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Das Erbe der schwarzen Magier II - Der Feind in ihrer Mitte

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Rothen Regin Sonea
01.12.2021
26.04.2022
13
132.150
28
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
21.12.2021 7.848
 
Hallo ihr Lieben, ich hoffe, ihr habt den Cliffhanger vom letzten Kapitel gut überstanden. Mir wurde jedenfalls gesagt, dass er gemein gewesen wäre. Nun, eine gewisse Gemeinheit liegt in meiner Natur, sonst wären meine Geschichten Seifenopern.

An dieser Stelle ganz herzlichen Dank für die tollen Reviews und die Favoriteneinträge und Empfehlungen! <3

Vorhin habe ich außerdem das Bonuskapitel zur „Königsmörderin“ hochgeladen, welches einige Wunschszenen und Outtakes enthält. Falls dort eine Wunschszene nicht enthalten ist, die ich zugesagt hatte, schreibt mich bitte an, dann hole ich das nach.

Und es gibt noch eine weitere gute Nachricht, für alle, die es nicht schon über Social Media vernommen haben: Die Rohfassung von „Das Erbe 3“ ist fertig. Mehr dazu auf meinem Blog.

Und jetzt ganz viel Spaß mit dem neuen Kapitel und beim Spekulieren!




***






Kapitel 2 – Eine ungewöhnliche Anfrage



„In die Stadt?“, wiederholte Sonea. „Warum? Ist etwas passiert?“

„Das werden wir dann erfahren.“ Akkarin schloss die Hose, die er anbehielt, wenn er es für nötig hielt, im Bett das Machtgefälle in ihrer Beziehung zu unterstreichen. „In jedem Fall scheint es dringend genug, um es jetzt zu erledigen … sieh mich nicht so an, Sonea. Ich hatte nicht vor, dir heute Erleichterung zu verschaffen, da ich nicht der Meinung bin, dass du dir das verdient hast.“

Sonea verkniff sich eine freche Erwiderung ob seiner Unverfrorenheit. Ihr war sehr wohl bewusst, dass es nicht dazu gekommen wäre. „Mir gefällt nicht, dass es so plötzlich ist“, sagte sie. „Und ich weiß, dass du denkst, dass es das ist, was ich auch denke, was es ist.“ Sie griff nach ihrer Robe und kleidete sich an. „Und ich habe kein bisschen Magie mehr übrig.“

„Dort, wohin wir gehen, wirst du nur wenig Magie brauchen. Dennoch …“ Akkarin trat vor sie und reichte ihr seine Hände.

Sonea nahm die Magie, die er ihr sandte. Es war mehr, als er ihr genommen hatte. Es war genauso viel, wie sie ohne schwarze Magie besaß. Sie entschied, ihm später zurückzugeben, was sie nicht gebraucht hatte.

„Ich hoffe, dass es nur ein falscher Alarm ist.“ Akkarin schritt zum Schrank und holte einen langen und einen kurzen Umhang heraus. „Aber wir sollten uns die Sache ansehen und es wäre mir lieber, das nicht auf morgen zu verschieben.“ Er reichte Sonea den kurzen Umhang und Sonea unterdrückte ein Stöhnen. Die Nacht war lau. Umhänge und Roben im Sommer waren eine schweißtreibende Kombination. In ihren Unmut mischte sich nun jedoch auch Furcht. Sie hatte sich in Sicherheit gewähnt. Insgeheim hatte sie jedoch gewusst, dass es nicht vorbei war. Würde es jemals vorbei sein?

„Nach dieser Eröffnung könnte ich sowieso nicht weitermachen, geschweige denn schlafen“, sagte sie trocken.

Akkarin trat zu ihr. „Dazu würde erst Anlass bestehen, wenn wir soeben die Nachricht erhalten hätten, dass die Sachakaner vor den Stadttoren stehen“, sagte er und küsste sie.

Sonea grummelte leise. „Eine Armee von Sachakanern wäre immerhin eine Bedrohung, auf die wir uns einstellen könnten.“

Erheitert schob Akkarin sie zur Tür. „Ich bezweifele, dass es so schlimm wird.“

„Und warum gehst du dann nicht alleine?“

„Weil diverse deiner Fähigkeiten wahrscheinlich zum Einsatz kommen werden.“

Sie betrachtete ihn mit schmalen Augen. „Aber nicht jene, die bei dem zum Einsatz kommen, was wir vorhin gemacht haben, oder?“

Akkarins Piratennarbe verzog sich, als seine Mundwinkel zuckten. „Das wäre allenfalls der Fall, wenn wir in Verkleidung gehen.“


***


Cery starrte auf die Leiche, die seine Männer in den Keller seines Wachhauses gebracht hatten. Sie war nahe eines beliebten Bolhauses aus dem Nichts aufgetaucht. Niemand wusste, wie sie dorthin gekommen war. Die Leute, die er und seine Leute befragt hatten, hatten nichts gesehen. Dass es keine Zeugen für den Tathergang oder das Ablegen einer Leiche gab, war keine Seltenheit. Nach so vielen Jahren als Stadtwache wusste Cery jedoch mit untrüglicher Gewissheit, wenn an einem Fall etwas faul war.

Der Mann ist Kyralier, Mitte zwanzig, durchschnittlich groß, schwarzes Haar, Bartwuchs, notierte er für seinen späteren Bericht. Seine Gesichtszüge sind ebenfalls typisch kyralisch, seine Augen, er zog die geschlossenen Lider hoch, blau-grün. Ihm fehlt ein oberer Eckzahn. Eher ausgeschlagen als ausgefallen, wenn ich mir die anderen Zähne so ansehe. Seine Kleidung ist typisch Hüttenviertel. Braune Hose, abgetragene Stiefel, das Hemd war einmal weiß und wurde mehrfach geflickt. Er trug keinen Umhang, was darauf hindeutet, dass er entweder keinen trug oder dass dieser gestohlen wurde. Da er keine Wertsachen bei sich hatte, könnte das der Fall sein. Oder ihm war mit Umhang zu heiß und er hatte kein Geld bei sich …

Cery rieb sich über die Stirn. War das überhaupt wichtig? Umhang oder nicht – der Mann war tot. Und wer war überhaupt so verrückt, im Sommer mit einem Umhang herumzulaufen?

Es klopfte und einen Moment später trat Lana ein, gefolgt von zwei Gestalten in schwarzen Umhängen und einer leuchtenden schwebenden Kugel. Als sie sich bewegten, offenbarten die Umhänge das tiefere Schwarz von Magierroben.

Abgesehen von diesen beiden vielleicht.

„Ich hab’ sie von Bullin im Tunnel abgeholt“, erklärte Cerys Messer.

„Danke, Lana.“ Cery wandte sich zu den beiden Besuchern. „Gut, dass Ihr so schnell gekommen seid.“

„Ceryni“, sagte Akkarin und schob seine Kapuze zurück. Sein Blick glitt durch den Raum und über die Tische, auf denen weitere Leichen unter Tüchern lagen. „Was willst du uns zeigen?“

„Das hier.“ Cery wies auf die Leiche auf dem Tisch vor sich. „Ich kann von außen nix sehen, was ihn umgebracht haben könnte.“

„Warum hast du keinen Heiler aus dem Krankenhaus angefragt?“

„Weil die Umstände, unter denen die Leiche gefunden wurde, seltsam sind und auf Magie hindeuten.“

Sonea schritt zu einem Regal, nahm daraus zwei Tücher und tränkte sie mit dem Inhalt eines Fläschchens. „Erzähle uns mehr darüber“, sagte sie und reichte Akkarin eines der Tücher.

