Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Das Erbe der schwarzen Magier II - Der Feind in ihrer Mitte

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Rothen Regin Sonea
01.12.2021
26.04.2022
13
132.150
28
Alle Kapitel
22 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
26.04.2022 10.971
 
Kapitel 11 – Eine ungewöhnliche Bitte



Sonea stöhnte und fuhr sich über die Stirn. Wie hatten sie das gemacht? Sie saßen bei den Tests am jeweils anderen Ende des Raumes, es gab keinen Weg, wie sie Gedankenrede hätten nutzen können, und doch waren die Antworten der Zwillinge identisch. Ihr Arm langte nach der Tasse auf dem Beistelltisch und griff ins Leere. „Was?“, murmelte sie blinzelnd.

„Takan hat deine Tasse weggeräumt“, sagte Akkarin von hinter seinem Schreibtisch. „Das war vor einer Stunde.“

„Wirklich?“ Sonea schüttelte den Kopf. Sie erinnerte sich wieder, wie sie Takan gesagt hatte, dass sie keinen Raka mehr wollte. „Oh.“

Akkarin lachte leise. „Mach eine Pause“, sagte er.

„Vielleicht sollte ich das wirklich. Die Zwillinge rauben mir gerade den letzten Nerv.“

„Du hast den ganzen Tag Tests korrigiert. Es ist Wochenende. Mach nach dem Abendessen weiter.“

„Aber die Prüfungen …“ Sie war erleichtert gewesen, als Luzille ihr nach dem Frühstück eine Nachricht hatte zukommen lassen, dass ihr Sumikränzchen an diesem Tag ausfallen würde. Sonea hätte die Zeit mit ihrer Freundin verbracht und dafür eine lange Nacht eingelegt. Doch es schien ganz so, als habe Luzille etwas anderes vor.

Akkarin hob eine Augenbraue. „Wie viel Vorbereitung würdest du heute noch machen, angesichts der nervtötenden Zwillinge?“

„Nun …“

Mit einer Spur von Missbilligung schüttelte er den Kopf. „Jetzt leg die Arbeit beiseite und tue, was du schon den ganzen Tag tun wolltest.“

„Wie soll ich mich dir hingeben, wenn du die ganze Zeit Liebesbriefe beantwortest?“, fragte sie frech.

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Ich meinte deinen anderen Liebhaber“, sagte er und nickte zu dem Buch, das auf dem kleinen Tisch lag. „Oder hast du mittlerweile herausgefunden, was es mit dem zerbrochenen Auge auf sich hat?“

„Habe ich nicht. Und selbst, wenn ich das hätte, würde ich trotzdem wissen wollen, wie es ihm weiterhin ergeht. Brennini quält ihn gerade ziemlich übel. Als wäre er ein elynischer Dakova.“

„Das ist ein ziemlich harter Vergleich, findest du nicht, Sonea?“

„Würdest du Gayends Abenteuer lesen, würdest du das anders sehen.“

„Das bezweifle ich.“

„Wäre dir ein elynischer Marika lieber?“

„Darauf habe ich nur eine unangemessene Antwort“, sagte Akkarin trocken.

Sonea schnaubte und schlug das Buch dort auf, wo sie am Vorabend aufgehört hatte. Ihr Blick fiel auf den ersten Satz des neuen Kapitels und ihr Herz machte einen Sprung.

Gayend!

Erfreut begann sie zu lesen.

Das Piratenschiff, auf dem Gayend gefangen war, wurde in diesem Kapitel von einem anderen Piratenschiff angegriffen. Es kam zu einer atemberaubenden Seeschlacht. Gayend konnte, seiner Magie beraubt und mit mehreren anderen Sklaven an ein Ruder gekettet, jedoch nicht viel unternehmen, um sein Leben und das der Sklaven zu verteidigen. Ein Teil der Schiffswand war durch ein Katapult zerfetzt worden und hatte die drei vordersten Reihen von Rudersklaven getötet. Gayend dabei zu erleben, wie er die anderen Sklaven dazu brachte, die Ruder gegen das feindliche Schiff zu stoßen, um dort Schaden anzurichten und feindliche Piraten zu töten, imponierte Sonea. Gebrochen, ohne seine Magie und in Ketten war er noch immer ein Anführer. Zugleich dachte sie jedoch sehnsüchtig daran, wie er Schiffe versenkt hatte, als er noch im Besitz seiner Magie gewesen war.

„Oh Gayend!“, wisperte sie und umklammerte das Buch fester.

Hätte sie nicht gewusst, dass seine Abenteuer noch zwei weitere Bände dauerten, hätte sie um sein Leben gefürchtet. Dafür fürchtete sie jedoch umso mehr, was mit ihm geschehen würde, wenn die anderen Piraten das Schiff enterten. Würde er ein noch schlimmeres Schicksal erleiden? Sonea wollte die Hoffnung nicht aufgeben, dass es ihm irgendwie gelang, sich aus seiner ausweglosen Situation herauszureden. Aber was würde dann passieren? Sein bösartiger Vater tat nur so, als ließe er die Orita-See nach ihm durchkämmen. In Wirklichkeit wollte er jedoch den Bastard von Gayends älterem Bruder an die Macht bringen und Sonea überkam mehr und mehr der Eindruck, dass Dem Andrassani in Wirklichkeit froh war, den letzten seiner Söhne los zu sein. Und dann war da noch der magische Dolch, der Gayend seine Magie genommen hatte, der sich jedoch im Besitz des wahnsinnigen Piratenkapitäns befand. Irgendwie bezweifelte Sonea, dass Gayend seine Magie zurückerhalten würde, wenn jemand ihn mit dem Dolch verletzte. Es wäre logisch, aber es erschien ihr zu einfach. Vielleicht …

„Sonea, möchtest du unseren Gast nicht begrüßen?“

Sonea fuhr hoch. Es brauchte mehrere Augenblicke, bis sie begriff, dass Akkarin nicht Gayend war und der Besucher nicht sein bester Freund – ein Charakter, dem Brennini Soneas Meinung nach viel zu wenig Beachtung schenkte, weil er eine kriegerische Mischung aus Lorlen und Takan war – sondern ein echter rothaariger Elyner. Seine Gewänder waren mindestens ebenso edel, farbenfroh und modisch wie die Gayends. Anders als Gayends rotes Haar war seines jedoch von einigen weißen Fäden durchzogen.

Mit heißen Wangen klappte sie das Buch zu. „Tayend von Tremmelin!“

Sie stieß sich aus ihrem Sessel und begrüßte den Gelehrten. „Willkommen“, sagte sie und ergriff seine Hände. „Bitte verzeiht, dass ich Euch zuerst nicht begrüßt habe. Ich war so in meine Lektüre vertieft, dass ich Euch nicht habe kommen hören.“

Tayends Blick wanderte zu dem Buch, das auf dem Tisch zwischen den Sesseln lag. „Ah, Brennini!“, sagte er. „Es ist nicht Eure Schuld, Mylady. Gayend ist wie eine Naturgewalt.“

Das Leuchten in seinen Augen bemerkend, machte Soneas Herz einen Sprung. „Ihr lest seine Abenteuer auch?“

„Oh ja.“ Die blassen Wangen des Elyners röteten sich. „Brennini ist der erste Autor moderner Abenteuerromane, die hochgradig komplex sind und viele philosophische Ansätze beinhalten. Gayend“, er sprach den Namen mit einer Hingabe, die Sonea von sich selbst kannte, wenn sie über Akkarin sprach, „setzt dem Ganzen jedoch die Krone auf. Ohne ihn wären Brenninis Werke nicht einmal halb so spannend!“

„Ich habe trotzdem Sorge, dass er Gayend im letzten Buch umbringt“, vertraute Sonea dem Gelehrten an.

„Oh, das kann ich für Euch herausfinden, wenn Ihr wollt“, sagte Tayend erfreut. „Ich sehe Brennini hin und wieder auf den Festen am Hofe zu Capia, zu denen Dannyl und ich geladen sind. Ich könnte … nun vielleicht ihm ausrichten, wie sehr Euch Gayends Tod betrüben würde. Nicht, dass mich das nicht auch brennend interessieren würde!“

Sonea strahlte. „Das wäre großartig! Habt Ihr schon alle Bände gelesen, die Brennini veröffentlicht hat?“

Tayend klopfte auf die Tasche, die er sich an einem Riemen quer über die Schulter geschlungen hatte. „Den aktuellsten lese ich gerade.“

Ein leises Räuspern erklang. „So sehr ich euren Austausch begrüße, so gehe ich doch davon aus, dass Tayend von Tremmelin nicht zum Plaudern über Bücher gekommen ist“, sagte Akkarin.

„Natürlich nicht“, sagte Sonea. „Doch wenn man einander solange nicht gesehen hat, hat man auch einiges aufzuholen.“

„Habt Ihr etwas von Dannyl gehört?“, fragte Tayend.

„Er hat die Prinzessin zum Fort eskortiert, wo sie gerade den König kennenlernt. Sie werden wohl ein paar Wochen dort bleiben, um einander in Ruhe zu beschnuppern. Sollte das Treffen erfolgreich verlaufen, kommen sie nach Imardin.“

„Ihr wisst nicht zufällig, wann das sein wird?“

„In spätestens einem Monat.“ Tayends besorgtes Gesicht bemerkend, fügte Sonea hinzu: „Es geht Dannyl gut. Die Reise verlief ohne Schwierigkeiten, sieht man einmal von streitenden Verrätern und Palastwachen ab.“ Sie verschwieg den nächtlichen Überfall. Tayend würde sich ängstigen und keine ruhige Minute haben, bis Dannyl Imardin erreichte.

„Nun, das ist erfreulich.“ Der Gelehrte rang sich ein Lächeln ab, als wäre er noch immer nicht ganz beruhigt. „Auch wenn streitende Verräter und Palastwachen ein bisschen gefährlich klingt.“

„Da kann ich Euch beruhigen, Tayend“, sagte Akkarin. „Dannyl und Botschafter Salyk haben beide fest im Griff.“

Tayends Gesicht versteinerte. „Er ist mit Botschafter Salyk gereist? Davon hat er in seinem Brief nichts geschrieben.“

- Das hättest du ihm nicht sagen dürfen.

- Ich wollte ihn beruhigen.

- Und hast ihn damit in blanke Panik versetzt. Wirklich, Akkarin.

- Der Fall in Lonmar ist zwei Jahre her, Sonea.

Sonea erwiderte nichts darauf. Hin und wieder war Akkarin überraschend unsensibel.

„Er hat ihn angefordert, als er herkam, um die Mission zu planen“, sagte sie. „Ich bin sicher, er vermisst Euch mit jedem Schlag seines Herzens.“

„Das tut er gewiss.“ Tayend rang sich ein Lächeln ab. „Aber tatsächlich bin ich nicht deswegen hier.“

„Weswegen dann?“, fragte Sonea.

