrollieren jeden, der hinein- und wieder hinausfährt. Hinter dem Eingang liegt ein großer Platz, auf dem Soldaten auf - und ab marschieren und die Siedler mit dem Nötigsten versorgen. Als Jack und seine Familie den Eingang passieren, sieht Mary eine kleine Gruppe Männer, die ihr nicht geheuer ist. Sie spricht ihren Mann darauf an, doch dieser winkt ab.
„Das ist nur eine Gruppe, Liebes“, sagt er. Als Jack auf den Platz fährt, hält er an. Er läuft zu einen der Soldaten und unterhält sich mit ihm, während Mary ebenfalls absteigt. Die beiden Kinder freuen sich darüber, dass sie endlich anhalten und laufen über den Platz. Mary sieht erneut zu der Gruppe rüber. Ein Mann stößt dazu und kurz darauf ein weiterer. Die Art und Weise wie sie zusammenstehen, gefällt Mary nicht. Ihr ist, als hätten sie etwas zu verbergen, oder als würde jeden Moment etwas passieren.
Irgendwo lacht jemand laut auf und reißt Mary aus ihren Gedanken. Sie zuckt zusammen und sieht in die Richtung, aus der das Lachen gekommen ist. Dann fällt ein Schuss. Und kurz darauf noch einer. Ein paar Leute fangen zu schreien an. Soldaten laufen in Richtung der Schüsse. Mary sieht sich erschrocken um, sie sieht in die Richtung, in der noch eben die Männergruppe gestanden hatte. Sie sind weg. Dann hört sie jemanden schreien.
„Aus dem Weg!“ ruft jemand anderes. „Ist ein Arzt hier!?“ Dann fällt erneut ein Schuss, diesmal aus einer anderen Richtung. Menschen rennen aufgeregt durcheinander und Mary sieht mehrere Männer, die sich über etwas oder über jemanden herzumachen scheinen. Als die Männer schließlich flüchten, erkennt Mary, dass das ihr Mann ist, der da am Boden liegt. Panisch rennt sie zu ihm hin und rüttelt ihn.
„Jack!“ ruft sie. Doch er rührt sich nicht. Ein paar Soldaten, die auf Mary aufmerksam geworden sind, kommen ebenfalls angelaufen.
„Jack!“ ruft sie erneut und rüttelt ihn wieder. Und in diesen Moment bemerkt sie die beiden toten Kinder, die keine drei Meter von Jack entfernt liegen und läuft zu ihnen hin. Dann wird ihr schummerig, sie sieht auf ihre Kinder hinab, sie hört einen Schrei, sie hört Leute rufen, sie hört eine Stimme an ihrem Ohr und dann wird sie weggetragen.
„Nein“, sagt sie benommen. „Nein.“ Sie rudert mit dem Armen, dann ist alles dunkel.

Sie spürt etwas Feuchtes auf der Stirn, doch sie kann nicht sagen, woher es kommt. Jemand redet auf sie ein.
„Ma’am?“ Doch Mary braucht ein wenig um zu reagieren. Sie öffnet die Augen. Vor ihr sitzt ein junger Mann mit Bartstoppeln und haut ihr auf die Wange. Es ist der Mann aus den Zeitungen. Mary hatte sein Gesicht schon ein paarmal auf den Titelblättern gesehen.
„Geht es wieder?“ fragt er.
„Wer sind Sie?“ fragt Mary.
„Bill“, entgegnet der Mann. Mary liegt einfach nur da, unfähig irgendetwas zu empfinden. Eine Träne läuft ihr über das Gesicht und der Fremde wischt sie ihr weg. In diesen Moment bemerkt Mary, dass er nicht alleine ist.
„Ich will zu meiner Familie“, sagt Mary, noch immer unter Schock.
„Komm jetzt, Bill“, sagt einer der anderen Männer und tritt neben ihn. Dann entschuldigt sich der junge Mann und steht auf. Mary bleibt noch eine ganze Weile liegen. Sie sieht die Sonne, die heiß und erbarmungslos herab scheint, sie hört die Leute, die über den Platz laufen, sie hört Pferde wiehern und sie hört, wie Reiter im Galopp davonreiten. Mary schließt die Augen und beginnt zu weinen. Irgendwann steht sie auf und geht zu einem der Soldaten. Sie erkundigt sich, wo ihre Familie aufgebahrt wird und wird in eine der Baracken geführt. Der Soldat nimmt seine Mütze ab und entfernt sich ein paar Schritte. Als Mary ihn ansieht sagt dieser, dass er vor der Tür warte und lässt sie allein. Mary geht zu der Bahre von Lucas und streichelt ihm übers Gesicht. Dann geht sie zu Georg und streichelt auch ihm übers Gesicht. Als sie zu ihren Mann geht beugt sie sich über ihn, um seine Lippen zu küssen, doch sie schafft es nicht. Sie bricht in Tränen aus und ergreift stattdessen seine Hand und nimmt den Ehering an sich. Dann blickt sie noch einmal auf ihre Kinder hinab und verlässt die Militärbaracke.
Sie läuft den ganzen Tag durch das Fort und bleibt schließlich vor ihrem Planwagen stehen, der am Rand des großen Platzes steht. Sie setzt sich hinein und bleibt stundenlang im Wagen, bis sie von einem Mann gerufen wird.
„Ma’am?“
Mary kommt aus dem Wagen geklettert.
„Ja?“
„Können ich und mein Begleiter Ihnen den Tisch abkaufen? Ich gebe Ihnen zwanzig Dollar“, sagt der Mann und hält ihr einen Dollarschein hin. Mary nimmt ihn wortlos entgegen und tritt zur Seite, damit die beiden Männer den Tisch aus dem Wagen tragen können. Von da an versucht Mary, ihre gesamten Habseligkeiten an Siedler, Soldaten und Männer, die zu Pferd unterwegs sind, zu verkaufen.
„Ma’am, Sie wissen, dass Sie nicht bleiben können“, ruft ihr einer der Soldaten zu. Doch Mary achtet nicht auf ihn. Ihr liegt nichts mehr daran, weiterzureisen.
„Ma’am“, Mary sieht ihn an. Der Soldat kommt auf sie zu.
„Wer war es“, fragt Mary. „Wer hat meinen Mann getötet?“
„Ich weiß es nicht“, entgegnet der Soldat. Mary läuft eine Träne übers Gesicht und sie sieht zu Boden. Dann fängt sie erneut zu weinen an. Der Soldat seufzt.
„Johnny Lopez und seine Leute. Sie sind gebürtige Mexikaner und leben von Überfällen und Bankraub. Ihr Mann hatte sehr viel Geld bei sich. Ich habe es gesehen, als er an mir vorbeiging“, sagt er.
„Ich habe ihm noch gesagt: ‚Nimm nicht so viel Geld mit‘, er sagte nur, er wisse was er tue. Jetzt ist er …“ Mary kann das letzte Wort nicht aussprechen. Der Soldat drückt ihr die Schulter und entfernt sich.
