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Das Erbe der schwarzen Magier II - Der Feind in ihrer Mitte

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Rothen Regin Sonea
01.12.2021
26.04.2022
13
132.160
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01.02.2022 11.766
 
Kapitel 5 – Feindseligkeiten



Auch die längste und beschwerlichste Reise wurde zu einem kurzweiligen Erlebnis, wenn man mit den richtigen Begleitern reiste. Dannyl hatte einen solchen Begleiter und nach zwei Tagen hätte er alles dafür gegeben, mit ihm alleine zu reisen. Nicht, weil er ihm mehr zugetan war, als gut für sie beide war, sondern weil der Rest ihrer Reisegesellschaft an seinen Nerven zehrte wie ein Haufen streitender Gildenmagier.

Lenyaka und Dikacha hatten offenkundig Schwierigkeiten, dem anderen genug zu vertrauen, um bei ihrer Mission zusammenzuarbeiten. Am vergangenen Abend, als sie am Ufer des Haraki gelagert hatten, hatte Lenyaka darauf bestanden, den magischen Schutz aus schalldichten Barrieren und Illusionen zu errichten und den Palastwachen „großzügig“ die Wache zu überlassen. Als sie am Vormittag das Umland von Arvice hinter sich gelassen hatten, hatte Dikacha sich durchgesetzt, als es darum ging, zwei Späher vorauszuschicken, woraufhin die Verräter die Lücken mit ihren Reiterinnen aufgefüllt hatten.

Dannyl konnte darüber nur den Kopf schütteln. Er hatte entschieden zu beobachten, ob Verräter und Palastwachen ihren Konflikt ohne Hilfe lösten. Sollte Streit ausbrechen, würde er jedoch eingreifen. Noch befanden sie sich in dichtbesiedeltem Gebiet mit rege frequentierten Straßen. Sobald sie jedoch in einigen Tagen in jenen Teil Sachakas vordrangen, der bis vor wenigen Jahren noch einer Wüste geglichen hatte, würde die Gefahr eines Angriffs steigen. Und bis dahin mussten Lenyaka und Dikacha ihren Konflikt auf die eine oder andere Weise gelöst haben.

„Ich wünsche, bald eine Pause zu machen.“ Sayara zupfte an ihrem Schleier und fächelte sich Luft zu. „Es ist heiß und ich bin durstig und hungrig.“

„Ihr könnt auf dem Karren essen, Euer Hoheit“, sagte Lenyaka. „Wir rasten erst, wenn es Abend wird.“

„Mein Vater mag Euch den Auftrag gegeben haben, mich zu begleiten, doch ich bin hier diejenige mit dem königlichen Rang“, widersprach Sayara. „Also müsst Ihr mir gehorchen.“

Dannyl warf einen vielsagenden Blick zu Salyk. Jenseits der Obhut ihres Vaters war Sayara so herrisch wie ein jedes verwöhnte Mädchen in ihrem Alter.

„Sie ist die Prinzessin“, sagte Dikacha. „Auf ihren Schultern lastet ein Teil der Zukunft unseres Landes. Ihr tätet besser daran, Euch ihrem Willen zu beugen.“

Lenyakas Augen funkelten gefährlich. „Sie ist dennoch nicht meine Prinzessin oder die meiner Schwestern.“

„Aber sie steht für einen Fortschritt, an dem Ihr einen Anteil habt“, erwiderte Dannyl.

„Verschachert zu werden wie eine Herde Jari würde ich nicht als Fortschritt bezeichnen.“

„Für das eigene Land einzuwilligen, einen Fremden zu heiraten, ist überaus mutig und tapfer.“ Dannyl lächelte und sah in die Runde. „Prinzessin Sayara hat recht, es ist unerträglich heiß. Ich denke, eine Pause würde uns allen guttun. Nicht zuletzt den Pferden, die trinken sollten.“

Die Verräterin machte ein grantiges Gesicht, dann nickte sie. „Allein um der Pferde willen muss ich Euch zustimmen, Auslandsadministrator.“

„Nun denn“, sagte Dannyl. „Lenyaka und Dikacha, reitet doch voraus und sucht einen schattigen Platz am Flussufer.“

Lenyaka nickte knapp Richtung Fluss. „Dann kommt.“

„Wollen wir hoffen, dass sie sich bei ihrer Suche nicht gegenseitig ertränken“, murmelte Salyk, nachdem das ungleiche Paar außer Hörreichweite war.

„So wenig Vertrauen in meine diplomatischen Fähigkeiten?“, feixte Dannyl.

„Oh, ich habe sehr viel Vertrauen in Euch, mein Freund. Aber wir beide wissen auch besser als alle anderen, dass selbst die beste Diplomatie bei manchen Menschen versagt.“

„Wie recht Ihr nur habt!“, murmelte Dannyl.

Salyk schenkte ihm ein so strahlendes Lächeln, dass Dannyl nicht anders konnte, als zurückzulächeln.

Was tue ich hier?

Eine halbe Stunde später hatten sie einen Platz zum Rasten gefunden. Hohe Parrabäume schützten das sandige Flussufer vor den sengenden Strahlen der sachakanischen Mittagssonne und ein angenehmer Wind kam vom Wasser. Lenyaka und Dikacha wiesen ihre Leute an, die Pferde zum Wasser zu führen und trinken zu lassen. Sayaras Sklavin breitete eine Decke aus, auf der sich die Prinzessin niederließ. Dannyl streckte seine Glieder und nahm einen tiefen Atemzug.

„Die Pause ist eine gute Gelegenheit, sich ein wenig die Beine zu vertreten.“

„Ganz besonders, wenn man den ganzen Tag nur reitet und ansonsten nichts anderes tut als schlafen und sich um das Lager zu kümmern“, fügte Salyk hinzu.

Dannyl lächelte. „Was haltet Ihr dann von einem kleinen Spaziergang?“

„Viel. Doch ich kenne Euch gut genug, um zu wissen, wann Ihr Hintergedanken habt.“

Dannyl lachte. „Ich habe immer Hintergedanken.“

„Nun, dann kann ich schlecht Nein sagen“, erwiderte Salyk.

Während Sayara von ihrer Sklavin mit Brot und Früchten bedient wurde, spazierten sie zum Ufer.

„Wohin wollt Ihr?“, rief Lenyaka.

„Nur uns ein wenig die Beine vertreten“, antwortete Dannyl.

„Wartet. Ich schicke Euch Mava und Lari mit!“

„Das ist sehr freundlich von Euch, doch wir können auf uns aufpassen“, erwiderte Dannyl auf eine Weise, die der Verräterin deutlich machte, dass er keine Widerrede duldete.

„Hier kann uns wohl kaum etwas passieren und verlaufen können wir uns an einem Flussufer auch nur schwerlich“, fügte Salyk hinzu.

Lenyaka bedachte sie mit einem vielsagenden Blick und murmelte etwas von „törichten Gildenmagiern“.

Grinsend schlug Dannyl einen Pfad ein, der sie am Ufer entlang führte. Nach etwa einem Dutzend Schritt endete die Sandbank und wich einem leicht durchdringbaren Unterholz, das von sehr unterschiedlichen Wasserständen des Harakis zeugte. Robuste Gräser wuchsen in Büscheln und durch das dünne Geäst der Laubbäume jagten sich Squimps, deren Fell heller war, als das ihrer kyralischen Artgenossen. „Ich finde es bemerkenswert, wie gut Ihr Euch gegenüber unserer Eskorte durchgesetzt habt“, sagte Salyk. „Besonders von den Verrätern heißt es, sie seien außerordentlich stur.“

„Das ist wahr, fürchte ich“, stimmte Dannyl zu. „Manchmal frage ich mich auch, wie mir das gelingt. Ihnen ist oft nicht mit Vernunft beizukommen.“

„Wie Ihr diese gesamte Situation vorhin gehandhabt habt, steigert meine Zuversicht, dass wir einen Streit zwischen Lenyakas Leuten und der Palastwache schlichten können.“

Erheitert wandte Dannyl sich um. „Botschafter Salyk, versucht Ihr etwa mir zu schmeicheln?“

Salyk zuckte kaum merklich zusammen. „Ich spreche nur eine Tatsache aus.“

„Eine hervorragende diplomatische Antwort.“

Salyk lächelte, jedoch nicht mehr so strahlend wie zu vor. Und die Erleichterung, die Situation entschärft zu haben, löste sich in Wohlgefallen auf.

„Ich kann schon Lenyakas Klagen hören, dass wir unseren Zeitplan nicht einhalten, wenn wir von nun an jeden Tag eine Pause machen“, sagte Dannyl. „Welche Lösung würdet Ihr dafür vorschlagen?“

„Soll das ein Test werden, Auslandsadministrator Dannyl?“

„Wenn Ihr das so sehen wollt, von mir aus. Ich dachte eher an ein kleines Spiel: Triviale Diplomatie.“

„Dannyl, gegen Euch würde ich immer hoffnungslos verlieren.“

„Aber Ihr würdet auch nicht besser werden, wenn Ihr nicht gegen mich antretet“, erwiderte Dannyl. „Davon abgesehen wärt Ihr nicht mit mir auf dieser Mission, wenn Ihr ein schlechter Diplomat wäret.“

„Nun, die kriegerischen Lan haben gewisse Ähnlichkeiten mit den Verrätern oder den Ichani“, sagte Salyk verlegen. „Und um Eure Frage zu beantworten: Ich würde vorschlagen, dafür am Abend ein wenig länger zu reisen. Und ich würde Lenyaka in Aussicht stellen, dass Ihr den König über Akkarins Blutjuwel informiert, sobald wir uns der Grenze nähern. Damit entstehen für diesen keine unnötigen Wartezeiten, an denen sie sich anscheinend so sehr stört.“

„Genau das würde ich auch tun“, sagte Dannyl. „Herzlichen Glückwunsch, Ihr habt gewonnen.“ Er duckte sich unter einem herunterhängenden Ast hindurch. „Doch nun seid Ihr an der Reihe.“

Salyk lächelte und blickte stirnrunzelnd aufs Wasser. „Sagen wir die Prinzessin wird während unserer Reise schwierig, weil, sagen wir, der Komfortmangel ungewohnt ist. Wie würdet Ihr sie zur Vernunft bringen?“

Das war eine schwierige Frage, auf die Dannyl keine sofortige Antwort wusste. Die Mädchen in diesem Alter, mit denen er bis jetzt Kontakt gehabt hatte, waren anders gewesen. Manche scheu wie Laysa, andere offen und unkompliziert, wie Sonea ein halbes Leben zuvor. Er dachte an Bessia. Seine Schwester war nie in dieses Alter gekommen, doch auch sie hatte ein gewisses prinzessinnenhaftes Verhalten gezeigt. Mädchen mussten keine Prinzessinnen sein, um sich so aufzuführen. Häufig genügte es, reich und verwöhnt zu sein.

„Ich würde sie daran erinnern, dass wir alle auf Komfort verzichten, uns im Gegensatz zu ihr jedoch jeden Tag den Hintern wundreiten und weniger Kleidung zum Wechseln haben“, sagte er dann.

Salyk lachte. „Ihr klingt wie der strenge große Bruder!“

„Der strenge, große Bruder ist oft die einzige Person, auf die kleine Prinzessinnen hören“, sagte Dannyl und setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm. „Ihr wärt überrascht.“ Anstatt in die Details zu gehen, fuhr er fort: „Ihr rechnet damit, dass sie noch schwierig wird, nicht wahr?“

Salyk ließ sich neben ihm nieder. „Ich hatte jemanden mehr wie ein Lonmarmädchen erwartet. Aber anscheinend habe ich mich geirrt. Einerseits begrüße ich das, weil sie damit ein Selbstbewusstsein zeigt, das den Frauen meines Volkes aberzogen wird. Andererseits könnte ihre spätkindliche Tyrannei auf dieser Reise noch für Konfliktpotential sorgen.“

Wieder einmal wurde Dannyl bewusst, wie konservativ die Lonmar waren. Und dass es nicht an ihm und Salyk war, dieses Land zu ändern. Immerhin hatten sie bei dem Beschneidungsskandal erreicht, dass solche Fälle nun streng bestraft wurden, und einige der Ältesten dazu gebracht, entsprechende Kontrollen durchführen zu lassen und einige Posten neu zu besetzen.