„Die Leiche wurde in der Nähe von ‘nem Bolhaus gefunden, in dem immer viel los ist. In der Straße selbst war auch viel los, als die Leiche plötzlich wie aus dem Nichts dort auftauchte.“ Die skeptischen Mienen der beiden schwarzen Magier bemerkend, fügte Cery hinzu: „Die Hüttenleute erzählen manchmal die komischsten Geschichten und im Dunkeln spielen die Augen schon mal ‘nen Streich, aber es gibt drei Leute, die gesehen haben, wie die Leiche plötzlich da lag.“

„Hast du ihre Aussagen festgehalten?“, fragte Akkarin.

Cery nickte. „Ich gebe sie Euch nachher.“

„Also könnte tatsächlich Magie im Spiel gewesen sein.“ Das Tuch vor Mund und Nase trat Sonea auf die andere Seite des Tisches. Zwischen ihren Augenbrauen hatte sich eine steile, nachdenkliche Falte gebildet. Zugleich wirkte sie jedoch ungewohnt säuerlich, als würde sie sich über irgendetwas ärgern.

Haben sie wieder Streit? Nein, dann wäre ihre Körpersprache anders.

Sonea berührte den Arm des Mannes und die Falte vertiefte sich. „Er hat keine äußeren oder inneren Wunden. Er war körperlich gesund und es gibt auch keine Anzeichen, dass er an einer Vergiftung gestorben ist. Allerdings gibt es Gifte, die nach ein paar Tagen nicht mehr nachzuweisen sind. Er ist ungefähr zwei Tage tot.“

„Was ist mit schwarzer Magie?“

„An ihm wurde keine schwarze Magie praktiziert, Cery. Er hat ein paar Kratzer an den Händen, die typisch für handwerkliche Arbeit und wesentlich älter sind.“ Sie berührte die Leiche erneut. „Bei einem Opfer, das durch schwarze Magie gestorben ist, würde die Untersuchung zeigen, dass keine Energie mehr im Körper enthalten ist. Aber wenn die Verwesung einsetzt, ist das nahezu unmöglich. Ich kann dir allenfalls sagen, wie lange er tot wäre, wenn der Tod durch schwarze Magie geschehen wäre.“

„Wie lange wäre das?“

„Ungefähr doppelt so lange, sofern alle übrigen Bedingungen gleich sind. Wenn du es genauer wissen willst, musst du einen Heiler hinzuziehen.“

„Ich will, dass der Fall für möglichst wenig Aufsehen sorgt, solange nicht sicher ist, ob wirklich Magie im Spiel war“, sagte Cery.

„Und damit hast du richtig entschieden“, sagte Akkarin. „Die letzten Morde mit Magie sind der Stadtbevölkerung noch zu frisch im Gedächtnis. Wir sollten weder eine Panik noch erneute Unruhen und Feindseligkeiten gegen die sachakanischen Stadtbewohner riskieren.“

„Aber wenn der Mord mit Magie begangen wurde, müssen wir die Gilde informieren“, wandte Sonea ein.

„Richtig“, sagte Akkarin. „Doch ich schlage vor, dass wir uns darüber zunächst absolut sicher sein sollten. Cery, du sagtest, du hast die Aussagen der Zeugen aufgenommen?“

Cery nickte. „Während Ihr unterwegs wart, hab’ ich davon ‘ne Kopie angefertigt. Aber das ist noch nicht alles: Einige Anzeichen deuten darauf hin, dass dieser Mord zu einer Mordserie gehört. Allerdings ist dieses der Erste, bei dem die Umstände auf Magie hindeuten.“

Sonea und Akkarin sahen einander an. Wo Cerys Jugendfreundin anfangs noch grimmig gewirkt hatte, leuchteten ihre Augen nun vor Eifer. Seit der Krieg vorbei war, langweilte Sonea sich in der Gilde. Sie mochte ein erfülltes Leben haben, aber wie ihr Mann war sie für den beschaulichen Alltag eines Gildenmagiers nicht geschaffen. Dagegen halfen auch keine ungebändigten Kinder oder gelegentliche Ausflüge in die Hüttenviertel, um mit alten Freunden in Harrins Bolhaus zu trinken.

„Dann wäre es gut, wenn du uns auch diese Akten gibst“, sagte sie.

„Ich kann sie Euch für ein paar Tage ausleihen“, sagte Cery. „Kopien hab’ ich davon leider nicht.“

Akkarin hob eine fragende Augenbraue, als vermute er, dass Cery von allen Akten eine Kopie in seinem Versteck hatte, um von dort aus die illegalen Ermittlungen laufenzulassen. „Du bekommt sie morgen zurück“, sagte er. Er sah zu Sonea. „Stell dich auf eine lange Nacht ein.“

Sie bedachte ihn mit dem seltsamsten Blick. „Das tue ich seit dem Frühstück“, sagte sie trocken. Sie schürzte säuerlich die Lippen und wandte sich ab.

Deswegen ist sie so grimmig!, erkannte Cery. Ich habe sie bei ihrem Spiel gestört.

Akkarins dunkle Augen durchbohrten Sonea und sie starrte wie hypnotisiert zurück. Cery konnte nur erahnen, dass sie gerade eine private Konversation über ihre Blutjuwelen führten. Trotz einer gewissen Neugier war er unangenehm berührt. Wahrscheinlich taten sie dies, um mit ihrem Pärchengetue keine alten Wunden aufzureißen. Die Ahnung, dass sie gerade möglicherweise etwas höchst Intimes besprachen, machte es jedoch nicht besser.

Die Rebellion in Soneas Augen brach und sie senkte den Kopf, die Wangen gerötet als wäre sie wieder die furchterfüllte Novizin von einst. Mit einem kaum merklichen Lächeln wandte Akkarin sich ab. „Gib uns die Akten, Ceryni. Ich werde sie dir morgen zurückbringen.“

Cery nickte. Er ging zur Tür und öffnete sie. „Lana“, sagte er zu der jungen Frau, die davor wartete. „Geh in mein Büro und bring den Aktenstapel auf meinem Schreibtisch her.“


***


Die acht Träger der Sänfte ächzten unter dem Gewicht eines kräftig gebauten Ashaki und den fünf Sklavinnen. Sava, Tashara und Istara teilten sich kichernd die gegenüberliegende Bank, unfähig, die Finger voneinander zu lassen, während Asha ihnen mit einer gewissen Sehnsucht dabei zusah. Mivara, die auf Tarkos anderer Seite saß, konnte darüber nur den Kopf schütteln.

Die Cachika im Haus von Ashaki Dovako war für sie alle sehr anregend gewesen. Tarko hatte seine Sklavinnen miteinander und mit den Sklavinnen anderer spielen lassen, während er die wichtigen Gespräche geführt und Mivara an seiner Seite gekniet und gelauscht hatte. Mivara hatte darauf bestanden, dass Asha ihn ebenfalls bediente, was die junge Frau mit gemischten Gefühlen hingenommen hatte. Tarko suchte seine Sklavinnen danach aus, wie viel Freude sie daran hatten, sich mit ihm und anderen zu vergnügen, aber Asha war mehr als nur eine weitere Sklavin in Tarkos Cachira. Sie war Mivaras Quelle und Informantin. Mittlerweile war Asha seit zwei Jahren in Ausbildung und auch wenn ihre Arbeit für die Verräter ihr Freude bereitete, zog sie häufig das Vergnügen vor. Mivara konnte darauf jedoch keine Rücksicht nehmen. Informationen neigten dazu sich bei ihrer Weitergabe zu verändern und Mivara wollte nicht alles erzählen müssen, nur weil Asha sich lieber den fleischlichen Genüssen hingab.