In den nächsten Tagen ist Mary sehr oft bei ihrer toten Familie. Sie weiß nicht, wo sie sie beerdigen möchte. Mary überlegt, mit ihnen nach Kalifornien zu reisen, doch sie ist sich nicht sicher, wie sie die Körper an die Westküste bringen soll. Einer der Soldaten legt ihr nahe, sie im Fort zu beerdigen, doch Mary sagt, sie werde ihre Familie dort beerdigen, wo sie sie jeden Tag besuchen könne und sie könne ja nicht ewig hierbleiben. Am Ende überredet man sie dazu, ihre Lieben doch im Fort zu bestatten. Und eine Woche später findet sich eine Familie, die bereit ist, sie mitzunehmen. Doch Mary lehnt ab. Sie hatte im Fort gehört, dass die Mörder ihrer Familie ebenfalls in Kalifornien ihr Glück suchen wollen. Zwei Tage später nimmt sie ein Pferd und reitet los. Am Tag zuvor ist sie am Grab ihrer Familie gewesen und hatte sie um Verzeihung gebeten.
Jetzt ist sie unterwegs. Unterwegs nach Westen. Sie hatte sich zuvor erkundigt, in welche Richtung sie müsse. Sie werden nicht losziehen hatte einer der Siedler ihr gesagt. Doch sie zog los. Und Ihre Reise wird sie bis über die Landesgrenze hinaus bekannt machen.




1871

Er nennt sich Hamilton Smith. Der Mann, der am Tresen sitzt und Kaffee trinkt. Er hat seit zwei Tagen kein einziges Wort gesprochen und ist dürr. Sein Hut scheint nicht genau auf seinem Kopf zu sitzen und seine Kleider scheinen ihm irgendwie zu groß zu sein. Oder ist es nur Einbildung? Nein, ist es nicht. Mary beobachtet den Saloon nun schon seit einer Woche. Sie beobachtet die fünf Männer, die hier ein- und ausgehen. Der eine ist der Mann mit den Bartstoppeln.
Mary hatte gehört, die Männer kämen aus Kentucky. Sie scheinen beliebt zu sein, doch es gibt Männer, denen es überhaupt nicht passt, dass sie hier sind. Einer hatte sie als „Mörderbande“ bezeichnet, ein weiterer sagte, sie sollten alle aufgehängt werden. Doch die fünf Männer stören sich nicht daran. Sie stehen am Tresen und trinken Whiskey. Einer von Ihnen, der Mann mit den Bartstoppeln, trinkt Rotwein.
Mary beobachtet die Männer und stört sich nicht an den Blicken, die man ihr gelegentlich zuwirft. Auf einmal stellt sich ein Mann vor sie. Er bestellt einen Whiskey und stellt ihn ihr vor die Nase. Mary sieht ihn an.
„Trink“, fordert er sie auf. Mary sieht zu dem kleinen Glas, das auf der Theke steht.
„Trink“, beharrt er auf seiner Forderung. Dann fügt er hinzu: „Nein, du trinkst nicht“. Er packt sie, zerrt sie in die Mitte des Raumes und reißt ihr den Hut vom Kopf. „Mister Hamilton Smith ist nämlich Misses Hamilton Smith!“ ruft er. Mary reißt sich los.
„Nein! Mein Name ist Mary Jane Thompson. Ich war mit meinem Mann, Jack, und meinen beiden Söhnen, George und Lucas, auf den Weg nach Kalifornien. Sie wurden im Fort John erschossen“, sagt sie. Im Saloon wird es still.
„Diese Männer wissen es“, fährt Mary fort und deutet auf die fünf, die an der Theke stehen. Alle Blicke richten sich auf die fünf Männer. Ein Mann kommt auf Mary zu und schiebt sie in Richtung Flügeltür. Doch sie reißt sich erneut los. Mary schafft es dem Blick ihres Gegenübers ein paar Sekunden lang zu widerstehen, dann verlässt sie den Saloon.

„Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.“
Die Kirche liegt am anderen Ende der Stadt. Mary wusste nicht, wohin sie sonst gehen sollte. Jetzt sitzt sie im Beichtstuhl und hat wieder ihr Kleid an. Sie lauscht in die Stille hinein und atmet innerlich auf, als sie der Priester unterbricht.
„Gott, der unser Herz erleuchtet, schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden und seiner Barmherzigkeit.“
„Amen“, sagt Mary
„Welche Sünden hast du begangen?“ fragt der Priester.
„Ich wollte mich Verbrechern anschließen, Vater. Ich habe mich als Mann verkleidet und in den Saloon geschlichen“, hört sie sich sagen.
„Empfindest du noch immer so, mein Kind?“ fragt der Pfarrer.
„Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, was ich empfinde. Wissen Sie, seit meine Familie ermordet wurde, weiß ich gar nichts mehr“, entgegnet Mary.
„Hast du sonst noch etwas auf dem Herzen?“ fragt der Priester.
„Nein“, erwidert Mary und nach dem Reuegebet verlässt sie die kleine Kirche wieder. Sie hatte gehofft, sie würde dadurch so etwas wie Erlösung finden. Doch das ist nicht der Fall, sie fühlt sich elend. Langsam geht Mary zu ihrem Pferd und reitet zum nächsten Lebensmittelladen. Sofort spürt sie die Blicke im Nacken und hört die Leute leise tuscheln. Mary nimmt sich, was sie braucht und bezahlt. Dann reitet sie zum Saloon. Sie sieht zur Flügeltür und wendet den Blick wieder ab, als sie dem eines Cowboys begegnet, der aus dem Saloon kommt.
„Die sind nicht mehr da“, sagt er. Mary steigt ab und geht auf ihn zu.
„Michael Fisher. Ich bin praktisch mit ihnen aufgewachsen“, sagt der Mann und nimmt seinen Hut ab. Dann lädt er Mary auf eine Tasse Kaffee ein und sagt, er werde ihr alles erzählen, was sie wissen wolle. Mary nimmt die Einladung nach einigem Zögern an und folgt ihm zu einem Haus, das sich gegenüber des Saloons befindet. Mary bindet ihr Pferd an und geht mit ihm hinauf.
„Ich bin eine ganze Weile mit ihnen geritten“, sagt er und entzündet die Feuerstelle. Dann setzt er sich auf das Sofa und bietet Mary an, sich zu ihm zu setzen.
„Wer sind diese Leute?“ fragt sie und setzt sich neben ihm. Der Mann rückt näher an sie heran.
„Outlaws“, erwidert er und legt eine Hand auf ihren Schenkel. Mary springt auf.
„Ich war verheiratet, Mister Fisher. Ich hatte einen sehr netten Mann.“ Der Mann auf dem Sofa sieht sie leicht erschrocken an. Dann fragt Mary: „Haben Sie mich nur hier herauf gelockt, um mich anzufassen?“
„Ich kannte sie wirklich. Und ich bin wirklich mit ihnen geritten“, sagt Michael Fisher und geht zu der Feuerstelle. Mary sieht zu dem Bärenfell an der Wand und der Feder, die auf dem großen Esstisch liegt. Nach einer halben Stunde kommt Michael Fisher mit dem Kaffee und stellt ihn auf den kleinen Tisch vor dem Sofa. Sie nimmt die Tasse, bleibt aber vor dem Sofa stehen.
„Und woher kennen Sie sie?“ fragt Mary als sich Fisher wieder hingesetzt hat. Der Mann trinkt einen Schluck und stellt die Tasse auf den Tisch zurück.
„Wir waren Nachbarskinder. Wir haben immer zusammen gespielt, ihre Eltern waren sehr nett“, sagt der Cowboy. Mary trinkt einen kleinen Schluck.