„Wissenschaftliche Gründe.“

„Oh“, machte Sonea. „Worum geht es?“

„Tatsächlich haben diese auch mit Büchern zu tun. Jedoch nicht mit Brennini.“

„Ihr könnt gerne zum Essen bleiben, Takan kocht ohnehin immer viel zu viel“, sprach Akkarin.

Der elynische Gelehrte strahlte. „Mit Freuden, Hoher Lord! Ich bin gespannt, Lorlen und Ninielle wiederzusehen. Mein letzter Besuch ist schon fast wieder ein Jahr her.“

- War das besser?

- Du bist wundervoll. Ich liebe dich.

- Und du bist so frech, dass du heute Abend nicht im Bett lesen wirst.

- Ich freue mich schon.

- Freu dich nicht zu früh.

„Lorlen ist seitdem ein ganzes Stück gewachsen“, sagte Sonea zu Tayend.

„Ist er immer noch so rebellisch?“

Er kommt nach seinen Eltern. „Momentan ist er etwas ruhiger“, sagte sie. „Die Prüfungen stehen an.“

„Tayend“, sagte Akkarin und wies auf einen Sessel. „Setzt Euch. Soll Takan Euch Sumi und Gebäck bringen oder möchtet Ihr lieber Wein?“

„Oh ein Glas Wein wäre phantastisch! Auch wenn ich dieses Mal nicht direkt vom Hafen komme, sondern schon gestern bei meinem Vetter abgestiegen bin und ich mich schon ein wenig von den Strapazen der Reise erholen konnte.“

„Nun, es ist ohnehin fast Abend.“ Akkarin kam hinter seinem Schreibtisch hervor und trat zu einer Anrichte. „Und Wochenende überdies. Da sollte man sich nicht überarbeiten.“

- Sagt der, der den ganzen Tag Liebesbriefe beantwortet hat.

- Wer hat hier denn vorhin fast eine Stunde lang vor sich hingeschmachtet?

Das kaum merkliche Zucken von Akkarins Mundwinkeln war alles, was auf seine Erheiterung hinwies, als er drei Gläser zur Sitzgruppe schweben ließ. Sonea schüttelte den Kopf. Manchmal wurde sie aus ihm nicht schlau. Dass sie für einen Romanhelden schwärmte, schien ihn sowohl zu erheitern als auch seine dunkle Seite zu reizen.

„Möglicherweise bringe ich Arbeit mit.“ Tayend klopfte auf die Tasche, die er auf seinen Schoß genommen hatte. „Das heißt, in Elyne weiß ich von niemandem, der mir damit helfen könnte. Aber vielleicht kennt Ihr Euch aus?“

„Das kommt darauf an, worum es geht“, sagte Akkarin und setzte sich in den Sessel neben Sonea.

„Während ich Irands Nachfolger in die Bibliothek eingearbeitet und mit ihm ein Katalogisierungssystem ausgearbeitet habe, sind wir auf eine Kammer mit alten Schriften gestoßen, die anscheinend seit Jahrhunderten nicht mehr betreten worden war, weil ein Regal davor stand.“

Und damit wurde selbst Gayend für den Augenblick unwichtig. „Eine Geheimkammer?“, fragte Sonea begierig.

„So würde ich es nicht nennen. In sehr großen Gebäuden, die aus vielen Räumen bestehen, von denen es jedoch keinen Plan gibt oder keinen, der nach der Bauphase vorgenommene Änderungen berücksichtigt, kommt so etwas hin und wieder vor. Und tatsächlich waren die meisten Werke, die wir fanden, nichts als alt-elynische Originale von Sagen und Gedichten und eine Gedichtesammlung aus Vin aus der Zeit der Tausend Königreiche.“

„Das klingt wundervoll!“

„Oh, es war ein absolutes Fest für uns! Hamand, das ist der neue Bibliothekar, und ich haben die Werke kopiert und die Originale unter Glas konserviert. Allerdings gab es einige, die wir nicht lesen konnten. Und von diesen habe ich die Kopien mitgebracht.“ Er öffnete seine Tasche und zog mehrere Mappen heraus. „Das ist eine ungebundene Kopie der Werke. Die Sprache scheint ein alt-sachakanischer Dialekt zu sein, doch da mein modernes Sachakanisch noch immer zu wünschen übrig lässt, konnte ich bis jetzt noch nicht viel davon entziffern.“

„Und jetzt glaubt Ihr, diese Schriften enthalten Hinweise zu schwarzer Magie, die bis jetzt noch niemand entdeckt hat?“, fragte Akkarin.

„Da die Kammer solange unentdeckt war, ist es möglich, dass diese Schriften per Zufall der damaligen Vernichtung entkommen sind“, sagte Tayend. „Vielleicht auch hat jemand sie absichtlich dort aufbewahrt, doch das halte ich für Spekulation. Dass andere, verlorengeglaubte Schätze dort mit eingeschlossen wurden, spricht dagegen.“

„Nicht, wenn auf diese Weise der Eindruck entstehen sollte, dass der Inhalt harmlos ist“, sagte Sonea. Als sie erstmals von der Vernichtung allen Wissens über schwarze Magie durch die Gilde erfahren hatte, hatte sie geglaubt, Lord Lorens Truhe würde die einzigen Werke enthalten, die über die Zeit gerettet worden waren. Später hatte sie begriffen, dass auch anderenorts schwarzmagisches Wissen die Jahrhunderte überdauert hatte. Und eigentlich war das auch logisch. Menschen neigten dazu etwas, das vernichtet werden sollte, irgendwo heimlich aufzubewahren. Ganz besonders, wenn es eine Chance bot.

„Alt-Sachakanisch ist dem alten Kyralisch gar nicht so unähnlich“, sagte Akkarin. „Als Kyralia noch eine Provinz des Großen Sachakanischen Imperiums war, gab es eine starke Durchmischung beider Sprachen.“

„Ich hatte gehofft, mein Alt-Kyralisch würde mir weiterhelfen, doch dieser Dialekt enthält keine solchen Sprachelemente“, sagte Tayend.

„Zeigt her“, sagte Akkarin.

Der Gelehrte reichte Akkarin eine Mappe. Sonea beugte sich über ihren Sessel und versuchte, den Text zu entziffern. Gemeinsam studierten sie die erste Seite. Sonea glaubte, einige Wörter zu verstehen, doch es war zu wenig, um einen Sinn zu ergeben.

„Hm“, machte Akkarin schließlich. „Ich würde sagen, es ist Alt-Sachakanisch. Allerdings scheint es wirklich ein außergewöhnlicher Dialekt zu sein. Entweder dieses Werk stammt aus einer Zeit, bevor Kyralia eine Provinz Sachakas war, oder aus einer Region, die nicht viel mit Kyralia zu tun hatte.“

„Aber hätte es dann nicht eher Hinweise auf Alt-Elynisch?“, fragte Tayend.

„Wenn beide Völker damals miteinander in Kontakt standen, wäre das möglich.“

„Könnt Ihr erkennen, wovon der Text handelt?“

Akkarin runzelte die Stirn. „Es geht um eine Frau – oder ein Mädchen.“ Er deutete auf mehrere Wörter. „Möglicherweise eine Erzählung, vielleicht aber auch Teil einer Chronik.“

Soneas Aufmerksamkeit war derweil auf ein Wort gerichtet, direkt neben der Stelle, auf der Akkarins Finger ruhte. „Caaby“, murmelte sie. „Das kommt mir irgendwoher bekannt vor.“

Der Gelehrte zuckte zusammen. „Ja! Natürlich!“, rief er.

„Was glaubt Ihr, was es bedeutet?“, fragte Sonea.

„Das ist eine Frucht aus Duna. Vorausgesetzt, Ihr habt es richtig ausgesprochen.“

Sonea hatte das Wort so ausgesprochen, wie sie es gelesen hatte. Doch mit einem Mal dämmerte ihr die Erkenntnis. „Khabi!“, rief sie. „Dieser Text könnte aus dem Grenzgebiet zwischen Duna und Sachaka stammen.“

„Die Aschenwüste“, sagte Akkarin. „Während des Großen Sachakanischen Imperiums gehörte sie noch zu Sachaka. Erst nach dem Fall breiteten sich die Duna dorthin aus.“

Tayend japste aufgeregt nach Luft. „Das heißt, diese Texte sind mehr als eintausend Jahre alt?“

„Es ist nur eine Vermutung. Wir müssten sie genauer prüfen und nur Sonea spricht ein paar Worte Duna, worüber wir vielleicht mehr erfahren.“

„Ihr könnt die Kopien behalten“, sagte Tayend.

„Das wäre wunderbar“, sagte Sonea.

Der Gelehrte hob die Schultern. „Ich hatte bereits doppelte Abschriften erstellt, bevor ich herkam, sollte Hamand in der Zwischenzeit daran abreiten wollen.“

„Wenn es wirklich Duna ist, könnten wir die Schüler um Hilfe bitten, die Kriegsherr Arikhai zu Beginn des nächsten Halbjahres schicken wird“, sagte Sonea. „Vielleicht können sie uns helfen, die Wörter zu entschlüsseln, die uns unbekannt sind.“

Akkarin warf ihr einen anerkennenden Seitenblick zu. „Und damit nebenbei die Völkerverständigung vorantreiben“, sagte er und Soneas Herz machte einen Sprung.

„Ist das nicht gefährlich?“, fragte Tayend. „Also unter der Annahme, dass die Texte Wissen über schwarze Magie enthalten.“

„Sollte dem so sein, so richten wir damit keinen Schaden an, der nicht bereits schon angerichtet ist“, sagte Sonea. Die Duna betrachteten Magie als etwas Heiliges, während die Sachakaner darüber ihre Macht und ihre Freiheit definierten. „Und tatsächlich hege ich in dieser Hinsicht größeres Vertrauen in die Duna als in die Sachakaner.“

„Ich wäre gerne dabei und biete auch bis zu Beginn des Sommersemesters meine Hilfe mit den Übersetzungen an“, sagte Tayend. „So wie ich das sehe, wird es noch eine Weile dauern, bis Dannyl nach Elyne zurückkehrt und irgendwie muss ich mir die Zeit vertreiben, während er den Kuppler spielt.“

„Eure Hilfe ist jederzeit willkommen, Tayend“, sagte Akkarin. „Insbesondere da Sonea bis zu den Ferien stark eingespannt ist.“

- Soll das heißen, ihr wollt das ohne mich machen?

- Du bist die Leiterin der schwarzmagischen Studien. Selbstverständlich bist du bei diesem Projekt dabei. Aber da Tayends Zeit begrenzt ist, sollten wir die Übersetzungen schnell vorantreiben.

- Das will ich auch nicht anders gehört haben.

