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Das Mittelerde-Alphabet - Adventskalender 2021

Kurzbeschreibung
SammlungAllgemein / P6 / Gen
01.12.2021
30.11.2022
37
30.532
8
Alle Kapitel
68 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
24.11.2022 816
 
Hier kommt noch ein Wunschkapitel für Wolfhild! :)

***

Rauchende Trümmer. Zerstörte Tore. Eingestürzte Mauern. Verwüstete Straßen.
Der Anblick, den die Stadt Thal bot, war erschütternd. Da war nichts mehr von der Pracht und Kunstfertigkeit zu sehen, die noch vor wenigen Wochen überall erstrahlt war.
Dabei war Thorin Steinhelm, wie man ihn nannte, dieser Anblick vertraut. Er hatte die Ruinen von Thal gesehen, bevor man es wiederaufgebaut hatte. Schließlich war die Stadt bereits einmal zerstört worden - damals, als das Verderben in Gestalt des Drachen Smaug über den Norden von Rhovanion hereingebrochen war. Dieser hatte Menschen wie Zwerge aus ihrer Heimat vertrieben und es sich dann auf den Schätzen des Zwergenkönigreiches Erebor gemütlich gemacht. Das war beinahe hundert Jahre vor Thorins Geburt geschehen.
Doch Smaug konnte schließlich vernichtet werden und die Zwerge kehrten zum Erebor zurück. Zunächst jedoch hatten sie sich in der Schlacht der fünf Heere gegen eine Streitmacht von Orks behaupten müssen. Thorin hatte als junger Zwerg in dieser Schlacht gekämpft und nach ihrem Sieg reichlich Gelegenheit gehabt, die Ruinen von Thal zu betrachten. Doch es waren nicht lange Ruinen geblieben. Während der Herrschaft von König Dain II, Thorin Steinhelms Vater, war wieder Leben in die Stadt eingekehrt. Die Nachkommen der Menschen, die der Drache einst von dort vertrieben hatte, bauten die Stadt wieder auf. In einigen Jahrzehnten war aus diesem Flecken Erde voller Ruinen eine wichtige Handelsstadt geworden.

Nun lag diese Stadt wieder in Trümmern. Doch es würde einen zweiten Wiederaufbau geben, auch wenn es im Moment nicht danach aussah, da war Thorin sich sicher. Die Menschen waren doch ein bemerkenswertes Volk. Kurzlebig zwar, aber in der Lage, in der rasch vergehenden Spanne ihres Lebens Beeindruckendes zu leisten. Und die Menschen, die es mit den lebensfeindlichen Bedingungen hier im Norden aufnahmen, waren in besonderem Maße zäh. Schon bald würde die Stadt wiederum mit Leben erfüllt sein, wenn die Menschen, die sich während der vergangenen Tage gemeinsam mit den Zwergen im Erebor verschanzt hatten, wieder zurückkehrten.
Aber es würde länger dauern, bis auch das Lachen wieder in diese Mauern zurückkehrte. Zu viele hatten in der Schlacht, die hier getobt hatte, ihr Leben verloren. Zu viele Familien hatten Verluste zu betrauern.
Aber es war ihnen gelungen, dem Feind zu widerstehen, und deshalb konnte es einen Neuanfang geben, in Thal ebenso wie im Erebor. Nein, nicht konnte. Es musste einen Neuanfang geben, denn das Alte war nicht mehr.

"Woran denkst du, König Thorin?"
"An diesen Titel muss ich mich erst noch gewöhnen. Ich schätze, dir geht es ebenso, König Bard?"
Der junge Mann neben ihm zuckte unbehaglich mit den Schultern, die Augen voller Trauer.
"Ich weiß nicht, ob ich mich jemals daran gewöhnen werde. Ich hätte nie damit gerechnet, dass das geschehen würde. Es kam alles so plötzlich."
"Keiner von uns beiden hat damit gerechnet, in dieser Schlacht den Vater zu verlieren", wandte Thorin ein. "Und doch ist es geschehen."
"Und nun?", fragte Bard. "Nun stehen wir hier, König Thorin und König Bard, vor den Fußstapfen unserer Vorfahren, und wissen nicht, wie wir ihnen jemals gerecht werden sollen. Schon allein die Namen, die man uns gegeben hat! Man wird Nummern hinanhängen, um uns von unseren Vorgängern unterscheiden zu können!"
Darüber musste Thorin unwillkürlich lachen. Es war ein echtes, brummiges Lachen, aber verschämt und unwirsch, als wolle es eigentlich gar nicht heraus. Es fühlte sich falsch an, so kurz nach dem Tod seines Vaters einfach wieder zu lachen, doch Thorin konnte nicht anders.
Bard stimmte in das Lachen mit ein, wurde jedoch rasch wieder ernst und sagte:
"Du hast meine Frage nicht beantwortet. Woran hast du gedacht, bevor ich aufgetaucht bin?"
"Ich dachte an einen Neuanfang. Wir alle", er machte eine Geste, die nicht nur sie beide, sondern auch Thal und den Erebor mit einschloss, "haben schreckliche Verluste erlitten. Aber unsere Väter haben ihr Leben dafür gegeben, dass unsere Völker nicht zugrunde gehen. Sie haben alles dafür getan, dass wir dort weitermachen können, wo sie aufgehört haben. Sie haben dafür gekämpft, dass wir hier weiter in Freiheit leben können. Also sollten wir genau das tun."
Er sah Bard in die Augen.
"Der Erebor ist eine Festung, die nur belagert wurde. Aber Thal liegt in Trümmern. Du kannst dich auf die Zwerge vom Einsamen Berg verlassen. Wir werden dabei helfen, diese Stadt wieder aufzubauen."
Bard erwiderte seinen Blick, unverkennbar gerührt, und legte Thorin eine Hand auf die Schulter.
"Ich danke dir, mein Freund. Die Schlacht ist gewonnen. Doch wir wollen weiter Seite an Seite stehen, wie wir es getan haben, als wir unsere Feinde von hier vertrieben haben!"

Thorin III lächelte und nickte. Schon immer waren die Zwerge vom Erebor und die Menschen von Thal einander in Freundschaft verbunden. Doch an diesem Tage war aus dieser Verbindung ein festes Band geworden, das einem Sturm standhalten konnte.
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