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Das Erbe der schwarzen Magier II - Der Feind in ihrer Mitte

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Rothen Regin Sonea
01.12.2021
26.04.2022
13
132.150
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01.03.2022 12.202
 
Kapitel 7 – Von Sturheit und Jähzorn



Begleitet von einem Schrei, der sowohl von außerordentlicher Anstrengung als auch von außerordentlichem Zorn sprach, prallte Linas Übungsschwert auf das Soneas. Überrascht von der Wucht wich Sonea einen Schritt zurück, bevor sie zum Gegenschlag ausholte. Sie war kraftvolle Hiebe von Männern wie Regin und Akkarin gewöhnt. In ihrem Zorn konnte Lina sich mit ihnen messen und Sonea begriff, dass sie ihre Strategie anpassen musste.

Aber ein wütender Gegner ist auch leichter auszutricksen.

Sonea täuschte ein Ausweichmanöver zur Seite an, und als Lina ihr in diese Richtung folgte, hechtete sie vorwärts und traf Linas Schulter. Dem Mädchen entfuhr ein rüder Fluch.

Will ich sie wirklich austricksen?, fragte Sonea sich. Oder soll ich ihr Befriedigung verschaffen?

Aber vermutlich würde Lina bemerken, wenn ihre Lehrerin eine Niederlage vortäuschte. In diesem Zustand konnten Tricks eher dafür sorgen, dass Lina noch wütender wurde. Sich ins Gedächtnis rufend, was Akkarin in solchen Situationen tat, hätte Sonea beinahe laut aufgelacht.

Als Lina erneut angriff, parierte Sonea den Angriff nur. Lina holte aus und ihre Klingen prallten erneut aufeinander. Im Dämmerlicht des Domes waren die Funken deutlich sichtbar.

„Lass deinen Ärger raus, Lina“, sagte Sonea. „Stell dir vor, wie du mich in Stücke hackst, wenn dir das hilft. Oder dass ich Sanina oder Alia wäre.“

Ein Muskel an Linas Mundwinkel zuckte. „Mit Vergnügen.“ Mit einem Aufschrei hob sie ihr Schwert und machte einen Satz auf Sonea zu. Anstatt Linas verwundbare Vorderseite anzugreifen, leitete Sonea den Angriff zur Seite ab. Lina brüllte erneut, ob aus Ärger oder dem unangenehmen Gefühl, das Soneas Manöver auf ihre Arme ausübte, hätte Sonea nicht sagen können. Lina wirbelte herum und holte aus. Sonea bewegte sich in die Richtung, in der sie den Angriff erwartete und ihre Schwerter prallten erneut aufeinander.

Während der nächsten Minuten verfolgten sie einander in einem Wirbel schwarzer und brauner Roben durch den Dome. Sonea achtete darauf, ihrer Novizin keine Zielfläche zu bieten, und beschränkte sich auf gelegentliche, subtile Provokation, die Lina dazu verführen sollten, sich zu verausgaben. Daran, wie Lina immer öfter ihr Schwert sinken ließ, wenn sie außer Reichweite war, konnte Sonea sehen, dass ihre Novizin allmählich müde wurde. Besser, sie brachte das hier bald zu Ende. Was nützte es, wenn Lina zwar nicht ihre Magie verbrauchte, aber dafür im Unterricht einschlief, weil sie es übertrieben hatte?

„Wirst du schon müde?“, fragte Sonea. „Oder ist dein Zorn verraucht?“

„Ich kann noch eine ganze Weile“, grollte Lina und ihre Angriffe gewannen wieder an Wildheit. Sonea ließ zu, dass das Mädchen sie vor sich hertrieb, und wich nur aus, wenn sie der Wand zu nahe kam. Dann machte Lina ein paar rasche Angriffe und Soneas Rücken stieß unerwartet gegen die Wand.

Ihre Schwerter verkeilten sich und der Kampf kam zum Stillstand. Lina drückte mit aller Macht gegen Soneas Klinge und Sonea drückte zurück. Aus Linas Kehle drang ein Grollen. Wenn sie zurückzog, würde Sonea sie treffen. Die Wand verhinderte indes, dass Sonea ihre Waffe zurückziehen konnte. Schweiß perlte über ihre Stirn und ihren Rücken. Auch auf Linas Stirn glitzerten Schweißperlen, ihr Gesicht war rot und verzerrt vor Zorn und Anstrengung.

Ich bin gespannt, wie lange Lina das durchhält, überlegte Sonea. Die Kraft, die das Mädchen aufbrachte, war enorm. Die nächsten Tage würde sie ihre Arme wahrscheinlich kaum bewegen können. Auch Soneas Arme hatten zu zittern begonnen. Selbst Akkarin und Regin setzten ihre Kraft beim Schwertkampf nicht in diesem Extrem ein.

Von draußen ertönte gedämpft der Gong zur ersten Unterrichtsstunde. Sonea nutzte Linas kurze Ablenkung und drückte ihr Schwert mit einer raschen Bewegung zur Seite und nach unten.

„Aahh!“, entfuhr es Lina. Das Schwert fiel ihr aus der Hand und sie sank zu Boden.

Sonea ging neben ihr in die Hocke. „Bist du verletzt?“

„Nein.“ Lina presste die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen. „Es hat nur sämtliche Muskeln in meinem Arm verdreht.“

„Bis zu unserer nächsten Stunde wirst du es kaum noch spüren“, sagte Sonea. „Geht es dir jetzt besser?“

„Nicht wirklich“, grollte Lina.

„Möchtest du darüber reden?“

„Da gibt es nichts zu reden.“

„Wieder Sanina und Alia?“

„Was sonst? Sie sind doch an allem schuld.“

„Nun“, sagte Sonea. „Dann ist es an dir, dich ihnen gegenüber zu behaupten. Aber nicht, indem du dich mit ihnen prügelst. Mach ihnen klar, dass du dir ihre Gehässigkeiten nicht gefallen lässt.“

„Als ob das jetzt noch etwas ändern würde!“

„Es ist nie zu spät“, erwiderte Sonea zuversichtlich und fühlte sich innerlich schlecht. Sie musste es Lina sagen, aber solange Lina nicht zur Vernunft kam, würde das nach hinten losgehen. Wie sollte sie dieses Wissen bis nach den Prüfungen mit sich herumtragen? War sie überhaupt fähig, einen Novizen zu unterrichten und zu guten Werten zu erziehen?

„Wie auch immer“, grollte Lina. „Ich muss zum Unterricht.“ Damit erhob sie sich, verneigte sich kurz vor Sonea und stapfte zum Ausgang.

Sonea blieb eine Weile auf dem Boden sitzen. Allmählich beruhigte sich ihr Puls. Ihre Arme zitterten noch immer. Ich sollte mich frischmachen, dachte sie. Ihr Unterkleid klebte unangenehm kalt an ihrer Robe. Ihr Haar war zweifelsohne zerwühlt. Doch sie würde den gesamten Vormittag theoretische und praktische Kriegskunst unterrichten.

„Nun, dann werden sie gleich ein lebendes Beispiel dafür sehen, was Kämpfen einem Krieger ohne Magie abverlangt“, murmelte sie und stand auf.

Das war in jedem Fall ein angenehmerer Gedanke, als darüber nachzudenken, was Lina bis zum Mittagessen in ihrem Zorn anstellen mochte. Oder wann und wie Sonea dem Mädchen ihre Entscheidung beibrachte.


***


Für gewöhnlich hatte Cery nur selten Anlass, die Südseite, wie der an das Süd- und Westviertel grenzende Teil der Hüttenviertel genannt wurde, aufzusuchen. Das Gebiet war kleiner als die Nordseite und gehörte bis auf den Bereich nahe der Märkte, für den Sevli zuständig war, zu Zills Zuständigkeitsbereich. Dazu gehörte auch der Hafen, an dem Sevli noch nie Interesse gezeigt hatte.

An diesem Tag reiste er den kompletten Weg über die Straße der Diebe. Krinn hielt sich an seiner Seite wie ein Schatten. Cery hätte lieber Lana mitgenommen, die mit ihrem unschuldig wirkenden Aussehen weniger auffiel, doch das Mädchen war mit Morren zum Patrouillengang eingeteilt. Cery fand es albern, so viel Vorsicht walten zu lassen, doch für den unwahrscheinlichen Fall, dass er einem von Rashyks Leuten begegnete, wollte er kein unnötiges Risiko eingehen. Rasiert und mit den halblangen Haaren im Nacken zusammengebunden, musste man indes sehr genau hinsehen, um in ihm Kallin, den Handwerksgehilfen zu erkennen. Der nicht ganz billige Mantel tat sein Übriges.

Es war ein langer Marsch auf die andere Seite der Stadt und Cery kam nicht umhin zu denken, dass sie per Pferd schneller gewesen wären. In seinen beiden Büros wartete Arbeit auf ihn. Was das Wachhaus betraf, so hatte er den Teil der Fälle, der gesetzeskonform gelöst wurde, an Correl delegiert, während die übrigen an Zavako gegangen waren. Cery mochte es noch immer nicht, den Mann in seine Diebesangelegenheiten hineinzuziehen, doch nachdem der Nachtschatten gefasst worden war, hatte Zavako sich seine Entscheidung nicht mehr ausreden lassen.

„Du bist keiner von den Dieben, die die Leute in dieser Stadt ausbeuten, Ceryni“, hatte er gesagt. „Solange du das bleibst, werde ich dir helfen, deine Aktivitäten vor der Stadtwache zu verbergen.“

Nach dem Verlust Gols hatte Cery sich unfähig gesehen, die Loyalitätsbekundung des Sachakaners zurückzuweisen. Er konnte Leute wie Zavako dringend gebrauchen. Und somit war Zavako in den vergangenen zwei Jahren zu seinem Stellvertreter aufgestiegen. Hin und wieder spielte er auch Leibwächter für Cery. Allerdings fühlte Cery sich damit wohler, diese Aufgabe unter Zavako, Krinn und Lana aufzuteilen. Auch das war eine Folge von Gols Tod. Starb einer dieser Drei in Erfüllung seiner Aufgabe, so hatte Cery immer noch die anderen beiden, zumal der Verlust der engen Bindung ebenfalls eine schmerzhafte Erfahrung war.

Zills Diebesnest war ein Bordell mit dem bedeutungsvollen Namen Die hungrige Möse. Und dieses Bordell gehörte ihr und Cery hatte noch nie eine Großmutter erlebt, die derart penibel darauf achtete, dass ihre Mädchen anständig behandelt und bezahlt wurden. Sie selbst nahm nur einen kleinen Teil der Einnahmen für sich, der sicherstellte, dass die Huren einen gepflegten Ort hatten, an dem sie ihrem Geschäft nachgehen konnten. Nach allem, was Cery wusste, hatte sie ein sehr scharfes Auge darauf, dass die Großmütter in ihrem Bezirk es ebenso hielten. In seinem Bezirk versuchte Cery Ähnliches. Allerdings waren die Einnahmen dort geringer und er musste darauf achten, dass weder die Huren noch die Großmütter auf Grund seiner Regeln hungerten.

Cery und Krinn betraten die hungrige Möse durch den Vordereingang, der wie in so vielen anderen Hurenhäusern eine Schankstube für Bol war. Die Schankstube der hungrigen Möse glich jedoch eher einer lauschigen Höhle mit Sesseln und Kissen statt Tischen und Stühlen. Halbnackte Frauen tänzelten zwischen den Sesseln umher und verteilten Bol an lüsterne Gäste und teilten Klapse an all jene aus, die sie dabei anfassten. Dazu hatte jedes Serviermädchen eine kleine Holzklatsche in der Tasche ihrer viel zu knappen Schürze. Angesichts der Tageszeit war der Betrieb bemerkenswert. So viele Freier hatten die Hurenhäuser in Cerys Bezirk erst in den Abendstunden.