„Woher sind sie?“ fragt sie.
„Aus Kentucky. Damals fragten sie mich, ob ich mich ihnen anschließen wolle. Ich zögerte, denn schließlich hatte auch ich Eltern und Geschwister. Am Ende erklärte ich mich bereit, mit ihnen zu gehen“, erzählt Michael Fisher stolz.
Ihr Gespräch wird durch Schüsse beendet. Mary läuft zum Fenster und sucht nach der Ursache des Krawalls.
„Das sind bestimmt nur ein paar betrunkene Schwachköpfe“, sagt Michael Fisher. Mary sieht ihn an.
„Wissen Sie vielleicht, ob es hier ein Hotel gibt, oder so etwas?“ fragt sie.
„Haben Sie Geld?“
Mary zögert. Es fallen erneut Schüsse, dieses Mal sind Stimmen zu hören.
„Wusste ich es doch. Warum schlafen Sie nicht hier?“ fragt Fisher, und als er sieht, dass sie erneut zögert, schlägt er vor: „Ich schlafe hier auf dem Sofa. Wir werden uns nicht nahekommen, das verspreche ich Ihnen. Morgen gebe ich Ihnen ein wenig Geld und bringe Sie dann in die nächste Stadt. Aber ich kann vor Morgen Abend nicht weg hier.“ Mary sieht erneut aus dem Fenster.
„Ich muss nur noch etwas holen. Etwas sehr wichtiges“, sagt sie und läuft zu ihrem Pferd. Sie holt den Ehering aus der Satteltasche und geht zu dem Haus zurück. Drinnen macht sich Michael Fisher gerade ans Kochen. Er trägt noch immer seinem Hut und Mary fragt sich, ob dieser ihn wohl auch zum Schlafen trägt. Dann fällt ihr Blick erneut auf die Feder und das Bärenfell an der Wand. Sie spricht ihn darauf an.
„Ich habe mal eine ganze Weile mit Indianern gelebt. Das war ein Abschiedsgeschenk“, erwidert Fisher. Mary betrachtet das Bärenfell. Es ist ihr ein Rätsel, wie Fisher dort überlebt hatte.
„Es war sicher schwer, dort zu leben“, sagt Mary. Fisher kommt aus der Kochecke.
„Nein, ich denke, Sie haben eine ganz falsche Vorstellung von diesen Leuten. Sie sind nicht die Ungeheuer, als die man sie darstellt“, erwidert er und versucht Mary die Indianische Kultur näherzubringen. Doch er gibt es bald auf. Diese Frau würde in dem Glauben sterben, die amerikanischen Ureinwohner wären ein gottloses Volk, ohne jedes Verständnis für moralische Werte.
An diesen Abend geht Mary früh zu Bett. Fisher hatte ihr gezeigt, wo das Schlafzimmer ist. Er selber hatte sich im Wohnzimmer einquartiert. Erst hat Mary Sorge, er könnte in das Schlafzimmer kommen, doch nach und nach entspannt sie sich und schläft irgendwann ein. Sie träumt vom Treck. Sie hört sich singen. Und sie hört die Schüsse im Fort John, als ihre Familie umkam. Dann wird sie irgendwann mitten in der Nacht wachgerüttelt.
„Alles in Ordnung?“ fragt jemand. Mary sieht sich verschlafen um.
„Was …?“
„Sie haben geweint“, sagt die Stimme. Mary wischt sich über die Augen und bemerkt, dass sie ganz feucht sind.
„Ja, mir geht es gut“, sagt sie und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Fisher sieht sie lange an.
„Sicher?“
„Ja, mir geht es gut“, wiederholt Mary. Und als sie wieder alleine im Zimmer liegt, kommen ihr erneut die Tränen.
Am nächsten Abend brechen sie auf. Fisher versucht von Mary zu erfahren, weshalb sie das Ganze auf sich nimmt. Mary antwortet, sie wäre lieber mit ihrer Familie auf dem Weg nach Kalifornien und erzählt ihm alles.
„Warum haben Sie es nicht trotzdem gemacht?“ fragt Fisher. Mary sieht ihm kurz an, dann konzentriert sie sich wieder aufs Reiten.
„Ich habe mir auch überlegt, für sie nach Kalifornien zu gehen. Ich habe sogar überlegt, die Leichen irgendwie dorthin zu bringen“ - Mary lächelt - „doch nichts von dem schien mir geeignet gewesen zu sein.“ Dann reiten sie einfach nur nebeneinander her. Abends macht Fisher ein Feuer und tagsüber reiten sie. Fisher hatte im Lebensmittelladen ein Paar Besorgungen gemacht, die für drei Tage reichen sollten und dass ist auch die Zeit  die sie brauchen, um in die nächste Stadt zu gelangen.
Dort angekommen, sehen sie gleich den Galgen, der auf der Hauptstraße steht. Mary reitet an Fisher vorbei. Dieser sagt ihr, es wäre besser zusammenzubleiben, da die Straße so voll ist. Vorsichtig nähern sie sich dem Ausleger und Mary fragt einen alten Mann, der fast keine Zähne mehr im Mund hat, wer dort hängen soll.
„Drei Burschen, sie haben eine Frau vergewaltigt und ermordet, ja, ja. Ich selber habe noch niemanden vergewaltigt und ermordet“, sagt der Alte und richtet seinen Blick wieder geradeaus. In diesem Moment wird es laut und die Menschen fangen zu buhen und zu pfeifen an. Dann werden drei Männer auf die Plattform geführt und ihnen wird der Strick um den Hals gelegt. Mary schließt die Augen.
„Richtet meiner Familie aus, dass ich sie sehr liebe! Und sagt ihr, es tut mir leid, dass ich sie enttäuscht habe“, hört Mary einen der Männer sagen.
„Ja klar! Öffnet doch endlich die Falltür!“ ruft jemand aus der Menge. Die beiden anderen beteuern ebenfalls, dass es ihnen leid tue, ihre Lieben enttäuscht zu haben; dann wird den drei Männern ein Sack über den Kopf gezogen und nach einem Gebet öffnet der Henker die Falltüren. Die Männer winden sich ein paar Minuten, dann ist alles vorbei. Mary öffnet die Augen, wendet aber sofort ihren Blick ab.
„Der Teufel ist ein gerechter Mann, Er holt immer diejenigen, die es auch verdient haben! Und ich hole mir jetzt einen Drink!“ verkündet der Alte und läuft zum Saloon.
„Und ich verabschiede mich, Miss, äh, ich meinte Misses“, sagt Fisher.
„Ja, und danke, dass Sie mich begleitet haben“, entgegnet Mary und reicht ihm die Hand. Danach reitet Michael Fisher davon.
Als Mary sich in einem Hotel ein Zimmer nimmt, fragt sie den Mann an der Rezeption, ob es eine Möglichkeit gäbe, in die nächste Stadt zu kommen.
„Normalerweise halten hier immer Kutschen um Gäste mitzunehmen oder um die Pferde zu tauschen“, sagt der Mann und händigt ihr den Schlüssel aus. Und tatsächlich: einen Tag später kommt eine Kutsche vorgefahren. Mary nimmt den Ehering ihres Mannes aus der Satteltasche und verkauft das Pferd an einen Pferdezüchter, der gerade in der Stadt ist, um einem Rancher ein paar Tiere abzukaufen. Dieser willigt ein, obwohl es nicht seine Art sei, Pferde auf der Straße zu kaufen, wie er sagt. Doch weil das Tier gesund, jung und stark ist, kauft er es ihr ab.