Im Nachhinein hätte sie sich das an diesem Abend sparen können. Vielleicht würden die Subtilitäten, die sie bei Tarkos Gesprächspartner beobachtet hatte, irgendwann einmal wichtig sein. Doch seit Monaten war es in Arvice so ruhig, dass das Ausspionieren von Ashaki und damit verbundene Diskussionen mit Tarko per Blutjuwel zu einer langweiligen Routine geworden waren. Und was das betraf, so hätte Mivara den Sklavinnen mit Freuden Gesellschaft geleistet.

Sie war nach Arvice zurückgekehrt, weil sie das Leben bei den Verrätern gelangweilt hatte. Nun langweilte sie sich hier. Würde Tarko in ihrem Leben nicht eine ausschlaggebende Rolle spielen, hätte sie Asara gebeten, sie zum Ichani-Territorium zu versetzen.

Für Sachaka ist es dennoch besser, dachte sie. Den Sklaven erging es besser denn je, wenn auch sie noch immer unfrei waren. Tarkos Cachira und die einiger anderer Ashaki hatten lange eine seltene Ausnahme dargestellt und schließlich anderen Ashaki als Vorbild gegolten. Die enger werdenden Beziehungen zu Ländern wie Kyralia und Elyne hatten ihr Übriges getan, um Sachaka zu Wohlstand zu verhelfen, und bewirtschaftbares Land war seit einigen Jahren kein Streitthema mehr. Die Ödländer waren noch immer groß, doch mehr und mehr davon wurde erfolgreich besiedelt und die Ashaki sorgten mittlerweile selbst für die Begrünung von weiterem Land.

Auf der Party war die bevorstehende Verbindung des sachakanischen und des kyralischen Königshauses das vorherrschende Thema gewesen. Nach zwei Jahren hatten sich die Ashaki weitgehend mit der Idee, dass Ishakas erstgeborene Tochter mit König Merin verheiratet werden sollte, angefreundet. Damals, als die Idee nach der Geschichte mit dem Nachtschatten konkret geworden war, hatten einige Ashaki protestiert. „Ich verheirate meine Tochter nicht an einen Ashaki, der nur daran interessiert ist, mir in mein königliches Hinterteil zu kriechen“, hatte Ishaka daraufhin erklärt und das Thema hatte rasch ein Ende gefunden. In einem Land wie Sachaka waren politische Ehen nicht selten auch mit Korruption verbunden. Ishaka war jedoch kein König, der sich auf so etwas einließ. Anders als Marika hatte er jedoch dank der Zusammenarbeit mit den Verrätern mehr Erfolg beim Kampf gegen die Korruption in seinem Land. Mivara war sicher, dass die Prinzessin mit dem König von Kyralia sehr viel besser dran war, als mit einem machthungrigen Ashaki. Und sie wusste, dass Tarko ähnlich dachte.

Mivara war so in ihre Gedanken versunken, dass sie überrascht war, als die Sklaven die Sänfte absetzten.

„Raus mit euch Rassookhaufen“, sagte Tarko zu seinen Sklavinnen. „Ihr könnt gleich drinnen weiterspielen.“

Sava und Tashara quiekten freudig auf und beeilten sich, aus der Sänfte zu klettern. Im Aussteigen zupften sie ihre verrutschten Oberteile zurecht. Istara und Asha folgten ein wenig langsamer.

Tarko zog Mivara an ihrem Halsband zu sich, küsste sie und stieg dann mit ihr aus. Die anderen waren bereits vorausgeeilt, ihr Gekicher hallte in dem langen Flur wider, der in Sachaka nur „der Zugang“ hieß.

„Asha“, sagte Tarko, als sie sich seinen Gemächern näherten. „Wenn du Mivara deine Kraft gegeben hast, kannst du dich mit den anderen vergnügen.“

Asha strahlte. „Ich stehe in Eurer Schuld, Meister.“

Tarko winkte mit einem Grunzen ab. Er überspielte seine Nettigkeit, als könnten Sklaven eine willkürliche Belohnung nicht von Fairness unterscheiden. Dabei war Letzteres schon längst ein offenes Geheimnis in Tarkos Haushalt und darüber hinaus. Er mochte sich in der Öffentlichkeit als hart und streng geben, doch er hatte seine Sklaven sehr viel besser im Griff als jene Ashaki, die Gewalt und Willkür vorzogen.

Sava, Tashara und Istara hatten sich bereits auf Tarkos Bett niedergelassen. „Nicht heute“, sagte Tarko. „Der Abend war lang und ich bin müde. Geht in euren Gemächern spielen.“

„Aber wir wollen mit Euch spielen, Meister“, protestierte Tashara. „Wir haben uns den ganzen Abend für Euch vorgewärmt.“

„Dann bewahrt eure Lust für morgen auf, dann nehme ich mich eurer an.“

„Wir können euch helfen, euch zu entspannen“, sagte Istara. „Ihr müsstet rein gar nichts tun, außer das zu genießen.“

„Nicht heute. Ein alter Mann braucht seine Ruhe“, sagte Tarko und scheuchte sie nach draußen.

„Heißt das, Ihr wollt auch von mir keine Befriedigung, Meister?“, fragte Mivara, nachdem sie ihre Schülerin den Mädchen hinterhergeschickt hatte. Sie öffnete die Knöpfe von Tarkos Gewand und streifte es ab. „Oder wolltet Ihr nur den Rassookstall loswerden?“

„Ich bin wirklich müde, Mivara.“

„Und die Cachika ist ganz an mir vorbeigegangen.“ Ihre Lippen berührten Tarkos Oberkörper und wanderten abwärts, bis sie sich vor ihn knien musste. Ihre Hände fanden den Gürtel und öffneten ihn. Tarko grunzte, als ihre Lippen sein Gemächt streiften. „Aber wenn Ihr zu müde seid, werde ich mich heute Nacht zu den anderen gesellen.“

„Du hast Glück, dass ich zu müde bin, um deinen subtilen Ungehorsam noch heute zu bestrafen.“

Mivara nahm sein Glied in den Mund, saugte daran und fuhr mit der Zunge darüber. „Ich interpretiere das als Ja.“

Tarko hakte seinen Finger in ihr Halsband und zog sie daran empor. „Ja in dem Sinne, dass du mich verwöhnen darfst. Besorgen musst du es dir selbst.“

„Mit Vergnügen“, erwiderte Mivara und zog ihm die Hose aus. Während Tarko seine Stiefel auszog, streifte sie ihr eigenes Gewand ab und folgte ihm dann zum Bett.

Nach dem langen Abend tat es gut, ihn für sich zu haben. Obwohl Mivara ebenfalls müde war, verlangte es ihr danach mit ihm alleine zu sein. Tarko schien es ähnlich zu ergehen. Während sie seinen Oberkörper mit Küssen bedeckte, strichen seine Hände über ihren Rücken und ihr Gesäß und verirrten sich zwischen ihre Schenkel, bevor sie Mivaras Rücken wieder empor wanderten. Als er hart war, setzte Mivara sich auf ihn. Tarkos Hände umfassten ihre Hüften und stützten sie. Dann ritt Mivara ihn; zuerst vorsichtig, und als sie ihren Rhythmus gefunden hatten, schneller.

Während sie ihn ritt, rieb sie sich an ihm. Ihre Erregung steigerte sich, erreichte verstandszerschmetternde Höhen und entlud sich schließlich in Wellen, die heiß und sengend durch ihren Körper schossen. Mivara ritt ihn als wäre er ein ungezähmter Hengst, spürend, wie er in ihr anschwoll und sich dann angetrieben durch ihre eigene Ekstase in sie entlud.

„Ich fürchte, jetzt habt Ihr indirekt doch für meine Befriedigung gesorgt“, sagte sie, unfähig sich das süffisante Lächeln zu verkneifen.