Eine gertenschlanke Lonmar mit ganz kurzem Haar kam Cery und Krinn mit der Geschmeidigkeit eines Raubtieres entgegen. In dem schummerigen Licht, das von den wenigen Laternen abgestrahlt wurde, brauchten Cerys Augen eine Weile um die schwarze Bluse aus durchschimmernder Seide zu erkennen, das sie auf ihrer ebenso schwarzen Haut trug.

So Lonmar, Zill. Ich bin auf die Geschichte gespannt, wie dir das gelungen ist, Zill.

„Meine Schönen, womit kann ich euch dienen?“, flötete sie mit dem melodischen Akzent, mit dem ihr Volk Kyralisch sprach.

„Ich hab’ Interesse an ’ner hungrigen Möse“, sagte Cery, während Krinn die Frau mit unverhohlener Lüsternheit anstarrte. „’Ner Rothaarigen.“

„Schade“, sagte sie. „Ihr zwei seht aus, als wärt ihr meiner Ausdauer gewachsen.“

„Das glaub’ ich gerne“, erwiderte Cery. „Aber ich steh leider auf rothaarig.“

„Asslie isst gerade, ihr müsstet warten.“

„Keine elynische Möse.“ Cery öffnete seinen Umhang, so dass die Frau einen Blick darunterwerfen konnte. Er stieß Krinn an, dessen Augen an den dunklen Nippeln hängengeblieben waren, die durch die Bluse durchschimmerten. „’Ne kyralische.“

Die Augen der Frau weiteten sich, dann nickte sie. „Kommt mit“, sagte sie und führte Cery und Krinn eine Treppe empor.

Zills Büro lag im zweiten Obergeschoss und wurde von zwei ihrer besten Messer bewacht. Für einen Dieb, der sich der Stadtwache angeschlossen hatte, war dies ein sehr offensichtlicher Ort um die eigenen Geschäfte zu tätigen. Zill hatte jedoch die Stadtwache davon überzeugt, dass sie die hungrige Möse weiterführen musste, um zu gewährleisten, dass es den Mädchen gut erging. Dass sie dabei auch ihre Diebesgeschäfte weiterführte, schien die Stadtwache zu übersehen. Cery wollte nicht wissen, welche Gefälligkeiten Imardins einzige weibliche Anführerin einer Untergrundorganisation ihnen dafür geboten hatte.

Anders als das Etablissement war Zills Büro zweckmäßig. „Ceryni“, sagte sie und erhob sich von hinter ihrem Schreibtisch, um ihn zu begrüßen. Mit Mitte fünfzig war ihr rotes Haar nicht mehr ganz so rot, weiße Strähnen durchzogen es auf eine Weise, die Cery an gestreifte Zill erinnerte. „Was führt dich her?“

„Eine Angelegenheit, die von deinem Bezirk ausgeht.“

Die Hure aus Lonmar sog leise die Luft ein. „Das ist Ceryni?“

„Ja.“ Zill schien belustigt, wenn die Fältchen um ihre Augen ein Zeichen dafür waren. „Ceryni, das ist Araya, mein neuster Zuwachs.“

„Sehr erfreut“, sagte Cery, eine Hand auf die Brust gelegt.

„Ebenso“, erwiderte Araya. „Und immer noch schade. Ich hätte dir umso lieber die Höhen der Lust gezeigt.“

„Also ich hätte nicht nein gesagt“, warf Krinn ein.

„Wir sind im Dienst“, sagte Cery scharf.

„Na, jetzt wird es aber interessant!“, rief Zill. „Araya, danke, dass du die beiden hergebracht hast. Lässt du uns nun bitte allein?“

„Natürlich, Chefin.“ Araya neigte den Kopf und zog sich zurück.

„Wo hast du sie her?“, fragte Cery, nachdem sie allein waren und er und Krinn auf zwei Stühlen Platz genommen hatten.

„Aus Lonmar“, antwortete Zill wie selbstverständlich.

„Schon klar“, sagte Cery. „Aber wie passt Prostitution in deren Kultur?“

„Wie passt Diebsein oder dubiose Kampfschulen leiten dorthin? Araya teilt das Schicksal aller Mädchen in ihrer Heimat: Mit einem Mann verheiratet zu werden, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben, und ihm hörig zu sein wie eine bessere Sklavin. Allerdings gehört sie auch zu den seltenen Ausnahmen von Frauen, die Spaß an Sex haben. Diesen Hunger zu befriedigen ist in einem Land wie Lonmar sehr schwierig.“

„Also hast du sie eingestellt“, folgerte Cery, nicht wissend, was er von dieser Erklärung halten sollte.

„Ich hätte ihr ‘ne andere Arbeit besorgt, hätte sie das gewollt.“ Zill hob die Schultern. „Aber genau darauf zielt mein Geschäft ab. Ich will nicht, dass Mädchen für mich arbeiten, die keinen Spaß an der Sache haben. Leider sind das nur wenige, aber du siehst ja, wie der Laden läuft.“ Sie lächelte, dann wurde sie ernst. „Aber deswegen bist du nicht hier, nicht wahr?“

„Tatsächlich bin ich wegen der anderen für Lonmar untypischen Tätigkeit hier“, sagte Cery.

„Diebsein?“

„Die Kampfschule.“

„Ah“, machte Zill. „Natürlich. Wie läuft deine Spionage?“

In wenigen Worten berichtete Cery ihr von seinem Ausflug ins Südviertel und wie er anschließend auf die Begegnung mit den Geldeintreibern gewartet hatte. Zill hörte aufmerksam zu und stellte nur die eine oder andere Verständnisfrage. Als er geendet hatte, spielte Zill erneut mit ihren Haaren.

„Damit verstößt Rashyk nicht nur gegen das Gesetz des Königs, sondern auch gegen das unsere“, sagte sie. „Tatsächlich hab’ ich bereits damit gerechnet, dass sie so vorgehen. Aber meine Leute konnten bis jetzt nicht an sie rankommen. Wir sind in der Gegend zu bekannt.“

„Damit ist es umso wichtiger, zu handeln“, sagte Cery. „Und zwar bevor Rashyk zu einem neuen Untergrundführer wird.“

„Das muss auf jeden Fall vermieden werden“, stimmte Zill zu. „Was schätzt du, wie lange es noch dauert, bis du die Bande hast?“

„Eine Begegnung brauche ich noch mindestens“, antwortete Cery. „Und viel länger sollte es nicht dauern. Ich hab’ den Verdacht, dass Rashyks Leute noch in ‘ne Reihe anderer Verbrechen verwickelt sind. Und dass Mord dabei ‘ne Rolle spielt.“

Bei seinen Augen hatten sich Zills Augen geweitet. „Wie kommst du da drauf?“

„Ich bin ’ner Mordserie auf der Spur. Alle paar Morde ändert der Täter seine Strategie, aber es gibt ein paar Sachen, die gleich bleiben. Mehrere Opfer waren in den Wochen vor ihrem Tod in Rashyks Kampfschule. Die Leichen werden immer an belebten Orten abgelegt. Zuerst dachte ich an einen wilden Magier, aber nachdem ich die Verbindung mit der Kampfschule entdeckt habe, wurde mir klar, dass es sich in Wirklichkeit um eine gut organisierte Gruppe handelt.“

„Und sie ändern ihre Strategie, damit niemand auf die Idee kommt, dass es Rashyks Geldeintreiber sind“, folgerte Zill.

Cery nickte düster.

„Scheint, als hätten wir ein ziemliches Problem. Sag mir, was du brauchst, Cery, und du kriegst es.“

„Für den Anfang würde mir ein Blick in deine ungeklärten Mordfälle, seit diese Kampfschule eröffnet hat, genügen.“


***


An diesem Tag stocherte Lina nur lustlos an ihrem Essen herum. Das Rebersteak hatte sie mit ihrem Messer ein zweites Mal getötet, und an der Art und Weise, wie sie das getan hatte, erkannte Rothen, dass es weder am Steak noch an mangelndem Appetit lag.

„Was beschäftigt dich, Lina?“, fragte er.

Sie sah auf mit dem Blick eines gehetzten Tieres. „Woher wisst ihr …?“

Rothen lächelte. „Ich kenne dich lange genug, um zu wissen, wann du dich über etwas ärgerst. Und wie mir scheint, ärgerst du dich gerade so sehr, dass du dein Lieblingsessen kaum anrührst.“

Wo seine Worte dazu gedacht waren, Linas Stimmung aufzuhellen, verdüsterte sich ihre Miene noch mehr. Und sie begann die Jerras auf ihrem Teller zu zersäbeln. So, wie sie dabei aussah, war dies weitaus weniger befriedigend als die Sezierung des Steaks.

„Möchtest du darüber reden?“, fragte Rothen behutsam.

„Nein“, sagte Lina schroff. Nach einer Pause fügte sie ein wenig weicher hinzu: „Da gibt es nichts zu reden.“

Das bezweifelte Rothen. Allerdings wusste er auch, wie schwierig es war einen Novizen, der nicht reden wollte, zum Reden zu bringen. Und dass es manchmal besser war, ihn in Ruhe zu lassen.

„Ich nehme an, dein Streit mit Sanina und Alia dauert noch an?“

„Das auch“, grollte Lina. „Am liebsten würde ich sie in der Arena fertigmachen oder irgendwo, wo sie nicht damit rechnen.“

Erneut fragte Rothen sich, ob Lina nicht für den Kampf auf dem Alchemieflur verantwortlich war. „Nun“, sagte er. „Du könntest es wie einst deine Mentorin machen und die beiden zu einem formalen Duell herausfordern.“

„Und was soll das bringen?“

„Dass sie deine Überlegenheit akzeptieren und dich in Ruhe lassen.“

„Sie wissen, dass ich ihnen überlegen bin. Aber es stört sie nicht. Sie sind neidisch und das werden sie solange sein, solange ich offiziell als Lady Soneas Nachfolgerin gehandelt werde.“

Insgeheim fragte Rothen sich, wie lange Lina das noch bleiben würde, wenn sie weiterhin für so viel Ärger sorgte. Einerseits war es verständlich, dass sie unter dem hohen Druck, der auf ihr lastete, litt, andererseits konnten Novizen in außergewöhnlichen Positionen oft besser damit umgehen. Linas Mentorin war dies gelungen und Rothen fand, dass sogar Lorlen sich besser schlug, wenn man seine Jugend berücksichtigte. Zudem fand Rothen ihn mit vierzehn vernünftiger als Lina mit zwanzig.

„Ich bin sicher, dass Lady Sonea dir damit helfen kann“, sagte er. „Und gewiss würde sie dich auf das Duell vorbereiten.“

„Lady Sonea!“ Lina schnaubte. „Sie wäre ganz sicher dagegen. Sie bestraft mich doch lieber.“

„Hat sie dich nach der Sache mit der Magierbibliothek erneut bestraft?“ Eine strafende Sonea passt nicht so recht in das Bild, das Rothen von seiner Ziehtochter hatte. Ja, Sonea konnte streng sein, doch sie war daran interessiert, andere Lösungen zu finden und das eigentliche Problem aufzudecken. Darin war sie Rothen, aber auch ihrem noch strengeren Mann ähnlich. Ein solches Verhalten kannte er eher von Magiern, die seiner Meinung nach besser daran taten, sich keines Novizen anzunehmen.

Lina sah auf, alarmiert. Dann schüttelte sie den Kopf.

„Nun“, sagte Rothen. „Dann frag sie doch, ob sie …“

Die Tür ging auf und Tania brachte den Nachtisch. Als ihr Blick auf Linas Teller fiel, klappte ihr Mund für einen Moment auf. „Hat es nicht geschmeckt, Mylady?“

Lina zuckte zusammen und fuhr herum. „Doch“, sagte sie mit geröteten Wangen. „Ich hatte nur keinen Hunger.“

„Nach allem, was ich von Eurer Übungsstunde im Dome gehört habe, kann ich mir das gar nicht vorstellen“, sagte Tania und stellte ein Schälchen mit Pachimus garniert mit Teigröllchen und einer hellen Creme vor Lina ab. Sie reichte Rothen ein zweites und stellte das benutzte Geschirr auf ein Tablett.

„Wieso weißt du davon?“, brach es aus Lina heraus.

