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Das Erbe der schwarzen Magier II - Der Feind in ihrer Mitte

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Rothen Regin Sonea
01.12.2021
26.04.2022
13
132.160
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15.02.2022 12.665
 
Kapitel 6 – Vertrauliche Gespräche



Der Morgen dämmerte fahlblau und kühl über dem Übungsgelände. In der Nacht war Nebel vom Haraki aufgezogen, war über Wiesen und Felder gekrochen und hatte seine klammen Finger schließlich nach dem Hinterland und der Stadt ausgestreckt. Ivasako begrüßte die Kühle. Der Tag würde noch früh genug unerträglich heiß.

Von dem Felsen am Rande des Übungsplatzes hatte Ivasako einen guten Überblick über seine Palastwachen. Für gewöhnlich trainierte er mit Dikacha, doch dieser würde in frühestens zwei Monaten zurückkehren. Obwohl ein Teil von Ivasako seinen Freund und Stellvertreter vermisste, war er zugleich auch froh, dass er auf diese Weise seine Palastwachen besser bei ihren Übungen beobachten konnte.

Angesichts Sarekos neuster Aktionen müssen wir wachsamer sein denn je. Ivasako war noch nicht sicher, was der Mann beabsichtigte, doch was immer es war, es konnte auch ihm und seinem beschaulichen Leben gefährlich werden.

Ich hätte dafür sorgen sollen, dass er durch Hakaros Hand stirbt. Ich hätte ahnen müssen, dass sein Überleben früher oder später Probleme mit sich bringt. Ivasako hatte gedacht, er hätte Sareko einen Gefallen getan, indem er ihn gewarnt hatte, doch nun war der Mann voll Hass, weil er ein Leben als Ichani fristen musste. Eine erneute Kooperation war damit in weite Ferne gerückt. Ganz zu schweigen von dem Nutzen, den Ivasako sich erhofft hatte.

Entweder ich habe in meiner Entschlossenheit nachgelassen oder diese Kyrima-Partie erweist sich als weitaus schwieriger, als jene, in der ich Kachiro gestürzt habe.

Vielleicht war Kachiro auch der Höhepunkt von Ivasakos Karriere gewesen. Irgendwann mussten alle guten Zeiten ein Ende haben. Der Palastmeister war jedoch noch weit davon entfernt, aufzugeben.

Doch das durfte jetzt keine Rolle spielen. Sareko war ein willkommenes Ablenkungsmanöver. Und wenn er rasch die richtigen Schritte einleitete …

„Aaah! Du blöder Kereco!“

Die zornige Stimme riss Ivasako aus seiner Kontemplation. Auf dem Übungsplatz hatte Marika, eine Palastwache in den Mittzwanzigern benannt nach Ishakas Vorgänger, die sonst jedoch nichts mit dem ehemaligen König gemein hatte, seinen Angriff eingestellt. Jorika hielt sich den Arm seiner magisch verstärkten Übungsrüstung.

Ivasako verließ seinen Platz und schritt zu den beiden. „Was ist passiert?“, verlangte er zu wissen.

„Marika hat mehr Magie in seinen Angriff gesteckt, als erlaubt.“ Jorikas Stimme war so anklagend wie die eines Halbwüchsigen. Unter der Hand, die weiterhin über seinen Arm rieb, konnte Ivasako sehen, dass seine Rüstung angesengt war.

„Das habe ich nicht, Palastmeister“, sagte Marika. „Jorika hätte den Angriff blocken können, hätte er nicht geträumt.“

„Ich habe nicht geträumt, Tach’ak!“

„Jorika“, mahnte Ivasako. „Hüte deine Zunge.“ Verärgert sah er von einem zum anderen. Für gewöhnlich kamen die beiden Palastwachen gut miteinander aus. Sie waren in etwa auf demselben Trainingslevel. In manchen Dingen war Jorika dem nur wenige Jahre älteren Marika voraus, da Ivasako ihn schon früh in Magie unterwiesen hatte. Ging es jedoch um Besonnenheit und strategisches Denken, war Marika klar im Vorteil. Weswegen Ivasako seinem Zögling auch nicht abkaufte, dass dieser sich nicht an die Vorschriften gehalten hatte. „Marika, ist es wahr, dass du mit mehr Magie angegriffen hast, als erlaubt?“, fragte er dennoch.

„Nein, Palastmeister. Du hältst uns dazu an, sie für einen Angriff aufzusparen. Wieso also unnötig viel verschwenden?“

Ivasako nickte knapp. „Jorika?“

„Ich habe vielleicht kurz nicht aufgepasst. Aber wirklich nur kurz. Ich habe nicht damit gerechnet, dass er einen solch fiesen Trick versucht.“

Und ich habe nicht aufgepasst, so dass ich nicht sehen konnte, was genau schiefgelaufen ist. „Was ist eine der ersten Lektionen, die ich dir übers Kämpfen beigebracht habe?“, fragte Ivasako.

„Immer wachsam sein.“

„Und warum ist das wichtig?“

Jorika schnitt eine Grimasse. „Weil wir Palastwachen sind.“

„Und warum noch?“

„Weil es einem das Leben kosten kann.“

„Richtig“, sagte Ivasako. „Würdet ihr mit eurer vollen Stärke kämpfen, hätte Marika dich töten können.“

„Unsere Schilde wären aber auch stärker“, kam Marika seinem Freund zur Hilfe.

„Das ist richtig. Doch auch der stärkste Schild gibt irgendwann nach. Ein leichter Kraftschlag tut nur weh. Ein leichter Hitze- oder Feuerschlag gibt ein paar Brandblasen. Ein magischer Angriff mit voller Stärke tötet euch auf der Stelle. Ich bin enttäuscht, dass du das vergessen hast, Jorika.“

„Es wird nicht mehr vorkommen, Palastmeister“, sagte Jorika.

„Marika“, sagte Ivasako. „Geh zu Hariko und Zeki. Wechselt euch ab.“

Marika salutierte und schritt zu den beiden Männern, die ein Stück abseits trainierten.

„Also, Jorika“, sagte Ivasako. „Schauen wir uns einmal dein Problem an.“

„Ich habe kein Problem, Palastmeister.“

Ivasako ließ die unterschwellige Rebellion unkommentiert. Er griff nach seiner Magie und errichtete einen Schild. „Greif mich an.“

Die Luft flimmerte, als Jorika seinen eigenen Schild errichtete. Nur einen Augenblick später traf sein Kraftschlag auf Ivasakos Schild. „Gut“, sagte Ivasako. „Und jetzt noch einmal.“

Erneut griff Jorika an.

„Und noch einmal.“

Eine Falte bildete sich zwischen Jorikas Augenbrauen, doch er gehorchte.

„Und noch einmal.“

„Was soll das bringen?“

„Tu, was ich dir sage.“

Die Lippen zusammengepresst, griff Jorika ein weiteres Mal an. Dieses Mal blockte Ivasako den Angriff mit einem Kraftschlag seinerseits, während er einen Hitzeschlag durch den Boden sandte.

Jorika sprang zurück, als habe ihn etwas gebissen. Er öffnete den Mund in Protest, schloss ihn wieder und griff dann umso stärker an. Ivasako wich den Kraftschlägen aus und schoss mehrere schwache Feuerschläge auf Jorikas Schild. Es gelang Jorika, diese abzuwehren, doch er sah nicht den Kraftschlag, den Ivasako direkt im Anschluss hinterher sandte.

„Was?“, entfuhr es dem jungen Mann.

„Du bist unaufmerksam“, sagte Ivasako.

„Du hast mich mit den Feuerschlägen geblendet.“

„Das ist keine Entschuldigung. Du hättest den Angriff spüren oder zumindest erwarten müssen.“

Ivasako griff mit zwei weiteren Kraftschlägen an. Fluchend konterte Jorika mit zwei Feuerschlägen. Den darin versteckten bläulichen Hitzeschlag konnte Ivasako im morgendlichen Dämmerlicht nur schwach erkennen, dafür umso mehr spüren.

„Ein guter Versuch. Doch bis du mich mit meinen eigenen Tricks schlagen kannst, wirst du noch ein wenig üben müssen.“

Jorika griff erneut an. Dieses Mal mit mehreren Hitze- und Kraftschlägen. Fast hätte Ivasako die drei Kraftschläge übersehen, die ihre Richtung änderten und ihn von hinten trafen, doch seine mit Magie schwirrenden Sinne warnten ihn vor. Ohne hinzusehen, blockte er sie mit Kraftschlägen seinerseits. Jorika fluchte.

„Komm“, forderte Ivasako ihn auf. „Versuch es erneut.“

Jorika startete einen zweiten Angriff nach demselben Muster. Dieses Mal warf Ivasako die Kraftschläge von seiner eigenen Magie verstärkt auf Jorika zurück. Jorika achtete jedoch nur auf die drei, deren Bahn er gekrümmt hatte. Sein Schild versagte unter dem Kraftschlag, der ihn frontal traf.

Ivasako stellte den Angriff ein. „Wie ich geahnt habe. Du bist abgelenkt. Andernfalls wären dir diese Anfängerfehler nicht passiert.“

„Ich bin nicht abgelenkt“, beharrte Jorika.

„Und was war das dann? Hat dein Talent dich plötzlich verlassen?“

„Ich … ah, vielleicht war ich ein wenig unaufmerksam.“

„Dann ist es an der Zeit, das zu ändern. Was beschäftigt dich?“

Jorika presste die Lippen zusammen.

„Nun, Jorika“, sagte der Palastmeister. „Du hast zwei Möglichkeiten: Entweder du überwindest deinen falschen Stolz und sprichst mit mir oder ärgerst dich weiterhin über deine eigenen Fehler und behinderst damit nicht nur das Training der anderen Palastwachen, sondern auch die Sicherheit des Palasts.“

„Dann stell mich vom Dienst frei.“

Wo ist der liebe, süße Junge hin, den ich aus Divakos Haushalt befreit habe? Hat Ienara recht und es ist wegen dieses Mädchens? Oder kommt die rebellische Phase bei ihm nur ausgesprochen spät?

„Das kommt nicht in Frage“, sagte Ivasako. „Du bist für die Palastwache unentbehrlich. Was auch immer es ist, was dir so massiv gegen den Strich geht, es wird nicht besser, wenn du weiter vor dich hinbrütest.“ Jorika zuckte zusammen und öffnete den Mund, doch Ivasako griff nach dem polierten Gorinhorn an seiner Hüfte und blies hinein. „Die Sonne geht gleich auf, wir reiten zurück! Das Training ist für heute vorbei!“


***


Mit gerunzelter Stirn starrte Osen auf die Liste auf seinem Schreibtisch. „Das sind eine ganze Menge Chemikalien, Lord Rothen. Sind diese wirklich alle für den Unterricht?

„Die meisten sind für den Grundkurs im fünften Jahr“, antwortete Rothen. „Ein paar sind auch für die Zweitjahresnovizen und zwar Natron, Salpeter und Schwefel, doch die übrigen brauche ich, um die Fünftjahresnovizen auf die Sommerprüfungen vorzubereiten.“

„Die Materialien für das zweite Jahr sind kein Problem. Von dem Rest kann ich Euch allenfalls die Hälfte bewilligen.“

Rothen glaubte sich verhört zu haben. „Die Sommerprüfungen sind für meine Novizen im fünften Jahr ein Testlauf für ihre Abschlussprüfungen.“

„Gewiss bereitet Ihr Eure Novizen auch noch im nächsten Halbjahr durch Tests und dergleichen vor.“

„Selbstverständlich. Doch dies sind kleinere Wissensabfragen, die größtenteils zum Abfragen des in den unteren Jahrgängen gelernten Stoffes dienen.“

„Dann lasst Eure Novizen in Gruppen zusammenarbeiten.“

„Meine Novizen arbeiten bereits in Paaren. Größere Gruppen würden bedeuten, dass die übrigen nur dabeistehen und zusehen. Der Lerneffekt wäre dabei sehr gering.“

„Es tut mir leid, Lord Rothen. Doch ich kann Euch nicht mehr bewilligen. Die Gilde muss sparen.“

Rothen und Farand tauschten einen Blick. Der Ausdruck in Farands Miene war in etwa so sprachlos, wie Rothen sich fühlte.