Tarko grunzte etwas, die Augen geschlossen. Ja, er war wirklich müde. Aber Mivara wusste auch, dass das hier am nächsten Tag ein Nachspiel haben würde. So verlockend die Aussicht war, so sehr wünschte sie manchmal einfach nur Tarkos Bettsklavin zu sein und sich an einer Cachika beteiligen zu können. Da Tarko diese Parties jedoch mehr als politische Bühne denn als Vergnügen betrachtete, waren diese Gelegenheiten zu selten gestreut.

„Komm her“, sagte er und streckte einen Arm nach ihr aus.

Mivara kuschelte sich an ihn, jedoch nicht ohne die Decke über sie beide auszubreiten.

„Ich weiß, dass es dir danach verlangt, häufiger an einer Cachika teilzunehmen“, begann Tarko. „Und ich bedauerte, dass es nicht so häufig möglich ist, wie du es willst und brauchst. Aber du sollst wissen, dass ich dich von all meinen Sklavinnen am liebsten an meiner Seite habe.“

„Das weiß ich sehr zu schätzen“, sagte Mivara. „Wie wäre es, wenn wir zur Abwechslung einmal auf eine Party gehen nur um uns zu vergnügen?“

„Das wäre eine Möglichkeit, doch angesichts der Pläne, die ich für dich habe, weiß ich nicht, ob das angemessen wäre.“

Überrascht stützte Mivara sich auf einen Ellenbogen und sah ihn an. „Warum?“, fragte sie. „Was für Pläne hast du mit mir?“

Tarkos graue Augen musterten sie lange. Dann streckte er eine Hand aus und strich das Haar zurück, das ihr ins Gesicht fiel.

„Ich will, dass du meine Frau wirst.“


***


An diesem Abend schien Lana noch vorsichtiger als üblich. Cery beobachtete, wie sie zur nächsten Kreuzung zweier Tunnel schlich, eine Weile angespannt lauschte und ihn dann vorwärts winkte, nur um den Prozess an der nächsten Kreuzung zu wiederholen. Für gewöhnlich gingen sie nebeneinander und Lana spähte nur die schwer einzusehenden Stellen aus. Cery war gewandt im Straßenkampf mit und ohne Messer und er hatte seinen Kebin auch nach Dienstschluss bei sich. Manchmal fand er Leibwächter eher lästig als nützlich. Die Gefahren, die in den Hüttenvierteln lauerten, teilten sich in zwei Gruppen: bezwingbar und vernichtend. Gegen Letztere hätte er nur mit einem persönlichen schwarzen Magier überlebt.

Lanas Sorge wäre amüsant gewesen, würde Cery dahinter nicht Schuldgefühle vermuten. Die Frau, für die Lana zuerst gearbeitet hatte, war von schwarzen Magiern getötet worden. Obwohl Lana begriff, dass sie gegen diese nichts unternehmen konnte, fühlte sie sich verantwortlich. Sie glaubte, sie hätte Inava retten können, wäre sie nur ein wenig früher gekommen.

Und damit haben wir eine unfreiwillige Gemeinsamkeit, dachte Cery, den vertrauten Schmerz beiseiteschiebend. Auch er konnte nicht aufhören zu glauben, dass der Nachtschatten nicht seine halbe Familie ausgelöscht hätte, hätte er nach dem Überfall auf Inavas Versteck die Gefahr erkannt und seine Familie in Sicherheit gebracht. Er hatte geglaubt, im Nordviertel wären sie sicher gewesen. Doch da hatte er auch noch nicht gewusst, dass der Nachtschatten ein skrupelloser, rachsüchtiger schwarzer Magier war.

Endlich erreichten sie einen vertrauten Tunnel. Lana klopfte die verabredete Sequenz gegen die Wand, dann erklang das Scharren eines verborgenen Mechanismus. Nur Augenblicke später erschien das goldbraune Gesicht eines Sachakaners in dem sich öffnenden Spalt.

„Deine Kinder sind schon im Bett, Chef“, teilte Gols Nachfolger ihm mit. „Heute ist selbst für dich spät.“

„Danke, Zavako“, sagte Cery und trat in sein Versteck. „Waren sie enttäuscht, dass ich nicht zum Essen da war?“

„Ysana, ja.“

Also war Ysana völlig aufgelöst und Errin war wieder rebellisch, übersetzte Cery. Er entschied, nach seiner Tochter zu sehen und sich Errin am nächsten Tag vorzunehmen. In wenigen Wochen würde der Junge seinen Schulabschluss machen. Wenn es nach Cery ging, würde Errin eine Lehre beginnen oder der Stadtwache beitreten. Errin hatte jedoch nur einen einzigen Wunsch: ein Dieb zu werden.

Cery mochte das Gesetz brechen und das nicht immer nur für gemeinnützige Zwecke. Doch er hatte Regeln. Blutsfamilie wurde nicht in seine Machenschaften hineingezogen. Und er rekrutierte niemanden, der noch nie ein Verbrechen begangen hatte. So wie er niemanden ohne Skrupel rekrutierte. Er sah sich jedoch unfähig, Errin seine Ideen auszureden. Indem er ins Geschäft zurückgekehrt war, war Cery selbst kein leuchtendes Vorbild.

„Ist noch Essen da?“, fragte er.

„Mehr als genug. Ysana hatte keinen Hunger. Ich hab’ ihr ein paar Kinderlieder aus meiner Heimat vorgesungen. Das hat sie zum Weinen gebracht. Also habe ich sie mit Spielen abgelenkt. Nyrado.“

„Danke, dass du dich um sie gekümmert hast“, sagte Cery. „Du hättest nicht so lange bleiben müssen.“

„Es ist mir eine Ehre, deine Kinder zu hüten, Ceryni“, erwiderte der Sachakaner und senkte den Kopf.

Cery berührte Zavakos Schulter. „Geh jetzt zu deiner eigenen Familie. Ich erwarte dich morgen früh im Wachhaus.“

„Danke, Ceryni.“ Zavako lächelte. „Gute Nacht.“

Cery bedeutete Lana, zum Gemeinschaftsraum zu gehen und wandte sich zu einem Zimmer am anderen Ende des Flures.

Er war nicht überrascht, ein kleines Nachtlicht neben Ysanas Bett leuchten zu sehen. Cerys Tochter schlief nicht gut im Dunkeln, häufig plagten sie Albträume von jenem Tag, an dem die Magier des Nachtschatten Cerys Haus aufgesucht hatten.

Ysana lag zusammengerollt wie ein kleiner Zill unter ihrer Decke aus Reberwolle. Als Cery vor das Bett trat, schlug sie die Augen auf.

„Soll da nicht jemand schlafen?“, fragte Cery.

„Ich konnte nicht.“

„Dann kannst du vielleicht jetzt schlafen, wo du weißt, dass ich zuhause bin“, sagte Cery.

„Ich hatte Angst, dass dir was passiert ist.“

Cery strich über ihr dunkles Haar. „Mir kam ein sehr wichtiger Fall dazwischen. Das nächste Mal schick ich ’ne Nachricht.“

Ysana nickte beruhigt.

„Soll ich dir noch eine Geschichte erzählen?“, fragte Cery.

„Das hat Vora schon getan.“

Vora war Cerys sachakanische Köchin, eine ältere Frau, die sich zugleich um Ysana kümmerte, wenn eine seiner beiden Arbeiten ihn in Beschlag nahm. Bis vor einigen Jahren hatte sie für ein Bolhaus gekocht. Doch während der Unruhen, als Kyralische Hüttenleute die im Äußeren Ring lebenden Sachakanern angegriffen hatten, war sie entlassen worden. Cery, damals mit der Jagd nach dem Nachtschatten, den aufbegehrenden Hüttenleuten und zwei rebellischen Kindern überlastet, hatte Vora gefunden und eingestellt.