„Ich habe Lady Sonea auf dem Weg zur Universität getroffen, als ich mit der Schmutzwäsche auf dem Weg in die Wäscherei war. Sie wirkte ziemlich verschwitzt, die Arme! Ich wollte ihr anbieten, ihr ein frisches Handtuch in den Unterricht zu bringen, doch sie hat abgelehnt.“

„Was hat sie erzählt?“

Tania schenkte der jungen Frau ein strahlendes Lächeln. „Nur, dass sie eine ganz besonders anstrengende Runde mit Euch hatte, und dass sie hofft, dass es Euch hilft.“

Lina gab einen kleinen Laut des Unwillens von sich.

„Ich bitte um Verzeihung, Mylady. Ich ging davon aus, dass Ihr etwas Neues gelernt habt. Aber vielleicht beruhigt es Euch, dass ich mit niemandem darüber gesprochen habe und es auch nicht werde, wenn Ihr das wünscht.“

„Das wünsche ich“, sagte Lina.

„Tania“, wandte Rothen sich an seine Dienerin. „Sei so gut und bring das schmutzige Geschirr fort. Du kannst den Rest nach der Mittagspause abräumen.“

„Sehr wohl, Mylord.“ Tania verneigte sich und verließ Rothens Gästezimmer.

„Also“, sagte Rothen mit einem freundlichen Augenzwinkern zu Lina. „Wo waren wir stehengeblieben? Ach richtig! Das Duell!“

„Nein“, sagte Lina entschieden.

Rothen blinzelte verwirrt? Sie war mutig genug, sich mit den beiden Mädchen in der Universität zu duellieren. Glaubte sie, einen offiziellen Kampf mit Regeln würde sie verlieren?

„Warum nicht?“, fragte er.

Da war sie wieder, die vertraute Sturheit. Und der Stolz. „Weil ich das selbst regeln muss.“

Nachdem sie fort war, blieb Rothen in seinem Sessel sitzen. Was war mit Lina los, dass sie nur Monate vor ihrem Abschluss noch immer so anstrengend war wie eine Vierzehnjährige? Sie hatte eine strenge, aber verständnisvolle Mentorin, die alles tat, um Linas Temperament in den Griff zu bekommen. Beide teilten traumatische Erinnerungen an Sachaka, was ihre Verbindung stärkte und Lina helfen konnte, mit ihren eigenen Erlebnissen fertigzuwerden. Selbst, wenn Rothen noch jünger wäre, hätte er nicht so viel tun können.

Doch irgendwie …

„Rothen, wo bleibst du?“

Rothen fuhr zusammen. Sumi spritzte aus seiner Tasse und nässte seine Robe an einer höchst zweideutigen Stelle.

„Ja?“

„Wo bleibst du?“, fragte Farand von der Tür. Er hatte eine dicke lederne Mappe und einen Stapel Bücher unter seinen Arm geklemmt. „Der Nachmittagsunterricht beginnt in fünf Minuten.“

„Natürlich.“ Zerstreut stellte Rothen die Tasse beiseite. „Ich muss die Zeit vergessen haben.“ Rasch trocknete er seine Robe mit Magie und folgte Farand auf den Flur. „Selbst, jetzt wo ich nicht mehr ihr Mentor bin, ist dieses Mädchen eine harte Probe für meine Geduld.“

Farand lachte. „Was hat sie jetzt schon wieder angestellt?“

„Sie ist widerspenstiger als Dorrien in seiner tiefsten Pubertät und macht mehr Unsinn als Dannyl während seines Kriegs mit Fergun.“ Rothen schüttelte den Kopf. „Nun, vielleicht sollte ich einfach dankbar sein, dass das nicht mehr mein Problem ist.“

„Wir beide wissen doch, dass du es nicht lassen kannst, zu helfen, Rothen. Du liebst dieses Mädchen wie eine Tochter oder ein Enkelkind. Und du würdest eingehen, wenn du dieses Bedürfnis unterdrückst.“

Ah, wenn ich nur glauben könnte, dass es hilft!

„Nur, dass es in diesem ganz speziellen Fall mein Tod sein könnte.“

„Dafür liebt sie dich viel zu sehr.“

Sie verließen das Magierquartier und traten hinaus in den Sonnenschein. „Das bestreite ich auch nicht“, sagte Rothen. „Nur, dass es für einen alten Mann wie mich zu viel sein könnte.“

„Unsinn“, sagte Farand. „In dir steckt mehr Kampfgeist als das.“

„Ich bin ein alter Mann. Kein Krieger.“

„Da hatte ich gestern bei Osen aber einen ganz anderen Eindruck.“

Rothen schnaubte. „Ich lasse mir nicht meine Lehrmittel kürzen, nur weil ein paar reiche Mistköpfe noch nicht reich genug sind.“

„Jetzt hörst du dich wie Sonea an.“

„Ich …“, begann Rothen und hielt dann inne. „Vielleicht werde ich auf meine alten Tage einfach grantig.“

Farand lachte. „Und da wir nicht wollen, dass du als verbiesterter Einsiedler endest, werde ich dir helfen, deine Grantigkeit dort zu entfalten, wo sie am besten aufgehoben ist.“

„Aber nicht bei Lina“, sagte Rothen. „Das hat keinen Zweck.“

„Wir werden sehen. Ich habe gehört, du hast Akkarins Sprössling neulich auch ordentlich rangenommen.“

Am Hintereingang der Universität blieb Rothen stehen. „Warum habe ich nur den Eindruck, dass du zu viel Spaß daran hast, alte Männer zu ärgern?“

„Ich spreche nur Wahrheiten aus.“ Nahezu selbstgefällig fuhr Rothens Assistent sich über sein hellblondes Haar. „Akzeptiere sie und du wirst ob deiner alten Tage noch eine ganz neue Lebensqualität erleben.“

Mit einem weiteren Schnauben machte Rothen einen Schritt auf seinen Freund zu. „Ich geb dir gleich alte Tage. Deinetwegen komme ich gerade zu spät zu meinem eigenen Unterricht.“

„Ich gehe dir gerne zur Hand, mein Freund.“

„Das ist auch das Mindeste“, sagte Rothen. „Und jetzt rein mit dir!“


***


„Also Levitation“, sagte Danyara zu den acht Kindern, die vor ihr auf Kissen in einem Halbkreis saßen. Die Sonne schien einladend durch die geöffneten Fenster, als wolle sie die kleine Gruppe dazu verführen, draußen zu lernen. Danyara hatte den Übungsraum im Heimatberg jedoch bewusst gewählt. Hier gab es nicht viel, was man verbrennen konnte. Und man konnte auch nirgendwo herunterstürzen. „Wer hat davon schon einmal gehört?“

Die Hälfte der Kinder hob die Hand.

„Und wer kann mir sagen, was das ist?“

„Schweben“, sagte ein Mädchen.

„Sehr gut“, lobte Danyara. „Und kannst du mir auch sagen, wie sich das vom Anheben von Gegenständen unterscheidet?“

Das Mädchen schüttelte den Kopf.

„Nicht schlimm.“ Danyara lächelte. „Weiß jemand anderes die Antwort?“

„Schweben kann man nur selbst“, sagte ein Junge. „Gegenstände können das nicht.“

„Das ist richtig“, sagte Danyara. „Gegenstände schweben nicht von selbst. Wir müssen sie dazu bringen. Und auch wir schweben nicht, ohne unsere Magie entsprechend zu benutzen. Aber das ist so nicht ganz richtig.“ Die Kinder schenkten ihr verwirrte Blicke. „Ich vergaß zu sagen: Man kann ein Objekt hochheben als wäre die Magie die Verlängerung des eigenen Armes. Das kennt ihr bereits. Aber man kann es auch mit demselben Prinzip zum Schweben bringen wie sich selbst.“

Die Verwirrung der Kinder war maximal.

Das ist zu kompliziert. Aber wie kann ich es ihnen verständlich erklären, wenn ich nicht sagen kann, wie ich es verstünde, würde ich es zum ersten Mal hören, weil ich seit Jahren mit dem Prinzip vertraut bin?

Danyara rieb sich die Stirn. Sie war übermüdet, weil sie nach einem Albtraum in der zweiten Nachthälfte nicht mehr eingeschlafen war. Sie hatte geträumt, wie Alara von Sareko getötet worden war. Sein Messer hatte sich in ihre Brust gegraben, woraufhin Alara die Kontrolle über ihre Magie verloren hatte und in einem Feuerball vergangen war. Das war nicht die Art von Traum, die Danyara von ihrer Gefährtin haben wollte.

„Es gibt zwei Wege, etwas zum Schweben zu bringen“, erklärte sie ihren Schülern. „Aber nur einer davon funktioniert bei sich selbst. Man kann sich ja auch nicht selbst am Schopf fassen und in die Luft ziehen. Man braucht eine externe Kraft.“

„Also ist Levitation nicht nur, wenn man selbst schwebt?“, fragte der Junge.

„Das kommt auf die Technik an.“ Danyara schob einen Weidenkorb in die Mitte des Halbkreises und ließ sich wieder auf ihrem Kissen nieder. „Jeder nimmt sich einen Stein und legt ihn vor sich auf den Boden.“ Die Kinder gehorchten. „Und jetzt hebt ihr euren Stein mit Magie hoch, so wie ihr es gelernt habt.“

Nach und nach schwebten die Steine in die Höhe. Bei den eifrigen Schülern geschah dies schneller. Ein paar andere, darunter das Mädchen, das zuerst gesprochen hatte, ließen sich mehr Zeit, offenkundig noch immer verwirrt, was Danyara von ihnen wollte. Denn eigentlich beherrschten sie diese Technik.

„Gut“, sagte Danyara. „Jetzt lasst die Steine wieder sinken.“

Acht Steine sanken zu Boden. Ein Stein fiel mit einem leisen Poltern, als ein Junge stattdessen den magischen Griff um das Objekt löste. Danyara sah davon ab, ihn zu ermahnen. Sie hatten diese Diskussion bereits geführt und sie konnte ihn nicht zwingen, seine Kontrolle auch auf tote, unzerbrechliche Gegenstände zu verwenden.

„Und jetzt erschafft eine Scheibe aus Magie zwischen dem Stein und dem Boden“, wies Danyara die Klasse an.

„Und wie soll das gehen?“, fragte der rebellische Junge. „Da ist kein Platz mehr.“

„Magie passt überall zwischen“, antwortete Danyara. „Andernfalls hätten wir ein Problem damit, uns selbst zu levitieren.“

Der Junge verzog das Gesicht. Die Luft um seinen Stein flimmerte, doch Danyara konnte sehen, dass die Magie die Unterseite des Steins nicht erreichte.

„Also schön. Machen wir es anders.“ Ich bin eine schreckliche Lehrerin. Warum versuche ich es andauernd? „Erschafft eine Scheibe aus Magie über dem Boden. Seid ihr soweit? Dann hebt diese ein kleines Stück an.“

„Und jetzt?“, fragte der rebellische Junge.

„Jetzt legt ihr euren Stein auf die Scheibe.“

Die acht Jungen und Mädchen gehorchten. Bei Dreien sackte die Scheibe mitsamt Stein ein gutes Stück ab, bei zwei weiteren fiel der Stein hindurch, als die Scheibe ihrer Kontrolle entglitt. Die übrigen drei hielten die Scheibe mitsamt Stein, wenn auch wackelig, auf Höhe. Danyara seufzte innerlich. Sie hatte den heutigen Lehrplan so sorgfältig vorbereitet. Zuerst über die Theorie sprechen und Fragen beantworten. Dann das bereits Bekannte wiederholen, um den Übergang zu dem neuen Trick einfach zu gestalten. Und dann dort mit einer unkomplizierten Übung beginnen. Verlangte sie zu viel?

„Ooooh!“, machte ein Mädchen.

„Diejenigen, die den Stein noch auf der Scheibe haben: Was fällt euch auf?“

„Der Stein schwebt“, sagte der rebellische Junge, als hätte sie eine selten-dämliche Frage gestellt.

