Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Das Erbe der schwarzen Magier II - Der Feind in ihrer Mitte

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Rothen Regin Sonea
01.12.2021
26.04.2022
13
132.150
28
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
04.01.2022 11.910
 
Frohes neues Jahr euch allen! Ich hoffe, ihr hattet eine schöne Zeit und dass Corona euch trotz Feiern etc. verschont hat.

Hier geht es regulär mit dem nächsten Kapitel weiter. Ich hoffe, es gefällt euch!


***





Kapitel 3 – Geheimnisse und Pläne



Obwohl es lange gedauert hatte, bis Dannyl am vergangenen Abend Schlaf gefunden hatte, erwachte er früh. Seine Glieder waren noch schwer, doch während sich der Schleier der Benommenheit allmählich hob, fluteten unaufhaltsam seine Erinnerungen an die Begegnung mit Salyk im Bad sein Bewusstsein. Der wohlgeformte Körper, der darauf hindeutete, dass der Krieger regelmäßig mit dem Schwert trainierte – wieso hatte Dannyl ihn nie danach gefragt? Das Leuchten in Salyks Augen und das Gespräch, das sich so vertraut angefühlt hatte.

Dannyl nahm einen tiefen Atemzug und hielt inne, als sich etwas in ihm regte. Ich darf so nicht empfinden, dachte er. Nach seiner Magie zu greifen und sich zu heilen hätte mit einem Mal nicht verlockender sein können. Er fühlte sich wie ein Ehebrecher.

Es sind nur Phantasien, sagte er sich. Es ist in Ordnung, Phantasien zu haben. Sie stehen für unsere tiefsten Bedürfnisse. Und ich sehne mich anscheinend nach etwas Unkompliziertem. Als wäre das für einen Knaben möglich!

Das Verlangen brannte noch immer in ihm und er rollte sich auf die Seite. Es nicht zu heilen, bedeutete sich Erlösung zu verschaffen. Vielleicht würde es dann aufhören. Aber was, wenn es dann kein Zurück mehr gab?

Es ist falsch! Salyk ist einer meiner direkten Untergebenen! Er ist mein Freund! Er …

- Dannyl!

Dannyl zuckte zusammen. In seinem ganzen Leben hatte er sich nicht so ertappt gefühlt. Nicht einmal, an jenem Tag, an dem er ihm in den Tunneln unter der Universität begegnet war.

- Dannyl!

Einen tiefen Atemzug nehmend vertrieb Dannyl seine unanständigen Gedanken und Emotionen und fokussierte seinen Geist auf die Stimme.

- Akkarin!

- Euer Bericht ist überfällig.

Das bedeutete so viel wie, dass Dannyl sein Blutjuwel benutzen sollte. Wann immer Dannyl nach Sachaka reiste, erstattete er Akkarin darüber einmal pro Woche und zusätzlich in wichtigen Angelegenheiten Bericht. Hin und wieder benutzte der Hohe Lord das magische Artefakt auch, um ihm wichtige Informationen zuzuspielen, die Dannyl bei seiner Mission helfen würden. Er fragte sich, worum es sich handelte.

- Ja, Hoher Lord, sandte er. Gebt mir ein paar Minuten.

Akkarin erwiderte nichts darauf und seine Präsenz zog sich zurück. Hastig verließ Dannyl das Bett, kleidete sich an, band sein Haar zurück und holte das Blutjuwel aus dem kleinen Ledersäckchen, das er in Sachaka unter seiner Robe zu tragen pflegte. Wenn er mit Akkarin sprach, fühlte er sich im angezogenen Zustand wohler.

- Was kann ich für Euch tun?, fragte er, nachdem er seine Kontemplation bezüglich Salyk in seinen Geheimniswahrer geschoben hatte, und auf dem Diwan saß, der als Sitzgelegenheit für seinen aufwändig geschnitzten Schreibtisch aus Parraholz diente.

- Habt Ihr die Prinzessin kennengelernt?

- Gestern, antwortete Dannyl sich fragend, ob er Akkarin deswegen hätte rufen sollen.

- Sehr gut. Was haltet Ihr von ihr?

- Sie ist sehr jung, selbst für ihr Alter. Dannyl sandte ein Bild zusammen mit Fetzen einer kurzen Unterhaltung.

- Und deswegen habt Ihr Bedenken, folgerte der Hohe Lord.

- Ja. Auch wenn ich weiß, dass ein solcher Altersunterschied sowohl in Sachaka als auch in Kyralia noch im Rahmen ist.

- König Merin ist ein anständiger Mann. Er würde alles tun, um sie glücklich zu machen und es bei den ehelichen Pflichten belassen, sollte sie keinen Gefallen an ihm finden.

- Sie ist keine Sklavin.

- Sie ist eine Prinzessin. Sie wurde ihr ganzes Leben darauf vorbereitet, ihrem Land und nicht ihrem eigenen Vergnügen zu dienen. Und das schließt eine politische Heirat mit ein.

- Dennoch frage ich mich, wie verlässlich ein solches Bündnis ist, wenn es nicht auf Liebe basiert.

- Das wird sich zeigen. Wann brecht Ihr auf?

- Übermorgen, antwortete Dannyl.

- Gut. Wie ist die Stimmung in Arvice bezüglich der Verbindung?

- Der Großteil der Bevölkerung sieht ihr mit großen Erwartungen entgegen.

- Wieso überrascht Euch das?

- Es kommt insofern überraschend, dass König Merin ein Kyralier und ein Nichtmagier ist, antwortete Dannyl, die leise Verärgerung, dass Akkarin durch das Blutjuwel Stimmungen wahrnahm, beiseiteschiebend. So sehr es die Kommunikation erleichterte, so entnervend war es zuweilen. Der Tochter eines einflussreichen Ashaki oder des Königs selbst wäre er damit nicht wert. Doch König Merin steht für etwas, das sie als hehres Ziel erachten und das sie nur bekommen, wenn sie sich uns anschließen.

- Würde es Widerstand gegen diese Verbindung geben, glaubt Ihr der König und die Verräter wüssten davon?

- Ja, antwortete Dannyl, ohne zu zögern. Wieso fragt Ihr?

- Die Allianz zwischen dem sachakanischen und dem kyralischen Königshaus ist ein großer Schritt in Richtung der Verbündeten Länder, der einigen Ashaki zu schnell gehen könnte. Er bedeutet einen Machtverlust, den sie nicht kompensieren müssten, würde Ishaka seine Tochter mit einem Ashaki verheiraten.

- Ich halte nicht für ausgeschlossen, dass es noch immer Ashaki gibt, denen diese Entwicklung missfällt, sandte Dannyl sich fragend, worauf der Hohe Lord hinauswollte. Allerdings wären diese in der Unterzahl.

- Könnte dies zu subtilen Akten der Provokation führen?

- Das kann ich nicht ausschließen. Ich gehe jedoch davon aus, dass die Verräter die Augen offenhalten. Er hielt inne und wagte dann eine Frage. Habt Ihr Anlass zu der Vermutung, es könnte ein Attentat auf die Prinzessin geben?

- Bis jetzt nicht, doch wir sollten uns nicht in allzu großer Sicherheit wiegen. Dennoch wäre es begrüßenswert, ihre Eskorte zu verdoppeln.

- Ich bin heute Nachmittag wieder im Palast, sandte Dannyl. Ich werde Ishaka Eure Bedenken unterbreiten.

- Tut dies. Seid wachsam, Dannyl.

Akkarins Präsenz verschwand aus Dannyls Geist und ließ Dannyl mit dem unguten Gefühl zurück, dass der schwarze Magier eigentlich etwas anderes hatte sagen wollen.


***


Sonea wirbelte herum und ließ ihre Klinge auf die ihrer Novizin prallen. Lina fluchte, blockte den Schlag und sprang zur Seite. Mit verbissener Miene hob sie ihre Waffe und stürzte sich auf Sonea. Sonea tat einen einfachen Schritt seitwärts und brachte Lina mit einem Schlag in die Kniekehlen über die flache Seite ihrer Klinge zu Fall. Das Schwert entglitt Linas Hand und schlitterte über den Boden zur Wand des Domes.

„Du bist heute sehr unkonzentriert“, sagte Sonea.

Mit hochroten Wangen kam Lina auf die Beine. „Ich bin etwas müde“, antwortete sie ein wenig schroff. Sie streckte eine Hand aus und das Schwert flog zurück in ihre Hand. „Das ist alles, Mylady.“

Und sie mag es nicht, auf ihre Schwächen angesprochen zu werden. Das hatte Lina noch nie gemocht. Sonea befand, dass es höchste Zeit wurde, das zu ändern. Durch das regelmäßige Training war Lina mittlerweile besser als so mancher Krieger, wenn auch ihr Talent nicht an die jahrelange Übung von Akkarin, Regin oder Lord Kerrin, dem Lehrer für Schwertkampf heranreichte – Männer, die Sonea als adäquate Gegner empfand. Oder Lady Nastia, eine der wenigen Kriegerinnen, die Gefallen an dieser Kunst fanden.

„Dann achte darauf, dass du ausreichend schläfst“, sagte sie.

„Ich musste noch etwas recherchieren.“

Sonea nickte verständnisvoll. So kurz vor den Sommerprüfungen überarbeiteten Novizen sich häufig und mit steigender Zahl der Studienjahre wurde es schlimmer. Die Halbjahresprüfungen waren ein Leistungstest für das Abschneiden bei den Abschlussprüfungen, die Linas Klasse im Winter haben würde.

„Wenn du mehr Zeit zum Lernen brauchst, werden wir unser Schwertkampftraining bis zu den Ferien auf eine Stunde pro Woche reduzieren“, sagte sie. Sie würde Lina den Kurs komplett ersparen, bestünde nicht die Gefahr, dass Linas Temperament dann mit ihr durchging.

„Bis jetzt komme ich klar, Mylady. Ich kann Zeit in der Speisehalle sparen. Oder im Badehaus.“

„Essen und Entspannung sind wichtig für den Geist“, sagte Sonea. „Aber letztendlich musst du …“

„ … und wer nicht für ausreichend Nahrung und Entspannung sorgt, wird unaufmerksam und passt nicht nur im Unterricht weniger auf, sondern macht auch Fehler in der Arena“, erklang eine tiefe Stimme vom Eingang.

Sonea und Lina fuhren herum. Akkarin schritt mit wallenden Roben auf die Kampffläche. „Hoher Lord“, sagten sie gleichzeitig.

„Sonea. Lina.“ Akkarins dunkle Augen huschten zu Lina, die erneut errötet war, und bohrten sich dann in die Soneas. „Ich habe es auf dem Weg hierher zum Unterricht läuten hören.“

„Oh“, machte Lina. „Dann sollte ich mich beeilen.“ Sie reichte Sonea ihr Übungsschwert, verneigte sich und eilte davon.

„Nun, Sonea“, sagte Akkarin, „was hältst du von einem kleinen Übungskampf?“

„Der damit endet, dass ich am Boden liege und mich Euch ergebe, Hoher Lord?“, fragte Sonea.

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Wenn mich nicht alles täuscht, unterrichtest du deine Klasse erst in drei Stunden. Das ist mehr als genug Zeit, um neben einem Bad und Frühstück noch andere Dinge zu tun und“, seine Piratennarbe verzog sich, wie sie es immer tat, wenn ihn etwas amüsierte, „es gibt da noch etwas, das ich gestern Abend nicht zu Ende bringen konnte.“

„Ich muss noch etwas für meinen Unterricht vorbereiten“, wandte Sonea ein, wissend, dass dies ein schwaches Argument war.