- Hältst du mich für einen solchen Tyrann, Sonea?

- Nur gelegentlich übertrieben beschützend.

Akkarin quittierte dies mit einem mentalen Schnauben. „Takan meldet soeben, das Abendessen sei in wenigen Minuten fertig. Ich schlage daher vor, wir sprechen später weiter.“


***


Mit Krinn und Morren im Gefolge schritt Cery den Korridor mit den Arrestzellen entlang. Einst war hier ein Lagerraum für Bolfässer gewesen. Als die Diebe zur Stadtwache im Äußeren Ring geworden waren, hatte man Mauerwerk und Gitterstäbe eingezogen und zehn kleine, aber sichere Zellen daraus gemacht. Für gewöhnlich waren diese immer gut gefüllt, in schlimmen Zeiten musste Cery manchmal zwei Verbrecher pro Zelle einsperren. In Vorbereitung auf den Einsatz in Zills Bezirk hatte er jedoch zu Barrans Missfallen sämtliche Insassen ins Stadtgefängnis überführt.

„Entweder wir bauen ein zweites Gefängnis oder wir müssen Insassen vor dem Termin freilassen oder solche hinrichten, deren Schuld nicht vollständig bewiesen ist“, hatte der Captain Commander sich beklagt.

„Mit einem Wahrheitsleser wüssten wir schnell, wer wirklich schuldig ist“, hatte Cery erwidert.

„Das ist gegen das Gesetz. Der König hat bisher nur ein einziges Mal eine solche Ausnahme gemacht und diese liegt mehr als zwanzig Jahre zurück. Damals war ich noch in der Ausbildung.“

„Gesetz oder nicht. Es würde die Gefangenen vor einem ungerechten Urteil schützen und alle bestrafen, die es schaffen, uns zu täuschen. In der Gilde darf jeder seine Unschuld mit einer Wahrheitslesung beweisen.“

„Aber nicht jeder will einen Magier in seinen Gedanken haben.“

Das Gespräch war ohne Ergebnis verlaufen. Barran war schon immer ein wenig strikt gewesen. Seit er Worrils Nachfolge übernommen hatte, schien er jedoch jeden Sinn für Humor verloren zu haben. In Barrans Augen dachte Cery zu sehr wie das, was er war: ein Dieb.

Vor einer Zelle am Ende des Korridors blieb Cery stehen. Hinter den Gitterstäben saß ein Lonmar. Obwohl in Ketten hatte er nichts von seiner Würde eingebüßt. Er saß aufrecht gegen die Wand gelehnt, die Beine gekreuzt. Als er Cery erblickte, schärfte sich sein Blick im Schein der Laterne.

„Der Captain, der eigentlich ein Dieb ist“, sagte er mit dem schweren Akzent, den Cery mittlerweile dem lonmarschen Hinterland zuordnete. Lonmars aus der Küstenregion hatten eine weichere, melodischere Aussprache. „Wer von uns beiden ist der größere Squimp?“

„Im Gegensatz zu dir ziehe ich Leuten nicht das Geld aus der Tasche“, sagte Cery. „Ich helfe ihnen.“

Rashyk lächelte breit. Darin lag soviel Siegessicherheit, dass Cery innerlich die Augen verdrehte.

„Wir können dieses Thema gleich vertiefen, Mistkopf“, erwiderte Cery liebenswürdig. Er wandte sich zu seinen Begleitern. „Krinn, Morren. Macht ihn los und bringt ihn in den Verhörraum.“

„Mit Vergnügen, Chef“, sagte Morren, während Krinn wortlos die Zelle aufschloss.

Unter Cerys wachsamen Blicken befreiten die beiden den Lonmar von den Ketten, die ihn an der Wand gefangen hielten. Die Ketten, die die Schellen an seinen Handgelenken miteinander verbanden, blieben jedoch, wo sie waren. Als Rashyk sich erhob, klirrten sie leise. Der Lonmar warf einen abschätzenden Blick zu den beiden Wachen und dann zu Cery und nickte dann wie zu sich selbst.

„Eine falsche Bewegung und wir sperren dich wieder ein“, warnte Cery. „Das Gebäude ist voll mit Stadtwachen, du kommst nicht hier raus, egal wie gut du kämpfst.“

„Das habe ich nicht nötig“, erwiderte Rashyk.

„Hervorragend“, sagte Cery. „Je mehr du kooperierst, desto weniger Schmerzen müssen wir dir bereiten.“

„Ich habe keine Angst vor Schmerzen, kleines Ceryni.“

Seine Verärgerung unterdrückend tat Cery einen Schritt auf den Gefangenen zu und lächelte sein Dieb-Lächeln. „Das haben schon viele vor dir gesagt. Viele, die sich für unbesiegbar hielten. Sie alle haben am Ende um Gnade gewinselt. Und auch du lagst am Ende wimmernd zu meinen Füßen. Wie geht’s deinen Eiern?“

„Wenn du mir hier Schmerzen zufügst, verstößt du gegen das Gesetz.“

„Das müsste dir ja bekannt vorkommen.“ Cery nickte zu Morren. „Bringt ihn hoch.“

Ihr Weg zum Verhörzimmer im Erdgeschoss wurde von dem Klirren von Rashyks Ketten begleitet. Rashyk hielt sich würdevoll, doch es war nur eine Frage der Zeit, bis er brach. Sie alle brachen irgendwann. Cerys Männer hatten Erfahrung mit dem Erzwingen von Geständnissen. Und wenn sie nicht weiterkamen, half Faren mit Freuden nach.

Sie erreichten das Erdgeschoss über die Hintertreppe, wo sie vor neugierigen Blicken aus der kleinen Eingangshalle geschützt waren, und betraten den ersten Raum auf dem Flur.

Der Verhörraum hatte vergitterte Fenster, einen Tisch und zwei Stühle. Der eine war fest mit dem Boden verbunden und hatte Armlehnen. Morren setzte Rashyk auf diesen und fesselte seine Hände mit an den Armlehnen befestigten Schellen. Mit zwei in den Boden eingelassenen Metallringen fixierte er dann Rashyks Füße. Krinn nahm eine Kette von einem Wandhaken, schlang diese um Rashyks Knöchel und die Sitzbeine und zog sie dann durch einen Ring unter dem Tisch. Der Lonmar ließ das mit einer Würde, die Arroganz gleichkam, über sich ergehen.

„Rashyk“, sagte Cery, nachdem er sich auf den anderen Stuhl gesetzt hatte. „Zill und ich hatten ’nen ziemlichen Streit darüber, wer dich haben darf. Und ich hab’ gewonnen. Weißt du, warum?“

Der Lonmar musterte ihn mit ausdrucksloser Miene. „Weil du sie bestochen hast?“

„Weil ich das schwerere Anliegen habe.“ Cery faltete die Hände und beugte sich über den Tisch. „Weil du jemanden umgebracht hast, den ich kannte. Und“, er fixierte Rashyks Blick, „deine Geldeintreiber haben ziemlich viel Ärger in meinem Revier gemacht. Und wer in meinem Revier Ärger macht, den jage ich. Gnadenlos.“

Wieder dieses Lächeln. Allmählich fing Cery Feuer. „Meine Männer haben niemanden getötet, Ceryni“, sagte Rashyk. „Sie verpassen denen, die nicht zahlen, einen Denkzettel, damit sie es nicht vergessen. Aber sie töten nicht.“

„Also willst du mir weismachen, dass diese Leute von anderen Kerlen ermordet wurden?“ Cery schob einen Aktenstapel in die Mitte des Tisches und schlug die Akten eine nach der anderen auf und legte sie Rashyk vor. „All diese Männer waren in den letzten Wochen vor ihrem Tod mindestens einmal in deiner Kampfschule.“ Er verschwieg, dass er nicht für sämtliche Opfer einen Beweis für diese Verbindung hatte. Manche Menschen hielten vor ihren Angehörigen geheim, wenn sie in Reibereien steckten. „Und sie haben dabei Wettschulden gemacht.“

„Wieso sollte ich diese Menschen töten, Ceryni? Ich betreibe eine Kampfschule. Ich unterrichte. Ich bringe Menschen bei, sich gegen Leute, die so etwas tun, zu verteidigen.“

„Und du betreibst illegale Wetten.“

„Ich biete den Zuschauern die Chance, sich ihr verlorenes Geld zurückzuholen, indem sie sich welches von mir leihen. Es ist nicht meine Verantwortung, wenn sie es verspielen.“

„Aber es ist deine Verantwortung und die deiner Geldeintreiber, sie dafür nicht totzuprügeln.“

„Ich sagte dir doch bereits, Ceryni, meine Männer töten nicht.“

„Warum beutest du die Hüttenleute so aus, Rashyk? Probleme, die Kampfschule abzubezahlen? So teuer kann das Drecksloch nicht gewesen sein.“

Die Kampfschule war im Winter ins Register von Zills Bezirk eingeschrieben worden. Mit den Umsätzen, die durch die Wetten und den Unterricht entstanden, sollte einer raschen Abbezahlung nichts im Wege stehen. Entweder Rashyk steckte das ganze Geld in seine eigene Tasche oder er wurde selbst erpresst und griff deswegen zu solch skrupellosen Maßnahmen. Er brauchte jedoch nur in das arrogante Gesicht des Lonmars zu sehen, um zu wissen, dass Letzteres ausschied.

Rashyk lächelte. „Die Leute sind selbst schuld, wenn sie sich verzocken. Ich hole mir nur zurück, was mir zusteht.“

Cerys Hand schloss sich um seinen Kebin. Dieser Mann zerrt an meiner Geduld! Er ist unter Arrest, seine Männer sind festgenommen, seine Kampfschule geschlossen. Was soll das also?

„Wenn du nicht gestehst, dann werde ich nachhelfen“, sagte er. „Und dazu muss ich dir keine Schmerzen bereiten. Das Problem mit den Dingen, die weh tun, ist, dass die ’richtige’ Stadtwache sie sehen kann. Was ich mit dir vorhabe, kann sie nicht sehen.“

Rashyk schenkte ihm ein kleines, aber überlegenes Lächeln. „Dann werde ich ihnen davon erzählen.“

„Du müsstest dich einer Wahrheitslesung unterziehen, damit sie dir glauben.“ Cery erwiderte das Lächeln süßlich. „Und das wirst du nicht, weil sie dann nicht nur rausfinden, dass du weißt, was deine Männer treiben, sondern auch über die Morde.“

Es klopfte und als Cery „Ja?“ rief, ging die Tür auf und Correl steckte seinen Kopf durch den Spalt.