In der Kutsche fährt ein Mann mit, der eine Zeitung dabei hat. Mary fragt ihn, was denn drin stehe, mehr aus Neugier als aus echtem Interesse. Als er ihr die Zeitung reichen will, bittet sie ihn, ihr daraus vorzulesen.
„‚Schießerei in Cheyenne - Spektakuläre Flucht der Clarence-Bande. Vor zwei Tagen lieferten sich die Gebrüder Clarence eine wilde Schießerei mit dem Gesetz. Laut Aussage des diensthabenden Sheriffs sollen dabei zwei der Brüder schwer verletzt worden sein, nichts desto trotz sei ihnen die Flucht aus der Stadt gelungen und sollen in Richtung Norden unterwegs sein.
Die Bande, die das ganze Land nun schon seit geraumer Zeit in Atem hält, soll es bis in die nächste Stadt geschafft haben. Andere berichten, dass sie sich irgendwo in der Prärie versteckt halten. Es dürfte sich jedoch lohnen zur Ergreifung der Flüchtigen beizutragen: Die Behörden haben ein Kopfgeld von eintausend Dollar pro Mann ausgesetzt’. Mehr steht hier nicht.“ Der Mann legt die Zeitung beiseite.
„Schrecklich“, sagt ein anderer und entfacht ein lebhaftes Gespräch. Mary hält sich zurück. Nur ab und zu wird sie gefragt, was sie von dem Ganzen halte, woraufhin sie immer antwortet, sie habe sich nie gegen Recht und Gesetz gestellt.
Mary fragt sich, was sie den Männern sagen würde, wenn sie ihnen begegnen sollte.
„Die Zeiten sind unsicherer geworden“, reißt sie ein Mann aus ihren Gedanken.
„Aber, aber, meine Herren. Die Zeit ist schon immer so gewesen und diese Bande ist ja nicht die einzige hier im Umkreis“,  meldet sich eine Frau zu Wort. Mary sieht sie an. Der Mann neben ihr, der offenbar ihr Ehemann ist, holt einen Flachmann heraus und trinkt einen Schluck. Dann bietet er ihn seinem Gegenüber an. Als dieser ihn Mary hinhält, lehnt sie höflich ab. Die Männer lachen und der Flachmann wandert zu dem Mann, der Mary gegenübersitzt.
„Wohin fahren wir?“ fragt Mary nach einer Weile. Einer der Männer runzelt die Stirn.
„Nach Islay“, sagt ein anderer.
„Vielleicht bekommen wir ja die Gelegenheit, die Belohnung einzukassieren“, grinst ein weiterer.
„Wieso?“ Mary horcht auf.
„Weil wir in die richtige Richtung fahren“, antwortet er und nimmt den Flachmann entgegen.
Während der gesamten Fahrt ist der Himmel bewölkt und einer der Männer mutmaßt, dass es bald Regen geben würde, und damit sollte er recht behalten. Die ersten Tropfen fallen am Nachmittag. Am Abend regnet es stärker und als die Nacht über sie hereinbricht, sind sie froh, dass sie nicht draußen im freien schlafen müssen. Der nächste Tag verläuft ebenso ereignislos wie der erste. Man redet und verteilt die letzten Schlucke aus dem Flachmann.



Jeff nimmt seinen Bruder Bill zur Seite und geht mit ihm in eines der oberen Zimmer. Bill schaut nervös zur Tür.
„Jim weiß was er tut“, meint Jeff. Bill setzt sich auf das Bett und beginnt, mit einer Patrone zu spielen, die er aus seinem Gürtel genommen hat.
„Ich hab dir doch gesagt, du sollst es gut sein lassen!“ ruft Bill. „Wir hatten in den beiden Taschen mehr als genug Geld!“ Jeff rauft sich die Haare. Er geht zum Fenster hin und läuft dann zur Tür. Dann schlägt er mit seiner Faust dagegen. Nach dem fünften Schlag fällt Bill ihm in den Arm.
„Du hattest recht! Ja, du hast recht gehabt. Wir hätten verschwinden sollen. Bill, du behältst die Kleine im Auge. Wenn etwas passiert, egal was. Wenn uns irgendjemand Ärger macht … legst du sie um“, sagt Jeff. Bill sieht seinen Bruder an. Doch Jeff meint es ernst. Mit einem letzten Blick auf seinen Bruder verlässt Bill das Zimmer und geht in den Wohnbereich zurück.
„Kommst du klar?“ fragt er an Jim gerichtet. Dieser nickt.
Seit ein paar Tagen haben die Clarence sich im Haus des Arztehepaares Johnson verschanzt. Sie haben sie gezwungen, ihre Brüder und Mitstreiter, Parker und Dexter, zu verarzten. Jetzt liegen die beiden in einem Zimmer und ringen noch immer mit ihrem Leben. Die drei Kinder der Johnsons, Peter, Jackson und Alice, sitzen auf Stühlen und werden von Jim in Schach gehalten. Gladys und Laramie, das Ehepaar, werden gerade von Jeff aufgefordert, noch einmal nach den Verwundeten zu sehen. Die beiden liegen im Bett und sehen aus, als würden sie keinen Tag mehr schaffen. Doch Laramie versichert Jeff, der seinen Revolver auf die beiden gerichtet hält, er habe die Wunden so gut es geht versorgt. Jeff Lässt die beiden aus dem Zimmer gehen und legt den Lappen, der neben dem Bett liegt, auf Parkers Stirn. Sie ist schweißnass und er regt sich schwach.
„Du wirst mir ja am Leben bleiben“, flüstert Jeff. Parkers Gesicht ist kreidebleich und Jeff sieht, dass er Schmerzen hat. Dann wendet er sich Dexter zu. Ihn hat es nicht ganz so schlimm erwischt wir Parker, dennoch ist auch er nicht ansprechbar. Jeff ergreift seine Hand und hält sie kurz. Dann erhebt er sich.
„Verrate es ja keinem. Ich bin immer noch derselbe Mistkerl von Bruder wie früher“, lächelt er und verlässt das Zimmer. Draußen wird er von Bill abgepasst, der ihn fragt, wie es den beiden gehe.
„Nicht besser aber auch nicht schlechter“, antwortet Jeff und geht in das Wohnzimmer. Dort fragt Jackson gerade, ob er eine Flasche Whiskey holen darf. Jim sieht zu seinen Bruder.
„Wende deinen Blick niemals zu lange vom Geschehen ab“, entgegnet Jeff. Dann sagt er an Jackson gewandt: „Drei Minuten.“ Der junge Mann verschwindet in der kleinen Kochstelle, die an das Wohnzimmer grenzt und kommt mit einer Whiskeyflasche und drei Gläsern wieder heraus. Er schenkt sich ein Glas ein und stellt die Flasche in die Mitte des kleinen Holztisches. Auf einmal meldet sich Laramie zu Wort. Er ist der diplomatischste in der Familie und hat das Talent, in jeder Situation die Ruhe zu bewahren.