„Für den Grundkurs?“

„Es ist lange her, dass ich die Grundlagen gelernt habe.“

„Ich werde dir damit helfen.“

„Das ist das Mindeste, wenn deine Lüsternheit mich von meiner Arbeit abhält. Hast du eigentlich nicht selbst zu arbeiten? Keine Liebesbriefe von sexuell ausgehungerten Frauen aus den Häusern oder unsinnige Anfragen, die eigentlich besser bei Osen aufgehoben wären?“

„Bis ich die Residenz verließ, kam noch nichts dergleichen.“

„Das klingt, als würde sich der Hohe Lord der Magiergilde langweilen.“

„Ah, und um dieser zu entkommen, habe ich dich.“

Sonea überging die anzügliche Bemerkung. Sie reichte ihm Linas Schwert. „Dann zeig mal, was du kannst, Hoher Lord.“ Tatsächlich hatte ihre Vormittagsplanung andere Dinge vorgesehen. Aber Zeit mit Akkarin war niemals verschwendet.

Sie nahmen Kampfposition ein und auf Soneas Kommando begannen sie. Akkarin kämpfte so unfair wie eh und je, doch nach so vielen Jahren wusste Sonea, wenn er einen seiner Tricks versuchte. Mit einem sachakanischen Schwert und gewöhnlicher Kleidung würde er wirklich wie ein Pirat aussehen, dachte sie mit einem Blick auf seine Narbe. Als er ausholte und sie nur noch zurückweichen konnte, wurde sie jedoch wieder ernst. Abgelenktheit war bei einem Gegner wie Akkarin ein schwerer Fehler.

Akkarin nutzte die Gelegenheit und setzte ihr nach. Sonea wich entlang der Wand des Domes aus und versuchte, seitlich von ihm zu kommen, bis sie wieder Platz nach hinten hatte. Akkarin folgte ihrer Bewegung jedoch und hinderte sie mit seinen Angriffen daran, mehr Raum zu gewinnen.

Zeit, ihn auszutricksen.

Akkarin würde ihre Absicht nur aus ihrer Miene oder ihren Bewegungen erraten können. Im Duell hatten sie nur eine, jedoch simple Regel: Einander weder über ihre Blutringe auszuspionieren noch nach den Oberflächengedanken des anderen zu greifen. Selbiges galt für ihre Kyrima-Partien. Es machte den Kampf realistischer und weniger schnell langweilig.

Akkarin täuschte einen Frontalangriff vor und zwang Sonea zur Seite auszuweichen. Fast wäre sie darüber in seine Klinge gerannt, als er diese in einer horizontalen Bewegung in ihre Richtung schwang. Sonea duckte sich unter dem Angriff hinweg und traf ihn in die Kniekehlen, so wie wenig zuvor Lina. Zu ihrer Befriedigung verlor Akkarin das Gleichgewicht und fiel nach vorne, sich auf den Händen abfangend.

Grinsend trat Sonea vor ihn und kickte das Schwert, das ihm aus der Hand geglitten war, fort. „Wer ergibt sich jetzt wem, Hoher Lord?“, feixte sie.

Akkarin hob den Kopf und sah zu ihr hoch. „Ich verlange Revanche.“

„Später. Ich habe Hunger.“

„Takan hat gerade den Brötchenteig gemacht. Er braucht noch eine Stunde.“

Sonea grinste. „Du willst das unbedingt, nicht wahr?“

„Ich will dir zeigen, wo dein Platz ist, Sonea.“

- Und wenn du es zu weit treibst, wirst du während des Frühstücks an meiner Seite knien.

- Das hält mich nicht gerade davon ab, es nicht zu weit zu treiben, gab sie zurück.

- Das sollte es aber. Denn ich würde dich in einem Zustand in die Universität schicken, in dem Unterrichten eine Herausforderung wird.

Der Gedanke war reizvoll, so kurz vor den Sommerprüfungen jedoch keine gute Idee.

„Dann revanchiere dich“, sagte sie. „Auch wenn ich befürchte, dass ich auch dann nicht mehr sitzen kann, wenn du mir gezeigt hast, wo mein Platz ist.“

„Das ist möglich.“

„Aber das Schwert musst du dir selbst holen.“

Akkarin richtete sich auf, das Schwert flog in seine Hand. „Und so frech, wie du gerade bist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Fall eintritt, gerade sehr.“

Eine Runde und zehn schweißtreibende Minuten später lag Sonea auf dem sandigen Boden des Domes und starrte auf die Schwertspitze, die auf ihre Kehle gerichtet war. Er hatte sie so vernichtend geschlagen, dass sie sich unwillkürlich fragte, ob er sie die erste Runde hatte gewinnen lassen, um sie zu testen. Damit ergaben seine Worte von zuvor einen neuen Sinn und sie fragte sich, wieso sie noch immer darauf hereinfiel.

„Ergibst du dich, Sonea?“, fragte er.

„Ja, Hoher Lord“, presste sie hervor. „Ich ergebe mich Euch.“

„Und weiter?“, fragte er unbarmherzig.

„Ich gehöre Euch.“

Die Piratennarbe verzog sich, seine Augen und sein Mund blieben jedoch ernst. „Ja, das tust du. Auch wenn mir scheint, dass ich dich zu häufig daran erinnern muss.“

„Die Erinnerungen aufzufrischen kann niemals schaden“, erwiderte Sonea.

„Nein.“ Akkarin ließ das Schwert sinken und half ihr auf. Er ließ ihre Hand auch dann nicht los, als sie hinaus in den Morgen traten. Die Sonne war von dichten Wolken verdeckt, doch die Luft war bereits angenehm warm. Das Gelände war bis auf einzelne Magier und Diener verlassen, die übrigen Magier und Novizen waren in der Universität. Sonea genoss diese ruhigen Zweittagvormittage. Der Nachmittag würde derweil umso anstrengender werden.

In der Empfangshalle lehnten sie ihre Schwerter an die Wand und stiegen ins Obergeschoss. Caria hatte ihnen bereits frische Roben und Unterkleidung ins Bad gelegt und Wasser eingelassen. Sonea zog ihre Robe und ihr Unterkleid aus und half dann Akkarin, sich zu entkleiden. Dann steckte sie ihre Haare hoch und stieg ins Wasser, das unter Akkarins Magie zu dampfen begonnen hatte.

„Wünscht Ihr, dass ich Euch wasche, Hoher Lord?“

„Ja.“

Akkarin stieg in die Badewanne und setzte sich an eines der beiden langen Enden. Der Wasserspiegel stieg merklich, jedoch nicht so sehr, dass Wasser übergeschwappt wäre, sofern einer von ihnen sich nicht zu heftig bewegte. Angesichts seiner Andeutungen und der bis zum Frühstück verbleibenden Zeit ahnte Sonea, das würde noch der Fall sein. Das erwartungsvolle Ziehen in ihrem Schoß ignorierend griff sie nach Schwamm und Seife.

Und sie hatte nicht falsch gelegen. Nachdem sie ihren Hohen Lord eingeseift und sein Haar gewaschen hatte, beugte er sie über den Wannenrand und stieß in sie hinein. Für Sonea kam dies dennoch so überraschend, dass sie sich ihm auch ohne Magie oder andere Hilfsmittel ausgeliefert fühlte.

Und damit begannen ihre Gedanken, wie auch am Morgen zuvor, zu wandern. Sie war Marissle und hatte gerade ihren Meister Gayend von Gallene gebadet. Wie so oft hatte dies Gayends Lust geweckt. Gayend war wild, ungestüm und unersättlich. Und auch wenn er Marissle nicht liebte, so setzte er alles daran, dass ihm zu dienen für sie erfüllend war. Sie war seine Sklavin, doch im Bett war sie seine Königin. Dann langte Akkarins Hand um ihre Hüfte, zwickte sie mehrfach fest in ihren Schoß und erinnerte sie daran, wie sehr sie ihm gehörte.

„Au!“

„Dachtest du, ich bekomme das nicht mit?“, raunte Akkarin in ihr Ohr.

„Gestern Morgen ist es dir auch entgangen.“

„Nur, weil wir da keine Zeit hatten. Aber das hat nun ein Ende.“ Wie um seine Worte zu unterstreichen, gruben sich seine Finger in ihre Hüften, während Sonea nichts anderes übrigblieb, als die Lippen zusammenzupressen, um nicht das ganze Haus zu unterhalten. Stattdessen griff sie nach seiner Präsenz und sandte ihm, was er mit ihr tat, hundertfach zurück.

Nur Augenblicke später entlud Akkarin sich mit einem heiseren Laut in ihr.

„Ah“, machte er. Sein Kopf sank gegen ihre Schulter. „Ich muss dich hoffentlich nicht darauf aufmerksam machen, dass deine kleine Rebellion Konsequenzen haben wird.“

„Jede Rebellion ist die Konsequenzen allemal wert“, sagte Sonea atemlos.

„Aber auch das, fürchte ich, müssen wir verschieben.“ Akkarin küsste die Tätowierung auf ihrem Schulterblatt. „Takan holt gerade die Brötchen aus dem Ofen.“

„Was? Schon?“

„Sonea, wir waren fast eine Stunde im Bad.“

Sonea starrte auf die Überschwemmung, die sie produziert hatten. „Takan wird nicht erfreut sein, wenn er das hier sieht“, sagte sie und griff nach ihrer Magie, um den Boden zu trocknen. Als sie fertig war, rumpelte ihr Magen. Wenn sie die ersten beiden Stunden freihatte, frühstückten sie und Akkarin später, da Sonea sonst nach ihrem Training mit Lina erneut hungrig gewesen wäre. Ninielle wurde um diese Zeit von ihrem Hauslehrer unterrichtet, so dass Sonea und Akkarin für sich waren.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sage, aber ich könnte ein paar Erziehungstipps von dir gebrauchen“, sagte Sonea, als sie sich vorsichtig auf ihren Stuhl im Speisezimmer setzte. Akkarin hatte in jeder Hinsicht Wort gehalten. Ihr Schoß fühlte sich malträtiert an und sie würde warten müssen, bis ihr Körper sich von selbst heilte. Was so viel bedeutete, wie die Doppelstunde vor der Mittagspause mit Arbeit an der Tafel zu verbringen.

Am anderen Ende des Tisches hob Akkarin eine Augenbraue. „Angesichts der Tatsache, wie häufig wir wegen meiner Erziehungsmethoden streiten, kommt dies reichlich überraschend.“

„Nun, bei mir haben sie funktioniert.“

Seine Mundwinkel und die Piratennarbe verzogen sich. „Manchmal bin ich mir da nicht sicher.“

Sonea überging die anzügliche Bemerkung. Ihr ganzer Schoß war geschunden. Hatte er noch nicht genug? „Nun, in einigen Dingen hattest du Erfolg. Zum Beispiel darin, dass es mir nicht mehr unangenehm ist, auf meine Schwächen angesprochen zu werden. Wie hast du das geschafft?“

„Da meine Methoden anscheinend erfolgreich waren, müsstest du die Frage selbst beantworten können.“

„Ich habe zu jener Zeit nicht darauf geachtet, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, dich zu verfluchen.“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Nun, dann ist dir wahrscheinlich auch entgangen, dass ich vermieden habe, deine Schwächen zu etwas Besonderem zu erheben und stattdessen daran gearbeitet habe, sie dir abzutrainieren. Was nicht bedeutet, dass ich dich nicht darauf aufmerksam gemacht habe.“

Sonea dachte darüber nach und erkannte, dass es stimmte. Ihr selbst war das zuweilen anders vorgekommen, doch im Nachhinein musste sie Akkarin zustimmen.