„Ich hatte sie in Arvice anders eingeschätzt“, sagte er.

„Ich auch.“

Eine Weile schwiegen sie, während der Haraki an ihnen vorbeiplätscherte und eine sanfte Brise mit den Blättern raschelte.

„Ich gehe davon aus, dass sich ihr Verhalten ändert, sobald sie nicht mehr das Kommando hat. Spätestens, wenn sie König Merin begegnet, ist es damit vorbei“, sagte Salyk plötzlich.

Überrascht wandte Dannyl den Kopf. „Wie kommt Ihr darauf?“

„Weil hierarchische Strukturen häufig so funktionieren, dass diejenigen, die sich dem Kommando ihres Anführers unterordnen, selbst das Kommando übernehmen, wenn sie in einer Situation den höchsten Rang innehaben. Dass in einem Land wie Sachaka dabei nicht zwischen Männern und Frauen unterschieden wird, ist ungewöhnlich. Allerdings ist Sayara keine Ashaki-Tochter oder Sklavin. Ishaka hat sie dazu erzogen, Königin eines anderen Landes zu werden.“


***


„Denkt daran“, ermahnte Rothen seine Klasse, „erhitzt die Flüssigkeit gleichmäßig und nicht zu schnell. Und umgebt euch zur Sicherheit mit einem Schild, sollte euer Rundkolben dennoch explodieren.“ Erryl nickte ernst. Für seine Verhältnisse war das übervorsichtig. Anscheinend hatte der Unfall in der Arena eine nachhaltige Wirkung. „Habt ihr noch Fragen?“

Die Novizen schüttelten die Köpfe.

„Dann beginnt. Sollten zwischendurch Fragen aufkommen, so werde ich sie euch selbstverständlich beantworten.“

Während die Novizen das Experiment durchführten, schritt Rothen durch die Reihen und sah ihnen dabei zu. Sanina und Alia beugten sich allenthalben über ihre Tische und tuschelten leise. Rothen runzelte die Stirn. Für gewöhnlich ignorierten die beiden Novizinnen einander.

„Kann ich den Damen vielleicht helfen?“, fragte er.

Sanina und Alia fuhren hoch. „Nein, Lord Rothen“, beeilte Alia sich zu sagen. „Das heißt, wir wollen versuchen, zunächst selbst auf die Lösung zu kommen.“

„Oder ist es verboten, einander zu helfen?“, fragte Sanina.

Rothen schüttelte den Kopf. „Ich begrüße es, wenn ihr die Antworten auf eure Fragen selbst erarbeitet. Solltet ihr damit nicht weiterkommen, so zögert dennoch nicht, mich zu fragen. Es sei denn, ich wollt mehr als Hausaufgabe machen müssen.“

Die beiden Mädchen schüttelten den Kopf.

Rothen schritt zu den Jungen. Karrin war ganz in sein Experiment vertieft. Der Junge war ein solcher Musterschüler, dass Rothen nur einen kurzen Blick auf seine Arbeit warf, und dann weiterging. Erryl saß mit gerunzelter Stirn vor seinem Versuchsaufbau, doch als Rothen näherkam, erkannte er, dass der Junge noch versuchte, die Aufgabenstellung selbst zu lösen. Valin begann zögernd, die Chemikalien zu mischen. Rothen beobachtete ihn eine Weile, und als er feststellte, dass Valin zwar unsicher war, aber die einzelnen Schritte korrekt ausführte, wandte er sich dem nächsten Tisch zu.

„Du bist schon weit mit der Aufgabe, Lina“, sagte Rothen.

Seine ehemalige Novizin sah auf. „Das ist doch leicht“, sagte sie. „Lord Farand hat mir ein paar Tricks gezeigt.“

„So, hat er das?“, fragte Rothen amüsiert.

Lina nickte erfreut.

„Und wo ist dein Schild?“

„Mit Farands Tricks werde ich keinen brauchen.“

„Sicher spart sie ihre Magie für ihren Privatunterricht“, hörte Rothen eine weibliche Stimme murmeln.

„Deine Mentorin wird nicht sehr erfreut sein“, warnte er Lina. „Ein Krieger sollte sich auch außerhalb der Arena bei Gefahr mit einem Schild umgeben. Und erst recht bei einem Experiment.“

Lina bedachte ihn mit einem vielsagenden Blick. Als habe er als Alchemist keine Ahnung, wovon er da sprach.

„Ich komme zurecht, Rothen. Wirklich.“

„Nun, denn“, sagte Rothen. „Es ist Vorschrift, jedoch zwingen kann ich dich nicht. Ruf mich, wenn du die Flüssigkeit auf der richtigen Temperatur hast.“ Er würde Sonea jedoch informieren.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass alle Novizen mit dem Experiment zurechtkamen, setzte Rothen sich an sein Pult und begann die Hausarbeiten durchzusehen. Er war noch nicht weit gekommen, als ein Knall erklang, gefolgt von einem Schrei. Rothen sah auf. Die zehn Novizen aus dem Grundkurs waren wie erstarrt.

Linas Gesicht, Hände und Robe waren über und über mit verdünnter Essigsäure bedeckt. Ihre Miene war von Schmerzen verzerrt, als versuche sie, nicht zu schreien.

„Ein sauberes Tuch bitte!“, rief Rothen, während er Lina zum Waschbecken führte. Ein Novize in der letzten Reihe eilte in den Hinterraum und kehrte wenig später mit einem Handtuch zurück, das er Lina reichte.

„Vorsichtig abtupfen“, sagte Rothen, nachdem sie die Säure von Händen und Gesicht gewaschen hatte. „Auf keinen Fall reiben, sonst löst sich die Haut ab.“

„Es fühlt sich aber so an, als würde sie das“, grollte Lina.

So viel zum Thema, sie kommt zurecht. „Ich bringe dich ins Heilerquartier“, sagte er. „Die Heiler werden sich um alles kümmern.“

„Ich kann alleine gehen!“

„Als dein Lehrer bin ich für dich verantwortlich.“ Es missfiel Rothen, seine Klasse alleine zu lassen, aber Farand unterrichtete gerade selbst und er wusste nicht, welche Alchemie-Lehrer verfügbar waren. Aber dafür hat man Musterschüler. „Karrin“, sagte er. „Ich übertrage dir die Aufsicht, bis Lina und ich zurück sind. Ich will keine weiteren Unfälle sehen und auch keinen Streit.“

Karrins Brust schwoll vor Stolz an und seine durch Schwertkampf trainierten Schultern wurden ein Stück breiter. „Ihr könnt Euch auf mich verlassen, Lord Rothen.“

„Sehr gut.“ Rothen nickte ihm zu und verließ mit Lina das Klassenzimmer. Hinter sich glaubte er ein Kichern zu hören.

„Was ist passiert?“, fragte er, während sie die hintere Treppe hinabstiegen. „Das sieht dir doch sonst nicht ähnlich.“

„Der Kolben ist geplatzt.“ Lina presste das Handtuch auf ihre Hände. In ihrem Gesicht hatten sich bereits mehrere hässliche Blasen gebildet. „Ich war vorsichtig und habe versucht, was Farand mir gezeigt hat. Es hätte funktionieren müssen. Aber plötzlich konnte ich sehen, wie die Flüssigkeit immer heißer wurde. Ich … ich konnte es nicht kontrollieren.“

Ein Diener eilte vorbei und Rothen beauftragte ihn, Linas Mentorin zum Heilerquartier zu bestellen.

„Warst du wegen irgendetwas wütend?“

Lina zögerte, dann schüttelte sie den Kopf. „Nicht genug, um meine Magie so schlecht zu kontrollieren. Ich bin doch nicht mehr im Ersten Jahr!“ Sie presste das Handtuch fester um ihre linke Hand. „Ah!“

„Nicht reiben!“, ermahnte Rothen sie.

„Aber es tut weh!“

„Möchtest du Narben zurückbehalten?“

Lina schüttelte den Kopf. „Das heißt noch lange nicht, dass ich den Schmerz mag“, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen.

„Nein“, sagte Rothen. Aber vielleicht erinnert er dich daran, beim nächsten Mal nicht so impulsiv zu sein.

Auf dem Weg zum Heilerquartier begegneten ihm mehr Magier, als ihm lieb war. Alle warfen einen Blick auf Linas Hände und dann zu ihrem Gesicht. Manche nickten wie zu sich selbst, andere schüttelten die Köpfe und wieder andere blickten mitleidig drein. Rothen seufzte leise. Noch ehe der Nachmittagsunterricht vorüber war, würde sich die Tatsache, dass Soneas Novizin einen Unfall in seinem Unterricht gehabt hatte, in der gesamten Universität herumgesprochen haben.

Von allen Alchemielehrern war Rothen der mit der niedrigsten Unfallquote. Einzig Lord Larkin konnte ihn unterbieten, allerdings unterrichtete dieser das weniger praxisbezogene Fach Architektur. Die Novizen mochten Rothen mit seiner ruhigen und väterlichen Art. Selbst die Störenfriede benahmen sich für gewöhnlich in seiner Gegenwart.

Ich werde alt, dachte er. Mir unterlaufen zu viele Fehler. Ich sollte in den Ruhestand gehen.

Ein Heiler brachte sie in ein freies Behandlungszimmer. Lina wirkte noch immer schmerzverzerrt und äußerst übellaunig und ihre Laune verschlechterte sich weiter, je länger sie warteten.

Endlich ging die Tür auf und eine Heilerin trat ein. „Lord Rothen, macht Eure Verdauung wieder …“ Lady Indria erblickte Lina und ihre fröhliche Miene wurde schlagartig ernst. „Was ist passiert?“

„Ein Unfall im Alchemieunterricht mit heißer, verdünnter Essigsäure.“

„Oh, das sind mir die liebsten!“ Indria berührte Linas Stirn, wo ihre Haut intakt war. „Und wieder eine von Soneas Problemnovizen.“

„Lorlen ist Akkarins Novize“, korrigierte Rothen.

„Er ist auch Soneas Sohn.“ Indria schürzte die Lippen. „Ich muss …“

Die Tür öffnete sich erneut und Sonea rauschte mit einem Wirbel schwarzer Roben in den Raum. „Rothen!“, rief sie. Dann weiteten sich ihre Augen. „Was …?“

„Ein Unfall im Unterricht.“

In wenigen Schritten war Sonea bei ihrer Novizin. „Lina“, sagte sie aufgeregt. „Geht es dir gut?“

„Es geht schon“, grollte Lina.

Und natürlich will sie sich vor Sonea keine Blöße geben …

Lady Indria räusperte sich vernehmlich. „Rothen und Sonea. Eure Fürsorge in allen Ehren, aber die Patientin leidet Schmerzen und braucht eine Behandlung. Wartet draußen, Ihr könnt später mit ihr sprechen.“

Sonea sah aus, als wolle sie protestieren, doch Rothen schob sie sanft zur Tür. „Du kannst sie später befragen“, murmelte er.

Seine Ziehtochter schnappte nach Luft, erhob jedoch keinen weiteren Protest.