„Captain Ceryni, habt Ihr kurz einen Augenblick?“

Cery warf einen Blick zu seinem Gefangenen. „Immer“, sagte er. „Er will sowieso nicht reden.“

Sein Stellvertreter musterte Rashyk vielsagend und zog sich auf den Korridor zurück. „Morren, Krinn“, sagte Cery. „Ihr zwei bewacht den Gefangenen.“

Ohne auf die Antwort seiner Männer zu warten, folgte er Correl ein Stück den Flur hinab.

„Hat er gestanden?“

„Nein“, antwortete Cery. „Er streitet alles ab.“

Correl senkte die Stimme. „Seine Männer sagen, er hätte nichts von ihren Methoden gewusst. Sie wissen nicht, wer den Mann aus seinem Kampfklub ermordet hat. Aber sie sind sicher, dass Rashyk kein Mörder ist.“

„Natürlich sagen sie das“, sagte Cery. „Aber ich weiß, dass er es war.“

„Ihr wisst gar nichts, Ceryni“, stellte Correl richtig. „Ihr habt eine Vermutung. Doch Euch fehlen die Beweise. Ihr könnt ihn nicht länger festhalten.“

„Damit er sein Geschäft weiter betreibt und noch mehr Leute sterben?“

„Jeder andere könnte die Morde begangen haben. So beliebt, wie die Kampfschule ist, könnten die Verbindungen reiner Zufall sein. Vielleicht auch will jemand Rashyk und seinen Leuten etwas anhängen. Aus Rache für brutales Geldeintreiben. Habt Ihr schon einmal daran gedacht?“

Das war tatsächlich gar nicht so unrealistisch. Dennoch spürte Cery, dass an der Sache etwas faul war.

„Was ist mit seinen Leuten?“

„Fünf müssen ebenfalls freigelassen werden. Die anderen Captains sind bereits informiert. Von den Gefangenen in Eurem Bezirk ist nur Rashyk freizulassen. Die übrigen werden wegen Erpressung und schwerer Körperverletzung verurteilt.“

„Und seine Bücher? Ich hatte noch keine Zeit sie durchzusehen.“

„Bedaure.“

Cery fluchte so heftig, dass Correl zurückzuckte. „Hat Barran das angeordnet?“

„Barran hat das nicht angeordnet. Das Gesetz schreibt vor, dass Gefangene freigelassen werden müssen, wenn der Verdacht nicht bestätigt werden kann.“

Cery verschränkte die Arme vor der Brust. „Correl, ich verstehe Euer Problem, aber das ist ein schlechter Scherz. Ihr könnt mir nicht erzählen, dass Euch die Sache auch faul vorkommt.“

„Das tut sie. Aber das ändert nichts an den Gesetzen. Wenn Ihr auch nur den kleinsten Beweis gegen Rashyk und seine verbleibenden fünf Männer hättet, würde ich Euch unterstützen. Aber das kann ich nicht.“

„Ist das Eure Version von Gerechtigkeit?“

„Was ist Eure, Ceryni? Alleingänge und Selbstjustiz? Ihr seid kein Dieb mehr.“

Hast du eine Ahnung! Cery seufzte betont. „Ich will keinen Ärger mit Barran oder dem Gesetz, Correl. Wenn Rashyk nicht gesteht und wir ihm nix nachweisen können, lasst ihn frei. Aber wenn wieder Hüttenleute zusammengeschlagen werden oder der nächste Tote auftaucht, der bei den Wettkämpfen war, wundert Euch nicht.“

Correl schürzte die Lippen. „In diesem Fall werden wir ihn und seine Männer jagen.“

„Dann lasst ihn frei. Dann ist wenigstens wieder Platz in meinen Arrestzellen.“

Doch was für Correl galt, galt noch lange nicht für Cery. Er war nicht gewillt, es auf den nächsten Mord ankommen zu lassen.


***


„Kommst du uns jetzt öfter besuchen?“ Ninielle sezierte ihre Piorrestarte in Bestandteile von Teig, Füllung und Creme, damit sie diese nach Belieben kombinieren konnte. Was nach wählerisch aussah, war in Wirklichkeit ein Zeichen, dass sie Takans liebevoll zubereitetes Essen ausnahmsweise einmal mochte, was sich darin auszeichnete, dass sie es in beliebigen Kombinationen seiner Bestandteile aß. „Oder reist du jetzt wieder ab, weil Dannyl noch nicht da ist?“

„Ich werde natürlich bleiben, bis er zurückkehrt“, antwortete Tayend über sein Weinglas. „Die Reise nach Elyne ist zu weit, als dass es sich lohnen würde, in der Zwischenzeit zurückzukehren. Außerdem habe ich etwas, womit eure Eltern mir vielleicht helfen können.“

„Hat es mit schwarzer Magie zu tun?“

„Eher mit alten Sprachen.“

Ninielle nahm die Worte in sich auf. Sie schien nicht wirklich etwas damit anfangen zu können. Seit einem Jahr lernte sie Elynisch, zeigte darüber hinaus jedoch kein nennenswertes Interesse an Sprachen. Sie spießte ein Stück Kuchenboden auf und tunkte es in die Creme. „Freust du dich, Dannyl wiederzusehen?“

Die Kinder hielten Dannyl und Tayend für sehr enge Freunde. Sonea und Akkarin hatten entschieden, ihnen die Wahrheit erst zu erzählen, wenn sie begriffen, welche Verantwortung dieses Wissen mit sich brachte. Das war besser, als wenn sie es eines Tages von selbst herausfanden.

„Sehr.“ Tayend strahlte. „Er hat bestimmt viel zu erzählen, wenn er zurückkehrt.“

„Hat er dir denn nicht geschrieben?“

Das Lächeln trübte sich. „Ein Brief würde auch nicht viel schneller reisen als er. Wahrscheinlich liegt mittlerweile für mich ein Brief in der Großen Bibliothek.“

„Da bin ich ganz sicher“, sagte Sonea um ein zuversichtliches Lächeln bemüht. Sie erinnerte sich daran, wie Dannyl den Botschafter von Lan bei der Besprechung in der Residenz angesehen hatte. „Es quält ihn gewiss, seine Eindrücke und Erlebnisse nicht mit Euch teilen zu können.“

Mit einem zufriedenen Seufzen lehnte Tayend sich zurück. „Euer Koch ist so exzellent, dass ich zu ignorieren neige, wie schwer die kyralische Küche ist! Für die nächsten Tage werde ich mich durch die Gegend rollen.“

„Das wird Takan freuen“, erwiderte Akkarin. „Lorlen, Ninielle. Wenn ihr aufgegessen habt, verabschiedet euch von Tayend und geht zu Bett.“

„Aber ich wollte Tayend noch Issie zeigen“, protestierte Ninielle.

„Es ist spät und du hast morgen Unterricht, junge Dame. Zeig Tayend dein Haustier, wenn er uns das nächste Mal besucht.“

„Dürfen wir noch lesen?“, fragte Lorlen.

„Ja, aber nicht zu lange.“

Die Kinder erhoben sich und wünschten ihren Eltern gute Nacht. Lorlen nickte Tayend zu, während Ninielle ihn zögernd umarmte. Wo sie früher auf den Schoß eines jeden Freundes ihrer Eltern geklettert und an diesem gerochen hatte, war sie seltsam unbeholfen, seit sie begriffen hatte, dass zwischen ihr und einem Mann ein entschiedener Unterschied existierte.

Nachdem die Kinder sich verabschiedet hatten, nahmen sie ihre Weingläser mit in die Bibliothek, wo noch immer die Abschrift lag, die sie am Nachmittag studiert hatten. Akkarin griff danach und seine Augen huschten über die erste Seite. „Ah“, machte er. „Das bestätigt meine Annahme.“

„Was?“, fragten Sonea und Tayend gleichzeitig.

„Ich habe während des Essens noch einmal darüber nachgedacht und ich halte Alt-Sachakanisch aus der Aschenwüste oder einer Region im Norden für sehr wahrscheinlich.“ Akkarin ließ sich in seinem Sessel nieder. „Oder besser gesagt, diese Sprache, in der dieses Schriftstück geschrieben ist, enthält Anteile dessen.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte Sonea.

„Die Bauern in der Gegend um die Roten Hügel, von denen es nur noch wenige Tagesreisen bis zur Aschenwüste ist, benutzen eine Abwandlung dieser Wörter.“ Er legte die Abschrift auf den Tisch und wies auf mehrere Begriffe. „Das heißt, sofern die Aussprache stimmt.“

„Und das wisst Ihr, weil …?“, begann Tayend.

Die Piratennarbe zuckte humorlos. „Dakova hin und wieder diese Dörfer überfallen hat und mich zur Unterstützung – oder besser gesagt zur seelischen Folter – mitnahm. Einige dieser Wörter erinnern mich an den merkwürdigen Dialekt der Bewohner.“

Der Gelehrte erbleichte. „Ihr habt Bauern gefoltert?“

„Nein. Aber helfen sie einzutreiben und Dakova bei seinen Grausamkeiten zu beobachten war Folter.“

Sonea beugte sich über ihren Sessel und streckte eine Hand aus. „Das tut mir leid.“

„Es ist lange her.“

Tayends Aufmerksamkeit war derweil zu dem Text zurückgekehrt. „Was bedeuten diese Worte in Eurer Theorie?“

Akkarins Augenbrauen zogen sich zusammen. „Blüte … Nacht … endlos …“, sagte er und deutete auf mehrere Wörter. „Und das ist ein sehr seltsamer Dialekt für ’lachen’. Ich glaube, hier handelt es sich tatsächlich um eine verlorengegangene Erzählung.“

„Aber mehrere Tagesreisen bis zur Aschenwüste?“, fragte Sonea. „Das ist so wie von Imardin zu einem der Pässe. Die Menschen dort sprechen einen völlig anderen Dialekt als in der Stadt.“

„Und doch lassen sich in vielen Dialekten oft bemerkenswerte Gemeinsamkeiten auf Detailebene finden.“ Tayends grüne Augen leuchteten aufgeregt. „Erschaffen durch Menschen, die schon damals im Austausch miteinander gestanden haben, wie zum Beispiel durch Handel oder Bündnisse.“

„Richtig“, stimmte Akkarin zu und Sonea fühlte sich ungewollterweise ein wenig dumm.

Ob ich meinen mangelnden Enthusiasmus für Sprachen an Ninielle weitergeerbt habe?, fragte sie sich. Nichtsdestotrotz war das Thema an sich spannend.

„Habt Ihr noch weitere Werke, die auf alten sachakanischen Sprachen basieren könnten, Tayend?“, fragte sie.

„Ich habe noch zwei weitere.“ Tayend zog zwei Mappen aus seiner Tasche. „Auf diese kann ich mir jedoch noch weniger einen Reim machen.“ Er reichte Sonea und Akkarin je eine Mappe. „Darin sind Notizen enthalten, was einzelne Wörter bedeuten können. Manche könnten auf Alt-Lonmars oder einen seltenen elynischen Dialekt zur Zeit des Königs von Shakan Dra stammen – allerdings nicht aus Armje, sondern aus dem Norden des Landes. Das kann auf einen gemeinsamen Ursprung hindeuten, kann allerdings auch nur Zufall sein.“

Sonea blätterte durch die Seiten. Die Sprache war ihr völlig fremd. Dann stieß sie auf ein Wort, das ihr auch in dem ersten Text aufgefallen war. „Caaby“, sagte sie. „Ihr habt die Werke noch nicht miteinander verglichen, richtig?“

„So lange befinden sie sich noch nicht in meinem Besitz, dass ich über die Abschriften und das Identifizieren einiger Begriffe aus mir bekannten Sprachen hinausgekommen wäre.“ Der Gelehrte hielt inne. „Wollt Ihr damit sagen, dass dieses Buch ebenfalls aus der Aschenwüste stammen könnte?“

„Oder aus einer angrenzenden Region.“ Sie sah wieder auf den Text, dessen Worte für sie keinen Sinn ergaben. „Vielleicht ist er von einem Volk, das nicht mehr existiert. Oder es ist duna. Allerdings pflegen die Duna Wissen und Erzählungen mündlich weiterzugeben.“

„Und es wäre eine seltsame Entwicklung von Schrift zu Mundpropaganda“, sagte Tayend. „Es kann sein, dass in den Bergen, die Elyne von Sachaka und Duna trennen, Völker gelebt haben, von denen wir noch nichts wissen. Die Verräter haben einen solchen Ort entdeckt, wenn ich mich richtig erinnere.“

„Vielleicht gibt es noch weitere solcher Orte weiter im Norden, wo die Bergkette Duna und Lonmar trennt“, überlegte Tayend.

„Die Gelehrten der Duna haben ihr Wissen durch Wandmalereien weitergegeben“, sagte Sonea. „Es gab nie eine Schriftform, die sich für Papier oder Pergament eignet.“

„Euer König Shakan Dra hat möglicherweise das Volk regiert, dessen Tal die Verräter heute bewohnen“, sagte Akkarin.

„Wirklich?“, rief Tayend. „Darüber haben Dannyl und ich damals geforscht als …“

„Administrator Lorlen Euch beauftragt hat meine Vergangenheit zu recherchieren, ich weiß. Mir wurde der Zusammenhang jedoch erst klar, als ich Dannyls Bericht über die Zuflucht gelesen habe. Allerdings, angesichts unserer Diskussion, könnte es auch ein ähnlicher Ort gewesen sein. In jedem Fall habt Ihr einen unglaublich seltenen und wertvollen Schatz entdeckt, Tayend.“


***


Seit sein Bruder geheiratet hatte, bewohnte er mit seiner Frau eine Villa auf der anderen Seite des Inneren Rings. Hätte er diese nicht von seinem Großonkel geerbt, der kinderlos gestorben war, hätte Regin geglaubt, dass Varryl ebenfalls ein natürliches Bedürfnis verspürte, seinem Elternhaus zu entkommen. Anders als Regin war Varryl von kleinauf dazu erzogen worden, das Familienerbe anzutreten. Und damit entsprachen seine Ansichten in vielen Dingen denen der Familie Winar, wo Regin durch das Leben in der Gilde und eine kratzbürstige beste Freundin andere Alternativen aufgezeigt bekommen hatte.

Zwei livrierte Diener öffneten die Tore und Regins Kutsche mit dem Incal der Gilde auf den Türen rollte hindurch auf einen weitläufigen, mit Kies ausgestreuten Platz, hinter dem sich das Haus in der Abenddämmerung erhob. Obwohl der Himmel noch in den schillernden Farben eines Sonnenuntergangs nach einem heißen Frühsommertag glühte, wurde die verzierte Fassade mit ihren fragilen Säulen, gläsernen Balkonen und magiegestützten Türmchen von Scheinwerfern angestrahlt.

Ein weiterer Diener öffnete die Tür und Regin stieg aus.

„Lord Regin, seid willkommen. Euer Bruder erwartet Euch auf der Veranda.“

Regin nickte und gab dem Fahrer ein Goldstück. „Ich weiß nicht, wie lange das dauert. Warte hier solange.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, folgte er dem Diener zum Eingang. Sie betraten eine prächtige Empfangshalle, die nicht mehr jener ähnelte, die Regin aus seiner Kindheit von Geburtstagsfeiern seines Großonkels kannte. Nach der Invasion der Ichani hatte sein Großonkel sie in einem moderneren Stil wiederaufbauen lassen. Nur ein Jahr später war er gestorben und hatte Varryl, der damals gerade geheiratet hatte, das Haus vermacht.

Durch eine Tür gelangte Regin in einen großzügig geschnittenen Raum, der als Wohn- und Speisezimmer verwendet wurde. Der Esstisch war aus kostbarem Nachtholz und mit Schnitzereien verziert. So auch die dazu passenden Stühle mit ihren Brokatpolstern. Über einem Kamin hingen Jari-Geweihe und der Kopf eines Bovar. Regins Großonkel hatte die Jagd geliebt. Doch auch Varryl war dieser nicht abgeneigt, wenn auch er seine Trophäen nicht zu dekorativen Zwecken verwendete.

Varryl und seine Frau Isea saßen auf einer Veranda, die sich hinter den großen Fenstern an das Haus anschloss. Zierliche Säulen in der Form von Vareranken stützten den darüberliegenden Balkon. Das Paar saß in bequemen Sesseln aus einem Korbgeflecht, dass entweder sachakanisch oder elynisch war, ein Weinglas und ein Glas mit Wasser auf dem Tisch zwischen ihnen. Als Regin eintrat, erhob sich sein Bruder.

„Lord Regin“, sagte er und deutete eine kleine Verneigung an. „Lang ist es her, dass du uns besucht hast.“

Regin trat auf seinen Bruder zu und sie klopften einander auf die Schultern. „So oft wie Mutter mich zu Parties mitschleppt, sehen wir uns häufiger wie als ich noch studiert habe.“

„Als du studiert hast, hat Vater mich bereits in die Häuserpolitik eingeführt. Und kurz nach deinem Abschluss warst du schon Oberhaupt der Krieger.“

„Ja“, sagte Regin. „Wir haben es beide weit gebracht.“ Er löste sich von seinem Bruder und trat auf die Frau zu, die noch immer in ihrem Sessel saß. „Isea“, sagte er und hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken. „Wie schön, dich zu sehen.“

„Verzeih, dass ich nicht aufstehe, um dich zu begrüßen“, erwiderte seine Schwägerin, „doch ich habe gerade eine so gute Sitzposition gefunden.“ Wie um ihre Worte zu unterstreichen, strich sie über ihren gewölbten Bauch.

„Wann ist es soweit?“, fragte Regin.

„Im Herbst.“

„Oh, erst? Verzeih liebste Isea, doch es sieht aus, als wäre dein Bauch jetzt schon kurz davor, zu platzen.“

Sie lachte. „So fühlt es sich auch an. Lady Caelia sagt, das wäre normal bei Zwillingen.“

„Und wir dachten, nach zwei Kindern würde es leichter“, fügte Varryl hinzu. „Wenigstens kommt Terrel nach den Ferien auf die Universität.“

„Wir würden uns freuen, wenn du dich seiner annimmst“, fügte Isea hinzu. „Es wäre uns eine große Ehre.“

Nur mit Mühe widerstand Regin dem Drang, das Gesicht zu verziehen. „Ich muss darüber nachdenken. Einen Novizen durch das Studium zu begleiten ist eine große Verantwortung.“

Der Diener kehrte zurück und brachte Regin ein Glas Wein. „Das Essen wäre in einer halben Stunde soweit“, sagte er. „Wünscht Ihr vorab einen Imbiss?“

„Danke, Kemo“, erwiderte Varryl. Er sah zu Regin. „Hungrig?“

„Noch kann ich mich zügeln“, sagte Regin.

„Weil Isea wegen ihrer Schwangerschaft und der Hitze nur leichte Küche verträgt, würde ich mir das an deiner Stelle noch einmal überlegen“, warnte Varryl. „Du könntest andernfalls nicht satt werden.“

„Ich könnte Euch pikante Brötchen anbieten, Mylord“, sagte der Diener. „Oder Kegelkuchen.“

„Ich nehme die Brötchen“, sagte Regin.

„Sehr wohl, Mylord.“ Der Diener verneigte sich und eilte zurück ins Haus.

„Vindo“, sagte Varryl. „Immer darauf bestrebt, zu gefallen. Sie geben wirklich hervorragende Diener.“

So wie sachakanische Bettsklavinnen?, wollte Regin fragen, hielt sich jedoch zurück. Während er dank Soneas zahlreicher Lektionen seine Herablassung unterdrücken konnte, galt dies nicht für Varryl. Zudem war dieser sehr prüde.

Regin nickte zu Iseas Bauch. „Wisst Ihr schon, ob es dieses Mal Mädchen werden?“

„Lady Caelia sagt, es werden zwei Jungen. Es wäre schön gewesen, zur Abwechslung einmal Mädchen zu haben, doch so konnten wir uns auf die Namen Akkarin und Lorlen einigen.“

Fast hätte Regin sich an seinem Wein verschluckt. „Das ist nicht euer Ernst!“

„Der Hohe Lord ist ein Kriegsheld und da es zwei Jungen sind und Sonea selbst für ein Mädchen in diesem Kontext seltsam wäre, war der Name des letzten Administrators und seines besten Freundes die schönste Wahl. Beide haben ihr Leben heldenhaft für Kyralia geopfert.“

Und wenn ich so alt bin, wie Akkarin werden andere Leute dann auch ihre Kinder nach mir benennen?, fragte Regin sich unbehaglich. Er hoffte, dass es niemand aus seiner Familie tun würde. Varryl und Isea benannten ihre Kinder mit Vorliebe nach wichtigen kyralischen Persönlichkeiten. Ihr ältester Sohn war nach König Merins Vater benannt, der zweite hieß Hargen, nach einem lange verstorbenen Schriftsteller, dessen Werke für die kyralische Literatur richtungsweisend gewesen waren. Regin fragte sich, was das mit Hargen machen würde, wenn dieser das Familienerbe antrat. Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder hatte er kein magisches Potential, womit die Erbfolge auf ihn geändert worden war.