„Und weiter?“

„Die Scheibe wird schwerer“, antwortete ein Mädchen, dem es mittlerweile gelungen war, ihren Stein wieder auf die Ausgangshöhe zu heben.

„Richtig.“ Erleichtert lächelte Danyara. „Und deswegen werdet ihr jetzt üben, den Stein vom Boden aus mit einer solchen Scheibe anzuheben. Denn wenn ihr irgendwo runterspringt, wollt ihr ja auch nicht, dass ihr stürzt, weil ihr euer Gewicht unterschätzt habt. Ihr würdet die Scheibe aus Magie so erschaffen, dass sie euch auffängt und ihr sanft auf dem Boden landet.“

„Das würden wir aber auch vorher üben“, sagte der rebellische Junge.

„Das solltet ihr. Also, indem ihr euch irgendwo hinstellt oder setzt und euch dann in die Luft hebt. Doch bevor wir dazu kommen, üben wir weiter mit dem Stein.“

Ich bin eine miserable Lehrerin, dachte Danyara, als sie nach dem Unterricht zum Abendmahl ging. Es war ihr gelungen, ihre Schüler ohne Unfälle dazu zu bringen, Steine und andere Gegenstände unterschiedlicher Form und Größe zum Schweben zu bringen. Doch das Gefühl versagt zu haben, hielt sich hartnäckig. Egal, ob die Schüler am Ende begriffen – sie war schlecht im Erklären und das machte sie ineffizient und sie kam sich dumm vor.

So früh am Abend waren nur die Hälfte der Tische in der großen Halle belegt. Für Danyaras Geschmack waren das zu viele Menschen, doch es würden mehr als zwei Stunden vergehen, bis sich die Halle leerte, und Danyara war zu hungrig und zu übellaunig, um solange zu warten. Sich umblickend entdeckte sie drei vertraute Gestalten an einem Tisch bei einer bewachsenen Nische. Eigentlich hatte sie nach diesem Nachmittag keine Lust auf Gespräche, aber sie wollte auch nicht alleine essen. Mit einem leisen Seufzen trat sie zu der Gruppe.

„Hallo“, sagte sie zu den drei Frauen. „Darf ich mich zu euch setzen?“

„Klar“, antwortete Mavara. Und ihre Schwester fügte hinzu: „Aber nur, wenn du auch essen willst.“

Irritiert schüttelte Danyara den Kopf. „Wieso sollte ich sonst herkommen?“

„Ich meine ja nur“, sagte Kavara.

„Lass sie doch einfach sitzen“, sagte Nava. „Die Arme hat den ganzen Tag unterrichtet, das macht hungrig.“ Mit einer drahtigen, sonnengebräunten Hand wies sie auf den Platz neben sich. „Setz dich, Liebes.“

Danyara setzte sich und bediente sich an dem Eintopf, der in einem Kessel auf dem Tisch stand. „Was habt ihr so gemacht?“, fragte sie.

„Jagen“, sagte Nava. Das Leben bei den Verrätern hatte sie von allen ihrer kleinen Gruppe am meisten verändert. Ihre fülligen Rundungen waren Muskeln und Sehnen gewichen und ihr blasser Teint hatte ein sattes Braun angenommen. Die freizügigen Kleider, die sie einst so geliebt hatte, hatte sie gegen Hosen aus Leder, eine enge Lederweste und eine Kurztunika getauscht. Anstatt es darauf anzulegen, ständig Ärger zu machen, war sie zu einer Einzelgängerin geworden, die durch die Berge streifte und nur dann aufbegehrte, wenn sie mit etwas nicht einverstanden war. „Hab einen Jari erlegt. Das gibt’s aber erst morgen zu essen.“

„Geschlafen“, antworteten die Zwillinge wie aus einem Mund.

„Mit euren Sklaven?“, fragte Danyara. Yarik und Yalik waren strenggenommen Quellen, weil sie sich davor fürchteten, Magier zu werden, aber die Zwillinge behandelten sie wie Sklaven. Widersinnigerweise ließen die beiden Brüder sich das gefallen. Und die Große Mutter erlaubte es, weil die seltsame Viererbeziehung auf Einvernehmen basierte.

„Nein, wir hatten Nachtschicht“, sagte Mavara.

„Aber er hätte mit uns kuscheln können“, fügte ihre Schwester hinzu.

„Ich denke, es ist gut, dass Yarik auch einer ernsthaften Arbeit nachgeht, ihr seid schon verwöhnt genug“, sagte Danyara.

„Wenn Nähen eine ernsthafte Arbeit ist …“, bemerkte Kavara.

„Irgendjemand muss unsere Kleidung machen. Sonst müssten wir alle nackt herumlaufen.“

Nava kicherte. „Für einige wäre das vermutlich heilsam.“

Danyara brach sich ein Stück Brot ab und tunkte es in ihre Schale. „Da stimme ich dir zu.“

„Heh, Dany. Wie ist es so ganz alleine?“, fragte Kavara. „Vermisst du Alara schon?“

Fast hätte Danyara sich an ihrem Brot verschluckt. „Wir waren schon länger getrennt, Kavara. Wie damals als Asara mich nach Kyralia geschickt hat.“

„Aber niemals, wenn sie sich in Gefahr begibt.“

„Dieses Los kann uns alle treffen“, sagte Danyara, um einen beiläufigen Ton bemüht, während ihre Eingeweide in Zorn und Ohnmacht erstarrten. „Selbst, wenn man nur Wache steht.“

„Wo sie recht hat, hat sie recht“, murmelte Nava. Sie beugte sich zu Danyara. „Wenn du Ablenkung brauchst, sag Bescheid. Die beiden Kerecos da sind doch keine wirkliche Hilfe.“

„Das ist sehr freundlich von dir“, erwiderte Danyara, das empörte Schnauben der Zwillinge ignorierend.

Als sie wenig später zu ihrem Quartier ging, dachte sie über Navas Worte nach. Ja, sie vermisste Alara. Und sie machte sich Sorgen. Aber das gehörte nicht gerade zu den Dingen, die sie vor sich selbst, geschweige denn vor anderen, eingestehen wollte. Seit die „Ausgestoßenen“ aufgebrochen waren, hatte Danyara sich erfolgreich abgelenkt. Das würde jedoch ein Ende haben, wenn Alara und ihre Schwestern das Ichani-Gebiet erreichten. Danyara mochte gar nicht daran denken.

In ihrem Quartier holte sie ihre Enrasa-Decks aus einer Truhe und begann diese zu sortieren. Einen weiteren Albtraum wie vergangene Nacht konnte sie nach diesem Tag nicht gebrauchen.


***


„Das ging schneller, als wir alle befürchtet haben.“ Hakaro nahm seinem Sklaven den Raka ab und balancierte die Tasse zwischen seinen Händen. Seine Miene war so düster wie die Stimmung im Kuppelzimmer, nachdem Ivasako ihnen mitgeteilt hatte, was er wenige Stunden zuvor von Hachiko in Erfahrung gebracht hatte. Dagegen konnte auch die Nachmittagssonne, die in den Raum flutete, nichts ausrichten. Angesichts der Vorgänge im Ichani-Gebiet hatte der König Ivasako beauftragt, die dort lebenden Ashaki täglich per Blutjuwel zu rufen und Bericht zu erstatten. Als ein Ashaki nicht geantwortet hatte, hatte Ivasako das Schlimmste befürchtet und dessen Nachbarn gerufen. Und das war Hachiko.

Und sein Bericht war vernichtend ausgefallen.

Das Anwesen von Ashaki Akiro war dem Erdboden gleichgemacht, sämtliche Vorräte und Luxusgüter geplündert, und Felder niedergebrannt. Zahlreiche Sklaven waren tot, die übrigen hatten Sarekos Ichani mitgenommen.

„Es ist keine vier Jahre her, dass Akiro sich dort eine neue Existenz aufgebaut hat“, hauchte Takiro. „Er war der zweite Sohn von Ashaki Darachi. Er hätte niemals das Erbe seines Vaters antreten können, doch sein Geschäftssinn hat ihm genug Geld eingebracht, um sich Land im Norden zu kaufen. Es ist eine Tragödie, dass er tot ist!“

„Feige gemeuchelt von Männern, die zu töten wir versäumt haben“, grollte Hakaro. Der Kriegsmeister nahm den Vorfall persönlich, weil er Sareko damals festgenommen hatte. Er war darauf hereingefallen, als Sareko seinen Tod vorgetäuscht hatte.

„Viel schlimmer ist, dass ein Teil von Akiros Wachen fort ist“, sagte Tarko. „Ich vermute, dass sie mit Sareko gegangen sind.“

„Sareko hat Sklaven mit magischem Potential zu Wachen ausgebildet“, erinnerte Takiro. „Sicher wird er auch die gestohlenen Quellen ausbilden.“

„Womit er dumm wäre, weil er Quellen braucht, um sich zu stärken“, warf Tarko ein. Er zog Mivara an ihrem Halsband zu sich und strich über ihr Haar. Mivara machte ein widerwilliges Gesicht, was Ivasako wieder einmal zu der Frage brachte, warum sie diese Farce abzog, wenn sie unter sich waren. Sie trainierte Tarkos Wachen, sie hatte konspirative Treffen mit Anjiaka – sie konnte nicht so sehr in ihrer Rolle gefangen sein, dass sie sich auch hier so verhielt. „In jedem Fall hat Sareko an Macht hinzugewonnen“, seine grauen Augen wandten sich Anjiaka zu, „und wir haben noch immer keine Maßnahmen ergriffen.“

„Meine Schwestern werden morgen im Ichani-Gebiet eintreffen“, sprach Anjiaka. „Es wird jedoch ein paar Tage dauern, Verbündete ausfindig zu machen. Ihr müsst Euch also noch ein wenig in Geduld üben.“

„Wie viele hat Asara ausgestoßen?“, fragte Ishaka.

„Sieben.“

„Ist das eine glaubwürdige Zahl?“

Anjiaka lächelte und entblößte dabei ihre Zähne als wäre sie ein P’anaal-Weibchen, das zum Angriff übergeht. „Mit einer glaubwürdigen Geschichte, ja.“

„Nach dem Überfall auf Akiros Anwesen sind das zu wenige“, sagte Tarko. „Angesichts der wenigen Quellen in den Ödländern wären die Verräter unterlegen, selbst wenn es ihnen gelingen sollte, sämtliche Ichani, die nicht schon Sareko die Treue geschworen haben, für sich zu gewinnen.“

„Wenn mich nicht alles täuscht, sind ehemalige Verräter im Ichani-Gebiet“, sagte Ivasako. „Gewiss könnten sie helfen.“

„Das könnten sie“, sagte Anjiaka. „Sofern sie dazu bereit sind.“

„Wären sie dazu bereit?“, fragte der König.

„Ja. Allerdings könnte es schwierig sein, sie zu einer Zusammenarbeit zu bewegen, weil sie einander nicht leiden können.“

Takiro seufzte theatralisch.

„Wie viele ehemalige Verräter leben momentan im Ichani-Gebiet?“

„Vier. Ich weiß, das klingt wenig, aber die Tatsache, dass sie Söldnerinnen waren, sollte das wieder ausgleichen.“

„Die abtrünnigen Verräter, die ich angesichts ihrer fragwürdigen Moral nicht einstellen wollte“, sagte Ishaka. „Ich erinnere mich.“

Anjiaka lächelte liebenswürdig. „Exakt.“

„Würde diese fragwürdige Moral nicht eher dazu führen, dass sie sich Sareko anschließen?“, fragte Takiro.

„Es gibt verschiedene Formen fragwürdiger Moral, Ashaki Takiro“, antwortete Anjiaka. „Die meiner ehemaligen Schwester überschneidet sich jedoch nicht mit der Sarekos. Verräter sind grundsätzlich immer daran interessiert, den Ashaki und solchen, die es mal waren, eine Tracht Prügel zu verpassen.“

„Und für einige von uns beruht das auf Gegenseitigkeit“, murmelte Hakaro.