„Wenn dir das gelingt, hast du schon den ersten Schritt getan, um Linas Selbstbewusstsein zu stärken“, fügte er hinzu.

„Aber es wird ihr nicht in anderen Situationen helfen.“

„Gib der Sache Zeit. Ihre Schwächen werden ihr weniger unangenehm sein, wenn du sie nicht zu einem Thema machst, sondern ihr dabei hilfst, sie zu überwinden.“

„Linas größte Schwäche ist ihre Schwächen zu akzeptieren“, sagte Sonea.

„Dann ist es umso wichtiger, dass du sie damit wieder und wieder konfrontierst, aber das möglichst kommentarlos tust. Wenn du mir sagst, wo genau ihre Schwächen liegen, kann ich dir vielleicht helfen.“


***


„Das Thema unserer heutigen Stunde ist die Titration“, teilte Rothen seiner Klasse mit. „Dazu hatte ich euch gebeten, Säure-Base-Reaktionen als Hausaufgaben vorzubereiten.“ Er sah in die Gesichter der vierzehn Novizen der unterschiedlichsten Nationalitäten und Gesellschaftsschichten. „Wer kann mir sagen, wie sich die Protolyse von der Neutralisation unterscheidet? Ja, Arthen?“

„Ich habe meine Hausaufgaben vergessen.“

„Nun“, sagte Rothen. „Das ist ungünstig. Denn ohne diese Vorbereitung kannst du das Experiment nicht mitmachen. Du müsstest in der heutigen Stunde zuschauen, und wenn du den Stoff aufgeholt hast, kannst du den Versuch nachholen.“

„Aber ich muss schon so viel lernen, Mylord“, sagte der Junge. Ein Sprössling aus Haus Maron. „Deswegen habe ich mich auf die anderen beiden Disziplinen konzentriert.“

„Nun, wenn Alchemie die für dich unwichtigste aller Disziplinen ist, dann können wir das Nachholen des Experiments auch ausfallen lassen und du erhältst gleich die schlechte Note.“

Arthens Mund klappte auf. „Aber … aber Lord Rothen, ich brauche die Note!“

„Dann bist du also bereit das Experiment nachzuholen? Sagen wir am Freitag?“

„Ich …“ Es war ersichtlich, dass das dem Jungen nicht gefiel. Rothen machte es nichts aus, am Wochenende ein Experiment nachholen zu lassen. Tests konnte er auch im Alchemieraum korrigieren. Zudem bezweifelte er, dass Arthen die Hausaufgaben „vergessen“ hatte, weil andere Disziplinen wichtiger waren. Jeder Lehrer sah seine Disziplin als die wichtigste an. Er konnte jedoch eine faule Ausrede von einem wahrhaft gestressten Novizen unterscheiden.

„Ja, Lord Rothen“, sagte Arthen. „Danke, Lord Rothen.“

Rothen lächelte. „Also, der Unterschied zwischen Neutralisation und Protolyse – wer kann mir dazu etwas sagen?“

Ein Mädchen hob eine Hand. „Hania“, sagte Rothen.

„Bei der Protolyse gibt der Donator solange Teilchen ab, bis ein Gleichgewicht zwischen den Stoffen erreicht ist. Bei der Neutralisation reagieren dagegen beide Ausgangsstoffe zu zwei neuen. Zum Beispiel Säure und Lauge zu Wasser und Salz.“

„Sehr gut“, sagte Rothen. Er runzelte die Stirn, als er den verwaisten Platz neben dem Mädchen bemerkte. „Wo ist Lorlen?“

„Ich weiß nicht, Mylord?“, antwortete Hania halb-fragend. „Wir hatten letzte Stunde nicht zusammen.“

„Kannst du für beide Reaktionsformen ein Beispiel an die Tafel zeichnen und erklären?“

Hania nickte eifrig und stand auf.

Ich frage mich, ob Lorlen auch die Hausaufgaben vergessen hat, dachte Rothen, während er Hania beobachtete. Für gewöhnlich schrieb er bei dem Mädchen, das technisch gesehen seine Tante war, auf Grund des geringen Altersunterschiedes jedoch eher eine Kusine für ihn war, ab. Allerdings auch nur, solange sein Mentor das nicht bemerkte.

„Danke“, sagte Rothen, als Hania fertig war. „Sehr gut, Hania. Gibt es dazu Fragen?“

Die Novizen schüttelten stumm die Köpfe. Das bedeutete indes nicht, dass sie es verstanden hatten. Die nächste Stunde würde das offenbaren.

„Also schön“, sagte Rothen und klatschte in die Hände. „Wir haben viel zu tun, lasst uns also keine Zeit vergeuden. Bitte geht in Paaren zusammen und baut das Experiment wie an der Tafel beschrieben auf. Arthen, du siehst bei Hania zu.“

Die ersten Novizen hatten gerade mit dem Versuch begonnen, als es klopfte. Bevor Rothen etwas sagen konnte, ging die Tür auf und ein schlaksiger Novize tat einen zögernden Schritt in den Raum.

„Lorlen“, sagte Rothen freundlich. „Beehrst du uns heute also doch noch mit deiner Anwesenheit?“

Dann sah er den schwarzgewandeten Mann, der wie ein Schatten hinter dem Jungen stand.

„Lord Rothen.“ Nahezu lautlos glitt Akkarin hinter seinem Sohn in den Raum. „Ich hielt es für besser, meinen Novizen direkt bei Euch abzuliefern, nachdem ich ihn soeben von Rektor Jerrik abgeholt habe.“

Augenblicklich verstummte die Klasse. Ein leises Klirren zerriss die Stille, als Arthen den Spatel fallenließ, den er gerade Hania reichte.

„Hoher Lord“, sagte Rothen. „Ich danke Euch.“

„Dankt mir nicht zu früh. Ich wünsche, dass Lorlen den versäumten Unterricht nachholt. Es steht Euch frei, ihm eine Strafarbeit für sein Zuspätkommen aufzugeben, da dies sein eigenes Verschulden ist.“

Einige Novizen schnappten nach Luft. Arelle, das einzige andere Mädchen in der Klasse, warf Akkarin bewundernde Blicke zu.

Also musste Lorlen etwas Schlimmes angestellt haben, wenn Akkarin solche Maßnahmen für nötig erachtete. Rothen hätte den schwarzen Magier als unmenschlich und hart empfunden, würde er Lorlen und seine Eskapaden nicht kennen.

„Ich werde mir etwas überlegen“, versprach er.

Akkarin nahm das mit einem Nicken zur Kenntnis. „Einen guten Tag noch, Lord Rothen.“

Bevor Rothen noch etwas darauf erwidern konnte, war Akkarin auf den Flur zurückgekehrt. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

„Also, Lorlen“, wandte sich Rothen an Soneas und Akkarins Sohn. „Mich interessiert nicht, was du angestellt hast. Mich interessiert jedoch sehr wohl deine Beteiligung am Unterricht. Hast du die Hausaufgaben gemacht?“

„Ja, Mylord.“

„Sehr gut. Sobald du deine Versäumnisse der ersten zwanzig Minuten aufgeholt hast, kannst du dich mit Hania und Arthen für dieses Experiment zusammentun.“

„Was habe ich denn verpasst?“

„Das fragst du am besten deine Klassenkameraden.“

Er konnte sehen, wie es in Lorlen arbeitete, als Missfallen und Ärger über die Vorherrschaft auf seinem Gesicht stritten. Ein jüngerer, rebellischerer Lorlen hätte argumentiert, dass die Klassenkameraden das Wissen nicht richtig wiedergeben konnten. Damit hatte er sich in der Vergangenheit viele Feinde gemacht.

„Könnt Ihr mir nicht einfach erzählen, was ich verpasst habe?“

Oh nein, mein Freund. Das machst du schön selbst.

„Ich bin dein Lehrer, Lorlen“, sagte Rothen. „Nicht dein persönlicher Diener. Da dein Zuspätkommen dein Verschulden ist, liegt es in deiner Verantwortung, dich selbst um den versäumten Unterricht zu kümmern.“

Irgendjemand kicherte. Ein Junge aus Vin. Rothen warf ihm einen warnenden Blick zu und wandte sich dann wieder zu Lorlen. „Geh zu Hania. Du kannst ihr gemeinsam mit Arthen assistieren. Am Freitag wirst du das Experiment gemeinsam mit Arthen nachholen. Und ich erwarte einen fünfseitigen Aufsatz über die Unterschiede zwischen Protolyse und Neutralisation.“

Lorlen öffnete protestierend den Mund und schloss ihn wieder. Dann schritt er zu seinem Tisch, warf seine Tasche mit einem lauten Knall aufs Pult und fläzte sich auf den Stuhl. Rothen schüttelte missbilligend den Kopf. Wie konnte dieser Junge trotz strenger Eltern noch immer so unverschämt und verwöhnt sein? Dachte er, er hätte einen Bonus, nur weil Rothen im Privaten eine Art Großvater für ihn war? Oder lag das daran, dass er in einem schwierigen Alter war und Rothen zu alt war, um die nötige Geduld aufzubringen?

„Lorlen“, sagte Rothen. „Würdest du dich bitte an dem Experiment beteiligen?“

„Wozu, wenn ich es sowieso nachholen muss?“

„Weil du jetzt Unterricht hast.“

Lorlen verschränkte die Arme vor der Brust und zog einen Schmollmund.

Sein Namensgeber würde sich im Grab herumdrehen, wenn er ihn sehen könnte, fuhr es Rothen durch den Kopf. Lorlen war überhaupt nicht, wie der ehemalige Administrator und Akkarins bester Freund. Er kam viel zu sehr nach dem umtriebigen Novizen, der sein Vater einst gewesen war, wenn man den Geschichten Glauben schenkte. Rothen war dankbar, keinen von beiden jemals unterrichtet zu haben.

Rothen war jedoch weit davon entfernt, sich geschlagen zu geben. Vierzig Jahre Erfahrung mit bockigen, unkooperativen Novizen hatten ihn gelehrt, wann es an der Zeit war, zu härteren Mitteln zu greifen. Bei manchen war jeder Versuch vergebens, doch für Lorlen bestand trotz aller Verwöhntheit noch Hoffnung.

„Nun“, sagte Rothen mit einem Lächeln. „Dann wird mir dein Vater sicher zustimmen, dass deine Strafarbeit entsprechend härter ausfallen wird.“


***


Ivasako ließ den Bericht sinken, den ein Kurier ihm aus dem Fruchtbaren Norden überbracht hatte. Ashaki Hachiko gehörte zu jenen, die sich mit Hausstand und Familie im nördlichsten bewohnbaren Teil Sachakas vor einigen Jahren niedergelassen hatten. Der nach dem Krieg am Existenzminimum lebende Ashaki hatte das Land unter zwei Bedingungen vergünstigt vom König bekommen: Dass er selbst zu seiner Begrünung beitrug, und dass er ein Auge auf die Ichani hatte, die in dem unfruchtbaren Teil zwischen den Roten Hügeln und der Aschenwüste lebten.

Ersteres hatte Hachiko mit Hilfe seiner Sklaven rasch erledigt. In der Friedensvereinbarung zwischen Kyralia und Sachaka war beschlossen worden, dass Ashaki, die in den Ödländern siedeln wollten, an ihrer Begrünung teilhatten und dazu das Wissen und die Methoden der Alchemisten der Gildenmagier lernten. Für Ishaka hatte nie zur Debatte gestanden, dass seine Ashaki in das Projekt involviert wurden. Durch ihre magischen Reserven wurde die Entgiftung und Bewässerung des Bodens sehr viel schneller vorwärtsgetrieben, als es mit einer Handvoll schwacher Gildenmagier möglich war. Zudem lernten sie dadurch etwas, das in Sachaka weitgehend unbekannt war, und zukünftigen Generationen helfen würde.