„Das akzeptiere ich nicht“, sagte Rothen. „Seit wann ist die Gilde so geizig, dass sie nicht mehr für die richtige Ausstattung von Lehrern und Novizen sorgt?“

„Seit der König ein neues Gesetz in Aussicht gestellt hat, das noch vor Beginn der Sommerpause von den Oberhäuptern der Häuser verabschiedet werden soll.“

Davon hörte Rothen zum ersten Mal. „Und was genau soll dieses Gesetz regeln?“

„Die Steuergelder, die an die Gilde fließen. Dadurch, dass die Gilde in den vergangenen zehn Jahren so enorm gewachsen ist, die unteren Bevölkerungsschichten jedoch nur wenig zur Finanzierung der Gilde beitragen können und die Mehrheit der Mitglieder aus Kyralia kommt, bleiben die Häuser größtenteils auf den Kosten sitzen. Das erschwert die Finanzierung anderer Projekte, so dass die Gilde in Zukunft zu einem sparsameren Lebens-, Lehr- und Forschungsstil angehalten ist. Die Grundversorgung all unserer Mitglieder hat zusammen mit der Heilkunst und der Bewältigung von Alltagsaufgaben in der Gilde und unserer Gesellschaft Vorrang.“

„Bitte was?“, entfuhr es Farand. „Es sind auch die Sprösslinge der Häuser, deren Ausbildung leidet!“

„Und der König lässt das zu?“, fragte Rothen.

„Der König ist nicht abgeneigt, dieser Änderung zuzustimmen. Wir leben in Friedenszeiten. Das reduziert unsere Ausgaben.“

„Ausgaben, die durch den Zuwachs an Magiern wieder ausgeglichen werden“, grollte Rothen.“

„Nichtsdestotrotz haben sie sich verringert. Die Chemikalien für Eure Schildsenker haben Unmengen von Geld verschlungen.“

„Der Frieden kann jederzeit zu Ende sein. Oder glaubt Ihr ernsthaft, dass allen Sachakanern die Entwicklung zwischen unseren Ländern gefällt? Bis jetzt mögen sie sich ruhig verhalten haben, das kann sich jedoch schnell ändern, wenn die nächsten Schritte eingeleitet werden.“

„Wir würden durch die Verräter rechtzeitig davon erfahren. Macht Euch deswegen keine Sorgen, Rothen.“

Rothen ballte die Fäuste. „Ich mache mir so viele Sorgen, wie ich will.“

„Anstatt Lehrmittel zu kürzen, sollten die Häuser bei sich anfangen“, fügte Farand ungewöhnlich angriffslustig hinzu. „Wenn das so läuft, wie mit den Steuerreformen in Elyne dienen die Kürzungen bei den wichtigen Themen nur dafür, dass die Reichen noch reicher werden.“ Er sah zu Rothen. „Ja, ich weiß, was wir sind. Aber wir haben dem abgeschworen, als ich der Gilde beitrat.“

Rothen hob die Schultern. „Sag das nicht mir.“

„Die Steuerreform wird Thema bei der nächsten Gildenversammlung sein“, sagte Osen. „Doch, wenn es Euch zusagt, kann ich vorab eine Sitzung der höheren Magier einberufen, so dass wir die Sache durchsprechen und eine für uns praktikable Lösung präsentieren.“

„Das werden die Magier niemals zulassen“, sagte Rothen. „Der Hohe Lord und Sonea werden sich dem versperren.“

„Das wird an der vorherrschenden Meinung der Häuser und des Königs nichts ändern“, erwiderte Osen. „Ich bin ebenso entsetzt, wie Ihr, Rothen. Doch ich kann Euch nur eine Teilfinanzierung gewähren.“

„Obwohl das Gesetz noch nicht beschlossen ist?“

„Es wird kommen. Je mehr Rücklagen die Gilde hat, desto handlungsfähiger sind wir, sollte ein Krisenfall eintreffen.“

„Ich kann es nicht fassen“, sagte Farand, als sie wenig später auf dem Rückweg zu den Alchemieräumen waren. Er schüttelte sein hellblondes Haar, das mit vierzig allmählich lichter wurde. „Wie kann man so uneinsichtig sein?“

„Osen oder die Häuser?“

„Alle. Und der König.“

„Ich verstehe es auch nicht“, sagte Rothen. Und ich bin alles andere als begeistert.

Auf der Treppe kam ihnen eine Gruppe schnatternder Novizen entgegen. Zwei Jungen grüßten Rothen und Farand, während die anderen anscheinend zu sehr in ihr Gespräch vertieft waren, um von den beiden Alchemisten Notiz zu nehmen.“

„Ich meine, die Häuser schwimmen in Geld“, sagte Farand, nachdem sie außer Hörweite waren. „Wieso wollen sie noch mehr davon?“

„Ich weiß es auch nicht“, sagte Rothen. Er konnte schon Sonea sich aufregen hören. Was war der Sinn darin, mehr Geld zu horten, als man in einem Leben ausgeben konnte, wenn andere hungern mussten? Und je länger er darüber nachdachte, desto irrsinniger erschien das auch ihm.

„Warten wir ab, was bei der Gildenversammlung herauskommt. Ich bin sicher, Akkarin wird sich für uns beim König einsetzen. Und Sonea wird Merin und den Häusern die Meinung sagen.“

„Dann sollten wir ihn schon früher in Kenntnis setzen. Die Gildenversammlung ist erst im nächsten Monat. Und dann ist es nicht mehr lange bis zur Sommerpause. Sonea unterrichtet. In den letzten Wochen vor den Ferien hat sie bestimmt Besseres zu tun, als auf Parties im Palast zu gehen.“

Sonea hat immer Besseres zu tun, als auf Parties zu gehen, dachte Rothen. „Wohl wahr“, stimmte er zu. „Und wir sollten uns gute Argumente überlegen. Möglicherweise weiß Akkarin schon über das Thema Bescheid.“

„Aber er würde die Behauptungen der Oberhäupter durchschauen und sich eine eigene Meinung bilden, richtig?“

„Akkarin ist dazu gezwungen, eine Position einzunehmen, die ihm erlaubt zwischen Gilde und Häusern zu vermitteln.“

„Da hast du auch wieder recht“, sagte Farand. „Wobei ich ihn auch als jemanden einschätze, der gegenüber seinen Gegnern sehr überzeugend ist.“

„Das auf jeden Fall“, stimmte Rothen zu. Trotzdem konnte sich auch der Hohe Lord nicht alles erlauben. Etwas, das man bei Akkarins einvernehmender und ehrfurchtgebietender Persönlichkeit nicht unbedingt vermuten würde.

Sie erreichten das Ende der Treppe und bogen in den Alchemieflur ein.

„Dann komme ich nach dem Abendessen zu dir.“

Überrascht wandte Rothen den Kopf. „Willst du den Abend nicht mit Luzille und den Kindern verbringen?“

„Die werden beschäftigt sein.“ Farand grinste. „Unserer kleinen, manipulativen Revolte steht also nichts im Weg.“

„Wahrhaftig!“, rief Rothen. „Ich wusste gar nicht, dass du ein solcher Rebell bist!“

„Das muss an meinem elynischen Blut liegen. Vielleicht aber auch ist dein Freund Dannyl mir ein großes Vorbild.“

Rothen schnaubte. „Lass ihn das bloß nicht hören. Er ist schon eingebildeter als ihm guttut.“

Farand kicherte. „Bis er zurück ist, wird Luzille mich in meiner Freizeit vermutlich ohnehin nicht mehr vor die Tür lassen!“


***


Die Märkte von Arvice waren eine Kakophonie aus Marktschreiern, die ihre Ware anpriesen, Menschen, die laut streitend verhandelten, Gelächter, Kindergeschrei und den Lauten diverser Tiere mit einem alles überdeckenden Duft von karamellisierten Pachi, backendem Brot, frisch aufgebrühtem Raka, Iker, Exkrementen und Schweiß. Mivara zog den zu ihrem Gewand passenden Schleier ein wenig dichter über ihr Gesicht, dankbar, dass sachakanische Etikette nicht nur verhinderte, dass man erkannt wurde, sondern auch unerwünschte Gerüche abmilderte.

„Er wird dich wieder bestrafen“, sagte Asha. „Und mich gleich mit, weil ich mit dir gekommen bin.“

„Ich werde nicht zulassen, dass er dich bestraft“, sagte Mivara. „Er respektiert mich nicht, also sehe ich auch nicht ein, ihn um Erlaubnis zu fragen.“

Asha berührte unauffällig ihre Halskette.

- Weil du eigentlich eine höhere Magierin bist?

- Weil … Ja. Aber nicht so, wie du denkst.

Durch das Blutjuwel konnte sie Ashas Verwirrung spüren. Sie stellte jedoch keine weiteren Fragen und Mivara atmete leise auf. Andere Menschen würden nicht verstehen, warum sie so empfand. Sie hätte es selbst nicht einmal sagen können.

Mit ihrem hochgeschlossenen Kleid, das einer Cachirameisterin in den frühen Vierzigern geziemte, hätte man Mivara für die Frau eines Ashaki und Asha für ihre persönliche Sklavin halten können. Dass sie nicht in Begleitung eines Mannes waren, konnte man für rüde, aber keineswegs unangemessen halten. Und Mivara lag nicht viel daran, Kavo und Ari auf diese Exkursion mitzunehmen. Oder den Kereco Hasan. Sie waren nur Ballast, den sie unterwegs abwerfen müsste.

Was ich Asha zeigen werde, wenn wir ein wenig weiter sind.

„Heute zeige ich dir, wie man beschattet“, sagte Mivara. Sie machte eine einladende Geste zu den anderen Besuchern. „Du hast die freie Wahl, meine Liebe.“

„Soll ich nicht nach einem bestimmten Typ Ausschau halten?“

„Für den Anfang sollte es genügen, wenn dir die Person als markant genug erscheint, um sie unter anderen mit ähnlichem Aussehen noch zu finden.“

„Hm“, machte Asha. „Ich hätte lieber jemanden, der uns noch nützlich werden kann.“

„Es gehen viele einflussreiche Ashaki hier einkaufen. Darunter auch solche wie Takiro.“

„Aber Takiro ist kein Risiko für Sachaka.“

„Das nicht. Was ich damit sagen will: Die Chancen eine solche Person zu finden, sind nicht schlecht.“

„Nun“, sagte Asha. „Ich hoffe, dir machen sehr viele Striemen auf deinem Hintern nichts, wenn wir dadurch Zeit verlieren.“

„Das kann Tarko gerne versuchen“, brummte Mivara.

Asha warf ihr einen bewundernden Blick zu. „Ich würde auch gerne den Mut haben, ihm derart trotzen zu können. Ich meine, er ist ein wirklich guter Meister und ich diene ihm gerne, aber er ist ein höherer Magier.“

Mivara umschlang Ashas Hand mit ihrer und bewegte sich mit ihr durch die Gassen.

- Du würdest anders denken, hättest du selbst höhere Magie. Aber das brauchst du gar nicht. Mit der richtigen Einstellung kannst du dich auch als Nichtmagierin behaupten. Auch vor ihm.

- Was muss ich dafür tun?

- Mutig sein und ihm die Situation erklären. Möglichst ruhig versteht sich.

- Das klingt, als würde es eine Menge Übung erfordern.

- Das tut es, doch es ist nichts, was man nicht lernen kann. Wenn du eine Quelle bleiben willst, dann solltest du es sogar lernen.

- Dann zeige es mir.

- Schau einfach, wie ich es heute Abend mache.

Ashaki, Sklaven und Ashaki-Frauen drängten sich um Stände mit Stoffen aus Seide oder Wolle in allen Farben und Mustern. Dazwischen waren Stände, die Lederwaren verkauften. Asha blickte sich neugierig um, als halte sie nach etwas Bestimmtem Ausschau.

- Du machst das sehr gut, sandte Mivara.

- Du ehrst mich.

Auch Mivara suchte nach Gesichtern in der Menge – solchen, denen sie aus dem Weg gehen mussten, und solchen, bei denen sich eine Beschattung lohnen würde. Dass sie ihrer Quelle den Vortritt ließ, bedeutete nicht, dass sie eine gute Gelegenheit verstreichen ließ. An einem Stand feilschte Ashaki Dorakas Frau mit einem Tuchverkäufer über purpurfarbene Seide. An einem Stand, der Schuhe verkaufte, befingerte Ashaki Saraki ein paar Schuhe aus feinstem Jari-Leder, während sein Gefährte Varako eine Umhängetasche inspizierte.