„Warum überrascht mich das nicht?“

Ishaka räusperte sich. „Streitigkeiten bitte auf dem Übungsplatz vor der Stadt austragen. Dort werden im Ernstfall nur ein paar Reber- und Gorinweiden mitsamt Herde in Mitleidenschaft gezogen.“

Zu Tarkos Füßen gluckste Mivara unterdrückt.

„Tatsächlich hätte ich dagegen nichts einzuwenden“, sagte Anjiaka.

„Das könnte in der Tat interessant werden“, stimmte Tarko zu.

„Aber nur der Unterhaltung halber“, sagte Takiro.

„Meine Herren Ashaki, Asara von den Verrätern“, unterbrach Ivasako die Berater. „Macht das später aus und legt mir gegebenenfalls Terminvorschläge vor, damit ich diese mit den Übungszeiten meiner Palastwachen abgleichen kann. Doch für den Augenblick sollten wir uns wieder unserem Problem mit Sareko widmen. Hachiko und seine Nachbarn warten auf unsere Antwort. So auch Arikhai in der Aschenwüste.“

„Sagt den Ashaki, sie sollen sich bereithalten, ihre Anwesen zu verteidigen oder ihren Nachbarn zur Hilfe zu eilen“, sagte Tarko. „Wenn möglich mögen sie sich zusammenschließen und Späher die Gegend erkunden lassen. Aber sie sollen sich zurückhalten und nur verteidigen, damit Sareko sich nicht provoziert fühlt oder die Freunde seiner Freunde uns Ärger bereiten.“

„Ich werde Arikhai kontaktieren und ihm sagen, dass seine Leute im Grenzgebiet sich ebenfalls bereithalten sollen“, sprach Ishaka. „Sie mögen jedoch nicht angreifen, bevor ich ihm Entsprechendes weiterleite.“

Ivasako machte sich eine Notiz. „Ich werde Hachiko und die übrigen Ashaki gleich nach dieser Besprechung informieren“, sagte er. „Anjiaka, richtet Euren Leuten auf dem Weg ins Ichani-Gebiet aus, dass sie möglichst bald Kontakt zu ihren ehemaligen Schwestern herstellen. Bis sie dort eintreffen und erste Kontakte zu den Ichani geknüpft haben, könnte Sareko bereits zu weiterer Macht gelangt sein.“

Und Sareko war nicht nur außerhalb von Ivasakos Reichweite. Mittlerweile war er austauschbar geworden.


***


„Desslie hat heute gefragt, wann wir den Reitausflug machen.“ Ninielle pulte die Füllung aus ihrem Brötchen und knetete sie zwischen ihren Fingern zu einer Kugel. Die Kruste würde sie später zerbröseln und mit den Soßenresten auf ihrem Teller essen. Aus irgendeinem Grund mochte sie Brötchen auf diese Weise am liebsten. „Es ist fast drei Wochen her, dass wir darüber gesprochen haben.“

Und in diesen drei Wochen hatte Sonea wichtigere Sorgen gehabt. Sie fühlte sich wie eine schlechte Mutter. „Spätestens in den Ferien. Vielleicht auch schon eher, aber ich möchte lieber nichts versprechen, von dem ich nicht weiß, ob ich es halten kann. So kurz vor den Prüfungen habe ich auch an den Wochenenden zu arbeiten.“ Sie würde Freizeit haben, doch ein Nachmittag mit Luzille und Trassia oder eine Kyrima-Partie mit Regin war etwas anderes als ein Tagesausflug. Ninielle würde sich mit einem Nachmittag nicht zufriedengeben. Und angesichts ihrer temperamentvollen Novizin stellte Sonea sich auf unerwartete Zwischenfälle ein.

„Dann machen wir den Ausflug in den Ferien“, entschied Akkarin. „Wenn Eure Mutter Luzille das nächste Mal sieht, kann sie einen Tag ausmachen.“

„Luzille und Farand verbringen den Sommer in Elyne“, sagte Ninielle und stopfte sich die komprimierte Brötchenfüllung in den Mund.

„Die Ferien dauern nur zwei Wochen“, sagte Sonea. Befindend, dass sie noch hungrig war, lud sie sich einen Nachschlag Tugorbällchen und ein Gorinsteak mit Papeasoße auf. „Solange würden sie allein für die Fahrt brauchen. Farand würde niemals rechtzeitig für das neue Halbjahr zurück sein.“

„Dann unterrichtet er vielleicht nicht oder lässt sich vertreten.“

„Wir werden es sehen, wenn ich mit Luzille spreche“, sagte Sonea. „Oder ich frage Farand gleich im Abendsaal.“ Sie warf einen fragenden Blick zu Akkarin. „Oder bleiben wir heute zuhause?“

„Da wir uns zuletzt vor drei Wochen dort haben blicken lassen, sollten wir gehen“, sagte Akkarin.

Sonea schob ihre Enttäuschung beiseite. Sie fieberte darauf zu erfahren, wie Gayend aus seiner Gefangenschaft entkam. Seit Akkarin sie am vergangenen Abend unterbrochen hatte, hatte sie jedoch keine Gelegenheit gehabt, weiterzulesen. Der Abendsaal vermochte jedoch nicht, was Akkarins dunkle Seite bei ihr bewirkte.

„Nun, dann sollten wir das“, sagte sie.

„Ich muss nach dem Essen noch ein paar Briefe beantworten“, sagte Akkarin. „Es wird also später werden.“

Soneas Herz machte einen Sprung.

- Danke!

- Freu dich nicht zu früh, antwortete er und sie konnte nur erahnen, was er beabsichtigte.

„Ich will bei dem blöden Ausflug nicht mit“, erklärte Lorlen.

„Es ist ein Familienausflug, also wirst du uns begleiten“, sagte Akkarin streng.

„Pferde sind langweilig und was soll ich da?“

„Du bist Teil unserer Familie, Lorlen, also wirst du dich deinem Vater beugen“, sagte Sonea. „Außerdem ist Oyend dein Freund.“

„Oyend ist noch ein halbes Kind.“

So wie du. „Dann frag Hania, ob sie auch mitkommen möchte. Sie gehört schließlich auch zur Familie.“

„Hania kann nicht reiten.“

„Dann lernt sie es.“

„Damit sie uns alle aufhält?“, protestierte Lorlen.

„Ach auf einmal will der Herr doch mit?“

Lorlen brummte etwas Unverständliches und starrte verdrießlich auf seinen Teller.

„Bis zu den Ferien dauert es noch anderthalb Monate. Bis dahin hast du deine Meinung vielleicht geändert“, sprach Akkarin. Seine Mundwinkel zuckten. „Zumal es dir ohne deine Klassenkameraden gewiss bald in der Gilde langweilig wird.“

„Nicht langweilig genug, um einen Reitausflug zu machen.“

„Ich vergaß, wir sind dafür bereits zu groß. Nun, ich bin sicher, Rothen passt mit Freuden auf dich auf.“

„Der Ausflug findet aber nur statt, wenn Farand und Luzille da sind“, warf Ninielle ein.

Sonea unterdrückte ein entnervtes Seufzen. „Wenn ich Farand nachher im Abendsaal sehe, werde ich ihn fragen. Und wenn er nicht dort ist, dann weiß Rothen ganz sicher auch Bescheid.“

Sie war erleichtert, als Takan den Tisch abräumte und die Kinder ihnen eine gute Nacht wünschen.

„Geht es nur mir so oder rauben sie heute einem den letzten Nerv?“, fragte sie.

Akkarin lachte leise. „Sie sind in dem Alter.“

„Sie sind immer in dem Alter.“

„Nun, wenn du es so ausdrückst …“

„Also werden wir erst mit einer Besserung rechnen können, wenn sie ihren Abschluss machen und ausziehen?“

„Das ist wahrscheinlich.“ Er erhob sich und umrundete den Tisch. Vor Sonea blieb er stehen. „In der Bibliothek warten noch Arbeit und ein Buch, das schon den ganzen Tag nach deiner Aufmerksamkeit verlangt“, sagte er und streckte eine Hand nach Sonea aus.

Sonea griff danach und ließ sich von ihm auf die Füße ziehen. „Da kann ich nur schwer nein sagen. Aber ich würde vorher noch gerne mit dir sprechen.“

„Das dachte ich mir bereits.“ Akkarin streckte den Willen nach ihren Weingläsern aus und dann überquerten sie den Flur zur Bibliothek.

„Es geht um Lina“, sagte Sonea, kaum dass sie sich auf einem Kissen neben seinem Sessel niedergelassen hatte. Es war nicht nur ihr gewohnter Platz, wenn Akkarin ein Buch las. Es tat auch gut, dort zu sitzen, wenn sie ihm ihre größten Sorgen anvertraute. In einem anderen Sessel war er zu weit weg. Hier konnte sie sich gegen seine Beine lehnen und sich von seiner Hand liebkosen lassen, während das verstärkte Machtgefälle sie mit neuer Zuversicht erfüllte.

„Ich habe überlegt, es ihr heute zu sagen. Aber sie war heute so unglaublich wütend und ich hatte Sorge, dass sie anfängt, es an Sanina und Alia auszulassen“, begann sie.

„War sie wegen der beiden wütend?“

„Nach allem, was ich verstanden habe, ja. Aber sie war auch nicht bereit, darüber zu sprechen.“

„Dann macht es auch keinen Sinn, in sie zu dringen.“

Sonea nickte frustriert. „Aber wenn sie nicht redet, kann ich ihr nicht helfen. Sie behindert sich mit ihrem Ärger selbst und damit wird sie sich auf Dauer schaden.“

„So hart es klingt, sie muss da durch. Du hättest allenfalls eine Chance, wenn du den tatsächlichen Kern ihres Problems herausfindest und die Sache von dort aus angehst.“ Er lachte leise. „Allerdings könnte es passieren, dass sie dich dann im Unterricht tatsächlich töten will.“

Er spielte darauf an, wie er die Sache mit ihr und Regin damals gehandhabt hatte. Sonea war nicht gewillt gewesen, Hilfe anzunehmen. Schon gar nicht von ihm. Tatsächlich hatte Akkarin sich aus der Sache herausgehalten, was schließlich dazu geführt hatte, dass Sonea ihr Problem mit Regin selbst geregelt hatte. Damals hatte sie sich nicht wehren wollen. Linas Problem hingegen war, dass ihr Widerstand unverhältnismäßig war.

„Ich werde sie aber nicht einfach machen lassen können“, sagte sie. „Das fällt negativ auf mich zurück.“

„Nicht, wenn es der einzige Weg wäre, wie sie ihre Lektion lernt.“

Sonea legte das Kinn auf Akkarins Knie und sah zu ihm auf. „Darüber muss ich nachdenken. Für den Augenblick brauche ich jedoch deine Weisheit, wie ich ihr am schonendsten beibringe, dass sie nicht meine Nachfolgerin wird.“

„Sie wird es nicht gut aufnehmen, egal wann du es ihr sagst.“ Akkarins Hand strich ihren Haaransatz entlang. „Ich verstehe deine Schuldgefühle, doch du hast keinen Grund, dich schuldig zu fühlen. Es ist nicht deine Schuld, dass du ihr diese Bürde zu übertragen nicht mit deinem Gewissen vereinbaren kannst. Und es ist auch nicht ihre. Ich würde einen Tag abwarten, an dem sie wieder einigermaßen gefestigt ist. Und auf keinen Fall vor den Prüfungen.“

„Also lieber zu Ferienbeginn? Oder soll ich bis nach den Abschlussprüfungen warten?“

„Ich würde den Ferienbeginn vorziehen. Dann hat sie zwei Wochen Zeit, um sich zu beruhigen, während ihre Klassenkameraden bei ihren Familien sind. Wartest du zu lange, wird sie irgendwann fragen. Und wenn sie dann merkt, dass du deine Entscheidung schon getroffen hast, wird sie sich von dir hintergangen fühlen. Nichtsdestotrotz hat sie ein Recht, es zu erfahren.“

Der Seufzer kam aus den Tiefen von Soneas Herz. Das würde kein leichtes Gespräch werden. Auf eine gewisse Weise fiel ihr das noch schwerer, als die ernsten Gespräche mit ihren Kindern. Lina mochte nicht ihre Tochter sein. Von der Entscheidung, ob das jähzornige Mädchen ihre Nachfolgerin werden sollte, hing jedoch das Schicksal der Gilde ab.

Akkarin strich die Konturen ihrer Augenbrauen entlang. „Ich werde nun die Briefe beantworten. Du kannst dir überlegen, ob du mich zum Schreibtisch begleiten möchtest, oder ob du das Lesen im Sessel vorziehst.“

Sonea stand auf und ihr Buch schwebte in ihre Hand. „Wir sind heute aber ganz besonders großzügig, Hoher Lord“, sagte sie und ließ sich in ihrem Sessel nieder.


***


Der kleine Bach war bei weitem nicht so komfortabel, wie das Bad im Haus der Verräter, doch er war tief genug, um bis zu den Schultern mit Wasser bedeckt zu sein, wenn man darin saß. Auch war die Strömung gering genug, dass das Erhitzen des Wassers keiner Magieverschwendung gleichkam. Mit einem wohligen Seufzen verließ Dannyl das Wasser und trocknete sich mit Magie. In der Dämmerung war seine schmutzige Robe ein undefinierbarer Haufen auf dem Boden. Die frische Robe lag ordentlich über einem Stein.

Nachdem er sich angekleidet hatte, kämmte er sein Haar mit einem groben Kamm und band es zurück. Dann hob er seine schmutzige Robe auf, klemmte sie sich zu einem Bündel zusammengerollt unter den Arm und kehrte zu dem von Felsen und Büschen geschützten Lager zurück. Die Verräterin, die mit gelangweilter Miene auf einem Stein Wache hielt, nickte ihm zu. Für einen Augenblick flimmerte die Luft, als sie die Verteidigungsmechanismen für einen schmalen Durchgang senkte und Dannyl betrat das Lager.

„ … schon zwei Tage hinter dem Zeitplan!“, erklang eine wütende Frauenstimme.

„ … so schnell reisen, wie die Prinzessin es wünscht“, sagte ein Mann ruhig.

Dannyl runzelte die Stirn und folgte den Stimmen. Lenyaka und Dikacha standen einander an der Kochstelle gegenüber. Lenyaka hatte eine Hand in die Hüfte gestemmt; mit der anderen fuchtelte sie mit einem Messer vor Dikacha herum, an dem noch das Blut der Harrel klebte, die ihre Schwestern unterwegs gefangen hatten. Dikacha hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wirkte und unbeeindruckt von der Tatsache, dass eine wütende Verräterin mit einem Messer vor ihm stand.

„Jede Verzögerung stellt eine Gefahr für die Prinzessin dar“, sagte Lenyaka gerade. „Denn sie gibt den Gegnern dieser Verschwörung die Gelegenheit, uns zu überfallen.“

„Wenn die Gegner das wollten, dann würden sie das auch so“, entgegnete Dikacha. „Diese Reise ist nicht gerade ein geheimer Staatsakt.“

„Aber so hätten sie mehr Gelegenheit. Sie hätten bessere Chancen, die Verantwortung auf eine andere Gruppierung zu schieben. Eine Gruppierung, die unüberlegt und spontan handelt.“

„So wie die Ichani?“

„Ganz richtig“, sagte Lenyaka säuerlich.

„Dazu müssten die Ichani aus ihrem Gebiet herauskommen und mehrere Wochen nach Süden reisen“, sagte Dikacha. „Und das ist reichlich unwahrscheinlich.“

„Ja länger wir brauchen, desto wahrscheinlicher wird das. Es gibt dort bereits Unruhen, es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Situation in den Ödländern eskaliert.“

„Trotzdem ist es unwahrscheinlich, dass sie hierher kommen, bis wir am Pass sind.“

„Bei dieser Reisegeschwindigkeit halte ich das für sehr gut möglich!“

Dikacha hob eine Augenbraue. „Wenn Eure Leute so gut über die Ichani informiert sind, dann sind sie zweifelsohne auch über die Geschehnisse in den Fruchtbaren Regionen informiert, und wissen, ob eine Gefahr droht.“

„Natürlich sind wir das. Aber das bedeutet nicht, dass wir weniger wachsam sein sollen oder trödeln dürfen!“

„Das alles sind valide Argumente, doch den eigentlichen Schaden sehe ich darin, dass Ihr mit Euren Schreckensszenarien die Prinzessin unnötig ängstigt“, sagte Dannyl und trat zu den Streitenden. Lenyaka und Dikacha fuhren herum und Dannyl war überrascht, so etwas wie Schuldbewusstsein in den Augen der Verräterin zu lesen.

„Wenn sie das dazu bringt, auf ihre Pausen zu verzichten …“, murmelte Lenyaka.

„Lenyaka“, sagte Dannyl, während er sich fragte, ob es eine gute Idee gewesen war, die beiden das Abendessen zubereiten zu lassen. Er hatte gehofft, das würde sie einander näherbringen. Stattdessen hatte es den Streit forciert. „Ihr habt nicht das Kommando über diese Mission. Ihr und Dikacha teilt Euch nur das Kommando über die Sicherheit. Und wie wir gerade festgestellt haben, ist diese nicht dadurch gefährdet, dass wir langsamer vorankommen.“

„Und Ihr habt als niederer Magier nicht das Recht, uns herumzukommandieren“, gab Lenyaka zurück.

„Niederer Magier hin oder her, das hier ist eine diplomatische Mission, die dem Auslandsadministrator und mir anvertraut wurde.“ Salyk hatte sein Lager verlassen, auf dem er gedöst hatte, nachdem er Dannyl den Vortritt beim Baden gelassen hatte. „Und diplomatische Mission bedeutet auch kein gegenseitiges Zerfleischen oder Blutvergießen. Wir arbeiten hier alle zusammen.“

„Ihr habt den Botschafter gehört“, sagte Dannyl. „Euer Streit trägt nur dazu bei, die Stimmung zu vergiften. Im Falle eines Angriffs würde das sogar eine Gefahr darstellen, weil Ihr anscheinend nicht in der Lage seid, zu kooperieren.“ Er sah zu Salyk. „Ich bin nur ein nichtsnutziger Alchemist, doch ich nehme an Ihr als Krieger stimmt mir zu?“

„Absolut“, sagte Salyk zu den Streitenden gewandt. „Und es würde mich nicht wundern, wenn gemeinschaftliches Arbeiten Bestandteil der Ausbildung zur Palastwache oder zur Verräterin ist.“

„Wir sind Söldner“, grollte Lenyaka. „Wir kämpfen alleine.“

„Soweit ich weiß war das, als Ihr Ichani wart, anders.“

„Das ist dreizehn Jahre her.“

„Aber Ihr habt es gelernt. Gewiss seid Ihr nicht von Anfang an zur Söldnerin ausgebildet worden, sondern habt gewisse Grundlagen des gemeinsamen Kampfes gelernt. Zumal Euer Volk seit dem Krieg genug Gelegenheit hatte, diese Fähigkeit zu vertiefen.“

Lenyakas Mund klappte auf und für einen Moment war sie der Worte verlegen. Dannyl grinste in sich hinein. Für gewöhnlich spielte er den strengen Kyralier. Salyk schien in der strengen Rolle jedoch noch besser zu sein. Und weil seine Kultur als ähnlich hart wie die der Sachakaner galt, konnte er damit überzeugen.

„Und ich sehe noch ein ganz anderes Problem“, fügte Dannyl hinzu.

„Welches?“, fragte Salyk sich betont ahnungslos gebend.

Dannyl wandte sich zu seinem Freund. „Indem sie streiten, beschämen sie damit Verräter und Palastwache. Der König und die Große Mutter waren sich einig, dass eine aus beiden Gruppen bestehende Eskorte nicht nur ein politisches Symbol nach außen darstellt, sondern auch eine gute Übung für weitere Gelegenheiten dieser Art bietet. Doch was sollen der Hohe Lord und König Merin denken, wenn wir diese Auseinandersetzungen in unserem Bericht erwähnen? Welches Bild würde das Merin von Sachaka liefern? Würde er sich dann noch auf eine politische Ehe mit diesem Land einlassen?“

„Wie Ihr neulich sagtet: Der König ist fair, aber auch harsch in seinem Urteil und konsequent“, stimmte Salyk zu. „Es ist schwer vorherzusagen, doch in einem Bericht würde es sich besser machen, wenn der Konflikt noch während der Reise gelöst wird.“

„Ja“, sagte Dannyl und schenkte dem Botschafter ein verschwörerisches Lächeln. „Das denke ich auch.“

„Und wieder einmal beweist sich, dass es eine gute Entscheidung war, Euch mitzunehmen“, sagte Dannyl, als er Salyk wenig später seinen Badeplatz zeigte. Mittlerweile war es vollständig dunkel geworden und Dannyl wies mit einer kleinen Lichtkugel den Weg. Lenyaka und Dikacha hatten sich reumütig gezeigt, und als nach seiner und Salyks Rede die Prinzessin aus ihrem Zelt getreten war und verkündet hatte, dass ihr der Streit missfiel und sie das Verhalten der Palastwache ihrem Vater melden würde, wenn dieser zur Vermählung anreiste, hatten beide Besserung gelobt. Besser, fand Dannyl, hätte die Sache nicht laufen können. „Ihr mögt für einen Lonmar höchst unkonventionell sein, doch Eure Wurzeln haben Euch ein gewisses Grundverständnis strenger Regeln mitgegeben, die in solchen Situationen hilfreich sind.“

„Ich bin nur hier, weil der Hohe Lord anscheinend der Ansicht war, dass ich mich als Begleiter eigne.“

„Ihr seid hier, weil ich Akkarin Eure Kompetenzen dargelegt habe“, stellte Dannyl richtig. „Einen anderen Botschafter hätte ich für diese Mission nicht an meiner Seite wissen wollen.“ Und das nicht nur, weil du so eine gute Gesellschaft bist.

„Nun, vielleicht hat meine Kultur doch einen gewissen Einfluss auf mich“, sagte Salyk wie beiläufig. Er hatte sich zum Ufer gewandt und untersuchte den Bach mit seiner Lichtkugel. „Nicht alle strengen Regeln meines Volkes mögen Sinn ergeben, doch es gibt Regeln, die eingehalten werden müssen. Und wenn es nur um Verhaltenskodex geht.“

„Ja“, sagte Dannyl. „Und hin und wieder fällt es auch mit jahrelanger diplomatischer Erfahrung schwer, diese nicht nur bei den Ungerechtigkeiten anderer Völker, sondern auch bei dem eigenen zu akzeptieren.“

Salyk antwortete nicht. Daran, wie sich sein Rücken versteifte, konnte Dannyl jedoch erkennen, dass seine Worte irgendetwas in ihm bewegten.

Schließlich wandte Salyk sich um. „Danke, dass Ihr mir diese Chance gegeben habt, Dannyl“, sagte er. „Für diese Mission, dieses faszinierende Land, das dem meinen gar nicht so unähnlich ist, zu sehen und die Gelegenheit mein Verständnis für dieses zu vertiefen, aber auch für all die guten Gespräche.“

Und mit einem Mal war die beängstigende Magie zurück. Für einen Moment war Dannyl jeglicher Worte verlegen. Der Augenblick bot ein ganzes Universum von Möglichkeiten, eine fataler als die andere. Wenn er die falsche wählte, würde er das vielleicht auf immer bereuen.

„Solange dieses neue Verständnis für Euer Heimatland nicht dazu führt, dass Ihr wieder dort leben und Euch den strengen Regeln beugen wollt, ist alles gut.“ Salyk öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, doch Dannyl kam ihm zuvor. „Doch nun sollte ich Euch nicht länger von Eurem Bad abhalten. Ich sollte nachsehen, ob Lenyaka und Dikacha sich noch vertragen. Denn in diesem Fall werden wir wohl bald essen.“


***


Das letzte Mal, dass Mivara es gehasst hatte, zu den Füßen eines Mannes zu knien, war unter Ashaki Rokko gewesen. Sie hätte sich jedoch nie träumen lassen, dass ihr das eines Tages mit Tarko passieren würde. Für gewöhnlich fütterte er sie, während sie sein Essen hielt. Für gewöhnlich sehnte Mivara diese Momente der Zweisamkeit mehr als die Mahlzeiten der Cachira herbei, zu denen sie nur wenig aß, wissend dass sie sonst mit einem zu vollen Bauch ins Bett gehen würde. Neuerdings hasste sie es jedoch. Während der vergangenen Tage hatte das Tarko nicht vom Füttern abgehalten.

An diesem Abend hatte er sie absichtlich hungern lassen. Und Mivara wusste nicht, ob sie ihn dafür noch mehr hasste. Oder ob sie sich hasste, weil sie jederzeit aufstehen konnte und dieses Spiel beenden, sie jedoch zu sehr in ihrer Rolle gefangen war.

Endlich leerte Tarko seinen Weinkelch. Auf das Heben seiner Hand ließen Sava und Tashara ihre Fliats sinken. Asha legte ihre kleine Trommel beiseite und Istara hörte auf zu tanzen.

„Ab ins Bett mit euch“, sagte Tarko. Er zog Mivara an ihrem Halsband hoch. Den kichernden Mädchen folgend führte er Mivara in den Flügel des Meisters.

Auch das noch, dachte Mivara. Tarko war zweifelsohne verärgert. Und Mivara hatte so eine Ahnung, womit sie ihn verärgert hatte. Noch mehr ärgerte sie indes, dass er seit Tagen so tat, als wäre alles zwischen ihnen beim Alten und als hätte sie ihn verärgert, nur damit er sie bestrafte.

„Lasst uns allein“, sagte Tarko, als sie sein Schlafgemach erreichten.

„Ihr wollt unsere Dienste heute nicht, Meister?“, fragte Sava enttäuscht.

„Ein anderes Mal. Ich muss eure ungehorsame Cachira-Meisterin bestrafen.“

Istara kicherte. „Dann lasst Euch nicht aufhalten, Meister. Aber vergesst nicht, dass wir Euch auch dabei helfen würden.“

„Das muss ich alleine erledigen. Und jetzt raus.“

Noch immer kichernd zogen sich die Mädchen in das Nebenzimmer zurück.

„Und jetzt zu dir.“ Tarko wies auf den Boden zu seinen Füßen. „Was fällt dir ein, mich vor dem König zu blamieren? Und was war das gestern mit meinen Gästen?“

Mivara blieb stehen, die Arme vor der Brust verschränkt. „Ich hatte etwas Wichtiges zu erledigen“, sagte sie kühl.

„Und das konnte nicht warten?“

„Nein“, zischte Mivara.

„Zieh dich aus und knie dich hin. Ich denke, heute ist es an der Zeit, deine Erinnerungen an die Peitsche wieder aufzufrischen.“

„Nein.“ Mivara war überrascht, wie klar und kraftvoll ihre Stimme klang. „Du wirst mich nicht bestrafen.“

Für einen Moment war Tarko irritiert. „Was soll das jetzt, Mivara? Erst bringst du mir größtmöglichen Ungehorsam entgegen und dann willst du nicht, dass ich dich bestrafe? Ist das ein neues Spiel?“

„Dieses Spiel war noch nie so ernst.“

„Was soll das heißen?“

„Du respektierst weder mich noch meine Wünsche. Und deswegen wirst du mich weder bestrafen noch in irgendeiner Form anrühren.“

Tarko schüttelte den Kopf. „Wo respektiere ich dich nicht, Mivara? Du magst es doch, bestraft zu werden.“

War das sein Ernst? War er wirklich so dumm wie ein Gorin? „Du Kereco!“, rief Mivara. „Du respektierst meinen Willen nicht im Hinblick auf uns. Das ist das Problem. Und solange du meinen Willen übergehst, werde ich rebellieren, wie es mir gefällt.“

„Ich biete dir alles, was du willst, Mivara. Du hast die schönsten Kleider, die feinsten Speisen. Du trainierst meine Wachen und hast mich die meisten Nächte für dich. Ich behandele dich wie meine Lieblingssklavin, obwohl du eine höhere Magierin bist. Und das nur, weil wir beide das so wollen. Eine Prinzessin könnte kein besseres Leben haben.“

„Genau das ist das Problem“, zischte Mivara.

„Soll ich dich wie Dreck behandeln? Wie eine alte hässliche Bettsklavin, die gerade noch gut genug ist, um Wäsche zu waschen und Kinder zu füttern?“

Als ob du eine alte hässliche Bettsklavin schlecht behandeln würdest. Das liegt doch gar nicht in deiner Natur. „Tatsächlich wäre mir das im Augenblick lieber. Also spar dir deine Beteuerungen und hör auf so zu tun, als wäre die Welt zwischen uns in Ordnung. Denn das ist sie nicht!“

„Mivara.“ Tarko tat einen Schritt auf sie zu, doch Mivara fuhr mit einem wütenden Zischen zurück. „Können wir das nicht wie erwachsene Menschen besprechen?“

„Denk darüber nach, Tarko. Und wenn du zur Besinnung gekommen bist, dann reden wir“, sagte Mivara und kehrte ihm den Rücken zu.

„Wohin gehst du?“, rief Tarko ihr nach.

Mivara öffnete die Tür zur Cachira. „Dir den größtmöglichen Ungehorsam entgegenbringen.“

Ohne sich noch einmal nach dem völlig perplexen Meister umzudrehen, trat sie durch die Tür und schloss sie hinter sich. Tarko würde ihr nicht folgen. Die Cachira war für den Meister abgesehen von sehr begründeten Ausnahmen tabu. Und Mivara fand nicht, dass ihr Streit ihm das Recht gab, sie dort zu behelligen.

Aus mehreren Ecken des weitläufigen Raumes erklang ein geschäftiges Rascheln. „Tut gar nicht erst so, als hättet ihr schon geschlafen“, sagte Mivara. „Ich weiß, dass ihr gelauscht habt.“

„Sollen wir Tarko auf andere Gedanken bringen?“, fragte Istara von dem großen Himmelbett, das sie sich mit Sava teilte.

„Auf keinen Fall“, sagte Mivara. „Wenn er nach euch ruft, meinetwegen. Doch was mich betrifft, hat er es nicht verdient.“

„Aber was hat er getan?“, fragte Tashara von dem Einzelbett, das sie bevorzugte.

„Er …“, begann Mivara und brach dann ab. Wie sollte sie Tarkos Heiratsabsichten den Mädchen klarmachen? Es würde ihre gesamte Dynamik zerstören. „Er kann sich so fortschrittlich geben, wie er will. In seinem Herzen ist er dennoch ein verdammter Ashaki. Sachakanisches Blut lässt sich nicht verleugnen.“

„Oh.“

„Legt euch schlafen“, sagte Mivara. Sie trat zu dem zweiten Himmelbett an einem der großen Fenster, in dem sich eine einzelne Sklavin räkelte. „Morgen könnt ihr um seine Gunst so viel buhlen wie ihr wollt. Doch für heute soll er schmoren.“

„Dann wird er umso wilder auf uns sein“, sagte Istara.

Kopfschüttelnd trat Mivara zum Bett. „Ist bei dir noch Platz?“

„Für dich immer“, sagte Asha mit einem einladenden Lächeln.

Mivara streifte ihr Kleid an und schlüpfte zu der anderen Frau unter die Decken. „Gute Nacht, euch Rassookstall.“

„Gute Nacht“, wiederholten die anderen Sklavinnen.

„Das ist das erste Mal, dass du hier schläfst, nicht wahr?“, fragte Asha.

„Seit meiner Rückkehr, ja.“ Mivaras Hände fanden die Taille der anderen Sklavin. „Und was fühle ich hier? Du schläfst doch nicht ernsthaft in einem Nachthemd?“

„Wozu nackt sein, wenn die beiden Menschen, die ich am meisten begehre, nicht hier schlafen?“

„Jetzt bin ich hier.“ Mivara rollte Asha auf den Rücken und schob den seidenen Stoff hoch. „Und mein Verlangen ist ungestillt.“ Oder durch den Streit sogar noch größer.

„Ich dachte, jetzt wird geschlafen!“, rief Sava.

Mivara streckte ihren Willen nach den Bettvorhängen aus und zog sie zu. „Und genau deswegen werdet ihr jetzt still sein“, rief sie.


***


Sie war schon wieder nicht im Abendsaal. Regin konnte nicht einmal genau sagen, wann er sie zuletzt hier gesehen hatte oder wie regelmäßig. Seit ihrer Begegnung im Heilerquartier und der Party im Haus des Familienoberhauptes von Haus Maron, dessen Tochter zu heiraten Regin zum Ärger seiner Mutter abgelehnt hatte, war sie nicht mehr hier gewesen. Ging das schon länger so? Und wieso fiel ihm das erst jetzt auf?

„Lord Regin, stimmt Ihr mir zu?“

Regin zuckte zusammen. „Bitte was?“

„Die Sommerprüfungen.“

Was hatten sie bezüglich der Sommerprüfungen besprochen? Regin konnte sich nicht entsinnen, dazu einen Diskussionsbeitrag geliefert zu haben. Er kam sich wie ein Idiot vor. Sollte er etwas Allgemeines antworten, in der Hoffnung, sich nicht zu blamieren? Da er jedoch nicht die leiseste Ahnung hatte, worüber seine Kollegen diskutiert hatten, würde er sich damit tatsächlich blamieren.

„Bitte entschuldigt, Administrator“, sagte er. „Ich war in Gedanken. Wie ich meinen Kriegern Übungseinheiten verschaffen kann, obwohl die Vierttage momentan für Lina reserviert sind.“

„Ist das der einzige Termin, zu dem Ihr, Sonea und ihre Novizin Zeit haben?“, fragte Jerrik.

„Zumindest zu akzeptablen Tageszeiten.“

„Sonst wäre Lady Sonea gewiss bereit, ihren morgendlichen Schwertkampfunterricht an einem Tag zu tauschen, an dem Lina keine praktische Kriegskunst hat“, überlegte Peakin. „Es heißt, sie wäre sehr stark. Nach einer Runde in der Arena sollte sie noch ausreichend Magie für den regulären Unterricht übrig haben.“

„Nun“, sagte Regin mit einem Blick zu den Türen. „Ich schlage vor, wir besprechen das direkt mit ihr und dem Hohen Lord.“

Akkarin und Sonea hatten den Abendsaal betreten. Sonea trug ihr Haar anders, als noch am Nachmittag in der Arena. Und es sah aus, als hätte sie es soeben erst frisiert. Also hatten sie Sex gehabt. Kein Wunder, dass sie so spät sind, dachte Regin mit leisem Neid.

„Sie sind später als sonst“, murmelte Osen. Anscheinend war es ihm auch aufgefallen.

„Sie haben Kinder und auch diese brauchen elterliche Aufmerksamkeit“, sagte Lady Vinara säuerlich.

Das Meer von Roben teilte sich vor den beiden schwarzgewandeten Magiern, als diese auf die höheren Magier zuhielten. Hastig sprang Regin aus dem Sessel auf, in dem er gesessen hatte.

„Guten Abend, Administrator“, sagte Akkarin und grüßte dann die Oberhäupter der Disziplinen und die Studienleiter.

„Hoher Lord, Lady Sonea“, murmelten die höheren Magier mit unterdrückter Ehrfurcht.

„Ich habe Euch Euren Platz freigehalten, Hoher Lord“, sagte Regin.

„Das ist sehr freundlich von Euch, Lord Regin“, erwiderte Akkarin trocken und ließ sich in seinem Sessel nieder. Sonea stellte sich neben ihn, wodurch sie nahezu mit ihm auf Augenhöhe war. Sie lächelte Lord Rothen zu und schenkte auch Regin ein kurzes Lächeln. Als er ihr verschwörerisch zuzwinkerte, verfinsterte sich ihre Miene jedoch und sie wandte sich ab.