„Etwas mit der eigenen Magie zu erschaffen ist sehr viel erfüllender, als zu erobern“, hatte Ishaka jenen gesagt, die aufbegehrt hatten. „Und es kostet Euch keine Verluste.“

Hachiko hatte der König dies nicht sagen müssen; der Krieg hatte ihn seine Lektion gelehrt. Umso bereitwilliger hatte er die Bewachung der Ichani übernommen, die gelegentlich für Ärger sorgten. Alle Ashaki im Grenzgebiet taten dies, so auch Arikhais Stamm in der Aschenwüste und einige Verräter, die dort lebten. Die gesamten Ödländer waren nur schwer überschaubar, doch wenn Ivasako daran dachte, dass diese bis vor wenigen Jahren noch vier Fünftel der Gesamtfläche Sachakas eingenommen hatten, hatten sie die Ichani nun hinreichend gut unter Kontrolle.

Hachikos neuster Bericht erfüllte den Palastmeister jedoch mit einer leisen Besorgnis. Zweieinhalb Jahre hatte er die Kluft zwischen seinen beiden Pflichten ignoriert, doch der Kauf der Kette hatte einen Prozess in Gang gesetzt, der es ihm erschwerte, den Inhalt des Schreibens nicht persönlich zu bewerten.

Darüber kannst du später nachdenken, ermahnte er sich. Zunächst musst du den König informieren. Ishaka würde diese Neuigkeiten wissen wollen, und wenn er sie von einem Ashaki erfuhr, würde er Ivasako fragen, wieso er davon nichts gewusst hatte.

Mit einem Seufzen rollte Ivasako den Brief zusammen und verstaute ihn in der Röhre aus Parraholz für Kurierschreiben, in der Hachiko ihn gesandt hatte. Dann eilte er aus seinem Büro.

Auf dem leeren Flur glaubte er, ein leises Tappen an seiner Seite zu hören. Sein Herz wurde schwer. Sechs Monate und er glaubte noch immer, dass Yakari ihn auf seinem Weg durch den Palast begleitete. Der P’anaal, der als Welpe zu Marika gekommen war, war im Winter an Altersschwäche gestorben. Mit ihm hatte Ivasako ein Familienmitglied verloren.

Er fand den König im Park auf einem Diwan, den man auf einem Flecken Rasen im Halbschatten der Bäume aufgestellt hatte. Seine Frau und die Töchter saßen auf Decken und Kissen und spielten Enrasa. Sklaven hielten Sonnenschirme über sie und versorgten sie mit Früchten und kühlen Getränken. Nur Ikachi fehlte. Bevor Ivasako sich darüber wundern konnte, fiel ihm wieder ein, dass Ishakas Sohn um diese Zeit Unterricht in Magie und mit dem Schwert hatte. Die Familienidylle war indes ungewohnt.

„Mein König“, sagte er und warf sich vor Ishaka zu Boden. „Ich habe eine dringende Nachricht für Euch.“

„Erhebt Euch und steht bequem, Ivasako.“ Ishaka streckte seine Hand aus. „Und gebt mir die Nachricht.“

Ivasako gehorchte. Mehrere Minuten verfolgte er gespannt Ishakas Miene, während dieser die Nachricht studierte. Schließlich erhob sich der König. „Kommt mit.“

Begleitet vom Gekrächze der Parrook spazierten sie durch den Park in Richtung der Gästequartiere, die momentan leer standen. „Ich bin nicht erfreut über diese Entwicklung“, begann Ishaka, nachdem sie außer Hörweite der Lichtung waren. „Auch wenn sie mich nicht überrascht. Seit Sarekos Flucht in die Ödländer habe ich befürchtet, dass er zu einem Problem wird.“

„Wir haben es zu spät bemerkt und dann hatten wir nicht mehr die Mittel ihn zu verfolgen“, sagte Ivasako.

Sareko hatte seinen Selbstmord vorgetäuscht, als Hakaro sich mit mehreren Ashaki seinem Anwesen genähert hatte, und war in die Ödländer geflohen. Ivasako hatte es herausgefunden, als Ishaka ihm befohlen hatte, die Blutjuwelen der bei der Ergreifung seiner Helfer gestorbenen oder ausgestoßenen Ashaki zu vernichten. Er hatte dieses Wissen für sich behalten, hoffend, dass Sareko ihm noch nützlich sein konnte. Einige Monate nach seiner Flucht war Sareko jedoch von einem Ashaki im Grenzgebiet gesehen worden.

„Und jetzt hat er genug Ichani um sich geschart, dass eine Konfrontation für Verluste sorgen würde.“

„Zumal nicht wenige Ichani noch immer Verbündete unter ihren Freunden und Verwandten haben“, fügte Ivasako hinzu.

„Das befürchte ich auch. Wir müssen herausfinden, welche Ichani mit Sareko im Bunde sind und die jeweiligen befreundeten Ashaki ausfindig machen.“

Etwas in dieser Richtung hatte Ivasako befürchtet. Zugleich war er jedoch nicht sicher, ob ihm Sarekos Aktionen gefielen. Bis jetzt hatte der Mann die Ödländer nicht verlassen, doch es war nur eine Frage der Zeit, bis er dies versuchte. Insofern war Hachiko nicht zu unrecht besorgt.

„Soll ich Eure Berater zusammenrufen?“

„Ja. Jedoch erst für übermorgen. Der Auslandsadministrator wird bald eintreffen und morgen stehen die letzten Vorbereitungen für die Reise meiner Tochter an. Wir sollten dieses Thema in Ruhe diskutieren.“

„Ja, mein König“, erwiderte Ivasako. „Ich werde Euren Beratern eine entsprechende Nachricht schicken.“

„Tut dies. Und wenn das alles wäre, geht wieder an die Arbeit.“

„Ja, mein König“, wiederholte Ivasako innerlich erleichtert. Bis zum Abend würde er sich eine Strategie zurechtgelegt haben, wie er die Ashaki in eine Richtung lenken konnte, die ihm zusagte.

Mit Sareko würde entweder der letzte Beweis sterben, dass Ivasako der Nachtschatten war, oder er konnte ihm noch nützlich werden. Die Frage war nur: wie?


***


Irgendwann am Nachmittag war der Wind vom Meer aufgefrischt, hatte die Wolken auseinandergetrieben und einen tiefblauen Himmel offenbart. Die Luft war spürbar abgekühlt, doch in windgeschützten Ecken und unter schwarzem Stoff war die Sonne weiterhin angenehm warm.

Sonea stand auf der Tribüne und sah dem Treiben der zehn Novizen in der Arena zu. Gegenwärtig unterrichtete Lord Regin zwei Vertiefungskurse in praktischer Kriegskunst. Einen im Vierten Jahr und jenen im Fünften Jahr, der im Winter die Abschlussprüfungen ablegen würde. Darüber hinaus unterrichtete er die Vertiefungskurse in Strategie und zwei Grundkurse ab dem Dritten Jahr, doch keiner war für Sonea so von Interesse, wie jener, in dem ihre Novizin war.

Eine Doppelstunde lang zu stehen, war trotz bequemer Stiefel anstrengend. Unwillig verlagerte Sonea ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Ihr Gesäß war noch immer geschunden vom Morgen und sie wollte nicht länger sitzen als unbedingt nötig. Ein Glück, dass heute keine Gildenversammlung stattfindet!, dachte sie.

Unten auf der Sandfläche lieferte Lina sich ein erbittertes Duell mit dem besten Jungen in ihrer Klasse. Ein kyralischer Novize namens Karrin, der ebenfalls aus einfachen Verhältnissen kam.

Von hier aus war es viel einfacher, Linas Kampfweise zu studieren, als wenn Sonea direkt involviert war. Sie sah Absichten und Andeutungen, die ihren Augen verborgen blieben, wenn sie einander gegenüberstanden.

Etwas strich über ihr Gesäß und sie zuckte zusammen.

„Entschuldige die Verspätung, doch mir ist etwas dazwischen gekommen“, murmelte eine vertraute Stimme.

„Und das entschuldigt unangemessene Berührungen, Hoher Lord?“, fragte Sonea ebenso leise und ohne sich umzudrehen.

„Ich habe es so getan, dass es niemand sieht, und deine Reaktion sagt mir, dass meine Behandlung von heute Morgen nachhaltig ist.“

„Meine Reaktion sollte dir sagen, dass du dich nicht von hinten anschleichen und mich in der Öffentlichkeit unsittlich anfassen solltest“, gab Sonea zurück.

Akkarin lachte leise und Sonea fand ihn unmöglich. Er nimmt sich ziemlich viel heraus, aber ich bin frech? „Willst du nun wissen, warum ich mich verspätet habe?“, fragte er und drückte ihr einen Kuss ins Haar.

Die Hälfte einer Doppelstunde war für Sonea bereits mehr als Verspätung. „Entweder die Küche ist explodiert und Takan ist völlig außer sich oder es ist etwas mit den Kindern“, sagte sie.

„Wäre die Küche explodiert, hätte man den Knall überall in der Gilde gehört und Rauch gesehen.“ Erneut dieses leise Lachen. „Nein, es war tatsächlich Lorlen.“

„Lorlen!“, entfuhr es Sonea, während sie damit fortfuhr, Linas Kampfweise zu beobachten. Wirkte sie dabei wirklich immer so zornig? „Was hat er getan?“

„Er hat sich nach langer Zeit wieder mit seinen Erzfeinden angelegt. Hania war nicht dabei, sie hatte gerade einen anderen Kurs.“

„Die beiden aus der Parallelklasse, die die Kriegskunst wählen wollen?“

„Exakt. Doch das hat Lorlen nicht davon abgehalten, sich mit ihnen ein Duell in den Inneren Passagen zu liefern. Ich musste ihn beim Rektor abholen. Jerrik war nicht erfreut.“

„Das kann ich mir vorstellen.“ Als Novize hatte Akkarin mit seinem besten Freund wiederholt für Ärger gesorgt. Jerrik hatte eine entsprechende Akte über ihn geführt, die Akkarin ihr gezeigt hatte, nachdem er sie fünfundzwanzig Jahre nach seinem Abschluss hatte mitnehmen dürfen. Der Inhalt hatte einiges erklärt. Jerrik mochte Akkarin fürchten, doch er vertrat auch die Meinung, dass Lorlen zu sehr nach seinem Vater kam. Und damit hatte er recht. „Ich hoffe, du hast ihm eine entsprechende Strafe gegeben.“

„Eine Woche Magierbibliothek plus zwei Wochen den Dienern beim Putzen der Inneren Passagen helfen. Ohne Magie.“

Das war hart, aber für den Sohn und Novizen des Hohen Lords mehr als angemessen. Auch ihr hatte Akkarin harte Strafen gegeben, als sie seine Novizin gewesen war. Allerdings war Sonea damals eher Opfer als Unruhestifterin gegeben. Nur einmal hatte sie den Unterricht geschwänzt und ein anderes Mal hatte sie Regin in der Universität angegriffen. Sie hatte Akkarin verflucht, aber sie hatte es verstanden. Sie bezweifelte, dass ihr Sohn so viel Einsicht zeigte.

„Wollen wir hoffen, dass es hilft“, murmelte sie trocken. Sie war an einem Punkt angelangt, an dem sie aufgehört hatte, über Lorlens Streiche außer sich zu sein. Es half sowieso nicht.

Akkarin stellte sich neben sie, jedoch nicht ohne eine Hand auf ihrer Taille zu lassen. „Lina kämpft anders, als wenn sie gegen dich kämpft“, bemerkte er.