„Darf ich etwas vorschlagen? Sie wollen Hilfe von uns. Wir werden Ihnen entgegenkommen, wenn Sie uns auch ein wenig entgegenkommen, daher wäre mein Vorschlag, Sie hören auf mit den Waffen da vor unserer Nase herumzufuchteln und wir versorgen Ihre Brüder“, sagt er. Jeff macht einen Schritt auf ihn zu, doch Jim hält seinen Bruder zurück.
„Jeff, wir sind zu dritt. Wie wollen wir das denn machen?“ Jeff denkt darüber nach. Dann sagt er:
„Ich lasse euch nicht aus den Augen, Jim hält sich für den Notfall bereit und weicht mir nicht von der Seite. Und Bill kümmert sich um den Rest. Wenn hier mal was erledigt werden muss oder wenn ihr Hilfe braucht.“
Von da an übernimmt Jeff die Überwachung der Familie Johnson während Bill sich um Parker und Dexter kümmert und einkaufen geht. Dieses mal allerdings möchte er sich etwas besonderes gönnen. Er geht zu Billys Gun and rifle Store, der sich ein paar Häuser neben dem Lebensmittelgeschäft befindet, um sich einen Derringer .41 Cat. zu besorgen. Er fühlt sich sicherer, wenn er eine Waffe als Reserve bei sich trägt, die er in seiner Jacke versteckt tragen kann. Der Verkäufer begrüßt ihn freundlich und fragt sogar, wie es seinen beiden Brüdern gehe, die man mehr tot als lebendig hergebracht hatte.
„Man kann noch nichts sagen, aber sie leben noch“, antwortet Bill. Dann fragt er nach dem Derringer. Der Verkäufer verschwindet kurz in einer Ecke und kommt wenig später mit der Taschenpistole wieder.
„Hier ist das gute Stück“, sagt er freudestrahlend und übergibt Bill die Waffe.
„Was macht das?“ fragt dieser, doch der Verkäufer winkt ab.
„Ach, nehmen Sie sie einfach mit. Wissen Sie, die Leute hier möchten Sie am liebsten alle gleich hier erledigen, aber solange Sie diese Leute da drinnen gefangen halten, wagt es niemand, einen von Ihnen auch nur ein Haar zu krümmen“, sagt der Waffenladenbesitzer. Bill lächelt höflich und verlässt den Laden. Dann klopft er an die Tür der Johnsons.
„Bill?“ fragt Jeff.
„Ja, ich bin es“, erwidert Bill und Jeff öffnet ihn. Drinnen zeigt Bill, was er gekauft hat und erzählt seinem Bruder von dem euphorischem Ladenbesitzer. Jeff lächelt kopfschüttelnd und sie gehen ins Wohnzimmer.
„Und Sie glauben, Sie können hier so einfach weg, wenn Ihre beiden Brüder wieder auf den Beinen sind?“ fragt Laramie und schenkt sich ein Glas aus der Flasche ein, die inzwischen fast leer ist. Jeff, der ebenfalls ein Glas Whiskey in der Hand hält, trinkt einen Schluck.
„Nein, wir werden einen von euch mitnehmen“, sagt Jeff und fährt sich durch das Haar. Bill entfernt sich von der Gruppe und geht in das Zimmer, in dem Parker und Dexter liegen. Parker gibt gerade einen stöhnenden Laut von sich und Bill geht zu ihm.
„Wie geht es dir?“ fragt er. Parker versucht etwas zu sagen, gibt es aber bald auf. Nach ein paar Minuten setzt er zu einem neuen Versuch an.
„Nicht … schlecht“, flüstert er. Bill kann ihm kaum verstehen und muss sich ganz nah zu Parker heran beugen. Dann flüstert Parker: „Dex?“
„Ihn hat es nicht so schwer erwischt“, antwortet Bill und setzt sich zu Dexter. Der lächelt schwach.
„Wie … läuft es bei … eu…“
„Ja. Wir haben alles im Griff“, sagt Bill leise. Dann füllt er die Schalen, die neben beiden Betten stehen, mit frischen Wasser nach.



Als die Kutsche an diesen Nachmittag in die Stadt gefahren kommt und vor dem Hotel hält, erkennt Mary sofort den Mann aus Fort John. Er trägt ein dunkelgraues Hemd, einen großen Sombrero und scheint sich in der Zwischenzeit rasiert zu haben. Um die Hüften hat er einen Patronengürtel geschnallt. Der Mann unterhält sich gerade mit zwei weiteren Männern.
Mary steigt aus und entfernt sich vom Trubel der Reisenden. Sie überquert die Straße, ohne den Mann mit dem Sombrero aus den Augen zu lassen. Wie hatte er noch einmal geheißen? Bill? Ja. Das war sein Name. Der Mann unterbricht sein Gespräch und sieht sie an. Mary wendet den Blick ab und läuft mit raschen Schritten auf die andere Straßenseite. Der Mann mit dem Sombrero, Bill, verabschiedet sich von den beiden anderen Männern und geht in Richtung Saloon. Noch einmal kreuzen sich ihre Blicke, dann fragt er:
„Kennen wir uns nicht?“ Mary weicht einen Schritt zurück und sieht an dem Mann mit dem Sombrero vorbei. Dann verschwindet er im Saloon.
„Die Schießerei im Fort John. Sie haben mir geholfen“, ruft Mary nach einer Weile und glaubt, der Mann könne sie nicht mehr hören, doch dann erscheint er mit einer Flasche Rotwein an der Flügeltür.
„Was tun Sie hier, Ma’m?“ fragt er. Mary sieht sich um. Einige der Leute scheinen sie zu beobachten. Auch der Mann mit dem Sombrero sieht auf die Straße hinaus. In diesen Moment kommen Leute, die in den Saloon wollen. Der Mann macht ihnen Platz und tritt zu Mary auf die Straße.
„Ich war mit meiner Familie unterwegs nach Kalifornien. Wir haben im Fort halt gemacht, um uns Proviant für die weite Reise zu beschaffen. Doch dann kam die Schießerei, mein Mann hatte sehr viel Geld bei sich gehabt. Ihm gehörten eine Reihe von Eisenbahngesellschaften, so hat er es jedenfalls immer erzählt. Und dann war da diese Schießerei. Mein Mann und … Mein Mann und meine beiden Kinder wurden erschossen.“ Mary beginnt zu weinen und sie zeigt ihm den Ehering, den sie während der gesamten Kutschfahrt in der Hand gehalten hatte. Der Mann mit dem Sombrero trinkt einen Schluck aus der Flasche.
„Was genau wollen Sie von mir? Oder von uns?“ fragt er. Mary atmet tief durch. Doch sie bringt keinen einzigen Ton zustande. Der Mann wiederholt seine Frage und da nimmt Mary all ihren Mut zusammen.
„Ich möchte mit ihm genau das tun, was er meinem Mann und meinen Kindern angetan hat“, sagt sie. Der Mann sieht sie fragend an. Dann scheint ihm etwas einzufallen und er wechselt das Thema.
„Sie sagten, Ihren Mann gehörten verschiedene Eisenbahngesellschaften. Glauben Sie ihm das nicht?“
Mary zögert, sie weiß nicht, ob sie ihm soviel aus ihrem Leben erzählen will. Deshalb sagt sie, sie wolle ihn nicht länger aufhalten und macht auf dem Absatz kehrt.