„Lady Sonea, wir haben gerade darüber gesprochen, ob es eine andere Möglichkeit gibt, die Krieger zu trainieren, wenn der Vierttag der einzige Tag ist, an dem Ihr Lina mit Regin und Akkarin unterrichten könnt“, sagte Lady Vinara.

„Und ich habe vorgeschlagen, Euer morgendliches Schwertkampftraining an einem Tag zu tauschen“, fügte Peakin hinzu. „Selbstverständlich an einem Tag, an dem Lina keine praktische Kriegskunst habt.“

Sonea sah aus, als fühle sie sich überrannt. Dann verfinsterte sich ihre Miene. „Lord Peakin und all die anderen – es ist sehr freundlich von Euch, dass Ihr mir die Bürde von Linas Stundenplan abnehmen wollt, doch bis jetzt sehe ich mich dieser Aufgabe mehr als gewachsen. Und um Eure Frage zu beantworten: Ich gedenke, den Zusatzunterricht am Vierttagnachmittag wieder einzustellen.“

„Warum?“, fragte Osen. „Profitiert sie nicht davon?“

„Doch. Allerdings bereitet ihr der Kurs so kurz vor den Prüfungen nur zusätzlichen Stress. Die Situation mit den anderen Novizen ist bereits angespannt. Ich will, dass sie sich auf die Prüfungen konzentriert und ihre Zeit nicht mit sinnlosen Racheakten vergeudet. Nach den Prüfungen kann man darüber nachdenken, sie wieder auf diese Weise zu fördern. Alternativ würde ich lieber im Einzelunterricht mit ihr an ihren Schwächen arbeiten.“

„Man könnte sie auch an den Übungen der Krieger teilnehmen lassen“, überlegte Regin.

Sonea nickte. „Im Augenblick wäre das jedoch nicht zielführend.“

„Nicht?“, fragte Peakin. „Um Eure Nachfolgerin zu werden, sollte sie …“

„Ich denke, dass angesichts Linas aktueller Schwierigkeiten sich die Frage nach einer Nachfolge nicht stellt“, sagte Lady Vinara, woraufhin Sonea dankbar nickte.

„Darüber will ich mir momentan kein Urteil anmaßen“, sagte die kleine schwarze Magierin. Regin konnte jedoch sehen, dass sie der Antwort auswich. Sieh an, dachte er und war eigentlich nicht überrascht. Sonea war unglaublich harsch. Daran hatten auch sechzehn Jahre unter Akkarin nichts geändert.

Die höheren Magier wirkten verwirrt. Nur Lady Vinara schenkte Sonea ein verständnisvolles Nicken. „Dann macht es auch keinen Sinn, das jetzt zu diskutieren“, sagte das Oberhaupt der Heiler und bereitete der Diskussion damit ein Ende.

„Hoher Lord, gibt es Neuigkeiten von Dannyl?“, fragte Rothen.

„Nur, dass sich die Reise um ein paar Tage verzögert.“

„Warum?“, fragte Lady Indria. „Ist etwas passiert?“

Akkarins Mundwinkel zuckten kaum merklich. „Wie es scheint, ist die sachakanische Prinzessin die Strapazen einer langen Reise nicht gewohnt. Dementsprechend müssen sie mehr Pausen einlegen, als ursprünglich geplant waren.“

„Je länger sie unterwegs sind, desto größer ist das Risiko eines Angriffs“, sagte Regin. „Sie machen sich damit zu einem leichten Ziel.“

„Die Eskorte besteht aus zehn Palastwachen und zehn Verrätern, Regin“, sagte Sonea. „Und zweien unserer Magier. Sie müssten schon von einer kleinen Armee überfallen werden, damit die Sicherheit der Prinzessin gefährdet ist. Aber solange die Verräter ein Auge auf die Umgebung haben und alle verdächtigen Bewegungen rechtzeitig melden, sollte alles gutgehen.“ Ihre Augen huschten zu Rothen und sie lächelte dem betagten Alchemisten aufmunternd zu.

„Es sind genug Verräter über die neuen Fruchtbaren Regionen verteilt, dass diese der Eskorte rechtzeitig zur Hilfe eilen könnten“, fügte Akkarin hinzu.

„Ist ihr Netzwerk so gut?“, fragte Peakin.

„Dadurch, dass Ishaka ihnen erlaubt hat, seine Ashaki auszuspionieren, ist es effizienter denn je“, antwortete Akkarin.

„Aber der Nachtschatten ist ihnen auch entgangen.“

„Richtig. Weil dieser sein eigenes Netzwerk aufgebaut hat. Wenn sich mehrere Ashaki zusammentun und zu einem Angriff ausreiten, wird das den Verrätern nicht entgehen. Sowohl Asara als auch Harlen berichten in dieser Hinsicht jedoch keine Unauffälligkeiten.“

„Was seltsam ist“, bemerkte Osen.

„Den einzigen Widerstand gab es, als Dannyl diese Verbindung ausgehandelt hat. Mittlerweile haben sich die Ashaki damit angefreundet. Die Übrigen hat Ishaka in die Ödländer verbannt.“

Wo sie zweifelsohne irgendwann Ärger machen werden, dachte Regin. Er erinnerte sich an den Aufstand mehrerer Ashaki im vergangenen Jahr. Dem König von Sachaka war keine Wahl geblieben, als die Aufständischen in das Gebiet zu treiben, das von den Ödländern noch übrig war. Etwa die Hälfte der Ausgestoßenen hatte überlebt. Schwarze Magier zur Rechenschaft zu ziehen, war schwierig. Hinrichtung oder die Blockade der Magie, die in Sachaka einer Versklavung gleichkam, konnte für innerpolitische Komplikationen sorgen, weswegen Verbannung sich zu einem probaten Mittel zur Bestrafung von Ichani entwickelt hatte. Unglücklicherweise war dies auch ein Schwachpunkt des sachakanischen System, denn die Ichani sorgten immer wieder für Ärger. Für Regin wäre das ein Grund gewesen, schwarze Magie zu verbieten. In dieser Hinsicht gab es jedoch auch dreizehn Jahre nach den Friedensverhandlungen noch keine Einigung, als wollten alle zunächst beobachten, wie sich beide Länder einander annäherten.

Das Gespräch begann sich zusehends um Politik zu drehen und Regin begann sich zu langweilen. Der Bezug zu möglichen kriegerischen Auseinandersetzungen war ihm bewusst, die Ansichten mancher Magier, die anscheinend versuchten, den Strategen zu spielen, waren dagegen entnervend. Insbesondere Peakin war in dieser Hinsicht stets anstrengend, aber auch Osen und Lady Indria. Regin war froh, als Lady Vinara erklärte, dass sie die Diskussionen leid sei und schlafen gehe.

„Meine Frau und ich werden uns auch zurückziehen“, sagte der Hohe Lord.

Sonea leerte ihr Weinglas und trat zu Rothen. Auch Regin leerte sein Weinglas und übergab es einem Diener.

„Mir ist nichts darüber bekannt, dass Farand über den Sommer verreist“, sagte der betagte Alchemist zu Sonea. „Ich werde ihn übermorgen einmal fragen.“

Regin trat zu seiner Freundin. „Bleibt es bei morgen Nachmittag?“, fragte er leise.

„Kyrima in der Residenz“, sagte Sonea. „Es sei denn, dir wären Schwerter lieber.“

„Ich weiß noch nicht, ob ich von dir verprügelt werden will.“

„Dann sollten wir vielleicht etwas anderes unternehmen. Theater? Pferderennen?“

„Ich dachte, Pferderennen langweilen dich.“

„Da ich nicht wette, besteht dort nicht die Gefahr, dass du gegen mich eine Niederlage erleidest.“

Regin schnaubte leise. „Kyrima ist in Ordnung.“

„Wieso fragst du dann? Hast du Angst, ich hätte es mir anders überlegt?“

„Ich dachte nur, vielleicht macht ihr Frauen spontan ein Sumikränzchen.“

„Luzille verbringt den morgigen Tag mit Farand und den Kindern.“

Und Trassia?, wollte er fragen, wagte es jedoch nicht. Diese Unterhaltung war bereits seltsam genug. Und Sonea hatte ein untrügliches Gespür dafür, wenn er sich seltsam verhielt.

„Nun“, sagte er sich zu einem Lächeln zwingend. „Dann freue ich mich auf morgen und wünsche eine gute Nacht.“

„Warum hast du ihn nicht gefragt?“, zischte Lord Farand, nachdem sich die Türen hinter dem Hohen Lord und seiner kratzbürstigen Frau geschlossen hatten.

„Hier?“, fragte Rothen.

„Wo sonst? Es sind alle versammelt.“

„Worum geht es, Rothen?“, fragte Lady Vinara, die ihr leeres Weinglas einem Diener übergeben hatte.

„Um die Steuerreform, die noch diesen Sommer beschlossen werden soll.“

„Der König plant, unsere Gelder zu kürzen“, fügte Lord Farand hinzu. „Weil die Häuser noch nicht reich genug sind.“

„Gelder kürzen?“, wiederholte Regin. Was war das für ein neuer Irrsinn? „Die Gilde wächst und wächst. Wozu soll das gut sein?“

„Genau das ist das Problem“, sagte Rothen. „Es wird ihnen zu teuer.“

Regin schüttelte den Kopf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Haus Paren das unterstützt. Das würde bedeuten, dass unsere Magier schlechter ausgebildet sind. Und die anderen Häuser werden genauso denken.“

„Man könnte die Finanzierung vom sozialen Stand unserer Mitglieder abhängig machen“, überlegte Peakin.

„Ist das Euer Ernst?“, fragte Lady Vinara. „Bei uns wird niemand benachteiligt.“

„Das wäre eine ganz schlechte Idee“, stimmte Rothen zu.

„Wir brauchen diese Finanzierung“, sagte Regin. „Die Häuser werden sich noch wundern, wenn wir in ein oder zwei Jahren unsere Heiler nicht mehr kostenlos zu ihren Rennpferden schicken und unsere Architekten hohe Summen für den Ausbau ihrer Häuser nehmen werden.“

„Müssen wir diese Diskussion jetzt führen?“, stöhnte Osen. „Können wir das nicht in Ruhe besprechen? Zudem sollte der Hohe Lord dabei sein.“

„Und Sonea auch“, fügte Rothen hinzu.

Die Peakin und den Häusern sicher einiges dazu zu sagen hätte …

„Ich habe auch gerade keine Lust, mich über unsinnige Gesetze zu ärgern“, sagte Lady Vinara. „Nach allem, was diese Woche im Heilerquartier los war, und dem Vorbereiten meiner Novizin auf die Sommerprüfung in Heilkunst, brauche ich Schlaf.“

„Nun“, sagte Osen. „Dann besprechen wir das doch nächste Woche. Ich schaue, wann mein Plan eine Stunde für ein Treffen erlaubt.“

Die Nacht war lau, als Regin den Abendsaal verließ. Er wählte einen Umweg durch den Park zurück zum Magierquartier. Insekten zirpten in den Hecken, laut genug, dass sie über das Knirschen seiner Stiefel auf dem Kiesweg zu hören waren. Die Wolken am Himmel leuchteten, wo der Mond sich zwischen ihnen versteckte.

Es sind zwei Jahre vergangen. Es geht mich nichts an, wie und mit wem sie ihre Zeit verbringt. Sie wollte mich nicht. Sie hat sich sogar noch gegen mich entschieden, als ich schon lange ein besserer Mensch geworden war. Ich sollte damit aufhören und weitermachen.

Es war absurd, dass er noch immer so sehr an Trassia hing. Wieder und wieder hatte Regin versucht, über sie hinwegzukommen, hatte unzählige andere Frauen nach ihr gehabt, doch am Ende scheiterte es immer wegen ihr. Aber wie kam man über einen geliebten Menschen hinweg? War das überhaupt möglich?

Regin wollte, dass es aufhörte. Er wollte nicht den Rest seines Lebens damit verbringen, einer Frau hinterherzutrauern, die ihn hasste und die alles verkörperte, was er nicht war. Und doch hing ein Teil seines Herzens noch immer an ihr.
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