Also hatte er den Kampf verfolgt, während er sich mit ihr unterhalten hatte. „Woran siehst du das?“, fragte Sonea.

„Das solltest du selbst erkennen, Sonea.“

Sie schnaubte leise. „Ich will wissen, welche Unterschiede du siehst.“

„In Regins Unterricht kämpft sie überlegter, was jedoch nicht bedeutet, dass ihr Temperament zuweilen durchkommt. Bei dir erweckt sie hingegen den Eindruck, als wolle sie dich töten und ist voll Zorn, was ich ihr nicht verübeln kann.“

Erheitert wandte Sonea sich ihrem Hohen Lord zu. „Weil sie in dich verliebt ist?“

„Nein.“ Akkarin lachte leise. „Auch wenn das vermutlich ein guter Grund für manch eine Frau wäre. Bei dir kann sie sich vorstellen, gegen den Sachakaner zu kämpfen, der sie als Kind entführt hat. Sie braucht sich nicht zurückhalten, weil sie weiß, dass du ihr an Stärke überlegen bist. Im Unterricht mit den anderen Novizen profitiert sie davon.“

„Und ich habe mich schon gefragt, ob ich ihre Berechnung nur nicht sehe, wenn ich ihr gegenüberstehe. So wie bei dir.“

„Das ist sicher auch ein Grund. Aber zugleich kannst du von hier auch ihre Schwächen studieren, die noch prominenter aber auf Grund der Perspektive schwieriger zu erkennen wären, wenn sie gegen dich antritt.“

„Und dann werde ich besser daran arbeiten können“, murmelte Sonea.

„Genau.“

Für einen Moment huschte Linas Blick zur Tribüne. Karrin nutzte die Situation und griff sie mit einem Hitzeschlag an, der ihren Schild von hinten traf. Linas Miene verfinsterte sich und die Runde war vorbei.

„Halt!“, rief Regin und die Kämpfe der übrigen Novizen erstarben. „Für den Rest der Stunde üben wir den gemeinsamen Angriff auf einen Gegner. Lina, du bist der Gegner, ihr anderen arbeitet zusammen, um sie zu besiegen. Wer Alleingänge macht, geht auf die Tribüne.“

Die Novizen stellten sich auf. „Machen sie das immer?“, fragte Akkarin. Er klang beeindruckt.

„Nicht immer“, sagte Sonea. „Aber ich habe ihn gebeten, es heute zu tun.“

„Mich würde interessieren, wie Lina sich in Teamarbeit schlägt.“

„Dazu habe ich bereits ein paar Ideen, bei denen sie sich gefordert fühlen wird“, sagte Sonea. „Im Klassenverband ist das kaum möglich.“

„Ich erinnere mich, dass du diesbezüglich etwas erwähnt hast.“

Auf Regins Kommando begannen die Novizen über die Arena verteilt zu kämpfen. Wann immer Lina einen Novizen angriff, vereinte dieser seinen Schild mit seinen Nachbarn und zwang Lina dazu, eine List anzuwenden, um die Verteidigung zu durchbrechen. Zu Beginn war diese Strategie erfolgreich, doch nach einer Weile wurde Lina zusehends frustrierter und unaufmerksam.

„Sie lässt sich zu sehr von ihren Gefühlen leiten“, bemerkte Akkarin. „In einem richtigen Kampf kann ihr dies das Leben kosten.“

Sonea nickte. „Dasselbe beobachte ich auch, wenn sie gegen mich kämpft. Ich würde es darauf schieben, dass sie die bösen Sachakaner auf mich projiziert, doch wenn ich mir das hier so ansehe, vermute ich dahinter eher ungesunden Ehrgeiz.“

„Vielleicht ist sie verunsichert, weil wir zusehen.“

„Sie ist es gewohnt, dass einer von uns zusieht. Ich glaube eher, dass sie sich zu sehr unter Druck setzt. Wegen der bevorstehenden Prüfungen. Wegen dem, was sie sein könnte.“

„Nun, wenn du es so ausdrückst, komme ich nicht umhin, dir zuzustimmen.“

Sonea lehnte den Kopf gegen seine Schulter. „Danke, dass du gekommen bist, Hoher Lord“, sagte sie und sah zu ihm auf.

Die Piratennarbe verzog sich. „Das ehrt mich, doch bis jetzt habe ich nicht wirklich etwas beigetragen.“

„Du hast mir geholfen, meine Gedanken zu ordnen.“

Eine Weile betrachteten sie das Treiben schweigend. Aus dem Gespräch und ihren Beobachtungen zog Sonea zwei Schlüsse: Lina brauchte Herausforderungen. Aber sie ließ sich auch leicht frustrieren, womit sie ihren Fortschritt sabotierte. Sie erinnerte sich wieder an ihr Gespräch mit Rothen am Vortag. Dann sah sie zu Akkarin hoch.

„Da Takan immer zu viel kocht und die Küche nicht explodiert ist, wird es ihm gewiss keine Umstände bereiten, wenn Regin heute zum Essen kommt.“

Akkarin lachte leise. „Nach so vielen Jahren, Sonea, glaubst du das ernsthaft noch?“


***


An diesem Tag war Anjiaka im Palast geblieben. Dannyl und Salyk waren allein mit der Sänfte zum Haus der Verräter zurückgereist. Nach seinem morgendlichen Gespräch mit Akkarin kam Dannyl das nur allzu gelegen, und während sie durch die Straßen von Arvice schaukelten, stellte er fest, dass dieses mehr seine Gedanken beherrschte als die zweite Begegnung mit Sayara.

Was die Prinzessin betraf, so konnte er für den Augenblick nicht mehr tun, als abzuwarten, wie sie auf König Merin reagieren würde, wenn sie diesem in einigen Wochen begegnen würde. Salyk hatte ihn darauf hingewiesen, dass sich das Mädchen noch entwickeln würde, wenn es aus der Obhut ihres Vaters entlassen wurde. Er hatte Dannyl daran erinnert, dass es mit Laysa nicht anders gewesen war und dass Sayara zudem auf ihre Rolle als Frau eines Herrschers erzogen worden war. Auch wenn sie keine Magie besaß, so würde sie die Frau an der Seite eines Mannes von Einfluss sein.

Dannyl hatte diese Erinnerung gebraucht. In seiner Karriere als Diplomat kam es gelegentlich vor, dass seine Mission mit seiner Moral kollidierte. Manchmal, so wie mit Laysa, war es ihm gelungen, ein Unrecht aufzudecken und im Einklang mit seiner Moral zu handeln. Manchmal, so wie mit den Rebellen in Elyne, musste er sich den Gesetzen beugen. Eine politische Ehe zu besiegeln war indes eine neue Erfahrung und er war nicht darauf vorbereitet, welche Bedenken sie in ihm auslösen würde.

Akkarins Worte waren derweil umso beunruhigender. Noch war Dannyl zu keinem endgültigen Schluss gekommen, was sie zu bedeuten hatten, doch er ahnte, dass es dabei um etwas ging, das die Verbindung von Kyralias und Sachakas Königshaus gefährden konnte. Und wenn dies der Fall war, dann versanken seine Bedenken bezüglich Sayara in Bedeutungslosigkeit.

„Ich würde gerne etwas mit Euch besprechen“, sagte Dannyl. „Unter vier Augen.“

Für einen Moment glaubte er Unsicherheit in Salyks Augen zu lesen, dann kehrte seine Professionalität jedoch zurück. „Dann nehme ich an, die Sänfte ist dazu der falsche Ort?“

„Ja.“ Dannyl bezweifelte, die Träger würden das Gesprochene weitererzählen, und zudem konnte er einen schalldichten Schild errichten. Doch er wollte lieber sichergehen. „Ich schlage vor, dass wir dies noch vor dem Abendmahl erledigen.“

„Dann ist es etwas Dringendes?“

„Es ist vor allem vertraulich“, sagte Dannyl. Salyks Besorgnis bemerkend fügte er hinzu: „Es ist eine dienstliche Angelegenheit.“

„Ich verstehe.“ Salyk klang beruhigt, aber da war auch eine Spur von Enttäuschung. Oder glaubte Dannyl das nur, weil ihm Salyk gefiel?

„Sollte das Bad nachher frei sein, so schlage ich vor, dass wir unsere Unterredung dorthin verlegen“, sagte er. „Die Tür quietscht ein wenig, wir würden hören, wenn wir Gesellschaft bekommen.“

„Einverstanden“, sagte Salyk. „Ich bin gespannt, worum es geht.“

Den Rest der Reise verbrachten sie in einvernehmlichem aber nicht weniger gespanntem Schweigen. Hätte ich ihn in mein Quartier einladen sollen?, fragte Dannyl sich, während die weißen Mauern der Ashaki-Anwesen an ihnen vorbeizogen. Eine Besprechung dort würde nicht einmal von Harlen als konspirativ aufgefasst. Dannyl würde sogar eine Erklärung finden, wenn er und Salyk sich sofort dorthin zurückzogen. Darauf, dass sie ihre Unterredung im Bad führen würden, würde hingegen niemand kommen, zumal das Bad nach einem langen und anstrengenden Tag unverdächtig wirkte.

Bin ich übervorsichtig?, fragte Dannyl sich. Wenn Akkarin sich nicht genauer ausdrücken wollte, dann hatte das einen guten Grund. Und was auch immer dieser Grund war, für Dannyl bedeutete das: absolute Diskretion.

Botschafter Harlen war nirgends zu sehen, als sie das Haus der Verräter erreichten. Dannyl fiel wieder ein, dass der Mann beim Morgenmahl erwähnt hatte, dass er an diesem Tag seine Visite bei diversen Ashaki und deren Haushalten durchführte. Und er war dankbarer denn je, dass das Haus der Meisterin über ein eigenes Bad verfügte. In seinen Gemächern wählte Dannyl eine frische Robe und wandte sich, diese über den Arm gelegt, zum Bad. Salyk kam, als Dannyl sich den Rücken zur Tür gewandt entkleidete. Für einen Moment befingerte er den kleinen, silbernen elynischen Halbmond-Anhänger um seinen Hals und beschloss dann, diesen anzubehalten.

„Ich bin gespannt, was Ihr zu berichten habt, dass es einer solchen Geheimhaltung bedarf“, bemerkte der Lonmar.

Dannyl wickelte sich ein Handtuch um die Hüften. „Und ich bin gespannt, ob Ihr meiner Intuition zustimmt.“

„Eure Andeutungen machen es nur noch spannender.“

„Dann könnt Ihr Euch vielleicht vorstellen, wie es mir seit heute Morgen geht“, erwiderte Dannyl und wandte sich um, den Blick auf Salyks Gesicht gerichtet.

„Allmählich erhalte ich eine ziemlich gute Ahnung davon.“ Salyk wickelte sich sein Handtuch um die Hüften und sie betraten das Bad.

Nachdem sie im heißen Wasser entspannt hatten und Dannyl sich vergewissert hatte, dass sie wirklich allein waren, berichtete er Salyk von seinem morgendlichen Gespräch mit Akkarin. Salyk hörte aufmerksam zu, die Stirn gerunzelt.