„Na, dann“, sagte er und küsste seine Tochter auf die Stirn. „Gute Nacht.“

„Nacht, Da.“

Mit einem Lächeln erhob Cery sich und verließ das Zimmer. Er fand Lana über die Reste eines üppigen Mahls bestehend aus Enkafilets in Chebolsoße, gerösteten Tugorscheiben und Jerras gebeugt.

„Ich hoffe, du hast mir noch was übrig gelassen“, sagte er.

Lana grinste. „Klar, Chef. Ich steh nicht so darauf, übers Knie gelegt zu werden, wie Errin.“

„Ich hab’ Errin nie …“, begann Cery und hielt dann ihr feixendes Grinsen bemerkend inne. Irgendwie gelang es ihr, dass er jedes Mal darauf hereinfiel, wenn sie ihn aufzog. Es war irritierend. Lana respektierte ihn als Captain der Stadtwache und Anführer einer Diebesbande. Aber im Privaten zog sie ihn des Öfteren auf.

„Manchmal frage ich mich, ob Errin der Einzige ist, der sich das verdient.“

Lana kicherte.

Kopfschüttelnd ging Cery in die Küche, holte einen Teller aus dem Regal und tat sich auf. Soll ich ihr sagen, dass das eine gute Gelegenheit wäre, meine Drohung wahr zu machen?, fragte er sich. Was, wenn sie ihn nur damit aufzog, weil sie wusste, dass es eine leere Drohung war? Aber das war nicht Cerys Art. Diese Art von Drohung war sowohl leer als auch ausgeführt nicht gerade das, was einem Dieb Respekt einhandelte. Seltsam, wie viel leichter es war, Klienten und Hüttenleute dazu zu bringen, einen zu respektieren, als die eigene Familie.

Als er sich Lana gegenüber niederließ und sie ihm ein Lächeln schenkte, begriff er, dass sie nur deswegen damit durchkam, weil er sie irgendwie adoptiert hatte. Sie war mehr, als ein talentiertes Messer und ein Mädchen mit hervorragenden Perspektiven, das er vor einem Leben auf der Straße oder der Arbeit für einen skrupelloseren Dieb gerettet hatte. Für Errin und Ysana war sie eine große Schwester.

„Diese seltsamen Morde“, begann er, während er Tugorscheiben in seinen Mund schaufelte. „Ich hab’ mir überlegt, dass die Leute vielleicht eher reden, wenn sie nicht von der Stadtwache gefragt werden.“

„Aber die Stadtwache gibt ihnen Sicherheit“, wandte Lana ein.

„Das stimmt. Doch die Diebe sind schon so lange Stadtwache, dass die Leute allmählich anfangen, uns mit der ’richtigen’ Stadtwache auf eine Stufe zu stellen.“

„Und wie willst du sie befragen?“ Lana trank einen Schluck Bol. „Willst du Spione schicken?“

„So ähnlich.“ Cery lächelte. „Ich dachte daran, selbst ein wenig zu spionieren. Und da ich dich nicht davon überzeugt kriege, mich das alleine tun zu lassen, wirst du mich begleiten.“

Lanas Augen leuchteten auf. „Aber die Leute kennen unsere Gesichter.“

„Nicht, wenn wir uns verkleiden. Limek kennt ein paar Tricks, wie man sein Aussehen verändert und älter aussehen kann. Ich werde mich als der schon ein wenig betagte Vater verkleiden und du wirst meine Tochter spielen.“

Lanas Kinnlade fiel. „Nein!“, sagte sie heftig. „Ich werde niemals deine Tochter spielen!“

„Komm schon“, sagte Cery. „Das wird lustig.“ Dann erkannte er ihr Problem. „Niemand wird dir anmerken, dass du ein Messer bist, wenn du ein paar einfache Regeln befolgst. Wenn du mir nicht glaubst, frag Krinn.“


***


Ivasako streckte seinen Willen nach der Messingfassung aus und erhitzte diese ganz vorsichtig mit ein wenig Magie. Als die kleinen, goldfarbenen Stifte weich waren, bog er sie behutsam nach außen und zog den roten Glasstein heraus. Dann nahm er einen Rubin von ähnlicher Größe und setzte ihn in die Fassung. Das Juwel war ein wenig größer als der Glasstein, es gelang Ivasako jedoch, es so in die Fassung einzufügen, dass es hielt.

Er lehnte sich zurück und betrachtete sein Werk. Ein kleineres Juwel wäre schwieriger einzufügen gewesen. Es hätte nicht fest in der Fassung gesessen und er hätte das Metall dehnen müssen, damit es den Stein hielt.

Mit einem zufriedenen Lächeln nahm er die Kette von der Kommode, drapierte sie auf den Kissen des großen Bettes und stieg hinab in den Raum des Meisters.

Ienara, Esari und Jorika saßen beim Abendmahl auf Diwanen und Hockern um einen niedrigen Tisch. Als Ivasako eintrat, sah seine Frau auf. „Bequemt sich der Palastmeister nun auch endlich zum Essen?“, fragte sie.

„Ich hatte noch etwas zu erledigen.“ Ivasako setzte sich und bediente sich an kleinen Brotfladen und den Rassookspießen. „Aber jetzt stehe ich meinen Frauen für …“ Er hielt inne, Ienaras seltsamen Gesichtsausdruck bemerkend. „Was ist?“

„Es ist eine Weile her, dass du zuletzt ’etwas zu erledigen hattest’. Und dein Gesichtsausdruck sagt bereits alles, auch wenn mir das Was und das Wie noch nicht klar sind“, sagte Ienara.

„Es wird dir bald klarwerden“, versprach Ivasako.

„Das hoffe ich. Scheint, als wärst du mir eine Erklärung schuldig.“

Statt einer Antwort begnügte Ivasako sich mit einem Lächeln. Mehr als zwei Jahre hatte er für sich behalten, was er getan hatte und gewartet. Auch wenn er Ienara absolut vertraute, gab es genug Personen im Palast, denen er nicht so viel Vertrauen schenkte. Und er besaß keines der Artefakte, die die Verräter Geheimniswahrer nannten. Mit einem solchen wäre sein Geheimnis bei Ienara sicher aufgehoben. Es gab jedoch keinen Weg, einen zu erhalten, ohne dass Fragen gestellt wurden.

Während sie aßen, berichtete Ienara, was sie aus den eingekauften Stoffen zu schneidern gedachte. „Die rote Seide wird an Mari und Ashala sehr gut aussehen. Der Stoff eignet sich besser für fließende Gewänder als für die knappen Kleidchen, die Bettsklavinnen normalerweise tragen.“

„Knappe Kleidchen würden Mari und Ashala besser stehen“, warf Jorika ein, woraufhin Esari ein Kichern entfuhr.

„Aber nicht du bist derjenige, der sich an ihrem Anblick laben soll, sondern der König. Und dieser wünscht nichts als nicht-sexuelle Unterhaltung“, sagte Ienara scharf.

„Bettsklavinnen sind dazu da, begehrt zu werden“, sagte Jorika. „Was das Anschauen dürfen mit einschließt.“

„Niemand verbietet dir sie anzuschauen“, sagte Ienara. „Aber dann akzeptiere auch, dass der König deine Präferenzen nicht unbedingt teilt.“

„Wenn er sie nicht begehrt, dann kann er sie auch an seine Palastwachen weitergeben. So weit ich mich erinnere, hat Marika das auch getan.“

Ivasako räusperte sich leise. „Marika war egal, ob seine Sklavinnen Zuneigung für jene Palastwachen empfinden. Ishaka hingegen legt Wert darauf. Als König muss er uns allen ein Vorbild sein. Insbesondere im Hinblick auf die Beitrittsverhandlungen.“

Jorika machte ein Gesicht, als fühle er sich gescholten. In seinen Augen funkelte jedoch ein spätjugendlicher Trotz, von dem Ivasako gedacht hätte, er habe ihn längst abgelegt. Im Gegensatz zu anderen Heranwachsenden hatte Jorika nur wenig Trotz gezeigt. Ivasako war davon ausgegangen, dass es nicht in seiner Natur lag. Nicht, dass er diese Phase mit Anfang zwanzig nachholte.