Rasch zupfte Mivara ihren Schleier zurecht. Sie wollte nicht einmal von jemandem erkannt werden, der mit den Verrätern sympathisierte.

Sie bogen in eine andere Budengasse ein. In den Geruch schwitzender Leiber mischte sich nun auch der Duft von Seifen und Ölen. Asha zog Mivara zu einem Seifenstand. „Schellenkraut ist großartig zum Haarewaschen bei trockener Kopfhaut.“

Amüsiert folgte Mivara der anderen Frau. „Also sollen wir etwas kaufen?“

Asha schenkte ihr ein verschwörerisches Lächeln. „Dann sieht es echter aus. Aber ich würde diese Seife auch gerne ausprobieren. Besonders im Sommer juckt meine Kopfhaut häufig.“

„Und das ist für eine Bettsklavin natürlich untragbar“, bemerkte Mivara. Sie näherten sich dem Stand.

„Kommt her, die Damen!“, rief der Händler. Ein kleiner, leicht untersetzter Mann, der seine besten Jahre schon hinter sich hatte und dessen Augen jedoch von Lebensfreude nur so sprühten. „Hier findet ihr alles für die tägliche Körperpflege.“

Mivara und Asha tauschten einen Blick und kamen näher.

„Oh, Marinseife!“, rief Asha.

„Die ist mit Rakabohnen. Für den besonders belebenden Effekt“, erklärte der Händler.

„Nun“, sagte Mivara zu ihrer Schülerin. „Tob dich aus.“ Während sie vorgab, die Auslagen zu betrachten, sah sie zu den Ständen rechts und links. Asha wählte drei unterschiedliche Seifen und ein Körperöl und übernahm sogar das Feilschen, als Mivara dem Einkauf noch eine Seife aus Alutablüten hinzufügte.

Ein kräftiger Mann drängte sich zwischen sie und verlangte lautstark Pachiseife. Mivara wurde gegen den Holzpfeiler gestoßen, der das Sonnensegel stützte. Sie fluchte. Zu gern hätte sie ihm die Meinung gesagt, aber sie musste in ihrer Rolle bleiben.

- Den nehmen wir uns vor!, sandte Asha.

- Das ist Ashaki Cakato. Er ist der größte Tuchmacher des Südens.

- Das ist Cakato? Das erklärt, warum ich ihn nicht leiden kann.

- Lass uns zum nächsten Stand gehen. Es ist sonst zu auffällig, wenn wir ihm von hier aus folgen.

Sie gingen an den Nachbarstand, der Duftöle verkaufte.

- Tu so als würdest du die Auslagen beobachten, wies Mivara die andere Frau an. Wenn er geht, dann folgen wir ihm.

Asha drückte ihre Hand zum Zeichen, dass sie verstanden hatte.

Nur wenige Augenblicke später hatte Cakato seinen Einkauf beendet. Asha nickte Mivara zu und begann sich durch die Menge zu bewegen.

Sie folgten dem Ashaki in eine andere Gasse, wo er bei einem Stand mit Raka hielt. Die verschiedensten Bohnen, geröstet auf unterschiedliche Weise und mit oder ohne Gewürze lagen dort aus in Säckchen und Tongefäßen. Kleine Schalen mit Proben standen davor. Asha wollte auf den Stand zusteuern, doch Mivara hielt sie zurück.

- Zu auffällig. Gehen wir an einen anderen Stand, von wo aus wir ihn im Auge haben.

Der nächste Stand bot verschiedene Honigsorten. Sapfliegen schwirrten über den Auslagen und zwei Sklaven mit großen Fächern hatten alle Mühe damit, die Insekten wegzuscheuchen. Mivara hätte einen anderen Stand vorgezogen, würde dieser nicht den besten Blick auf den Rakastand bieten, während sie zugleich von anderen Kunden umgeben waren.

„Dieses Mal braucht er lange“, murmelte Asha. „Oder kommt mir das nur so vor?“

Der Rakahändler übergab Cakato gerade eine kleine dampfende Tasse, die dieser mit einem verzückten Gesichtsausdruck an die Lippen führte.

Mivara rollte die Augen. „Ich fürchte, du hast recht.“ Sie rückte ein Stück näher zu Asha. „Aber das können wir für uns nutzen.“

„Wie?“

„Wir gehen zu dem Stand auf der anderen Seite. Wir …“ Sie hielt inne, als sie das Symbol auf der Tasse in Cakatos Händen erkannte. „Wir müssen näher ran.“

Asha berührte ihr Blutjuwel.

- Was hast du gesehen?

- Das ist der Stand von Ashaki Dakiro. Er ist der Bruder eines von Sarekos Ichani-Freunden.

- Aber der Verkäufer ist nicht Dakiro, richtig?

- Nein.

Mivara zog Asha mit sich zu dem Rakastand, wo sie neben einer Frau mit zwei Sklaven stehenblieben.

- Und Cakato hat mit Dakiro und Sareko nichts zu tun?, fragte Asha.

- Nicht, dass ich wüsste. Aber wir beobachten Dakiro. Also auch jeden, der irgendwie mit ihm verkehrt.

- Was meinen guten Geschmack beweist.

- Eher gute Intuition, bemerkte Mivara. Sicher willst du nicht mit Cakato ins Bett.

Asha entfuhr ein nervöses Kichern. Sie beugte sich vor und griff nach einem flachen Schälchen, auf dem ein paar Rakabohnen zur Geruchsprobe lagen. Dabei drehte sie sich zu Cakato. Andere Kunden verdeckten Mivara, doch sie konnte alles durch Ashas Blutjuwel beobachten. Cakato leerte seine Tasse und reichte sie dem Händler. Dieser streckte seine Hand aus und für einen kurzen Moment berührte er Cakatos Handgelenk, bevor er ihm die Tasse abnahm. Cakato zog seine Hand zurück und verschränkte beide Hände in den Ärmeln. Dann steckte er die andere Hand in die Tasche seines Gewandes. Als er sie wenig später herauszog, lagen darin drei Goldstücke, die er dem Händler für ein kleines Säckchen Raka übergab. Dann verabschiedete er sich.

„Komm“, zischte Mivara und sie folgten dem Mann durch das Gedränge.

Nach wenigen Minuten stellte sich heraus, dass Cakato zu einem der Ausgänge ging. Das hatte sowohl Vor- als auch Nachteile. In den Straßen würden sie ihm besser folgen können. Das Risiko, von ihm bemerkt zu werden, war zugleich größer. Hinter den Märkten ließen sie sich daher ein Stück zurückfallen.

„Es genügt, wenn wir sehen, wohin er geht“, murmelte Mivara. „Allerdings sollten wir zusehen, dass wir rasch aufschließen, wenn er aus unserem Blickfeld verschwindet.“

Sie gingen weiter als wären sie ganz normale Passanten. Cakato schritt die von Herbergen gesäumte Straße entlang in Richtung des westlichen Ashaki-Viertels. Nach etwa fünf Minuten bog er in eine andere Straße ab. Mivara und Asha beschleunigten ihren Schritt und folgten ihm in die Straße.

„Ist das der Weg zu seinem Haus?“, keuchte Asha.

„Ja. Ich glaube …“ Mivara brach ab, als sie sich zwei vertrauten Gestalten gegenüber fand.

„Kavo und Ari“, sagte sie. „Was macht ihr hier? Seid ihr auf dem Weg zu einer Herberge, um importierten Fusel zu trinken? Oder wollt ihr euch von eurem Lohn ein paar Delikatessen kaufen?“

„Wir sind hier, um euch mitzunehmen“, sagte Kavo.

„Ah, ihr seid Kerecos, wenn ihr glaubt, das würde funktionieren.“ Ganz wie euer Meister. „Nach all den Jahren solltet ihr das besser wissen. Ihr …“

- Mivara!

- Asara?

- Nimm Kontakt zur Morgenröte auf. Ich werde dich anleiten.

- Jetzt?

- Ja, jetzt. Die beiden Sklaven wirst du doch los, oder?

Mivara sparte sich die Antwort. Sie packte Ashas Handgelenk.

- Komm.

„Tut mir leid, ihr zwei hübschen, aber wir müssen das hier ein anderes Mal weiterführen“, sagte sie. Dann warf sie eine magische Barriere mitten auf die Straße, wirbelte herum und rannte mit Asha davon.

„Was war das denn?“, fragte Asha nach Luft ringend, als sie die Kanalisation erreichten. „Eine kleine Demonstration, wie man Tarkos Wachen entkommt?“

„Asara hat mich gerufen. Wir gehen zur Morgenröte.“

Endlich erreichten sie die Kanalisation. Mivara lotste die andere Frau durch ein Labyrinth aus Wasserwegen, bis sie schließlich den stillgelegten Teil erreichten.

An diesem Tag hielt ein kleiner, kräftig gebauter Mann Wache, den Mivara erst zweimal gesehen hatte. „Mivara“, sagte er. „Wer ist deine Begleiterin?“

„Asha. Meine Schülerin.“

„Kannst du dich für sie verbürgen?“

Mivara schenkte ihm ein arrogantes Lächeln. „Ja.“

Ein Muskel in der Wange des Mannes zuckte. „Astara ist heute nicht da. Du musst mit Arako vorliebnehmen.“

„Oh, das macht nichts“, erwiderte Mivara. „Ich bin sicher, dass Arako mir mit meinem kleinen Problem ebenfalls hervorragend weiterhelfen kann.“

Der Mann trat zur Seite und ließ sie passieren.

„Sind die immer so unkooperativ?“, flüsterte Asha.

„Ich würde es eher wachsam und misstrauisch nennen“, sagte Mivara. „Allerdings kommt es auch darauf an, wie sehr man sie in der Vergangenheit gereizt hat.“

Ashas Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. „Und darin bist du ja eine Meisterin.“

„Könnte man so sagen“, erwiderte Mivara mit einem Zwinkern. Dann hatten sie die Grotte erreicht.

Arako erwartete sie bereits. „Kommt“, sagte er und führte sie in einen Seitentunnel. An der Rückwand standen ein ungemachtes Bett und eine massive Truhe. Ein Tisch mit einer Waschschüssel lehnte an einer Seitenwand. Arako ließ seine Lichtkugel unter die Decke schweben.

„Also“, begann er. „Du hast dich lange nicht mehr bei uns blicken lassen, Mivara. Was führt dich und deine Schülerin her?“

„Der Nachtschatten“, sagte Mivara. „Also nicht du, sondern der, der den Gildenmagiern in der Vergangenheit so viel Ärger gemacht hat. Angesichts der bevorstehenden Hochzeit zwischen den Königshäusern Sachakas und Kyralias sehen meine Leute die Gefahr, dass sich mögliche noch lebende Anhänger erneut erheben. Anhänger, die untergetaucht sind oder sich bisher nie gezeigt haben. Oder solche, die von seinen Absichten gehört haben und jetzt dasselbe versuchen.“

„Und deine Leute haben keine Beweise in diese Richtung gefunden, nehme ich an?“

„Wieso glaubst du das?“, fragte Asha.

„Andernfalls würden sich die Verräter nicht an uns wenden.“

„Oh, komm“, sagte Mivara. „Du siehst das alles zu negativ, Arako. Habe ich nicht, seit dein Namensvetter in Kyralia sein Unwesen getrieben hat, versucht euch mit uns zu vereinen?“

„Und doch kommst du nur, wenn du etwas von uns willst.“

Hättet ihr euch bereit erklärt, Teil der Verräter zu werden, hätte ich das nicht nötig, dachte Mivara. Ein ganzes Jahr lang hatte sie versucht, die Morgenröte davon zu überzeugen. Es war, was Asara ihr aufgetragen hatte, damit sie in Arvice stationiert bleiben konnte.

Du hast ein Jahr, um zu beweisen, dass deine Verbindung mit Tarko das einbringt, was du mir versprochen hast, hatte Asara ihr kurz nach Mikavos Festnahme eingeschärft. In dieser Zeit wirst du den Kontakt zur Morgenröte vertiefen und dafür sorgen, dass sie entweder sich uns anschließen uns sich unseren Idealen beugen, oder vernichtet werden. Und du wirst mich davon überzeugen, dass Tarko der Mann ist, den du willst, und dass er es wert ist. Denn andernfalls werde ich nicht zögern, dich zur Ichani zu erklären.