Draußen setzten sie sich auf eine Bank. „Ich kann es nicht fassen“, wisperte Sonea. „Wie konnte das passieren?“

„Unfälle passieren im Alchemieunterricht“, sagte Rothen. „Sogar den erfahrendsten Alchemisten.“

„Aber nicht bei dir. Nicht im Grundkurs und nicht im fünften Jahr.“

„Nein“, sagte er und schwieg eine lange Weile, unfähig die Gedanken zu ordnen, die durch seinen Kopf rasten. „Lina hat darauf beharrt, keinen Schild zu brauchen. Ich konnte nichts tun.“ Er seufzte. „Ich fürchte, ich werde alt, Sonea“, sagte er schließlich.

Sie bedachte ihn mit einem dieser Blicke, die das Potential hatten, andere zu Asche zu verbrennen. „Rothen“, sagte sie streng. „Ja, du bist alt. Aber du bist nicht senil. Dieser Unfall hätte unter jedem Lehrer passieren können. Du hast dich vergewissert, dass alles in Ordnung ist. Du hast sie an die Sicherheitsvorkehrungen erinnert. Mehr kannst du nicht tun. Sie sind Novizen! Und“, sie verzog das Gesicht, „so hart es klingt: Sie müssen ihre Erfahrungen ab einem gewissen Punkt selbst machen. Ich meine, willst du sie strenger kontrollieren, als ihre Eltern es getan haben? So werden sie niemals zu verantwortungsbewussten Magiern. Also hör auf, dir Vorwürfe zu machen. Es ist nicht deine Schuld.“

„Ein Teil von mir weiß das.“ Rothen kämpfte mit den Worten. Es war nicht leicht, das auszusprechen. Aber hier im Heilerquartier mit Sonea fühlte es sich ein wenig weniger real an. „Doch in letzter Zeit frage ich mich immer mehr, ob es nicht langsam Zeit wird, in den Ruhestand zu gehen.“

„Das kannst nur du wissen. Aber wenn du glaubst, dass Unterrichten nicht mehr das Richtige ist, dann solltest du das vielleicht in Erwägung ziehen.“

„Und was mache ich dann?“, fragte er. Er hatte ein Leben lang unterrichtet. Und er lebte allein. Wie sollte er seine Zeit ausfüllen?

Sonea schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Lesen und ein Freund und Großvater sein.“

Ihre Worte lösten ein angenehmes Gefühl von Wärme in Rothen aus. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch dann ging die Tür auf und Lady Indria verkündete: „Lina ist jetzt wieder wie neu. Vorausgesetzt, alle achten darauf, dass sie nicht an der neuen Haut herumpult, bevor diese festgewachsen ist.“

Rothen und Sonea erhoben sich fast gleichzeitig. „Und natürlich konntest du es nicht lassen, meiner Novizin auf diese Weise eine Lektion zu erteilen“, sagte sie.

Indria grinste. Dann lotste sie eine Novizin heraus, deren Haut wieder so unversehrt war wie eh und je. Rothen glaubte sogar, ein paar Pickel weniger zu sehen.

„Nun, Lina. Nach diesem Schock schlage ich vor, dass wir das Experiment am Wochenende wiederholen, sofern deine Mentorin einverstanden ist“, sagte Rothen. Als Sonea nickte, fuhr er fort: „Wenn Lady Sonea nun Zeit hat, schlage ich vor, dass sie dich für den Rest der Stunde übernimmt.“

„Ich würde das liebend gerne, Rothen“, sagte Sonea. „Aber ich bin aus meiner eigenen Klasse hergekommen. Und bei meinem Glück nehmen die Zwillinge gerade alles auseinander.“


***


Kriegskunst mit einem Grundkurs, von dem mehr als die Hälfte bereits entschieden hatte, den Vertiefungskurs zu wählen, weil die Lehrerin eine Legende aus Kriegen war, während jener jene Novizen noch in den Windeln gelegen hatten, war Sonea immer wieder eine Freude. Insbesondere, was die beiden Mädchen betraf.

Laysa und San-San waren magisch nicht sonderlich stark, doch dafür zeigten sie bereits jetzt, dass sie trickreicher als ihre Klassenkameraden waren. Lonmar und Lan hatten schwache magische Blutlinien, doch das änderte nichts an der Begeisterung der Mädchen. San-San war in ihrem Herzen eine Kriegerin und Laysa hatte bei ihrem Volk so viel Ungerechtigkeit erfahren, dass sie einen Kampfgeist entwickelt hatte, der sich unter anderem in Kriegskunst niederschlug. Von ihrer Familie verstoßen hatte sie in San-San und der Gilde eine neue Familie gefunden und ihre Mentorin Lady Vinara förderte das Mädchen nicht nur magisch, sondern auch in emanzipierter Denkweise. Doch vor allem – und das rechnete Sonea ihr hoch an – versuchte sie nicht, Laysa zu Heilkunst zu überreden.

Wo Sonea ihr Einfluss schmeichelte, fühlte sie sich damit zugleich unwohl. Auch nach zwanzig Jahren in der Gilde mochte sie keine Aufmerksamkeit. Aber sie konnte nicht abstreiten, dass seit ihr jedes Jahr mehr Mädchen die Kriegskunst wählten.

In einem halben Jahr würde dieser Kurs auf die Novizen schrumpfen, die bei ihrem Abschluss die roten Roben wählen würden. Laysa und San-San würden zu ihnen gehören. So wie die anstrengenden Zwillinge.

Sie sind richtig gut heute, dachte Sonea. Und es ist noch genug Zeit, ihnen einen weiteren Trick zu zeigen. Oder ich verschiebe das auf nächste Stunde und lasse sie das heute Gelernte in einem Duell weiter vertiefen.

Ein Krieger eilte in die Arena und unterbrach damit ihre Überlegungen. Sonea hob eine Hand und gebot ihrer Klasse innezuhalten.

„Lord Dayend“, sagte sie überrascht. „Ich wusste nicht, dass Ihr mir zugeteilt seid.“

„Ich wurde geschickt, um Euch für den Rest der Stunde zu vertreten, Lady Sonea“, antwortete der Krieger.

Sonea unterdrückte ein Stöhnen. Erst das Heilerquartier und jetzt der Rektor. Hatte sie an diesem Tag denn gar keine Ruhe? „Warum?“, verlangte sie zu wissen.

„Weil ich in der Nähe war, als der Rektor nach Euch schicken ließ.“

„Jerrik?“, entfuhr es Sonea. „Was will er?“

„Das weiß ich nicht. Nur, dass Ihr Euch unverzüglich in seinem Büro einfinden sollt.“

Das klang gar nicht gut. Und Sonea sprang sofort ein Name in den Sinn: Lorlen. Und wenn nicht nur Akkarin gerufen worden war, dann musste es ernst sein.

„Dann übernehmt“, sagte sie und wandte sich zum Gehen. „Die Hausaufgaben habe ich ihnen schon zu Beginn genannt. Lasst sie ein Duell machen.“ Sie hielt inne und wandte sich um. „Und Dayend? Danke.“

Dann rannte sie mit wehenden Roben aus der Arena, die verwirrten Blicke ihrer Novizen im Rücken.

Da Nachmittagsunterricht stattfand, begegnete Sonea nur einzelnen Magiern, doch deren Blicke gefielen ihr ganz und gar nicht. Was in aller Welt war geschehen?

Sonea richtete ihren Geist auf Akkarins Blutjuwel. Der Hohe Lord saß in der Bibliothek der Residenz und studierte die neusten Berichte der Krieger von der Grenze. Für gewöhnlich war dies die Aufgabe des Oberhauptes der Krieger. Doch Akkarin forderte die Berichte an, wann immer er die Möglichkeit einer Bedrohung sah. Die Patrouillen waren zwar mit Blutjuwelen ausgestattet, allerdings benutzten sie diese nur in einem Notfall. Reguläre Berichte wurden per Kurier zur Gilde geschickt.

- Wo ist Lorlen?

- Sonea!, antwortete Akkarin. Anhand der Emotionen, die durch das Juwel übertragen wurden, spürte sie, dass ihre Besorgnis ihn alarmiert hatte. Ist etwas passiert?

- Das frage ich dich.

- Ich nehme an, er ist im Unterricht. Um diese Zeit hat er Geschichte.

- Also wurdest du nicht zum Rektor gerufen?

- Nein.

Dann ging es auch nicht um Lorlen. Ich hätte gleich darauf kommen müssen, dachte Sonea. Aber dass auf einen Vorfall an einem Tag gleich ein zweiter folgt, ist ungewöhnlich.

- Danke, antwortete sie. Ich werde dir später alles erklären.

Vor dem Büro des Rektors atmete sie einmal tief durch. Wenn sie mit Jerrik zu tun hatte, war es besser, möglichst ehrfurchtgebietend aufzutreten, wozu sie sich über die Jahre einige Tricks von Akkarin abgeschaut hatte. Dann nahm sie einen tiefen Atemzug und klopfte.

Drei Mädchen in Novizenroben saßen die Köpfe gesenkt vor Jerriks Schreibtisch, der Rektor saß mit mürrischer Miene dahinter. Am Fenster lehnte Regin, die Arme vor der Brust verschränkt. Lady Vinara und Osen lehnten gegen ein Regal, Erstere sauertöpfisch wie eh und je, Letzterer gehetzt. Auf einem weiteren Stuhl saß zu ihrer Überraschung ein Alchemist in seinen mittleren Jahren.

Viel überraschender war indes, dass eines der Mädchen niemand anderes als Lina war.

„Guten Tag, Rektor“, sagte Sonea und grüßte dann Osen und die Oberhäupter der Disziplinen und zuletzt Lord Elben. „Darf ich fragen, was passiert ist?“

„Eure Novizin hat sich mit zwei ihrer Klassenkameradinnen duelliert. Nachdem Lord Rothens Unterricht zu Ende war, hat sie Sanina und Alia deren Aussage zufolge auf einem Flur im dritten Stock aufgelauert, woraufhin es zum Kampf kam. Lord Rothen hatte den Stock bereits verlassen, doch sie wurden von Lord Elben bemerkt.“

„Und was hast du dazu zu sagen, Lina?“, fragte Sonea streng.

Ihre Novizin hob den Kopf und ihre Wangen röteten sich. „Ich wollte zu Lord Rothen, um zu erfahren, was ich verpasst habe, während ich im Heilerquartier war. Nach meinem Unfall hatte er mir den Rest der Stunde freigegeben. Dabei haben Sanina und Alia mich angegriffen.“

„Warum glaubst du, sollten sie das tun?“

„Weil sie mich noch nie leiden konnten. Sie sind auch für meinen Unfall heute verantwortlich.“

„Was genauso dafür sprechen könnte, dass du dich versucht hast, an ihnen zu rächen“, sagte Regin und erntete dafür einen bösen Blick von Sonea.

„Lina“, wandte sie sich an ihre Novizin. „Würdest du einer Wahrheitslesung zustimmen, um deine Unschuld zu beweisen?“

„Ihr wisst, warum das nicht geht, Mylady.“

Sonea nickte, als ihr das wieder einfiel. Als Lina klein gewesen war, hatte ein Sachakaner schwarze Magie an ihr praktiziert. Die Erlebnisse verfolgten sie bis heute. „Nun, dann sind sicher Sanina und Alia dazu bereit und wir können diese Angelegenheit aus der Welt schaffen“, sagte sie.

Die beiden Mädchen schüttelten die Köpfe.

„Damit steht Aussage gegen Aussage“, sagte Jerrik. „Wir können keinen von ihnen angemessen bestrafen, wenn wir nicht wissen, wer hier Opfer und wer Täter ist.“

„Lord Elben könnte es wissen“, sagte Sonea mit Blick zu dem Alchemisten.

„Als ich auf die Mädchen aufmerksam wurde, war der Kampf bereits im Gange.“

„Sanina und Alia“, wandte Sonea sich an Linas Klassenkameradinnen. „Ihr habt ausgesagt, dass Lina euch aufgelauert hat. Wieso sollte sie das tun?“

„Weil …“, begann Sanina und warf einen Blick zu Alia, die den Kopf schüttelte, „das wissen wir nicht so genau, Mylady.“

„Warum könnte sie denn so etwas tun?“

„Auch das wissen wir nicht.“

„Sanina, Alia“, sagte Jerrik. „Geht zurück zu eurem Unterricht. Lord Elben wir euch begleiten. Lina, du wartest draußen.“

Die drei Mädchen verneigten sich und verließen mit dem Alchemisten den Raum. Sonea ignorierte ihre Novizin betont. Sie war noch nicht sicher, was sie von der ganzen Sache halten sollte. Irgendetwas daran war seltsam.

„Sind Alia und Sanina nicht die beiden mit der Rivalität?“, fragte sie, nachdem Jerrik die Tür mit einer schalldichten Barriere belegt hatte.

„In Kriegskunst, ja“, antwortete Regin. „So weit ich weiß, ist die Rivalität aus ihrem Standesunterschied entwachsen. Es ist ihnen jedoch gelungen, ihre Kämpfe nur in der Arena auszutragen – etwas, das ich mir von mehr Novizen wünschen würde.“

„Allerdings“, brummte Jerrik.

„Dann bräuchten sie ein starkes Motiv, um sich gegen einen anderen Novizen zusammenzutun“, überlegte Lady Vinara. „Hatten sie auch früher schon Streit mit Lina?“

„Bis jetzt hatten Sanina und Alia nur Streit untereinander“, antwortete Regin.

„Damit fehlt ihnen das Motiv“, sagte Sonea. „Aber auch Lina fehlt das Motiv, da sie stärkere Gegner vorzieht.“

„Sollten Sanina und Alia ihr Experiment sabotiert haben, so hätte sie jedoch ein Motiv“, überlegte Lady Vinara. „Immerhin hat die Säure ihre Haut verätzt.“

„Was ich für unwahrscheinlich halte“, sagte Sonea. In dieser Hinsicht glaubte sie Rothen, dass es ein Unfall war. „Mir ist auch noch immer nicht klar, wieso zwei verfeindete Mädchen sich zusammentun, um ein anderes Mädchen auf solch subtile Weise anzugreifen, wenn zuvor keine Feindschaft da war.“

„Normalerweise verbündeten sich Feinde nur gegenüber einem gemeinsamen, überlegenen Gegner.“ Regins Stirn war nachdenklich gerunzelt. „Auch wenn mir nicht klar ist, wieso Lina ihr Feind sein sollte.“

„Das hier ist kein Kyrima-Spiel“, sagte Vinara scharf.

„Damit würde Lord Regin implizieren, dass zuvor Feindseligkeiten stattgefunden haben, von denen wir nichts wissen“, sagte Osen mit einem bedeutungsvollen Blick zu Regin und Sonea.

„In meinem Unterricht ist mir nichts dergleichen aufgefallen. Die Novizen kämpfen in Paaren nach Stärke und Geschick und in den Übungskämpfen, an denen alle beteiligt sind, waren sie auch nicht auffällig.“ Regin lächelte entwaffnend. „Dasselbe gilt für Strategie.“

„Ich habe nach dem Vorfall im Alchemieunterricht mit Rothen gesprochen. Lina ist für ihn wie eine Enkelin“, sagte Sonea. „Würden andere Novizen eine Feindschaft ihr gegenüber hegen, hätte er mich informiert.“

„Möglicherweise ist die Feindschaft neu“, überlegte Lord Peakin, der bis jetzt geschwiegen hatte. „Hat sich für Sanina und Alia etwas geändert, worauf Lina neidisch ist? Oder sind die beiden auf Lina neidisch?“

„Linas Privatunterricht in der Arena!“, rief Vinara.

„Ihr meint mit Sonea, dem Hohen Lord und mir?“, fragte Regin.

„Das würde keinen Sinn machen“, sagte Sonea. „Jeder weiß, dass Lina meine Nachfolgerin werden könnte. Wieso sollte deswegen nach mehr als zwei Jahren Eifersucht entstehen?“

„Weil sie ihren Traum vor Augen geführt bekommen?“, fragte Peakin.

„Lina und ich waren nicht das erste Mal in der Arena“, sagte Sonea. „Wir hatten auch schon die eine oder andere Stunde mit Akkarin. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass das Linas Klassenkameraden entgangen ist.“

„Wie auch immer, wir sollten die Sache beobachten.“ Jerrik lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Sollte sich eine Feindschaft entwickeln, so müssen wir darauf entsprechend reagieren.“

„Es ist wichtig, dass Novizen ihre Feindseligkeiten selbst austragen“, sagte Regin.

So wie wir?, dachte Sonea unwirsch.

„Das sollten sie“, stimmte Lady Vinara zu. „Doch dies sollte in einem Rahmen stattfinden, der nicht unsere Regeln verletzt oder noch schlimmer: die Novizen.“ Sie bedachte Sonea und Regin mit einem strengen Blick. „Und an dieser Stelle sind die Lehrer und Mentoren gefragt.“


***


Das Singen von Metall auf Metall übertönte das fröhliche Plätschern des Springbrunnens und selbst das Krächzen der Parrook in den Baumkronen. Mit einer raschen Schlagabfolge trieb Ivasako den Sohn des Königs über die Lichtung. Verbissen versuchte Ikachi seine Angriffe abzuwehren, doch gegen den größeren und muskulöseren Palastmeister konnte der Junge nicht viel ausrichten.

„Ihr lasst Euch zu sehr von Euren Emotionen beherrschen, mein Prinz“, sagte Ivasako. „Das macht Euch unaufmerksam.“

Ikachi tänzelte zur Seite und holte aus. “Ihr lasst mir kaum eine Chance, aufmerksam zu sein, Palastmeister“, keuchte er.

Ivasako wirbelte sein Schwert in einer seitlichen Bewegung herum. Funken stoben, als ihre Klingen aufeinanderprallten. Ikachi stolperte in einen Alutastrauch. Der Chivill-Schwarm, der die Blüten umkreiste, stob auseinander.

- Ivasako!

- Jetzt nicht, Jorika.

„Hört auf zu denken und vertraut auf Euren Instinkt“, sagte Ivasako. Er wich ein paar Schritte zurück und gab Ikachi Gelegenheit für eine kurze Atempause. „Dann seid Ihr eins mit dem Schwert und kommt in einen Fluss.“

Obwohl von königlicher Geburt war Ikachi so hitzköpfig wie alle Zehnjährigen. Seine Hände fassten das Schwert fester und in seinen Augen loderte ein wildes Feuer auf. Ivasako verlagerte sein Gewicht nach links und drehte sein Handgelenk lässig, das Schwert nur mit dieser Hand haltend. Die Bewegung verfehlte ihren Effekt nicht. Ikachi hob sein Schwert über den Kopf und stürzte sich auf ihn. Funken sprühten, als ihre Klingen erneut aufeinanderprallten. Ivasako schlug die Klinge beiseite und konterte. Dieses Mal gelang es Ikachi, den Schlag abzuwehren. Von neuem Eifer erfasst, griff der Junge erneut an. Ivasako parierte und wich zurück. Als würde das dem Jungen die nötige Motivation geben, holte er aus und Ivasako ließ zu, dass er ihn zur Mitte der Lichtung trieb. Auf halbem Weg machte Ivasako einen Schritt zur Seite und leitete Ikachis Klinge schräg von ihm fort. Mit einer schnellen Bewegung seines Handgelenks hatte er sein Schwert gedreht und traf Ikachi mit der breiten Seite in den Rücken. Ikachi stolperte, fing sich jedoch und drehte sich, Zorn und Ärger in seinen Augen. Der Palastmeister ließ ihm jedoch keine Pause und trieb ihn mit raschen Schlägen vor sich her.

Ikachi stieß gegen den Springbrunnen. Hastig wich er zur Seite aus. Mit letzter Kraft gelang es ihm, Ivasakos erneuten Angriff in eine der Fontänen abzulenken. Wasser spritzte nach allen Seiten, als es auf ihre Klingen traf. Der Junge zuckte zurück, das Schwert drohte ihm aus der Hand zu gleiten, während Ivasako das erfrischende Nass willkommen hieß.

„Genug!“, keuchte er. „Ich ergebe mich.“

„Ein König ergibt sich niemals.“ Ivasako trat zurück. „Er besitzt die Weisheit, zur rechten Zeit aufzuhören.“

- Was gibt es, Jorika?

- Botschafter Harlen möchte dich sprechen.

- Bring ihn in mein Büro.

- Schon geschehen.

Der Junge schnitt eine höchst unprinzenhafte Grimasse. „Wie habt Ihr das gemacht? Ich dachte, ich hätte endlich herausgefunden, wie ich Euch schlagen kann …“

Ivasako steckte sein Schwert weg. „So leicht bin ich nicht zu schlagen, mein Prinz. Ich wollte Euch die Gelegenheit geben, in einen Fluss zu kommen. Was hat Euch der heutige Nachmittag gelehrt?“

„Dass ich mich zu sehr von meinen Emotionen leiten lasse? Dass ich zu verkrampft bin?“

„Richtig. Mit der Zeit werdet Ihr jedoch lernen, intuitiv zu reagieren. Ich werde mich daher während der nächsten Stunden zurückhalten und Euch so mehr Raum geben, Euch auszuprobieren.“

Mit gerunzelter Stirn steckte Ikachi sein Schwert weg. „Dikacha hat gesagt, man solle immer fokussiert sein.“

„Fokussiert und dennoch flexibel. Emotionen stören diese Balance und führen dazu, dass Ihr verkrampft.“ Ivasako schenkte dem Jungen ein aufmunterndes Lächeln. „Doch nun entschuldigt mich, mein Prinz. Die Arbeit ruft. Wir werden das morgen vertiefen.“

Harlen erwartete ihn in dem Sessel vor Ivasakos Schreibtisch, eine Tasse Raka in seinen Händen. Ivasako nickte seinem Assistenten zu und ließ sich in seinem Sessel nieder.

„Botschafter Harlen, was kann ich für Euch tun?“, fragte er, nachdem sich die Tür hinter Jorika geschlossen hatte.

„Die Frage sollte lauten, was kann ich für Euch tun, Palastmeister“, erwiderte Harlen.

Stirnrunzelnd schenkte Ivasako sich Raka ein. „Bitte, Botschafter, erklärt mir das.“

„Angesichts der bevorstehenden Begegnung der Prinzessin mit dem König von Kyralia und einer möglichen Hochzeit hat der Hohe Lord mich gebeten, Kontakt zu Euch aufzunehmen. In der Gilde herrscht einige Besorgnis in Bezug auf die Sicherheit des Königs und der Prinzessin.“

„Ich dachte, alle Sicherheitsmaßnahmen für die Reise wären geklärt“, sagte Ivasako. „Besteht Anlass zur Sorge, dass diese nicht ausreichen?“

„Nicht direkt. In Imardin werden erste Befürchtungen laut, dass noch Helfer des Nachtschatten überlebt haben und die Begegnung der Königshäuser nutzen könnten, um Ärger zu machen.“

Ivasako hob eine Augenbraue. „Nach zweieinhalb Jahren? Ich ging immer davon aus, wir hätten damals mit vereinten Kräften sämtliche Helfer dieses Mannes aufgespürt.“

„Akkarin schließt nicht aus, dass ein paar uns vielleicht entschlüpft sind.“

„Nun, auszuschließen ist das nicht.“ Bedächtig trank Ivasako einen Schluck Raka. „Doch ich halte es für unwahrscheinlich. Wenn ich mich recht erinnere, war der Nachtschatten einzig daran interessiert, den Mord des letzten Königs zu rächen.“

„Es ist nicht auszuschließen, dass überlebende Anhänger weitere Motive hatten, ihm zu folgen. Wie ein Rückzug Sachakas aus den Allianzverhandlungen. Sollte die Hochzeit von König Merin und Prinzessin Sayara nicht zustande kommen, wäre das ein herber Rückschlag in der Annäherung unserer Länder.“ Harlen ließ seine Tasse sinken. „Ich glaube auch nicht wirklich an diese Möglichkeit. Doch in Anbetracht der politischen Signifikanz der kommenden Wochen sollten wir kein Risiko eingehen.“

„Da stimme ich Euch zu“, erwiderte Ivasako.

„Ihr habt nicht zufällig Informationen, die uns helfen könnten, die Lage einzuschätzen?“

„Bedaure, Botschafter“, sagte Ivasako. „Zurzeit haben wir nur die Rebellion im Ichani-Gebiet, doch ich kann Euch versichern, dass der König und die Verräter die Lage in Sachaka genaustens im Auge haben.“

„Das heißt, Hinweise, die auf mögliche weitere Anhänger des Nachtschatten hindeuten, würden der König und seine Berater auf diese Weise bemerken?“

„Das Verschwinden von Sklaven oder das Anfordern größerer Mengen von in Magie unterwiesenen Sklaven würde nicht unbemerkt bleiben. Ihr würdet vermutlich noch eher über Anjiaka davon erfahren, als über den Palast.“

„Das ist wahrscheinlich“, stimmte Harlen zu. „Allerdings sollte man auch niemals die Macht von Ashaki und ihren rauschenden Festen unterschätzen.“

„Da habt Ihr wiederum recht“, sagte Ivasako. „Es tut mir leid, dass ich nicht mehr für Euch tun kann, Botschafter.“

Harlen lächelte. „Ich hielt es für wichtig, es dennoch zu versuchen, da Ihr und Ishakas Spione anders vorgeht als die Verräter. Die ganze Sache ist zu wichtig, als dass wir auch nur den kleinsten Verdacht ignorieren dürfen.“

„Das sehe ich ebenso. Das Zusammenwachsen unserer Länder ist in unser aller Interesse.“

Harlen stellte seine Tasse ab. „Ich muss Euch dennoch bitten, diese Sache vertraulich zu behandeln. Der Hohe Lord wünscht, dass diese Ermittlungen kein Aufsehen erregen, weder hier noch in der Gilde. Sollten seine Befürchtungen sich als wahr erweisen, so könnte das mögliche Täter dazu veranlassen sich zu verstecken. Zudem wünscht Akkarin, eine Panik zu vermeiden.“

„Das ist nur verständlich. Ich werde Augen und Ohren offenhalten, Botschafter. Und dann lasst uns hoffen, dass Euer Anführer sich irrt.“

So, die Gilde – oder vielmehr ihr Anführer – war beunruhigt. Ivasako wusste noch nicht, was er davon halten sollte. Seit dem Versteckspiel zweieinhalb Jahre zuvor hatte er die subtilen Feinheiten des Spiels gelernt und sich angewöhnt nach ihnen zu handeln. Er war damals nur knapp der Entdeckung entgangen.

Doch die Gefahr, dass jemand herausfand, was er getan hatte, war noch lange nicht vorbei.


***


Als die Sonne tief über den Dächern der Stadt hing, wollte Sonea nichts außer einem heißen Bad, einem Glas Wein und dabei in Akkarins Armen zu liegen. Wo die erste Hälfte des Tages ohne Zwischenfälle verlaufen war, war die zweite eine einzige Katastrophe gewesen.

Nach ihrem Besuch bei Jerrik hatte sie mit Lina einen Spaziergang zur Quelle gemacht. Das Mädchen beharrte darauf, dass ihre Klassenkameradinnen ihr aufgelauert hatten. Unsicher, wie sie damit verfahren sollte, hatte Sonea nach Linas Oberflächengedanken gegriffen und Linas Worte bestätigt gefunden. So auch Linas Überzeugung, Sanina und Alia hätten ihr Experiment sabotiert. Allerdings hatte sie dafür keine Beweise.

Nichtsdestotrotz wurde Sonea das Gefühl nicht los, dass mehr hinter der Sache steckte und dass das gesamte Ausmaß des Problems an ihr vorbeiging. Was dies betraf, so hatte sie nicht nur mit Lina reichlich Erfahrung, sie hatte auch zwei rebellische Kinder.

Anschließend hatte sie noch einmal mit Rothen gesprochen. Nur um seine Meinung zu einer möglichen Feindschaft zwischen Lina und ihren beiden Klassenkameradinnen zu hören.

„Es hätte Anzeichen im Unterricht gegeben“, hatte Rothen gesagt. „Und Lina hätte mir davon erzählt.“

„Seit wann erzählt Lina dir Dinge?“, hatte Sonea überrascht gefragt.

„Seit sie nicht mehr meine Novizin ist“, hatte seine Antwort gelautet, was Sonea zu der Frage gebracht hatte, ob dies auch auf Lorlen und Ninielle zutraf, die ihr und Akkarin gegenüber in vielen Dingen ebenfalls sehr verschlossen waren.

„Nimm es ihr nicht übel“, hatte Rothen gesagt. „Alle Kinder sind gegenüber Autoritätspersonen so. Als Novizin warst du nicht anders.“

Sonea hatte das mit einem leisen Schnauben quittiert.

„Ich hoffe sehr, dass Sanina und Alia keinen Krieg gegen Lina anfangen, jetzt wo sie besser miteinander auskommen“, hatte er hinzugefügt und versprochen, Lina bei ihrem nächsten Essen ein wenig für Sonea auszufragen.

Der Weg zur Residenz war in Schatten getaucht. Zwischen den Hecken hing noch ein Rest warmer Luft. Sonea sah zu dem grauen Gebäude am Ende des Weges und ihr Herz machte einen trägen Sprung. Endlich zuhause! Es kam ihr vor, als sei sie an einem Tag bis nach Sachaka und zurück gereist.

Als die Tür vor ihr aufschwang, hallten Stimmen ihr entgegen. Die eine war hell und aufgebracht, die andere kühl und dunkel.

„Ich werde das nicht mehr länger machen, Vater!“, rief Lorlen. „Die anderen Novizen lachen über mich und geben mir böse Namen.“

Sonea verdrehte die Augen. Lorlen hatte sich vor Akkarins Sessel aufgebaut und schimpfte vor sich hin. Bitte das jetzt nicht auch noch!

„Und nun erwartest du, dass ich dich aus einer Situation heraushole, in die du dich selbst gebracht hast?“ Akkarin klang verärgert. Sonea konnte es ihm nicht verübeln. „Zum Erwachsenwerden gehört es dazu, die Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen.“

„Ich bin vierzehn!“

„Das klang vor fünf Minuten noch ganz anders.“

„Mir egal! Ich werde das nicht länger machen. Du kannst nicht einfach …“

Sonea trat in die Empfangshalle. „Was ist denn hier los?“, verlangte sie zu wissen.

Lorlen fuhr herum. Als er seine Mutter erblickte, veränderte sich der Ausdruck in seinen Augen zu so etwas wie Hoffnung. „Vater will mir die Strafe nicht erlassen, obwohl alle Novizen mich deswegen schikanieren.“

„Alle?“, wiederholte Sonea. „Auch Hania?“

„Natürlich nicht! Aber alle anderen! Vater will nicht einsehen, dass das nicht dazu führt, dass ich mich besser mit ihnen vertrage.“

„Dann dauert deine Strafe anscheinend noch nicht lange genug, um Demut gelernt zu haben“, bemerkte Sonea. „Dein Vater hat mir einmal für drei Wochen Küchendienst als Strafe gegeben, weil ich einen anderen Novizen angegriffen habe. Morgens, mittags und abends. Ohne Magie. Die anderen Novizen haben alles daran gesetzt, mir das Leben zur Hölle zu machen. Doch ich habe es ertragen. Ich wäre jedoch nie auf die Idee gekommen, deinen Vater zu bitten, die Strafe aufzuheben. Denn ich wusste, dass ich einen Fehler gemacht habe.“

„Du stehst ja auch auf Bestrafung.“

„Lorlen!“

„Stimmt es etwa nicht? Du magst es sogar, wenn er dich schlägt.“

„Noch ein beleidigendes Wort gegen deine Mutter, Lorlen, und ich werde deine Strafe um zwei Wochen verlängern“, sagte Akkarin. Er saß entspannt in seinem Sessel, ein Glas Wein auf dem Tisch neben sich. Seine Stimme war jedoch bar jeder Emotion. Bei Akkarin war das niemals ein gutes Zeichen.

„Das ist eine Überschreitung der Gildenregeln!“, protestierte Lorlen.

„Interessant“, sagte Akkarin. „Mir war nicht bewusst, dass die Regeln dir doch bekannt sind.“

Weil er sie nur anwendet, wenn sie ihm gelegen kommen, dachte Sonea. Er ist wie du.

„Nichtsdestotrotz würde ich damit gemäß der Regeln handeln.“ In seinem Sessel schien Akkarin zu wachsen und bedrohlicher zu werden. In seiner Stimme lag eine unterschwellige Warnung. „Du bist ein Novize der Magiergilde. Du hast dich respektvoll zu verhalten. Ich dachte, das hättest du inzwischen gelernt. Doch anscheinend habe ich mich in dieser Hinsicht getäuscht.“

Lorlens Wangen färbten sich rosa und er senkte den Kopf. „Es tut mir leid, Hoher Lord“, sagte er. „Es wird nicht mehr vorkommen.“

„Entschuldige dich bei deiner Mutter“, sagte Akkarin kühl. „Und dann geh auf dein Zimmer und warte, bis ich komme.“

„Was war das denn?“, fragte Sonea, nachdem Lorlens Schritte im Obergeschoss verhallt waren. „Was ist nur heute in alle gefahren?“

„Eine gute Frage.“ Akkarin stieß sich aus seinem Sessel, um Sonea zu begrüßen. „Takan ist heute Vormittag erbost zum Markt gegangen, weil die Marinblüten, die er für die Dessertsoße in einem Delikatessengeschäft gekauft hatte, ’nicht mehr frisch’ waren. Sie hatten winzige braune Ränder.“

„Marinblüten?“, wiederholte Sonea ungläubig.

„Frag nicht. Ich weiß nur, dass er sich mit Luzilles Koch ausgetauscht hat.“

„Na dann bin ich mal auf das Essen gespannt.“ Sonea schlang die Arme um ihn und sah zu ihm hoch. „Ist vorab noch Zeit für ein Bad?“

Akkarins Blick glitt ins Leere. Gespannt beobachtete Sonea, wie seine Miene grimmige Züge annahm. Mehrere Minuten vergingen, dann glättete sich seine Miene wieder. „Takan stellt das Essen solange warm“, sagte er und Sonea war noch nie so dankbar für sein Durchsetzungsvermögen gewesen.

Sie nahmen den Wein mit nach oben. „Was ist nun mit Lorlen?“, fragte Sonea.

„Ich sehe später nach ihm“, antwortete Akkarin. „Wenn er genug Zeit hatte, über sein Verhalten nachzudenken.“

„Wenn es hilft, bin ich dabei.“

Akkarin nickte. „Das wäre keine schlechte Idee.“

Während sie badeten, berichtete Sonea von den beiden Vorfällen mit Lina. Das heiße Wasser und der Wein lösten ihre Verspannungen allmählich. Durch das leicht geöffnete Fenster kam Vogelgezwitscher begleitet von angenehm lauer Luft vom Wald. „Es fühlt sich an, als wäre das alles meine Schuld“, schloss sie ihren Bericht. „Was wenn ich gewisse Anzeichen übersehen habe? Was, wenn Lina noch nicht so weit ist?“

„Dann hätten auch andere die Anzeichen gesehen und wären ebenso schuld“, sagte Akkarin. „Für solche Dinge ist niemals eine Person alleine verantwortlich. Mach dir keine Vorwürfe. Kinder und Novizen sind nicht immer einfach.“

„Aber Lina könnte meine Nachfolgerin sein.“

„Ja. Aber vielleicht wird sie es auch nicht. Nebenbei bemerkt warst du auch nicht immer eine einfache Novizin.“

Sonea schnaubte. „So wie du kein einfacher Novize warst“, sagte sie an Jerriks Akte denkend. „Ich hätte dich nicht sonderlich gemocht, wäre ich damals alt genug gewesen, um zur Universität zu gehen.“

„Womit du eine einsame Ausnahme unter den Mädchen gewesen wärst.“

Sie spritzte ihn nass.

„Heh!“, rief Akkarin. „Lass das.“

Sonea bespritzte ihn weiter.

„Genug!“ Seine Stimme schwoll an mit Autorität und seine dunklen Augen bohrten sich in ihre. „Komm her und wasch mich.“

Grinsend griff Sonea nach dem Schwamm und beugte sich vor. „Du weißt, dass Takan sehr böse wird, wenn er das Essen zu lange warmhalten muss, nicht wahr?“

„Ah, er wird es nicht so lange warmhalten müssen, wenn ich dir deine Erleichterung noch ein wenig länger vorenthalte.“

„Noch länger?“, entfuhr es Sonea. „Ich war vorbildlich!“

„Wie Lorlen völlig richtig angemerkt hat: Du stehst auf Bestrafung.“

Sonea hob einen Finger. „Lass ihn das bloß nicht hören!“, rief sie und fuchtelte mit dem Schwamm vor Akkarins Gesicht herum.

Die Piratennarbe auf seiner Wange verzog sich, als er ihr ein ungewohnt durchtriebenes Lächeln schenkte. „Das hängt davon ab, wie leise du jetzt bist“, sagte er und beugte sie über den Wannenrand.


***


Die Kutsche rollte durch ein Tor aus verschnörkelten Eisenstäben und einen von Hecken gesäumten Kiesweg entlang zu einem prächtigen Anwesen, dessen Außenfassade mitsamt seinen Erkern, Säulen und Balkonen in der Dunkelheit von zahlreichen Scheinwerfern angestrahlt wurde. Diese wurden mit Magie betrieben und nur die reichsten Familien konnten sich diese leisten. Die Wege durch den weitläufigen Garten waren mit Lampions flankiert.

„Malkins zweite Tochter ist gerade zur Frau erblüht“, sagte Drosalia. „Sie ist bereits einem jungen Mann aus Haus Arran versprochen. Berril von Envar, falls du ihn kennst. Seine ältere Tochter Alisea ist jedoch noch immer unverheiratet.“

„Es heißt, sie habe große Vorderzähne“, sagte Regin. „Wie ein Harrel. Kein Wunder, dass er sie nicht los wird.“

„Regin!“, schalt seine Mutter. „Alisea ist ein sehr hübsches und intelligentes Mädchen. Sie … nun, du wirst sie gleich kennenlernen.“

Regin verdrehte die Augen. Wahrscheinlich trafen diese Attribute nur auf Alisea zu, wenn ihr Mund geschlossen war. Er zog es jedoch vor, nichts auf Drosalias Bemerkung zu erwidern. Sie würde ihre subtile Rache üben und ihre Bemühungen eine Frau für ihn zu finden intensivieren. Und am Ende würde es Regin mehr Nerven kosten seinen Standpunkt zu untermauern, als wüsste seine Mutter nicht inzwischen, dass es sinnlos war.

Vor einer Doppeltreppe, die sich zum Eingang emporwand, kam die Kutsche zum Stehen. „Nun“, sagte Regin, als der Fahrer die Tür öffnete. „Dann bin ich gespannt, welche potentiellen Eheweiber du dieses Mal für mich ausgesucht hast, Mutter.“

Er stieg aus und reichte seiner Mutter die Hand. Drosalia griff danach und ließ sich von ihm aus der Kutsche helfen, als wäre er ihr Diener. Die Kutsche wendete und rollte davon. Bis Mitternacht würde Regin hier festsitzen, sofern er nicht zu Fuß zur Gilde laufen wollte.

„Deine Ex-Freundin ist heute auch hier“, murmelte Drosalia. „Also benimm dich.“

„Welche von den vielen?“, fragte Regin betont beiläufig.

„Regin, sei nicht albern!“

„Irgendwie muss ich den Abend doch überstehen“, erwiderte Regin liebenswürdig.

Ein Jahr zuvor war Margun gestorben. Plötzlicher Herztod, hatte der Heiler gesagt, der die Familie Winar seit Jahren betreute. Seitdem schleppte Drosalia ihren Zweitgeborenen zu jeder Party, zu der sie eine Einladung erhielt – egal, ob Palast oder Häuser. Sie scheute nicht einmal vor jenen zurück, mit denen Regins Familie seit Jahren im Streit lag und die nur auf Grund von gesellschaftlichen Konventionen eine Einladung schickten. Regin vermutete, dass es ihr weniger um die Begleitung ging, als darum, eine Frau für ihren noch unverheirateten Sohn zu finden.

Trassia und Carrien, dachte er. Na wunderbar. Einst hätte ihre Anwesenheit dazu geführt, dass er sich eine unverheiratete Frau gesucht und mit ihr geflirtet hätte. Doch Trassias Hochzeit hatte Regin die Freude an Abenteuern mit dem anderen Geschlecht verdorben, ohne, dass er hätte sagen können warum.

Malkin von Irthen begrüßte die Gäste in der Empfangshalle gemeinsam mit seiner Frau Janea und der Tochter mit dem Harrelgebiss. Sie war nicht hässlich, aber sie hatte etwas, das Regin missfiel, kaum dass er sie sah. Der Geschmack seiner Mutter war weniger erlesen, denn zweckmäßig. Wahrscheinlich genügte ihr, dass Alisea die Tochter des aktuellen Oberhauptes von Haus Maron und damit gerade gut genug für das Oberhaupt der Krieger war.

Vielleicht sollte ich dieses Kyrima-Spiel zu meinen Gunsten wenden, und ihr einen zweiten Mann besorgen. Mit Ende fünfzig war Drosalia zwanzig Jahre jünger als ihr verstorbener Mann und damit brauchte sie etwas, das ihren Alltag ausfüllte, jetzt wo Regins Bruder Familienoberhaupt war.

„Lord Regin und Drosalia von Winar“, grüßte Malkin und verneigte sich vor Regin. „Seid willkommen in meinem Haus. Drosalia, Ihr kennt meine reizende Tochter bereits, doch ich nehme an, für Euren Sohn ist dies die erste Begegnung?“

„Das ist es“, antwortete Regin. Er legte eine Hand auf die Brust. „Es ist mir eine Ehre, Euch kennenzulernen, Alisea von Irthen“, sagte er und hatte sich selten weniger geehrt gefühlt.

Alisea lächelte und entblößte zwei Harrelzähne. „Es ist mir auch eine Ehre, Lord Regin.“

„Ihr werdet gewiss später Zeit finden, Euch zu unterhalten“, sprach Malkin. „Doch nun genießt den Abend. Im Speisesaal spielt ein Streichorchester und der hintere Garten ist geöffnet.“

Regin dankte Malkin und führte seine Mutter durch einen kurzen Korridor zu einem Raum, aus dem Musik und Stimmen drangen. Neugierige Blicke richteten sich auf sie, als sie den Raum betraten. Mehrere Paare drehten sich in der Mitte des Raumes. Diener und Dienstmädchen mit weißen Schürzen wanderten umher und boten den Gästen Getränke und Delikatessen. Zu Regins Erleichterung war von Trassia und ihrem Politiker keine Spur zu sehen. Also waren sie entweder im Garten oder kamen noch. Auch wenn Carrien von Tenvar in anderen Kreisen verkehrte, als die Familie Winar, ließen sich gelegentliche Begegnungen auf Parties nicht vermeiden. Regin hasste es, weil er dann jedes Mal den würdevollen Verlierer spielen musste.

„Sieh mal“, sagte Regin und deutete zu einer Gruppe von Frauen im Alter seiner Mutter. „Dort ist Esana von Belon.“

„Mit ihr werde ich mich später befassen“, erklärte Drosalia. „Jetzt will ich erst einmal Varryl suchen.“

„Nun, das könnte jetzt schwierig werden, ohne unhöflich zu sein“, erwiderte Regin. „Sie hat dich gesehen.“

Esana hatte eine Hand gehoben und winkte. „Nun“, bemerkte Drosalia. „Scheint, als müsste ich das zuerst erledigen.“

Bevor Regin es verhindern konnte, hatte Drosalia ihn zu den Frauen gezogen. „Drosalia, meine Liebe“, flötete Esana. „Gut siehst du heute aus! Wie geht es dir?“

„Hervorragend“, erwiderte Regins Mutter. „Ich habe gerade eine neue Nachtcreme ausprobiert. Aus Elyne. Kostet ein kleines Vermögen, aber meine Haut sieht viel jugendlicher aus.“

„Ja, das tut sie in der Tat!“, rief eine der Frauen begeistert und Regin verdrehte innerlich die Augen.

„Und Lord Regin, was macht die Gilde?“, wandte Esana sich an ihn.

„Meine Krieger trainieren fleißig und meine Novizen sind vorbildlich.“

„Da habe ich anderes gehört.“

„Ja, der kleine Erryl hat sich ein paar Rippen gebrochen“, fiel eine andere Frau mit ein.

Daran war er selbst schuld und er ist ganz gewiss nicht mehr „klein“, dachte Regin verärgert. „Wo gekämpft wird, passieren Unfälle“, erwiderte er. „Es gehört zum Lernen dazu.“

„Nun, wie auch immer“, winkte Esana ab. „Was macht die Liebe?“

„Als Oberhaupt der Krieger und Lehrer fehlt mir die Zeit für ein Privatleben“, erwiderte Regin. „Gildenversammlungen, Besprechungen, Unterricht, die alljährliche Inspektion der Forts …“

„Er übertreibt wieder einmal“, sagte Drosalia wegwerfend. „Für Pferderennen hat er immer Zeit.“

„Hatte sein Vorgänger nicht auch eine Frau?“, fragte eine von Esanas Freundinnen. „Diese unangepasste Elynerin, die jetzt mit diesem Alchemisten verheiratet ist. Wie war noch gleich ihr Name?“

„Luzille von Forlani“, antwortete Esana.

„Wenn ich mich richtig erinnere, hat Luzille sich damals andauernd beklagt, dass ihr Mann zu wenig Zeit für sie hat“, erwiderte Regin. „Er sah zu den offenen Türen, die zur Veranda führten. Doch nun entschuldigt mich. Ich habe gerade jemanden gesehen, den ich sprechen muss.“ Er neigte den Kopf und ließ Drosalia bei den anderen zurück.

Regin bediente sich am Tablett eines vorbeeilenden Dieners und trat dann durch die Türen. Gäste unterhielten sich in Sitzgruppen von Möbeln aus Korbgeflecht. Fragile Säulen stützten den Balkon, der zu dem darüberliegenden Stockwerk gehörte. Regin nickte den Gästen zu und betrat den Garten auf der Suche nach einem bekannten Gesicht, das nicht seine Mutter oder mit dieser befreundet war. Drosalia würde die nächsten Stunden mit ihren Freundinnen verbringen und dann feststellen, dass es zu spät war, um noch mit Varryl ein längeres Gespräch zu führen. Regin begriff ohnehin nicht, warum sie das wollte, wenn sie ihm nahezu täglich Nachrichten mit Arbeitsanweisungen schickte, wie er die Familie ihrer Meinung nach führen sollte.

Regin wählte einen Weg zwischen blühenden Gan-Gan Sträuchern und folgte diesem an seinem Weinglas nippend. Von tiefer aus dem Garten schallten mehrere Stimmen. Eine davon war ihm vertraut. Neugierig hielt er darauf zu.

Auf einem kleinen von Lampions erhellten Rasenplatz stand eine Gruppe von mehreren Männern und diskutierte angeregt. Neben einem, der nur wenig Jahre älter als Regin war, stand eine Frau in grünen Roben. Bei ihrem Anblick verspürte Regin einen schmerzhaften Stich. Hastig zog er sich zurück. Er wollte schon den kompletten Rückzug antreten, als die vertraute Stimme – Carrien von Tenvar – sagte: „Wenn wir den König dazu bringen, die Einfuhrzölle zu erhöhen, kann dieses Geld in den Ausbau der Straßen nach Sachaka investiert werden. Das wird dem Handel langfristig zugutekommen.“

Politik! Aber natürlich sprachen sie darüber. Carrien war ein angesehener Politiker aus Haus Saril und mehrere seiner Gesprächspartner waren entweder ebenfalls Politiker oder bedeutende Händler.

Regin verließ den Weg und trat hinter die Gan-Gan Büsche. Von hier aus hatte er die Gruppe gut im Blick, während diese ihn in der Dunkelheit nicht erkennen würde. Er stand nun seitlich zu Trassia und Carrien und er konnte sehen, dass sie gelangweilt wirkte, auch wenn sie es zu überspielen versuchte. In den zwei Jahren ihrer Ehe musste Trassia mit einigen Frauen von Carriens Politiker-Freunden Freundschaft geschlossen haben. Warum war sie nicht bei diesen? Anders als Sonea, die es liebte, auf Festen im Palast mit den Oberhäuptern der Häuser über politische Themen zu streiten, hielt Trassia sich zurück. Dabei hätte auch sie als Gildenmagierin und Soneas Freundin gewiss einiges zu sagen. Selbst die dümmsten Frauen stellten bei solchen Fragen oder machten sinnfreie Diskussionsbeiträge.

Carrien hatte eine Hand auf Trassias Taille gelegt. Irgendetwas daran missfiel Regin. Nicht die Tatsache, dass er es tat – zumindest nicht mehr, als üblich. Es war vielmehr, wie er es tat. Wann immer er sprach, wandte Trassia sich ihm zu, während der gesamten Unterhaltung blieb sie jedoch stumm.

Nach einer Weile konnte Regin an Trassias kaum merklichen Veränderungen ihrer Haltung merken, dass sie unruhig wurde. Als einer der anderen Männer sprach, beugte sie sich zu Carrien und flüsterte etwas in sein Ohr.

„Nicht jetzt“, hörte Regin ihn zischen. Es klang ungehalten. Wo Sonea eine bissige Erwiderung oder zumindest ein böses Gesicht gemacht hatte, nickte Trassia jedoch auf eine Weise, die nicht zu ihr passte. Als habe sie sich in ihr Schicksal gefügt.

Regin hatte genug gesehen. Es machte ihn krank. Carrien machte ihn krank. Und es machte ihn krank, dass er nichts dagegen unternehmen konnte. Sein Weinglas leerend machte er sich auf den Rückweg zur Veranda.


***


Der Ausblick, den das Abflussgitter auf die Hintergasse bot, zeigte keinerlei Menschen in der Gegend. Cery wartete einige Momente gespannt auf Geräusche lauschend und wandte sich dann um.

„Die Luft ist rein.“

Mit unwilliger Miene zwängte Lana sich neben ihn und spähte hinaus. „Lass mich mal.“

„Heh“, sagte Cery. „Traust du deinem alten, weisen Da nicht?“

„Du bist nicht mein Da“, grollte sie.

Um ihre Verkleidung glaubhafter zu machen, hatte Cery ihr ein Kleid aufgenötigt. Lana hatte es mit Fingerspitzen angefasst, als wäre es eine Widerwärtigkeit, und mit einer solchen Miene trug sie es auch. Sie erinnerte Cery mehr denn je an Errin, als er mit zwölf in eine spätkindliche Trotzphase gekommen war. Lana hingegen war neunzehn.

„Nein“, sagte Cery. „Sowas Garstiges wie dich könnte ich nie zeugen. Deine Ma hat damals sicher noch ’nen anderen gefickt.“

Lana wandte sich um. „Ganz sicher hat sie das“, sagte sie mit einem Lächeln, das Cery nicht einordnen konnte. „Und wir können weiter.“

Cery öffnete das Gitter und verschränkte seine Hände, so dass Lana nach draußen klettern konnte. Seine Leibwächterin warf ihm einen vernichtenden Blick zu und schwang sich nach draußen.

„Nee“, sagte er. „Du bist nicht von mir.“

Nachdem er den Zugang zur Straße der Diebe wieder verschlossen hatte, folgten sie der Gasse bis zur nächsten Kreuzung. Dort wandten sie sich nach rechts und folgten dieser zum Hafen.

Mehrere große Straßen führten direkt zum Hafen, die wichtigsten davon liefen vom Westviertel über die Märkte. Auf Grund der verbesserten Infrastruktur der Hüttenviertel gab es mittlerweile auch Straßen, die von der Nord- und der Südseite dorthin führten und dabei nicht die Märkte überquerten. Cery und Lana folgten der von der Nordseite kommenden Straße zu einer Straße, die parallel dazu lief, und wandten sich dann südwärts zum Marktviertel. Ihr Ziel lag in einer Lagerhalle nahe der von der Südseite kommenden Straße.

So spät am Abend waren die Märkte bis auf einige Passanten und die Arbeiter, die den riesigen Platz von Schmutz und Unrat für ein geringes Einkommen aus Steuereinnahmen befreiten, verlassen. Dahinter begann das Herbergsviertel, in dem sich neben den Herbergen auch das eine oder andere Hurenhaus befand. Gelächter und Gesang schallte aus offenen Fenstern und der würzige Duft kyralischer Küche und weit exotischerer Speisen durchströmte die Gassen. Hier und da drückten sich Huren an Straßenecken, die Mieder so weit aufgeschnürt, dass ihre Brüste beinahe heraussprangen, und sprachen Männer an, die alleine oder in Gruppen unterwegs waren. Ganz den Vater spielend legte Cery einen Arm um Lanas Schultern, was diese überraschend protestlos über sich ergehen ließ.

Auf einmal doch nicht mehr die rebellische Tochter, die ihren Vater verleugnet?, fragte er sich amüsiert. Oder hatte sie sich endlich dazu durchgerungen, ihre Rolle überzeugender zu spielen?

„Die halbe Portion willst du ficken?“ Eine blondgelockte Elynerin mit sehr üppigen Brüsten trat aus den Schatten. „Nimm lieber mich, Süßer. Du kannst mich zwischen meinen Brüsten ficken und direkt in meinen Mund spritzen. Mit der da“, sie warf Lana einen abschätzigen Blick zu, „geht das nicht.“

„Das ist meine Tochter“, grollte Cery. „Lass sie in Ruhe.“

Die Hure lachte. „Bringst du sie zu einer Großmutter, damit sie dir deinen Lebensabend finanziert? Das Ding wird dir nix einbringen.“

„Ullin vom anderen Ende des Hafens bietet Kinder an!“, rief eine zierliche Vindofrau von der anderen Straßenseite. „Gibt Typen, die stehn auf Mädchen. Wäre deswegen fast zu ihm gegangen, würde ich hier nicht so gut Geld machen.“

Kinder? War das überhaupt legal? Beim nächsten Treffen der Diebe würde Cery ein ernstes Wort mit Sevli reden, dem die andere Seite des Hafens gehörte.

„Mein Da steht nur auf ein Mädchen“, riss Lanas Stimme ihn aus seinen Gedanken. „Und zwar auf mich.“

„Lana!“, zischte Cery. Das hatte er nicht im Sinn gehabt, als er vorgeschlagen hatte, dass sie vorgaben, Vater und Tochter zu sein.

Statt einer Erwiderung zwinkerte sie ihm zu und zwickte sein Gesäß. „Und jetzt sind wir unterwegs, um uns noch ‘nen Kerl zu holen, der mich mit ihm zusammen fickt.“

„Lana!“, wiederholte Cery und schob sie unter dem Gelächter der Huren aus der Straße. „Was fällt dir ein?“, fragte er, nachdem er sie in eine verlassene Gasse gezogen hatte. „Du riskierst unsere ganze Tarnung!“

„Was ist denn so unwahrscheinlich daran?“

„Alles.“

Lana verdrehte die Augen. „Aber so werden sie uns als Vater und Tochter in Erinnerung behalten.“

„Du hast gerade dafür gesorgt, dass wir ihnen überhaupt in Erinnerung bleiben. Das hier ist kein lustiger Ausflug. Wir ermitteln.“

„Und deswegen müssen wir unsere Rollen glaubhaft spielen.“

„Aber nicht so! Wir müssen unauffällig bleiben.“

Seine Leibwächterin verzog das Gesicht. Anscheinend hatte sie eine andere Vorstellung von glaubhaft. „Wenn wir gleich da sind, hältst du die Klappe“, ermahnte Cery sie. „Und benimmst dich wie die brave Tochter, die ihrem Vater beim Wetten Glück bringt.“

Lana zog einen Schmollmund, protestierte jedoch nicht.

„Gut.“ Cery nickte zufrieden. „Lass uns weitergehen.“

Eine Viertelstunde später standen sie vor einer ehemaligen Lagerhalle, die seit dem vergangenen Herbst einem Lonmar gehörte. Von außen unterschied sich das Gebäude kaum von den übrigen in diesem Bereich des Hafens. Vor dem Tor standen zwei grobschlächtige Männer Wache. Darüber war ein Schild, auf dem Rashyks Kampfschule für jeden, der des Lesens mächtig war, geschrieben stand.

Rashyks Kampfschule war indes mehr als nur eine Kampfschule. Jeder Hüttenbewohner, egal ob Mann oder Frau, konnte dort für einen gewissen Betrag einfache Techniken des Straßenkampfs lernen. Das war einer der Gründe, warum die Stadtwache den Laden duldete, zugleich jedoch ein Auge darauf hatte, dass die Schüler ihre Fähigkeiten nicht nutzten, um Verbrechen zu begehen. Die Haupteinnahmequelle war jedoch nicht der Unterricht, sondern die Kämpfe, für die sich jeder eintragen lassen konnte. Die Zuschauer konnten auf die Kontrahenten wetten und der Sieger bekam einen aus den Wetteinsätzen gezahlten Preis. Auch das war noch kein Grund, die Kampfschule zu beobachten, wären da nicht die Schuldeneintreiber.

Die Kampfschule stand in Zills Bezirk und fiel damit unter ihre Verantwortlichkeit, doch Cery hatte wiederholt Fälle in seinem Bezirk gehabt, bei denen Bewohner Opfer jener Schuldeneintreiber geworden waren. Cery hatte Zill über diese Fälle informiert und die Berichte ihrer Untersuchungen angefordert. Das Resultat hatte ihn endgültig davon überzeugt, Rashyk einen Besuch abzustatten. Zill war erfreut gewesen, weil er sie informiert hatte. Ob als Stadtwache oder Dieb – es gehörte sich nicht, unerlaubt in fremdem Revier zu wildern.

„Mach ruhig“, hatte Zill gesagt. „Meine Männer und mich kennen sie, du dagegen wirst nicht auffallen.“

„Also“, sagte Cery nun leise zu seiner Ziehtochter. „Benimm dich, sonst nehme ich beim nächsten Mal Errin mit.“

Lana machte ein schnippisches Gesicht. Wäre sie älter und sein Herz nicht gebrochen, hätte Cery das vielleicht anziehend gefunden. Stattdessen sah er in ihr nur das junge Mädchen, das sie trotz all ihrer Talente war. „Ich werde mich benehmen, Da.“

Cery schritt auf das Tor zu. Er wusste, sie sagte dies nur, weil sie seinen Sohn für diese Aufgabe ungeeignet hielt. Was er auch war.

Als sie sich den Toren näherten, trat eine der Wachen in ihren Weg. „Was wollt ihr?“, fragte der Mann, ein Lonmar, mit einem abschätzigen Blick zu ihm und Lana.

„Was Geld machen“, antwortete Cery.

„Kleine Cerynis nimmt Rashyk nicht. Machen schlechte Kämpfer.“

„Deswegen will ich auch nur zuschauen.“

Der Mann warf einen Blick zu Lana. „Sie auch?“

„Das ist meine Tochter. Sie sieht nicht so aus, aber sie’s schlau. Sie wird mir helfen, meine Wetten zu platzieren.“

„Das macht zwei Silber. Pro Kopf.“

„Hai!“, rief Cery. „Das viel Geld, um wetten zu dürfen.“

„Wer nicht zahlt, kommt auch nicht rein. Kein Wetten dann.“

Mit gespieltem Widerwillen öffnete Cery seine Geldbörse und zählte vier Silberstücke ab. „Deine Ma wird mich eine Woche nur Reste fressen lassen, wenn sie das mitkriegt“, sagte er zu Lana gewandt.

„Und ihre Beine geschlossen lassen“, fügte seine kleine Leibwächterin hinzu, woraufhin die Wachen in Gelächter ausbrachen.

„Wir müssen euch trotzdem auf Waffen durchsuchen“, erklärte der Lonmar.

„Kein Problem“, erklärte Cery.

Die beiden Männer untersuchten sie. Der Lonmar runzelte die Stirn über dem alten, abgenutzten Messer in Lanas Stiefel, sagte etwas davon, dass junge Mädchen sich in diesem Teil der Stadt verteidigen können müssen, und gab es ihr zurück.

„Viel Spaß“, brummte er und schob das Tor auf. Eine Kakophonie von Stimmen, Hitze und der Geruch von Schweiß und Bol schlug Cery entgegen.

Lana mit einem warnenden Blick bedenkend betrat Cery das Lager. Trotz der Hitze zog Cery seine Kapuze tiefer ins Gesicht. Hinter ihm tat Lana es ihm gleich.

Die Lagerhalle war überfüllt mit Menschen. In der Mitte befand sich ein mit Seilen abgetrennter Bereich auf einer etwa schulterhohen Bühne. Zwei Männer standen darin, beide mit Blutergüssen übersät. Der schmächtigere blutete aus einer Platzwunde auf der Stirn, der kräftigere hatte eine blutige Nase und eine aufgesprungene Lippe. Wann immer einer der beiden dem anderen einen Hieb versetzte, johlte ein Teil der Zuschauer auf, während die anderen den Angreifer ausbuhten und Schimpfwörter riefen.

Na wunderbar, dachte Cery und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Etwas fasste ihn am Arm.

„Lass mich vorgehen“, murmelte Lana. „Ich bin kleiner, ich kann uns besser nach vorne bringen.“

„Dich werden sie nicht durchlassen“, widersprach Cery.

„Das werden sie“, versicherte Lana mit einer Spur Selbstgefälligkeit. „Es ist wie mit ’nem Messer. Je feiner die Spitze, desto besser sticht es.“

„Dann geh voran.“

Nach einer gefühlten Ewigkeit und zahlreichen Hieben mit den Ellenbogen hatten sie sich ihren Weg nach vorne gebahnt. Obwohl das Gedränge dicht war, schritten Schankknaben durch die Menge und verteilten Bol. Für einen Moment war Cery überrascht, nur wenige Frauen zu sehen. Doch da dieser Klub einem Lonmar gehörte, kam das nicht überraschend.

Nachdem Cery Bol für sich und Lana geordert hatte, beobachteten sie den Kampf, der gerade stattfand. Gerade hechtete der größere der beiden Kontrahenten auf den kleineren zu. Dieser wich zur Seite aus und sein Gegner wurde von den Seilen aufgefangen. Der Kleine versetzte ihm mehrere Hiebe in die Nieren.

„Kann man für diese Runde noch wetten?“, fragte Cery den Mann neben sich.

„Nee, wäre ja unfair den anderen gegenüber“, antwortete dieser, ohne den Blick von den Kämpfenden zu lassen.

„Wo kann ich meine Wetten abgeben?“, fragte Cery.

„Wenn diese Runde um ist, werden die nächsten Gegner ausgerufen. Dann kommt jemand rum. Wenn du kein Geld mehr hast, kannst du dir an der Kasse was leihen. Aber das musst du zurückzahlen.“

„Warum?“, fragte Cery. „Es geht doch wieder in die Kasse rein, oder?“

„Ein Teil davon. Wenn du gewinnst, kriegst du deinen Anteil vom Jackpot, und kannst davon die Schulden zurückzahlen. Wenn du verlierst, kriegen andere das Geld. Und glaub nicht, du könntest Rashyk squimpen. Er und seine Leute wissen genau, wer wie viel geliehen oder gewettet hat.“

„Also muss man sich sicher sein, dass man gewinnen kann“, sagte Cery.

„Wäre besser.“

„Ich hab’ genug, um nix leihen zu müssen“, erwiderte Cery mit seinem Dieb-Lächeln.

Der Mann bedachte ihn mit einem zweifelnden Blick.

„Auf wen hast du gewettet?“, fragte Cery.

„Auf Crots.“

„Welcher von beiden ist das?“

„Der Kleine. Heißt so, weil er ständig so viel aufs Maul kriegt.“

„Aber er ist gut?“

„Oh ja.“

Crots gewann die Runde tatsächlich mit einer List. Die Zuschauer jubelten. Er durfte im Ring bleiben und gegen einen weiteren Gegner kämpfen. Ein hochgewachsener Lonmar trat auf die Bühne. Er trug eine schwarze Hose und darüber Beinschützer aus Leder. Eine schwarze, goldbestickte Weste war alles, was seinen Oberkörper bedeckte. Seine entblößten, muskulösen Arme waren von Narben zahlreicher Kämpfe bedeckt und seine Nase sah aus, als wäre sie mindestens einmal gebrochen worden. Er strahlte jedoch eine Würde aus, die die Menge auf der Stelle verstummen ließ.

„Das ist Rashyk“, murmelte Cerys Nachbar ihm überflüssigerweise zu.

„Crots hat gewonnen!“, rief der Lonmar mit tiefer, kräftiger Stimme. „Sein nächster Gegner ist Uthin, der Flussravi.“ Die Menge begann zu kreischen, als ein dicker, schmieriger Mann auf die Bühne trat. Sein entblößter teigiger Oberkörper war mit dunklen Haaren übersät. Als er die Arme hob und die Zuschauer ihm zujubelten, entblößte sein Grinsen schiefe gelbe Zähne.

„Das ist Crots’ Erzfeind. Kämpfe zwischen den beiden sind immer spannend. Besonders, wenn einer schon vorher gekämpft hat.“

„Wie viele Runden hatte Crots heute schon?“, fragte Cery.

„Sechs“, antwortete sein Nachbar. „Wird’n interessanter Kampf.“

Männer kamen herum und nahmen Wetteinsätze an. Cery setzte zwei Silber auf Crots und bekam einen Wettschein, auf denen seine Einsätze und der Name, den er sich gegeben hatte, standen: Kallin. Nach so vielen Runden musste der schmächtige Mann müde sein. Die nächsten Minuten bestanden aus Fausthieben, blutigen Nasen und Flüchen. Crots schlug sich überraschend gut. Er war kleiner und wendiger als sein Gegner und konnte zugleich viele Schläge einstecken, was er ausnutzte, um seinen Gegenschlag auszuführen. Und er gewann. Die Menge war nun nicht mehr zu halten.

„Ich setze nochmal auf Crots!“, erklärte Cery, als Crots’ nächster Gegner auf die Bühne trat – ein Mann, der nur „das Pferd“ genannt wurde – und gab dem Mann, der die Wetten annahm, sein ganzes Silber. Sehr zu Lanas Protest und den mitleidigen Blicken seines Nachbarn, der dieses Mal auf das Pferd gesetzt hatte. Schon bald wurde klar, dass der Name nichts mit dem langen und eckigen Gesicht des Mannes zu tun hatte. Das Pferd tänzelte trotz seiner Größe und teilte Tritte in alle Richtungen aus. Und Crots verlor.

Den Enttäuschten spielend buhte Cery das Pferd aus. Sein Gewinn aus der ersten Runde konnte den Verlust jedoch nicht ausgleichen. Erklärend, dass er Ärger mit seiner Frau bekommen würde, wenn er ohne Geld heimkehrte, lieh er sich der Kasse den verlorenen Betrag und setzte auf Dagon den Schrecklichen und Barin, der von allen nur „der Bovar“ genannt wurde. Die Unruhe der Zuschauer, als die nächsten Gegner des Pferds vorgestellt wurden, schien ihm dazu Anlass genug. Seine Rechnung ging auf und er war überrascht von seinem eigenen Instinkt. Das Pferd schlug sie beide.

„So eine Scheiße!“, rief er, während er innerlich jubelte. „Jetzt muss ich noch ’ne Runde wetten, um den Verlust wiederzukriegen.“

„Du hast fünf Gold verloren, Da“, sagte Lana. „Du wettest heute nicht mehr.“

„Aber ich muss wetten!“, protestierte Cery. „Von was soll ich fünf Gold bezahlen?“

„Sieh nicht mich an“, sagte der Mann, der die ganze Zeit neben ihm gestanden hatte.

„Ich muss nochmal spielen. Die nächste Runde wird das Pferd verlieren. Zwei Gegner machen jeden müde.“

Und so lieh er sich fünf Gold und setzte gegen das Pferd. Und das Pferd gewann und Cery hatte zehn Gold Schulden. Für Cery fing der Spaß jedoch erst an.

„Nein!“, erklärte er, als zum dritten Mal an der Kasse Geld leihen wollte. „Das kann ich wieder gewinnen.“

„Auf keinen Fall!“, erklärte Lana. „Ma wird dich häuten.“ Sie beugte sich an sein Ohr. „Was du verspielt hast, ist für die meisten Leute hier ein Vermögen“, raunte sie.

Ohne weiteren Protest ließ Cery sich zum Ausgang führen. „Kallin“, sagte der Mann dort. „Du hast eine Woche Zeit, deine Schulden zu begleichen.“

„Wo?“, fragte Cery. „Hier?“

Der Mann nickte. „Wenn du nicht hier auftauchst, finden wir dich.“

So wie der Mann das sagte, bezweifelte Cery das keinen Augenblick. Er wusste, wie solche Organisationen arbeiteten. Und das bestätigte ihm, dass er hier etwas auf der Spur war.

„Keine Sorge“, sagte er. „In einer Woche werdet ihr das Geld haben.“

Aber das würden sie nicht. Cery hatte nur noch nicht entschieden, ob er in einer Woche mit leeren Händen oder einem lächerlichen Teilbetrag hier ankommen wollte. Oder ob er die Frist verstreichen lassen würde.
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