„Also, Regin“, begann Varryl, nachdem der Diener die pikanten Brötchen gebracht hatte. „Wie läuft es mit dir und den Frauen? So wie Mutter gerade an dir verzweifelt, hast du gewiss wieder eine Heilerin gefunden.“

Ich hatte seit zwei Jahren keine Affäre mehr mit einer Heilerin … „Wie auch Vater hat Mutter nie verstanden, dass sie nichts erreicht, wenn sie versucht, sich in mein Leben einzumischen“, erwiderte Regin. „Ich spiele mit dem Gedanken, einen Mann für sie zu finden. Leider erlauben meine Zeit und meine Beziehungen zu den Häusern das nicht. Kennst du zufällig jemanden, der sich als zweiter Ehemann eignen würde?“

„Und der sie nicht in ein paar Jahren wieder zur Witwe macht?“ Varryl runzelte die Stirn. „Es gibt ein paar Höflinge, allerdings sind sie in den Zwanzigern. Wahrscheinlich würde sie eher Söhne in ihnen sehen.“

Regin lachte. „Und darüber aufgeben, mir eine Frau zu suchen!“ Terrels Mentorat zu übernehmen, würde mir Mutters Verkupplungsversuche für fünf Jahre vom Leib halten, überlegte er. Allein das machte Varryls und Iseas Wunsch eine Überlegung wert.

„Das Oberhaupt von Haus Saril wäre genau ihr Typ“, überlegte Varryl. „Aber das würde niemals gutgehen.“

„Sie würde dich enterben, wenn sie herausfindet, dass du sie mit ihm zusammengebracht hast“, fügte Isea hinzu.

Regin griff nach einem Brötchen und biss hinein. Papea und irgendetwas Exotisches, das er nicht einordnen konnte. Es war köstlich. Und es regte seinen Appetit an. „Wo wir bei Haus Saril sind …“, begann er, „es gibt tatsächlich eine Heilerin, die mein Augenmerk schon vor langer Zeit erregt hat. Und die Angelegenheit ist für mich eine ernste.“

„Oh“, machte Isea. „Wer ist es?“

„Keine Gebürtige aus diesem Haus.“ Mit einem liebenswürdigen Lächeln wandte Regin sich zu seinem Bruder. „Tatsächlich würde mich interessieren, ob du Kontakte in Haus Saril hast, lieber Bruder.“

Varryl runzelte die Stirn. „Hat das etwas mit deiner Ex zu tun?“

„Ja und nein.“ Das Papea hatte sich in seinem Mund ausgebreitet und löste ein Brennen aus. Regin löschte es mit einem Schluck Wein. „Tatsächlich geht es um Carrien von Tenvar. Ich brauche so viele Informationen über ihn wie möglich. Schmutzige Geheimnisse, politische Skandale, frühere Liebschaften, ob er sich mit Huren eingelassen hat und dergleichen.“

„Das klingt sehr beunruhigend“, sagte Isea.

„Nein“, sagte Varryl. „Das werde ich nicht unterstützen.“

„Bitte, lieber Bruder“, sagte Regin. „Ich würde damit nicht zu dir kommen, wenn es nicht wichtig wäre. Ich habe Anlass zu dem Verdacht, dass er Trassia nicht gut behandelt.“

Isea sog entsetzt die Luft ein. „Wieso sollte er das tun?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete Regin. „Ich weiß nur, dass sie das nicht verdient hat.“

„Und wieso glaubst du, dass er nicht gut zu ihr ist?“

„Die Art und Weise, wie sie sich verändert hat. Sie ist stiller, weniger lebhaft, hat ihre Leidenschaft, das Krankenhaus aufgegeben. Sie ist nicht so, wie meine andere Freundin, die nach sechzehn Jahren noch immer wie frisch verliebt ist.“

„Das ist noch kein Beweis“, sagte Varryl.

„Aber Grund genug, die Sache zu untersuchen“, sagte Regin.

„Das sehe ich allerdings auch so“, stimmte Isea zu. „Vielleicht ist Regin nur übermäßig besorgt, weil er noch immer an ihr hängt. Doch wenn an seinen Vermutungen etwas dran ist und das arme Ding unglücklich leidet, wäre es ein Fehler, die Sache zu ignorieren.“

„Danke, Isea“, sagte Regin mit einem charmanten Lächeln. Er sah zu seinem Bruder. „Wollte ich Carrien schaden, so hätte ich das schon viel früher getan. Du kannst auf mein Wort vertrauen. Sollte ich diese Informationen missbrauchen, um einen Skandal auszulösen und damit vor allem mich in Schande zu stürzen, so darfst du mich enterben und in Ungnade fallenlassen.“

Varryl lehnte sich zurück. Er schwenkte den Wein in seinem Glas, die Lippen geschürzt. „Dein Wort ist mir Beweis genug, dass es dir ernst ist“, sagte er. „Und so sehr ich dich als meinen Bruder liebe, würde ich nicht zögern, dich in Ungnade fallenzulassen, solltest niedere Absichten verfolgen.“

Regins Herz machte einen Sprung. „Also wirst du mir helfen?“, fragte er.

„Ja. Aber ich werde dir nur dann Informationen geben, wenn diese deinen Verdacht bestätigen.“


***


Nachdem Tayend sich verabschiedet hatte und sie ausgemacht hatten, sich an einem Abend in der nächsten Woche zu treffen, um die Schriften genauer zu analysieren, hatte Sonea sich wieder ihrem Helden gewidmet. Mittlerweile war Gayend von dem Piratenschiff entflohen. Soneas Freude hielt jedoch nicht lange an. Auf seiner Flucht war Gayend in die Fänge einer wahnsinnigen Frau geraten, die mit ihm ein paar alte Rechnungen zu begleichen hatte. Oder besser gesagt mit seinem älteren Bruder, für den sie ihn hielt, weil Gayend Jahre zuvor dessen Identität angenommen hatte, weil dies die einzige Möglichkeit gewesen war, den Krieg zu beenden. Die Frau hatte bereits angefangen, Gayend zu foltern und Sonea litt mit ihrem Helden. Sie war nahezu erleichtert, als die Geschichte zu seinem Bastard sprang, dessen aktuelle Eskapaden immerhin erheiternd waren.

„Zeit ins Bett zu gehen.“

Sonea hob den Kopf. Akkarin stand vor ihrem Sessel und seine dunklen Augen bohrten sich in ihre. Mit geröteten Wangen schloss sie das Buch.

„Du meinst, Zeit mit dir ins Bett zu gehen“, korrigierte sie.

„Das sowieso. Ich habe dir trotz deiner heutigen Frechheiten eine Stunde für Gayend gewährt, womit ich meine eheliche Pflicht erfüllt sehe. Jetzt fordere ich deine ehelichen Pflichten ein.“

„Du meinst, die Pflichten deiner Bettsklavin.“

„Richtig.“ Akkarins Mund verzog sich zu einem Lächeln. Seine Augen hörten jedoch nicht auf, sie weiterhin zu durchbohren. Unter seinem durchdringenden Blick erschauderte Sonea. „Es verlangt mir nach dir; meiner dunklen Seite verlangt nach dir.“

„Angesichts von so viel Romantik kann ich schlecht Nein sagen.“ Sonea klappte das Buch zu und stand auf. „Auch wenn das Buch gerade unglaublich spannend ist. Ich habe gerade noch einen Grund gefunden, warum du es lieben würdest.“

„Welchen?“

Sie lächelte süffisant. „Es kommen Piraten darin vor. Und richtige Seeschlachten.“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Damit du von mir verlangen kannst, für dich Gayend zu spielen?“

„Auf eine solche Idee würde ich niemals kommen, aber jetzt, wo du es sagst …“

Akkarins Hand schloss sich um ihren Nacken. „Wenn du mich entsprechend zufriedenstellst, dann werde ich vielleicht darüber nachdenken“, sagte er und küsste sie verlangend.

Sonea japste nach Luft und schlang die Arme um ihn. Sein Körper stand so dicht an ihren gepresst, dass sie sein Verlangen spüren konnte. Denn das, was gegen ihren Bauch drückte, war definitiv nicht sein Gürtel. Und seine deutlichen Worte hatten bereits dafür gesorgt, dass es ihr nach seiner dunklen Seite verlangte. Im Bett mochte sie ihm gehören, doch in erster Linie war sie eine Sklavin ihrer eigenen Lust. Und je mehr sie beide ihre dunkle Seite auslebten, desto tiefer geriet Sonea in diese Sklaverei.

Eine Hand strich über ihren Rücken und drückte ihr Gesäß gegen ihn. Es war besitzergreifend und erregend zugleich.

„Ich werde Euch zu Diensten sein, Hoher Lord“, flüsterte sie.

„Das wirst du, ob du es willst oder nicht.“ Seine Hand umschlang ihr Haar, das gerade lang genug war, um sie daran zu führen und verließ mit ihr die Bibliothek. Und Sonea war dankbar, dass ihre Kinder schon im Bett waren.

Laue Abendluft rieselte durch die halbgeöffneten Fenster ins Schlafzimmer. Akkarin dämpfte seine Lichtkugel und teilte sie in mehrere kleine Lichtkugeln, die er im Raum verteilte. „Du weißt, was du zu tun hast.“

Sonea nickte. Sie zog sich aus und schritt dann zum Fußende des Bettes und ging vor ihm auf die Knie. „Meine Magie gehört Euch“, sagte sie und streckte ihm die Handgelenke entgegen.

Akkarins lange Finger schlangen sich um ihre Hände und sie sandte ihm ihre Magie, bis sie noch gerade genug hatte, um nicht einzuschlafen. Nachdem der Strom verebbt war, betrachtete er sie versonnen, ein lederner Zeigefinger strich den Ansatz ihrer Haare entlang.

„Wie kann es sein, dass du mich nach so vielen Jahren noch immer faszinierst?“

Sie blinzelte. „Wie meinst du das?“

„Wir haben alles durchlebt, was ein Paar durchleben kann und mehr. Wir haben alle erdenklichen Dinge ausprobiert, um herauszufinden, ob sie uns gefallen. Ich kenne jeden einzelnen deiner Gedanken. Und doch tust und denkst du immer wieder Dinge, die mich überraschen.“ Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Aber vielleicht bin ich auch nur überrascht, dass du noch immer da bist.“

Seine Worte bewegten sie zutiefst. Einen langen Augenblick war Sonea einer Antwort verlegen. „Weil du nicht glauben kannst, dass jemand wie du mitsamt seiner dunklen Seite es wert ist, geliebt zu werden?“

Akkarin erwiderte nichts. An seinen Augen glaubte Sonea jedoch zu erkennen, dass sie seinen wunden Punkt getroffen hatte. Sie richtete sich ein wenig auf.

„Hoher Lord, wie kann ich Euch zu Diensten sein?“

Akkarin zog sie hoch und drückte seine Lippen auf ihre. „Auf eine Weise, die dir nicht gefallen wird, mir dafür jedoch umso mehr“, raunte er.

Mit einem Schaudern gab Sonea sich seinem Kuss hin. Sie kam jedoch nicht dazu, ihn auszukosten, denn Akkarin stieß zwei Finger in sie so grob, dass ihr ein heiserer Schrei entfuhr. Er lachte leise und warf sie aufs Bett. Sonea wollte sich auf den Rücken drehen, doch eine magische Barriere warf sie zurück auf die Matratze. Sie hörte Stoff rascheln, dann spreizte Akkarin ihre Beine und fixierte sie mit Magie. Das Leder seines Handschuhs strich über ihren Schoß und steigerte ihr Verlangen grob und unerbittlich. Sonea presste die Lippen zusammen und versuchte, keinen Laut zu machen. Die Fenster waren offen! Hatte er an die magische Barriere gedacht oder hatte er bewusst keine geschaffen? Unter seinen Berührungen und dem glatten Leder in ihrem Schoß, begann sie alsbald zu schnaufen.

Die Matratze bewegte sich, als Akkarin darauf stieg und auf sie kletterte. Seine Hände zogen ihr Gesäß ein Stück empor, dann stieß er in sie hinein. Sonea krallte ihre Finger in die Kissen. Sie konnte spüren, wie er in ihr anschwoll und sie begann zu ahnen, dass er sich mit Magie heilte, um den Moment hinauszuzögern. Als sie glaubte, er würde sich endlich in sie entleeren, zog er sich zurück, umrundete die Matratze und hockte sich vor sie.

„Am liebsten habe ich dich in Positionen, in denen ich jede deiner Öffnungen benutzen kann“, sagte er mit dieser ekelhaften Erheiterung, auf die Sonea für ihren Geschmack viel zu sehr reagierte. Erneut wickelte er ihr Haar um sein Handgelenk und zog ihren Kopf in den Nacken. Daumen und Zeigefinger seiner anderen Hand spreizten ihren Kiefer, dann zwang er sein Glied in sie hinein.

Soneas Nacken hatte lange zu schmerzen begonnen, als er es beendete. Magie prickelte über ihre Haut, als er ihre verkrampften Muskeln heilte. Er hörte jedoch nicht auf, bis er erneut hart war. Dann warf er sie, ihre Haare noch immer um sein Handgelenk gewickelt auf den Rücken. Sonea schnappte nach Luft ob der dahintersteckenden Grobheit.

„Geht es?“, fragte er.

Sie nickte und verkniff sich eine bissige Bemerkung darüber, dass sie in diesem Fall seinen Namen sagen würde. Akkarin lächelte dünn. Im nächsten Moment war er über ihr, küsste sie verlangend, während seine Hände über ihren Körper strichen und sie kniffen. Sonea entfuhr ein Laut des Schmerzes und sie wand sich unter ihm.

„Halt still“, murmelte er.

Sonea schloss die Augen und nickte nur. Seine Hand spreizte ihre Schenkel und seine Finger quälte sie erneut. Als sie glaubte, wundgescheuert zu sein, zog Akkarin seine Finger aus ihr heraus und stieß in sie hinein. In einer erregenden Mischung aus Schmerz und Lust keuchte Sonea auf. Akkarin begann sich in ihr zu regen und sie unterdrückte ihr Stöhnen. Erneut beugte er sich über sie und küsste sie mit rohem Verlangen.

Sich an eine Szene erinnernd, in der Gayend mit Marissle, seiner Bettsklavin, geschlafen hatte, fragte Sonea sich, ob er im Bett auch so zügellos war. Gayend war wie eine Naturgewalt. Mächtig und verwegen und ein wenig experimentierfreudig. Doch vermutlich würde er sich anders anfühlen. Brennini beschrieb ihn als muskulös, obwohl er ein mächtiger Magier war. Vielleicht ein wenig so wie der einzige andere Mann, mit dem Sonea in ihrem Leben je geschlafen hatte. Aber nicht so hager und sehnig wie Akkarin. Auch sonst war er nicht mit Akkarin zu vergleichen. Für jemanden aus einem Phantasieland, das Elyne glich, war er von großem Wuchs. Doch mit seinen roten Haaren und der sonnengebräunten Haut entsprach er nicht Soneas Präferenzen. Und dennoch …

„So kann ich nicht mit dir schlafen, Sonea.“

Sie zuckte zusammen. „Was?“

„Du denkst an ihn. Und streite es nicht ab, deine Gedanken schreien es heraus. Doch selbst, wenn du deine Oberflächengedanken vor mir verbergen würdest, würde ich bemerken, dass du nicht bei der Sache bist.“

Sechzehn Jahre lang war es ein ungeahnter Vorteil gewesen, dass Akkarin ihre Oberflächengedanken las und das dort Gesehene im Bett gegen sie verwendete. Jetzt hätte Sonea sich ihrer Phantasien nicht mehr schämen können. Nicht einmal, während ihrer Rückschläge, als sie versucht hatte, über Marika hinwegzukommen, hatte sie sich so schuldig gefühlt. Damals hatte sie nichts dafür gekonnt. Genau genommen konnte sie auch nichts für Gayend. Aber Gayend hatte sie nicht geraubt und zu seiner Sklavin gemacht, obwohl sie ihm das bereitwillig zugestanden hätte. Gayend war eine Figur aus einem Roman.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Bitte bestraft mich.“

„Das werde ich.“ Akkarins Finger zwickten ihre Brustwarzen und sie keuchte unwillkürlich auf. Sie schloss die Augen und …

„Sieh mich an, Sonea.“

Schuldbewusst öffnete sie die Augen. Akkarins dunkle Augen bohrten sich in ihre, sein Blick war missbilligend und erfüllt mit dunklem Verlangen. Offenkundig missfiel es ihm, dass sie im Bett an Gayend dachte, aber zugleich reizte es seine dunkle Seite und das überzeugte Sonea insgeheim davon, weiterhin an Gayend zu denken. Er konnte sie nicht brechen. Sollte es je dazu kommen, dann nur, weil sie aufgehört hatten, einander zu lieben. Doch ihre Liebe hatte Tod, Sklaverei, Krieg und Streit und zwei heranwachsende Kinder überstanden. Sie würde erst enden, wenn sie beide eines hoffentlich fernen Tages starben.

Akkarins Miene verhärtete sich und er drückte ihre Oberschenkel gegen ihre Brust und nahm sie härter. Jedoch nicht, ohne aufzuhören sie mit seinen Blicken zu fixieren und ihr seine eigenen Phantasien zu senden, die sie wieder auf ihn fokussierten und die sie auch nach so langer Zeit noch mit großer Scham erfüllten. Ihr Schädel begann zu dröhnen und sie begriff, dass er eine leichte Form des Gedankenschlags verwenden musste. Sie hätte ihm sachakanische Schimpfwörter entgegengeschleudert, würde sie es zugleich nicht so sehr genießen, dass er sie mit der Wucht einer Naturgewalt unterwarf. Sonea verlor sich in seinen Augen, der Piratennarbe und dem Grau an seinen Schläfen, das mit Ende vierzig allmählich deutlicher wurde. Gayend mochte einem Gott gleichkommen, doch Akkarin war der stärkste Magier der Verbündeten Länder. Doch vor allem war er ihr Hoher Lord.

Und sie hoffte, dass er niemals aufhören würde, mysteriös zu sein, egal wie gut sie ihn zu kennen glaubte.


***


Vor der hell angeleuchteten Universität kam die Kutsche zum Halt. Regin rülpste einmal ungeniert und stieg dann aus. Wir haben hier alles, was wir wollen, aber es besteht kein Zweifel daran, dass das Essen in den Häusern noch einmal um Längen besser ist, als wenn das überhaupt noch möglich wäre. Und mit dem, was Trassias geleckter Politiker im Sinn hatte, würden sie bald die Küche von Mönchen und Hüttenleuten genießen.

Die Luft war lau und die Insekten zirpten im Park. Regin schwankte leicht, jedoch weniger von den Unmengen, die er gegessen hatte, als von dem Weißwasser, das sein Bruder zum Verdauen verteilt hatte. „Von der besten Distille im gesamten Süden!“, hatte er erklärt und Regin ein gutes Glas davon eingeschenkt.

Zum Glück muss ich morgen erst zur zweiten – Mist, in der ersten Stunde ist die Besprechung mit den Kriegskunst-Lehrern!

Sonea wird mich auslachen, dachte er, während er zum Magierquartier stapfte. Und wenn die anderen etwas bemerken, dann werden sie mich für eine Fehlbesetzung halten. Vielleicht sollte ich die Besprechung unter dem Vorgang krank zu sein verschieben. Ach nein, dann würde Lady Vinara nachhaken und mir eine Predigt halten. Sonea wäre es wahrscheinlich egal, dann kann sie es sich eine Stunde länger von ihrem Hohen Lord besorgen lassen. Und wenn Lady Vinara nach mir sehen kommt, werde ich mich vor dem Rest des Tages nicht drücken können. Wahrscheinlich wird sie mich nicht einmal heilen. So wie Sonea. Zu dumm, dass ich nicht mit keinem Heiler gut genug befreundet bin, dass er mir zeigt, wie man einen Kater heilt, und darüber Stillschweigen bewahrt.

Hinter einigen Fenstern des Magierquartiers war noch Licht. Es war also noch nicht so spät, dass Regin nicht auch noch zu wenig Schlaf bekommen würde. Das würde die Folgen am nächsten Tag zumindest ein wenig lindern.

Er glaubte, sich in der Wohnung geirrt zu haben, als er einen betagten Mann in einem der Sessel in seinem Wohnzimmer sitzen sah.

Was macht er hier?

„Lord Rothen“, sagte er gegen das Licht blinzelnd. „Was verschafft mir die Ehre?“

„Bitte verzeiht die späte Störung, Lord Regin. Doch Euer Diener sagte mir, dass Ihr bald zurück wärt und dass ich hier auf Euch warten könnte.“

Regin trat zur Anrichte und füllte ein Glas mit Quellwasser. Er leerte das Glas in einem Zug und verzog das Gesicht, als das Wasser seinen überfüllten Magen erreichte. Zu spät fiel ihm ein, dass er auch Rothen etwas anbieten sollte.

„Nein, danke“, wehrte der Leiter der alchemistischen Studien ab, als wenn Regins Wasser vergiftet wäre.

„Worum geht es?“, fragte Regin und ließ sich in seinen Sessel fallen. Hatte das Weißwasser überhaupt geholfen? Er hatte definitiv zu viel gegessen. „Ist das ein Notfall? Habe ich etwas angestellt, von dem ich nichts weiß?“

Zu seiner Überraschung gluckste Rothen unterdrückt. „Eher etwas Vertrauliches.“

„So?“

„Bei der Besprechung vergangene Woche hatte ich den Eindruck, dass Ihr entschieden gegen eine Kürzung unserer Gelder seid.“

Schlagartig wurde Regin wieder nüchtern. „Das ist richtig“, sagte er, sich fragend, worauf der andere Mann hinauswollte. Aus irgendeinem Grund witterte er eine Falle. „Ist das ein Versuch, an meine Vernunft zu appellieren?“

„Das ist ein Versuch, Gleichgesinnte zu finden.“

Von allen Dingen, die Regin erwartet hatte, war das das unwahrscheinlichste. Rothen musste sehr verzweifelt sein, wenn er sich an ihn wandte. Durch sein Verhalten als Novize und in seinem ersten Jahr als Krieger hatte Regin sich bei dem Alchemisten nicht gerade beliebt gemacht.