Als Mary zu dem Hutladen geht, denkt sie noch immer über ihr Gespräch mit dem Mann nach. Wieso hatte sie ihm gegenüber angedeutet, dass sie die Geschichte ihres Ehemannes nicht recht glauben mag?
Sie betritt den Laden und fragt den Verkäufer, ob dieser eine Hutschnur habe. Sie möchte den Ring als Kette um den Hals tragen. Der Verkäufer händigt ihr eine braune Schnur aus und fragt, ob ihr diese gefalle.
„Wenn Sie möchten, suche ich Ihnen eine schönere. Es lässt sich bestimmt noch etwas finden“, sagt er. Mary lehnt dankend ab und bezahlt. Draußen werden Stimmen laut.
„Lassen Sie uns durch!“ ruft ein Mann und Mary tritt auf die Straße.
„Und das Leben der Familie Johnson gefährden? Nein, meine Herren. Solange ich Sheriff dieser Stadt bin, werde ich auch dafür sorgen, dass jeder Bürger sicher ist“, erläutert der Sheriff. Die Männer, die sich zu einem Mob zusammengefunden haben, beginnen aufgeregt durcheinander zu rufen und der Sheriff hat Mühe, die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Mary geht an ihnen vorbei und sieht fünf Pferde vor einem Haus stehen. Und dann sieht sie den Mann mit dem großen Sombrero auf das Haus zulaufen. Die Männer hinter ihr fangen an zu rufen, er und seine Bande könnten froh sein, dass sie einen Feigling als Sheriff hätten. Der Mann sieht kurz zu der kleinen Gruppe rüber und erneut begegnet er ihrem Blick. Doch dieses mal bleibt er unbeeindruckt und ohne einen weiteren Blick auf das Geschehen zu werfen verschwindet er im Haus. Die Hilfssheriffs versuchen derweil, die aufgebrachte Menge im Zaum zu halten.
„Wir werden sie uns holen“, ruft ein weiterer Mann.
„Dass du das wirst, das weiß ich, Carl. Jeder weiß um deine Geldsorgen“, kontert einer der Hilfssheriffs. Der Mann greift nach seinen Colt, scheint es sich dann aber anders zu überlegen.
„Wenn dann wenigstens etwas Gutes bei rumkommt, lasse ich mir so etwas sehr gerne unterstellen“, sagt er und drängt sich nach vorne. Inzwischen haben sich zahlreiche Schaulustige versammelt, um die Männer aus dem Mob anzufeuern. Langsam spitzt sich die Lage zu und es fallen Schüsse.
„Jetzt oder nie!“ ruft jemand.
„Auge um Auge, Zahn um Zahn!“ ruft jemand anderes. Mary läuft zu den Schaulustigen, um sich in Sicherheit zu bringen. Sie befürchtet, die Männer könnten in jeden Moment auf die Straße stürmen. Derweil haben sich weitere Männer dem Mob angeschlossen und versuchen, an dem Sheriff und seinen Leuten vorbeizukommen. Dann stürmt jemand mit gezücktem Revolver auf das Haus zu und abrupt bleibt stehen, als zwei Männer raustreten. Sie haben zwei weitere Personen bei sich und halten ihnen ihre Waffen an den Kopf.
„Ihr wollt uns holen!? Dann versucht es!“ ruft einer der Männer. Sofort wird es still.
„Wir werden jetzt wieder hineingehen! Wenn wir auch nur einen Laut hören, gibt’s hier Tote!“ sagt der andere und geht mit seinen Begleiter langsam wieder ins Haus zurück.
„Eines Tages werden wir euch kriegen, ihr Bastarde“, sagt ein Mann neben Mary. Der Sheriff wendet sich an die Schaulustigen und fordert sie auf, nach Hause zu gehen. Langsam löst die Menge sich auf und Mary zieht sich in das Restaurant der Stadt zurück. Es ist eine einfache Konstruktion, die aus einem Holzgerüst und einem Dach aus irgendeinem Tierfell besteht. Hier überlegt sie zum ersten Mal, ob es richtig gewesen ist, hierher zukommen. Sie sieht zu dem Ring, den sie nun als Kette um ihren Hals trägt und denkt an das, was eben auf der Hauptstraße passiert ist. Dann reißt sie der Kellner aus ihren Gedanken.

Die erste Gelegenheit für Mary, diesen Leuten näher zu kommen, bietet sich drei Tage später, als zwei von ihnen in die nächste Stadt wollen, um Medikamente zu holen, die die Johnsons nicht mehr vorrätig haben. Nur schüchtern nimmt sie Bills Angebot an, obgleich sie mit jeder Faser ihres Körpers danach verlangt. Jeff ist dagegen. Er meint, sie könne ihnen die gesamte Stadt auf den Hals hetzen, wenn sie wollte und besteht deshalb darauf, Mary die ganze Zeit über, während seine beiden Brüder weg sind, selber zu überwachen.
„Du bleibst bei ihnen, komme, was wolle“, sagt Jeff und führt Mary in das Zimmer von Parker und Dexter. Der Zustand der beiden ist unverändert und Mary setzt ich an Parkers Bett. Sie möchte Jeff fragen, wer das sei, doch dieser ist schon weg. Deshalb versucht sie, Parker direkt zu fragen.
„Lassen Sie sich ruhig Zeit“, sagt sie und wartet geduldig darauf, dass der Mann in der Lage ist zu antworten. Nach einer kleinen Ewigkeit sagt er schließlich:
„Parker. Sie?“ Mary sieht die Schale mit dem Lappen auf den Nachttisch liegen und befeuchtet ihm die Stirn.
„Ich heiße Mary. Ihr Bruder sagte, ich solle während der Zeit, in der er alleine ist, auf Sie beide aufpassen.“ Der Mann im Bett lächelt schwach. Dann erschlafft sein Körper vor Erschöpfung. Mary schiebt vorsichtig die Bettdecke beiseite. Der Körper des Mannes ist mit einem großem Verband versehen, und Mary sieht weitere Verbände an seinem Körper.
„Nicht“, stöhnt der Mann. Mary lässt von ihm ab.
„Tut mir leid“, sagt sie hastig und befeuchtet ihm erneut die Stirn. „Haben Sie schon gegessen?“
„Nein“, flüstert er nach einer Weile. Mary ruft Jeff zu sich. Dieser erscheint Augenblicke später an der Tür. Da diese nicht zu ist, kann er sie vom angrenzendem Wohnzimmer aus gut hören.
„Sie haben Hunger“, sagt Mary. Jeff nickt und kurz darauf hört Mary ihn fragen, ob jemand etwas zu Essen machen kann.
„Ich mach schon“, sagt eine Frauenstimme. Parker zieht Mary zu sich.
„Was machen … Sie … hier?“ fragt er und verzieht vor Schmerzen das Gesicht. Mary erzählt ihm ihre Geschichte. Auf einmal hört sie Jeff rufen. Schüchtern kommt sie aus dem Zimmer.
„Ja?“ sagt sie und geht zu Jeff, der neben der kleinen Kochstelle steht, um beide Zimmer im Auge zu haben. Der drückt Mary seinen Colt in die Hand.