Mivara hatte bewiesen, dass sie in Tarkos Haushalt genau richtig war. Und bis vor kurzem hatte sie auch noch gedacht, dass Tarko es wert war. Dass Mivaras Schwestern die Morgenröte noch nicht ausgelöscht hatten und Mivara noch keine Ichani war, lag einzig daran, dass die Organisation krimineller Ex-Sklaven mehrere wichtige Informationen über einige Stadt-Ashaki während einer mittelschweren politischen Krise geliefert hatte.

„Das könnte an diesem unwirtlichen Ort liegen. Seit ihr denn jemals auf uns zugekommen?“, fragte Mivara liebenswürdig.

„Wir haben unsere eigenen Informationen.“

„Natürlich“, erwiderte Mivara. „Also, was weiß die Morgenröte über mögliche noch lebende Anhänger des Nachtschatten?“

„Wir wissen von keinen, doch das bedeutet nicht, dass es auch keine gibt“, sagte Arako. „Nach welcher Art von Informationen suchst du genau?“

„Alles, was auf einen Anschlag auf Prinzessin Sayara und ihre Eskorte hindeuten könnte. Aber auch andere Merkwürdigkeiten, die rein zufällig jetzt auftreten.“

„Es gibt immer Ashaki, die sich merkwürdig verhalten, weil sie irgendwelche Ränkespiele betreiben. Ashaki Doraka ist zum Beispiel gerade dabei, sein Geschäft von Gebäck zu Alutablütenkonfekt auszudehnen, um das von Ashaki Marachi zu zerstören. Aber das hilft dir nicht weiter.“

„Nein“, sagte Mivara. „Und ich bekomme allmählich den Eindruck, dass du mich hinhältst.“

„Warum so biestig, Mivara?“

„Weil ich seit einer Woche keinen Sex hatte.“

„Und das ist natürlich ganz fürchterlich für eine Bettsklavin.“

„Ich bin keine Bettsklavin. Und jetzt sag mir, was du weißt.“

„Ich habe keine Neuigkeiten für dich, Mivara. Vielleicht weiß Astara etwas, wenn sie zurückkommt.“

„Habt ihr in den letzten Wochen überhaupt gearbeitet?“

Arako lachte trocken. „Informationen sind unser Geschäft. Was ich dir geben kann, ist eine Liste mit Namen von Ashaki aus Arvice und dem Umland, die nicht ganz glücklich mit der bevorstehenden Hochzeit sind.“

„Uninteressant“, sagte Mivara. „Die haben wir schon.“

„Sie ist von Ashaki Dashi.“

„Dashi!“, rief Asha. Sie stieß Mivara in die Seite. „Das ist doch der Ashaki mit den vielen Gerüchten. Den du immer den Schwätzer nennst, richtig?“

„Richtig“, sagte Mivara. „Und deswegen gebe ich nicht viel auf seine Informationen.“

„Lass uns wenigstens einen Blick auf die Liste werfen“, sagte Asha.

Mivara verdrehte die Augen. Asha hatte nicht unrecht und von Arakos Spielchen genervt zu sein, war kein Grund, eine potentiell wichtige Information in den Wind zu schießen. „Nun, ich denke, die Namen mit unserer Liste abzugleichen schadet nicht.“

Kavo und Ari warteten vor Orkos Herberge. Manchmal glaubte Mivara, dass sie doch so etwas wie Intelligenz besaßen.

„Ihr habt gewonnen“, sagte sie liebenswürdig. „Asha und ich wären euch sehr verbunden, wenn ihr uns nach Hause eskortiert.“


***


Der Waldweg war bedeckt mit einem Streifenmuster aus Licht und Schatten. Die Sonne stand tief und ihre Strahlen warfen breite goldene Balken zwischen die Baumstämme. Das Abendkonzert der Vögel erfüllte die Luft mit einer lieblich-melancholischen Melodie, die Sonea an den Herbst erinnerte, obwohl es bis dahin noch fünf Monate war. Mit dem modrigen Duft der Erde und den trockenen Blättern, die jenseits des Weges den Boden bedeckten, war es jedoch leicht sich vorzustellen, dass bereits Herbst wäre.

„Ich habe wirklich lange darüber nachgedacht, ob es nicht doch einen Weg gibt, aber ich bin sicher, dass es keine gute Idee wäre“, beendete sie ihren Monolog, den sie begonnen hatte, kaum dass sie hinter dem Heilerquartier zwischen den Bäumen eingetaucht waren. Akkarin hatte sie von ihrem Abendunterricht in der Arena abgeholt, wo sie an jedem Dritttag ihre Klasse in Kriegskunst unterrichtete. Sie hatte die Zwillinge gegen Laysa und San-San kämpfen lassen, was allen Vieren gutgetan zu haben schien. Sonea fehlte indes noch immer eine Idee, wie sie Errik und Errin dazu bringen konnte, gegeneinander anzutreten. Dass sie Zwillinge waren und alles miteinander teilten, war keine Entschuldigung dafür, dass sie keinen Einzelkampf lernen wollten. Sonea konnte sie trennen und ihnen andere Gegner zuteilen, aber die beiden Jungen waren gleich stark und gleich talentiert. Sie gegeneinander kämpfen zu lassen, würde interessant sein. Und es würde ihnen helfen, überflüssige Hemmungen abzulegen.

„Ich stimme dir zu“, sprach Akkarin schließlich. „Lina ist magisch stark und talentiert. Aber sie zeigt auch ein Temperament, dass ich bei niemandem sehen möchte, dem ich das Geheimnis schwarzer Magie anvertraue. Sie ist jähzorniger, als du und Lorlen jemals sein könnten. Ihr beide seid mit der richtigen Anleitung zur Vernunft zu bringen. Lina scheint diese Vernunft jedoch zu fehlen. Sie neigt zu Rachsucht.“

„Also glaubst du auch, dass sie sich an ihren Klassenkameradinnen vergangene Woche gerächt hat“, folgerte Sonea.

Akkarin nickte. „Du hast erzählt, dass sie in Rothens Unterricht eine seltene Einigkeit gezeigt haben. Das zusammen mit dem Unfall und dem darauffolgenden Kampf auf dem Alchemieflur ist nicht nur mehr als Zufall, es zeigt auch, dass Lina in der Lage ist, ihre Vergeltung sehr schnell und sehr effektiv umzusetzen. Und das zeugt von Berechnung.“

Und es war nicht bei diesem Vorfall geblieben. Zwei Tage später hatte Lina sich erneut mit Sanina und Alia bekämpft. Natürlich wollte keine angefangen haben und Rektor Jerrik hatte entnervt erklärt, alle drei Novizinnen zu bestrafen. Sonea hatte ihm zugestimmt. Sie hatte jedoch erklärt, Linas Privatunterricht beizubehalten, weil dieser ihr Temperament in Zaum hielt. Stattdessen hatte Lina bis zu den Sommerprüfungen Dienst in der Magierbibliothek, während Sanina Essen austeilen musste und Alia im Heilerquartier Verbände wechselte. Sonea hoffte, die Strafe war hart genug, dass es nicht zu weiteren Streitereien kam.

Wenigstens hat Lorlen sich wieder beruhigt, dachte sie.

„Aber Berechnung wäre gut, wenn ihr Temperament sanfter wäre?“, fragte sie.

„Berechnung ist in Kombination mit gewissen anderen Persönlichkeitsmerkmalen gefährlich. „Ich habe das bei Dakova erlebt.“

„Aber Lina ist nicht Dakova.“

Akkarin machte eine Pause.

„Niemand ist wie Dakova.“

Sonea griff nach seiner Hand und drückte sie. Manche Wunden schmerzten auch nach Jahren noch. „Aber was, wenn es sich doch noch auswächst?“, fragte sie.

Akkarins dunkle Augen blitzten zu ihr, als er den Kopf wandte. „Hat es sich bei Regin ausgewachsen?“

„Nein. Auch wenn er mittlerweile ruhiger ist.“

„Würdest du ihm schwarze Magie anvertrauen?“

Sonea schüttelte den Kopf. Regin mochte ihr Freund sein, aber er gehörte nicht zu den Menschen, die sie gefestigt genug für eine solche Verantwortung hielt. „Ich habe darüber nachgedacht, unseren Vierttagsunterricht wieder zu streichen“, sagte sie. „Nicht als Strafe, sondern weil er anscheinend der Auslöser für den ganzen Ärger ist. Allerdings würde Lina dadurch nicht lernen, mit Neidern umzugehen.“

„Sie kam auch früher mit Neidern zurecht.“ Die Piratennarbe zuckte. „Auf ihre Weise. Und ich sehe das wie du. Sie muss lernen, sich zu behaupten. Wenn du allerdings der Ansicht bist, dass sie deine Nachfolge nicht antreten soll, dann kannst du den Unterricht guten Gewissens wieder streichen.“

„Ja und nein. Sie kann für ihr Studium dennoch davon profitieren.“

„Sie kann diese Förderung von dir auch auf anderem Wege erhalten.“

Sonea nickte. „Ich dachte nur, dass es ihr vielleicht Spaß machen würde, wenn sie auch gegen dich kämpfen kann.“

„Sie würde lieber mit mir gegen dich kämpfen.“ Akkarin nickte zu einer Stelle, an der der Weg eine Biegung machte, und streckte eine Hand nach Sonea aus. Sonea griff danach und ließ sich von ihm ins Unterholz ziehen. „Und damit wären wir auch schon bei ihrem anderen Problem.“

„Dass sie unsterblich in dich verliebt ist?“

Akkarin lachte leise. „Die Sachakaner. Sie projiziert die Erfahrungen ihrer Entführung auf dich, weil sie es gewohnt ist, im Privatunterricht gegen dich zu kämpfen. Und du bist eine schwarze Magierin. Aber wenn es nach ihr ginge, würde sie alle Sachakaner töten, habe ich recht?“

„Ja“, sagte Sonea mit einem leisen Seufzen, während sie ihm durch das Unterholz folgte, das Laub raschelte unter ihren Stiefeln. „Das hat sie niemals abgelegt, wie mir scheint.“

Würden sie sich noch im Krieg befinden, hätte Sonea vielleicht anders darüber gedacht. In vielen Magiern hatte dieser Wunsch gebrannt, insbesondere jenen, die Angehörige an die Sachakaner verloren hatten. Die meisten hatten mittlerweile ihren Verlust überwunden und den Sachakanern den Willen zu Veränderung zugestanden. Aber Lina war noch ein Kind gewesen.

„Meinst du, es würde helfen, wenn ich mit ihr über ihre Entführung spreche?“, fragte Sonea.

Akkarin hob die Schultern. „Ich kenne sie nicht so gut wie du. Doch ich würde vermuten, dass sie das nicht will. Du müsstest sehr viel Geduld aufbringen. Und selbst dann wäre es fraglich, ob es hilft. Mir hat nur die Zeit geholfen, dir Gespräche mit Asara.“

Sonea runzelte die Stirn. „Aber es würde nicht ihre Persönlichkeit in eine Richtung ändern, die sie eignen würde, um mein Erbe anzutreten“, folgerte sie.

„Hat sich deine Persönlichkeit geändert?“, fragte Akkarin.

„Nein. Ich bin nur wieder die Alte geworden.“ Linas Entführung lag etwa so lange zurück, wie Soneas Entführung durch Marika von Sachaka. Obwohl Lina nicht widerfahren war, was Sonea unter Marika erduldet hatte, hatte sie entsetzliche Dinge gesehen, die einen jungen Menschen nachhaltig prägten. „Ich glaube, dass nicht alles von Linas Schwierigkeiten mit ihrer Entführung zu tun hat. Sie ist einfach so. Viana hat mir einmal erzählt, dass sie schon immer ein jähzorniges Kind war. Sie ist nicht wie wir, die wir ohne unsere Erlebnisse in Sachaka niemals noch mehr zueinandergefunden hätten.“

„Nein“, stimmte Akkarin zu.

„Sie wirkt irgendwie instabil. Zu instabil. Und das glaube ich, hängt tatsächlich mit ihrer Entführung zusammen. Aber dagegen kann man etwas unternehmen.“

„Ich verstehe, dass du nach einem Ausweg suchst, Sonea. Du denkst, du wärst Lina keine hinreichend gute Mentorin, doch du hast mehr für sie getan, als andere vermocht hätten. Ihre Entführung liegt fast ein ganzes Leben zurück. Es hat sie mehr geprägt, als wir anfangs glaubten. Es würde viele Jahre dauern, das mit Hilfe eines Heilers aufzuarbeiten. Hätten wir das früher gesehen, hätten wir ihr viel erspart.“

Es gab Heiler, die auf diese Art der Heilung spezialisiert waren. Mit Soneas Anleitung und einem solchen Heiler an ihrer Seite konnte Lina vielleicht doch noch schwarze Magie lernen, wenn sie zusätzlich …

„Eine Wahrheitslesung!“, rief Sonea.