Er leerte sein Glas und ließ es zum Tisch schweben. „Da wir auch in Zukunft weiter wachsen werden, halte ich die Steuerreform für einen Fehler. Allerdings würden auch einige der vorgeschlagenen Sparmaßnahmen die Gilde weniger attraktiv machen.“ Und ich will nicht, dass dieser geleckte Politiker damit Erfolg hat.

Rothen blinzelte. „Das heißt, Ihr wollt keine Sparmaßnahmen?“

„Ja und nein. Ich halte es für richtig, dass die Gilde Geld für ihre Leistungen und Projekte nimmt. Andernfalls fehlt uns das Geld, Neuzugänge zu bezahlen, was möglicherweise genau das ist, was die Häuser wollen. Auf Dauer müssten die Gelder, die wir aus den Steuern erhalten, wieder erhöht werden. Warum nicht also jetzt für den Erhalt unserer Gelder kämpfen, an entscheidenden Stellen sparen und so mehr Rücklagen für eine Vergrößerung der Gilde zur Verfügung zu haben?“

„Ich dachte eher an eine Umwälzung einiger Kosten auf die Häuser.“ Rothens blaue Augen blitzten. „Vergangenes Wochenende habe ich mit dem Hohen Lord gesprochen. Er sieht in einem Kompromiss unsere einzige Chance. Aber wenn wir es geschickt anstellen, könnten wir einige Kosten wieder reinholen. Und ja, das betrifft auch Studiengebühren für die adeligen Novizen. Ich sehe das ganz pragmatisch. Sie wollen ihre Kinder zu Magiern ausbilden, aber uns weniger Geld geben? Dann sollen sie für die Ausbildung zahlen.“

Regin dachte daran, dass Trassia und Carrien eines Tages Kinder haben würden. Es war nicht unwahrscheinlich, dass diese magisches Potential besitzen würden. Trassias geleckter Politiker hatte magisches Potential, als Erstgeborener hatte er jedoch, anders als Regins ältester Neffe, das Familienerbe angetreten. Das Talent wurde dennoch vererbt. Oh, wie sehr Regin es ihm gönnen würde, wenn er für seine magisch begabten Kinder zahlen musste!

Und was den Rest der Häuser betraf, so würden die Familien sich Studiengebühren leisten können. Wer mindestens zwei Wohnsitze und eine Yacht besaß, konnte sich auch die magische Ausbildung seiner Kinder leisten.

„Was ist mit den anderen Leistungen der Gilde wie Bauprojekte oder Heiler?“, fragte er.

„Diese würden wir uns weiterhin von allen, die es sich leisten können, bezahlen lassen. Doch ich denke, auch hier kann man die Gebühren noch einmal überdenken. Gerade bei den Bauprojekten wird zu viel bezuschusst, so dass unsere Architekten nur den Arbeitsaufwand daran verdienen.“

Scheint, als stecke noch einiges an Leben in dem alten Mann.

Regin lächelte. „Lord Rothen“, sagte er. „Wenn Ihr einen Verbündeten braucht, dann bin ich Euer Mann.“


***


Es tat gut, wieder in seinen eigenen Räumlichkeiten zu leben und in seinem eigenen Bett zu schlafen. Cery hatte das vermisst, so wie er seine beiden Kinder vermisst hatte, die er am Abend zuvor bei Donia und Harrin abgeholt hatte. Ysana war überglücklich gewesen, ihren Da zurückzuhaben, während Errin grimmig dreingeschaut hatte, als würde er Cery übelnehmen, dass er an dieser Aktion nicht beteiligt worden war.

„Ich hätte deinen Sohn spielen können!“, hatte er Cery vorgeworfen. „Wozu brauchst du Lana?“

„Richtig, du bist mein Sohn. Und deswegen bleibst du zuhause, wenn ich ’nen Verbrecher jage und mich dafür in Gefahr begebe“, hatte Cery erwidert.

Jetzt saß Errin seinem Zimmer und lernte schmollend für seinen Schulabschluss, den er ein Jahr zuvor gemacht hätte, wäre er wegen des Verlustes seiner Mutter und Geschwister nicht sitzengeblieben.

Ja, es war schön, wieder zuhause zu sein.

Auf Cerys Schreibtisch stapelten sich Anfragen seiner Klienten und Berichte, die Zavako für ihn in Stadtwachenmanier verfasst hatte. Cery würde sie nach dem Lesen verbrennen. Für den Augenblick interessierte ihn jedoch kaum etwas weniger. Er war noch immer verärgert wegen Correls Eingreifen. Sein Stellvertreter in der Stadtwache hatte recht; Cery und seine Leute mussten sich an die Gesetze halten, doch das entsprach nicht der Art der Diebe. Auch Cery hasste es, Menschen zu unrecht festzuhalten. Aber sein Gespür hatte ihn in dieser Hinsicht noch nie getrogen.

Er würde Rashyk kriegen. Er brauchte dafür nur einen guten Plan. Inwiefern dieser sich am Gesetz orientierte, war Cery egal. Mit den richtigen Methoden ließ sich jede Gesetzeswidrigkeit verschleiern.

Er leerte sein Weinglas und zog an einer Schnur, die neben seinem Schreibtisch von der Decke hing. Sein Arm, wo Rashyks Schwert ihn getroffen hatte, ziepte ein wenig. Der Heiler, der Cery behandelt hatte, hatte behauptet, dass Cery seinen Arm ein paar Tage schonen sollte, damit er ganz verheilte. Sonea war nie so sparsam mit ihrer Magie. Sie heilte Wunden immer vollständig.

Schritte näherten sich, die Tür ging auf und Zavako trat ein. „Du hast gerufen, Chef?“

Cery wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Setz dich. Wein? Bol?“

„Nix, Chef. Ich bin im Dienst.“

„Es war freundschaftlich gemeint, Zavako“, sagte Cery. „Und das hier ist kein offizieller Dienst.“

„Das weiß ich. Aber nüchtern nütze ich dir mehr.“

Cery lächelte. „Und deswegen schätze ich dich so sehr.“ Er wischte das Lächeln von seinem Gesicht. „Ich hab’ einen Auftrag für dich. Und der’s nicht ohne. Deswegen werde ich ihn dir nicht befehlen, aber du bist der Einzige, der ihn machen kann.“

In Zavakos Miene hatte sich nun auch Neugier gemischt.

„Ich musste Rashyk heute laufenlassen. Fünf seiner Männer sind ebenfalls frei. Wir konnten ihnen nix nachweisen. Aber ihm fehlen jetzt Leute. Darunter zwei Ausbilder. Du bist kampferfahren mit verschiedenen Waffen und mit Fäusten. Und du warst bei der Festnahme eines Mannes dabei, der ins Stadtgefängnis überführt wird. Damit haben weder Rashyk noch der Rest seiner Bande dich zu Gesicht bekommen.“

„Und jetzt willst du, dass ich Rashyk für dich ausspioniere“, folgerte Zavako.

„Ich will, dass du bei Rashyk als Ausbilder anheuerst“, sagte Cery. „Er wird jetzt neue Leute brauchen. Mit deiner Kampfausbildung hast du den anderen Bewerbern gegenüber ‘nen Vorteil. Und du kennst andere Tricks als der durchschnittliche Schläger aus den Hüttenvierteln.“

„Einige“, sagte Zavako. Seine Hand fuhr zu den tätowierten Krummschwertern in seinem Nacken. „Und ich weiß, wie man mit sachakanischen Schwertern kämpft.“

Für den durchschnittlichen Hüttenbewohner vermutlich uninteressant, aber nicht für jemanden, der noch effektiver töten wollte. „Die Sache könnte gefährlich werden, Zavako. Also sag mir, wie du darüber denkst.“

„Ich mach’s, Ceryni. Vor Rashyk und seinen Leuten hab’ ich keine Angst. In Sachaka hab’ ich gegen mehrere von meiner Sorte gleichzeitig gekämpft. Aber ich hab’ ‘ne Bedingung.“

Cerys Herz machte einen Sprung. „Welche?“

„Meine Frau und meine Kinder. Sie sollen nicht mit da reingezogen werden.“

„Ich bringe sie solange an einem sicheren Ort unter“, sagte Cery. „Aber du wirst sie nicht sehen können, solange dein Auftrag dauert. Rashyk lässt dich vermutlich beschatten, bis er dir vertraut. Und ich werde dir woanders ’ne Wohnung besorgen.“

Zavako nickte grimmig. „Auch ich glaube, dass da was faul ist. Was Rashyks Leute tun, verstößt gegen jeden Ehrenkodex. Ich werde alles tun und dir dabei helfen, ihm das Handwerk zu legen.“


***


Das war das vorerst letzte Kapitel. Vor ein paar Wochen fiel mir auf, dass der Vorrat an Kapiteln, den ich im Dezember vorbereitet hatte, früher als erwartet aufgebraucht war (ich dachte, ich hätte noch Kapitel bis Juli/August). Ich hätte 1-2 Wochen Zeit einräumen müssen, um die Kommentare meiner Testleserin in die nächsten Kapitel einzuarbeiten. Dabei handelt es sich um komplexe Punkte, die die nächsten 20 Kapitel umspannen. Nach ein paar Tagen des Überlegens wurde mir klar, dass es mir zurzeit nicht nur an kognitiven Kapazitäten mangelt, um mich wieder in dieses Projekt einzuarbeiten, sondern dass mir vor allem auch die Motivation fehlt, weitere Kapitel zu veröffentlichen. Daher kann ich leider auch keinen Zeitpunkt nennen, ab dem es hier wieder weitergehen wird.

Noch vor ein paar Monaten war ich von dieser Geschichte absolut überzeugt. Ich konnte es kaum erwarten, sie zu teilen. Es gab viele Gründe, wegen derer ich glaubte, dass diese Geschichte großartig ist, dass sie es wert ist geteilt zu werden, dass ich durch meine Geschichten etwas mitzuteilen habe. Von dieser Überzeugung ist inzwischen nichts mehr übrig. Das betrifft auch unveröffentlichte Projekte in anderen Fandoms.

Ich danke meiner Testleserin Lady Kadala und meiner lieben Freundin Lady Alanna, ohne die ich schon viel früher aufgegeben hätte.

Wann und ob es hier weitergeht, werdet ihr über die bekannten Kanäle erfahren und natürlich über den Story-Alert.

Bis dahin, bleibt gesund!
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast