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Das Erbe der schwarzen Magier II - Der Feind in ihrer Mitte

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Rothen Regin Sonea
01.12.2021
26.04.2022
13
132.150
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18.01.2022 12.242
 
Kapitel 4 – Spekulationen



Ein tiefblauer Himmel überspannte die im ersten Licht des Tages leuchteten weißen Mauern und die karmesinrot gedeckten Dächer der Ashaki-Anwesen. Die Luft in den Straßen war noch kühl, hielt man sich jedoch etwas länger an einem sonnenbeschienenen Ort auf, konnte man bereits spüren, dass es ein weiterer heißer Tag wurde.

Gut, dass wir die Stadt bis dahin verlassen haben.

Gemeinsam mit Harlen, Salyk und Anjiaka verließ Dannyl die Sänfte und hielt auf den Palast zu. Ein wenig bedauerte er, die Stadt mit all ihren kulturellen Reizen und das luxuriöse Haus der Verräter zu verlassen. Die nächsten drei Wochen würde er unterwegs sein und allem entbehren, das er zu schätzen wusste, inklusive eines Bads, frischen Roben und Privatsphäre.

Doch vor allem bedauerte er, dass ein Tag nicht ausgereicht hatte, um ein wenig zu spionieren. Nicht, dass er etwas anderes erwartet hätte. Doch wenn seine Neugier geweckt war, war es schwer, diese wieder auszublenden.

Am vergangenen Tag hatte er Anjiaka um eine Verstärkung der Eskorte gebeten und sie gefragt, ob sie von Gerüchten wusste, die von einem Anschlag auf die Prinzessin oder Unruhen angesichts der bevorstehenden Verlobung sprachen. Die Verräterin hatte dies verneint und Dannyl zu seiner Beruhigung über alle Gerüchte in Kenntnis gesetzt, die momentan in Arvice im Umlauf waren.

„Es mag nicht das sein, wonach Ihr sucht, doch vielleicht könnt Ihr damit dennoch irgendetwas anfangen“, hatte sie gesagt. Daraufhin hatte Dannyl sich mit Salyk ausgetauscht, doch auch das hatte sie nicht weitergebracht.

„Vielleicht hat Akkarin sich auch nur so vage ausgedrückt, weil er weiß, dass Ihr andernfalls Nachforschungen anstellt“, hatte Salyk gesagt. „Vielleicht wollte er nicht riskieren, dass Ihr etwas heraufbeschwört, dass das Potential hat, die Hochzeit zu vereiteln. Nicht absichtlich, natürlich. Doch gerade wir beide wissen, wie sehr unser Verhalten zu Konsequenzen führen kann, die wir nicht absehen könnten, egal wie gründlich wir unsere Verhandlungspartner und ihre Kultur vorher studiert haben.“

Und für eine so verschlossene Kultur wie die Sachakaner galt dies umso mehr. Dannyl wünschte, er könnte Salyks Worten glauben. Er wünschte, er könnte glauben, dass dies Akkarins einzige Absicht war. Die Vergangenheit hatte ihn jedoch gelehrt, wenn er doppelt wachsam sein musste.

Aus dem Palast traten mehrere Gestalten. Gegen die Sonne blinzelnd erkannte Dannyl König Ishaka, seine Tochter Sayara, eine Frau mittleren Alters und Palastmeister Ivasako. Ihnen folgten mehrere Sklaven und eine weitere Palastwache.

Ishaka stieg mit seiner Tochter und dem Palastmeister die Stufen hinab und blieb vor Dannyl stehen.

„Auslandsadministrator Dannyl“, sagte er. „Hiermit übergebe ich meine Tochter in Eure Obhut. Geleitet sie sicher zu ihrem Bräutigam.“

„Das werde ich.“ Dannyl musterte das Mädchen. Sayara wirkte nervös und ängstlich und er konnte es ihr nicht verübeln. An diesem Tag trug sie ein dunkelgrünes Kleid, das wie die Kleider von Bettsklavinnen geschnitten war, aber ihren Körper züchtig bedeckte. Dannyl hatte solche Kleider häufig bei jungen Sachakanerinnen gesehen, während ältere Frauen weite Gewänder zu bevorzugen schienen. Der Stoff war mit Quans und Perlen bestickt und wirkte viel zu kostbar für eine Reise. Allerdings würde Sayara nicht reiten.

„Ich stehe in Eurer Schuld, Auslandsadministrator“, sprach Ishaka. „Nicht nur dafür, dass sie in Euch einen angenehmen Reisebegleiter haben wird, sondern weil Ihr unsere Länder einander nähergebracht habt.“

„Daran hattet Ihr einen ebenso großen Anteil“, erwiderte Dannyl. „Die Begrünung der Ödländer, die Verbesserung der Lebensbedingungen Eurer Sklaven und die Korrespondenz zwischen unseren Ländern wäre ohne Euch nicht möglich gewesen. Wir würden noch heute gegeneinander Krieg führen.“

„Wohl wahr“, erwiderte Ishaka. „Ich möchte nicht leugnen, dass meine Vorgänger in dieser Hinsicht weniger kompromissbereit waren.“ Er wies zu zwei Karren, die bei den Ställen vollständig mit Pferden bespannt warteten. Einer war mit Kisten, Truhen und Körben beladen, der andere wurde von einem Baldachin aus Stoff überspannt. „Proviant für die Reise und Geschenke für den König Eures Landes. Ivasakos Stellvertreter Dikacha weiß, in welcher Truhe sich diese befinden.“

Die Palastwache an Ivasakos Seite trat vor. „Ich hoffe, Ihr versteht, dass ich die Leitung über die Sicherheit unserer Reisegruppe innehabe, Auslandsadministrator“, sprach der Mann.

„Was mich betrifft, so habe ich kein Problem mit Kommandostrukturen, solange Ihr Euch in allen übrigen Fragen, insbesondere den diplomatischen, mir unterordnet“, erwiderte Dannyl. Im Vorfeld hatte es einige Diskussionen gegeben, wer die Prinzessin eskortieren würde. Schließlich hatten sie sich darauf geeinigt, dass die Eskorte zu gleichen Teilen aus Palastwachen und Verrätern bestehen würde. Ishaka hielt dies für symbolträchtig, Dannyl fragte sich indes, wann die ersten Spannungen zwischen beiden Gruppen auftreten würden.

„Meine Priorität gilt der Sicherheit der Prinzessin“, erwiderte Dikacha steif. „Sollten Eure Entscheidungen darauf Einfluss haben, so werde ich nicht zögern, diesen Einfluss zu unterbinden.“

Der Mann ist wie ein Yeel. Das werden gewiss drei lange und anstrengende Wochen. „Wir beide wollen, dass diese Mission gelingt“, erwiderte Dannyl. „Für jegliche Hinweise eines erfahrenen Kriegers in Sicherheitsfragen bin ich immer offen.“

„Die Sicherheit der Prinzessin ist auch das Anliegen meiner Leute“, sagte Anjiaka. „Ich schlage daher vor, dass Ihr und Lenyaka euch die Aufgaben teilt.“ Sie wies zurück zu der Sänfte, mit der sie gereist waren, wo zehn Frauen auf Pferden warteten.

Dikacha wirkte nicht allzu begeistert, doch König Ishaka sagte: „Sollte ein Ernstfall eintreten, was ich nicht hoffe, so wünsche ich eine Zusammenarbeit.“

„Womit Ihr recht habt, mein König“, fügte Palastmeister Ivasako hinzu. „Dikacha, ich vertraue darauf, dass du und deine Männer eure Aufgaben vorbildlich erledigen. Lasst nicht in eurer Wachsamkeit nach. Auch dann nicht, wenn ihr das Fort erreicht.“ Er sah zu Sayara und lächelte zuneigungsvoll. „Auch wenn ich nicht davon ausgehe, dass einer sachakanischen Prinzessin in Kyralia Gefahr droht.“

„Ich bin trotzdem nicht sonderlich erbaut von dem Gedanken, in ein fremdes Land zu reisen, Palastmeister“, sagte Sayara. „Mein ganzes Leben habe ich hier verbracht. Wenn ich Merin von Kyralia heirate, werde ich vielleicht niemals wieder zurückkehren.“

„Wir werden zu deiner Hochzeit anreisen, Sayara.“ Ishaka fasste seine Tochter an den Schultern, wobei er weniger wie der würdevolle König von Sachaka, denn wie ein besorgter Vater wirkte. Unwillkürlich fragte Dannyl sich, ob Ishaka unter seiner kalten Berechnung Gefühle hatte, oder ob Sayara für ihn ein wertvoller Schatz war, den er nur zögernd aus den Händen gab. „Und gewiss werden wir uns bei zukünftigen Verhandlungen zwischen unseren Ländern wiedersehen.“

„Ich bin sicher, du wirst schnell Freunde am Hof von Kyralia finden“, fügte seine Frau hinzu. „Es heißt, die Feste dort wären rauschend und Männer und Frauen würden gleichsam daran teilnehmen. Und wer wäre nicht gerne der Freund einer so reizenden jungen Königin?“

Dannyl entschied sich, dies unkommentiert zu lassen. Sayara würde noch früh genug erfahren, dass der Hof von Kyralia mindestens ebenso korrupt war wie der sachakanische. „Der Hof von Kyralia wird eine ganz neue Erfahrung für Euch sein, Prinzessin Sayara“, sagte er. „Wenn Ihr es wünscht, so werde ich Euch auf unserer Reise davon erzählen.“

„Es wäre mir eine Freude, Auslandsadministrator“, antwortete das Mädchen scheu.

„Es wird Zeit, Abschied zu nehmen“, sprach der König von Sachaka. „Die Sonne steigt höher und die Hitze wird erst erträglich, wenn Ihr das Umland erreicht.“ Er umarmte Sayara kurz und küsste sie auf die Stirn. „Ich wünsche dir eine gute Reise, mein kleiner Chivill. Mach dem König von Kyralia jede Freude, dann sehen wir einander in drei Monaten wieder.“

Auch seine Frau trat vor und verabschiedete ihre Tochter, dann bestieg Sayara mit ihrer Sklavin den Karren mit dem Baldachin. Dannyl und Salyk schritten zu den Verrätern und saßen auf ihren Pferden auf. Eine Abteilung von Palastwachen, ebenfalls zu Pferd schloss sich ihnen an. Dikacha nahm seine Position vor dem Karren ein, Lenyaka stellte sich demonstrativ an seine Seite, und erneut fragte Dannyl sich, wie lange es dauern würde, bis die beiden mit ihren Dolchen aufeinander losgingen.

„Ich wünsche Euch eine gute Reise, Auslandsadministrator“, sagte Ishaka, der zu ihnen getreten war. „Sollte Streit in der Eskorte ausbrechen, so vertraue ich darauf, dass Ihr ihn schlichtet.“

Dannyl verkniff sich ein Lächeln. „Auch wenn ich auf einer langen Reise nichts gegen ein wenig Abwechslung habe, so würde ich begrüßen, wenn dies nicht zu meiner Funktion als Reisebegleiter gehört.“

„Nicht nur Ihr“, erwiderte Ishaka. Er nickte zu Dikacha, der sich von seinem Pferd gebeugt hatte und ein eindringliches Gespräch mit dem Palastmeister führte. „Ich gehe jedoch davon, dass Ivasako seinem Freund gerade einschärft, sich nicht mit Lenyaka zu streiten.“

„Und wer würde nicht auf seinen Freund und Palastmeister hören“, erwiderte Dannyl, woraufhin Lenyaka leise schnaubte.

„Ich nehme an, dass dies so ähnlich ist wie Freund und Auslandsadministrator“, sagte Salyk auf Kyralisch und Dannyls Herz machte einen Sprung.

Mit einem Lächeln wandte er sich zu dem Lonmar, der hinter ihm Aufstellung genommen hatte. „Das ist es“, sagte er. „Wobei ich annehme, dass Ihr kein Interesse daran habt, Streit anzufangen.“

„Dann wäre ich ein sehr schlechter Botschafter. Ich kann Euch jedoch versichern, dass ich auf Euer Wort hören werde.“

„Das braucht Ihr nicht, mein Freund“, sagte Dannyl und das Bedürfnis, seine unerwünschten Emotionen wegzuheilen, war niemals größer gewesen.

Als alle Abschiede gesprochen waren, rollten die Karren an und verließen den Hof und ritten einer neuen Zukunft entgegen.


***


Nachdem die Verräterin Harlen mit der Sänfte fortgeschickt hatte, wandte sie sich an Ishaka. „In der Nachricht, die Ihr mir vorgestern habt zukommen lassen, habt Ihr erwähnt, dass Ihr mit mir sprechen wollt“, sagte sie in ihrer brüsken, formlosen Art, mit der sie jeden Ashaki beleidigt hätte, die Ishaka jedoch mit der Würde eines Königs ignorierte. Verräter und König mochten zusammenarbeiten, aber sie sahen Ishaka nicht als ihren König, sondern als den Anführer des Volkes, mit dem sie zufällig ein Land teilten. „Worüber wünscht Ihr zu sprechen?“

„Das werdet Ihr erfahren, wenn die übrigen Berater eintreffen“, antwortete der König. „Bis dahin seid Ihr eingeladen, zu Raka und Erfrischungen mit mir mögliche weitere Komplikationen der Reise meiner Tochter zu diskutieren.“

Anjiaka nickte knapp. „Dann lasst uns dies tun.“

„Folgt mir“, sagte Ishaka und nickte zum Palast. Ivasako schloss sich ihnen an. Sie erklommen die kunstvolle Treppe zu den höheren Stockwerken, wanderten durch ein Gewirr aus mit Wandteppichen behangenen Korridoren und erreichten schließlich über eine weitere Treppe das Kuppelzimmer. Sklaven kamen und brachten Raka und Früchte. Die Verräterin ließ sich in dem Sessel nieder, in dem sie immer zu sitzen pflegte, nahm sich eine kleine Platte mit Früchten und scheuchte die Sklaven davon.

„Wenn es nach mir ginge, würden die Sklaven im Palast ihrem Meister und den Gästen nicht mehr das Essen halten“, sagte sie. „Da Ihr so ein gutes Vorbild für den Fortschritt seid, wäre das nicht eine hervorragende Idee, König Ishaka?“

Ishaka, der zum Fenster getreten war, wandte sich um. „Viele Palastsklaven waren bereits Sklaven lange vor der Gesetzesänderung. Sie halten an ihren Routinen fest, weil sie ihnen Struktur geben.“

„Mir dieser Argumentation könntet Ihr jedem Sklaven ein menschenwürdigeres Leben abstreiten“, gab Anjiaka zurück.

„Wollt Ihr mit mir streiten, Anjiaka von den Verrätern?“, fragte Ishaka kühl.

„Wir haben dringendere Probleme, als das. Dennoch hoffe ich, dass Ihr Eure Meinung überdenkt.“

„Die übrigen Berater werden bald eintreffen“, erinnerte Ishaka. „Lasst uns zum Geschäftlichen kommen.“

„Natürlich“, sagte Anjiaka. „Meine Schwestern haben die Gegend ausgespäht, durch die die Eskorte reisen wird. Asara hat Wachposten entlang der Straße nach Kyralia aufgestellt. Auch haben wir uns umgehört, jedoch erfolglos.“

„Was soll das heißen?“

„Dass wir keine Hinweise auf ein Attentat gefunden haben, das wir verhindern müssten.“

„So wie es aussieht, werdet Ihr bald vielleicht mehr Aufregung haben, als Euch lieb ist“, sagte Ishaka.

„Gibt es Gerüchte über einen Angriff auf die Eskorte, von denen ich noch nichts weiß?“

„Ich hatte gehofft, etwas von Euch zu erfahren.“

„Die Ashaki sind allesamt ruhig. Wir haben jene, die Protest erhoben haben, als Ihr Eure Absichten und die des kyralischen Königs öffentlich gemacht habt, lange beobachtet, doch sie haben sich wieder ihren alltäglichen Intrigen zugewandt. Ich bezweifle, dass sie nun plötzlich aufbegehren, nur weil Sayara auf dem Weg zu ihrem Bräutigam ist. Dennoch haben meine Schwestern ein besonderes Auge auf sie.“

„Wissen sie, dass sie beobachtet werden?“

Ein durchtriebenes Grinsen huschte über Anjiakas Gesicht. „Nein. Doch sollte einer aufmucken, wird er das sehr schnell bereuen.“

„Das soll mir reichen“, erklärte Ishaka. „Der Weg zur Grenze ist weit genug für Zwischenfälle. Es war gut, die Eskorte zu verdoppeln.“

Eine halbe Stunde später waren die Ashaki Takiro, Hakaro und Tarko eingetroffen. Letzterer wie so häufig mit seiner Cachira, die Verräterin, die offiziell seine Lieblingssklavin war, war indes nicht mit von der Partie. Takiro war in Begleitung eines sehr attraktiven Sklaven, der allenfalls Anfang zwanzig war, während Hakaro seine Sklaven bei Besprechungen zuhause ließ.

„Ich bin überrascht, Euch schon hier zu sehen, Anjiaka von den Verrätern“, bemerkte Takiro, als er sich in dem Sessel neben Ivasako niederließ. Obwohl sein Haar bereits von Grau durchzogen war, trug er seine farbenfrohen Gewänder als wäre er noch immer in den Dreißigern, wo andere Ashaki im mittleren Alter gedecktere Farben vorzogen.

„Ich wollte wissen, wie es ist, einmal die erste zu sein“, erwiderte Anjiaka liebenswürdig, während sie an einer Marinspalte lutschte.

„Die Prinzessin wurde heute verabschiedet, richtig?“, sagte Hakaro.

„Richtig.“ Ishaka nahm dem Sklaven, der an seiner Seite kniete, den Raka ab und führte den Becher an die Lippen. „Sie ist nun unterwegs mit zehn Palastwachen unter Dikachas Führung und zehn Verrätern unter Lenyakas Führung.“

„Die Gildenmagier nicht zu vergessen“, sagte Anjiaka.

„Die Gildenmagier haben allenfalls genug Magie, um wundgescheuerte Schenkel und Sonnenbrand zu heilen.“ Tarko ließ sich gegenüber seines Freundes und Königs nieder. „Das heißt, sofern sie dieses Wissen besitzen.“

„Harlen ist in der Stadt geblieben“, sagte Ivasako.

„Wieso wurde die Eskorte verdoppelt?“, fragte Hakaro.

„Weil Anjiaka und die Gildenmagier dies für sicherer halten“, antwortete Ivasako. „Ob der Palast von einhundertneunzig oder von einhundertundfünfundneunzig Palastwachen bewacht wird, macht keinen Unterschied. Für die Sicherheit der Prinzessin kann es jedoch ausschlaggebend sein.“

„Eine gute Entscheidung“, sagte der Kriegsmeister. „Besteht Anlass zu der Annahme, dass ein Anschlag bevorsteht?“

„Es ist nur eine Sicherheitsmaßnahme“, sprach der König. „Tatsächlich wünsche ich, etwas anderes zu erörtern. Palastmeister, setzt Anjiaka und die Ashaki ins Bild.“

„Natürlich, mein König.“ Ivasako räusperte sich und setzte sich auf. „Vor zwei Tagen erhielt ich Ashaki Hachikos Bericht über seine Beobachtungen der Ichani. Der Bericht kam eine Woche früher, als gewöhnlich und sprach von einer gewissen Dringlichkeit.“ Er machte eine Pause und blickte zu den Beratern, die seinen Worten gebannt lauschten. „Sareko ist dabei, Verbündete unter den Ichani zu finden. Hachiko sieht darin eine Bedrohung für die an die Ödländer grenzenden Ländereien.“

Hakaro und Tarko nickten düster. Sie, wie alle anderen, glaubten, dass Sareko und ein weiterer Ashaki hinter jenem Mann standen, der vor zweieinhalb Jahren in der Hauptstadt der Kyralier versucht hatte, die Königsmörderin zu töten. Und wie alle anderen kannten sie die Wahrheit nicht: Jener Mann war Ivasakos einstige recht Hand Rikaro gewesen. Sareko und Mikavo hatten zu Ivasakos größten Unterstützern gehört, um Rikaro Hilfe in Form von in Magie unterwiesenen Sklaven zu schicken.

„Jedes Jahr bilden sich Gruppen unter den Ichani. Für gewöhnlich erledigen die anderen Ichani das Problem für uns, weil sie nicht dulden, dass eine Gruppe den anderen überlegen ist“, sagte Takiro wegwerfend.

„Hachiko schreibt, dass diese Gruppe größer sei, als die vorherigen, und dass Sareko wöchentlich neue Anhänger findet“, sagte Ivasako. „Darunter nicht wenige, die unter ihren Freunden und Verwandten mächtige Ashaki haben.“

„Dann könnten sie tatsächlich zu einer Bedrohung werden“, murmelte Hakaro. „Wie viele Mitglieder hat Sarekos Gruppe inzwischen?“

„Als Hachiko das Schreiben sandte, waren es elf. Seitdem sind drei Wochen vergangen. Mittlerweile könnte ihre Zahl gestiegen sein.“

„Das ist die Hälfte der Ichani, die in den Ödländern leben“, murmelte Tarko.

„Mit Hilfe der Verräter oder der Duna wären diese leicht zu zerschlagen“, sagte Hakaro. „Mit der Aussicht, dass einige Ashaki dann möglicherweise sehr unbequem werden, ist jedoch schwer vorauszusagen, was passiert, wenn wir uns der Sache annehmen.“

„Hat Hachiko Namen?“, fragte Takiro.

„Die Mappe mit Hachikos Berichten liegt in meinem Büro“, sagte Ivasako. „Ich lasse sie eben bringen.“

Wenige Minuten später studierten die Berater das Schreiben. Takiro pfiff leise durch die Zähne. „Zu einigen dieser Ichani fallen mir Ashaki ein, die uns tatsächlich Schwierigkeiten bereiten könnten, wenn wir Sarekos Rebellion niederschlagen“, sagte er. „Ichani Dakko hat zum Beispiel einen Bruder, der nicht nur eine kleine Armee mit in Magie unterwiesenen Sklaven besitzt, die sein Anwesen bewachen. Er ist auch einer der größten Rakaanbauer des Landes.“

„Ashaki Dakiro“, sagte Tarko düster. Er beugte sich über die Liste. „Und wenn ich mir das so ansehe, haben wir noch einen Anbauer für Tenn, einen Minenbesitzer mit einem wesentlichen Anteil am Kupfer- und Goldmarkt und einen Tuchmacher, bei dem halb Arvice einkauft. Allein das hat das Potential für einen mittelgroßen Bürgerkrieg.“

„Die Frage ist doch: Würden diese Ashaki Sarekos Gruppe unterstützen?“, fragte Ivasako. „Sie hätten viel zu verlieren, wenn sie das tun.“

„Ich weiß, dass nicht wenige Familienangehörige und Freunde dieser Ichani die Verbannung als unfair empfinden“, sagte Anjiaka. „Insofern sollten wir das Problem ernstnehmen.“

„Und wie gehen wir dann vor?“, fragte Takiro. Er wählte eine Pachischeibe von dem Teller, den sein Sklave hielt, biss davon ab und fütterte den Sklaven mit dem Rest. Anjiaka verdrehte die Augen. „Egal, ob wir Leute von uns oder den Verrätern schicken, die Ichani und ihre Verbündeten würden wissen, von wem der Befehl ist. Selbst, wenn Arikhai dies übernehmen würde, würden sie das.“

„Ich glaube, ich habe eine Idee“, sagte Anjiaka. „Sie ist subtil, aber elegant. Und ich weiß zufällig, dass einige meiner Schwestern in der Zuflucht sich zu Tode langweilen. Allerdings muss ich dafür erst Rücksprache mit Asara halten.“

Und damit hatte sie alle Aufmerksamkeit für sich.

„In letzter Zeit musste ich wieder häufiger an Sari denken“, begann Ishaka, nachdem die Berater fort waren. „Und an ihren Tod. Sie war mir das Liebste auf der Welt und es wurde mir brutal entrissen.“

Er wirkt mitgenommen, dachte Ivasako. Ishaka war kein Mann, dessen Emotionen man an seinem Gesicht ablesen konnte. Es war jedoch offensichtlich, wenn man ihn kannte. Während der Besprechung hatte er diese jedoch hinter einer Maske aus kühler Berechnung verborgen.

„Ihr gehörte Euer Herz“, sagte er. „Das ist etwas, das nur ganz wenige Menschen vermögen.“

„Und es ist mit ihr gestorben.“

„Nein“, sagte Ivasako. „Einst dachte ich so über Marika, doch tatsächlich gehört mein Herz Ienara. Aber es sind zwei unterschiedliche Dinge. In unserem Herzen ist Platz für Menschen, zu den wir die unterschiedlichsten Beziehungen haben. Sayara gehört auch ein Teil Eures Herzens. Und weil sie heute gegangen ist, erinnert Ihr Euch wieder an Sari.“

„Sayara ist mir sehr wichtig. Doch ich bezweifle, dass ich wirklich die Zuneigung zu ihr empfinde, die ein Vater für seine Tochter hegen sollte.“

Überrascht sah Ivasako auf. „Wie kommt Ihr darauf?“

„Ich empfinde keine Zuneigung für ihre Mutter. Ich mag sie genug, um sie in meinen Gemächern zu tolerieren und mich mit ihr zu unterhalten, doch sie könnte niemals ersetzen, was Sari für mich war. Hätte ich eine Tochter mit Sari gehabt, so hätte ich heute anders empfunden. Sayara ist ein Juwel, geschliffen für politische Bündnisse.“

Und doch quälte es ihn, dass sie fort war. „Vielleicht“, sagte Ivasako. „Empfindet Ihr mehr für Eure Tochter, als Ihr glaubt.“

Ishaka schwieg eine Weile. „Was glaubt Ihr, Ivasako?“, fragte er dann. „Wird Anjiakas Plan funktionieren?“

Ivasako nahm sich die Zeit, über diese Frage nachzudenken, hin und hergerissen wie an dem Tag, an dem er die Nachricht erhalten hatte. Doch je länger er darüber nachdachte, desto länger kristallisierte sich eine Wahrheit heraus.

„Ja“, sagte er. „Sarekos Tod ist lange überfällig. Es wird Zeit, das zu ändern.“


***


Die Sonne brannte auf den staubigen Boden mit einer Intensität, die das Potential hatte, die Fruchtbaren Regionen für einige Monate in eine Art zweite Ödländer zu verwandeln. Der Übungsplatz der Palastwache gehörte indes zu den Gebieten, auf denen nichts wachsen konnte.

Nicht jeder Ashaki von Arvice hatte Platz, um seine Sklaven in Magie zu unterweisen oder wollte, dass sein Anwesen dabei beschädigt wurde. Die mächtigen Ashaki zogen es daher vor, für all jene Übungen, bei denen größere Mengen Magie zum Einsatz kamen, vor die Stadt zu gehen. Manche hatten dafür ein Stück Land gekauft. Andere wählten unbesiedeltes Gebiet nahe der Küste.

Und wenn man zufällig der beste Freund des Königs war, hatte man das Glück, dass dieser einem erlaubte, seine Sklaven auf dem Übungsgelände der Palastwachen trainieren zu lassen. Bei zweihundert Palastwachen waren die Zeiten, die das Gelände ungenutzt war, selten und nicht optimal. Mivara fand indes, dass Training unter erschwerten Bedingungen bessere Resultate bei Tarkos Sklaven erzielte, als die kühlen Morgen- und Abendstunden.

Die sengende Hitze verbesserte Mivaras Laune an diesem Tag indes nicht. Tatsächlich hätte sie nicht schlechter sein können.

„Kavo!“, herrschte sie einen der Sklaven an. „Lass deinen Schild nicht andauernd fallen. Und Ari, deine Kraftschläge enthalten noch immer genug Licht, um ein ganzes Anwesen zu beleuchten. Ich begreife nicht, wieso du das nicht lernst. Wer hat dir diese Unart beigebracht?“

„Der Meister“, antwortete Ari unglücklich. „Er hat gesagt, so sehen sie stärker aus.“

Tarko. Natürlich. Mivara mochte eine sehr hohe Meinung von ihm haben, sein magisches Wissen war jedoch wie das aller Ashaki beschränkt. „Ein starker und effektiver Kraftschlag ist transparent“, sagte sie. „Man sieht ihm seine Stärke nicht an. Versteckt zwischen anderen Angriffen kann er dem Gegner entgehen.“

„Ja, Meisterin“, erwiderte Ari und Mivara verdrehte innerlich die Augen.

„Und Kavo! Wenn du nicht absolut sicher bist, dass du deinen Schild schnell genug erneut errichten kannst, lass diese Strategie.“

„Deswegen übe ich sie“, murmelte Kavo.

Mivara wandte sich ab und schritt zu dem nächsten Paar. Kashi und Hasan. „Nein, nein, nein, nein, nein. Ihr kämpft wie niedere Magier. Und damit meine ich nicht die Gildenmagier. Mir ist schleierhaft, wir ihr damit den Angriff auf Mikavos Haus überlebt habt. Ihr seid höhere Magier. Spart eure Magie nicht, indem ihr an eurer Verteidigung spart, sondern macht eure Angriffe effektiver.“

„Ja, Meisterin“, murmelte Kashi.

„So eine Sklaventreiberin“, hörte sie Hasan sagen, als sie weiterging. „Ich sag’ dir, die bildet sich zu viel auf ihre Magie ein.“

Mivara wirbelte herum. Mit nur wenigen Schritten war sie bei Hasan und hatte ihn am Kragen seines magisch verstärkten Harnischs gepackt. „Ich gebiete schon viel länger über Magie, als du Tarko gehörst. Und daher hat dieser mir erlaubt, dich mit allen Mitteln zu unterweisen, damit aus dir eine passable Wache wird. Und wenn ich dich dafür scheuchen muss, wie den Sklaven, der du bist, dann tue ich das. Habe ich mich klar ausgedrückt?“

Hasan nickte furchterfüllt. Mivara wusste, dass sie sich unfair verhielt, doch sie war nicht in der Stimmung für Nachsicht.

Sie war erleichtert, als die Übungseinheit zu Ende war und sie zurück zur Stadt ritten. Mittag war vorüber, die Hitze flimmerte in den Straßen. Mivaras Umhang, der sie vor neugierigen Blicken verbarg, half gegen das Gleißen, trieb ihr jedoch den Schweiß aus allen Poren.

Tarko war nicht zuhause, als sie auf das Anwesen ritten. Auch von Sava, Tashara und Istara war nirgends eine Spur zu sehen. Die anderen Sklavinnen aalten sich unter einem schattigen Baldachin im Garten. Mivara nickte ihnen zu und betrat das Bad des Meisters, wo sie sich in das Marmorbecken gleiten ließ und darauf wartete, dass das heiße Wasser ihre Verspannungen löste. Aus den großen Rundbogenfenstern mit den Mosaiksteinchen entlang des Rahmens strömte eine Brise, die sich auf feuchter Haut angenehm kühl anfühlte.

Während sie sich entspannte, wich Mivaras Aggressivität einem Gefühl von Leere und Verzweiflung. Sie war sehr harsch zu Tarkos Magiern gewesen. Sie war streng und anspruchsvoll, aber niemals unfair.

Und das alles nur wegen diesem verdammten Kereco!

Mivara ballte die Fäuste. Seit zwei Tagen, seit Tarkos irrsinnigem Antrag, brannte der Zorn in ihr, als wären ihre Eingeweide von einem Feuerschlag getroffen worden. Seit fast drei Jahren lebte sie offiziell als Bettsklavin in seinem Haushalt. Er wusste ihre Spionagearbeit für ihn und die Verräter zu schätzen so wie ihre sexuellen Qualitäten und die Unterweisung seiner Wachen. Was maßte er sich an, diesen Zustand zu ändern? Als Asara sie nach zehn Jahren wieder in die Stadt gesandt hatte, hätte Mivara zu Anjiaka gehen können. Stattdessen war sie zu dem Mann zurückgekehrt, der einst zu mehr als ihrem Meister geworden war. Jahrelang hatten sie sich nacheinander verzehrt. Sie hatte sich Tarko mit dem Herzen unterworfen. Ihre Beziehung war mehr als nur Tarnung. Wie konnte er glauben, dass sie glücklicher damit wäre, seine Frau zu sein?

Tarkos Frage war für sie ein Schock gewesen. Wissend, dass sie es nicht übers Herz bringen würde, ihn zu enttäuschen, hatte sie gesagt, dass sie darüber nachdenken müsste. Es schien ihm damit ernst, und als mächtigster Ashaki in Arvice und engster Freund des Königs würde er damit davonkommen, zumal dieser es erlaubt hatte. Asara und Anjiaka würden dies befürworten, weil sie es für unangemessen hielten, dass eine höhere Magierin die Sklavin eines Ashaki war. Wenn sie davon erfuhren …

Mivara ballte die Fäuste und Schweißperlen rannen über ihre Stirn.

Sie würden mir sagen, dass ich meine Arbeit auch als Tarkos Frau fortführen kann. Ich kann spionieren, auch wenn ich nicht mehr an seiner Seite knie. Niemand außer den Verrätern und dem König und seinen Beratern wusste, dass sie keine echte Sklavin war. Sie hatte es im Kopf durchgespielt. Ihre Arbeit würde anders ablaufen, aber sie würde funktionieren. Sie würde einen Platz einnehmen wie Anjiaka und Asara ihn einst in der Stadt innegehabt hatten.

Wenn ich das mache, dann kann ich genauso gut tot sein.

Mivara liebte ihr Leben bei Tarko. Ihre Tarnung bot ihr Freiheiten, die sie als Frau eines Ashaki nicht haben würde. Doch es war auch die Aussicht darauf, wie sich ihre Beziehung zu Tarko verändern würde, die ihr missfiel. Sie beide hatten hart an sich gearbeitet, um Meister und Sklavin spielen zu können und einander auf Augenhöhe zu begegnen. Mivara hatte gelernt, dass sie nicht immer auf eigene Faust und ohne Absprache agieren konnte und Tarko hatte eine harte Zeit gehabt, zwischen Mivara-der-Sklavin und Mivara-der-Verräterin zu differenzieren. Und das sollte sie nach all den Kämpfen, die sie deswegen ausgetragen hatten, aufgeben?

Du bist von der Spalte zwischen deinen Beinen besessen, konnte sie Asaras Stimme hören. Tue endlich, was angemessen ist, und nicht, was deine Triebe dir diktieren.

Du hast deinen Lustsklaven in Magie unterwiesen, und nachdem du Große Mutter geworden bist, sogar in höherer Magie, dachte Mivara. Und das nur, damit er dir im Bett nicht unterlegen ist. Damit war Asara nicht gerade ein leuchtendes Vorbild von Angemessenheit.

Mivara entfuhr ein leises Grollen. Sie war wie ein P’anaal-Weibchen. Sie ließ sich nicht einsperren. Asara brauchte nie davon erfahren. Aber sie war zu wütend, um sich eine Antwort für Tarko zu überlegen. Wie lange konnte sie ihn vertrösten, bis er eine Entscheidung einfordern würde?

Als Mivara eine Stunde später eingeölt, enthaart und mit seidig-weichem Haar in Tarkos Gemächer zurückkehrte, um sich ein frisches und bequemes Gewand zu holen, war dieser immer noch nicht zurück. Stattdessen fand sie Asha auf dem Divan sitzend vor. Und sie wirkte aufgeregt.

„Asha, Liebes. Was ist passiert?“, fragte Mivara.

„Eine Nachricht von Anjiaka. Du sollst wieder Kontakt zur Morgenröte aufnehmen.“

„Hat sie gesagt, warum?“

„Das musst du sie fragen.“

„Nun“, sagte Mivara und tauschte das Kleid, das sie gerade ausgewählt hatte, gegen eine einfache Tunika. „Du glaubst gar nicht, wie sehr mir das gelegen kommt.“


***


An jedem Vierttag gehörte die Arena für einen halben Nachmittag den schwarzen Magiern und Regin und seinen Kriegern. In diesen beiden Stunden simulierten die Krieger einen oder zwei starke Gegner und verbesserten zugleich ihre Fertigkeiten im Kampf gegen schwarze Magier. Obwohl seit dreizehn Jahren Frieden herrschte, hatten sie nie aufgehört, diese Übungen durchzuführen. Die Vergangenheit hatte sie gelehrt, dass es besser war, immer auf das Schlimmste vorbereitet zu sein. Und die Krieger brauchten eine gewisse Sicherheit, dass die beiden schwarzen Magier kontrollierbar waren, als wäre es irgendwie möglich Sonea und Akkarin zu kontrollieren.

An diesem Nachmittag befanden sich jedoch nur vier Magier in der Arena, darunter eine Novizin. Und diese wirkte, als habe sie sich noch nie in ihrem Leben so ausgetobt.

Sonea antwortete mit einem starken Kraftschlag, als Lina mit einem Hagel Feuerschläge ihren Schild attackierte. Obwohl ihr Schild sichtbar erzitterte, ließ Lina sich davon jedoch nicht beirren und griff unbeirrbar weiter an. Ein weiterer Kraftschlag traf ihren Schild von der Seite, stark genug, dass jeder erfahrene Krieger sich diesem Gegner zugewandt hätte. Stattdessen sandte sie einen weiteren Hagel Feuerschläge gegen Soneas Schild. Zwischen ihnen versteckte sie nahezu transparente Kraftschläge. Sonea sah diese jedoch kommen und konterte mit Kraftschlägen ihrerseits, die die Angriffe zu Lina zurückwarfen. Mit einem Fluch warf sich das Mädchen zur Seite.

Sonea hätte mehr Raffinesse von ihrer Schülerin erwartet, doch im Kampf gegen einen überlegenen Gegner interessierte sich niemand für Stil. Erneut ein starker Angriff von der Seite. Aus den Augenwinkeln sah Sonea die steile Falte, die sich zwischen Akkarins Augenbrauen gebildet hatte. Dann sandte er einen Feuerschlag.

Endlich wandte Lina sich ihm zu und griff an. Ihr Kraftschlag war indes nur halb so stark wie jene Angriffe, die sie zuvor auf Sonea projiziert hatte. Sonea nickte zu Regin, der gegenüber von Akkarin seine Position bezogen hatte. Das Oberhaupt der Krieger attackierte Lina mit einem Hagel Feuerschläge. Lina wandte sich um und trieb Regin mit mehreren raschen Kraftschlägen zurück. Dann wandte sie sich wieder Sonea zu und ihre Angriffe gewannen an Stärke.

Sie konzentriert ihre Angriffe auf mich, erkannte Sonea. Im Kampf gegen mehrere schwarze Magier konzentrierte man den Angriff auf einen einzelnen. Dies galt allerdings für den Kampf in einer Gruppe. Kämpfte man alleine, so war man vor allem damit beschäftigt, am Leben zu bleiben.

Ich dachte, sie hätte den Unterschied begriffen.

Während Sonea die Angriffe ihrer Novizin blockte, überlegte sie, wie sie Lina dazu bringen konnte, die anderen Angreifer mehr zu berücksichtigen. Das Problem mit Gegnern, die sich so sehr auf einen fixierten, war, dass die üblichen Strategien bei ihnen nicht griffen.

Sie richtete ihren Willen auf ihr Blutjuwel.

- Hast du eine Idee, wie wir sie von mir ablenken können?

- Ja. Aber sie könnte die Runde beenden.

- Das macht nichts. Ich will sie eine Lektion lehren.

- Nun, denn.

Erheitert zog Akkarin sich zurück. Gespannt wartete Sonea, was als nächstes geschehen würde. Nur ein einziges Mal hatte sie gegen einen Gegner gekämpft, der derart fixiert auf sie gewesen war. Und diesen Kampf hatte sie verloren.

Der Sand in der Arena bewegte sich in Linas Richtung. Lina war jedoch so auf Sonea fixiert, dass sie von alldem nichts mitbekam. Dann schoss der Boden unter ihr mit einem Schwall heißer Luft empor und ihr Schild löste sich auf.

„Die Runde ist vorbei“, erklärte Sonea. „Dein innerer Schild wurde getroffen.“

Für einen kurzen Augenblick verfinsterte sich Linas Miene. Dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. „Hitzeschlag durch den Boden war unfair“, erklärte sie.

„Im Krieg gibt es keine Fairness.“ Akkarin hatte seinen Schild fallengelassen und trat an Soneas Seite. „Für formale Duelle gibt es Regeln, doch was wir hier üben, ist eine Vorbereitung für den echten Kampf.“

Linas Wangen röteten sich und sie sah zu Boden. Anscheinend gefiel es ihr nicht, von ihrem nicht ganz so heimlichen Schwarm zurechtgewiesen zu werden.

„Du hast dich so sehr auf einen Gegner fixiert, dass du darüber nicht mitbekommen hast, was die anderen tun“, sagte Sonea. „Hättest du keinen inneren Schild gehabt, hätte Akkarins Angriff dich töten können.“

„Beim nächsten Mal mache ich es besser“, versprach Lina, noch immer den Blick zu Boden gerichtet.

Sonea nickte. „Du hast sehr viel Magie verbraucht. Ich schlage vor, dass du den Rest der Stunde zusiehst und auf diese Weise ein paar Tricks lernst, wie man sich mehrere starke Gegner möglichst lange vom Leib hält.“ Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Regin ihr einen bösen Blick zuwarf.

„Ich habe noch genug Magie für eine weitere Runde, Mylady“, protestierte Lina.

„Die du mit deinem Ärger über die Niederlage auch zweifelsohne hervorragend bestreiten wirst“, sagte Sonea. „Gib dir die Zeit, den Kampf zu reflektieren und einige Alternativen zu deiner Strategie zu beobachten. Ich erwarte zu unserem Privatunterricht nächste Woche eine vierseitige Analyse.“

„Ja, Mylady“, sagte Lina ohne Begeisterung. Sie verneigte sich und verließ die Arena.

Kopfschüttelnd sah Sonea ihr nach. „Sie kämpft nicht zum ersten Mal gegen mehrere Gegner. Anders als ihre Klassenkameraden hat sie Gegner, die sie angreifen kann, ohne ihnen zu schaden.“

„Sie ist es nicht gewohnt, gegen andere Lehrer als gegen ihre Mentorin zu kämpfen“, sagte Akkarin. „Als sie mich angriff, war es deutlich. Sie hat zu viel Respekt vor mir oder anderen höheren Magiern. Ich nehme an, Ihr habt eine ähnliche Beobachtung gemacht, Regin?“

Regin nickte. „Im Unterricht ist sie ein oder zweimal gegen mich angetreten, als Karrin krank war. Aber auch da war sie vergleichsweise vorsichtig. Wüsste ich nicht, wie sie gegen ihre Klassenkameraden kämpft, würde ich glauben, sie habe von ihren Eskapaden unter ihrem ersten Mentor gelernt.“

Sonea schnaubte leise. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sage. Doch tatsächlich bin ich ein wenig enttäuscht von Lina.“

„Gib ihr Zeit“, sagte Akkarin. „Es ist gut, dass wir diese Übungen mit ihr machen, um ihre Schwächen zu analysieren. Erwarte nicht von anderen, dass sie ihre Schwächen schneller ablegen, als einst du.“

„Ein halbes Jahr vor meinem Abschluss hattet Ihr mir schon sämtliche Schwächen abtrainiert, Hoher Lord“, gab sie zurück.

„Es war eine andere Situation. Und nichtsdestotrotz harte Arbeit.“

Sonea schnaubte erneut. Sie hatte Akkarins harte Schule nicht vergessen. „Lasst uns den Rest der Stunde nutzen, um Lina ein paar Tricks zu zeigen. Sie hat danach Unterricht.“

„Und ich muss noch Strategie unterrichten“, sagte Regin.

„Strategie am Nachmittag?“, rief Sonea. „Die armen Novizen!“

Ihr Freund grinste. „Vierttags spielen wir immer Kyrima.“

Sie bedachte ihn mit einem vielsagenden Blick. „Dann hoffe ich, dass ihr die gelernten Strategien in der Arena nachspielt.“

„Natürlich tun wir das!“

„Dann komm, Regin. Ein kleiner Kampf noch und du kannst deinen Novizen Flausen in den Kopf setzen.“

„Und mich von dir und Akkarin fertigmachen lassen?“

„Wenn du das möchtest, können wir das gerne tun. Ich dachte jedoch eher daran, dass ich mich von euch beiden verprügeln lasse, damit Lina sich in mich hineinversetzen kann“, sagte Sonea.

„Das heißt, ich darf es dir so richtig zeigen?“ Regin grinste, doch als sein Blick zu Akkarin huschte, erstarb das Grinsen.

„Ja“, sagte Sonea. „Zusammen mit Akkarin solltest du eine Chance haben.“


***


Der Waldboden war gesprenkelt von leuchtenden Talern, wo das Sonnenlicht durch die Baumwipfel auf das trockene Laub am Boden fiel. Eine angenehme Brise raschelte in den Bäumen und ließ die Taler tanzen. Hier oben auf den Hängen war die Hitze angenehmer als unten im Tal.

„Wenn ihr euch nachher in euren Quartieren wascht, übt noch einmal, was wir heute gemacht haben“, sagte sie zu der Gruppe aus acht Jungen und Mädchen, die ihr durch das Unterholz folgte. „Aber passt auf, dass ihr euch nicht verbrüht.“

„Das Wasser in unseren Quartieren ist bereits warm“, sagte ein Mädchen. „Warum sollen wir dort üben?“

„Weil Ihr dort keine Fische kochen könnt.“

Für die Übung hatte Danyara ein stehendes Gewässer gesucht, das groß genug war, um jedem ihrer Schüler Platz zum Üben zu geben. Unglücklicherweise kamen dazu nur die Teiche in Frage, in denen die Verräter Speisefische züchteten. Wäre die Lektion so verlaufen, wie Danyara das geplant hatte, wäre alles gutgegangen. Wie sich herausgestellt hatte, war die Kontrolle von zwei Kindern noch nicht weit genug fortgeschritten gewesen und mehrere Fische waren gekocht worden. Danyara hatte sich bei dem Paar, das für die Teiche zuständig war, entschuldigt und ihnen die Fische zum Abendmahl überlassen.

Die Scham über ihr Versagen und die toten Fische brannte in ihren Eingeweiden auf dem Weg bergauf. Die ersten Lektionen ihrer Klasse hatten in den Höhlen und Tunneln des Heimatberges stattgefunden. Als ihre Schüler weit genug für erste Tricks waren, hatte Danyara die Übungen in die Natur verlegt, wo die Kinder anwendungsbezogener lernen konnten. Jetzt fragte Danyara sich, ob sie als Lehrerin überhaupt taugte.

Es war das erste Mal, dass sie unterrichtete. Für gewöhnlich übernahm sie kleinere Aufträge, oft mit ihrer Gefährtin, manchmal allein. Diese waren jedoch in den letzten Jahren immer weniger geworden oder hatten sich in Beobachtungsmissionen verwandelt, bei denen nie etwas geschehen war. Es war ruhig im einst von Konflikten so gebeutelten Sachaka geworden. Danyara genoss die damit verbundene Beschaulichkeit und die immer gleichförmigen Tage. Doch es erweckte in ihr auch das Verlangen, sich für ihr Volk auf andere Weise nützlich zu machen. Enrasa und Musik konnten hochkomplex sein und sie war darin talentierter als die meisten Menschen, die sie kannte, doch beides galt allgemein als Zeitvertreib.

Es gibt sicher bessere Wege für mich, um zu dieser Gesellschaft beizutragen, dachte Danyara. Sie hielt inne, begreifend, dass sie jenseits von Enrasa und ihrer Musik nicht viel zu bieten hatte. Sie konnte allenfalls eine magische Quelle sein. Aber irgendwann nach Marika hatte sie sich geschworen, das niemals wieder zu sein.

Soll ich magischen Kampf unterrichten?, überlegte sie. Nein, auch das war keine Tätigkeit, die sie dauerhaft zufriedenstellen konnte. Beraten wie Alara? Nein, dafür hatte die Große Mutter genug Leute. Zudem gehörte Politik nicht zu den Dingen, mit denen Danyara viel anfangen konnte. Die irrationalen und von eigenem Vorteil getriebenen Motivationen, die jene Disziplin ausmachten, hatten für sie noch nie viel Sinn ergeben und machten sie allenfalls rasend. Aber wohin sollte sie sonst? Der einzige andere Ort, der ihr in den Sinn kam, war Imardin. Aber dort waren keine Verräter stationiert und die einzige Person, wegen der es Danyara dorthin zog, war die, von der sie sich besser fernhielt.

„Wir sehen uns morgen wieder“, sagte sie zu ihren Schülern, als sie den Heimatberg erreichten. „Denkt daran, das Wasser nicht zu erwärmen, während ihr drin seid. Wartet damit, bis ihr diese Fähigkeit ausreichend beherrscht. Wenn ihr eine Schale oder ein anderes Gefäß habt, könnt ihr damit üben.“

„Ja, Meisterin Danyara“, antworteten die Kinder. Danyara mochte die Anrede nicht. Doch bei Verrätern wurden Lehrer förmlich angesprochen, auch wenn dabei das vertrauliche „ize“ verwendet wurde.

„Morgen zeige ich euch dann, wie man Dinge zum Schweben bringt.“

Die Kinder wirkten erfreut. „Bis morgen“, sagten sie und liefen zu ihren Quartieren.

Danyara nahm einen Tunnel am anderen Ende des Eingangs und stieg über in den Fels gehauenen Stufen auf die Ebene, auf der ihr Quartier lag. Währenddessen bemerkte sie, dass sie die gekochten Fische noch immer beschäftigten. Bei Vacca, durch ihre Unachtsamkeit waren Fische gestorben! Es half nicht, sich einzureden, dass sie irgendwann sowieso im Kochtopf gelandet wären. Bis dahin hätten sie noch eine Weile durch die kühlen Teiche gleiten und sich zwischen Wasserpflanzen verstecken und Algen von Steinen nagen können. Was dachten nun die Leute, denen die Teiche gehörten, von ihr?

Als sie ihr Quartier betrat, war sie überrascht, dort eine Frau mit einer kurzen Tunika, engen Hosen und nachtschwarzem Haar vorzufinden. Danyara blinzelte verwirrt. „Ist deine Jagd schon zu Ende?“

„Tatsächlich ja“, sagte Alara. „Aber dazu später mehr. Was quält dich, Liebes?“

In wenigen Worten berichtete Danyara von ihrem Unterricht bei den Fischteichen. „Ich glaube, ich bin eine schlechte Lehrerin“, schloss sie. „Dass ich es geschafft habe, sie Kontrolle zu lehren, grenzt nahezu an ein Wunder.“

„Ach Unsinn!“, rief Alara. „Du unterrichtest zum ersten Mal. Setz dich nicht unter Druck.““

„Ich habe selbst Magie gelernt. Ich dachte, ich wüsste, wie das geht.“

„Wissen zu besitzen und es zu vermitteln, sind zwei unterschiedliche Dinge.“ Alara lächelte aufmunternd. „Vielleicht wäre es besser gewesen, acht Pfützen zu finden und sie an diesen üben zu lassen.“

„Wo bitte soll ich acht Pfützen finden, die nahe genug beieinander sind, dass ich alle Schüler im Blick habe?“, fragte Danyara.

„Du könntest sie ausheben. Oder das die Kinder selbst machen lassen.“

„Damit sie sich schmutzig machen?“

„Mit Magie.“

„So weit sind sie noch nicht.“

„Dann zeige ihnen morgen, wie man mit Magie ein Loch aushebt.“

Danyara verzog das Gesicht. „Für morgen habe ich ihnen schon die Levitation von Objekten versprochen.“

„Dann verschiebe die Lektion um einen Tag. Es hilft nichts, sie etwas Neues zu lehren, wenn sie das Alte noch gar nicht beherrschen.“

Danyara seufzte leise. Alara hatte recht. Und irgendwie war das deprimierend. „Du bist so weise, dass ich mich manchmal frage, was du eigentlich mit mir willst“, sagte sie.

Alara verdrehte die Augen, was bei ihr immer ein wenig lustig aussah, und kam auf sie zu. „Ach Danyara!“, sagte sie und schloss Danyara in ihre Arme. „Vielleicht bin ich weiser als du, aber deswegen bist du ganz sicher nicht dümmer als ich. Und du besitzt Qualitäten, für die ich dich wiederum beneide.“

„Wie was?“

„Dein musikalisches Talent. Deine strategisches Denken beim Enrasa, mit dem du selbst die geduldigste Person zur Weißglut treibst. Die Fähigkeit zu träumen.“ Alara lächelte. „Seit mein Vater mich Marika geschenkt hat, hatte ich keine Träume mehr. Mein Leben mag fast immer gut gewesen sein, aber ich war in der Realität angekommen. Wo ich pragmatisch und zynisch bin, hast du dir einen beneidenswerten Idealismus bewahrt.“

„Und du bist gerade viel romantischer, als du von dir immer behauptest“, bemerkte Danyara. Vielleicht war es gar nicht so schlimm, wenn sie ihren Lehrplan anpassen musste. Wenn ein Plan nicht funktionierte, musste er geändert werden. Mit der Aussicht, dass ihr neuer Plan besser sein würde, war der Gedanke gar nicht mehr so unerfreulich.

„Aber nun lass uns baden und währenddessen erzählst du mir von deinem Tag“, sagte sie.

Augenblicklich wurde Alara ernst. „Dann sollten wir hier baden.“

„Warum?“ Etwas in Alaras Reaktion alarmierte Danyara. Und sie beschlich das ungute Gefühl, dass jetzt ein sehr unangenehmes Gespräch folgen würde.

Alara nahm einen tiefen Atemzug. Dann zog sie Danyara zum Bett. „Heute Nachmittag rief Asara mich und einige ihrer besten Spioninnen und Söldnerinnen zu sich“, begann sie, nachdem sie sich auf der Bettkante niedergelassen hatten. „Sie berichtete uns, dass eine Gruppe Ichani allmählich gefährlich wird. Sie muss gestoppt werden, doch dies könnte einen Bürgerkrieg nach sich ziehen, weil einige dieser Ichani mächtige Freunde unter den Ashaki haben.“

„Oh“, machte Danyara. Ihre Welt geriet ins Wanken, als sie eine dunkle Vorahnung beschlich. „Und Asara schickt euch, um sie aufzuhalten?“

Alara schüttelte den Kopf. „Sie würden wissen, dass der König dahintersteckt. Aus demselben Grund kann er Arikhai und seine Sandreiter nicht fragen.“

„Und was plant Asara dann?“, fragte Danyara. Das alles kam so plötzlich, dass sie sich in einem bösen Traum gefangen fühlte. Keine Stunde zuvor hatte sie sich ein wenig Aufregung gewünscht und jetzt bestand die Gefahr eines Bürgerkriegs? „Dass ihr sie beobachtet?“

„Nein.“ Alaras Kiefermuskeln verhärteten sich. „Sie schickt uns, um uns unter die Ichani zu mischen und dafür zu sorgen, dass sie einander bekämpfen.“

Danyara sah zu dem Faltenwurf der Bettvorhänge, während die Implikationen von Alaras Worten den vertrauten Sturm in ihr auslösen, der ihre Träume und Pläne der nächsten Wochen ins Chaos stürzte. Alara würde auf unbestimmte Zeit fortgehen. Auf eine äußerst gefährliche Mission. Und wenn sie das nicht tat, würde mehr als nur Danyaras Welt ins Chaos stürzen. „Ihr wollt diese Ichani-Gruppe infiltrieren?“, entfuhr es ihr.

„Wenn das einem von uns gelingt, auch das. Tatsächlich hat das Vereinen der übrigen Ichani Priorität. Wir wollen, dass sie gegen diese Gruppe kämpfen. Asara hat schon länger mehr keine von uns ausgestoßen. Ein paar unserer ehemaligen Schwestern würden sich unserer Sache vielleicht anschließen. Die übrigen Ichani würden folgen, wenn sie merken, dass wir genug sind, um zu gewinnen. Wir werden auf jeden Fall ein glaubhaftes Motiv haben.“ Alara lächelte auf die subtile Weise, mit der sie sonst nur lächelte, wenn jemanden zu einer Cachika verführte. „Dass wir keine Gruppe von Männern unser neues Zuhause regieren lassen.“

Danyara zog ihre Beine gegen die Brust und schlang ihre Arme darum. „Und wenn das schiefgeht? Was, wenn sich die übrigen Ichani dieser Gruppe anschließen?“

„Dann können wir immer noch kämpfen und sie nach Möglichkeit dezimieren und versuchen, den Anführer zu töten. Die Ichani mögen ein paar Sklaven haben, aber wir sind ihnen magisch überlegen.“

Trotzdem war dies ein Selbstmordkommando. Und Danyara war damit alles andere als einverstanden. Ihre Finger trommelten gegen ihre Schienenbeine, während ihr Geist nach einer Lösung suchte, die es nicht gab.

„Ich komme mit dir.“

„Das wird Asara nicht zulassen. Du siehst zu kyralisch aus. Außerdem hast du deine Schüler.“

„Die mit einem anderen Lehrer besser dran wären.“

„Du kannst mich nicht begleiten, Dany.“ Alara streckte eine Hand aus und strich über Danyaras Wange. „Nicht dieses Mal.“

Danyara seufzte leise. Sie würde keinen ruhigen Augenblick haben, bevor Alara nicht wohlbehalten zurückgekehrt war. Sie nahm Alaras Hand und küsste die Innenfläche.

„Wann brecht ihr auf?“

Alara zog Danyara in eine feste Umarmung. Ihre Antwort bestätigte Danyaras schlimmste Befürchtungen.

„Morgen.“


***


In der Nacht war ein kräftiger Regen niedergegangen und hatte die Straßen der Hüttenviertel in Schlamm und Pfützen verwandelt. Die Wolken hatten sich am Morgen Richtung Osten zerstreut und der Tag war angenehm warm geworden. Auch jetzt, wo sich der Nachmittag dem Abend neigte und die Verkäufer auf den Märkten nur noch gammelige Ware anboten, war der Weg an vielen Stellen schlammig.

Nach all den Krankenhäusern, Schulen, einem Wasserleitungssystem und all den anderen Dingen, die der König für uns getan hat, wären gepflasterte Straßen eine gute Sache, dachte Cery den Matsch an seinen Stiefeln betrachtend. Die Beine seines Pferde sahen nicht besser aus, von den Hufen ganz zu schweigen. Er war nur einmal abgestiegen, um dem Pferd über eine besonders schlammige Kreuzung in einem anderen Bezirk zu helfen, die von zahlreichen Karren und Pferden und Gorin völlig aufgeweicht war.

Hätte Cery das gewusst, hätte er den Weg durch die Tunnel genommen. Gorins Nachricht hatte jedoch auf eine Angelegenheit der Stadtwache hingedeutet. Also nahm er auch den offiziellen Weg.

Lana schien von den Straßenverhältnissen ähnlich angewidert. Auch wenn man in den Hüttenvierteln lebte und aufgeweichte Straßen nach Regen gewöhnt war, fanden allenfalls Kinder daran Freude.

Eine Horde dieser rannte, wie um Cerys Gedankengang zu bestätigen, durch die Straße auf sie zu, von unten bis oben mit Schlamm bespritzt. Sie bogen in eine Seitengasse ein. Wenig später folgte eine zweite Horde schreiend. Sie lief an der Gasse vorbei, bis ein Mädchen hineindeutete. Cery konnte ihr Geschrei gedämpft zwischen den Häusern hören, als er weiter ritt.

Grinsend sah er wieder nach vorne. Für sie wären gepflasterte Straßen womöglich das Ende ihrer Kindheitsträume.

Wenig später tauchte das Wachhaus von Gorins Bezirk vor ihnen auf. Ein wenig steifbeinig saß Cery ab. Sein Kampf mit Zavako hatte ihm einige Blessuren beschert. Wie viele, hatte er jedoch erst bemerkt, als er an diesem Morgen aufgestanden war.

Ich werde mir Metallkappen in meine Schuhe machen lassen, dachte er. Am vergangenen Abend hatte er gesehen, wie Zavako Tritte einsetzte. Da Cery viel kleiner und leichter war, würde er etwas brauchen, das seinen Tritten einen größeren Effekt verlieh.

Er und Lana banden ihre Pferde an ein dafür vorgesehenes Geländer und betraten das Gebäude. So wie Cerys Wachhaus war das von Gorin einst ein Bolhaus gewesen. Bei Limek und Sevli, die die Märkte kontrollierten, waren es ehemalige Herbergen und Zill, die nicht nur der einzige weibliche Dieb, sondern auch die einzige weibliche Stadtwache in einer Führungsposition war, hatte ein leerstehendes Bleibehaus übernommen. Einzig Ravi rühmte sich damit, dass sein Wachhaus zuvor ein Hurenhaus gewesen war.

Als die Diebe die Aufgaben der Stadtwache im Äußeren Ring übernommen hatten, waren diese Gebäude nur als Übergangslösungen im Gespräch gewesen. Cery und seine Kollegen hatten sich jedoch geweigert, ihre Wachhäuser in Neubauten zu verlegen. Denn dort hätten sie keinen Zugang zur Straße der Diebe gehabt.

Der Anblick der teils gelangweilten, teils angespannten Menschen auf den Bänken im Empfangsraum, die darauf warteten, dass sich jemand um ihr Anliegen kümmerte, war Cery nur allzu vertraut. Eine gelangweilte Stadtwache hinter einem Schreibtisch nahm die Anliegen der Besucher auf und führte eine Anwesenheitsliste. Cery lächelte verständnisvoll, als er in dem Mann eines von Gorins besten Messern erkannte.

„Wieder Innendienst heute, Dagin?“

Der Mann grunzte eine Antwort. „Der Nachteil, wenn man Lesen und Schreiben kann. Meine Ma hätte sich nicht mit diesem Kaufmann einlassen sollen.“

„Es kann nie schaden, ‘ne Fähigkeit zu besitzen, die über die eigentliche Tätigkeit hinausgeht“, erwiderte Cery.

„Stimmt schon. Bis jetzt hat’s mir jedoch nur Schreibtischarbeit beschert.“ Dagin nickte zu dem Korridor, der zu den Verhörräumen führte. „Ich nehme an, du bist wegen der Leiche hier?“

„Leiche?“, wiederholte Cery. „Davon hat Gorin nix erwähnt. Nur, dass ich mir mal was angucken soll, was mit einem meiner Fälle zu tun haben könnte.“

„Dann weißt du’s jetzt.“ Dagin erhob sich. „Ich bring’ dich zu ihm.“ Er warf einen Blick zu Lana. „Dein Messerchen auch?“

„Das Messerchen ist meine Leibwächterin und lernt von mir das Handwerk der Stadtwache“, sagte Cery scharf.

„Also ja.“

„Ja.“

Mit hochgezogenen Augenbrauen kam Dagin hinter dem Schreibtisch hervor. Der Mann hatte schon für Gorin gearbeitet, als Cery das Diebeshandwerk unter Faren gelernt hatte. Obwohl er inzwischen auf die fünfzig zugehen musste, wirkte er fitter als der durchschnittliche Hüttenbewohner in diesem Alter. Ihm war jedoch auch anzusehen, dass ihn der Dienst am Empfang nicht auslastete.

Anstatt zu Gorins Büro im Obergeschoss wandte Dagin sich zu den Verhörräumen. Nachdem sie drei Türen passiert hatten, hielt er vor der vierten Tür und klopfte. Die aufgeregten Stimmen darin erstarben. Schritte kamen näher und Gorin steckte den Kopf aus der Tür.

„Ja?“, fragte der Dieb.

„Ceryni’s da“, teilte Dagin ihm mit.

„Gut.“ Gorin sah zurück in den Verhörraum. „Hol jemanden, der auf ihn aufpasst. Ich werde ihn später weiter verhören. Vielleicht ist er dann gesprächiger.“

Nachdem ein weiterer von Gorins Männern eingetroffen war, führte Gorin sie in sein Büro, das eher dem Arbeitsplatz eines Diebes als dem eines Captain der Stadtwache ähnelte. Ein gemütlicher Sessel stand hinter einem mit Schnitzereien verzierten Schreibtisch und auf dem Boden lag ein dichtgewebter Teppich. Die Stühle vor dem Schreibtisch waren mit denselben Schnitzereien verziert und hatten eine gepolsterte Sitzfläche. Das Rakageschirr auf einer Anrichte war aus weißen Vinporzellan und mit Goldrand verziert und teuer genug, dass ein durchschnittlicher Captain sich das nicht leisten würde.

„Du lebst hier wie ein König“, bemerkte Cery, als er sich auf einen der Stühle setzte. „Findest du es nicht ein bisschen riskant, den Dieb auf diese Weise raushängen zu lassen?“

Grinsend legte Gorin die Füße auf den Tisch. „Jeder weiß, dass ich ein Dieb war. Wieso sollte ich mir meinen Arbeitsort nicht angenehm gestalten? Ich finanziere den Kram hier ja nicht aus Steuergeldern.“

„Aber gewiss aus Schutzgeldern und Gefälligkeiten.“

„Dass die eine oder andere Gefälligkeit dabei ist, kann schon sein. Der Teppich ist von ’nem Händler, der mal ausgeraubt wurde. Ein Geschenk.“

„Natürlich“, sagte Cery. „Und das Porzellan hast du auch nicht aus Vin geschmuggelt, sondern aus dem Räumungsverkauf einer Luxusherberge für Reisende aus Vin.“

„Exakt.“

Cery hüstelte. „Also Gorin, was ist das für ‘ne Leiche und mit welchem meiner zahlreichen offenen Fälle hat sie zu tun?“

„Also …“, Gorin warf einen irritierten Blick hinter Cery. „Was ist mit deinem Messerchen? Will die sich nicht setzen?“

„Ich bin Cerys Leibwächterin“, sagte Lana scharf.

Grinsend wandte Cery sich um. Lana hatte die Arme vor der Brust verschränkt und stand mit grimmiger Miene hinter ihm. „Das ist kein Treffen der Diebe, Lana“, sagte er. „Auch wenn die eine oder andere Angelegenheit vielleicht angesprochen wird. Wir sind als Ermittler hier. Also setz dich.“

„Nur, weil du das sagst“, flötete sie und setzte sich.

„Hai!“, rief Gorin. „Nicht so frech zu deinem Chef und Captain, Kleine!“

„Solange sie mich respektiert und mir in den richtigen Situationen gehorcht, kann sie so frech sein, wie sie will“, sagte Cery.

„Nun denn.“ Gorin griff nach einer Mappe und öffnete sie. „Meine Leute haben die Tote heute Morgen gefunden. Sie hat keine Wunden oder Blutergüsse; nix, was darauf hinweist, dass sie umgebracht wurde. So wie sie aussah, war sie nicht länger als einen halben Tag tot. Anzeichen der meisten Vergiftungen hätten wir noch gefunden.“

Cery horchte auf. Er hatte eine Nachricht über seinen Fund von Anfang der Woche an die anderen Diebe geschickt. Serienmörder beschränkten sich selten auf einen Bezirk, was ihre Ergreifung erschwerte. Er hatte gehofft, dass einer seiner Kollegen einen vergleichbaren Fall hatte.

„Wo wurde die Leiche gefunden?“, fragte er.

„In ’ner belebten Straße. Ein Stück weiter ist ’ne Schule. Es waren Kinder, die sie auf dem Weg dorthin entdeckt haben.“

„Lag sie schon da oder tauchte sie plötzlich auf?“

„Sie lag schon da. Kann aber noch nicht lange gewesen sein. Die Kinder, die wenig vorher dort lang kamen, haben nix gesehen.“

„Fast wie bei der Leiche, die meine Leute Anfang der Woche gefunden haben. Und es gab wirklich nix, was auf die Todesursache hinweist?“

Gorin schüttelte den Kopf. „Die Frau war keine dreißig und sah gesund aus. Daher glaube ich nicht, dass es ein natürlicher Tod war.“

Ohne Magier würden sie bei der Ermittlung der Todesursache nicht weiterkommen. Doch für den Augenblick interessierten Cery andere Dinge mehr. „Seit ein paar Monaten bin ich an ‘ner Mordserie dran, bei der Leichen an belebten Stellen abgelegt werden. Bis zu dieser Woche waren sie immer entsprechend zugerichtet und die Todesursache erkennbar. Die ersten fünf starben mit einem Dolchstoß ins Herz, den fünf, die darauf folgten, wurde die Kehle durchgeschnitten, die nächsten fünf wurden aufgespießt. Scheint fast, als würde er seine Strategie ändern.“

„Was macht dich sicher, dass es nicht ein anderer Mörder ist?“, fragte Gorin.

„Serienmörder wollen gefasst werden. Wenn es ihnen auf die eine Weise nicht gelingt, versuchen sie es auf ‘ne andere. Deswegen legt er die Leichen auch da ab, wo jeder sie sofort sieht.“

„Und warum sollte er dann die Todesursache noch schwieriger zu erkennen machen? Das klingt eher, als wolle er den Verdacht von sich lenken.“

„Hm“, machte Cery. Gorin hatte mit seinen Worten nicht ganz unrecht.

„Inava hat Squimps früher nach einem bestimmten Muster getötet“, sagte Lana. „Jeder wusste, von wem der Denkzettel stammt, und wenn es zu auffällig wurde, hat sie es geändert.“

„Das hat jeder von uns, Schätzchen“, brummte Gorin. „Und wir alle kennen unsere Muster.“

„Vielleicht versucht jemand den Untergrund an sich zu reißen“, sagte Cery. „Nicht, dass wir das nicht schon oft genug gehabt hätten.“

„Wir hätten davon von Faren erfahren.“

„Es muss ja kein neuer Dieb sein“, sagte Lana. „Vielleicht ist es nur jemand, der beim Eintreiben von Schulden sehr hart vorgeht.“

„Davon würde es genug geben“, stimmte Gorin zu.

„Als ob das nicht schlimm genug wäre“, sagte Cery. „Erst diese Woche hatte ich wieder einen solchen Fall. Dieser Faust- und Messerkampfklub geht ziemlich skrupellos vor. Aber diese Leute wissen auch, was passiert, wenn sie dabei eine Grenze überschreiten, weswegen ich sie noch nicht drankriegen konnte.“

„Mörder wissen auch, dass sie der Galgen erwartet und morden trotzdem“, sagte Gorin. „Wenn jemand ‘nen Mörder als Schuldeneintreiber einstellt, hätten wir das Problem schneller als wir denken können.“

„Vielleicht“, sagte Cery. „Sollten wir diesem Kampfklub mal ‘nen Besuch abstatten. Aber vorher wäre eine professionelle Meinung zu dieser Leiche sinnvoll.“


***


„Sonea.“

Gleich. Nur noch dieser eine Absatz …

„Sonea. Ich habe mit dir gesprochen.“

Unwillig sah Sonea von dem Buch auf ihrem Schoß auf. Gayend drohte gerade seinem Vater, dem hinterhältigen Dem Andrassani, ihn in einem magischen Ritual zu opfern, wenn er sich weiterhin in seine Politik einmischte. Daraufhin hatte dieser eine Drohung ausgesprochen, die Sonea das Schlimmste befürchten ließ: Gayend war kurz davor, mit seiner ewigen Liebe, der schönen Karina zusammenzukommen, nachdem diese einen Brief erhalten hatte, in dem Gayends Mutter vor ihrem Tod einige Dinge über ihren Sohn richtiggestellt hatte. Doch nun schien es so, dass Dem Andrassani einen Assassinen zu Karina schicken wollte, um die Hochzeit mit Gayend zu verhindern. Statt Karina sollte Gayend ein blutjunges Mädchen heiraten, das Sonea aus dem ersten Band als kleines Biest in Erinnerung hatte.

„Entschuldige“, sagte sie. „Ich war so versunken.“

„Das habe ich gemerkt.“ Akkarin stand vor ihrem Sessel, die Arme vor der Brust verschränkt und musterte sie missbilligend. „Ich hatte dich aufgefordert, dich für den Abendsaal fertigzumachen. Nach unserem Nachmittag in der Arena werden die Magier viel zu diskutieren haben und wir sollten mögliche Gerüchte richtigstellen.“

Sonea hatte noch nie weniger Lust gehabt, in den Abendsaal zu gehen. Und sie war es leid, dass die Magier immer alles totdiskutieren mussten, nur weil in ihrem Leben nichts Aufregendes geschah.

„Regin wird dort sein. Er kann ihnen ebenso von Linas Unterricht erzählen.“

„Aber du bist ihre Mentorin.“ Akkarin schüttelte den Kopf. „Ich dachte immer, es wäre mir gelungen, dich für Bartoli zu begeistern. In seine Bücher warst du jedoch nie so versunken.“

„Du hast mich für Bartoli begeistert. Aber seine Bücher sind so metaphorisch, dass man elynische Literatur studiert haben muss, um sie zu verstehen, von der veralteten Sprache einmal abgesehen. Das macht sie nicht gerade zu einem heiteren Zeitvertreib.“

„Wie auch immer. Geh und mach dir deine Haare. Ich warte solange unten.“

Mit einem unterdrückten Seufzen klappte Sonea das Buch zu und stand auf. „Ich werde mich beeilen. Und wenn wir zurück sind, gehöre ich ganz dir.“

Akkarins Mund verzog sich zu einem Lächeln und die Piratennarbe bewegte sich mit. „Das ist das mindeste“, sagte er und ließ Sonea wünschen, sie müssten nicht in den Abendsaal.

Das Buch gegen die Brust gedrückt verließ sie die Bibliothek. Auf halbem Weg zur Tür bekam Akkarin ihren Arm zu fassen. „Hast du nicht etwas vergessen?“

Verwirrt hielt Sonea inne.

Akkarin beugte sich zu ihr hinab und küsste sie. „Und jetzt beeil dich“, sagte er und zwickte sie ins Hinterteil.

Grinsend verließ Sonea die Bibliothek. Ja, das würde noch ein interessantes Nachspiel haben.

In ihrem Schlafzimmer ließ sie das Buch zu ihrem Nachttisch schweben und trat vor die Kommode. Hinter den Fenstern war der Abend heraufgezogen. Es war tatsächlich schon später, als sie geglaubt hatte. Wieso verging die Zeit beim Lesen immer so schnell?

Sonea griff zu einer Bürste und kämmte ihr Haar glatt. Wenn sie ihre Haare wieder so flocht, wie sie sie den Tag über getragen hatte, würde sie viel Zeit brauchen. Sie zu einem einfachen Knoten hochzustecken war hingegen eine Angelegenheit von wenigen Minuten. Auch wenn dann der halbe Abendsaal wieder denken würde, sie und Akkarin hatten Sex gehabt – insbesondere im Zusammenhang mit ihrem späten Erscheinen. Seit Dorrien einmal versehentlich ihre Unterarme erblickt hatte, war ihr Sexleben in der Gilde kein Geheimnis mehr.

Während sie sich frisierte, fragte sie sich, welche Fortsetzung sie bei ihrer Rückkehr mehr herbeisehnte: die von Gayend oder dem Spiel, das keines war. Mit beidem konnte man einen ganzen Abend füllen, mit dem Abendsaal jedoch unerfreulicherweise auch. Insbesondere, wenn sich das Thema um eine katastrophale Unterrichtsstunde drehte. Nach dem Unterricht hatte Sonea noch mit Akkarin diskutiert, der ihr gesagt hatte, dass sie als Lehrerin nicht versagt hatte und es einzig eine Frage ihrer Erwartungshaltung war. Sonea begriff, dass ihre hohen Ansprüche durch Akkarin entstanden waren, der einst ähnlich hohe Ansprüche an sie gestellt hatte. Allerdings war sie anders gewesen als Lina.

Aber vielleicht wollen sie auch über Lorlens neuste Eskapaden reden, dachte sie dann. Nicht, dass das so viel erfreulicher wäre.

- Wenn du fertig bist, komm in den Keller.

Sonea zuckte zusammen, als ihre Finger abrutschten und sie die Haarnadel in die Kopfhaut trieb.

- Warum?

- Das erfährst du dann.

Akkarins Präsenz zog sich zurück und Sonea murmelte einen Fluch. Das war wieder einmal typisch. Und es verhieß nichts Gutes, wenn er sie vor dem Abendsaal dort sehen wollte.

Mit klopfendem Herzen und einer quälenden Vorahnung betrat sie wenig später den Keller. Doch anstatt der erwarteten Utensilien lagen die beiden schwarzen Umhänge auf dem Tisch. Nach ihrem letzten Ausflug in die Stadt hatten sie diese im Keller gelassen. Doch auch diese verhießen nichts Gutes.

„Unsere Anwesenheit wird in Gorins Bezirk verlangt“, teilte Akkarin ihr mit. „Und ich würde sagen, dieses Verlangen ist stärker, als das des Abendsaals.“


***


Trotz des lauen Sommerabends war der Abendsaal gut gefüllt. Allerdings war die Luft dementsprechend stickig. Angesichts der Dinge, die sich in dieser Woche in der Gilde ereignet hatten, und der bevorstehenden Begegnung der sachakanischen Prinzessin und König Merin – einem Thema, das diskutiert wurde, seit die Gilde ihre Delegation nach Sachaka geschickt hatte – kam das für Rothen nicht überraschend.

Nun vielleicht sorgen die Eskapaden gewisser Novizen dafür, dass sich im Kreis drehende Spekulationen über dieses politische Bündnis heute in Grenzen halten.

„Ich muss gestehen, ich bin überrascht, dass sie dich gehenließ.“ Rothen trank einen Schluck Wein und sah sich um. „Normalerweise ist das doch immer ein kleiner Machtkampf.“

„Luzille ist heute Abend beschäftigt“, sagte Farand.

Irgendetwas in seiner Stimme ließ Rothen aufhorchen. Es schien, als wäre Farand das Thema unangenehm. Er und Luzille hatten eine Abmachung, nach der Farand jeden zweiten Vierttag in den Abendsaal durfte und an dem anderen Luzille zur alleinigen Verfügung stand. An diesem Abend wäre Letzteres der Fall gewesen und so war Rothen umso überraschter gewesen, als Farand plötzlich vor seiner Tür gestanden und gefragt hatte, ob sie sich unter die Magier mischen wollten.

Dass Luzille für ihren Mann zu beschäftigt war, war ungewohnt.

Sich umblickend senkte Rothen die Stimme. „Sie betrügt dich doch nicht etwa?“

Heftig schüttelte sein Freund den Kopf. „Es ist eher so, dass sie momentan ganz versessen darauf ist, Oyend und Desslie Gutenachtgeschichten vorzulesen.“

Das klang noch merkwürdiger und so gar nicht nach Luzille. „Sind Oyend und Desslie dafür inzwischen nicht ein bisschen zu alt?“, fragte Rothen.

„Für Abenteuerromane ist man nie zu alt“, erklärte Farand.

„Und ich hatte Luzille immer als Romanzenleserin eingeschätzt.“

„Normalerweise ist sie das auch. Allerdings nur von dieser Schriftstellerin, die ihre Romane immer an diesem einen Küstenstreifen im Süden Kyralias spielen lässt.“

„Nun“, sagte Rothen. „Genieß die Zeit, solange sie dauert, und erfreue dich an dem Klatsch und Tratsch der Magier.“

„Das sollte ich wohl“, sagte Farand. „Aber zugleich ärgere ich mich auch ein wenig, weil das unser Abend gewesen wäre.“

„Dieser Abenteuerroman ist doch sicher irgendwann zu Ende, oder?“

„Naja, es gibt insgesamt vier.“ Farand wirkte gequält. „Und es heißt, der Schriftsteller schreibt gerade an einem fünften.“

„Bis dahin ist ihnen gewiss langweilig geworden“, erwiderte Rothen. „Doch nun lass uns ein paar Gerüchte aufschnappen.“

Farands Augen verengten sich. „Seit wann bist du darauf so versessen?“

„Seit ich festgestellt habe, wie amüsant das sein kann.“ Rothen nickte zu einer Sitzgruppe, in der die üblichen vertrauten Gestalten saßen. „Komm, hören wir, was die höheren Magier diskutieren.“

„Da unsere Plätze belegt sind, ist das allemal besser, als sich Lord Kerrin oder Lady Caelia anzuschließen“, bemerkte Farand und folgte ihm durch die Menge.

„Wo sind der Hohe Lord und Sonea?“, fragte Rothen, nachdem er Vinara, Regin, Peakin und Osen begrüßt hatte. „Ich hatte damit gerechnet, sie hier heute vorzufinden.“

„Vielleicht macht Lorlen wieder Ärger“, überlegte Regin. Wann immer Akkarin nicht im Abendsaal war, belegte das Oberhaupt der Krieger den Sessel, der inoffiziell als Akkarins Sessel galt.

„Hoffentlich nicht!“, rief Lady Vinara. „Lady Indria hat sich bei mir über sein Verhalten in ihrem Unterricht beschwert. Kaum, dass er und seine beiden Erzfeinde vom Rektor zurück waren, haben sie sich in Heilkunst weiterhin angegiftet. Sie waren schlau genug, nicht wieder zum Rektor zu müssen, aber Indria hat jedem von ihnen eine Strafarbeit aufgegeben. Die Arme war völlig entnervt!“

„Ich dachte, Akkarin hat ihn unter Kontrolle“, sagte Rothen. Der Teil mit Indria war ihm neu. Die Strafe, die Akkarin seinem Sohn auferlegt hatte, hatte sich jedoch innerhalb eines Nachmittags in der gesamten Universität herumgesprochen.

„Es sind Novizen“, sagte Lady Vinara. „Und diese Feindschaft besteht seit Lorlens erstem Tag. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie erneut aufeinander losgehen. Wir können froh sein, dass Akkarin sein Mentor ist. Ich will lieber nicht wissen, wie das abgelaufen wäre, wenn er von einem anderen Magier betreut würde!“

„Wenn Lorlen sich wehrt, wird das einen guten Grund gehabt haben“, sagte Rothen und erntete damit ein Stirnrunzeln von der strengen Heilerin.

„Es wäre besser gewesen, Lorlen erst jetzt zur Universität zu schicken“, sagte Regin. „Oder vielleicht sogar noch ein Jahr länger zu warten, bis er das Durchschnittsalter unserer Erstjahresnovizen erreicht hat.“

„Geht das schon wieder los?“, stöhnte Peakin. „Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, das hätte etwas geändert! Der Junge würde jede Menge aufgestautes Temperament mitbringen und genauso Unruhe stiften, wie er es bis jetzt getan hat.“

Angesichts seiner Eltern wunderte Rothen das nicht. „Lorlens Erziehung ist die Angelegenheit von Akkarin und Sonea“, sagte er. „Vielleicht sollten wir es dabei belassen und nicht so tun, als wären wir die besseren Eltern.“

„Da habt Ihr recht“, pflichtete Vinara ihm bei. „Nicht jedes Kind lässt sich bändigen.“

Und ganz besonders nicht dein Sohn, fügte Rothen in Gedanken hinzu. Dorriens entnervende Eskapaden hatten sich mit dem Erreichen der Lebensmitte endlich gelegt. Hin und wieder, wenn er zur Gilde kam, war er schwierig, doch diese Gelegenheiten waren selten geworden. Jeder wurde mit dem Älterwerden ruhiger.

„Es ist jedoch ein Thema, wenn das Kind den Unterricht stört und die Universität demoliert.“ Rektor Jerrik war zu ihnen getreten. Obwohl ein paar Jahre älter als Rothen, war er noch rüstig und befand es nicht für nötig zu sitzen. „Und dann müssen entsprechende Konsequenzen gezogen werden.“

„Dennoch obliegt die Erziehung eines Kindes seinen Eltern und ab dem Beitritt zur Gilde dem Mentor, sofern das Kind einen hat“, sagte Rothen scharf. „Und Lorlen hat das seltene Glück, beides zu haben.“

„Vielleicht ist das der Fehler“, gab Jerrik zurück.

„Ich bin sicher, Akkarin wäre an Eurer Analyse sehr interessiert“, erwiderte Rothen, woraufhin Farand ein Glucksen unterdrückte.

Jerriks Miene verfinsterte sich und er schwieg.

Einen Schluck Wein trinkend sah Rothen zu Regin. „Ich habe gehört, meine ehemalige Novizin hatte heute mit Euch und den schwarzen Magiern eine Übungsstunde?“

Regin nickte wichtigtuerisch. „Allerdings.“

„Wie hat sie sich gemacht?“

„Sie ist gut. Aber wenn das heute Prüfungsinhalt gewesen wäre, hätte ich sie durchfallen lassen.“

„Oh“, machte Rothen. „Wieso?“

„Weil sie noch lernen muss, ihre Aufmerksamkeit nicht auf einen einzigen Gegner zu richten.“

Farand kicherte. „So verliebt, wie sie in den Hohen Lord ist, wundert es mich nicht, dass sie versucht Sonea fertigzumachen.“

„Lina ist alt genug, um zu begreifen, dass das Subjekt ihrer Schwärmerei unerreichbar ist“, sagte Rothen. „Gedenkt Ihr diesen Unterricht zu wiederholen?“

„Sonea hat sich dafür ausgesprochen.“

Rothen schenkte dem arroganten Oberhaupt der Krieger ein Lächeln. „Dann bin ich sicher, dass sie bis dahin mit Lina an ihren Schwächen gearbeitet hat.“


***


Sonea hätte nicht sagen können, ob sie Umhänge der stickigen Luft in Abendsaal vorzog. Einen ruhigen Abend zuhause hätte sie beidem allemal vorgezogen. In die Stadt gerufen zu werden, erfüllte sie jedoch mit einem Kitzel von Aufregung. Auch wenn sie nicht daran glaubte, dass sich der Ausflug lohnte.

Aber ich sollte mich nicht über schwarze Magier in der Stadt freuen, wenn diese Menschenleben kosten.

„Was glaubst du?“, fragte sie, nachdem sie die Steinstufen in den Tunneln zur Stadt hinaufgestiegen waren. „Ist es wieder eine Leiche ohne erkennbare Todesursache?“

„Ich nehme an, dass Cery uns deswegen die Nachricht geschickt hat. Die unerfreuliche Alternative halte ich für unwahrscheinlicher.“

„Du meinst, ein schwarzer Magier, der sehr geschickt vorgeht“, folgerte Sonea.

Akkarin wandte sich zu ihr um.

„Ja.“

Der Führer, der sie am Anfang der Straße der Diebe erwartete, war Sonea vage bekannt. „Ich bring Euch direkt zu Gorins Wachhaus“, teilte der stämmige Mann ihnen mit.

„Ist Cery auch dort?“, fragte Sonea.

Der Mann runzelte kurz die Stirn. „Ja. Mit dem Messerchen.“

„Du bist einer von Gorins Leuten, richtig?“

„Ja. Terrin.“

„Es freut mich, deine Bekanntschaft zu machen, Terrin. Ich glaube, wir sind uns noch nie offiziell vorgestellt worden.“

„Kann sein, Mylady. Meistens bin ich auf Patrouille.“

Sonea lächelte und schwieg. Solange die Diebe für Recht und Ordnung in den Hüttenvierteln sorgten und keinem Unschuldigen etwas zuleide taten, konnten sie neben ihrer Arbeit als Stadtwache tun und lassen, was sie wollten. Sie bedauerte einzig, dass ihr Freund Cery seit dem Tod seiner Frau ins Geschäft zurückgekehrt war. Er mochte anderes behaupten, aber Sonea kannte ihn zu gut und die Anzeichen waren offensichtlich.

Während ihres restlichen Weges ertappte sie sich wiederholt dabei, wie sie über die Möglichkeit nachgrübelte, dass doch ein wilder schwarzer Magier in Imardin war. Aber wo kam er her und wie hatte er schwarze Magie gelernt?

Sei nicht albern, schalt sie sich. Nicht jedes seltsame Verbrechen hat mit schwarzer Magie zu tun. Wir sind inzwischen nur sehr viel sensibler für mysteriöse Todesumstände.

Eine halbe Stunde später hatten sie Gorins Wachhaus im nordöstlichen Teil der Hüttenviertel erreicht. Der Zugang zur Straße der Diebe endete in dessen Hinterhof, von wo aus sie ungesehen ins Innere gelangten. Sonea erhaschte einen Blick auf einen Korridor mit Türen. Einzelne Laternen warfen Licht auf die Wände, am anderen Ende war ein heller Fleck, vermutlich die Empfangshalle. Terrin führte sie eine unauffällige Treppe hinab in den Keller.

„Wartet kurz hier“, sagte er, als sie vor einer Tür hielten. „Ich hole eben die Captains.“

Wenig später wurde das Getrappel mehrerer Paar Stiefel lauter. Dann erblickte Sonea einen großen, haarigen Mann und ihren Freund Cery. Seine kleine Leibwächterin folgte zusammen mit Terrin.

„Guten Abend, Hoher Lord und Lady Sonea“, grüßte Gorin und verneigte sich ein wenig steif, während Cery Sonea zugrinste. „Gut, dass Ihr so schnell gekommen seid.“

„Wir tun, was wir können“, erwiderte Akkarin. „An seltsamen Leichenfunden haben auch wir ein Interesse.“

„Dann werdet Ihr diese vielleicht interessant finden.“ Gorin öffnete die Tür und bedeutete ihnen einzutreten. „Wir sind nicht daraus schlau geworden und Ceryni hat mich darauf hingewiesen, dass es besser wäre, Euch um Rat zu fragen, bevor ich mich an ‘nen Heiler wende. Das mit dem Geruch kennt Ihr sicher schon.“

„Allerdings“, murmelte Sonea und folgte den Dieben in den Leichenkeller. Sie nahm sich ein mit Duftölen getränktes Tuch und hielt es sich vor Mund und Nase, dann begann sie die Frauenleiche zu untersuchen, die Gorin ihr zeigte.

Für gewöhnlich untersuchte Sonea Lebende. Es gab Heiler, die auf die Obduktion von Toten spezialisiert waren. Sie wusste jedoch genug darüber, um die gängigen Todesarten zu erkennen.

„Wie bei der letzten Leiche gibt es weder äußere noch innere Anzeichen, die den Tod der Frau erklären würden“, teilte sie den anderen mit. „Ich habe ihre Lebensenergie überprüft, doch diese entspricht nicht der eines Todes durch schwarze Magie. Da sie erst seit gestern tot ist, ist eine gewisse Restenergie hier noch sehr deutlich enthalten.“

„Könnte das bedeuten, dass ein schwarzer Magier nicht alles genommen und sie anschließend geheilt hat?“, fragte Gorin.

„Es gibt eine gewisse Schwelle, jenseits welcher ein Mensch nicht mehr lebensfähig ist“, antwortete Akkarin. „Doch ein schwarzer Magier würde immer alles nehmen, es sei denn, er wird gestört. Und in diesem Fall würde er auch die Wunde nicht heilen.“

Sonea fuhr mit ihrer Untersuchung fort. Dann hätte sie beinahe laut aufgelacht. „Die Frau hatte kurz vor ihrem Tod Sex. Wahrscheinlich ist sie daran gestorben.“

„An Sex?“, entfuhr es Cerys Leibwächterin. „Ist sie dafür nicht noch ein bisschen zu jung?“

„Vielleicht war der Sex entsprechend heftig und sie hatte ein schwaches Herz“, antwortete Sonea. „Um das zu überprüfen, müsste jedoch ein Heiler die Leiche untersuchen. Oder sie wurde gefesselt und ihr Herz setzte aus, als die Lust unerträglich wurde.“

„Und warum sieht man dann keine Spuren von Fesseln?“, fragte Gorin.

„Weil das davon abhängt, wie fest man diese macht und welches Material man nimmt. Der Sex wäre nur noch halb so lustvoll, wenn die Fesseln so eng sind, dass sie Blut- und Nervenbahnen abklemmen.“

Cery grinste, Lanas Augen leuchteten interessiert auf und Gorin machte ein Gesicht, als sehe er Sonea zum ersten Mal.

„Die andere Möglichkeit wäre, dass die Fesseln magisch waren“, fuhr Sonea fort. „In diesem Fall würde man hinterher auch keine Spuren sehen.“

„Wenn der Magier entsprechend geübt ist, ja“, sagte Akkarin.

Cery lachte und Sonea verdrehte die Augen.

„Damit wären wir allerdings wieder bei unserem Problem“, sagte sie. „Wie kommt ein schwarzer Magier in unsere Stadt?“

„Es wäre eine Möglichkeit, wie die Frau durch schwarze Magie gestorben sein könnte, ohne dass man eine Wunde sieht“, sagte Akkarin. „Auch wenn das nicht die Restenergie in ihrem Körper erklärt.“

„Und was ist dann mit dem Mann von Anfang der Woche?“, fragte Cery. „Damit wäre der Mörder ein schwarzer Magier, der auf Männer und Frauen steht, und darauf, sie beim Sex – wie genau? – zu töten. Ich habe in dieser Stadt schon viel gesehen, aber das wäre ziemlich krank.“

„Mich überrascht in dieser Stadt nix mehr“, brummte Gorin.

„Schon“, sagte Cery, „aber …“, er kratzte sich am Kopf, „das würde nicht zu den früheren Serienmorden passen. Bei diesen war die Todesursache eindeutig.“

„Du meinst, weil alle Leichen an belebten Stellen abgelegt wurden?“, fragte Sonea.

Ihr Freund nickte.

„Es wäre möglich, wenn er die vorherigen ebenfalls mit schwarzer Magie getötet hat und es wie Tod durch Gewalteinwirkung hat aussehen lassen“, überlegte Akkarin.

„Oder der schwarze Magier ist neu in der Stadt und hat von der Mordserie gehört und nutzt nun dieselbe Methode, um seine eigenen Aktionen zu verschleiern“, überlegte Cery.

Sonea verdrehte die Augen. „Besorge dir einen Heiler, Cery und dann lass ihn die beiden Leichen untersuchen. Was wir hier gefunden haben, kann mit einer Menge absurder Erklärungen einem schwarzen Magier unterstellt werden, der heimlich in dieser Stadt haust. Aber dank der Überwachung unserer Grenzen mitsamt sämtlichen Schlupflöchern ist dies so unwahrscheinlich, wie dass jemand, der seine Magie selbst entfesselt, darüber die Kontrolle lernt und das Geheimnis schwarzer Magie für sich entschlüsselt.“ Sie wandte sich zu Akkarin. „Und das gilt auch für dich.“

Akkarin hob eine Augenbraue.

- Wie kommst du darauf?

- Wer führt denn hier die wildesten Spekulationen?

„Nur weil etwas sehr unwahrscheinlich ist, sollte man es nicht kategorisch ausschließen“, sagte er.

„Das sehe ich auch so. Aber du musst zugeben, dass die Morde wahrscheinlich eine viel banalere Erklärung haben. Und wenn wir diese erfahren, werden wir über unsere anfängliche Paranoia lachen.“

„Wo sie recht hat, hat sie recht“, bemerkte Cery. Er wirkte nahezu enttäuscht. „Trotzdem versteht ihr sicher, dass ich sichergehen wollte.“

Akkarin nickte. „Diese Stadt hat schon genug wegen schwarzer Magier durchgemacht. Um keine Panik zu erzeugen, ist es wichtig, jede Möglichkeit durchzuspielen und die unwahrscheinlichen Fälle auszuschließen. Ceryni und Captain Gorin, ich schlage vor, dass Ihr einen Heiler hinzuzieht. Haltet mich und Sonea auf dem Laufenden, sollten sich weitere Morde dieser Art ereignen. Doch ruft erst wieder nach uns, wenn ihr die bekannten Anzeichen für einen Tod auf schwarze Magie findet.“
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