„Ihr kennt Akkarin besser als ich“, sagte er schließlich. „Daher gehe ich davon aus, dass Euch Eure Intuition nicht trügt.“

Dannyl nickte. „Es muss wichtig sein, sonst hätte er mich nicht per Gedankenrede gerufen, um ’Bericht zu erstatten’. Nicht, wenn das eigentliche Gespräch so inhaltslos ist.“

„Ich stimme Euch zu. Akkarin hätte abwarten können, bis Ihr über die Stimmung in Arvice berichtet oder darauf vertrauen, dass Ihr ihn unverzüglich informieren würdet, wenn Euch etwas verdächtig vorkommt. Es wirkt beinahe, als habe er Euch nur gerufen, um zu plaudern, und das sieht ihm nicht ähnlich.“

„Also stimmt Ihr mir zu, dass etwas seltsam ist.“

„Absolut. Auch wenn mir noch nicht klar ist, wieso er seine Absichten so vage formuliert hat.“

„Ich glaube, das hat er mit Absicht getan.“

„Wieso sollte er das? Wenn jemand etwas über die Stimmung in Arvice und mögliche Anschläge auf die Prinzessin erfahren kann, dann wir.“

Weil Dannyl und Salyk anders als Anjiaka oder Harlen keine Personen waren, vor denen man es gewohnt war, seine Absichten zu verbergen. „Weil er weiß, dass ich den König oder die Ashaki gezielt, aber subtil in eine bestimmte Richtung lenken würde und er das aus irgendeinem Grund nicht gebrauchen kann“, antwortete Dannyl.

„Nicht, dass wir in der Zeit, die wir noch hier sind, viel ausrichten könnten“, sagte Salyk.

„Das nicht, aber die Zeit würde genügen, um einen Prozess in Gang zu bringen, den Akkarin aus welchem Grund auch immer nicht gebrauchen kann.“

Salyk tat einen tiefen Atemzug und tauchte unter. Eine Traube von Luftblasen stieg auf, dann verharrte er mehrere lange Augenblicke reglos unter Wasser. Dannyl begann sich bereits zu fragen, ob ihr Gespräch damit beendet war, als sein Freund wieder auftauchte.

„Ich glaube, dass Akkarins Frage nichts mit Prinzessin Sayara zu tun hatte.“ Der Schaum, der über Salyks Schultern und seine Brust rann, bildete einen ansprechenden Kontrast seiner Haut, die wie Nachtholz schimmerte. „Zumindest nicht direkt. Ich glaube eher, dass es um etwas anderes geht und dass er sich von Euch die Bestätigung eines Verdachts oder dessen Widerlegung erwartet hat. Vielleicht ist sein Verdacht zu vage, um ihn zu äußern, weil er damit etwas heraufbeschwört, das er lieber vermeiden will. Deswegen auch sein Anliegen, die Eskorte für die Prinzessin zu verstärken.“

Die Erklärung war so treffend, dass Dannyl zusammenzuckte. „Was wiederum bedeutet, dass er einen wie auch immer gearteten Plot in Sachaka vermutet.“

„Oder einen, der mit einem anderen Plot zusammenhängt.“

„Wir sollten uns umhören“, sagte Dannyl. „Unauffällig selbstverständlich.“

„Dannyl, bei allem Respekt, wir sind nur noch morgen hier. Und diesen Tag werden wir mit den Reisevorbereitungen verbringen.“

„Es ist dennoch besser als nichts“, erwiderte Dannyl. „Und wenn wir morgen im Palast sind, werde ich auf eine gründliche Inspektion der Magier bestehen, die Ishaka zu Sayaras Schutz nach Kyralia entsendet.“

„Also schön“, sagte Salyk. „Ich helfe Euch. Ganz ohne, dass Ihr es mir befehlen müsst. Denn abgesehen von meinem Pflichtgefühl habe ich nichts gegen ein wenig Aufregung.“

„Dann“, sagte Dannyl mit einem unwillkürlichen Grinsen, „sind wir schon zwei.“


***


In der blaugrauen Abenddämmerung, die sich über das Gelände der Gilde gesenkt hatte, wirkte das graue Haus am Waldrand düster und bedrohlich. Regin nahm sich vor, sich davon nicht beeindrucken zu lassen. Er war schon oft hier gewesen, auch abends, und zudem war es nicht der Hausherr, der die Einladung ausgesprochen hatte, sondern Sonea. Und sie hatte dabei ernst gewirkt, jedoch nicht auf die Weise, die Regin bei ihr fürchten gelernt hatte.

Er schnaubte leise. Wer hätte gedacht, dass das Mädchen, das mir einst so verhasst war, eines Tages fürchten würde?

Es war nicht so, dass Regin Sonea durch und durch fürchtete. Aus ihrer einstigen Rivalität war eine enge Freundschaft gewachsen – zu einer Zeit, in der sie bereits eine furchteinflößende schwarze Magierin gewesen war. Seine gelegentliche Furcht resultierte eher aus zahlreichen Gelegenheiten, in denen sie ihm die Meinung gesagt hatte. Und dabei besaß sie das unheimliche Talent, seine wunden Punkte zu treffen. Regin konnte ihr deswegen nicht einmal zürnen oder wünschen, dass ihr noch unheimlicherer Mann sie besser unter Kontrolle hatte, weil er in den Tiefen seines Herzens wusste, dass sie recht hatte.

Dass er lange Zeit nichts mehr angestellt hatte, wofür Sonea ihm den Kopf waschen musste, war sein einziger Trost, als er den Weg zur Residenz entlangschritt. Dass die Einladung so unerwartet und kurzfristig gekommen war, war indes ein Anlass sich darüber zu wundern. Sonea hatte jedoch nicht die geringste Andeutung gemacht, warum er zu einem nicht-formalen Dinner kommen sollte, und Regin konnte nur raten, was es zu bedeuten hatte.

Vielleicht brüten sie eine neue Strategie aus, die sie mit mir diskutieren wollen, überlegte er. Nicht, dass wir in Friedenszeiten leben, aber wer weiß, welche Unruhen uns noch wegen der Hochzeit von Merin und dieser sachakanischen Prinzessin erwarten. Dass die Sachakaner sich ruhig verhalten, bedeutet nicht, dass sie es auch weiterhin tun.

Regin erklomm die Stufen zum Eingang. Auf seine Berührung schwang die Tür auf. Der Hohe Lord und seine kratzbürstige Frau saßen in Sesseln in der kleinen Empfangshalle, Akkarin ein Weinglas in der Hand, Sonea über ein Buch gebeugt.

„Guten Abend, Lord Regin“, grüßte Akkarin, als Regin eintrat.

„Guten Abend, Hoher Lord. Sonea“, erwiderte Regin. Während es sich seltsam anfühlte, Sonea außerhalb von Gildenversammlung mit Lady anzusprechen, brachte er bei Akkarin keine informelle Anrede über sich.

Der Hohe Lord räusperte sich leise. Sonea zuckte zusammen, ihr Kopf fuhr hoch und ihre Wangen röteten sich.

„Hallo Regin.“ Hastig klappte sie das Buch auf ihrem Schoß zu und legte es auf den Tisch. „Schön, dass du gekommen bist.“

„Ich danke für die Einladung“, erwiderte Regin, eine Hand auf die Brust gelegt. „Und ich bin gespannt, den Anlass zu erfahren.“

Sonea betrachtete ihn mit schmalen Augen. Sie mochte es nicht, wenn er charmant wurde. „Möchtest du ein Glas Wein vorab? Takan sagt, es dauert noch ein paar Minuten, bis das Essen fertig ist.“

„Sehr gerne“, sagte Regin.

Die kleine schwarze Magierin wollte aufstehen, doch Akkarin legte eine Hand auf ihren Arm. „Das Essen ist fertig.“

„Aber vorhin sagtest du noch …“, begann Sonea verständnislos.

„Das war vor einer halben Stunde, Sonea.“

„Oh“, machte sie und ihre Augen huschten zu dem Buch, während sich das Rot auf ihren Wangen vertiefte.

Interessant, dachte Regin. Liest sie ein Buch über schwarze Magie oder warum wird sie dabei rot?

Der Hohe Lord erhob sich mit einem leisen Rascheln seiner Roben. „Ich schlage vor, dass wir nach oben gehen“, sagte er und reichte Sonea seinen Arm.

Der Tisch im Speisezimmer war so üppig gedeckt, als wäre das Dinner ein formales. Was allerdings weniger an dem Anlass als an dem Perfektionismus von Akkarins Koch lag. „Informell“ bedeutete, sich nicht an die Regeln der Häuseretikette halten zu müssen. Regin fragte sich derweil, ob es Akkarin überhaupt möglich war, seine Formalität jemals abzulegen. Wahrscheinlich tat er es nicht einmal im Bett.

Sonea wählte ihren Platz gegenüber ihrem Mann am anderen langen Ende der Tafel. Regin setzte sich auf den einzigen gedeckten Platz an der Seite. „Heute keine Kinder?“, fragte er.

„Die Kinder haben früher gegessen.“ Akkarin entkorkte eine Flasche Anurischen Dunkelwein mit seiner Magie und ließ sie zum Tisch schweben. „Und das hier könnte entweder für uns alle oder zumindest für Sonea und mich spät werden.“

„Jetzt bin ich wirklich gespannt“, sagte Regin.

Die Tür ging auf und die beiden Diener der Residenz traten ein. Takan trug ein Tablett mit drei dampfenden Schälchen und Tellern, auf denen ein Salat mit Brasi und Meeresfrüchten angerichtet war. Seine Frau trug einen Korb mit duftenden kleinen Brötchen. Takan platzierte die Suppenschälchen auf den großen Tellern und ordnete den Salat schräg daneben an. Während die Frau den Brotkorb in die Mitte des Tisches stellte, erklärte der Sachakaner, was exakt die Vorspeisen enthielten.

„Da es heute um ein Anliegen von Sonea geht, schlage ich vor, dass sie Euch dieses erklärt“, sagte Akkarin, nachdem sich die beiden Diener zurückgezogen hatten und er das Dinner für eröffnet erklärt hatte.

Mit einem erwartungsvollen Blick sah Regin zu Sonea. „Ich bin ganz Ohr“, sagte er sich das „liebste Sonea“ verkneifend. Es war besser, sie nur dann zu ärgern, wenn ihr unheimlicher Mann nicht dabei war.

Sonea trank einen Schluck Wein. „Es geht um meine Novizin“, sagte sie und ließ den Brotkorb zu sich schweben. „Zum einen interessiert mich deine Einschätzung ihrer Leistungen, zum anderen habe ich ein paar Ideen für ihren Privatunterricht, bei denen deine Hilfe sehr willkommen wäre. Doch dazu später mehr.“

So wie sie das sagte, würde er für irgendetwas Unerfreuliches herhalten müssen.

„Es geht darum, ob sie sich als Nachfolgerin eignet“, folgerte Regin, „richtig?“

Sonea nickte. Ihre Blicke begegneten einander und ihre Miene wurde missbilligend. „Also keine Beschönigungen, weil du denkst, ich würde das besser aufnehmen.“

So eine kleine Kratzbürste, dachte Regin. Er behielt seine Theorien dazu jedoch für sich. Die Gefahr, dass Akkarin diese aus seinen Gedanken las, war ihm zu groß.

„Lina ist eine extrem ehrgeizige Schülerin, sogar noch ehrgeiziger als Lady Nastia einst“, begann er. „Daraus ist auch ihre Rivalität mit Karrin entstanden. Er war besser als sie, sie sah ihn als Vorbild und wollte so gut wie er werden. Da sie an Stärke einander schon früh ebenbürtig waren, lasse ich sie häufig gegeneinander antreten. Mittlerweile reicht ihr das jedoch nicht mehr.“

„Du meinst, sie will besser sein, als er“, folgerte Sonea.

Regin nickte.

„Lord Regin, warum glaubt Ihr, ist das so?“, fragte Akkarin, während er mehrere Brasiblätter mit seiner Gabel aufspießte.

„Nun“, sein Unbehagen überspielend trank Regin einen Schluck Wein, „ich nehme an, dass es an ihrer Herkunft liegt und daran, dass sie ein Mädchen ist. Das ist nicht das erste Mal, dass ein Novize mit diesen Voraussetzungen unter Komplexen leidet. Etwas Ähnliches beobachte ich bei Alia, die eine starke Rivalität mit Sanina von Haus Korin verbindet, die sie mittlerweile in meinem Kurs ausleben.“

„Würdest du das eher als Vorteil oder als Nachteil sehen?“ Sonea hatte ihr Suppenschälchen geleert und wischte es nun mit Stücken ihres Brötchens sauber.

Regin ließ sich einen Moment Zeit über diese Frage nachzudenken und probierte von dem Salat. Meeresfrüchte waren nicht sein Fall, doch in Soneas Gesellschaft wagte er es nicht, wählerisch zu sein. Ganz besonders nicht mehr, seit sie ihren Kindern die Mäkeligkeit abgewöhnt hatte.

„Beides“, sagte er schließlich. „Als Nachteil sehe ich, dass sie sich zu sehr auf ihr Ziel fixiert und darüber blind wird. Ihr unterlaufen Fehler.“ Sonea nickte bestätigend und bedeutete ihm mit ihrem Brötchen in der Hand fortzufahren. War sie immer so herrisch gewesen oder war sie das, weil ihr Mann es ihr nicht besorgte? „Der Vorteil ist, dass sie ein Ziel zu haben weiterbringt. Und“, fügte er mit einem charmanten Lächeln hinzu, „wird sie dadurch stärker und wächst an sich.“

Sonea schnaubte leise. „Was glaubst du, ist ihr Ziel?“

„Eine außerordentlich starke Kriegerin zu werden und zu zeigen, dass sie ebenso gut ist, wie unsere männlichen Krieger.“

Die beiden schwarzen Magier tauschten einen Blick, ließen seine Antwort jedoch unkommentiert.

„Würdest du sie unter diesen Voraussetzungen an einem Kampf gegen schwarze Magier teilnehmen lassen? Und damit meine ich nicht mich und Akkarin, sondern Sachakaner.“

Regin schüttelte den Kopf. „Selbst wenn sie erfahrener wäre, sehe ich in ihrem Temperament eine Gefahr. Wahrscheinlich wird sich dieses noch auswachsen, doch sollte in den nächsten ein oder zwei Jahren ein Krieg ausbrechen, würde ich ihr eine Aufgabe geben, die sie nicht in das unmittelbare Kampfgeschehen bringt.“

Die Tür ging auf und die beiden Diener kamen mit weiteren Platten und Schüsseln. Sie stellten alles auf den niedrigen Schrank, von dem Akkarin die Weinflasche geholt hatte, und räumten das benutzte Geschirr ab. Dann stellten sie die neuen Speisen darauf.

„Danke für deine Einschätzung, Regin.“ Sonea tat sich zwei kleine Harrelfilets auf und bedeckte sie mit reichlich Chebolsoße. „Tatsächlich vervollständigt sie meine bisherigen Gedanken. Über einige deiner Ansichten werde ich noch einmal nachdenken und dich in den nächsten Tagen dazu befragen.“

Auf eine seltsame Weise erleichterte ihn das. Und Regin erkannte, ein Teil von ihm hatte befürchtet, dass Sonea es nicht freudig auffassen würde, wenn er etwas Negatives über ihre Novizin sagte. Obwohl sie schon häufiger über Lina gesprochen hatten, hatte Regin diesbezüglich schon seine Erfahrungen gemacht, als Lina in ihren ersten Monaten unter Sonea wiederholt für Ärger gesorgt hatte.

„Es freut mich, dass ich helfen konnte, liebste Sonea“, erwiderte er galant.

Sie hob eine Augenbraue und begann zu essen.

Nachdem sie ihren Hunger gestillt hatten, diskutierten sie Soneas Ideen dazu, Lina mit stärkeren Gegnern zu fordern. Einiges hatte Regin bereits befürchtet. Insgesamt musste er Sonea jedoch zustimmen. „Wenn das funktioniert, könnte das ihre Rivalität zu Karrin mildern und sie empfänglicher für meine Anleitung machen“, sagte er. „Auch wenn ihr diese Sonderbehandlung möglicherweise Feinde machen wird.“

„Lina hat sich auch bis jetzt gegen andere Novizen durchgesetzt“, entgegnete Sonea. „Ich hoffe doch sehr, dass das nicht erneut nötig sein wird.“


***


Cery riss seine überkreuzten Arme hoch und blockte das Schwert, das von oben auf ihn niederfiel mit seinen beiden Dolchen. Die Wucht hinter dem Angriff war so immens, dass er in die Knie ging. Er tauchte zur Seite weg und löste seine Klingen in der Bewegung aus dem Block. Jetzt befand er sich so dicht an seinem Gegner, dass er die Reichweite des Schwertes unterschritten hatte und schneller agieren konnte, um einen tödlichen Treffer zu erzielen.

In einer raschen Bewegung stach er mit einem Dolch in die Seite seines Gegners, stoppte jedoch an dessen Kleidung, während der andere einen Punkt im Rücken fand.

„Nicht schlecht, Ceryni“, sagte Zavako. „Aber ich habe dir auch eine Chance gelassen.“

Lachend steckte Cery seine Messer weg. „Du bist ein guter Verlierer, mein Freund.“

„Bin ich das? Oder hab’ ich einfach nur nicht mit all meinen Tricks gekämpft?“

Cery griff nach einem Handtuch, das er über eine Kiste gelegt hatte, und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. „Sag du’s mir.“

„Sachakanische Schwerter sind Zweihänder.“ Zavako stellte sich breitbeinig in den Hinterhof, sein Schwert mit beiden Händen umschlossen. „Damit schützt man zugleich die Vorderseite, auch wenn der Gegner sehr nahe steht.“ Er machte verschiedene Hack- und Schwingbewegungen. „Innerhalb der Reichweite kommen die Beine ins Spiel. Um dir ein Gefühl für diesen Kampfstil zu geben, hab’ ich darauf verzichtet.“

In den Hüttenvierteln Imardins waren Messer die bevorzugte Waffe der Diebe und aller Kleinkrimineller. Cery hatte in seinem Leben schon zahlreiche Messerkämpfe bestanden und mit größeren oder geringeren Verletzungen gewonnen. Um in Form zu bleiben, trainierte er mit Lana und Krinn. Bei einem feuchtfröhlichen Abend in Harrins Bolhaus, zu dem Cery seinen Stellvertreter mitgenommen hatte, war Zavako ein wenig aus sich herausgekommen und hatte über seine Zeit als Sklave gesprochen und aufgezählt, in welchen Kampfküsten er ausgebildet war. Das sachakanische Schwert hatte Cery dabei am meisten fasziniert. Er wusste, dass Sonea auch hin und wieder mit einem solchen Schwert trainierte, und dass es Unterschiede zu kyralischen Schwertern gab. Und so hatte er Zavako gebeten, ihm ein paar Tricks zu zeigen.

„Und ich hab’ mich schon gefragt, ob deine Nahkampffähigkeiten eingerostet sind“, sagte Cery.

„Ich würde lügen, würde ich sagen, dass ich noch so gut bin, wie vor meiner Flucht. Aber was man von kleinauf lernt, geht in Fleisch und Blut über.“

„Absolut“, sagte Cery. „Seit ich bei der Stadtwache bin, knacke ich nur noch selten Schlösser, aber ich weiß immer noch ganz genau, was ich zu tun habe. Die meisten Schlösser könnte ich vermutlich blind knacken.“

Das glaube ich erst, wenn ich es sehe!“ Zavako griff nach seinem Rakabecher, der auf einer anderen Kiste in dem schmutzigen Hinterhof stand, und trank einen Schluck.

Der Hinterhof gehörte zu dem sicheren Haus, in dem Cery hin und wieder Treffen der Diebe abhielt oder Personen versteckte, die Schutz brauchten. Die umliegenden Gebäude waren von Menschen bewohnt, die an ihn Schutzgeld zahlten, damit Cery sie vor der „echten“ Stadtwache beschützte.

„Schlösserknacken macht man für gewöhnlich im Dunkeln“, sagte Cery. „Wenn du mir nicht glaubst, sage ich Correl, dass er uns in ’ne Arrestzelle sperren soll.“

„Correl wird das nicht freuen.“

„Soll er doch wild werden.“ Cery warf das Handtuch zurück auf die Kiste. „Noch ‘ne Runde?“

„Gern. Du bekommst allmählich ein Gefühl für das Schwert.“

„Ist doch auch nur ein großes Messer“, erwiderte Cery.

„Dann kann ich ja meine anderen Tricks auch einsetzen.“

„Ich bitte darum. Oder willst du, dass ich befinde, dass Schwerter langweilige, viel zu träge und schwere Waffen sind?“

Zavako hob eine Augenbraue, als wäre er milde amüsiert. „Dann wirst du gleich erstaunt sein, was ‘ne träge und schwere Waffe noch alles kann.“

„Ich lasse mich gerne überraschen“, erwiderte Cery.

Sein Leibwächter ging in Angriffsposition. „Dann mach dich auf was gefasst, Ceryni.“

Cery zog seine Messer und wickelte sich die Schnüre um die Handgelenke. „Dann zeig mal, was mein bester Mann wirklich kann.“

Während er in Position ging, beobachtete Zavako ihn lauernd. Wie ein Limek, der sich zum Sprung bereitmacht, fuhr es Cery durch den Kopf. Dann, plötzlich, schnellte er vor und wirbelte sein Schwert wild vor sich herum und die Muskeln an seinen kräftigen Armen traten hervor.

Instinktiv wich Cery zurück. „Hai!“

Zavako ließ sein Schwert sinken und seine Muskeln entspannten sind. Für einen Moment stand er völlig offen. „Damit hast du jetzt nicht gerechnet, was?“

„Das ist nix, was ich von einer schweren und trägen Waffe erwarten würde.“

Zavako schnellte erneut vor. Cery wich schräg nach hinten aus, damit er nicht gegen den Schuppen stieß – und streifte diesen. Ein reißendes Geräusch hinter ihm sagte ihm, dass er sein Hemd zerrissen hatte. Die Bewegungen verlangten ihm eine Schnelligkeit ab, auf die er nicht vorbereitet war.

Ein Lachen hallte über den Hof. „Der Trick ist, die schwere und träge Waffe in Bewegung zu versetzen. Hat man das geschafft, ist sie sehr tödlich.“

„Das merke ich gerade“, keuchte Cery. Er fuchtelte mit den Messern zur Mitte der Trainingsfläche. „Lass uns nochmal anfangen.“

Sie stellten sich erneut auf. Dieses Mal war Cery besser vorbereitet. Als Zavako angriff, wich er zur Seite aus, beide Messer von sich gestreckt, beobachtend, abschätzend. Zavako setzte ihm nach und Cery wich erneut zur Seite aus. Der Sachakaner brauchte einen Moment, um seine Bewegung der Cerys anzupassen. Was träge in Gang kam, brauchte auch eine Weile, um sich neu auszurichten.

Cery nutzte die Gelegenheit und schnellte vor. Zavako sah den Angriff jedoch kommen und wich seitlich nach hinten aus. Elegant und effizient. Cery fluchte.

Mehrere Minuten vergingen, in denen sie einander auf diese Weise über den Hof scheuchten. Cery hackend und stoßend, Zavako schwingend und wirbelnd. Ein Angriff von oben kam mit einer Wucht, die Cery mit seinen Dolchen nicht mehr auffangen konnte. Er warf sich zur Seite und rollte ab.