„Du kannst ihn jetzt gegen mich wenden. Du kannst sogar die Leute hier raus holen wenn du willst, aber ich muss mal und ich kann’s nicht mehr halten und du bist uns bis hier her gefolgt, also: du nimmst den Colt und passt auf, dass hier niemand aus der Reihe tanzt. Mary, Bill und Jim sind noch da, solltest du …“
„Werde ich nicht“, unterbricht sie ihn. Jeff dreht sich demonstrativ um und verlässt langsam, aber sehr angespannt das Wohnzimmer. Mary atmet tief durch. Laramie sieht sie hoffnungsvoll an.
„Sie haben doch nichts damit zu tun“, sagt er. Mary berührt den Ring um ihren Hals und schluckt. Sie spürt den Schweiß, der sich unter ihren Achseln bildet. Und sie hört ihren Herzschlag. Mary versucht, sich darauf zu konzentrieren. Sie versucht, ruhig zu atmen.
„Sie haben nichts damit zu tun“, wiederholt Laramie und geht langsam auf sie zu.
„Bleiben Sie stehen“, flüstert Mary und denkt an Jack, ihren Ehemann. Als Laramie nicht hören will, richtet sie die Waffe auf ihn.
„Bleiben Sie stehen“, wiederholt sie ein wenig lauter. Abrupt bleibt Laramie stehen und sieht sie ungläubig an. In diesen Augenblick kommt Jeff wieder und Mary drückt ihm den Revolver in die Hand.
„Fragen Sie mich ja nie wieder nach so etwas“, sagt sie und läuft an ihm vorbei. Jeff drängt Laramie auf das Sofa zurück und nimmt wieder seinen Platz neben der Kochstelle ein.

Am Abend zwingt Jeff die Familie Johnson in das obere Stockwerk. Er fordert Gladys auf, ihre Familie mit Propofol zu betäuben, dass er aus dem Medizinschrank genommen hat. Dann sagt er Mary, sie solle Gladys betäuben. Nachdem dies geschehen ist, fesselt er sie mit einer Hand an das Bett und verriegelt die Zimmertüre. Dann wendet er sich Mary zu. Sie gehen in ein Nebenzimmer und als Jeff auch sie betäuben möchte, bittet sie ihm, ihr einen Augenblick zuzuhören. Jeff setzt sich auf eines der Betten, den Revolver noch immer in der Hand.
„Ich bitte Sie, mich anzuhören“, beginnt sie. Jeff bleibt geduldig sitzen und Mary nimmt sich einen Stuhl, der an einer Ecke am Fenster steht.
„Als Sie mir am Fort geholfen haben, als Bill mir geholfen hat und mir den Lappen auf die Stirn gelegt hat, da dachte ich, mein Leben wäre zu Ende. Ich verkaufte die Sachen und den Planwagen und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Ihr Bruder hat Ihnen von seiner Begegnung hier mit mir erzählt?“
„Ja. Er erzählte mir auch, weshalb du hier bist“, erwidert Jeff. Dann fährt Mary fort:
„Unsere Begegnung im Saloon war zufällig, ich wusste nicht, dass ich Sie dort treffen würde. Michael Fisher brachte mich dann in die nächste Stadt. Er sagte, Sie wären damals zusammen geritten“, Mary lächelt.
„Das stimmt. Wir waren Nachbarskinder“, entgegnet Jeff und steckt seine Waffe weg.
„Ich bin kein Feind“, sagt Mary. „Ich will den Mann kriegen, der meine Familie getötet hat. Alleine schaffe ich das nicht.“ Jeff denkt darüber nach, dann sagt er:
„Aber was wäre, wenn es einer von uns getan hätte? Dann wärst du wegen etwas anderem hier, stimmt’s?“ Mary schweigt. Dann legt sie sich in das Bett und deckt sich zu.
„Das hier brauche ich wohl nicht, aber ich würde trotzdem gerne auf Nummer sicher gehen“, sagt Jeff und holt das Propofol aus seiner Tasche. Mary verzieht keine Miene.
„Wenn Sie einen Beweis brauchen, dass ich Sie nicht hintergehe, tun Sie es“, sagt sie. Jeff befeuchtet ein Tuch und drückt es Mary an die Nase. Als sie schläft, nimmt er die letzte Fessel, doch er zögert. Dann fesselt er auch ihren Arm an den Bettpfosten.



Als Jeff an diesen Morgen ins Zimmer kommt und Mary losbindet, ist diese ein wenig entrüstet darüber, das er ihr offensichtlich noch viel weniger vertraut, als sie anfangs glaubte. Doch Jeff erklärt ihr, er habe seinen Brüdern immer gepredigt, niemanden zu vertrauen und er wäre kurz davor gewesen, sein eigenes Wort zu brechen. Dann folgt sie ihm hinunter und Jeff lässt Mary mit Parker und Dexter alleine. Ein wenig später kommt Familie Johnson die Treppe hinunter und Mary hört, wie sich jemand an der Kochstelle zu schaffen macht. Dann frühstücken sie. Jeff steht ein wenig abseits und trinkt eine Tasse Kaffee. Sein Blick ist aufmerksam und fokussiert wie immer. In der Hand hält er seinen Revolver.
„Wie schaffen Sie es, immer so wach zu sein?“ fragt ihn Mary. Jeff lächelt kaum merklich.
„Das kommt daher, weil uns nie etwas anderes übrig geblieben ist“, erwidert er.
„Sie hätten sich für ein anderes Leben entscheiden können. Stattdessen wollten Sie lieber töten“, fährt ihn Laramie an. Jeff übergeht diese Bemerkung und trinkt einen Schluck Kaffee. Nach dem Frühstück versorgt Mary die beiden im Bett liegenden Brüder. Sie gibt ihnen Kaffee, wobei sie sie vorsichtig aufrecht hinsetzt und ihnen die Tasse an die Lippen hält. Mary bemerkt, dass die beiden nicht mehr so verschwitzt sind wie zu Anfang. Ihr fällt auch auf, dass sie nicht mehr so schwach sind wie noch vor einem Tag, obgleich sie noch immer einen ziemlich schlappen Eindruck machen und Schmerzen haben. Jeff erscheint an der Tür und fragt Mary, ob sie noch einmal bereit wäre, den Colt an sich zu nehmen.
„Ich will bei meinen Brüdern sein“, fügt er hinzu. Mary erhebt sich langsam und geht zu ihm. Jeff übergibt ihr seine Waffe und sie verlässt das Zimmer. Als Mary im Wohnzimmer ist, stellt sie sich, genau wie Jeff, vor den Johnsons. Dieses mal ist sie mutiger.
„Können Sie überhaupt damit umgehen?“ fragt Laramie.
„Wollen Sie es ausprobieren?“
Diese Worte kommen schärfer aus ihrem Mund als sie dachte. Doch Mary hatte keine Angst dabei empfunden, sie auszusprechen.
„Schämen Sie sich“, sagt Laramie, doch Gladys stößt ihren Mann leicht in die Seite. In diesen Moment kommt Jeff aus dem Zimmer.
„Kann ich dich erlösen?“ fragt er. Mary läuft zu ihm und stößt ihn vor die Brust, dieser taumelt ein paar Schritte zurück, doch Mary stößt ihn erneut vor die Brust. Dann nimmt Jeff ihr die Waffe ab und richtet sie blitzschnell auf Laramie, der auf sie zugekommen ist.
