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Das Erbe der schwarzen Magier II - Der Feind in ihrer Mitte

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Rothen Regin Sonea
01.12.2021
26.04.2022
13
132.160
28
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
07.12.2021 11.733
 
Hallo zusammen, tausend Dank für eure Reviews, Favoriteneinträge und Empfehlungen! <3 Nachdem ich letzte Woche den Spaß-Prolog, der eigentlich fürs Bonuskapitel gedacht war, gepostet hatte, hatte ich Sorge, dass er die Erwartungen an diese Geschichte zu weit runterschrauben oder falsche Erwartungen an die Geschichte setzen könnte.

Niedrige Erwartungen können zum Glück übertroffen werden. Falsche Erwartungen zu enttäuschen ist ein anderes Thema. Ich hoffe daher, dass diese Geschichte euch nicht enttäuschen wird.

Im heutigen Kapitel sind die Enrasa-Karten in so mancher Hinsicht neu gemischt und ich bin gespannt, wie es euch gefällt!



***






Kapitel 1 – Anfänge und Bewunderer



Eine erfrischend kühle Brise, die den Duft von Laub, Gras und Blüten und das Morgenkonzert der Vögel im nahen Wald mit sich trug, weckte Sonea aus ihrem traumlosen Schlaf. Ein Gefühl stiller Glückseligkeit verspürend streckte sie sich und öffnete die Augen. Der Himmel hinter den halbgeöffneten Fenstern war rosa und cyanblau. Es war noch früh.

Ein tiefer Atemzug und das Rascheln von Decken erklangen hinter ihr. Sonea wandte sich um. Akkarin hatte sich auf die andere Seite gedreht. Das lange dunkle Haar, das mit Ende vierzig noch immer voll und bis auf das Grau an den Schläfen schwarz war, fiel über seine Schultern und die Piratennarbe.

Sonea lächelte. Und mit dem freudigen Kitzel, den nur diejenigen spüren, die etwas vorhaben, von dem sie ganz genau wissen, dass sie besser daran täten, es zu lassen, machte sie es sich in den Kissen bequem. Dann griff sie nach dem Buch auf ihrem Nachttisch und schlug es auf der Seite auf, auf der sie es am vergangenen Abend geschlossen hatte. Ein neues Kapitel. Sie las den ersten Satz und ihr Herz machte einen Sprung.

Gayend!

Gayend war der Held einer Reihe von Abenteuerromanen aus Elyne. Sie spielten in einer Welt, die an die Region Elyne-Lonmar-Vin mit einigen Einflüssen aus Sachaka und Duna erinnerte. Es gab sogar Magie, doch sie unterschied sich stark von jener, die Sonea kannte. Man konnte mit ihr nicht heilen, obwohl sie genutzt werden konnte, um Knochen zu schienen oder Gelenke zu ersetzen, nur dass dies aus Gründen, die sich Sonea nicht erschlossen, verboten war.

Die Geschichte war grandioser als alles, was Sonea bis jetzt gelesen hatte. Es gab sogar ein Kartenspiel, das an Enrasa erinnerte, aber mit Magie gespielt wurde.

Und es gab Gayend.

Sonea hatte noch nie eine Romanfigur wie ihn gelesen. Gayend war arrogant und dabei unverschämt gutaussehend. Und er war der stärkste Magier seiner Welt. In mancher Hinsicht erinnerte er Sonea an Akkarin. Aber Gayend war sehr viel mehr als das. Gayend war impulsiver, lebensfroher und glich vermutlich eher dem Akkarin, der er hätte sein können, wäre er damals nicht nach Sachaka gegangen.

Jedes Mal, wenn Gayend in einer Szene auftrat, schlug Soneas Herz schneller. Und sie ertappte sich während dröger Besprechungen der höheren Magier oder nicht enden wollender Feste im Palast dabei, wie sie an ihn dachte.

Während der nächsten halben Stunde war sie so in das Buch vertieft, dass sie alles um sich herum vergaß. Die kühle Luft auf ihren Armen, das eindringlich laute Zwitschern der Vögel – selbst ihren Steiß, der auf Grund ihrer Sitzposition zu schmerzen begann. Mit klopfendem Herzen und schwitzigen Fingern verfolgte sie, wie Gayend auszog, um ein Ungeheuer zu töten, das in der Orita-See sein Unwesen trieb. Aus einem Grund, den sie noch nicht ganz verstand, von dem sie aber sicher war, dass Brennini es im Laufe der Reihe aufklären würde, war dieses Ungeheuer ein mächtiges magisches Wesen, das eine Horde wahnsinnig gewordener Magier anzog. Gayend erschlug das Ungeheuer und entkam nur knapp dem Tod, nur um dann von den Magiern verfolgt zu werden.

Obwohl Gayend im ersten Band durch die feige und hinterlistige Tat eines jungen Magiers, von dem Sonea glaubte, dass er Gayends unehelicher Bastard war, bereits einen Teil seiner Macht eingebüßt hatte, gab er sich unverwüstlich. Anstatt zu fliehen, wie jeder andere es getan hatte, hüllte er die wahnsinnigen Magier in ein magisches Inferno und …

„Du bist schon wach.“

Schuldbewusst zuckte Sonea zusammen. „Hoher Lord“, sagte sie atemlos und klappte das Buch zu. „Guten Morgen.“

Akkarin betrachtete sie, eine Augenbraue hochgezogen, die Piratennarbe auf seiner Wange verzog sich zu einem Ausdruck, von dem Sonea nicht hätte sagen können, ob er gespielt finster oder echt war. „Muss ich dich erst wieder an die Regeln erinnern?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich bitte um Verzeihung, Hoher Lord. Ich ...“ Sie biss sich auf die Unterlippe, spürend, wie ihre Wangen heiß wurden. „du hast noch geschlafen und ich fürchte, ich habe die Zeit vergessen.“

Akkarins Mundwinkel zuckten kaum merklich. „Warum wundert mich das nicht?“

Mit einem süffisanten Lächeln legte Sonea das Buch zurück auf den Nachtisch.

„Dann bestraft mich, Hoher Lord.“ Das war der Vorteil, den ihre Beziehung brachte. Ihre Eskapaden hatten Konsequenzen und diese waren den Ungehorsam mehr als wert.

Akkarins dunkle Augen bohrten sich in ihre. „Das werde ich“, sagte er. Es klang wie ein Versprechen. „Aber daran wirst du keine Freude haben.“

Bei seinen Worten zog sich etwas in Sonea zusammen. Sie wusste, er würde Wort halten.

Akkarins Finger zwickten ihre Brustwarzen und sie keuchte unwillkürlich auf. „Ich werde mich deiner heute Abend annehmen“, sagte er und stand auf.

Sonea seufzte und ärgerte sich über sich selbst. Hätte sie nicht so lange gelesen, hätten sie Zeit füreinander gehabt. Jetzt würde sie den ganzen Tag über den Abend herbeisehnen. Was war nur los mit ihr?

„Ich freue mich bereits darauf“, sagte sie.

Akkarin reichte ihr ihren Morgenmantel. „Zeit, baden zu gehen. Sonst kommst du zu spät zum Unterricht. Und ich erwarte, dass du mich wäschst.“

Sonea schnappte ihm den Stoff aus den Fingern. „Mit Freuden, Hoher Lord“, erwiderte sie betont schnippisch. Oh hoffentlich werde ich mich dabei nicht wie Gayends Bettsklavin fühlen, wenn sie ihrem Meister den Rücken schrubbt! Akkarin entgingen solche Dinge nicht. Der Tag würde auch so schon quälend genug vergehen.

Eine halbe Stunde später, in der Akkarin ihre gedanklichen Eskapaden nicht bemerkt hatte, saßen sie einander am Frühstückstisch gegenüber. Ninielle saß zwischen ihnen und verspeiste freudig zwei kleine Kuchen mit Dornbeerfüllung.

„Wo ist Lorlen?“, fragte Akkarin.

„Er ist bereits zur Universität gegangen, Meister“, antwortete Takan, während er zwei Krüge mit Raka und Sumi auf den Tisch stellte.

„Hoffentlich um mit Hania zur Speisehalle zu gehen und nicht um Hausaufgaben abzuschreiben“, bemerkte Sonea.

„Ich denke, er hat seine Lektion vom letzten Mal verinnerlicht“, sagte Akkarin.

Seit Lorlen sein Studium in der Gilde begonnen hatte, speisten sie nur noch abends und am Wochenende gemeinsam. Obwohl Sonea dies bedauerte, freute sie sich zugleich, dass er sich mit seinen Klassenkameraden sozialisierte. Mit fast vierzehn war Lorlen zwei Jahre jünger als seine Klassenkameraden. Die anderen Novizen hatten ihn nur zögernd akzeptiert, doch anders als Sonea in ihrem ersten Jahr hatte er Jonnas und Ranels Tochter Hania als Unterstützung. Soneas Kusine war ein ruhiges Mädchen, das Büchern mehr Beachtung schenkte als Menschen, doch in ihr steckte die Mentalität der Hüttenleute. Familie wurde verteidigt. Und vielleicht lagen gewisse Charakterzüge auch in der Familie. Zu Beginn hatten die beiden sich mehrere Kämpfe mit den anderen Novizen in ihrem Jahrgang geliefert, was Besuche im Büro des Rektors und Strafpredigten nach sich gezogen hatte. Mittlerweile hatten die Novizen jedoch gemerkt, dass Lorlen sich auch durch Strafen nicht davon abhalten ließ, sich auf kreative Weise zu wehren und hatten es aufgegeben. Sonea hoffte, sie würden es dabei belassen.

„Du siehst heute sehr hübsch aus, Ma“, sagte Ninielle über ihren Pachisaft. „Noch hübscher als sonst.“

„Danke“, sagte Sonea erfreut. „Das könnte daran liegen, dass ich so gute Laune habe.“

Ninielle machte ein angewidertes Gesicht. „Hattet ihr wieder Sex?“

Was ihr mit neun Jahren Angst eingejagt hatte, war mit zwölf Jahren abstoßend und eklig. Allerdings bedurfte Ninielles Phantasie keiner konkreten Praktiken, sie fand schon den Prozess des Kindermachens eklig. Wenn es nach Sonea und Akkarin ging, dann würde das auch noch lange so bleiben.

Sonea warf einen feixenden Blick über den Tisch zu Akkarin.

- Nun?

- Ich überlasse es dir, ob du dich vor unserer Tochter erniedrigen willst, indem du zugibst, dass du dich in einen Romanhelden verliebt hast.

- Vielleicht hört sie dann auf ständig zu fragen, ob wir Sex hatten.

- Du weißt, dass sie dann fragen wird, ob du beim Sex an ihn gedacht hast.

Mit einem leisen Schnauben wandte Sonea sich wieder ihrem Raka zu. „Selbst wenn wir miteinander geschlafen hätten, geht dich das nichts an, Ninielle“, sagte sie.

„Also hattet ihr keinen“, stellte ihre Tochter fest.

„Wie kommst du darauf?“, fragte Sonea.

„Dann würdest du rot.“

- Sie mag dein Ebenbild sein, aber die Beobachtungsgabe hat sie von mir.

Sonea begnügte sich mit einem weiteren Schnauben. „Weißt du, Ninielle“, sagte sie, „irgendwann hören die Dinge einem auf, peinlich zu sein. Oder,“ sie lächelte süffisant, „eklig.“

Die Miene ihrer Tochter verfinsterte sich und Sonea grinste in ihre Rakatasse.

„Darf ich gehen?“, fragte Ninielle. „Ich muss Issie noch füttern.“

Sonea warf einen vielsagenden Blick auf die halbaufgegessenen Kuchen auf Ninielles Teller. „Iss auf, dann darfst du gehen.“

Ninielle stopfte sich den Rest ihrer Kuchen in den Mund, spülte diese mit Pachisaft hinunter und verließ das Speisezimmer. Wenig später hörte Sonea ihre Stimme durch das geöffnete Fenster zum Garten, wo der Käfig mit dem Harrel untergebracht war. Wie auch der Harrel, an dem Lorlen seine Magie entfesselt hatte, war diese Issie eigentlich ein Männchen, aber anders als damals stritten Ninielle und ihr Bruder nicht wegen dem Tier.

Nachdem sie sich von Akkarin verabschiedet hatte, trat Sonea, zwei Übungsschwerter an Lederriemen über die Schulter geworfen, in den hellen Sonnenschein vor der Residenz. Auf dem Rasen glitzerte noch Tau, doch die Sonnenstrahlen versprachen einen herrlichen Frühsommertag. Insekten summten in der Luft und es roch nach Blüten. Einen tiefen Atemzug nehmend, eilte sie die Stufen hinab und setzte sich in Richtung der Universität in Bewegung.

Sonea fand, ihr Leben konnte nicht besser sein. Sie hatte Akkarin und ihre beiden Kinder. Lorlen studierte und Ninielle würde ihrem großen Bruder in zwei Jahren folgen. Sie hatte Freunde, unterrichtete Kriegskunst, erforschte schwarze Magie, saß bei Gildenversammlungen auf der Empore und frequentierte regelmäßig sowohl den Palast als auch die Hüttenviertel. Der Krieg war seit dreizehn Jahren vorbei und außer einer Gruppe krimineller Sachakaner hatte ihr niemand mehr nach dem Leben getrachtet.

Und sie hatte …

„Lady Sonea! Guten Morgen!“

Sonea fuhr herum, als sie die junge Frau erblickte, mit der sie beinahe zusammengestoßen wäre, als sie den Weg zur Residenz verließ. „Lina“, sagte sie. „Bin ich spät dran?“

Ihre Novizin schüttelte den Kopf. „Ich war auf dem Rückweg vom Badehaus und da dachte ich, ich kann auch gleich hier auf Euch warten.“ Ihre Wangen waren vor Eifer gerötet. „Der Dome würde mich nur dazu verleiten, meine Magie schon vor dem Unterricht zu verbrauchen.“

Sonea lächelte. Jeden Morgen machten sie eine halbe Stunde Schwertkampf vor dem offiziellen Unterrichtsbeginn. Eine Weile hatte sie Lina und Lorlen gemeinsam unterrichtet, doch während ihr Sohn das Interesse verloren hatte, als er herausgefunden hatte, dass Magie eine so viel bessere Waffe war, regte sich Linas Ehrgeiz in jeder Art von Kampfkunst.

„Hast du alle Hausaufgaben gemacht?“, fragte Sonea.

Lina nickte.

„Sehr gut. Nicht, dass ich etwas anderes von dir erwartet hätte.“ Sonea nickte in Richtung Universität. „Komm. Je mehr Zeit wir haben, desto mehr kann ich dich unterrichten. Die Sommerprüfungen sind nicht mehr fern und es gibt einiges zu tun.“

Zweieinhalb Jahre waren vergangen, seit Sonea sich des Mädchens angenommen hatte. Ihr erster Mentor Rothen, Soneas Ziehvater und ältester Freund in der Gilde, war mit ihrem Temperament überfordert gewesen. Unter Soneas Führung hatten Linas Eskapaden jedoch rasch ein Ende gefunden und nun lernte sie fleißiger denn je. Obwohl Sonea sicher war, die Novizin tat dies vor allem in der Hoffnung, Akkarins Aufmerksamkeit zu erregen, freute sie sich zugleich über diese Entwicklung. Noch ein halbes Jahr und Lina würde ihren Abschluss machen und die roten Roben tragen.

Sonea bedauerte einzig, dass Rothen nicht derjenige sein würde, der sie aus seiner Obhut entließ. Denn indem sie Lina für sich beansprucht hatte, hatte sie dafür gesorgt, dass sich ein Stück Geschichte wiederholte.


***


Die zehn Novizen aus dem Vertiefungskurs duellierten sich in Paaren. Die Luft flimmerte mit frühsommerlicher Vormittagshitze und der Magie, die die Jungen und Mädchen aufeinander schleuderten. Regin stand auf dem Portal und sah ihnen dabei zu. Ein blondes Mädchen, das ein wenig älter als die übrigen Novizen war, kämpfte mit wütender Miene gegen einen Jungen, der ihr an Stärke und Talent in nichts nachstand. Lina und Karrin waren die beiden talentiertesten Novizen in diesem Kurs und beide strebten danach, einander zu übertreffen, was Regin an seine eigene Novizenzeit erinnerte. Anders als einst er und Sonea war ihre Konkurrenz jedoch friedlich und Regin vermutete, das lag einzig daran, dass Linas Mentorin dafür sorgte, dass sich das Mädchen anderweitig verausgabte.

Regin paarte die Novizen nach Stärke und Können, was Frust und Unfälle verringerte. Hin und wieder ließ er jedoch schwache und starke Novizen gegeneinander antreten, um den Schwachen die Möglichkeit zu geben, ohne Zögern und mit aller Kraft anzugreifen, während die Starken sich in Zurückhaltung und Kontrolle üben konnten.

Regins Aufmerksamkeit galt indes weniger den beiden besten Novizen, sondern einem mittel-talentierten Paar, das den Unterricht nutzte, um seinen Kleinkrieg auszutragen. Sanina, ein Mädchen aus Haus Korin und Alia, ein Mädchen aus den Hüttenvierteln. Die Feindschaft der beiden reichte so weit zurück, dass Regin sich fragte, ob das der Auslöser für die Wahl ihrer Disziplin gewesen war. Und obwohl die beiden Mädchen nach einer Stunde in der Arena schon mehrfach beim Rektor vorstellig geworden waren, begrüßte er den weiblichen Zuwachs in seiner Disziplin. Seit sich mehr und mehr Mädchen die roten Roben zutrauten, erholte sich die Gilde von den im Krieg entstandenen Verlusten wesentlich schneller als durch die bloße Aufnahme von Kindern aus einfachen Verhältnissen.

Er spürte die Störung in seiner Magie im selben Moment, in dem der Schrei erklang.

„Halt!“, rief Regin und hob eine Hand.

Die Novizen hielten inne. Ein Novize, Erryl, lag auf dem Boden und krümmte sich. Regin verließ das Portal und eilte auf die Sandfläche. „Was ist passiert?“, fragte er, während er den Jungen untersuchte. Zuerst fand er nur Prellungen, doch dann entdeckte er zwei angebrochene Rippen.

„Ich habe ihn mit Kraftschlag angegriffen, aber sein Schild hat nicht gehalten“, antwortete Erryls Partner Valin.

„Erryl“, sagte Regin. „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du beim Kampf besser auf deine Reserven achten musst?“

Erryl stöhnte. „Es hat gerade so Spaß gemacht.“

Regin schüttelte den Kopf. War er damals auch so gedankenlos gewesen? „Kämpfen ist kein Spaß. In einem Kampf kann dich das dein Leben kosten.“

„Es wird nie wieder vorkommen, Mylord.“

Nein, dachte Regin. Als ich in Erryls Jahrgang war, hatte ich schon in Schlachten gegen die Sachakaner gekämpft.

„Erryl, meinst du, du kannst aufstehen?“, fragte er.

Der Junge nickte zögernd.

„Lina“, sagte Regin, während er Erryl auf die Füße half. „Hilf mir, ihn zum Heilerquartier zu bringen. Er muss untersucht werden. Die anderen haben solange Pause. Karrin, achte darauf, dass sie während dieser Zeit ihre Magie nicht benutzen. Es gibt zwei Büros in der Universität, von denen aus man die Arena sehr gut im Blick hat. Ihr wollt weder zu dem einen noch zu dem anderen geschickt werden.“

„Ja, Mylord“, sagten die Novizen wie aus einem Mund. Seine Klasse mit einem letzten strengen Blick bedenkend, verließ Regin mit Lina und Erryl die Arena. Soneas Novizin war nicht begeistert, aber Regin vertraute nicht darauf, dass sie und Karrin sich ruhig verhielten, wenn beide in der Arena blieben.

Dafür, dass der Unterricht heute so fordernd war, hatte Valin noch erstaunlich viel Kraft, dachte er. Er war davon ausgegangen, dass Erryl mittlerweile besser auf seine Magie achtete, doch nun fragte er sich, ob es wirklich daran lag, oder ob Valins Kräfte gewachsen waren. Der Junge war frustriert, weil er nicht so stark wie Lina oder Karrin war, und trainierte entsprechend verbissen. Mehrfach hatte Regin gesehen, wie er sich nach Unterrichtsende am Arenaschild verausgabte, wenn am nächsten Tag keine Kriegskunst stattfand.

Ein Heiler brachte sie in einen freien Behandlungsraum und ging mit den Worten „ich schicke jemanden zu Euch“ wieder auf Visite. Regin und Lina setzten Erryl auf einer Liege ab und warteten.

Regin fand es albern, wegen einer Verletzung, die er selbst heilen konnte, zum Heilerquartier zu gehen. In einer Schlacht hätte er auch keinen Heiler gerufen. Aber die Vorschriften für Unfälle im Unterricht waren eindeutig. Krieger und Alchemisten besaßen nur eine Grundausbildung in Heilkunst; wenn sie bei der Untersuchung etwas übersahen, wurden sie im Fall von Schäden zur Verantwortung gezogen.

Wenige Minuten später ging die Tür auf und eine Heilerin mit hochgesteckten braunen Locken rauschte in den Raum – und Regin erstarrte.

„Trassia“, sagte er.

Die Heilerin erstarrte ihrerseits. „Regin“, sagte sie. „Was …“, ihr Blick fiel auf den Novizen, „wieder ein Unfall?“

„Er hat im Eifer eines Gefechts nicht auf seine magischen Reserven geachtet und einen Kraftschlag abbekommen“, antwortete Regin.

Trassia bedachte ihn mit einem Blick, als wäre das seine Schuld, ließ seine Worte jedoch unkommentiert. Regin runzelte die Stirn. Er hatte sie eine Weile nicht gesehen, aber dass sie ihn unter Generalverdacht stellte, war einmal anders gewesen.

„Dann wollen wir dich einmal untersuchen“, sagte Trassia zu Erryl. „Wie ist dein Name?“

„Erryl.“

„Erryl“, wiederholte Trassia. „Die Schmerzen werden gleich aufhören.“ Sie legte ihre Hand auf die des Jungen und schloss die Augen.

„Ich werde zwei gebrochene Rippen und eine mittelschwere Prellung des unteren Brustkorbs in meinem Bericht vermerken“, sagte Trassia. „Und demnächst achtest du besser auf deine Magie, Erryl. Das solltest du eigentlich schon im ersten Jahr gelernt haben.“

Erryl verzog das Gesicht, ob des Kribbelns das mit dem Heilungsprozess einherging. „Ja, Lady Trassia“, murmelte er.

Als wenn ich das nicht getan hätte, dachte Regin. Bei manchen Novizen stießen Anweisungen jedoch auf taube Ohren. Er erinnerte sich, nicht anders gewesen zu sein.

„Ich dachte, du würdest im Krankenhaus arbeiten“, sagte er.

„Nicht mehr.“ Für einen Moment glaubte Regin Unbehagen in ihrer Miene zu lesen, dann fuhr sie fort: „Der Weg zur Gilde ist so viel kürzer als in den Äußeren Ring.“ Sie tätschelte Erryls Arm. „Du kannst gehen.“

Erneut runzelte Regin die Stirn. Auch das war einmal anders gewesen. Er hatte immer geglaubt, sie auch nach Jahren der Trennung noch zu kennen. Doch seit ihrer Hochzeit mit dem Politiker aus Haus Saril hatte sie sich verändert.

„Das ist schade“, sagte er und kam sich dumm vor. „Also für die Hüttenleute.“

Sie hob eine Augenbraue und Regin kam sich noch dümmer vor. Ein leises Hüsteln erinnerte ihn wieder daran, dass zwei Novizen im Raum waren.

„Gehen wir zurück, Erryl“, sagte Regin. „Dann können wir die letzten Minuten bis zur Mittagspause noch nutzen.“

Es war auf dem Rückweg zur Arena, als Regin realisierte, wie seltsam es gewesen war, mit Trassia zu sprechen. Es war ihre erste Begegnung seit zwei Jahren gewesen. Hin und wieder hatte er sie im Abendsaal oder bei Gildenversammlungen gesehen. Jedoch hatte er nie mit ihr gesprochen. Wenn er Novizen ins Heilerquartier begleitet hatte, waren diese von anderen Heilern behandelt worden. Wie lange arbeitete sie schon wieder in der Gilde?

Sie hatte sich so anders, so fremd angefühlt. Und das rief Regin ins Gedächtnis, wie viel ihre Hochzeit in ihm zerstört hätte, als hätte davor eine reelle Chance bestanden, dass sie wieder zueinanderfanden.


***


An jedem Ersttag speiste Rothen mit seiner Ziehtochter zu Mittag. Was zu Beginn eine kleine Kompensation dafür gewesen war, dass Akkarin sie einst Rothens Obhut entrissen hatte, war heute zwischen Besprechungen, Gildenversammlungen, Abendsaal und formalen Dinnern in der Residenz des Hohen Lords die einzige Gelegenheit, bei der sie für sich waren.

„Wie habt ihr zwei das Wochenende verbracht?“, fragte Rothen, als Sonea sich von den Enkamedaillons auftat. „Tania sagte, du und Akkarin wärt ausgeritten.“

Sonea nickte. „Lorlen musste lernen und Ninielle hatte sich mit Desslie verabredet. Farand und Luzille haben sie zu den Pferderennen mitgenommen. Akkarin und ich haben die Zeit genutzt und sind zur Küste geritten und haben den Tag am Meer verbracht.“ Ihre Wangen glühten, als verbände sie damit ganz besonders schöne Erinnerungen. Rothen entschied, nicht genauer nachzufragen. Die Natur von Soneas Liebesbeziehung war seit einem Skandal, den sein Sohn einst verursacht hatte, nahezu ein offenes Geheimnis in der Gilde. „Und was hast du getan?“

„Tests korrigiert und die Fragen für die Sommerprüfungen zusammengestellt.“

„Das klingt, als könntest du ein wenig Abwechslung gebrauchen“, bemerkte Sonea, während sie ihre Enkamedallions in kleine Stücke zersäbelte. „Nächstes Mal nehmen wir dich mit.“

Als ob ich alter Mann Beschäftigung bräuchte! Rothen schnaubte leise. Er mochte alt sein, doch er war weder senil noch einsam. „Das ist sehr großzügig von dir“, sagte er. „Doch ich würde nur in eure Zweisamkeit intervenieren.“

„Rothen!“, sagte Sonea streng. „Ich war schwimmen und habe ein Buch gelesen. Was dachtest du, was wir getan hätten?“

Das klang nahezu untypisch züchtig für die beiden schwarzen Magier. Aber vielleicht war es auch zu heiß gewesen oder der Sand störte dabei – gewiss tat er das.

„Was gibt es sonst Neues bei dir?“, wechselte Rothen das Thema. „Wie macht sich Lina?“

„Sie studiert weiterhin vorbildlich.“

„Ihr hattet heute Morgen Schwertkampf, nicht wahr?“

„Jeden Morgen, Rothen.“

Wenn Lina sich schon vor dem Unterricht körperlich verausgabte, war sie danach weniger jähzornig, was Konflikte mit ihren Klassenkameraden reduzierte. Was dies betraf, so musste Rothen seiner Ziehtochter zugestehen, dass sie bessere Wege gefunden hatte, das Temperament des Mädchens zu zügeln, als er es je gekonnt hätte. Ein wenig kratzte es dennoch an seinem Stolz.

„Kämpft sie noch immer mit so viel Jähzorn?“

Sonea nickte. „Der Schwertkampf tut ihr gut. Sie hat ein ziemliches Talent entwickelt und durch ihre Größe ist sie mir an Kraft überlegen. Aber sie ist nichts im Vergleich zu den Kriegern, mit denen ich trainiere. Oder mit Akkarin.“

„Das ganz sicher nicht“, stimmte Rothen zu, während er den Tugorkloß auf seinem Teller zerteilte. „Aber es freut mich zu hören, dass sie weiterhin von diesem Unterricht profitiert.“ Er hatte nie viel von diesem Sport gehalten. Und so war er nicht allzu begeistert gewesen, als Lina den Wunsch geäußert hatte, diese Kunst zu lernen. Sonea hatte es ihr erlaubt, kaum dass sie Linas Mentorin geworden war. Mit dem Argument, es würde sie Disziplin und Respekt lehren, so wie Akkarin es mit Lorlen versucht hatte.

„Ich hatte gehofft, dass sich ihr Temperament noch auswächst“, sagte Sonea. „Aber sie ist jetzt einundzwanzig.“

Rothen zerteilte das letzte Stück seines Enkamedallions. „Mit der Zeit wird man ruhiger. Selbst Dorrien ist ruhiger geworden.“

„Also dann besteht ja noch Hoffnung!“

Sie lachten. „Allmählich glaube ich jedoch, dass ein neuer Gegner ihr guttäte“, sagte Sonea dann. „Indem sie immer nur gegen mich kämpft, wird sie sich nicht weiterentwickeln und auf Dauer wird sie sich langweilen.“

Rothen nickte. „Insbesondere, nachdem Lorlen kein Interesse mehr an diesem Sport zeigt.“

„Genau.“ Sonea spießte mehrere Brasiblätter mit ihrer Gabel auf und tunkte sie in die Soße. „Ich dachte an Regin oder Akkarin. Ein erfahrener und starker Krieger, an dem sie sich auslassen kann, ohne fürchten zu müssen, dass sie ihn verletzt.“

„Nur, dass sie wohl kaum gegen Akkarin kämpfen wollen würde“, überlegte Rothen und trank einen Schluck Pachiwein.

„Ich hoffe, dass sich das ändert, wenn sie herausfindet, wie streng und unbarmherzig er als Lehrer ist.“ Sonea grinste, als würde ihr das eine kleine, gemeine Freude bereiten. „Doch nun erzähl, wie geht es dir und was machen deine Schüler?“

„Die beiden Jungen, von denen ich letzte Woche noch dachte, dass sie das Halbjahr nicht schaffen, haben beim letzten Test hervorragend abgeschnitten. Ich konnte es nicht glauben und habe nachgeforscht, doch wie es scheint, haben sie nicht geschummelt.“

„Dann lag es vielleicht daran, dass ihnen vorher der Anreiz gefehlt hat.“ Sonea nippte an ihrem Pachiwein. „Bei manchen wirkt ein wenig Druck Wunder, während er bei anderen das Gegenteil bewirkt.“

„Wir werden es spätestens bei den Sommerprüfungen erfahren.“ Bemerkend, dass ihr Glas fast leer war, streckte Rothen seinen Willen nach der Weinflasche aus und schenkte ihr nach. Die Ernte vom letzten Herbst. Dorrien schickte ihm hin und wieder eine Kiste von den Pachibauern am Südpass. Die Flüssigkeit traf den Sonea abgewandten Rand. Bevor der Wein auf die Tischdecke spritzen konnte, bewegte Rothen die Flasche ein Stück nach vorne. „Dafür habe ich herausgefunden, dass eines der Mädchen Lernschwierigkeiten hat.“

„Oh“, machte Sonea. „Hätte das nicht schon im Vorbereitungskurs auffallen müssen?“

Rothen stellte die Flasche wieder ab. „Sie ist aus den Häusern.“

„Oh“, machte Sonea erneut und griff nach ihrem Glas.

„Das kommt vor. Ich werde darüber nachdenken, ob ich mich ihrer persönlich annehme oder ihr einen Lehrer zuteile, der sie fördert. Jemanden, der vielleicht auch geneigt wäre, das Mentorenamt zu übernehmen, um ihr eine bessere Förderung zu gewährleisten.“

Wäre Rothen zehn Jahre jünger, so hätte er diese Aufgabe mit Freuden übernommen. Doch er hatte einst für sich entschieden, dass die jüngere Schwester seiner Schwiegertochter seine letzte Novizin sein würde. Diese hatte Sonea sich jedoch eingefordert, nachdem die Schwierigkeiten überhandgenommen hatten. Mit Mitte siebzig hielt Rothen sich für zu alt, um noch einen Novizen bis zum Ende seines Studiums zu betreuen. Eine Klasse zu unterrichten war etwas anderes. Die Bindung zwischen Mentor und Novize war enger als das. Sollte er vorzeitig sterben, so wäre das dem Novizen gegenüber nicht fair.

Rothen sah sich jedoch noch weit davon entfernt, ganz in Ruhestand zu gehen. Er unterrichtete zwei Klassen in Alchemie, übernahm jedes zweite Halbjahr den Vorbereitungskurs für die Novizen aus einfachen Verhältnissen und war Leiter der Alchemistischen Studien. Ohne beides würde er fürchten, zu dem Einsiedler zu werden, von dem Sonea anscheinend glaubte, dass er zu diesem wurde.

„Sprich mit ihr und schau dir ihre Schwierigkeiten im Detail an“, sagte Sonea. „Dann wirst du sehen, wie umfangreich ihre Förderung sein muss.“

Was so viel bedeutete wie „ob du dir das in deinem Alter noch zumuten willst“, übersetzte Rothen für sich. Er wusste, sie meinte es nicht so. Es war vielmehr so, dass er sich mit jedem Jahr seiner Grenzen bewusster wurde. Und das war deprimierend und frustrierend. Insbesondere wenn er mit jungen Menschen wie Sonea oder Farand zu tun hatte. Oder seinem Sohn oder Dannyl, die beide auf ihre Weise noch Flausen im Kopf hatten, obwohl sie in ihren Vierzigern waren.

„Danke“, sagte er mit einem Lächeln. „Das werde ich.“

Tania kam und brachte das Dessert. Sie stapelte leere Teller und Besteck auf ein Tablett und Schüsseln und Platten darüber und verließ dann wieder den Raum.

„Marinparfait“, sagte Rothen erfreut. „Mit Harrelminze.“

„Eines der besten Desserts im Sommer“, stimmte Sonea zu. „Was mich daran erinnert, Takan die üppigen Desserts abzugewöhnen. Er zögert es immer solange hinaus, wie er kann. Jedes Jahr.“

Rothen kicherte leise. „Manchmal wundert es mich, wie Akkarin es mit so vielen sturen Menschen in seinem Haushalt aushält.“

Sonea lachte. „Einst hat es ihn wohl in den Wahnsinn getrieben, mittlerweile hat er resigniert. Er weiß, dass er uns nicht ändern kann. Aber“, sie senkte die Stimme und beugte sich verschwörerisch über den Tisch, „ich hege den starken Verdacht, dass er das braucht.“


***


„Die Kultur dieses Landes ist eine harsche und der meines Volkes in vielen Dingen zu ähnlich und doch muss ich gestehen, ich bin fasziniert.“ Botschafter Salyk spähte durch die Vorhänge der Sänfte. „Anders als Lonmar hat es eine ganz eigene Schönheit. Ohne die Geschichten aus dem Land des sichelförmigen Mondes wäre es mir vielleicht niemals aufgefallen.“

Dannyl verkniff sich ein Lächeln und schwieg. Eine Weile schaukelten sie durch die Straßen von Arvice, vorbei an den weißen Mauern der Ashaki-Anwesen, Sklaven, Passanten in bunten Seidengewändern und anderen Sänften.

„Vielleicht“, sagte er, das Leuchten in Salyks Augen bemerkend, schließlich, „würden Euch die Gedichte von Chavori dem Reimer ebenfalls gefallen. Sie bieten ein Verständnis der sachakanischen Kultur, das Reisenden oft verborgen bleibt.“

Salyk wandte sich ihm zu. „Gedichte? Das klingt interessant.“

„Dann hoffe ich, Ihr seid ein Romantiker und habt nichts gegen ein von unserem abweichenden Verständnis von Liebe“, erwiderte Dannyl. „Denn das ist, worum es in den Gedichten geht.“

„Ich würde vielmehr sagen, das hört sich spannend an, Dannyl.“ Salyk runzelte die Stirn. „Und ja, wenn ich so darüber nachdenke, dann bin ich genau das. Ein Romantiker. Auch wenn man es vielleicht nicht glauben mag.“

„Weil Ihr Lonmar seid?“

Salyk lächelte. „Weil ich noch immer allein bin.“ Dannyl wollte ansetzen, etwas zu sagen, doch der Botschafter fuhr fort: „Dabei waren es bisher eher die äußeren Umstände, die mir im Weg standen, als dass ich zu anspruchsvoll wäre.“

„Unsere Arbeit ist nicht unbedingt die beziehungsfreundlichste“, stimmte Dannyl zu.

„Nein“, sagte Salyk. „Da scheint es beinahe von Vorteil, ungebunden zu sein.“

„Aber das ist es nicht?“

„Ich kann das nicht vergleichen, Auslandsadministrator. Doch letztendlich kann man eine andere Person nicht nur vermissen, weil er oder sie nicht bei einem ist.“

Weil man sie auch vermissen kann, wenn sie einem direkt gegenübersitzt … Rasch führte Dannyl ein paar Entspannungsübungen durch und berührte den kleinen Silberanhänger, den er unter seiner Robe an einem Band aus Leder trug. Er tat besser daran, seine Empfindungen wegzuheilen, doch er hatte sich einst geschworen, das niemals wieder zu tun. Und es widerstrebte ihm, erneut innerlich tot zu sein, auch wenn es in diesem ganz speziellen Fall das Beste war.

Wie haben wir es überhaupt hierher geschafft?, fragte er sich. Seit dem Vorfall mit der wilden Magierin in Lonmar hatten sie wiederholt zusammengearbeitet. Damals war aus ihrem distanziert-kollegialen Verhältnis so etwas wie eine zarte Freundschaft gewachsen. Während sie die Vorwürfe gegen den Großen Clan Kassymar untersucht hatten – jenen Clan, wegen dem es überhaupt zu dem Vorfall gekommen war, hatte sich diese Freundschaft vertieft. Wie sich herausgestellt hatte, hatten zwei nichtmagische Heiler Beschneidungen an Mädchen vorgenommen, gedeckt von einem Heiler, der sich um die Nachsorge gekümmert hatte. Die beiden Nichtmagier waren hingerichtet worden, der Heiler war auf ein Fort strafversetzt worden und durfte seinen Beruf nicht mehr ausüben. Der ganze Fall hatte sehr viel Fingerspitzengefühl und eine reibungslose Zusammenarbeit verlangt und war Dannyl schließlich auf eine Weise nahegegangen, die einen Freund wie Salyk wertvoll gemacht hatte.

In den darauffolgenden beiden Jahren war Salyk ihm für drei weitere Missionen zugewiesen worden. Ein Streit zwischen der Seefahrergilde von Vin und einer Gruppe Händler, die mit Piraten zusammenarbeitete. Friedensverhandlungen zwischen dem Stamm der Felsensinger und den Kriegern vom Rauschenden Fluss, was in einer dritten Mission geendet hatte: Dem Aushandeln neuer Bedingungen, unter denen die magisch begabten Kinder Lans der Gilde beitreten durften. Dannyl und Salyk hatten erwirkt, dass diese Zahl verdoppelt worden war. Für die Auswahlspiele bedeutete dies einen weiteren Wettkampf für die Verlierer der Endrunde.

Für diese Sachaka-Mission hatte Dannyl den Botschafter von Lan jedoch erstmals aktiv angefordert. „Weil ein konservativer Lonmar genau die richtige Besetzung für die Rolle meines Begleiters ist“, hatte er gegenüber den höheren Magiern erklärt. Die höheren Magier hatten ohne lange Diskussion zugestimmt. Nichtsahnend, dass Dannyl mit seinen Worten seine Wahl auch vor sich selbst gerechtfertigt hatte.

Nun, Akkarin ahnt vermutlich etwas. Der Hohe Lord hatte den Krieger einst auf dessen Wunsch nach Lan versetzt. Dies lag nun mehr als zwanzig Jahre zurück.

Und ich lebe seit siebzehn Jahren eine Lüge.

Etwas Grünes lenkte Dannyl von seinen frevlerischen Gedanken fort. „Seht!“, sagte er. „Dort drüben fängt die Prachtstraße an.“

Salyk beugte sich neben ihm aus der Sänfte und folgte Dannyls ausgestrecktem Arm. „Parrabäume“, sagte er mit einem Blick zu den gefiederten Blättern und dem samtig-melodischen Akzent, mit dem die Lonmar Kyralisch sprachen. „Ich habe noch nie so große gesehen.“

„Es heißt, sie wären so alt wie das Imperium“, sagte Dannyl. „Allerdings halte ich das für eine Legende. Auch wenn sie ohne Zweifel sehr alt sind.“

Entlang der Prachtstraße wurden die Ashaki-Anwesen größer und seltener, bis die Straße schließlich nur noch von den Parrabäumen mit ihren dicken, schuppigen Stämmen und dazwischen aufgestellten Statuen vergangener Herrscher gesäumt war. Dann, schließlich, erreichten sie einen weitläufigen Platz und ein großes goldenes Tor, hinter dem Dannyl die Kuppeln und Türme des Palasts erblickte. Die Wachen ließen sie passieren und als die Tore zurückschwangen, gab Salyk einen kleinen Laut der Überraschung von sich. Dannyl lächelte. Auch ihn erfüllte der Anblick jedes Mal aufs Neue mit Ehrfurcht und Wunder.

„Nach allem, was Ihr mir aus Euren Erinnerungen gezeigt habt, war ich darauf vorbereitet, dass der Palast von Arvice ein atemberaubendes Wunder der Architektur ist“, sagte Salyk. „Aber für das hier fehlen mir die Worte.“

„Ich weiß, was Ihr meint. Wartet erst, bis Ihr das Innere seht.“

Salyks Augen begegneten seinen und Dannyls Herz machte einen unwillkürlichen Sprung. „Ich bin gespannt.“

Reiß dich zusammen, Dannyl, wies er sich zurecht. Du bist kein Novize mehr.

Wenige Augenblicke später hielten die Träger und setzten die Sänfte ab. Dannyl wischte seine feuchten Handflächen unauffällig an seiner Robe ab und kletterte gefolgt von Salyk hinaus. Die Mittagssonne brannte und gleißte auf dem steinernen Palasthof. Aus einer zweiten Sänfte stiegen Anjiaka und Botschafter Harlen. Als die Verräterin ihm ein wissendes Lächeln schenkte, fragte Dannyl sich, ob sie ihm und Salyk mit Absicht eine eigene Sänfte zugeteilt hatte.

Und er war mehr denn je dankbar, dass sein Aufenthalt in Arvice nur kurz sein würde.

Palastmeister Ivasako erwartete sie mit einer Eskorte aus Palastwachen. „Auslandsadministrator Dannyl, Botschafter Harlen und Salyk und Anjiaka von den Verrätern, seid willkommen“, grüßte er. „Der König erwartet Euch im Thronsaal.“

„Das ist sehr freundlich von Euch“, erwiderte Dannyl und neigte den Kopf.

„Der König blickt dieser Begegnung mit großen Erwartungen entgegen.“

Dannyl lächelte. „Dann beruht dies anscheinend auf Gegenseitigkeit.“

Der Palastmeister erwiderte sein Lächeln kaum merklich und wandte sich zum Palast. Dannyl und der Rest der Gruppe folgte ihm die Stufen empor und in die Empfangshalle. Er konnte hören, wie Salyk leise die Luft einsog, und lächelte in sich hinein.

König Ishaka erwartete sie auf seinem Thron am Ende des langen Teppichs, in den das goldene Cravas auf dunkelblauen Grund gestickt war. Das Blau des Teppichs war indes nicht so dunkel wie das des Gewandes, in das der König gehüllt war.

Vor dem Thron warf Ivasako sich zu Boden, Dannyl und die anderen taten es ihm gleich. Dann nahm der Palastmeister seinen Platz an der Seite des Königs ein.

„Seid willkommen in meinem Palast“, sprach Ishaka. „Der Anlass, zu dem ich Euch hergebeten habe, ist mir Freude und süße Qual zugleich.“

„Das ist die Trennung von einem geliebten Menschen immer“, erwiderte Dannyl. „Und deswegen hoffe ich umso mehr, dass dieser Anlass sich zu einer Freude für unsere beiden Länder entwickeln wird.“

Ein kleines Lächeln umspielte Ishakas Mundwinkel. „Wohl gesprochen, Auslandsadministrator“, sagte er. „Doch vor allem hoffe ich, dass die kommenden Jahre auch für sie ein Anlass zur Freude werden: meine Tochter Sayara.“

Die Türen des Thronsaals schwangen auf und eine zierliche Gestalt in edlen Gewändern trat ein. Ihr folgten Jorika und eine Sklavin. Anders als die meisten sachakanischen Frauen, die Dannyl zu Gesicht bekommen hatte – Verräter oder Sklavinnen – trug sie ein enges, aber züchtiges Gewand mit einem kleinen Stehkragen. Weder ihre Frisur noch ihre Schminke konnten jedoch über die mädchenhafte Gestalt hinwegtäuschen, die sich darunter verbarg. Sie war siebzehn und bereits zur Frau erblüht und damit im heiratsfähigen Alter. In Dannyls Augen war sie jedoch vor allem eines: ein Kind.

„Sayara, dies sind Auslandsadministrator Dannyl und Botschafter Salyk von den Gildenmagiern“, stellte Ishaka vor, als das Mädchen zu der kleinen Gruppe trat. „Sie sind im Auftrag ihres Königs hier und werden dich nach Kyralia eskortieren.“

„Mein Begleiter und ich sind höchsterfreut, Eure Bekanntschaft zu machen“, sagte Dannyl.

„Die Freude ist ganz meinerseits, Auslandsadministrator Dannyl“, erwiderte Prinzessin Sayara. Ihre Augen begegneten kurz denen Dannyls, dann senkte sie den Blick wieder. Ihre Stimme war jedoch klar und selbstbewusst. „Ich hoffe, dass Euer König ebenfalls erfreut sein wird.“

„Ich bin sicher, das wird er“, sagte Dannyl und kam sich wie ein Lügner vor. „Ein Treffen ist für das Fort am Nordpass auf der Grenze zwischen unseren Ländern anberaumt.“

Erneut dieser flüchtige Blick. „Ich kann es kaum erwarten.“

„Doch bis dahin“, warf Ishaka ein, „gibt es noch einiges zu klären.“


***


Sonea wich zurück, als Linas Kraftschlag in ihren Schild krachte. Lina setzte ihr nach, ihre Miene grimmig und entschlossen, als würde sie nicht gegen ihre Mentorin, sondern ihren erklärten Feind kämpfen. Wissend, dass sie sich der Wand des Domes näherte, ließ Sonea ihre Novizin näherkommen. Kriegskunst mit Lina bedeutete, dem Temperament des Mädchens Raum zu lassen und zugleich dafür zu sorgen, dass sie nichtsdestotrotz mit Verstand kämpfte.

Als Lina noch näherkam, hob Sonea die Hände, wie um einen Kraftschlag frontal auf den Schild der Novizin zu projizieren. Während Lina noch damit beschäftigt war, ihren Schild vor sich zu verstärken, sandte Sonea zwei weitere Kraftschläge nach beiden Seiten und ließ sie an der Krümmung der Wände entlang laufen. Magie summte in ihren Ohren und die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf, als Linas nächste Angriffe sie aus unmittelbarer Nähe trafen. Im selben Augenblick durchbrachen Soneas Kraftschläge Linas Schild auf der schwächeren Rückseite. Sonea streckte ihren Willen nach dem Inneren Schild ihrer Novizin aus und stärkte ihn, bis er die Magie ihres Angriffs absorbiert hatte. Mit verbissener Miene stellte Lina den Angriff ein.

„Das war sehr gut, Lina“, sagte Sonea. Sie löste Linas Inneren Schild. „Allerdings neigst du noch immer dazu, deine Verteidigung im Rücken zu vernachlässigen, je näher du dich einem Sieg wähnst.“

„Aber ich bin doch besser geworden!“, protestierte das Mädchen. „Das dachte ich zumindest.“

„Das bist du auch.“ Sonea schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. „Glaub mir Lina, wenn ich dir sage, dass du eine großartige Kriegerin wirst. Aber jeder hat Schwächen. Daher ist es umso wichtiger, diese zu trainieren, damit deine Gegner diese im Kampf nicht gegen dich verwenden.“

„Die Sommerprüfungen sind in einem Monat. Wie soll ich das bis dahin schaffen?“

Sonea ersparte es sich, Lina daran zu erinnern, dass sie die Sommerprüfungen in jedem Fall bestehen würde. Wenn es um Kriegskunst ging, waren dem Mädchen Bestnoten gerade gut genug.

„Ich werde mir etwas überlegen“, sagte sie. „Aber erwarte nicht zu viel in der kurzen Zeit. Das wird dich nur frustrieren.“ Sie würde mit Akkarin einige Ideen durchsprechen. Vielleicht auch mit Regin. Das Oberhaupt der Krieger kannte gewiss einige Tricks oder kannte Krieger, die in diesem Bereich sehr erfahren waren.

„Aber bis zu meinen Abschlussprüfungen werde ich es können?“

„Das ist mehr als genug Zeit.“ Ein paar Übungsstunden mit einem anderen Gegner, am besten einem schwarzen Magier, würden dem Mädchen helfen. Der einzige andere schwarze Magier, über den die Gilde momentan verfügte, wäre jedoch ein denkbar schlechter Lehrer gewesen. Seit Akkarin sie aus den Fängen eines Sachakaners gerettet hatte, war Lina unsterblich in den Hohen Lord verliebt.

Ah, aber er würde sich gut als ultimatives Testobjekt machen, wenn Lina ihre Schwächen gemeistert hat!

Sich ein Grinsen verkneifend sagte Sonea: „Ich weiß, du willst am liebsten jetzt sofort die perfekte Kriegerin sein. Du willst zur Stelle sein, sollte es erneut zu einem Krieg kommen. Doch manche Dinge brauchen Zeit. Es ist nicht gut, zu verbissen zu sein. Das wirkt dem Lernprozess eher entgegen.“ Der Universitätsgong hallte gedämpft durch das Portal. „Doch nun Schluss für heute. Bis zum Ende der Woche erwarte einen Aufsatz über drei Szenarien, die im letzten Krieg mit Sachaka zu einem Scheitern der einen oder anderen Seite geführt haben. Ich will, dass du diese auf ihre Fehler und Konsequenzen hin analysierst.“

„Ja, Mylady“, sagte Lina ernst und folgte Sonea nach draußen. „Habt Ihr auch Schwächen?“

Gegen die schrägstehende Sonne blinzelnd, trat Sonea ins Freie. „Versuchst du einen Weg zu finden, wie du mich in unseren Übungsrunden besiegen kannst?“

„Ich … ah …“, Linas Wangen färbten sich rosa, „wollte nur wissen, ob es Euch gelungen ist, sie zu meistern. Und wenn ja, wie.“

„Eine andere Antwort hätte ich auch nicht gelten lassen. Als Kriegerin solltest du deine Beobachtungsgabe benutzen, um die Schwächen deines Gegners herauszufinden.“

„Bei meinen Klassenkameraden gelingt mir das“, sagte Lina. „Ihr hingegen seit schwieriger zu deuten.“

Was an Akkarins harter Schule liegt … „Ich hatte früher eine ähnliche Schwäche wie du“, sagte Sonea. „Auch ich habe dazu geneigt, den Schild an Stellen zu vernachlässigen, an denen ich einen Treffer für unwahrscheinlich hielt, um Magie zu sparen. Einmal mit fatalen Folgen.“

„Die Schlacht von Imardin“, sagte Lina.

„Ja“, sagte Sonea einen vertrauten Stich verspürend. „Durch langes und hartes Training habe ich diesen Fehler irgendwann nicht mehr gemacht. Heute habe ich andere Schwächen, diese haben jedoch mit mangelnder Kommunikation im Kampf mit einem Partner zu tun.“ Und das war immer dann der Fall, wenn sie und Akkarin stritten. In der Vergangenheit hatten sie deswegen einige Runden gegen Regin und seine Krieger verloren. Einmal hatte es sie sogar beinahe das Leben gekostet, als sie gegen mehrere schwarze Magier gekämpft hatten.

„Tatsächlich liegt meine eigentliche Schwäche nicht in bestimmten Techniken, sondern in Umständen, die dazu führen, dass ich unaufmerksam werde und mir Fehler unterlaufen“, fügte sie hinzu.

„Wie meint Ihr das?“

„Wenn jemand meiner Familie etwas antun würde, dann weiß ich nicht, wie gut ich mich noch auf den Kampf konzentrieren könnte.“

„Das macht Sinn“, sagte Lina. „Was man liebt, will man mehr beschützen als alles andere.“

Eine Gruppe Novizen eilte vom Heilerquartier in Richtung Novizenquartier an ihnen vorbei. Lady Indrias Vertiefungskurs. Sich fragend, ob Lorlen in einem Jahr auch in einem solchen Kurs sitzen würde, sah Sonea ihnen nach. Für sie und Akkarin war es eine kleine Überraschung gewesen, als Lorlen angefangen hatte, sich für Heilkunst zu interessieren, hatten seine anfänglichen Vorlieben eher auf Kriegskunst hingedeutet. Damit folgte er seinem Namensgeber und Sonea in den ersten Jahren ihres Studiums. Und irgendwie war sie darüber erleichtert.

Vor dem Novizenquartier verabschiedeten sie sich und Sonea setzte ihren Weg zur Residenz alleine fort. Novizen strömten aus der Universität. Sonea tauchte zwischen die Hecken ein, um ihnen nicht begegnen zu müssen. Auch nach so vielen Jahren fühlte sie sich wie eine Sensation und das nicht nur, weil sie die Frau des Hohen Lords und eine Kriegsheldin war. Sie hatte, wenn auch unbeabsichtigt, den Weg bereitet, dass die Gilde Novizen aus einfachen Verhältnissen aufnahm, Mädchen die Kriegskunst wählten und dass sich die Gilde schwarzer Magie öffnete. Dabei hatte sie nie im Mittelpunkt stehen wollen.

Das graue Mauerwerk der Residenz des Hohen Lords schimmerte warm in der Abendsonne. Lächelnd erklomm Sonea die Stufen. Auf ihre Berührung schwang die Tür auf. Akkarin saß in der kleinen Empfangshalle, ein Buch auf dem Schoß, ein Glas Wein neben sich. Bei dem Anblick machte ihr Herz einen Sprung. Manche Dinge änderten sich nie.

„Guten Abend, Sonea“, sagte er, als sie eintrat.

„Guten Abend, Hoher Lord“, erwiderte Sonea.

Akkarin legte das Buch zur Seite. Seine Roben raschelten leise, als er sich erhob und auf sie zu schritt. „Wie war dein Tag?“, fragte er und küsste sie auf die Stirn.

„Gut.“ Sie schlang die Arme um ihn und lehnte sich gegen seine Brust. Nach einem langen Tag waren die Wärme seines Körpers und sein vertrauter Duft, als würde sie jetzt erst wirklich nach Hause kommen. „Lina ist ehrgeizig wie immer, die Zwillinge treiben mich in den Wahnsinn und Laysa zeigt erstes Interesse an der Kriegskunst. Und ich soll dir Grüße von Rothen ausrichten.“

„Danke.“ Akkarin löste sich von ihr und führte sie zu den Sesseln. „Wie kommt es, dass Laysa sich für die Kriegskunst interessiert?“, fragte er, während er ein zweites Glas mit Anurischem Dunkelwein befüllte. „Nach ihrer Vorgeschichte hätte ich eine Neigung zur Heilkunst erwartet.“

Sonea empfing das Weinglas, das er zu ihr schweben ließ. „Das interessiert sie auch sehr. Doch ich glaube, die Ungerechtigkeit, die den Frauen in ihrem Land noch immer widerfährt, hat ihren Kampfgeist geweckt. Und vielleicht“, sie grinste, „liegt es auch daran, dass ihre beste Freundin Kriegerin werden will.“

San-San vom Stamm der Felsensinger war mit Krieg aufgewachsen. In den vergangenen zehn Jahren war Dannyl des Öfteren nach Lan gereist, um Kämpfe zwischen ihrem Stamm und einigen Nachbarstämmen gemeinsam mit dem Botschafter von Lan zu schlichten. Mittlerweile waren aus vier untereinander verfeindeten Stämmen zwei geworden. Wenn man bedachte, dass die Lan ähnlich kriegerisch waren wie das Wüstenvolk der Duna im Norden Sachakas, war es bemerkenswert, dass Dannyl überhaupt etwas erreicht hatte.

„Es würde mich nicht wundern, wenn die Mehrheit deiner Klasse die Kriegskunst bevorzugen wird“, sagte Akkarin.

„Weil ich Kriegerin bin?“ Sonea lachte, dann wurde sie wieder ernst. „Ich will aber nicht, dass sie es wegen mir tun. Sie sollen es von sich aus wollen.“

„Weil du sie inspirierst“, sagte Akkarin sanft.

„Und das gefällt mir noch weniger. Was, wenn das dazu führt, dass sie schwarze Magie lernen wollen?“

„Dann wirst du ihnen deutlich machen, warum die Gilde das nur in Ausnahmefällen erlaubt.“

Sonea schnaubte leise. „Manchmal finde ich es schade, dass dem Hohen Lord keine Zeit zum Unterrichten bleibt. Allerdings“, sie grinste und trank einen Schluck Wein, „würden sich meine Novizen gewiss freuen, wenn du eine Stunde lang ihre Fragen beantwortest oder mit mir in der Arena stehst.“

Daran wie sich Akkarins Piratennarbe verzog, konnte Sonea sehen, dass ihm diese Idee missfiel. Genaugenommen war er ein ziemlich guter Lehrer. Doch er war auch streng und anspruchsvoll. Als Novizin hatte Sonea ihn nicht selten verflucht, aber genau dafür hatte sie ihn auch geliebt.

„Keine gute Idee“, sagte er. „Es wird Illusionen und Wunschträume zerstören. Doch ich kenne eine Novizin, die hellauf begeistert wäre.“

„Wo wir schon bei meiner Novizin sind …“, begann Sonea und brach ab, als die Tür aufging und ein schlaksiger Novize mit kurzen schwarzen Haaren eintrat. Die etwas dunklere Haut um seine Augen erweckte den Eindruck, als würden diese in Schatten liegen, was bei den Novizinnen trotz seiner Jugend für Entzückung sorgte. Mit vierzehn Jahren war Lorlen größer als die Jungen in seinem Alter. Sonea war sicher, er würde eines Tages so groß wie Akkarin sein.

„Guten Abend, Hoher Lord“, grüßte Lorlen und verneigte sich. Er wandte sich zu Sonea. „Mutter.“

„Lorlen“, erwiderte Sonea und widerstand dem Drang aufzustehen und ihrem Sohn einen Kuss zu geben. Lorlen war lange dem Alter entwachsen, in dem er sich das hätte gefallen lassen.

„Was hast du heute gelernt?“, fragte Akkarin.

„Architektur. Wie man Stein mit Magie verformt. Lord Elben hat ein neues Experiment mit uns gemacht und Lord Dayend hat uns gezeigt, wie man Magie im Kampf an einen anderen Magier überträgt.“

„Gut“, sagte Akkarin. „Hast du Hausaufgaben?“

„Das meiste habe ich in der Mittagspause erledigt. Den Aufsatz über Lord Loren wollte ich nach dem Essen schreiben.“

Akkarin nickte. „Du kannst gehen.“

Lorlen verneigte sich und stieg die Stufen empor, Akkarins dunkle Augen folgten ihm mit einem Funkeln, das Sonea nur allzu gut kannte. Abgesehen von Familienzeit sprach Lorlen seinen Vater nur noch förmlich an. Als sein Mentor legte Akkarin Wert darauf und tatsächlich hatte seine Strenge dazu geführt, dass Lorlen weniger Ärger machte. Zumindest meistens. Akkarin ließ ihm die Auseinandersetzungen mit seinen Klassenkameraden durchgehen, sofern Lorlen sich nur verteidigte. Der gelegentliche Racheakt wurde indes entsprechend geahndet. Obwohl Sonea ein leises Mitleid mit Lorlen verspürte, war sie zugleich für Akkarins harte Hand dankbar. Sie kannte einige erwachsene Magier, denen ein solcher Mentor gutgetan hätte.

„Du wirst ihm doch hoffentlich nicht Lord Lorens Tagebuch zu lesen geben, nicht wahr?“

„Für seinen Aufsatz?“

„Tu nicht so unschuldig. Ich kenne dich.“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Ich habe nicht vor, unsere Kinder zu schwarzer Magie zu verführen. Ich dachte nur gerade daran, als eine gewisse Novizin mir zuletzt von ihrem Architekturunterricht berichtete und ich dieses Buch verliehen habe.“

Sonea lächelte. Damals hatte alles angefangen.

„Und um auf deine Novizin zurückzukommen …“, Akkarins Blick glitt für einen Moment ins Leere, „so schlage ich vor, dass ich bei ihrem morgigen Unterricht einmal zusehe. Doch nun sollten wir uns nach oben begeben. Das Abendessen ist fertig.“ Er reichte Sonea eine Hand und zog sie auf die Füße. „Und anschließend werde ich mich deiner annehmen.“

Ein angenehmer Schauer rann Soneas Rücken hinab. „Wäre es nicht wegen der Kinder und weil Takan ansonsten sehr gekränkt wäre, hätte ich auch nichts dagegen, das Essen ausfallen zu lassen.“


***


Dannyls Räumlichkeiten im Haus der Verräter, das zugleich die Botschaft der Gilde in Arvice war, bestanden aus einem einzigen und luxuriösen Zimmer. Einst ein Gemeinschaftsschlafraum für Sklaven, war dieser nun umfunktioniert in eine große Gästesuite. Weitere Räume in dem ehemaligen Sklavenhaus waren für geringere Gäste, wie Abgesandte der Verbündeten Länder oder der Verräter.

Botschafter Harlen residierte im Haupthaus, unter Anjiakas Leuten auch „Haus der Meisterin“ genannt. Für Dannyl bedeutete dies Privatsphäre wann immer er herkam.

Das Gästehaus verfügte zudem über ein Gemeinschaftsbad. Für gewöhnlich störte Dannyl sich nicht daran, wenn andere dort badeten, außer wenn er mit seinem Gefährten alleine sein wollte. Aber Tayend war in Elyne geblieben. Sein alter Mentor Irand war im vergangenen Winter in einem hohen Alter gestorben und so kümmerte sich Tayend alleine um die Große Bibliothek und arbeitete einen Nachfolger ein.

Obwohl Dannyl bedauerte, dass sein Gefährte ihn nicht begleiten konnte, war ein Teil von ihm auch erleichtert. Wann immer eine von Dannyls Missionen gemeinsam mit Salyk stattfand, war Tayend ein überaus übellauniger Reisegefährte. Doch er war auch nicht besserer Laune, wenn er wusste, dass Dannyl alleine mit Salyk unterwegs war. Nur zähneknirschend hatte er Dannyl ziehen lassen. Und obwohl Reisen ohne einen mäkeligen Gefährten weitaus angenehmer war, empfand Dannyl zugleich Schuldgefühle ob etwas, das er nicht getan hatte.

Vor der Tür zum Bad hielt er einen Moment inne. Es ist spät. Niemand wird noch so spät baden. Nicht einmal Anjiakas lüsterne Schwestern.

Und er schon gar nicht …

Einen tiefen Atemzug nehmend streckte Dannyl seinen Willen nach der Tür aus und ließ sie aufschwingen.

Im Vorraum erblickte Dannyl eine rote Robe über eine Marmorbank gelegt. Er unterdrückte ein Seufzen. Seine Lichtkugel hatte ihn bereits verraten. Jetzt umzukehren war feige und nicht seine Art. Stattdessen legte er seine Robe auf einer zweiten Bank ab, wickelte sich ein Handtuch um die Hüften und trat in den dahinterliegenden Raum.

Das Wasserbecken wurde von magiegeladenen Kristallen unter der Wasseroberfläche erhellt. Seitlich zu Dannyl lehnte eine vertraute Gestalt auf einer Unterwasserbank am Beckenrand, den Körper bis zu den Schultern mit Wasser bedeckt.

„Ich hatte nicht damit gerechnet, so spät noch jemanden hier vorzufinden“, sagte Dannyl.

„Die Wahrscheinlichkeit, Anjiakas Magierinnen bei einer Cachika zu stören, ist geringer“, erwiderte Salyk. Seine Augen huschten zu Dannyl und wandten sich dann rasch ab.

Dankbar für die Diskretion entledigte Dannyl sich seines Handtuchs und stieg ins Wasser. „Diese Beobachtung habe ich auch gemacht“, sagte er. Er watete durch das Becken zur gegenüberliegenden Wand und setzte sich im rechten Winkel zu Salyk – nah genug, um Vertrautheit zu erzeugen, jedoch weit genug entfernt, um einander nicht zu berühren. Mit einem leisen Ächzen ließ er sich in das heiße Wasser gleiten.

„Ah“, machte er. „Ich beginne schon, diesen Luxus zu vermissen. Die Reise nach Kyralia wird lang.“

„Es heißt, unter dem Fort gebe es heiße Quellen“, sagte Salyk. „Ich war damals im Krieg nicht lange genug da, um sie auszuprobieren, da ich nach Lan zurückbeordert wurde. Damals habe ich mit den Kriegern einiger Stämme in Zelten kampiert.“

„Ich erinnere mich“, sagte Dannyl. Tatsächlich hatte er nur eine vage Erinnerung an Salyk aus jener Zeit. Obwohl auch ein höherer Magier, war Salyk damals mehr damit beschäftigt gewesen, Feindseligkeiten zwischen den Magiern Lans zu schlichten, als an Kriegsbesprechungen teilzunehmen. Das erste Mal hatten sie beruflich zwei Jahre später in Tol-Gan miteinander zu tun gehabt.

Das Wasser verzerrte die Sicht auf die darunterliegenden Körperpartien, so dass Dannyl nicht gezwungen war, krampfhaft in Salyks Gesicht zu sehen. Nichtsdestotrotz kam er sich wie ein Novize vor. Dass die Leuchtkristalle Salyks Haut sanft schimmern ließen, machte es nicht gerade besser. Der silberne Anhänger, von dem Tayend die andere Hälfte trug, erschien Dannyl ein schwaches Bollwerk gegen seine Gefühle.

„Ihr seht aus, als würde Euch etwas beschäftigen“, bemerkte Salyk.

„Tatsächlich tut es das.“ Dannyl lehnte sich zurück und schloss die Augen. „Ich frage mich, ob wir das Richtige tun. Mir war bewusst, dass sie jung ist, doch sie ist im Geiste noch ein halbes Kind. Ich hatte gehofft, Ishaka hätte sie besser vorbereitet.“

„Sie ist siebzehn, Dannyl.“

„Die Siebzehnjährigen, die ich kenne, sind reifer.“

„Ich spreche nicht von den Novizinnen der Gilde. Für ein Volk, das seine Frauen so sehr behütet, ist Sayara sehr reif. Die Ashaki stehen den Lonmar in dieser Hinsicht in nichts nach. Ihnen geht es nur darum, die bestmöglichste Partie für ihre Töchter zu finden.“

Dannyl öffnete seine Augen. „Und deswegen bin ich froh, dass Ihr mitgekommen seid, Salyk. Es besteht ein Unterschied dazwischen, die Eigenheiten einer Kultur zu kennen und sie durch die Augen eines Mannes zu sehen, der sie versteht.“

Der Botschafter von Lan lächelte. „Ich bin immer froh, wenn das Wissen über mein Heimatland zu einem guten Zweck dient, wenn ich es schon nicht abschütteln kann.“

„Das tut es“, erwiderte Dannyl. „Dennoch bin ich nicht sicher, ob es funktionieren kann. Merin ist mehr als dreißig Jahre älter als sie. Wenn diese Verbindung scheitert, dann wird sich das auf das Verhältnis zwischen unseren Ländern auswirken.“

„Und da habt Ihr recht. Wissen werden wir es jedoch erst, wenn die Prinzessin und der König aufeinandertreffen.“

Dannyl nickte. „Zu schade, dass Ishaka nicht vorgeschlagen hat, seine Frau an Merin zu verheiraten. Nach allem, was man sich erzählt, wäre sie mit jedem anderen Mann glücklicher.“ Ishaka mochte seine Frau gut behandeln, doch er liebte sie nicht. Es hieß, er habe nur solange mit ihr geschlafen, bis sie ihm einen Erben geschenkt hatte. Seine Bettsklavin war seine große Liebe gewesen. Doch Sari war in Yukai gestorben.

„Der Altersunterschied wäre in jedem Fall geringer“, stimmte Salyk zu. „Habt Ihr Bedenken bezüglich König Merin, Dannyl?“

Dannyl schüttelte den Kopf. „Merin ist ein Mann von Ehre. Ich bin sicher, er würde Sayara mit Respekt behandeln. Er ist ein guter Mann. Dennoch bin ich nur ungern voreilig. Besonders, wenn so viel davon abhängt.“

„Wäre dem anders, hättet Ihr es wohl kaum so weit gebracht.“

„Nein“, sagte Dannyl sich fragend, ob sie noch immer von Sayara redeten. „Und Ihr erinnert mich daran, dies zu hinterfragen. Übervorsicht ist ebenfalls selten gut.“ Während er die Worte sprach, kam er sich wie ein Heuchler vor. Denn gegenüber Salyk war er nichts anders als das. Übervorsichtig. „Und man verpasst das Aufregendste im Leben.“

„Und auch das ist wahr. Und ich muss gestehen, dass ich ebenfalls zu Übervorsicht neige. Ich will nicht wissen, wie viel ich damit bereits verpasst habe.“

„Soll ich Euch etwas verraten, Salyk? Ich auch nicht.“

Sie hatten Erinnerungen geteilt. Sie hatten einander Seelenverwandtschaft erklärt. Es hatte sogar einen Moment voller Magie gegeben, zweieinhalb Jahre zuvor in Dannyls Apartment in der Gilde. Und doch waren sie noch immer beim „Ihr“. Als Salyks Vorgesetzter war es an Dannyl anzuregen, die Förmlichkeiten jenseits des Beruflichen abzulegen. Doch als ein Mann, der seit siebzehn Jahren vergeben war, konnte er sich nicht dazu durchringen. Als wären die Förmlichkeiten alles zwischen ihnen, das die jähe Katastrophe verhindern konnte.

War das noch Übervorsicht? War das Angst? Oder war das Tugendhaftigkeit?

Dannyls Magen flatterte als wäre ein Schwarm Sapfliegen darin geschlüpft, als er zu Salyk sah. Der Botschafter lächelte ihm zu und seine bernsteinfarbenen Augen leuchteten im Schein ihrer beider Lichtkugeln.

„Ich fürchte, ich halte Euch auf, Auslandsadministrator“, sagte Salyk unvermittelt. Er erhob sich und watete zum Becken. Beflissentlich blickte Dannyl auf seine Füße. Was er von Salyks Rückseite gesehen hatte, war ansprechender als ihm gefiel.

Am Beckenrand blieb Salyk stehen, sein Handtuch um die Hüften wickelnd. „Gute Nacht, Dannyl.“

„Gute Nacht, Salyk“, erwiderte Dannyl. Und während Salyk im Ankleideraum verschwand, fragte Dannyl sich, ob es allmählich wieder Zeit wurde, gewisse Empfindungen wieder mit Magie zu heilen.


***


Gedankenverloren lauschte Sonea dem Gespräch zwischen Akkarin und ihrem Sohn über das Verformen von Stein mit Magie. Sie erinnerte sich an ein ähnliches Gespräch viele Jahre zuvor, auf welches er ihr Lord Lorens Tagebuch als Lektüre gegeben hatte. Ein Gefühl von Nostalgie überkam sie und ein Teil von ihr konnte nicht aufhören, sich in jene Zeit zurückzuwünschen, auch wenn sie der Beginn der dunkelsten Epoche ihres Lebens gewesen war.

„Und inwiefern unterscheidet es sich vom Heilen?“, fragte Akkarin gerade.

„Stein hat keine natürliche Barriere“, antwortete Lorlen. „Aber man kann eine erschaffen. Das wird zum Beispiel während des Baus eines Gebäude getan. Erst, wenn der Bau komplett ist und die Steine miteinander verschmolzen sind und alles stabil ist, wird die Barriere entfernt.“

„Sehr gut, Lorlen“, sagte Akkarin. „Lord Larkin wird es freuen, wenn du den Vergleich mit der Heilkunst in deinem Aufsatz bringst.“

Lorlen strahlte. Ich hätte nicht gedacht, dass es ihm so gut tun würde, dass wir ihn früher zur Universität geschickt haben, dachte Sonea. Lorlens Magie hatte sich mit elf Jahren entfesselt, als er eine ausgedehnte Phase von Jähzorn durchlebt hatte. Sonea war skeptisch gewesen und hatte deswegen einen wochenlangen Streit mit Akkarin geführt. Als Sohn der zwei mächtigsten Magier der Gilde hatte Lorlen jedoch so oder so eine Außenseiterrolle inne. Mit Akkarin als Mentor und Hania als Freundin an seiner Seite hatte Lorlen sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten jedoch behauptet. Nicht immer zu Soneas Freude, doch für diesen Teil war Akkarin nun zuständig. Ninielle mochte ihr Ebenbild sein, Lorlen hingegen kam ganz nach seinem Vater.

„Hilfst du mir nachher noch mit Arithmetik, Lorlen?“, fragte Ninielle.

„Immer noch Volumenberechnung?“

Ninielle nickte.

„Wenn ich meine Hausaufgaben für Lord Larkin gemacht habe.“ Lorlen warf einen zögernden Blick zu seinem Vater.

„Hilf erst Ninielle“, sagte Akkarin. „Sie muss vor dir zu Bett. Ich erwarte jedoch, dass du den Aufsatz heute schreibst.“

„Ja, Hoher Lord.“

Die Tür ging auf und Takan brachte das Dessert. Eine leichte Creme mit Piorres und Marinsoße. Letztere war auf Soneas und Akkarins Schälchen zusätzlich flambiert. Während sie aßen, erzählte Ninielle von ihrem Nachmittag mit ihrer Freundin Desslie. „Darf ich einmal mit Desslie ausreiten?“, fragte sie.

„Wenn Luzille euch begleitet, ja“, antwortete Sonea.

„Aber Desslie reitet auch alleine aus!“, protestierte Ninielle.

„Weil sie geübter im Reiten ist.“ Wäre es nach Sonea gegangen, wäre ein Magier mit ihnen geritten. Doch sie konnte Ninielle nicht immer behüten. Als Kind hatte sie auch ohne die ständige Aufsicht ihrer Tante überlebt. Sie erinnerte sich, von Jonnas Fürsorge zuweilen erdrückt worden zu sein, dass sie sich weggeschlichen hatte, um sich mit Harrin und seiner Bande herumzutreiben. Und vieles, was sie damals getrieben hatte, war gefährlich gewesen.

„Luzille ist nicht so streng wie du.“

„Luzille ist dafür strenger, was Jungs angeht. Etwas, das du noch eklig findest.“ Ninielle verzog das Gesicht. „An einem der nächsten Wochenenden reiten wir alle gemeinsam aus“, fuhr Sonea fort. „Und wenn ich dann sehe, dass du gut genug reitest, lasse ich dich alleine mit Desslie ausreiten.“

Akkarin räusperte sich leise und sie warf ihm einen finsteren Blick zu. Als ob du als Kind besser gewesen wärst!

„Stimmt Ihr mir etwa nicht zu, Hoher Lord?“, fragte sie.

„Das werden wir nach dem Ausflug sehen.“

- So streng wie du könnte ich niemals sein.

- Sie ist zwölf.

- Bist du in dem Alter schon ohne Erwachsene ausgeritten?

- Viklin war dabei.

- Also nein.

- Im Gegensatz zu Ninielle hatte ich schon mit sechs erste Reitstunden.

- Der Ausflug, erinnerte Sonea. Wenn wir sie zu sehr behüten, wird sie gegen uns rebellieren.

- Das fürchte ich auch.

„Ich bin sicher, Luzille und Farand werden sich über einen gemeinsamen Ausflug freuen“, sagte Sonea. „Besonders jetzt, wo Trassia nur noch so wenig Zeit hat.“ Seit ihre Freundin verheiratet war und in der Stadt lebte, waren ihre wöchentlichen Treffen seltener geworden. Trassia verbrachte die Wochenenden oft mit ihrem Carrien. Sonea bekam sie häufiger im Palast, als in der Gilde zu Gesicht.

„Und was machen wir nun?“, fragte Sonea, nachdem die Kinder ihnen eine gute Nacht gewünscht hatten. Ein Teil von ihr hoffte, dass er noch zu arbeiten hatte. Sie konnte das Buch von ihrem Nachttisch holen und ihm in der Bibliothek Gesellschaft leisten. Den ganzen Tag über hatte sie alle Gedanken daran verbannt, doch nun …

Über den Tisch hinweg bohrten sich Akkarins dunkle Augen in ihre. „Du weißt, was jetzt kommt.“


***


„Die Kerle haben unser weniges Geld geklaut. Sie sagten, wenn mein Mann beim nächsten Mal nicht zahlen kann, bin ich dran.“ Die Frau schluchzte unterdrückt. „Bitte, Ceryni. Ich hab’ Angst.“

Cery betrachtete die Frau mitfühlend, während sich zugleich ein dunkler Zorn in ihm regte. In den vergangenen fünfzehn Jahren war die Kriminalität in den Hüttenvierteln gesunken, alle fürchteten die Diebe, die nun als Stadtwachen auf halb-legalem Weg für Recht und Ordnung sorgten. Und doch gab es immer wieder Banden, die es dennoch versuchten. Der Mann der Frau, die ihm gegenübersaß, hatte Wettschulden bei einem Kampfklub, der vor einigen Monaten im Hafenviertel eröffnet hatte. Wer mutig oder auch töricht genug war, konnte dort gegen andere im Faust- oder Messerkampf antreten, während die Zuschauer auf die Kontrahenten wetteten. Mit Wettschulden und skrupellosen Geldeintreibern gab es immer wieder Ärger, doch bis jetzt hatte der König keine strengeren Gesetze erlassen. Cery war versucht, das auf seine Art zu regeln.

„Ich werde euer Haus von zwei meiner Leute bewachen lassen“, versprach er. „Dann erwischen wir die Kerle vielleicht auf frischer Tat.“

„Danke Ceryni.“ Die Frau war sichtlich erleichtert. „Aber mein Mann darf nix davon erfahren.“

„Warum nicht?“

„Er wollte nicht, dass ich damit zu dir komme. Er wollte das alleine regeln.“

„Es war gut, dass du zu mir gekommen bist“, sagte Cery. Der Mann war ein Mistkopf, wenn er glaubte, das alleine regeln zu können. Ganz besonders, wenn es auch noch um den Schutz seiner Frau geht. Cery verspürte einen vertrauten Schmerz und schob ihn beiseite. „Warte unten. Ich werde dir zwei Männer mitgeben, die dir unauffällig nach Hause folgen werden.“

Die Frau nickte dankbar und unter Tränen. „Was schulde ich dir dafür, Ceryni?“

Cery lächelte sein Dieb-Lächeln. „Nix außer, dass ihr eure Steuern bezahlt und dass dein Mann mit dem Spielen aufhört. Das Geld, das er dabei verprasst, ist den Gewinn nicht wert.“

„Das sag’ ich ihm auch immer.“

Es war absurd, dass ausgerechnet diejenigen, die am wenigsten hatten, am anfälligsten dafür waren, sich durch Glücksspiel zu verschulden. Als wäre die Hoffnung allein es wert. Cery wollte sich nicht ausmalen, wie das erst wäre, wäre die Situation in den Hüttenvierteln noch so schlecht, wie in seiner Kindheit.

Nachdem die Frau sein Büro verlassen hatte, schrieb er das Protokoll ihrer Aussage zusammen mit seinen Vermutungen und Schlussfolgerungen fertig. Dann lehnte er sich die Schläfen reibend zurück. Es war spät, selbst für ihn. Doch der Fall war kurz vor Feierabend gekommen und Cery hatte die Frau nicht Correl überlassen wollen.

Und das war auch gut so gewesen. Correl wäre nicht begeistert, wüsste er, dass Cery seine Männer mehr auf Diebesart denn auf Art der Stadtwache einsetzte. Das war einmal anders gewesen. Doch seit dem Tod seiner Frau war Cery zurück im Geschäft. Neben seiner Arbeit als Captain der Stadtwache war er wieder einer der sechs Anführer von Imardins Unterwelt. Oder sieben, da Faren ebenfalls zurück war. Faren arbeitete jedoch vollständig im Untergrund und die „richtige“ Stadtwache wusste nichts von seiner Existenz. Cery war indes sicher, dass Barran es ahnte. Doch dem Captain Commander fehlten die Beweise, um etwas gegen den ehemaligen Piraten zu unternehmen.

Ein Jahr zuvor war Worril, zur Erleichterung der Diebe, in den Ruhestand gegangen. Captain Barran hatte seine Nachfolge angetreten und war damit von der investigativen Arbeit in die administrative gewechselt. Das hielt ihn jedoch nicht davon ab, in dem einen oder anderen Fall selbst zu ermitteln. Manchmal glaubte Cery, dass Barrans widerwillige Sympathie für die Diebe dazu beigetragen hatte, dass er nicht gegen diese ermittelte. Denn auch wenn sie alle mit ihren Geschäften vorsichtig waren, waren Cery und seine Kollegen berüchtigt.

Cery war das nur recht. Es gab Gefahren, vor denen er die Menschen in seinem Bezirk nicht mit den Mitteln der Stadtwache bewahren konnte. Auch als Dieb konnte er das nicht, doch er hatte effektivere Mittel und Methoden zur Verfügung.

Cery war nur für eine Frau anständig geworden. Und ihretwegen hatte er damit wieder aufgehört.

Einmal Dieb, immer Dieb.

Zweieinhalb Jahre nach Nenias Tod bereute Cery seine Rückkehr nicht. Er war wieder da, wo er hingehörte. Solange er nicht mit seinen moralischen Grundsätzen brach, wähnte er sich sicher genug. Unmoralisches Handeln hatte ihm jedoch von je her ferngelegen. Seine Moral mochte nicht immer mit der des Gesetzes übereinstimmen, aber im Gegensatz zur Moral des Gesetzes wurde sie von den Hüttenleuten geschätzt.

Es klopfte, dann ging die Tür auf und ein zierliches Mädchen von neunzehn Jahren trat ein. Sie trug die Uniform eines Kadetten der Stadtwache.

„Lana“, sagte Cery lächelnd. Obwohl in erster Linie ein gefährliches Messer, hatte sie sich gut in die Stadtwache eingefügt. Meist lernte sie von einem seiner Männer, doch hin und wieder nahm Cery sie zu einem Fall mit. Indem er ihr eine offizielle Aufgabe gegeben hatte, hatte er bessere Möglichkeiten, sie bei sich zu behalten. Als er ihre Miene sah, wurde er jedoch sofort wieder ernst. „Was ist passiert?“

„Es gibt da was, das du dir ansehen solltest, Ceryni.“


***


Akkarin legte das Messer beiseite und heilte Soneas Arm. Wo Sonea diese Machtdemonstration für gewöhnlich genoss, fühlte sie sich nun auf eine unerfreuliche Weise bestraft. Sie wusste, er tat dies, um sie daran zu erinnern, dass sie ihm gehörte und sie kam nicht umhin, sich zu fragen, ob er eifersüchtig war.

Trotz seiner kühlen Beherrschtheit neigte Akkarin zuweilen zu Eifersucht. Irgendwie schien das Teil seiner dunklen Seite. Zu Beginn ihrer Beziehung hatte er mit Eifersucht reagiert, weil er eine Begegnung zwischen ihr und Dorrien falsch interpretiert hatte. Von dem Kuss mit Regin, der dazu gedient hatte, lästige Verehrer abzuwimmeln, einmal ganz zu schweigen. Obwohl beides damals zu heftigem Streit geführt hatte, erschien es Sonea im Nachhinein als Kleinigkeiten. Rasend vor Eifersucht war er nur wegen Marika gewesen. Und da war Sonea sicher, dass dies mit seiner dunklen Seite zu tun gehabt hatte. Akkarin mochte es nicht zugeben, er mochte es ablehnen, so von ihr angesprochen zu werden, doch im Bett war er ihr Meister.

Es ist ganz sicher eifersüchtig, dachte Sonea und wusste nicht, ob sie in diesem ganz speziellen Fall etwas dagegen unternehmen sollte oder nicht. Es war albern, dass er so empfand. Amüsant, schmeichelnd – aber es barg auch ungeahnte Vorteile.

„Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht, wie ich dich am besten bestrafe“, teilte er ihr mit. „Und ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich dir Gelegenheit gebe, über dein Verhalten heute Morgen nachzudenken.“

Das ist keine Strafe, wollte Sonea einwenden, doch sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass es das sein würde. Sie schluckte ihren Protest hinunter und sagte: „Ja, Hoher Lord.“

Akkarin schlang Soneas Haare um sein Handgelenk und führte sie zu dem Sessel am Fenster, wo er sich mit seiner aktuellen Lektüre niederließ. Seine behandschuhte Hand wies auf einen Flecken Teppich neben dem Sessel, wo an diesem Abend kein Kissen lag. Wortlos kniete Sonea sich dorthin.

Akkarin hatte sich noch nicht lange in seinem Sessel niedergelassen, als die Tür aufging und Takan mit einem Tablett kam, auf dem ein Glas Wein und eine Schale mit Varebeeren standen. Sonea mit der Diskretion eines Mannes, der jahrelang unter Ichani gelebt hatte, ignorierend platzierte er die Schale auf einem niedrigen Tisch, während Akkarin das Glas in Soneas Hand drückte.

Für eine gefühlte Ewigkeit tat Sonea nichts anders, als das Weinglas zu halten, während Akkarin in seinem Buch las. Hin und wieder nahm er ihr das Glas ab, um einen Schluck zu trinken und reichte es ihr dann zurück. Er erlaubte ihr weder, davon zu trinken noch fütterte er sie mit Beeren. Sonea war derweil unfähig, an Gayend zu denken und sich vorzustellen, wie das hier mit ihm wäre, und sie erkannte, das war Akkarins Absicht. Stattdessen begann sie ihn zu verfluchen, weil er in aller Seelenruhe las, während ihr Buch auf dem Nachttisch lag.

Er lässt mich spüren, wie es ist, wenn man sich nicht an Vereinbarungen hält.

Ihre Arme wurden taub und sie hatte keine Magie, um sie zu heilen. Angesichts der Tatsache, dass sie das hier öfter tat und mehrmals pro Woche mit dem Schwert trainierte, war das erbärmlich. Allerdings musste sie ihre Arme für gewöhnlich niemals so lange in exakt ein und derselben Position halten.

Endlich leerte Akkarin das Weinglas mit einem leisen Seufzen und stellte es zu der inzwischen schon leeren Schale. „Sonea. Was hat dich die letzte Stunde gelehrt?“

Sie sah zu ihm hoch. Wie gelang es ihm, dass ihr auch nach so langer Zeit noch die Schamesröte ins Gesicht stieg? „Dass ich meine Bedürfnisse zurückzustellen habe.“

Akkarins dunkle Augen bohrten sich in ihre. „Gut.“ Er zog sie hoch und setzte sie rittlings auf seinen Schoß. Seine Hände fuhren verlangend über ihren Körper, kneteten ihre Brüste und bohrten sich in ihr Gesäß. Sein Mund war überall und saugte, kitzelte und küsste. Sonea japste nach Luft, während sie bemüht war, stillzuhalten. Das Leder seines Handschuhs strich die Innenseiten ihrer Schenkel entlang und jagte einen Schauer der Erregung durch ihren Körper, als es ihren Schoß berührte. Ihr entfuhr ein kleiner Laut der Lust, der in ein unterdrücktes „Au!“ überging, als Akkarin sie zwickte.

Akkarin lachte leise. Dann zog er sie zu sich und küsste sie. Seine Hände stützten ihren Oberkörper, dann hob er sie hoch und trug sie zum Bett. Sonea wollte ihm helfen, sich auszuziehen, und ihn küssen, doch er gab ihr einen sanften Schubs in die Kissen und fixierte sie mit seiner Magie.

„Das kannst du tun, wenn ich mit dir fertig bin“, sagte er. Er beugte sich über sie, bog ihre Schenkel auseinander und stieß in sie hinein.

Sonea sog scharf die Luft ein. Sie war noch nicht ganz bereit und sie wusste, dass ihn das nicht kümmerte. Sie presste die Lippen zusammen, um Lust und Schmerz nicht herauszuschreien. Sie spürte, wie er in ihr anschwoll, und sie wusste, dass er sich mit Magie heilte, um das hier hinauszuzögern und für sie so unangenehm wie möglich zu machen, und sie …

„Nein.“

Akkarin hielt inne, seinen Blick auf das Kopfende hinter Sonea gerichtet.

„Was?“, fragte Sonea. Seiner Körperspannung nach zu urteilen, konnte er soeben nicht zum Abschluss gekommen sein, doch seine tonlose Stimme verriet Unglauben.

Mit einer geschmeidigen Bewegung zog Akkarin sich aus ihr zurück. Erneut sog Sonea die Luft ein, realisierend, wie wundgescheuert sie war.

„Wir müssen das hier später fortsetzen“, sagte er. „Wir wurden soeben in die Stadt gerufen.“


***


Als ich vor ein paar Jahren diese Geschichte geschrieben habe, war ich ganz begeistert von einer anderen Fantasy-Buchreihe. Ich war so begeistert, dass ich beschloss, eine kleine wie auch immer geartete Hommage an diese in „Das Erbe 2“ einzubauen. Daraus wurden Brenninis „Die Abenteuer des Gayend von Gallene“. Damals war jene Reihe noch nicht abgeschlossen und daher konnte ich nicht wissen, wie sie ausgeht. Der letzte Band war leider so schlecht, dass er die gesamte Reihe für mich ruiniert hat, das Ende von The High Lord sozusagen über ein ganzes, superdickes Buch ausgedehnt. Nach einigem Hin und Her habe ich mich entschieden, die Hommage in „Das Erbe 2“ zu belassen, aber darauf hinzuweisen, dass ich die Originalreihe nicht weiterempfehlen kann. Das nur als Hinweis und Hintergrundinformation.
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