„Die du nur mit ihrer Zustimmung durchführen darfst. Doch ich denke, dass diese nicht nötig ist, weil wir uns beide einig sind, dass das Geheimnis schwarzer Magie bei Lina nicht gut aufgehoben wäre.“

Sonea nickte widerwillig. In dem halben Jahr bis zu Linas Abschluss würde sich das nicht mehr ändern. Gewisse Dinge steckten in einem Menschen drin. Sie dachte an Akkarin und wie Sachaka ihn verändert hatte. Wäre er der Verantwortung, die er nun trug, gewachsen, wäre er nie dort hingegangen? Akkarins Schwächen waren in Umtriebigkeit und Arroganz verankert gewesen, während Linas Jähzorn und Rachsucht durch traumatische Erlebnisse verstärkt wurden.

Sie runzelte die Stirn. Wie machten die Verräter es? Viele Frauen kamen direkt aus der Sklaverei. Hatten sie auch eine Art Auslese, wer in schwarzer Magie unterwiesen wurde?

„Du kannst nicht jeden retten, Sonea“, sagte Akkarin sanft.

Sonea schnaubte leise. „Ich hatte so sehr gehofft, dass sich ihr Temperament bändigen ließe“, sagte sie. Sie sah in die Baumwipfel und seufzte. Der Wald gab ihr Frieden, doch er änderte nicht die Situation. Irgendwo in der Nähe flatterte ein Vogel protestierend aus einem Gebüsch, als fühle er sich von ihr und Akkarin gestört. „Aber … sie ist zu impulsiv. Nicht, dass ich es nicht auch gewesen wäre, aber das ist anders. Du verstehst, mich zu bändigen.“

„Ich bezweifle, dass es mir bei ihr gelungen wäre“, sagte Akkarin.

Überrascht sah Sonea ihn an. „Obwohl sie in dich verliebt ist?“

„Sie ist nicht du, Sonea.“

„Nein“, sagte sie trocken. „Lina würde vermutlich versuchen, dich zu verführen und dir in einsamen Ecken auflauern.“

„Und von dieser Sorte“, sagte Akkarin. „Hatte ich genug, bevor ich dir begegnet bin.“

Sonea lachte. Dann wurde sie jedoch wieder ernst. „Ich kann sie doch trotzdem bis zu ihrem Abschluss ausbilden, nicht wahr?“

„Das solltest du. Und das erlauben auch die Regeln. Sie wird davon profitieren. Sie jetzt sich selbst zu überlassen, wäre ein noch größerer Fehler, als sie in schwarzer Magie zu unterweisen.“

Sonea nickte. „Und vielleicht kommt im nächsten halben Jahr doch noch der Punkt, ab dem sich alles bei ihr zum Guten ändert.“ Eine düstere Vorahnung sagte ihr jedoch, dass das nicht passieren würde.

Vielleicht hatte Akkarin recht, vielleicht konnte sie nicht jeden retten. Aber sie weigerte sich, das zu akzeptieren.


***


An diesem Abend lagerten sie in einer Hügelkette, die einst die Grenze der Fruchtbaren Regionen markiert hatte. Heute lag dahinter grünes Acker- und Weideland und die weißen Mauern weitläufiger Anwesen erstreckten sich bis hinter den Horizont.

In der heraufziehenden Dunkelheit waren diese nun jedoch unter Schatten und einem fahlen Dunstschleier verborgen, der sich über das Land gelegt hatte. Während zwei Palastwachen das Abendmahl zubereiteten, errichteten die Verräter einen Schutz um das Lager. Dannyl hatte seinen Reisesack von seinem Pferd geholt und ihn als Sitzlehne auf seinem Schlafplatz ausgebreitet. Während er auf das Abendessen, einem Eintopf aus Rassook und Tugor und dazu die letzten Delikatessen aus dem mitgebrachten Proviant, wartete, streckte er sich auf seiner Decke aus.

„Ah!“, machte er und schloss die Augen.

„Reiten ist nicht Euer Ding, nicht wahr?“

Dannyl öffnete seine Augen und sah sich nach der vertrauten Stimme um. Lenyaka stand neben ihm und blickte amüsiert auf ihn herab. „Ich werde nicht jünger“, sagte er. „Und wenn man nicht regelmäßig reitet, ist das eine ungewohnte Anstrengung.“

„Ich bin immer wieder überrascht, wie weich Ihr Gildenmagier seid“, bemerkte die Verräterin. „Aber macht Euch deswegen keine Sorgen. Genau das macht Euch für mein Volk so liebenswert.“

Sag das mal den Ashaki, dachte Dannyl.

„Und“, fuhr Lenyaka fort. „Ich rechne es Euch hoch an, dass Eure Beschwerden unsere Reise nicht noch mehr verzögern, als sie sich ohnehin schon verzögert.“ Ihr Blick wanderte zu Dikacha, der vor dem Zelt der Prinzessin Wache stand. Wäre es nach ihr gegangen, so würden die Palastwachen die ständigen Pausen unterbinden, die Sayara verlangte, weil sie das Reisen nicht gewohnt war.

„Wenn sie nur ein paar Tage durchhalten würde, hätte sie sich schon an die Strapazen gewöhnt“, hatte sie wenige Tage zuvor zu Dannyl gesagt. „Zumal sie dann schneller wieder in einer Umgebung wäre, die ihr einen gewissen Komfort bietet.“ Und Dannyl kam nicht umhin, ihr zuzustimmen. Nichtsdestotrotz konnten sie die Prinzessin nicht zu einem schnelleren Reisetempo zwingen. Dannyl hatte ausgerechnet, dass mit einer Pause pro Tag und dem Aufschlagen des Lagers erst nach Einbruch der Dunkelheit, sie den Nordpass höchstens zwei Tage später erreichten. Auf einer Strecke, die im normalen Reisetempo zwei Wochen und per Karren drei benötigte, war das akzeptabel.

„Ich bin schon unter weitaus widrigeren Bedingungen gereist“, erwiderte Dannyl. „Zum Beispiel über See während der Winterstürme. Von dem Trip nach Yukai und wieder zurück einmal ganz zu schweigen. Dagegen sind die nun grünen Ödländer ein liebliches Idyll, an dem ich mich nicht sattsehen kann. Ich beginne bereits zu bereuen, dass wir sie in ein paar Tagen hinter uns lassen.“

Lenyaka hob eine Augenbraue. „Macht Ihr Euch über mich lustig, Dannyl Gildenmagier?“

„Da ich immer im Hinterkopf habe, wozu Ihr fähig seid, wäre das reichlich töricht“, erwiderte Dannyl galant.

Die Verräterin brummte etwas und stolzierte davon. Dannyl sah sie mit Mava und Lari sprechen, dann hielten die drei auf die Palastwachen zu, die sich um die Kochstelle versammelt hatten. Wenn das mal nicht nach Ärger riecht …

Mehr als eine Woche waren sie nun schon unterwegs. Und noch immer herrschte eine unterschwellige Spannung innerhalb der Eskorte. Bis jetzt war es noch nicht zum Streit gekommen, aber so wie Dannyl Lenyaka und ihre Schwestern einschätzte, war das nur eine Frage der Zeit. Die Palastwachen waren schwer zu provozieren, doch den Verrätern schien bei magiebegabten sachakanischen Männern rasch die Geduld auszugehen. Dannyl war nur deswegen noch nicht eingeschritten, weil die Spannungen nicht größer geworden waren und er der Eskorte die Gelegenheit geben wollte, sich zusammenzuraufen.

Hinter Dannyl erklang ein leises Schnarchen. Salyk war ein Bein angewinkelt, das andere von sich gestreckt, auf seiner Decke eingeschlafen. Während der langen Stunden, die sie Tag für Tag auf Pferden zubrachten, hatten sie viel Zeit für Gespräche. Nachdem sie bereits den ganzen Weg nach Arvice gereist waren, war Dannyl immer wieder angenehm überrascht, wenn sie ein neues Gesprächsthema fanden und damit lange Stunden füllten. Dannyl war nicht entgangen, dass Mava, Lenyaka und einige andere Frauen ihnen wissende Blicke zuwarfen, wenn sie glaubten, er würde es nicht sehen, und er ignorierte diese mit der Würde eines Auslandsadministrators.

Trotz allem konnte er ein Lächeln nicht aufhalten, als er Salyk so daliegen sah. Mit seinem krausen Haar zu gleichbreiten Zöpfen von der Stirn zum Nacken geflochten wirkte er jünger als er war. Daran änderten auch nichts die krausen Bartstoppeln, die ein tieferes Schwarz auf seiner fast schwarzen Haut bildeten. Es war beneidenswert, dass Salyk, obwohl in Dannyls Alter, noch kein einziges graues Haar hatte. Die meisten Lonmar waren spätestens mit fünfzig vollständig ergraut. Es war jedoch weniger Salyks Jugendlichkeit, als wie er da lag, was Dannyl zum Lächeln brachte. Er wirkte so friedlich und entspannt und von allem losgelöst. Es ließ Dannyl wünschen, sie wären zu zweit unterwegs und würden nachts auf ihren Lagern liegen, in die Sterne schauen und dabei über alles sprechen, was ihnen in den Sinn kam.

Er lächelte noch immer, als Sayara aus ihrem Zelt trat.

Die Prinzessin schritt zur Kochstelle, gefolgt von Dikacha. Behutsam stupste Dannyl den Botschafter an. „Aufwachen“, murmelte er. „Abendessen.“

Salyk stöhnte unterdrückt, als habe Dannyl ihn aus einem seligen Schlummer geweckt und rieb sich die Augen. „Ich hatte nicht vor, das Essen zu verschlafen.“

Dannyl lachte. „Dafür könnt Ihr heute Nacht länger wach bleiben, ohne Euch zu heilen.“

„Und eine Wache übernehmen?“ Salyk setzte sich auf, rieb sich ein weiteres Mal die Augen und stand dann auf.

„Es könnte nicht schaden, wenn einer von uns dabei ist, bevor zwischen Verrätern und Palastwachen ein Streit ausbricht, weil sie denken, dass sie ihre Differenzen besser diskutieren können, wenn der Rest von uns schläft.“

Es schien unmöglich, Nachtwachen bestehend nur aus Verrätern oder nur aus Palastwachen aufzustellen. Keine Gruppe schien der anderen weit genug zu rauen. Die Nachtwache zwischen ihnen aufzuteilen konnte helfen, einander näherzukommen. Zugleich rechnete Dannyl jedoch auch jede Nacht damit, von einem Streit geweckt zu werden.

„Wenn das mit denen nicht besser wird, dann schadet das gewiss nicht“, sagte Salyk. „Allerdings bin ich skeptisch. Sie werden wissen, warum wir das tun, egal wie unschuldig wir unsere Motive darstellen.“

„Das fürchte ich auch.“

„Abendmahl!“, rief eine der beiden Palastwachen, die für das Essen eingeteilt waren.

„Ich weiß nicht, wie es Euch geht, mein Freund, doch ich habe Hunger“, sagte Dannyl.

„Nicht nur Ihr“, erwiderte Salyk.

Niemand beschwerte sich, weil Sayara die letzten Delikatessen bekam. Diese beschwerte sich jedoch, dass diese nicht mehr frisch waren.

„Das ist eben so, wenn man reist, Eure Hoheit“, erklärte Lenyaka mit unterschwelliger Ungeduld. „Wenn Ihr sie nicht mehr wollt, bin ich sicher, dass andere hier sich darüber freuen.“

„Das übrige Essen sieht nicht gerade ansprechender aus. Was ist das überhaupt?“

„Eintopf, meine Prinzessin“, sagte die Palastwache, die zum Essen gerufen hatte. „Mit den Rassook, die wir heute Morgen gekauft haben und dem Rest der Tugorknollen aus unserem Proviant.“

„Ich möchte richtiges Essen“, erklärte Sayara.

„Dazu fehlen uns die Möglichkeiten“, sagte Lenyaka. „Die Alternative bestünde darin, Euren Bräutigam zwei Wochen warten zu lassen, weil sich unsere Reise um mindestens diese Zeit verzögern würde.“

Sayara rümpfte die Nase und verschränkte die Arme vor der Brust. „Das ist keine Option.“

Dannyl räusperte sich und legte seinen Löffel beiseite. „Selbst ein König muss hin und wieder Entbehrungen hinnehmen, Eure Hoheit“, sagte er. „Als Euer Vater an den Verhandlungen in Yukai teilgenommen hat, war er fast einen Monat unterwegs. Der Großteil der Reise führte durch Ödländer und Wüste. Es gab kaum frische Nahrung oder Wasser, doch er hat den Weg auf sich genommen, um den Frieden herbeizuführen. Nachdem es im Tempel zum Kampf kam und er fliehen musste, gestaltete sich der Rückweg sogar noch beschwerlicher, weil er seinen Besitz zurücklassen musste. Aber er hatte Erfolg. Ohne ihn und sein Opfer würden wir jetzt weder durch grüne Ödländer reisen noch stünden wir näher denn je davor, dass unsere Länder zu einer Allianz zusammenwachsen. Manchmal muss man Strapazen auf sich nehmen, um etwas zu erreichen.“

Sayara musterte ihn aus unergründlichen Augen. Da war eine Spur von Trotz, aber Dannyl konnte auch sehen, wie es in ihr arbeitete. „Hat er es gemocht?“, fragte sie. „Den Verzicht auf Luxus und Komfort?“

„Nun, er hatte keine Wahl. Aber es war nicht das erste Mal, dass er eine solche Reise auf sich nahm. Nun, vielleicht nicht ganz so weit. Aber er hat sie immer für etwas auf sich genommen, an das er geglaubt hat.“

Sayara quittierte dies mit einem kaum merklichen Nicken und wandte sich ihrem Anteil vom Eintopf zu. Erst nach dem Essen, als die übrigen sich zerstreuten, um sich entweder zur Ruhe zu legen oder Wache zu halten, sprach sie erneut.

„Auslandsadministrator Dannyl, bleibt und beantwortet mir ein paar Fragen.“

Überrascht hielt Dannyl inne. „Sehr gern, Euer Hoheit. Was wollt Ihr wissen?“

„Kyralia – wie ist es dort so?“

„Es ist ganz anders als Sachaka“, antwortete Dannyl. „Die Landschaft ist anders, das Klima ist kühler, die Gesellschaft ist konservativ, aber anders als in Sachaka gibt es keine Sklaven und die Magier herrschen nicht über die nichtmagische Bevölkerung. Unser König, Euer zukünftiger Ehemann, ist ein Nichtmagier, weil wir glauben, dass man einem Magier keine weltliche Macht geben darf.“ Während der nächsten Stunde beschrieb er die Landschaft und die Kultur. Er beschrieb die Mode der Reichen und die Bälle im Palast und die Speisen, die man dort aß. Er erzählte von der Gilde und beschrieb Imardin mitsamt den guten und schlechten Seiten.

„Und König Merin?“, fragte sie. „Wie ist er so?“

„Er ist ein sehr fairer und würdevoller König. Offen für vernünftige Argumente und tut viel für die Armen in der Stadt. Das war einmal anders, doch verschiedene Ereignisse haben dazu geführt, dass er seine Meinung geändert hat. Er ist ein guter Mann.“

„Er ist so alt wie mein Vater, richtig?“

Dannyl nickte. „Aber er ist nicht wie die Ashaki, die ihre Frauen wie Sklavinnen behandeln.“

„Aber er besitzt große Macht.“

„Im politischen Sinne, ja. Doch er behandelt Frauen mit großem Respekt.“ Tatsächlich wusste er nicht, wie der König von Kyralia mit einer Ehefrau umgehen würde. Seine Persönlichkeit war jedoch frei von Despotismus und Tyrannei oder einem übersteigerten Bedürfnis nach Kontrolle. Andernfalls hätte Dannyl die Verhandlungen zwischen beiden Königshäusern nicht mit seinem Gewissen vereinbaren können. Er öffnete den Mund, um Sayara sagen, dass sie Merin nicht heiraten musste, wenn sie das nicht wollte, und schloss ihn dann wieder. Das Mädchen, wenn auch jung und unsicher, wusste um seine Bürde. Es lag nicht an ihm, es zu beeinflussen.

„Wäre es dir lieber, wenn er jünger wäre?“

Sayara hob die Schultern. „Die meisten Männer, die ich kenne, sind im Alter meines Vaters.“

„Es kommt auch nicht auf das Alter an“, sagte Dannyl mit mehr Überzeugung, als er verspürte. „Es kommt darauf an, wie sehr man einander zugetan ist und ob man den anderen genug mag, um mit ihm sein Leben zu verbringen.“

„Ich verstehe.“ Die Prinzessin kniff die Augen zusammen und blinzelte. „Aber wenn man aus politischen Gründen verheiratet wird, muss man das Leben mit dem anderen verbringen, egal ob man einander mag oder nicht. Euer Land mag freiheitlicher sein als das meine, aber in dieser Hinsicht bin ich so unfrei, als würde er mich mit einem Ashaki verheiraten.“

Das war eine sehr pragmatische, aber auch sehr treffende Art und Weise, die Sache zu betrachten. Dannyl seufzte, nach Worten ringend. „Anders als die Frau eines durchschnittlichen Ashaki werdet Ihr viele Freiheiten besitzen. Ihr könntet Euch für wohltätige Zwecke engagieren und Eurem Mann mit Eurem Rat zur Seite stehen. Ihr seid ein sehr reizendes Wesen, wenn ich das so sagen darf, Sayara. Jeder Mann, der Euch heiratet, würde Euch auf Händen tragen.“

„Und ich müsste die Feste nicht getrennt von ihm verbringen.“

„Sofern das nicht Euer Wunsch ist, nein“, erwiderte Dannyl. „Allerdings bedeuten Parties für einen Herrscher auch immer Arbeit. Aber er würde auch Zeit mit Euch verbringen und das nicht nur, um sich zu präsentieren.“

„Glaubt Ihr, ich könnte ihn mögen?“

Dannyl lächelte. „Ich habe eine Freundin, die den König einst sehr gehasst hat. Sie kam aus dem ärmsten Teil der Stadt und damals hat der König rein gar nichts für diesen getan. Stattdessen ließ er jedes Jahr, wenn es Winter wurde, die Bettler und Armen aus den schönen Stadtteilen dorthin treiben. Jenen Menschen erging es noch schlechter als Sklaven, die den ganzen Tag Feldarbeit leisten. Als der Krieg gegen Sachaka anfing, änderte der König allmählich seine Einstellung gegenüber den Armen. Er ließ Krankenhäuser und Schulen bauen. Und er erlaubte der Gilde, das Gebiet an ein Wasserleitungssystem anzuschließen. Und dann fing auch meine Freundin an, ihn zu mögen. Wenn sie das vollbracht hat, dann werdet Ihr ihn ganz sicher auch mögen.“

„Sie musste gewiss keinen Thronerben mit ihm zeugen.“

„Nein.“ Dannyl lächelte. „Der König hat ihr und unserem Anführer erlaubt zu heiraten, obwohl ihre Beziehung offiziell von der Gilde untersagt wurde. Er mag es nicht zugeben, doch in seinem Herzen ist er ein Romantiker.“

Wie sehr Merin ein Romantiker war, konnte Dannyl jedoch nicht genau sagen. Er hatte nur seine Beobachtungen und einige persönliche Eindrücke, die Akkarin ihm vor dieser Reise anvertraut hatte.

Sayara wirkte erleichtert. „Ich stehe in Eurer Schuld, Auslandsadministrator“, sagte sie. „Das war ein sehr erhellender Einblick. Ein anderes Mal würde ich gerne mehr hören.“

„Sehr gerne, Euer Hoheit“, erwiderte Dannyl. „Bitte zögert nicht zu fragen.“

Salyk hatte sich bereits unter seiner Decke zusammengerollt. Als Dannyl sich auf seinem Schlafplatz niederließ, richtete er sich auf.

„Was glaubt Ihr, konntet Ihr an sie appellieren?“

„Wir haben hauptsächlich über Kyralia gesprochen. Doch ich denke, dass dies ihr einen Teil ihrer Unsicherheit nimmt“, antwortete Dannyl.

„Weil sie nicht weiß, was sie erwartet?“

„Und weil sie nicht weiß, ob das Ziel ihrer Reise die Strapazen wert ist.“ Anders als ihr Vater hatte Sayara diese Reise nicht aus Überzeugung angetreten. Sondern, weil sie es musste.


***


Mit einem Seufzen legte Sonea ihre Schreibfeder beiseite. Leiterin der schwarzmagischen Studien war kein Forschungsfeld, auf dem sich schnell Fortschritte erzielen ließen. In den fünfzehn Jahren, die sie dieses Amt innehatte, hatte sie beschämend wenig zustande gebracht, was von Nutzen für die Allgemeinheit war. Sie und Akkarin hatten einige von Lord Sadakanes Anleitungen für magische Kristalle nachgebaut, nachdem sie diese mit Dannyls Bericht über eine Ruinenstadt in Elyne in Verbindung gebracht hatten. Doch Speichersteine, die gezielte magische Angriffe abgaben oder einen Schild errichteten, waren für Magier redundant und zu gefährlich, um sie in die Hände von Nichtmagiern zu geben.

Sonea hatte versucht, Heilkristalle zu konstruieren und war an den vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten gescheitert. Prinzipiell war es möglich, einem Kristall über den Magisierungsprozess verschiedene Funktionsweisen mitzugeben, doch ein Kristall konnte nicht entscheiden, wann welche genutzt wurde. Sie hatte dem Heilkristall Spuren von Smaragd beigemischt – dem Stoff, aus dem die Geheimniswahrer waren – damit der Benutzer entscheiden konnte, ob er Sommerhusten, eine Schnittwunde oder einen Knochenbruch behandeln wollte. Die Wechselwirkungen hatten jedoch dazu geführt, dass der Kristall gar keine Magie abgegeben hatte. Lord Sadakanes Bücher halfen ihr dabei nicht weiter, weil die Heilkunst erst mehrere Jahrhunderte nach seinem Tod entdeckt worden war.

Zwar hatte Lord Sadakane ein ganzes Buch über schwarzmagische Anwendungen im Alltag geschrieben, doch die meisten seiner Erfindungen galten heute als überholt.

So wie das Reinigen von Wasser. Man kann mit schwarzer Magie den Organismen darin ihre Lebensenergie entziehen. Oder man erhitzt es mit normaler Magie.

Für gewöhnlich experimentierte Sonea mit Akkarin und diskutierte ihre Theorien. Für den Augenblick waren diese jedoch noch zu unausgegoren, um ihn daran teilhaben zu lassen. Um ihre Ruhe zu haben, hatte sie sich nach dem Abendessen mit einer Auswahl von Lord Sadakanes Büchern in den Keller zurückgezogen.

Ein Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. Es klang nicht so zaghaft, wie Takans Klopfen, aber es war auch nicht Akkarin, der sie fragen würde, wie lange sie noch arbeiten wollte.

„Ja?“

„Ich bin’s Mutter. Lorlen.“

Lorlen! Sonea konnte sich nicht erinnern, wann ihr Sohn sie zuletzt aus eigenem Antrieb aufgesucht hatte. Seit seiner Kindheit war er dafür zu „erwachsen“. Umso überraschter war Sonea, dass er es nun tat.

„Komm herein“, sagte sie.

Zögernd betrat Lorlen den Experimentierkeller. Seine dunklen Augen huschten über die Bücherregale und die alte Truhe und blieben an Soneas Notizen hängen. „Ein neues Experiment?“, fragte er.

„Wenn ich eine Theorie aufgestellt bekomme, wird es das vielleicht.“ Sonea deutete auf einen Stuhl. „Setz dich, wenn du magst.“

Lorlen nickte zögernd und ließ sich dann auf dem einzigen anderen Stuhl nieder. „Worum geht es dabei?“

„Wilde Speichersteine so einzusetzen, dass sie einen sinnvollen Nutzen haben. Wie zum Beispiel beim Sprengen von Tunneln. Es würde eine Menge alchemistischer Substanzen sparen.“

„Klingt gut“, sagte ihr Sohn. Erneut huschten seine Augen umher. „Hast du Zeit?“

„Immer“, sagte Sonea mit einem Lächeln. „Was bedrückt dich?“

Er bedachte sie mit einem finsteren Blick, entspannte sich dann jedoch. „Ich wollte dich fragen, wie es dir gelungen ist, die Gemeinheiten anderer Novizen auszuhalten“, begann er. „Und ich wollte mich entschuldigen, weil ich das mit der Bestrafung gesagt habe.“

Sonea legte die Schreibfeder beiseite und sah Lorlen ernst an. „Was du gesagt hast, entspricht der Wahrheit“, sagte sie. „Aber es besteht ein Unterschied zwischen sexuellen Vorlieben und der Bereitschaft, die Konsequenzen für einen gemachten Fehler auf sich zu nehmen. Ersteres kann man nicht ändern, weil es die eigene Natur ist. Letzteres ist ein Zeichen von Reife.“

Sie ließ Lorlen Zeit, die Worte auf sich wirken zu lassen. „Ich verstehe nichts von Sex“, sagte er. „Also ich weiß, was dabei passiert, aber nicht, wie es sich anfühlt. Aber ich verstehe, dass ich einen Fehler gemacht habe, als ich mich mit diesen beiden Mistköpfen in den Inneren Passagen bekämpft habe.“

Und damit bist du einen großen Schritt erwachsener als Lina, dachte Sonea. Und sie hoffte, dass es noch lange dauern würde, bis er herausfinden wollte, wie sich Sex anfühlte.

„Wenn dich jemand angreift, dann darfst du dich wehren“, sagte Sonea. „Aber du darfst nicht von dir aus angreifen. Damit verstößt du gegen den Eid, den du bei deiner Aufnahmezeremonie geschworen hast. Selbst, wenn die Angreifer gegen ihren Eid verstoßen.“

Lorlen nickte ernst.

„Und was deine Frage angeht, so ist mir das nur gelungen, indem ich mich den anderen Novizen gegenüber behauptet habe“, fuhr Sonea fort. „Und das habe ich weniger mit magischer Stärke oder Talent getan, als mit Durchsetzungsvermögen und meinem Auftreten. Aber das lernt man nicht von heute auf morgen. Man muss es sich immer wieder vornehmen und darf sich nicht entmutigen lassen. Es hilft sich vor Augen zu halten, worin man besser ist, als die anderen. Man darf es ihnen nur nicht unter die Nase reiben. Wenn man sich der eigenen Stärken bewusst ist, können die anderen einen weniger treffen.“

Lorlen nahm die Worte in sich auf. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. Je älter er wurde, desto mehr erinnerte er damit an Akkarin. „Aber gegen Regin hast du ein Duell in der Arena bestritten“, wandte er ein.

„Weil Regin jemand ist, der seine Lektionen nur auf die harte Tour lernt“, sagte Sonea. „Durch das Duell bin ich mir erst selbst meiner eigenen Stärken bewusst geworden. Davor war ich ein Opfer von Regin und seinen damaligen ’Freunden’. Ich hatte nicht das Selbstbewusstsein, mich in irgendeiner Weise zu wehren. Das Duell schien der einzige Ausweg. Danach hatte ich genug Selbstvertrauen, um mich in Zukunft auch ohne das zu behaupten. Denn auch schwarze Magie bewahrt mich nicht vor bösartigen Meinungen. Magische Stärke gibt uns nicht das Recht, uns mit Gewalt durchzusetzen.“ Sie machte eine Pause und sah Lorlen direkt an. „Ich hoffe sehr, dass du von dir aus zu Einsicht gelangst und dir eine so öffentliche Demütigung in der Arena, wie Regin sie erdulden musste, erspart bleibt.“

„Meine letzte Strafe war bereits eine öffentliche Demütigung!“

„Deine Strafe war deines Vergehens angemessen. Aber dein Verhalten kann dazu führen, dass andere dir eine Lektion erteilen wollen.“

„Ich glaube, das wird nicht mehr passieren“, sagte Lorlen. „Ich habe das jetzt verstanden.“

Sonea lächelte. „Das hoffe ich.“

Ein unbehagliches Schweigen breitete sich aus. Sonea war jedoch erleichtert, dass Lorlen – wenn auch vielleicht nur vorübergehend – zur Vernunft gekommen war. Sie konnte jedoch auch sehen, dass ihn noch immer etwas beschäftigte.

„Was hast du noch auf dem Herzen?“, fragte sie.

Lorlen druckste herum. „Das mit dem Bestrafen“, begann er schließlich. „Beim Sex. Ist das normal?“

„Das kommt darauf an, ob es einem gefällt. Unser Körper reagierte zuweilen auf einige sehr unterschiedliche Reize sehr ähnlich. Bei manchen Menschen ist das stärker ausgeprägt, bei anderen schwächer.“

Lorlen nickte. „Ich fände es nicht toll, von einem Mädchen bestraft zu werden“, sagte er. „Und umgekehrt auch nicht.“

Ein unwillkürliches Lächeln breitete sich auf Soneas Gesicht aus. „Das ist nicht schlimm, Lorlen. Wirklich nicht.“


***


Eine Woche hatte Cery verstreichen lassen, ohne dass er zu Rashyks Kampfschule gegangen war. Untätig war er jedoch nicht gewesen. Er hatte bei Ravi angefragt, ob er ihm ein Haus in seinem Bezirk für ein paar Wochen ausleihen konnte. Nachdem Cery ihn an die Gefälligkeit erinnert hatte, die Ravi ihm noch schuldete, hatte dieser sich einverstanden erklärt und nach Cerys Präferenzen gefragt und wofür er das Haus brauchte. Cery hatte ihm erzählt, dass er gegen die Kampfschule ermittelte, die Ravi ebenfalls ein Dorn im Auge war.

„Einige in meinem Bezirk sind schon zusammengeschlagen worden“, hatte er Cery erzählt. „Vor zwei Tagen musste einer sogar ins Krankenhaus. Ich hab’ alle meine Leute drauf angesetzt, aber wir hatten noch keine Gelegenheit, an die Geldeintreiber ranzukommen. Die Opfer halten meist dicht und die Kerle selbst sind so schnell weg, wie sie gekommen sind.“

„Dafür hast du jetzt mich“, hatte Cery erwidert.

„Sieh dich nur vor, dass du nicht in zu große Reibereien gerätst“, hatte Ravi gesagt. „Dein Plan ist ziemlich gefährlich.“

„Aber ’nen besseren Weg, um an sie ranzukommen, gibt’s nicht.“

Und davon war Cery auch jetzt noch überzeugt. Zugleich hatte er sich jedoch noch nie so verwundbar gefühlt.

Das Haus, das Ravi ihm zur Verfügung gestellt hatte, hatte einen Zugang zur Straße der Diebe. Cery zog jedoch vor, es von der Straße aus zu betreten, wenn er sich nach seiner Arbeit im Wachhaus in einfacher Kleidung durch die Tunnel bis zu einem Ausgang in der Nähe bewegte. Auch Lana war vorübergehend dorthin gezogen.

Jetzt, wo sie täglich einen Besuch von Rashyks Geldeintreibern erwarteten, schien Lana das Spiel Spaß zu machen. Cery hoffte derweil, dass sich das Spiel nicht allzu sehr in die Länge zog, weil er seine Arbeit als Dieb nicht vernachlässigen wollte. Seine Klienten würden nicht ewig ohne ihn auskommen können und er musste zwischen seinem Versteck, dem Wachhaus und seiner vorübergehenden Wohnung hin und herpendeln, da er zumindest die Treffen mit den wichtigen Klienten wahrnehmen musste.

Wenigstens ist für die Kinder gesorgt, dachte er. Als er seinen Plan gefasst hatte, hatte er sein Kindermädchen mit dem doppelten Wochenlohn in Urlaub geschickt und Errin und Ysana zu Donia und Harrin gebracht. Sein alter Freund hatte ihn gefragt, ob er Hilfe brauchte, was Cery verneint hatte. Donia hatte ihn nur böse angeblickt und ihm eingeschärft, seine Kinder nicht zu Vollwaisen zu machen.

„Ich weiß, was ich tue“, hatte Cery erwidert und jede weitere Mahnung ignoriert.

In seinen Umhang gewickelt und vorgebend sich zu fürchten huschte Cery nun durch die Schatten in der abendlichen Straße. Er hatte seine Messer bei sich, doch sie würden nur zum Einsatz kommen, wenn ihm keine andere Möglichkeit mehr blieb. Damit und mit seiner Rolle war er ein leichtes Opfer, aber er hätte sich schlechter gefühlt, hätte er einen seiner Leute mit dieser Aufgabe betraut.

Seit einer Woche nahm er jeden Abend diesen Weg nach Einbruch der Dunkelheit. Unter seinem Umhang trug er die verschlissene Kleidung eines Handwerkergesellen – niemanden, bei dem man Reichtümer erwarten würde.

Hinter einer Bäckerei bog Cery in eine schmale Gasse, die ihn auf einer Abkürzung zu dem Haus brachte, das er als Kallin mit einer Tochter Galia bewohnte. Auf diesem Stück seines Weges war nur wenig Verkehr. Die meisten Türen waren Hinterausgänge und Holztore, die zu Hinterhöfen führten. Trotz der Anbindung an die Kanalisation staute sich hier der Unrat.

Nach ungefähr dreißig Schritt machte die Gasse eine Biegung und ihr Ende, wo sie in eine größere Straße mündete, war zu sehen. Und in diese Öffnung traten drei Männer und kamen rasch näher.

Cery blieb stehen, dann tat er ein paar Schritte zurück und wirbelte herum – und rannte in drei andere Männer.

„Wo willst du denn so plötzlich hin, Kallin?“, fragte der Mann, in dessen Arme er gerannt war. Es war der Mann, der die Wetten angenommen hatte.

„Ich …“, begann Cery. „Hab’ was vergessen.“

„Scheint so. Wo’s das Geld?“

„Ich hab’ kein Geld. Sonst hätte ich’s schon vorbeigebracht.“

„Aber du warst arbeiten. Wie ich sehe eine anständige Arbeit. Wie viel verdient man da so?“

„Ein halbes Goldstück pro Woche“, improvisierte Cery. Nach allem, was er wusste, war das ein plausibles Gehalt für einen Mann wie Kallin.

„Und du schuldest Rashyk zehn. Das wären zwanzig Wochen. Du willst mir hoffentlich nicht erzählen, dass du zwanzig Wochen hungern willst?“

„Von irgendwas müssen ich und meine Tochter leben.“

„Also vierzig Wochen?“

„Ich zahle alles zurück, ich verspreche es“, beteuerte Cery. „Aber das wird ‘ne Weile dauern. Bitte.“

„Rashyk will keine zwanzig Wochen warten. Und auch keine zehn. Rashyk will das Geld nächste Woche.“

„Eine Woche ist zu wenig!“, rief Cery. „Ich brauche mehr Zeit!“ Ob sich so seine Klienten fühlten, wenn er ihnen ein Ultimatum stellte? Allerdings schlugen seine Leute niemanden zusammen oder töteten unbescholtene Leute. Es hatten sich immer andere Wege gefunden. In der Unterwelt Imardins wurde vieles mit Gefälligkeiten geregelt. Cery ließ nur Sqiumps töten und all jene, die sich an seinen Schutzbefohlenen vergriffen.

„Eine Woche ist mehr als genug. Finde einen Weg, wie du das Geld bis dahin hast. Wie ist mir egal. Andernfalls werden wir sehen, was deine Tochter zu bieten hat. Sie’s so ein hübsches Ding.“

„Lasst meine Tochter da raus“, fuhr Cery den Mann an.

„Besorg das Geld, dann wird ihr nichts geschehen.“ Der Mann lächelte liebenswürdig, dann traf seine Faust mit einer solchen Wucht auf Cerys Magen, dass Cery keuchend zu Boden sank.

„Eine Woche“, sagte der Geldeintreiber. „Und komm nicht auf die Idee, uns zu squimpen. Sonst bringen wir dir Schwimmen bei.“

Danke, das kann ich schon, war Cery versucht zu sagen, biss sich jedoch auf die Zunge.

Die Schritte entfernten sich. Cery wartete, bis sie ganz verklungen waren, dann richtete er sich stöhnend auf. Es war lange her, dass er zuletzt Prügel eingesteckt hatte. Als Dieb und Captain der Stadtwache war er gefürchtet. Und er ahnte, das hier war gerade erst der Anfang.

Langsam und mit Bedacht verließ er die Gasse. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass er unbeobachtet war, bog er auf die etwas belebtere Straße ein und eilte diese entlang.

Auf halbem Weg zu seinem Haus kam ihm eine kleine Gestalt entgegengerannt. „Da!“, rief sie. „Wo warst du?“

„Ein unerwartetes Treffen“, sagte Cery. „Ist das Essen fertig?“

Lana kam vor ihm zum Stehen und nickte, die Augen unergründlich. „Dann essen wir und du erzählst mir alles.“

„Eine gute Idee“, stimmte Cery zu.

„Ich war auf einem der Dächer“, sagte Lana, als sie wenig später an einem kleinen Tisch in der Wohnküche hockten und Brot und Käse aßen und dazu Bol tranken. „Ich hätte drei von ihnen mit Wurfmessern erwischen können.“

Und ich den Rest … „Das wird uns nicht helfen, die Bande auffliegen zu lassen“, sagte Cery. „Und wir müssen rausfinden, wie viel davon mit Rashyks Wissen geschieht.“ Wenn Rashyk involviert war, was wahrscheinlich war, konnte er seine Kampfschule dichtmachen. In diesem Fall musste Cery sorgfältig planen und die anderen Diebe miteinbeziehen. Und bis dahin brauchte er weitere Informationen.

„Eine Woche, ja?“

Cery nickte.

„Dann nehmen wir beim nächsten Mal Leute mit“, sagte Lana. „Wir wissen jetzt, wie sie es machen. Jetzt müssen wir uns das zum Vorteil machen. Auch wenn ich glaube“, sie grinste Cery an, „dass du dafür noch öfter die Fresse vollkriegen wirst.“


***


„So, das nennst du also Theorien aufstellen.“

Sonea sah auf. Akkarin stand in der Tür des Kellerraums, die Arme vor der Brust verschränkt. Hastig klappte sie ihre Lektüre zu. „Das Buch muss dabei gewesen sein, als ich die Bücher, mit denen ich arbeiten wollte, zusammengesucht habe“, sagte sie.

„Im Regal für schwarze Magie?“

„Zwei Bücher lagen noch auf dem Tisch.“ Spürend, wie ihre Wangen heiß wurden, fuhr sie fort: „Über Gayends Abenteuer kann man auch zahlreiche Theorien aufstellen. Zum Beispiel: Welches Spiel treibt Gayends bösartiger Vater? Wie ist sein kleiner Bruder wirklich gestorben? Wie kann ihm dieses magische Messer seine Magie zurückgeben? Wie …“ Sie hielt inne, als Akkarin vor dem Tisch stehenblieb und einen Blick auf den Titel warf.

„Band Drei – Gayend und das zerbrochene Auge?“

„In die Titel lässt sich auch unglaublich viel interpretieren. Gayend hat seine Magie verloren, weil er durch das Messer farbenblind wurde. Aber es könnte auch mit dieser Geheimorganisation zu tun haben. Oder damit, dass ein anderer Charakter kurz davor ist, durch exzessiven Gebrauch seiner Magie wahnsinnig zu werden. Ich bin erst am Anfang dieses Bandes, ich kann mehr dazu sagen, wenn ich weitergelesen habe.“

„Ich verstehe.“ Die Piratennarbe zuckte. „Und Lord Sadakane?“

„Ich wurde von Lorlen unterbrochen. Wir hatten ein längeres Gespräch. Danach war mir nicht mehr nach veralteten Theorien über Magie.“

„Aber dafür danach über zerstörte Augen und bösartige Väter zu spekulieren?“

Sonea schnappte ihm das Buch aus der Hand. „Ich verstehe wirklich nicht, warum du Gayends Abenteuer nicht auch lesen willst, Akkarin. Sie sind so unterhaltsam wie Carrini aber mindestens so komplex wie Bartoli. Ich bin sicher, es würde dir gefallen.“

„Und deinen Wahnsinn unterstützen, weil du dich dann mit mir darüber unterhalten kannst?“, fragte er amüsiert.

Sie reckte ihr Kinn vor. „Du hast mich auf Bartoli gebracht. Und ich habe es gemocht. Das wäre nur fair.“

„Das mag sein. Aber nicht jetzt.“ Akkarins dunkle Augen blitzten. „Es wird Zeit, dass ich mich deiner Erziehung widme.“ Seine Augen verengten sich und die Tür fiel mit einem endgültigen Klicken ins Schloss. Dann zog er etwas aus seiner Robe. Sonea schnappte nach Luft, als sie ihr Halsband erkannte.

„In diesem Haus wohnen auch noch vier andere Menschen.“

„Takan und Caria werden uns heute nicht mehr behelligen. Die Kinder sind im Bett, und bis ich mit dir fertig bin, werden sie tief und fest schlafen.“ Akkarin legte das Halsband auf den Tisch. „Du weißt, was du zu tun hast.“

Seine Stimme war so streng, dass Sonea nur nicken konnte. Während sie ihre Robe und ihre Stiefel auszog, wurde die Luft im Keller allmählich wärmer. Akkarin war derweil zur Truhe geschritten und hatte seinen Dolch herausgeholt und einen Gürtel, der einst Bestandteil ihrer Tarnkleidung gewesen war.

Nachdem Sonea sich ausgezogen hatte, ging sie vor ihm auf die Knie und streckte ihm ihre Handgelenke entgegen. „Meine Magie gehört Euch, Hoher Lord.“

Akkarin lächelte dünn und die Piratennarbe verzog sich kaum merklich. Er legte ihr das Halsband an. Dann schnitt er sie behutsam. Auf den leichten, aber stechenden Schmerz kurz, nachdem der Dolch ihre Haut berührte, folgte ein vertrautes Gefühl von Trägheit, Ohnmacht und Geborgenheit. Auch wenn es damit im krassen Widerspruch zu der folgenden Stunde stand, machte alleine das jeglichen Ungehorsam wert.

Nachdem der Magiefluss geendet hatte, heilte Akkarin ihre Wunde und starrte eine Weile auf Sonea hinab, die Hand mit dem Handschuh auf ihre Wange gelegt. Sonea schmiegte sich in die Wölbung und küsste die ledernen Fingerspitzen.

„U’yi’hami aze“, flüsterte sie.

Akkarin musterte sie streng. „Gilt das auch für deine Gedanken?“

„Ja, Hoher Lord.“

Er hob eine Augenbraue. „Beim letzten Mal hast du an deinen Romanhelden gedacht und dir vorgestellt, seine Sklavin zu sein.“

Sonea biss sich auf die Unterlippe. Wenn sie ihm jetzt sagte, dass das zum Teil auch seine Schuld war, weil er ihr seit fast zwei Wochen die erhoffte Erlösung vorenthielt, würde sie noch zwei weitere Wochen darauf warten müssen. Das war ein Krieg, den sie nicht gewinnen konnte. Und dieses Mal war ihr nicht nach Verlieren.

„Es wird nicht wieder vorkommen“, sagte sie.

Für einen langen Moment bohrten sich seine Augen in ihre. „Wir werden sehen, ob du Wort halten kannst.“ Er hakte einen Finger in den Ring an ihrem Halsband und zog sie daran empor. Seine Hände glitten verlangend über ihren Körper, testeten ihre Öffnungen und zwickten ihre Brustwarzen. Sonea hielt absolut still, während das Verlangen in ihr größer wurde.

Offenkundig zufrieden wischte Akkarin die Hand an ihrem Oberschenkel trocken. Dann beugte er sie über den Tisch und fixierte sie dort mit seiner Magie, das Gesäß ihm entgegengereckt. Anschließend schob er ihre Beine auseinander und fixierte diese an den Tischbeinen. Sonea sog scharf die Luft ein, als die Hand mit dem Handschuh über ihren entblößten Schoß strich. Oh, wie sehr sie wollte, dass er sie endlich dort berührte!

Dann verbannte sie den Gedanken aus ihrem Kopf. Er würde sie von ihrem Verlangen erlösen, wenn er es für richtig hielt. Und er würde es auf eine Weise tun, die für sie beide erfüllend war. Und auch wenn sie es nicht anders wollte, so verfluchte sie ihn manchmal auch im Stillen.

Die Hand bewegte sich weiter und das Bedürfnis, ihn anzuflehen sie dort zu küssen, wurde übermächtig. „Ein sachakanischer Meister würde seine Bettsklavin dort niemals küssen, sofern er sie nicht liebt“, hatte er einmal dazu gesagt. Auf Soneas Protest, dass sie einander liebten, hatte er nur erwidert, dass er sich diese Praktik als Belohnung aufheben würde.

Und mir gefällt das, weil es meine Erfüllung ist, zu seiner Erfüllung beizutragen.

„So ist es gut“, murmelte er und Sonea wusste, er hatte ihre Gedanken gehört. Er zog sich zurück. Wenig später berührte etwas Kühles ihren Schoß. Es war breit und als er anfing, es hin und her zu bewegen, erkannte Sonea, was es war. Der Gürtel. Sie stöhnte erneut auf.

Akkarin lachte leise. „Willst du, dass ich dich damit zum Höhepunkt bringe?“

„Nur, wenn Euch das gefällt, Hoher Lord.“

Akkarin zog den Gürtel fort. Nur einen Augenblick später klatschte er auf ihr Gesäß. Für einen süßen Moment vermischten sich Schmerz und Lust. Sein nächster Schlag traf ihre Oberschenkel und ihren geschwollenen Schoß. Sie biss die Zähne zusammen und bereitete sich darauf vor, dass der Gürtel noch über die empfindlichen Stellen traf.

Ihr Gesäß fühlte sich an, als wäre es von einem Feuerschlag getroffen worden, als Akkarin den Gürtel weglegte. Ein Finger fuhr über ihren geschundenen und geschwollenen Schoß und sie zuckte zusammen. Akkarin lachte leise und schob den Finger in sie hinein, gefolgt von dem nächsten und dem übernächsten, bis schließlich seine gesamte Hand in ihr war und sie wundscheuerte. Sonea entfuhr ein Laut von Lust und Schmerz und sie war dankbar, dass er die Tür mit einer Barriere belegt hatte.

Sonea stieß leise die Luft aus, als Akkarin seine Hand aus ihr herauszog und an den Rückseiten ihrer Oberschenkel trockenwischte. Seine Roben raschelten, er zog sie dichter an die Tischkante und stieß in sie hinein. Sonea reckte sich ihm entgegen, gefangen in einer wilden Mischung aus Lust und Schmerz. Er hatte sie völlig wundgescheuert.

Unerwartet zog er sich aus ihr zurück. Sein Finger strich über ihre Gesäßspalte und sie spürte einen schwachen Strom von Magie, der ihre Muskeln lockerte, dann nahm er ihre Hinterpforte.

Nachdem er sich an der Waschschüssel, die eigentlich für magische Experimente und nächtliche Ausflüge gedacht war, gewaschen hatte, holte Akkarin ein kleines Tongefäß aus einem Schrank. Sonea hörte, wie er sich einen Stuhl heranzog und sich vor sie setzte.

„Vielleicht sollte ich Luzille demnächst einmal zum Sumi einladen“, sagte er. „Während du unterrichtest.“

Sonea traute ihrer Stimme kaum, als sie sprach. „So wie Danyara damals?“

„Ja.“ Er zog seinen Handschuh aus und legte ihn auf den Tisch. „Allerdings hätte die Vorstellung, dass du mit ihr sprichst, auch ihren Reiz. Sie weiß doch sowieso schon Bescheid.“

„Sie kennt keine Details“, stellte Sonea richtig.

„Aber ich nehme an, sie weiß genug, um deine Vorlieben zu kennen?“

Sonea nickte mit heißen Wangen. Unsicher, ob er das sehen konnte, fügte sie ein „Ja, Hoher Lord“ hinzu.

Erneut berührte etwas Kühles ihren Schoß. Sonea zuckte erneut zusammen.

„Ich denke, du hast dir allmählich Erlösung verdient.“

Etwas in seiner Stimme ließ Sonea aufhorchen. Und dann erkannte sie, was das auf ihrem Schoß war. Eine Salbe, die sowohl gegen wunde Stellen half, als auch die Selbstheilung anzuregen. Indem sie die Durchblutung anregte. Und er gab sich jegliche Mühe, damit jede Stelle zu versorgen, die unter ihm in der vergangenen halben Stunde gelitten hatte. Und als er damit fertig war, und die Salbe in ihren Schoß massierte, hätte Sonea nicht sagen können, ob sie ihn gerade mehr denn je begehrte oder verfluchte.
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