„Zurück“, sagt er. Laramie weicht zurück und setzt sich wieder aufs Sofa. Mary öffnet die Haustür und verlässt fluchtartig das Haus der Familie Johnson. Aufgelöst läuft sie die Straße entlang und bleibt schließlich vor einem Schaufenster stehen. Sie sieht ihr Spiegelbild und Tränen laufen ihr übers Gesicht. Dann setzt sie sich vor das Johnson-Haus und bleibt sitzen, bis es Abend wird. Und irgendwann setzt Jeff sich neben sie.
„Du hast recht. Und du hast auch damit recht, dass du kein Feind bist. In Abilene stand ich genauso vor einem Gewissenskonflikt, na ja, es war viel mehr die Gewissheit, dass es für mich kein Zurück mehr geben kann“, sagt Jeff. Mary sieht ihn an. Dann fährt Jeff fort: „Wir waren nach Abilene gekommen, um dort zu rasten, wir wollten in die Rocky Mountains. Zu der Zeit hatten wir schon die ersten Überfälle begangen, es war also nur eine Frage der Zeit, bis es den ersten Toten gegeben hätte. Wir machten in einem Saloon halt und blieben bis zum späten Abend dort. Irgendwann musste ich vor die Tür, weil mir alles zu viel wurde und da habe ich einen jungen Mann gesehen, der seinen Sattel zurechtzurücken schien. Ich nahm meinen Colt und zielte auf ihn, nur so. Doch dann passierte etwas in mir, ich hatte den Impuls, abzudrücken. Ich wollte die Waffe wieder wegstecken, doch es war stärker als ich. Ich hatte schon einmal beobachtet, wie Männer auf Männer schossen und hab’s auch getan. Ich schoß und der Mann ging zu Boden. Die anderen kamen herausgestürmt und sahen mich mit der Waffe in der Hand, dann sahen sie den Toten vor dem Saloon.“ Mary sieht in die Nacht hinaus.
„Ich dachte, Sie kämen aus Kentucky“, sagt sie. Jeff sieht sie überrascht an. Dann fragt er:
„Hat Michael dir das erzählt?“
„Ja.“
„Wir wollten nach Texas, weil wir in den echten Wilden Westen wollten. So haben wir es uns immer ausgemalt. Du musst wissen, wir waren noch sehr jung als wir los sind. Damals dachte keiner von uns daran, Banküberfälle zu machen“, entgegnet Jeff. Mary sieht ihn an.
„Aber?“
„Wir haben auf Ranches gearbeitet, als Cowboys und wir haben sogar versucht, unseren eigenen Saloon zu führen“, lacht Jeff. Dann wird er ernst. „Doch wir wussten auch nicht, wie man einen Saloon führt. Was machen junge Männer also, die nichts wissen und Geld zum Leben brauchen? Sie arbeiten bei irgendeinem Farmer und kaufen von dem Geld einen Revolver“, sagt Jeff.
„Wieso reiten Sie nicht mehr mit Fisher?“, fragt Mary auf einmal. Jeff sieht sie das erste Mal seit ihren Gespräch an.
„Als diese Sache mit Abilene passierte, wollte er nichts mehr mit uns zu tun haben. Er sagte, er sei alles aber kein Mörder. Seit unserer Begegnung mit dir im Saloon haben wir ihn nicht mehr zu Gesicht bekommen“, erwidert Jeff. Dann sagt er: „Wie hat er geklungen, als er dir erzählt hat, dass er uns kennt?“
„Er hat es nicht ohne Stolz erzählt“, entgegnet Mary. Jeff lacht.
„Die berühmten Outlaws möchte jeder kennen“, sagt er und erhebt sich. Er fragt Mary, ob sie mit rein kommen möchte. Sie sagt zu und trinkt zum ersten Mal in ihrem Leben Whiskey.

Mary wacht im Wohnzimmer auf. Sie liegt auf dem Sofa und hält eine Whiskeyflasche umklammert.
„Hier“, sagt Jeff und stellt ihr eine Tasse mit Kaffee auf den Tisch. Mary dreht sich zu ihm um und stellt die Flasche auf den Tisch. Auf ihm stehen zwei Gläser und eine noch fast volle Whiskeyflasche.
„Oh, was war den hier los?“ fragt sie. Jeff lächelt und setzt sich auf den Sessel neben den Tisch.
„Ja, du wirst bestimmt ein guter Outlaw“, lacht er. Mary vergräbt ihr Gesicht in den Händen.
„Hören Sie bloß auf“, sagt sie.
„‚Shotgun Jane, der Schrecken der Prärie‘“, zieht Jeff sie auf und Mary hält sich die Ohren zu. Dann springt sie auf.
„Die Toilette“, sagt sie. Jeff führt sie hin und Mary übergibt sich. Dann lässt sie sich von Jeff wieder ins Wohnzimmer führen.
„Jane gefällt mir“, grinst Jeff. Mary wirft ihm einen finsteren Blick zu.
„Ich war betrunken“, sagt sie. Jeff hebt die Hände.
„Schon gut, schon gut“, sagt er. Dann fängt er wieder zu grinsen an. Mary setzt sich auf das Sofa und trinkt einen Schluck Kaffee. Dann lacht auch sie. Nach einer halben Stunde fühlt sie sich besser und geht zu Parker und Dexter. Jeff räumt auf und holt die Johnsons aus dem oberen Stockwerk.
„Man konnte Sie beide bis oben hören“, beschwert Laramie sich.
„Sehr oft wird so etwas nicht vorkommen“, hört Mary Jeff sagen.
„War das die Frau da, die ich gehört habe?“ fragt Peter verblüfft. Jeff geht nicht darauf ein, sondern sagt ihnen lediglich, sie sollen ins Wohnzimmer gehen. Bei der ersten Gelegenheit bedankt Mary sich bei ihm.
„Keine Ursache, Jane“, lächelt Jeff. Mary gibt es auf, sich darüber zu ärgern und gewöhnt sich selbst daran, von Jeff scherzhaft „Shotgun Jane“ genannt zu werden.

Sie wiederholen das noch einmal und vergessen dabei, dass Mary nur da ist, um Jeff während der Abwesenheit seiner Brüder unter die Arme zu greifen. Und als Jim und Bill wiederkommen, tut es Jeff fast schon weh, Mary gehen zu lassen. Doch sie unterstützt sie weiterhin.
Parker und Dexter befinden sich bald auf den Weg der Besserung und machen irgendwann sogar kurze Spaziergänge durch die Stadt. Mary hilft wo sie kann und bald sind die Clarence wieder kurz davor weiterzuziehen. Mary bittet Jeff, sie mitzunehmen.
„Du bist nicht soweit“, erwidert er als sie einen Abschiedsspaziergang durch die Stadt machen. Mary bleibt vor einem Bekleidungsgeschäft stehen.
„Meinst du?“ fragt sie und sie gehen hinein. Sie sucht sich ein grauen Kleid aus und bezahlt es. Dann kauft Jeff ihr im Hutgeschäft einen Cowboyhut. Doch er zweifelt.
„Weißt du wieso man keine Greenhorns mitnimmt? Weil sie einen aufhalten. Sie müssen schießen lernen, flüchten und sie müssen sofort bereit sein“, sagt Jeff als sie wieder auf der Straße sind. Mary nimmt den Hut und schaut ihn sich an.
„Dann zeig es mir“, sagt sie. „Bring es mir bei. Bring mir bei, wie man schießt und wie man flüchtet.“


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