„Habe ich mich deutlich ausgedrückt?“, hakte er nach.

„Ja, Palastmeister“, antwortete Jorika mit zusammengebissenen Zähnen.

Ivasako warf einen hilfesuchenden Blick zu Ienara.

„Später“, sagte seine Frau. „Das Abendmahl ist die einzige Mahlzeit, die wir gemeinsam verbringen. Ich will währenddessen keinen Streit.“

„Nun denn“, Ivasako griff nach einer getrockneten Kabi und streckte sich auf seinem Diwan aus. „Erzähl weiter.“

„Wo war ich noch?“, nachdenklich nippte Ienara an ihrem Wein. „Ah ja, die Kleider! Also, Alayah, das Duna-Mädchen, bekommt ein Kleid aus dem hellblauen Stoff. Es bildet einen hervorragenden Kontrast zu ihrer Haut und ihrem nachtschwarzen Haar. Allerdings muss ich noch darüber nachdenken, wie ich die sehr knappe Mode ihres Volkes etwas züchtiger, aber dennoch in ihrem Stil erhalten kann.“

Ivasako biss von seiner Kabi ab. „Ich bin sicher, dir wird etwas einfallen.“

Ienara nickte. „Aus dem dunkelblauen Stoff werde ich eine einheitliche Garnitur für alle Mädchen inklusive mir und Esari nähen. Die Säume werden mit Gold bestickt. Für das diesjährige Sommernachtsfest. Vermutlich werde ich dazu mehr Unterstützung als Esari brauchen, es sind nur noch einige Wochen und die Mädchen brauchen mich für den Tanzunterricht.“

„Ich werde Ishaka bitten, dir seinen Schneider zur Verfügung zu stellen. Moment – ist das der Stoff, der ein Vermögen gekostet hat?“

„Hätte ich den Preis weiter runtergehandelt, hätte der Händler Verlust gemacht.“

„Er wird nicht erfreut sein.“

„Er will seine Mädchen ordentlich angezogen. Das bedeutet, dass ich mehr Stoff kaufen muss, als damals für Marika. Die Alternative wäre, ihn mit einer seiner Sklavinnen zu verkuppeln. Doch nachdem das mit Sahira nur ein paar Wochen ging, hege ich keine großen Hoffnungen. Ich fürchte, sein Herz hängt noch immer an Sari.“

Und wenn der König jemals wieder eine Sklavin so sehr begehren würde wie Sari, würde ihn auch die Cachira nicht mehr interessieren. Denn diese Sklavin würde ihn sowohl unterhalten als auch mit ihm schlafen. Und dafür brauchte sie nicht viel zum Anziehen. Sari war indes etwas Besonderes gewesen. Hätte sie den Krieg überlebt, so hätte Ivasako seinem König zugetraut, dass er sie geheiratet hätte. Und das nicht nur, um gegenüber den Verbündeten Ländern ein Zeichen zu setzen.

„Nun, dann haben wir vielleicht ein Argument, um Ishakas Schneider herzubestellen“, sagte Ivasako. „Was ihn viel gekostet hat, soll auch ordentlich verarbeitet werden. Denn auch die zwei talentiertesten Schneiderinnen der Cachira sind irgendwann überarbeitet.“

Nach dem Essen schickte Ivasako Esari auf ihr Zimmer und führte seine Frau in ihr gemeinsames Schlafgemach. „Was ist mit Jorika los?“, fragte er, kaum dass er die Tür hinter ihnen mit einem Impuls seines Willens geschlossen hatte.

„Dass es dir noch nicht selbst aufgefallen ist“, sagte sie.

Ivasako schüttelte verständnislos den Kopf. „Wir haben nicht gemeinsam Dienst.“ Den Großteil seiner Zeit verbrachte der Palastmeister mit bürokratischen Aufgaben. Häufig bekam er Jorika nur zu den Mahlzeiten zu Gesicht. Und bis heute war ihm bei Jorika nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Er kannte jede einzelne Palastwache. War er immer davon ausgegangen, mit Jorika wäre es anders?

„Er begehrt Ashala. Sein sachakanisches Blut bringt ihn ihretwegen beinahe um den Verstand. An deiner Stelle würde ich mich seiner entweder auf dem Übungsplatz annehmen oder Ishaka fragen, ob er ihm Ashala einmal ausleiht. Sofern sie das auch möchte. Aber wenn du nichts unternimmst, wird er früher oder später gegen dich rebellieren.“

Und Ivasako hatte nichts davon bemerkt. Dabei war es nur eine Frage der Zeit gewesen. „Es scheint, als würde ich in ihm noch immer den lieben, kleinen Jungen sehen, den ich einst zu meinem Assistenten gemacht habe“, sagte er.

„Und das ist er noch immer. Doch du solltest aufpassen, dass sein Temperament nicht mit ihm durchgeht.“

Ivasako nickte langsam. „Und ich werde ihm noch einmal klarmachen, dass Sklavinnen keine Sexobjekte sind. In der Palastwache ist kein Platz für Männer, die sich wie Ashaki aufführen.“

„Was war das, was du mir sagen wolltest?“, fragte Ienara.

Der Palastmeister verkniff sich ein Lächeln. „Sieh dir einmal genau das Bett an.“

Mit misstrauischer Miene schritt Ienara zum Bett. Ihr schwarzes Haar fiel wie ein schimmernder Vorhang mit Silberfäden nach vorne, als sie leise die Luft einsog und sich über die Kissen auf ihrer Seite beugte. „Das ist wunderschön!“

Ivasako lächelte. „Ich wusste, es würde dir gefallen.“

„Hast du das heute bei den Händlern gekauft?“

„Als du um diesen sündhaft teuren Stoff gefeilscht hast.“

„Und womit habe ich das verdient?“

Ivasako umrundete das Bett und trat zu ihr. „Damit, dass du eine so wunderbare Frau bist.“

„Alter Schmeichler!“

Er beugte sich vor und küsste sie. „Zieh es an“, sagte er. „Ich will wissen, wie es an dir aussieht.“

Mit wenigen geschickten Griffen löste sie die Haken und Ösen ihres langen Gewandes und der dunkelrote Stoff glitt zu Boden. Dann nahm sie die Kette und hing sie sich um den Hals.

„Es ist perfekt“, sagte Ivasako.

Mit einem Lächeln legte sie sich in die Kissen und räkelte sich lasziv, den schweren Anhänger in der Falte zwischen ihren Brüsten. „Dann kommt her, Palastmeister und zeigt mir, wie gut es Euch gefällt.“

Oh und wie ich das werde! Ivasako löste die Knöpfe seiner Uniformjacke und zog die Stiefel aus. „Der Rubin ist übrigens aus Marikas altem Privatbesitz“, sagte er, als er auf die Matratze kletterte. „Ich denke, er weiß den Tausch zu schätzen.“

„Weil der Stein jetzt seine erste Lieblingssklavin schmückt?“

„Das auch.“ Über Ienara hielt er inne und küsste sie. „Doch ich wollte auf etwas anderes hinaus.“

„Auf was?“, fragte sie atemlos. „Was war mit dem anderen Juwel nicht in Ordnung?“

„Es war … nun, manch einer würde es eine Fälschung nennen.“

Ienaras Augen weiteten sich mit Begreifen. „Von wem?“, fragte sie.

Ivasako lächelte. „Von einem alten Freund.“


***


Sonea griff die oberste Akte und ließ sich damit in einen Sessel sinken. „Ich frage mich, wie wir Zusammenhänge zwischen diesen Mordfällen finden sollen, wenn wir keine Stadtwache sind“, sagte sie. „Das ist nicht unsere Arbeit.“

„Das ist richtig und das sollte es auch nicht.“ Akkarin ließ sich mit einer anderen Mappe ihr gegenüber nieder. „Doch wenn tatsächlich Magie im Spiel ist, können wir die Hinweise darauf eher identifizieren, als die Stadtwache. Insbesondere, wenn es sich um schwarze Magie handeln sollte.“

Was Sonea nach ihrer Untersuchung der Leiche mehr und mehr bezweifelte. Möglicherweise würden sie mehr darüber erfahren, wenn es Cery und seinen Leuten gelang, den Toten zu identifizieren. Mit seinen Methoden waren sie darin vermutlich effizienter als die Stadtwache innerhalb der Stadtmauern. Sie glaubte Cerys Behauptungen, nach der Ergreifung des Nachtschatten wieder aufgehört zu haben, nicht. Sie sah es an dem fiebrigen Glanz in seinen Augen, wenn sie einander von ihrer Arbeit berichteten und dem minimalen Zögern, wenn sie ihn nach seinem Privatleben fragte. Cery war ein Dieb und würde es immer bleiben. Sonea konnte nur bedingt gutheißen, was ihn mit dem Gesetz in Konflikt brachte, doch zugleich war die Arbeit der Diebe eine große Unterstützung bei der Jagd nach schwarzen Magiern.

Obwohl sie es vorgezogen hätte, den Abend zuhause zu verbringen, war sie froh, dass Cery sie gerufen hatte. Verbrechen, die mit Magie verübt wurden, hatten die lästige Angewohnheit, die Stadtbevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen. Es war besser, dies vertraulich zu behandeln, solange dieser Umstand nicht vollständig geklärt war.

„Vielleicht sollte der König darüber nachdenken, Magier in der Stadtwache zuzulassen“, sagte sie.

„Damit würde er der Gilde eine Gesetzesautorität geben, die ihre Zuständigkeiten übersteigt“, sagte Akkarin. „Wir können hinzugezogen werden, Leichen werden häufig von den Heilern aus einem der Krankenhäuser untersucht, doch damit würden wir eine Grenze überschreiten.“

„Nicht, wenn diese Magier keine Autorität haben und nur bei den Untersuchungen assistieren. Sie könnten sogar die Wahrheitslesungen bei Zeugen übernehmen. Hätte man einen solchen Magier pro Bezirk, müsste die Gilde nicht immer gerufen werden.“

„Es wäre eine Idee, doch …“ Akkarin hielt inne, als die Tür aufging und Takan mit einem Tablett und zwei dampfenden Tassen die Bibliothek betrat. Spürend, wie ihre Wangen heiß wurden, wandte Sonea den Blick ab und fand sich zugleich albern.

„Ich habe etwas Gebäck mitgebracht“, sagte Takan und stellte einen kleinen Teller mit den beiden Tassen auf dem niedrigen Tisch in der Sitzgruppe ab. „Falls Ihr noch weitere Wünsche habt, ruft mich.“

„Danke, Takan.“ Akkarin nahm den Sumi entgegen. „Geh und leg dich schlafen. Caria wartet gewiss schon auf dich.“

„Ja, Meister.“ Mit einer tiefen Verneigung zog Takan sich zurück.

Sonea griff nach dem Raka und bediente sich am Gebäck. „Je nachdem, wie diese Sache ausgeht, werde ich meine Idee dem König bei der nächsten Gelegenheit unterbreiten.“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Deine Ideen waren noch niemals gut für die Gilde und werden es wohl auch niemals sein.“

„Ich fasse das auf Kompliment auf.“

Während der nächsten Stunde lasen sie die Berichte all jener Fälle, von denen Cery glaubte, dass sie zu ein und demselben Mörder gehörten. Je mehr Sonea las, desto mehr wuchsen ihre Faszination und ihr Respekt vor der Ermittlungsarbeit der Stadtwache. Auch wenn es nicht unsere Aufgabe ist, so ist es unglaublich spannend, dachte sie. So viel spannender als das Leben in der Gilde. Ich werde Merin meine Idee beim nächsten Ball schmackhaft machen. Auch wenn das der Gilde und den Häusern vermutlich nicht passen wird.

„Also ich weiß nicht“, sagte Sonea schließlich. Sie ließ die Mappe, in der sie zuletzt gelesen hatte, zum Tisch schweben und zog die Beine an die Brust. „Ich stimme Cery zu, dass einige Umstände seltsam sind, aber mir fallen auf Anhieb eine ganze Handvoll nichtmagische Erklärungen ein. So auch bei der Leiche, die heute Abend gefunden wurde. Vielleicht hat niemand hingesehen, weil es bereits dunkel war. Vielleicht wurde sie aus einem Fenster geworfen, vielleicht hat ein Karren sie im Vorbeifahren abgeworfen.“

„Zwei Zeugen haben ausgesagt, dass sie gestolpert sind und dann plötzlich eine Leiche auf der Straße lag.“ Akkarin reichte ihr Cerys Notizen. „Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr klingt das nach einer Illusion.“

„Es war dunkel!“

„Nicht so dunkel, dass man ein größeres Hindernis auf dem Boden übersehen würde. Die Zeugen waren zudem nüchtern.“

„Hm“, machte Sonea. Eine Illusion verbarg nur vor den Augen, was darunter war. Man brauchte sie nur zu berühren, um sie zu zerstreuen. Ein Magier konnte sie zudem erspüren, wenn er nahe genug war. Akkarins Theorie erschien ihr jedoch absurd. Welcher mordende Magier würde seine Opfer so auffällig platzieren, aber dann keine weiteren Spuren hinterlassen?

Sie überflog die Aussagen. „Ich gebe dir recht, dass das seltsam ist. Allerdings kann er auch mit einer Illusion getarnt nicht lange dort gelegen haben. Denn dann wären weitere Passanten über ihn gestolpert.“ Sie las die dritte Aussage. Dieser Zeuge sagte nur, er habe zwei Leute stolpern sehen und dann die Leiche entdeckt. Die Frage, ob die Leiche schon zuvor dort gelegen hatte, konnte er nicht beantworten. „Aber das erklärt noch immer nicht, wie der Mann ermordet wurde. Es gibt keinerlei Anzeichen für Magie als Todesursache. Um sicherzugehen, sollte ein Heiler die Leiche untersuchen.“

„Lord Darlen ist sehr diskret.“

„Ich dachte eher an Trassia.“

Akkarins dunkle Augen musterten sie prüfend. „Du willst doch nur, dass sie wieder Gefallen an der Arbeit im Krankenhaus findet.“

Sonea schenkte ihm ein subtiles Lächeln. „Das auch.“ Dann wurde sie wieder ernst. „Wenn es wirklich Magie ist, dann haben wir es mit einem wilden Magier zu tun. Die Sachakaner in unserer Stadt scheiden aus und die Gildenmagier auch.“

„Du vertraust den Magiern blindlings, bloß weil sie der Gilde angehören?“

„Sie wären ziemlich dumm, gegen das Gesetz zu verstoßen, weil das auffallen würde. Wir würden sie jagen, sie würden verurteilt und ihre Kräfte würden blockiert. Wenn sie jemanden mit Magie töten, dann …“

„Das hält Verbrecher selten davon ab, Verbrechen zu begehen, Sonea.“

Sonea schnaubte leise. „Schon, aber ich halte Gildenmagier für …“

„Zivilisierter?“

„So wollte ich das jetzt nicht ausdrücken, aber ja.“

„Trotzdem sollten wir diese Möglichkeit nicht ausschließen, was ein weiterer Grund dafür wäre, die Sache für uns zu behalten“, sagte Akkarin leise.

„Wir sollten zumindest die höheren Magier einweihen.“

„Nein. Die Erinnerungen an den Nachtschatten sind noch zu frisch. Wenn Cery etwas herausfindet, das tatsächlich auf Magie hindeutet, können wir darüber nachdenken.“

„Mir ist noch immer unklar, wie er durch Magie gestorben sein könnte. Man kann die Wunden eines Toten nicht heilen. Und es gab auch keine inneren Verletzungen, die auf einen Tod durch heilende Magie schließen lassen. Die einzige Möglichkeit wäre, dass er ein Magier war und seine Magie übertragen hat. Und zwar freiwillig, denn sonst hätten wir Kampfspuren gesehen.“ Und selbst das war fraglich.

„Und das spricht umso mehr dafür, dass wir der Sache auf den Grund gehen, ohne Panik zu verursachen, und abwarten, was Cery herausfindet“, sagte Akkarin. Seine Stirn runzelte sich missbilligend. „Und hoffen, dass er dabei halbwegs legal vorgeht.“

„Du traust ihm in dieser Hinsicht auch nicht, nicht wahr?“

„Er ist, was er ist. So wie wir sind, was wir sind.“

„Ich finde es auch nicht gut, aber zugleich muss ich den Dieben zugestehen, dass sie die Hüttenleute beschützen und ihnen helfen.“

„Das streite ich nicht ab, Sonea.“ Über seinen Sumi schüttelte Akkarin den Kopf. „Hätte ich mich nach Isaras Tod so verloren oder nach deiner Entführung …“

„Du hast schwarze Magie gelernt und Dakova und seine Sklaven getötet“, erinnerte Sonea. „Und du kannst nicht abstreiten, dass ein dunkler Teil in dir es genossen hat.“

„Nein. Aber ich habe aufgehört.“

„Du hast weiterhin schwarze Magie praktiziert, um die Stadt zu beschützen. Und Cery ist weiterhin ein Dieb, um dasselbe zu tun.“

„Er bringt sich in Gefahr. Wenn er auffliegt, werden wir ihn nicht vor dem Galgen retten können, weil wir mit drinstecken.“

„Dann wir sind uns darin einig.“ Sonea trank von ihrem Raka. „Aber zurück zum Thema. Wir haben einen mysteriösen Mordfall aufzuklären und ich bin noch immer ein wenig verärgert, weil wir unterbrochen wurden.“

Akkarin lachte leise.

„Wir könnten Dannyl kontaktieren, in Arvice Nachforschungen anzustellen“, überlegte Sonea. „Er ist sehr diskret.“

„Dannyl wird Arvice in wenigen Tagen wieder verlassen. Ich müsste Harlen damit beauftragen.“ Akkarins Augenbrauen zogen sich zusammen. „Nun, er steht nur mit mir und den Verrätern in Kontakt, vielleicht … ich muss darüber nachdenken.“

„Zu unserer eigenen Beruhigung und, um den schlimmsten Fall auszuschließen, sollten wir das tun“, sagte Sonea. „Wir können keine wilden Magier in der Stadt gebrauchen, wenn die Prinzessin von Sachaka herkommt.“

„Ich stimme dir zu.“

„Aber mal ganz unwahrscheinlich angenommen, wir haben es mit einem neuen Magier aus Sachaka zu tun, sagen wir ein Attentäter, der dabei ist sich zu stärken: Wie ist er hergekommen? Man kann nur noch über die Pässe in Kyralia und Elyne einreisen und jeder Sachakaner, der dort entlang kommt, wird registriert und auf magisches Potential getestet. Wir wissen zu jeder Zeit, wer sich bei uns aufhält. Was, wenn jemand eine Lücke gefunden hat?“

„Ich werde Dannyl gleich morgen früh fragen, ob ihm in Arvice irgendetwas seltsam vorkommt, wenn dich das beruhigt“, sagte Akkarin. „Die Stimmung unter den Ashaki oder Gerüchte, die auf den ersten Blick harmlos erscheinen, könnten im Zusammenhang mit diesem Mordfall in einem anderen Licht erscheinen.“

„Aber du glaubst nicht daran.“

„Ich glaube“, sagte der Hohe Lord, „dass wir damals nicht alle Helfer des Nachtschatten gefasst haben und dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie wieder aktiv werden. Und damit meine ich nicht jene, die ins Ichani-Gebiet geflohen sind.“

Sonea erschauderte, als er ihre geheimsten Befürchtungen aussprach. Sie hatte einen König ermordet. Zwischen Kyralia und Sachaka mochte Frieden herrschen, doch ihre Tat würde nicht so schnell vergessen sein.

„Allerdings bezweifle ich, dass Cerys Morde damit zu tun haben“, fuhr er fort. „Das sieht für mich eher nach einer neuen kreativen Methode aus, die Stadtwache auf eine falsche Fährte zu locken. Nichtsdestotrotz sollten wir jedwede Form von Magie ausschließen.“

„Du meinst, weil die Diebe schon so lange die Arbeit der Stadtwache machen, haben die Verbrecher ihre eigenen Diebesmethoden entwickelt?“, fragte Sonea erheitert.

„So etwas in der Art.“

„Also doch keine Illusion?“

„Das würde nur Sinn machen, wäre der Mord mit Magie begangen worden, doch das halten wir beide für unwahrscheinlich. Ich habe diese Möglichkeit nur angeführt, weil ich während meiner Jagd auf Spione schon die wunderlichsten Dinge zu hören bekommen habe. Nicht immer war die Erklärung ein wilder Magier, doch wenn sich eine Serie merkwürdige Vorfälle ereignet hat, sehen die Leute überall Merkwürdigkeiten.“

„Hüttenleute können wirklich erfinderisch sein, nicht nur wenn es um verbotene Dinge geht“, stimmte Sonea zu. Sie gähnte. „Doch was Letzteres betrifft, stehen sie Kindern und Novizen in nichts nach.“

„Gehen wir schlafen“, sagte Akkarin. „Für heute macht es keinen Sinn, weiterzuforschen. Wir müssen abwarten, was Dannyl und Cery zu berichten haben.“ Er streckte eine Hand nach ihr aus und zog sie auf die Füße. „Zudem ist es spät und du hast eine erfinderische Novizin vor Unterrichtsbeginn zu bändigen.“

„Ich bin noch nicht müde“, protestierte Sonea.

„Dann lies noch ein wenig, aber halte deine Lichtkugel gedämpft.“

Sonea starrte ihn an. „Du willst nicht dort weitermachen, wo wir vorhin aufgehört haben?“

„Nicht mehr heute. Es ist zu spät.“

„Und zum Lesen ist es nicht zu spät?“, zog sie ihn auf, während sie über den Flur zu ihrem Schlafzimmer schritten.

„Im Gegensatz zu dem, was ich mit dir vorhabe, macht es dich müde.“

Das glaubst auch nur du, dachte Sonea, während sie ihm grinsend ins Schlafzimmer folgte.


***


Das war das letzte Kapitel für dieses Jahr. Am 4. Januar 2022 geht es wie gewohnt weiter. Und dann erfahrt ihr auch, wie Dannyl die Begegnung im Badehaus bekommen ist. Ich wünsche euch schöne und besinnliche Weihnachtstage. Kommt gut ins neue Jahr und bleibt gesund! <3
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