Zavakos Schwert traf den Erdboden. Während er es hochwuchtete, kam Cery auf die Beine. Er umrundete den Sachakaner, doch dieser sah die Bewegung voraus und drehte sich ihm entgegen. Messer prallte auf Schwert und Funken flogen in der aufziehenden Dämmerung. Mit der Drehung seines Handgelenks brachte Cery ein Messer auf die andere Seite von Zavakos Schwert. Mit aller Kraft riss er Zavakos Arme herum.

Etwas traf ihn halb in der Bewegung in den Magen. Cery verlor die Kontrolle über seine Messer und wurde rückwärts geschleudert. Der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen.

„Uaaah“, machte er und versuchte auf die Beine zu kommen. Sein Kopf schwirrte als wäre eine Horde Enka darauf herumgetrampelt.

Zavako kickte seine Messer zu ihm. „Steh auf und kämpfe wie ein Mann. Selbst meine Großmutter hat besser gekämpft als du.“

Cery griff nach seinen Messern und kam auf die Beine. „Na warte, mein Freund. Leg dich niemals mit einem Dieb an!“

Die Augen seines besten Mannes blitzten. „Dieser Dieb ist gerade nicht zum Fürchten“, sagte er und hob sein Schwert.

Es war eine Falle. Das konnte Cery riechen. Aber er wollte sehen, welche Tricks Zavako noch einsetzte. Und dazu musste er sehenden Auges in diese Falle rennen.

Cery schnellte vor. Zavakos Schwert sauste auf ihn nieder. Cery wich zur Seite aus und unterschritt dabei die Distanz. Ein Luftzug entstand, als das Schwert ihn verfehlte. Er zog seine Messer zurück, bereit zuzustechen, als etwas ihm den Boden unter den Füßen wegzog. Cery taumelte. Etwas klatschte gegen seine Rückseite – die Breitseite des Schwertes – und er fiel der Länge nach hin.

„Au!“, machte er. „Das war wirklich mies.“

„Du wolltest es mies“, kam Zavakos erheiterte Stimme.

„Ja.“ Stöhnend rollte Cery sich auf den Rücken. „Und das Blöde ist: Ich will mehr.“

„Aber nicht mehr heute.“ Zavako reichte ihm eine Hand und zog ihn auf die Füße. „Mein Weib und keine Kinder erwarten mich zuhause.“ Er griff nach dem Handtuch und trocknete seine Brust ab.

„Für heute reicht’s mir auch.“ Cery rieb sich die Stelle im Rücken, wo das Schwert ihn getroffen hatte. „Das war mal ‘ne neue Erfahrung.“ Die Stelle wo Zavakos Fuß – oder war es das Knie gewesen? – ihn getroffen hatte, begann nun auch zu schmerzen. Anders als im Rücken war es mehr ein Brennen. Hatte er sich dort die Haut aufgeschürft, als er gegen den Schuppen getaumelt war?

Entweder ich werde alt oder sachakanische Schwerter sind nix für mich.

Die Stunde hatte seinen Ehrgeiz jedoch geweckt. Er würde nicht ruhen, bis er gegen Zavako bestehen konnte. Zavako war einer der Besten. Aber in Cery begannen auch schon erste Ideen zu reifen, wie er den Mann mit seinen eigenen Waffen schlagen konnte.

„Wenn du möchtest, kann ich dir zeigen, wie man mit ‘nem sachakanischen Schwert kämpft“, bot Zavako an, als sie die Straße der Diebe betraten.

Cery dachte über das Angebot nach. In seinem Alltag hatte er nur wenig Verwendung für Schwerter. Neben dem Kebin würde sich ein Schwert an seinem Gürtel vermutlich gut machen und dazu führen, dass er noch gefürchteter war. Oder sich lächerlich machte. Was das betraf, stand ihm seine unscheinbare Gestalt, die selbst mit einem Kurzbart noch unscheinbar war, im Weg.

„Gerne“, sagte er. „Es klingt nach ‘ner guten Gelegenheit, was Neues zu lernen und sich in Form zu halten.“

Ein Strahlen breitete sich auf Zavakos Gesicht aus. „Ich gebe gerne mein Wissen weiter, Ceryni. Seit ich in Kyralia bin, weiß ich nicht wohin damit.“

Ein irrer Gedanke nahm in Cery Gestalt an und er fragte sich, warum er nicht schon früher daran gedacht hatte. „Wenn du meine ganze Familie in deinen Tricks ausbildest, haben wir ‘nen riesigen Vorteil gegenüber den anderen Dieben und jedem, der uns Reibereien macht“, sagte er.

Zavako grinste. „Es wäre mir eine Ehre, Ceryni.“

„Ich stehe in deiner Schuld“, erwiderte Cery sich dem sachakanischen Äquivalent für „Danke“ bedienend.

„Hättest du früher was gesagt, würden deine Leute jetzt schon viele Tricks kennen.“

„Ich schätze, dass ich in den paar Jahren, seit ich wieder im Geschäft bin, genug andere Dinge im Kopf hatte.“ Außerdem wäre es unsensibel gewesen, dich um etwas zu bitten, mit dem du vielleicht nichts mehr zu tun haben willst. Zavako ging jedoch erstaunlich gut damit um, dass sein Meister ihn gezwungen hatte, in brutalen Kämpfen andere Kämpfer zu töten. „Außerdem seid ihr bereits jetzt schon besser, als Ravis Schläger oder Gorins Messerkämpfer.“

Sie waren vor Cerys Versteck angekommen.

„Es schadet nie, noch besser zu sein“, erwiderte Zavako.

Cery lächelte. „Ganz meine Meinung.“ Er klopfte seinem Stellvertreter auf die Schulter. „Danke für die Lektion. Morgen wird mir zwar alles weh tun, aber ich hatte großen Spaß. Gute Nacht, mein Freund.“

Zavako erwiderte das Lächeln. „Gute Nacht, Chef.“


***


„Was glaubst du, ist an Regins Behauptung dran, dass Lina sich als Mädchen aus einfachen Verhältnissen benachteiligt fühlt?“ Sonea trat vor die Kommode und löste die Flechten aus ihrem Haar. In der lauen Sommerluft, die durch das halbgeöffnete Schlafzimmerfenster flutete, war das seidene Nachthemd angenehm kühl auf ihrer Haut.

„Das kannst du vermutlich besser beurteilen als ich.“ Akkarin legte seine Robe ordentlich über den Sessel und zog dann die Weste aus, die er darunter trug. „Es ist möglich, dass es eine Rolle spielt, doch ich glaube, dass die Entführung in ihrer Kindheit die größere Rolle spielt.“

„Das denke ich auch.“ Sonea unterdrückte ein Schaudern. Es gab Dinge, die man niemals vergaß. „Doch was es auch ist, ich bin mir nicht sicher, ob es mir gefällt. Also im Hinblick auf das, wofür sie gedacht ist.“

„Beobachte es.“ Akkarin trat hinter sie und umfasste ihre Schultern. „Du musst es nicht heute entscheiden. Und auch nicht im nächsten Halbjahr. Es genügt, wenn du dir nach ihrem Abschluss sicher bist. Bis dahin wird ihre Persönlichkeit weitgehend ausgereift sein.“

„Das werde ich.“ Es gab keine Regel, die besagte, dass sie diese Entscheidung vor dem Abschluss des ausgewählten Novizen treffen musste. Einen Novizen zu erwählen, bedeutete nicht, dass dieser auch Nachfolger wurde, sondern nur, dass seine Ausbildung ihm die entsprechenden Voraussetzungen geben würde. Und wenn Sonea an den Ärger dachte, für den Lina in der Vergangenheit gesorgt hatte, war es besser, die Entscheidung hinauszuzögern.

Nicht alle Novizen waren erfreut, dass Lina eine potentielle Kandidatin für Soneas Nachfolge war. In den ersten Monaten, nachdem Sonea sich des Mädchens angenommen hatte, hatte es diesbezüglich wiederholt Konflikte gegeben. Lina war auch zuvor nicht beliebt gewesen, doch anders als Sonea hatte das temperamentvolle Mädchen dies stets selbst geregelt. Und auch hier hatte Lina sich schließlich durchgesetzt. Viele Novizen fürchteten Sonea zu sehr, um Lina offen feindselig zu begegnen – ganz besonders, nachdem Sonea einmal im Abendsaal für alle Umstehenden hörbar gesagt hatte, dass ein Novize, der sich anderen Novizen gegenüber herablassend und niederträchtig verhielt, ein denkbar schlechter Kandidat für ihre Nachfolge war. Über das Wochenende hatten sich ihre Worte in der Universität herumgesprochen und an dem folgenden Ersttag hatten die Feindseligkeiten ein Ende gefunden. Es amüsierte Sonea, dass die Novizen in ihrer Klasse seitdem umso mehr darauf bedacht waren, ihr zu gefallen. Sah man einmal von den unmöglichen Zwillingen ab.

„Ich sollte mir mehr Gedanken wegen Lorlen machen“, sagte Sonea. „Schließlich ist er auch mein Sohn.“

„Im Gegensatz zu Lina ist es jedoch noch viel zu früh, um sich darüber Gedanken zu machen, ob er als Nachfolger taugt.“

Soneas betrachtete ihn mit schmalen Augen. „Ist es das?“

„Ja.“ Akkarin drückte einen Kuss auf ihr Haar. „Auch wenn beide im Ärgermachen einander in nichts nachstehen.“

Sonea lachte wider Willen. „Nicht wirklich!“

Vor dem Abendessen hatte sie mit Lorlen über seinen Streit mit seinen Erzfeinden gesprochen. Ihr Sohn war nicht allzu begeistert gewesen und hatte sie abgewehrt. Sonea hatte indes nicht eingesehen, warum sie den netten Elternteil spielen sollte, wenn er eindeutig eine Grenze überschritten hatte. „Ich glaube, wir sollten ihm morgen zeigen, dass wir ihn dennoch lieben“, sagte sie.

„Das wird allerdings bis abends warten müssen.“

„Genug Zeit, um über seine Fehler nachzudenken.“

Im Spiegel zuckten Akkarins Mundwinkel. „Mit jedem weiteren Jahr gewinne ich den Eindruck, dass du noch strenger bist, als ich es je sein könnte.“

„Vierzehn Jahre Eltern haben mich abgehärtet. Nicht zu vergessen gewisse Magier, die dem Kleinkindalter nicht zu entwachsen scheinen.“

Akkarins Hand fuhr ihre Kehle hinauf und schloss sich um ihr Kinn. „Das kann ich nachvollziehen. Doch für nun schlage ich vor, schlafen zu gehen.“

„Eine gute Idee“, stimmte Sonea mit einem Schaudern zu und folgte ihm ins Bett. „Ich hätte da noch einige Bedürfnisse, die in den vergangenen Tagen zu kurz gekommen sind.“

Akkarin schlug die Bettdecken zurück. „Ich habe nichts dagegen, wenn du noch liest, auch wenn ich der Ansicht bin, dass du dies zurzeit in einem Übermaß tust, das einer Obsession gleichkommt.“

„Ich meinte eigentlich ein anderes Bedürfnis.“ Sonea schlüpfte unter die Decken. „Eines, das du mir seit Tagen verweigerst.“

„Weil ich nicht der Ansicht bin, dass du es verdient hast. Zudem wird die Nacht für dich früh genug zu Ende sein.“

„Nun“, sagte Sonea. „Damit sie das nicht auch für dich wird, hast du sicher nichts dagegen, wenn ich sie mit Gayend verbringe.“

***


Im nächsten Kapitel werden unter anderem Geheimpläne geschmiedet, Danyara erlebt eine böse Überraschung und Sonea widerfährt eine unerfreuliche Störung.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast