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Das Erbe der schwarzen Magier II - Der Feind in ihrer Mitte

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Rothen Regin Sonea
01.12.2021
26.04.2022
13
132.150
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29.03.2022 13.205
 
Kapitel 9 – Hinweise und Seltsamkeiten



Mit einem unterdrückten Stöhnen richtete Cery sich auf seinem Stuhl auf, als das Klopfen an der Tür seines Büros erklang. „Ja?“

Die Tür ging auf und Correl trat ein. „In der Nähe von der Lüsternen Jungfrau wurde eine Leiche ...“, er hielt inne, „was ist mit Euch passiert?“

„Kleiner Unfall“, antwortete Cery. „Ich hatte zu viel Bol und bin ’ne Treppe runtergefallen.“

Correl machte ein ungläubiges Gesicht. „Wenn Ihr in Schwierigkeiten steckt, solltet Ihr das melden, Ceryni. Insbesondere, wenn es sich dabei um einen Konflikt mit dem Gesetz handelt.“

Cery lachte humorlos. Seine Rippen begannen zu schmerzen und er schnitt eine Grimasse. „Das hätte Worril gewiss gefreut“, sagte er trocken. Er befand, es konnte nicht schaden, Correl einen Teil der Wahrheit anzuvertrauen. Er vertraute dem Mann genug, dass er ihn zum Stellvertreter in allen Angelegenheiten seiner Tätigkeit als Captain der Stadtwache gemacht hatte. Doch er wusste auch, dass Correl jede Auffälligkeit dem Captain Commander melden würde. Als Angehöriger der Häuser würde Correl niemals einer von ihnen sein. Aber wenn Cery ihn schon nicht loswurde, konnte er ihn auch dort einsetzen, wo er ihm nützlich war.

„Tatsächlich befinde ich mich in einer verdeckten Ermittlung und ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr die Sache auf sich beruhen lasst“, teilte er Correl mit. „Ich werde Captain Commander Barran persönlich über alles informieren, sobald der Fall abgeschlossen ist.“

Cerys stellvertretender Captain schürzte die Lippen. Daran, wie er es tat, konnte Cery erkennen, dass diese Antwort ihn nicht zufriedenstellte. Der Trick bestand darin, Correl so viel wissen zu lassen, dass er nicht anfing, Nachforschungen anzustellen, wo Cery ihn nicht gebrauchen konnte.

„Ihr hattet was von ‘ner Leiche bei der Lüsternen Jungfrau gesagt?“, kam er auf den Grund von Correls Besuch zurück. „’Ne Hure?“

„Ein Mann. Die Befragung der Zeugen hat ergeben, dass er letzte Nacht nicht im Bordell war. Zumindest hat keine von Dareas Mädchen ihn erkannt. Es sieht aus, als wäre er schon einige Tage tot.“

Cery horchte auf. „Wurde er dort abgelegt?“

„Das nehme ich an. Sicher ist jedoch, dass er nicht dort gestorben ist, denn sonst wäre er früher aufgefallen.“

„Ich will die Leiche sehen.“ Aufgeregt stieß Cery sich aus seinem Stuhl. „Au!“, entfuhr es ihm, als mehrere Körperpartien zugleich protestierten. „Wurde er schon in den Leichenkeller gebracht?“, fragte er, sich auf die Tischplatte stützend.

Correl nickte. „Ihr müsst also nicht weit laufen.“

„Das ist gut. Das Reiten könnte heute ein Problem werden.“ Cery wankte zur Tür. Die kühlen Tücher hatten seine Beschwerden am vergangenen Abend gelindert, doch als er an diesem Morgen in seinem Alibi-Haus aufgestanden war, war sein Körper ein einziger Schmerz gewesen. Und es schien, als wären die Blutergüsse trotz der Kühlung größer und schillernder geworden. „Auch wenn Treppen nicht gerade besser sind.“

„Warum seid Ihr nicht zu einem Heiler gegangen?“, fragte Correl. „Die legen Euch einmal für ein paar Minuten die Hand auf und Ihr seid wieder wie neu.“

„Weil Kallin der Handwerker nicht zu den Heilern gehen würde. Denn dann müsste er zugeben, dass er in Schwierigkeiten steckt.“

„Kallin der Handwerker? Will ich das wissen?“

„Nein“, sagte Cery unwirsch.

Der Abstieg in den Keller war qualvoller als der Weg aufwärts oder der lange Marsch, den Cery am Morgen durch die Tunnel zurückgelegt hatte. Wo der Schmerz der meisten Blessuren mit der Bewegung nachließ, spürte Cery seine malträtierten Lenden bei jedem Schritt. Ein Magier pro Wachhaus wäre wirklich nicht schlecht, dachte er. Heilen, Leichen untersuchen und Wahrheitslesungen durchführen waren nützliche Eigenschaften, doch es würde auch schwieriger sein, gewisse Aktivitäten geheim zu halten. Die Ermittlungsarbeit würde es dennoch erleichtern.

Der Verwesungsgeruch schien schlimmer als üblich. Der Keller war kühl, aber nicht so kalt wie im Winter und für Cerys Geschmack gab es momentan zu viele Morde. Und auch hier wäre ein Magier nützlich, der weiß, wie man Leichen konserviert. Zumal eine schnellere Untersuchung dazu führen würde, dass die Leichen den Keller schneller wieder verließen.

„Das ist er“, sagte Correl und zog das Tuch von einer Leiche auf einem der vorderen Tische.

Cery trat neben seinen Stellvertreter und betrachtete den Toten. Und die Erkenntnis traf ihn wie ein Schock.

„Sieht übel aus, ich weiß“, sagte Correl. „Und riecht auch so.“

„Ich hab’ schon schlimmere Leichen gesehen.“ Mit einem Schaudern erinnerte Cery sich an die Mordserie, die der Nachtschatten verübt hatte. Er hatte nicht einmal vor seiner Familie haltgemacht. „Ich glaube nur, dass ich heute was empfindlich bin.“

„Verständlich“, sagte Correl ungewohnt mitfühlend.

„Wie genau wurde er gefunden?“

„Er lag plötzlich da, sagte der Mann aus, der ihn gefunden hat. Aber es war dunkel und daher ist unklar, ob er nicht einfach übersehen wurde.“

„Wo genau in der Nähe von der Lüsternen Jungfrau wurde er gefunden?“

„Eine Straßenkreuzung weiter. Auf der Ecke ist ein Fleischer.“

Also wieder eine sehr belebte Gegend. Selbst bei Nacht wurde diese Straße relativ häufig frequentiert. „Konntet Ihr Anzeichen finden, wie er gestorben ist?“

„Nicht eindeutig. Er hat mehrere Wunden, aber keine davon tödlich.“

Cery zog das Tuch von den Schultern des Toten. „Schnittwunden“, sagte er. „Aber nicht dort, wo sie tödlich wären. Und sie sind auch nicht in einem Muster angeordnet, das man bei Ritualmorden häufig findet.“

„Richtig“, sagte Correl. „Und sie sind zu tief, dass man schwarze Magie vermuten würde.“

„Innere Verletzungen“, sagte Cery, an seine eigenen Blessuren denkend.

Der stellvertretende Captain nickte langsam. „Ein Heiler könnte das bestätigten.“

Und wenn dem so war, dann bedeutete dies, dass dieser Mann sich nur eine oder zwei Nächte nach Cerys Besuch in der Kampfschule verschuldet hatte.

Cery bedeckte den Toten wieder mit dem Tuch. „Correl“, sagte er. „Bringt mir die Akte dieses Falls in mein Büro. Ich will alles darüber wissen.“

„Sehr wohl, Captain“, erwiderte Correl. „Glaubt Ihr, der Mord hängt mit dieser Mordserie zusammen, die Ihr untersucht?“

„Das will ich herausfinden.“

Viel wichtiger war jedoch, was Cery soeben herausgefunden hatte: dass es zwischen den Morden und Rashyks Kampfschule eine definitive Verbindung gab.

Es war Zeit, ein Treffen der Diebe einzuberufen.


***


Sonea stöhnte unterdrückt und rieb sich die Schläfen. Nächte nach Parties im Palast tendierten dazu, zu kurz zu sein, wenn am nächsten Tag kein Freitag war. Dazu brauchte sie nicht einmal viel getrunken zu haben. Sie vertrieb ihre Müdigkeit mit ein wenig Magie. Dann griff sie nach dem Wasserglas und trank einen Schluck.

Fünfzehn Jahre, die ich an diesen nervtötenden Besprechungen teilnehme, und noch immer hat Osen nicht begriffen, dass ich keinen Sumi trinke.

Eine runzlige Hand berührte ihr Handgelenk.

- Grantig?

- Absolut.

- Dann bist du genau in der richtigen Stimmung für das hier.

- Und du bist heute ungewohnt kriegerisch, Rothen. Was ist los mit dir?

- Sagen wir, Farand hat meinen inneren Krieger erweckt.

- Innerer Krieger?

- Frag nicht.

Rothen ließ von ihr ab. „Die Gilde besteht zu mehr als zwei Dritteln aus Sprösslingen der Häuser“, sagte er laut. „Wie können die Oberhäupter einverstanden sein, dass diese nun weniger Geld erhalten sollen?“

„Wie neulich im Abendsaal erwähnt, spreche ich mich deswegen für eine Staffelung des Gehalts nach sozialem Status aus“, erklärte Peakin.

„Das ist absolut unmenschlich“, sagte Lady Vinara.

„Ernsthaft?“, rief Sonea. Sie warf dem Oberhaupt der Alchemisten einen vernichtenden Blick zu. „Das wird eine Kluft zwischen die verschiedenen sozialen Klassen innerhalb der Gilde reißen, die wir über Jahre mühsam verringert haben.“

„Ich möchte an den Eid erinnern, den jeder beim Eintritt in die Gilde ablegt“, sagte Osen.

„Dieser Eid macht uns nicht zu Vollwaisen“, warf Regin ein. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen und wirkte ein wenig zu blass. „Das klingt mir nach den persönlichen Interessen einzelner, die nicht davor zurückschrecken eine wichtige Institution wie unsere zu benachteiligen.“

Sonea verdrehte die Augen. Musste er seinen Privatkrieg mit Carrien in diese Runde tragen. „Regin“, sagte sie leise. „Wir wissen nicht, ob das stimmt, und wahrscheinlich ist es nichts als ein wildes Gerücht. Und wir müssen jetzt eine Lösung finden, die der Hohe Lord und ich bei unserem nächsten Besuch im Palast an den König herantragen.“

„Lady Sonea hat recht“, sprach Osen. „Spekulationen bringen uns nicht weiter. Also bitte sachliche Beiträge.“

„Werden die anderen Länder auch ihre Beiträge kürzen?“, fragte Indria.

„Davon ist mir nichts bekannt“, antwortete Osen.

„Und was passiert dann mit den Gehältern jener Magier?“, fragte Sonea. „Werden die auch gekürzt?“

Jedes Land zahlte, meist finanziert durch Steuergelder, einen Beitrag an die Gilde, der dem Anteil der Magier aus jenem Land entsprach. Diese Gelder wurden vom Administrator in verschiedene Ressorts verteilt, wovon die Gehälter der Magier und das Taschengeld für die Novizen nur ein Teil war.

„Wie ich sagte, davon ist mir nichts bekannt.“

„Aber das muss berücksichtigt werden. Denn das Geld fehlt dann entweder auch bei ihren Magiern oder es fehlt nur bei unseren. In beiden Fällen wird jedoch eine Ungerechtigkeit daraus entstehen“, beharrte Sonea.

„Das muss auf jeden Fall geklärt werden“, stimmte Vinara zu. „Sind die Häuser und der König sich dessen bewusst?“

„Der König vermutlich schon“, sagte Osen ermattet.

„Wie wahrscheinlich ist es, dass diese Reform kommt?“, fragte Lady Indria.

„Laut Carrien von Tenvar ist es mehr oder weniger schon beschlossen“, sagte Regin säuerlich.

„Wie viel Geld würden wir in Zukunft noch erhalten?“

„Sechzig Prozent von dem, was der König uns momentan gibt“, antwortete Osen.

„Was?“, entfuhr es Sonea. Sie hatte keine Ahnung von diesen Summen und es geschah relativ selten, dass sie auf ihr Forschungsbudget Anspruch erhob. Dennoch kam ihr das wie eine gewaltige Kürzung vor.

„Richtig“, sagte Osen müde. „Ich habe es durchgerechnet. Wenn wir den Fokus auf die Heilkunst schieben, das Taschengeld für die Novizen abschaffen und in den anderen Disziplinen sparen, dann müssen die Gehälter unserer Magier nur um zehn Prozent gekürzt werden.“ Er blickte in die Runde. „Das gilt auch für die höheren Magier.“

„Mich interessieren diese zehn Prozent nicht“, sagte Sonea. „Was ist mit den Novizen?“

„Ihre Eltern können ihnen Taschengeld schicken.“

„Das werden nur die Reichen sich leisten können. Die Novizen aus ärmeren Familien werden damit benachteiligt. Zumindest sie sollten ein Taschengeld bekommen.“

„Wir könnten alternativ eine Studiengebühr erheben.“

„Und die soziale Ungleichheit wieder vergrößern?“ Sonea schnaubte. „Das kommt nicht in Frage.“

„Das kann keine Lösung sein“, sagte Rothen. „Wir haben hart daran gearbeitet, für alle Bevölkerungsschichten offen zu sein. Geht es vielleicht darum, dass die Häuser das nicht mehr wollen?“

„Den Eindruck hatte ich gestern Abend“, sagte Regin.

Er klang verärgert. Früher hätte er alles daran gesetzt, den Beitritt zur Gilde den Kindern aus den Häusern vorzubehalten. Zahlreiche Diskussionen mit Sonea, aber auch der mit einer Öffnung verbundene Zuwachs an Kriegern, hatten seine Meinung geändert. Dass er seinen Standpunkt so leidenschaftlich vertrat, sprach jedoch dafür, dass er Carrien von Tenvar für diese Steuerreform verantwortlich machte.

Osen stöhnte. „Keine Spekulationen, bitte!“

„Es kann nicht sein, dass nicht mehr genug Unterrichtsmaterial da sein soll“, sagte Rothen. „Denn genau das wäre die Konsequenz.“

„Von der Instanthaltung der Forts und der Versorgung der dort lebenden Krieger einmal abgesehen“, sagte Regin.

„Wir leben in Friedenszeiten und die Verräter helfen bei der Bewachung der Grenze“, erinnerte Osen.

„Vor zwei Jahren haben wir gesehen, wie wunderbar das funktioniert hat“, gab Regin zurück.

„Regin hat recht“, sagte Sonea. „Die Sicherung der Grenze ist ebenso wichtig wie die Heilkunst und die Ausbildung unserer Novizin. In allen Disziplinen. Die Reichen haben mehr als genug Geld. Selbst jetzt haben sie mehr als sie ausgeben können. Geht doch nur einmal auf eines der rauschenden Feste, die sie andauernd feiern. Ich wette, wir könnten doppelt so groß sein wie jetzt und sie hätten immer noch genug Geld übrig!“ Allmählich begann sie zu glauben, dass an Regins Verdacht etwas Wahres dran war. Allerdings aus einem anderen Grund.

„Es gibt auch andere Wege, dieses Problem zu beheben.“ Osen und Regin zuckten zusammen. Sonea verkniff sich derweil ein Lächeln. Wie konnte er in solchen Diskussionen nur so ruhig bleiben?

„Hoher Lord, wie lautet Euer Vorschlag?“, fragte der Administrator.

„Die Gilde braucht Magier nicht über ihr reguläres Gehalt hinauszubezahlen. Wenn sie für externe Leistungen beauftragt werden, wie etwa für ein Bauprojekt, dann möge die Bezahlung im Ermessen des Bauherrn liegen, so wie es bei jeder anderen Berufsgruppe ist. Doch stattdessen werden jene Magier direkt über uns bezahlt.“

„Im Prinzip gebe ich Euch recht, Hoher Lord“, sprach Osen. „Doch ich möchte daran erinnern, dass auch dies Steuergelder sind.“

„Das ist richtig, doch es wäre die logische Konsequenz aus dieser Gesetzesänderung.“

Sonea richtete ihren Willen auf ihren Blutring.

- Wieso lässt du es mir eigentlich durchgehen, wenn ich so hitzig bin?

- Irgendjemand muss ihnen die Meinung sagen.

- Und warum nicht du? Du hast den größeren Einfluss.

- Vielleicht finde ich es einfach nur amüsant zu sehen, wie du es tust.

Mit einem leisen mentalen Schnauben zog Sonea sich zurück.

„Der Hohe Lord hat recht“, sagte sie. „Einige Magier sind überbezahlt. Und damit meine ich nicht Bauprojekte und dergleichen. Ich bin nur Studienleiterin und verdiene genug, dass ich meine Forschung selbst finanzieren kann. Ich habe mein Geld genutzt, um meiner Familie ein Haus zu kaufen. Darüber hinaus brauche ich es nicht. Wenn man also schon spart, dann sollten auch die Gehälter der höheren Magier gekürzt werden, wohingegen ich es bei den übrigen Magiern nicht für nötig erachte. Denn in einer Hinsicht haben die Häuser recht: Wir sind so verwöhnt, als würden wir in den Häusern leben.“

„Was auch nur fair ist, wo wir so viel für dieses Land tun!“, sagte Regin.

Die übrigen Magier wirkten nicht begeistert. Sonea schenkte jedem von ihnen einen grimmigen Blick. Zuletzt begegnete sie Rothens blauen Augen, der ihr zuzwinkerte.

- Ich sage es nicht gerne, aber du hast recht, sandte er.

- Danke, Rothen.

- Das heißt trotzdem nicht, dass wir uns diese Kürzung gefallen lassen dürfen.

- Das habe ich auch nicht gesagt.

„Eine Kürzung unserer Gehälter kommt nicht in Frage“, sagte Osen. „Die Gehälter sind entsprechend unserer Tätigkeiten gewählt.“

„Ein bisschen Demut könnte dennoch einigen von uns guttun“, erwiderte Sonea. „Dann trifft es auch nicht die Bereiche so hart, bei denen es darauf ankommt.“

„Ich hätte die Aufstockung meines Gehaltes nicht gebraucht, um Studienleiter zu werden“, sagte Rothen. „Allerdings sollten Lehre und andere wichtige Bereiche dennoch nicht leiden. Mit Soneas Vorschlag könnten wir einen kleinen Teil der Einbußen kompensieren, aber dem eigentlichen Problem wäre damit noch nicht geholfen.“

„Das würde jemand mit Frau und Kindern anders sehen“, sagte Peakin.

„Frauen, die häufig aus den Häusern angeheiratet sind und eine gute Mitgift bringen“, bemerkte Sonea. Durch das Blutjuwel sandte Akkarin ihr seine Erheiterung.

„In diesem Fall sollte Euch eine Kürzung nichts ausmachen, werter Kollege“, sagte Rothen.

Der Universitätsgong erklang. „Ich fürchte, wir müssen das hier beenden“, sagte Osen. „Wir werden das bei der Gildenversammlung nächsten Monat erneut diskutieren. Wer nicht mit der Änderung einverstanden ist, lege bis dahin bitte ernsthafte Vorschläge vor.“

- Hat er dich gerade beleidigt?, sandte Sonea.

- Ich glaube, er meinte die anderen, antwortete Akkarin. Und nein, rege dich jetzt nicht auf.

- Er denkt nur ans Sparen.

- Er hat nicht ganz unrecht, Sonea.

- Befürwortest du diesen Wahnsinn etwa?

- Das habe ich nicht gesagt.

Die höheren Magier erhoben sich und verließen den Raum. Sonea leerte ihr Wasserglas und trat mit Akkarin auf den Flur.

„In dir scheint wirklich ein kleiner Krieger zu stecken“, sagte sie zu Rothen.

Ihr Ziehvater schenkte ihr ein schiefes Lächeln. Seine blauen Augen zwinkerten jedoch. „Ich tue nur, was eine kriegerische junge Lady mich einst gelehrt hat.“


***


Regin blinzelte gegen das Sonnenlicht und heilte zum wiederholten Mal an diesem Tag seine Kopfschmerzen. Eigentlich hatte Strategie auf dem Plan gestanden. Doch zur Freude seiner Novizen, die an einem Vierttag schon mehr an das Wochenende als an komplexe Aufgabenstellungen dachten, war er mit ihnen in die Arena gegangen.

Die Novizen hielten Regin vermutlich für einen guten Lehrer. Allerdings wussten sie nicht, dass Regin an diesem Tag selbst nicht nach komplexen Gedankengängen zumute war. Den vergangenen Abend hatte er nur mit viel Wein überstanden. Sehnsüchtig dachte er an die Gelegenheiten, zu denen er mit seinem Freund Kayan zu einem Fest im Palast gegangen war. Mit seiner Mutter hingegen war es eine Qual. Im Nachhinein fragte Regin sich, ob Drosalia seine früheren Eskapaden nutzte, um ihn nun an ihrer Seite zu behalten und allen zu zeigen, dass er sich „gebessert“ hatte.

Regin hasste es.

Ich sollte ihr wirklich einen zweiten Mann suchen, dachte er nicht zum ersten Mal.

Wütende Stimmen brachten ihn zurück in die Gegenwart. Lina verfolgte Karrin durch die Arena und bombardierte seinen Schild mit starken Kraftschlägen. Regin runzelte die Stirn. An diesem Tag schien ihre Laune noch schlechter als üblich. Einige der anderen Paare hatten ihr Duell unterbrochen und verfolgten den Kampf, darunter Sanina und Alia. Die Augen der beiden Mädchen leuchteten. Nur Erryl und Valin waren ganz in ihren Kampf vertieft.

Regin hob eine Hand. „Halt!“

Die Novizen, die noch kämpften, hielten inne. Karrin zögerte einen Moment, doch als er bemerkte, dass Lina den Angriff nicht einstellte, konterte er mit mindestens ebenso starken Kraftschlägen. Linas Antwort darauf waren weitere Kraftschläge und ein Hitzeschlag durch den Boden. Ihr Gesicht war von Zorn verzerrt. Karrin hingegen wirkte, als wäre er von ihrem Temperament überrascht.

„Ich sagte: Halt!“

Regins magisch verstärkte Stimme hallte zwischen den Sitztribünen wider. „Und das bedeutet, das alle ihre Kämpfe einstellen!“

Karrin gehorchte, ließ seinen Schild jedoch nicht sinken. Einen Augenblick später sah Regin wieso. „Lina!“, rief er und sandte einen warnenden Betäubungsschlag gegen ihren Schild. „Ich sagte, aufhören!“

Das Mädchen wandte sich um, ihre Miene war trotzig. „Ich bitte um Entschuldigung, Lord Regin.“

Regin betrachtete sie verärgert. Einst hätte er ihr Verhalten auf ihre Herkunft geschoben, doch mittlerweile wusste er es besser. „Ich werde deiner Mentorin ein paar weitere Lektionen in Disziplin und Kriegeretikette empfehlen. Für nächste Stunde wirst du außerdem einen Aufsatz über die Gefahren bei Nichteinhaltung schreiben. Und das gilt auch für dich Karrin.“

Karrin sah aus, als wolle er protestieren. „Ja, Mylord“, sagte er dann.

„Lina?“

„Ja, Mylord“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Angesichts ihrer Strafarbeiten der letzten Wochen konnte Regin jedoch kein Verständnis aufbringen.

„Lina, du siehst den Rest der Stunde von der Tribüne aus zu. Karrin, du wirst mit mir weitermachen.“ Er wandte sich zum Rest seiner Klasse. „Und der Rest zurück an die Übung!“

Die Luft flimmerte, als Schilde errichtet wurden. Regin wandte sich zu Karrin. „Du bist Klassenbester. Zeig mal, was du kannst.“

Karrin errichtete einen Schild und auf Regins Kommando begannen sie zu kämpfen. Obwohl Karrin nicht Regins jahrelange Erfahrung besaß, begann Regin seine Idee bald zu bereuen. Komplexe Gedankengänge mochten ihm schwerfallen, doch kämpfen war in seinem Zustand anscheinend nicht viel einfacher.

Ich hätte die Novizen Kyrima spielen lassen sollen, dachte er. Aber dafür war es nun zu spät. Für die Nachmittagsrunde schwante ihm bereits Schlimmes.

Etwas Grünes bewegte sich durch den Park, das nicht so ganz zum Grün der Bäume und Hecken passte. Regin zuckte zusammen, als er sie erkannte. Die grünen Roben flatterten geschäftsmäßig hinter ihr, als habe sie es eilig. Am vergangenen Abend war es schwierig gewesen, sie zu ignorieren und er hatte mehr von ihr mitbekommen, als ihm lieb war. Sie jetzt zu sehen, verbesserte seine Stimmung nicht gerade.

Etwas erschütterte seinen Schild und forcierte seine Aufmerksamkeit wieder auf den Übungskampf. Karrin hatte seine Abgelenktheit genutzt und ihn mit mehreren starken Feuerschlägen angegriffen, die zwischen schwächeren versteckt waren. Angesichts des Grades seiner Abgelenktheit fand Regin, dass ein einfacher Kraftschlag dasselbe bewirkt hätte. Glücklicherweise wusste Karrin das nicht.

Regin lächelte grimmig in sich hinein. Lassen wir ihn glauben, dass meine Konzentration heute schlecht ist, und verleiten wir ihn zu einem Fehler.

Vorgebend sich über seine Unaufmerksamkeit zu ärgern, konterte er mit zwei Feuerschlägen. Karrin konterte mit doppelten Kraftschlägen, die Regin abwehrte. Obwohl Karrin sie durch die Hinzugabe von Licht stärker aussehen ließ, ließ Regin sich davon nicht in die Irre führen. Stattdessen sandte er einen starken Feuerschlag aus, den er kurz vor Karrins Schild in Dutzende harmlose Betäubungsschläge umwandelte.

Daraufhin griff Karrin mit einem Hagel von Feuerschlägen an, in denen er Kraftschläge versteckte. Regin ließ die Kraftschläge durch und spielte den Überraschten, als sie auf seinen Schild trafen. Mit einem unterdrückten Grollen konterte er.

Karrins nächster Angriff waren erneut doppelte Kraftschläge mit einer Lichtkomponente. Dieses Mal waren sie jedoch stärker. Regin reagierte darauf mit eigenen Kraftschlägen derselben Stärke. Magie traf auf Magie und dissipierte.

„Genug“, sagte er. „Du hast dich gut geschlagen, Karrin. Für den Rest der Stunde hilf Valin und Erryl.“

„Ja, Mylord.“ Der Junge verneigte sich und schritt zu den beiden Novizen.

Regin sah ihm nach und inspizierte dann Sanina und Alia, die an diesem Tag außerordentlich gut harmonierten. Fast schon zu gut. Vielleicht war an den Gerüchten, dass sie sich gegen Lina verschworen hatten, etwas dran.

„Was ist mit dir los?“, fragte er Lina nach Ende der Stunde draußen vor dem Portal. „Du bist doch sonst nicht so aggressiv Karrin gegenüber.“

„Nichts“, antwortete Lina.

„Was auch immer dich beschäftigt, ich erwarte, dass du dir in meinem Unterricht Mühe gibst, aufmerksam bist und dich an die Regeln hältst“, sagte Regin. „Andernfalls werde ich deine Mentorin darüber in Kenntnis setzen, damit sie sich des Problems annimmt.“

Er war sich bewusst, dass er Lina damit eine Sonderbehandlung zukommen ließ. Doch wenn Sonea sich in den Kopf gesetzt hatte, das Mädchen zu ihrer Nachfolgerin auszubilden, dann war Regin als ihr Lehrer verpflichtet, eine gewisse Unterstützung zu bieten. Auch wenn Regin mehr und mehr zu zweifeln begann, dass das eine so gute Idee war. Und wenn er Soneas Reaktion neulich im Abendsaal richtig gedeutet hatte, dachte sie ähnlich.

„Ja, Lord Regin.“ Die Worte kamen höchst unwillig und zwischen zusammengepressten Zähnen.

„Kann ich mich darauf verlassen?“, fragte er.

„Ja“, wiederholte Lina.

„Gut“, sagte Regin. „Denn deine Mentorin wird mir eine öffentliche Tracht Prügel in der Arena verpassen, wenn ich mich nicht angemessen um deine Ausbildung kümmere.“

Ein scheues Lächeln huschte über Linas Gesicht. „Ist das so?“

Wenn du wüsstest … „Ja“, antwortete Regin. „Und sie ist nicht die Einzige mit hohen Ansprüchen an dich.“

Linas Wangen färbten sich rosa. „Nein, da habt Ihr wohl recht.“

Auch das noch, dachte Regin. Aber wenn das Lina dazu veranlasste, sich in seinem Unterricht besser zusammenzureißen, dann sollte ihm das recht sein. Eine Novizin mit einer irrsinnigen Schwärmerei war allemal besser, als sich Sonea zum Feind zu machen.


***


Sonea attackierte die Krieger vor sich mit einem Hagel aus Kraftschlägen. An diesem Tag war ihr nicht nach komplexen Angriffsmustern und so wie es schien, genügten eine grimmige Miene und kraftvolle Angriffe, um die Krieger zu verunsichern. Ein Hitzeschlag durch den Boden als Ablenkung und zwei weitere Angriffe und der Schild brach zusammen. Ihre Magie traf die Inneren Schilde von zwei Kriegern und diese zogen sich aus der Gruppe zurück.

Sie richtete ihren Willen auf ihr Blutjuwel.

- Wie läuft es bei dir?

- Überraschend leicht, antwortete Akkarin. Es scheint, als hätte die zweiwöchige Pause sie ihr gesamtes Talent gekostet.

Sonea sandte ihm ihre Erheiterung.

- Ich hätte nicht übel Lust, das hier schnell zu beenden, fügte sie hinzu. Ich bin immer noch etwas müde von gestern.

- Soll mir recht sein, antwortete Akkarin. Dann haben wir noch ein wenig Zeit für uns, bevor die Kinder nach Hause kommen.

- Woher wusste ich nur, dass dir das zusagt?, bemerkte Sonea.

- Komm her.

Der Befehl war mit so viel Autorität erfüllt, dass Sonea sich ihm nicht einmal hätte verweigern können, hätte sie das gewollt. Sie ließ sich zurückfallen und schritt rückwärts auf Akkarin zu. Die Krieger folgten ihr, offenkundig in dem Glauben, der Angriff auf ihre beiden Kameraden habe Sonea zu viel ihrer Magie gekostet. Als sie erkannten, in welche Richtung sie wollte, teilten sie sich auf, um ihr den Weg abzuschneiden.

„Ganz schlechte Idee“, sagte Sonea und trieb die beiden Krieger, die sich zu ihren Seiten bewegt hatten, mit einer raschen Folge von Angriffen zurück. Dann beeilte sie sich, zu Akkarin aufzuschließen.

Ihre Schilde vereinten sich. Sonea ergriff die Hand, die er nach ihr ausgestreckt hatte, dann vereinte sich auch ihre Magie. Gemeinsam attackierten sie Akkarins Gegner, die von einem übernächtigt aussehenden Regin angeführt wurden.

- Ich bin überrascht, dass sie sich noch halten, sandte Sonea.

- Regin überlässt die Angriffe Lord Dayend. Er delegiert nur.

- Dann stören wir ihre Kommunikation und beenden das Trauerspiel, sandte Sonea.

- Ich überlasse dir mit Freuden den Vortritt.

Natürlich tat er das. Es amüsierte ihn, dabei zuzusehen, wie Sonea den Kriegern und insbesondere ihrem Freund und Erzfeind den Garaus machte.

Sie lenkte die Krieger mit einem komplizierten Muster aus Hitzeschlägen ab, dann attackierte sie Dayend mit Gedankenschlag. Der Gegenangriff kam zum Erliegen. Auf Regins Gesicht spiegelte sich Verwirrung und Sonea nutzte diese, um auch ihn mit Gedankenschlag anzugreifen.

- Jetzt, sandte sie und nur einen Augenblick später kam Akkarins Angriff so vernichtend, dass sich der Schild vor Regin auflöste.

„Halt!“, rief Regin.

Die Krieger stellten die Angriffe ein und die Schilde wurden gesenkt. „Die Runde geht an Akkarin und Sonea“, verkündete Regin. Er lächelte betont liebenswürdig. Sonea hatte dieses Lächeln hassen gelernt. „Ich gratuliere.“

„Danke, Lord Regin“, sagte Akkarin trocken. Die Krieger, gegen die Sonea gekämpft hatten, folgten den übrigen enttäuscht aus der Arena. Akkarin legte eine Hand zwischen Soneas Schulterblätter und schloss sich ihnen an.

„Ah, Sonea. Da wäre noch etwas.“

Sonea und Akkarin wandten sich um.

„Deine Novizin war heute sehr undiszipliniert.“

Immer wenn sie etwas angestellt ist, ist sie „meine Novizin“, dachte Sonea kopfschüttelnd. „Was hat Lina jetzt schon wieder getan?“, fragte sie.

„Sie hat meine Befehle missachtet und damit die anderen Novizen im Kurs gefährdet. Ich habe ihr einen Aufsatz zu diesem Thema für die nächste Stunde aufgegeben. Und ich habe ihr gesagt, dass ich dir Lektionen in Disziplin und Kriegeretikette empfehle.“

Auch das noch!, dachte Sonea. So wie Lina sich momentan verhielt, würde es jedoch nicht schaden. „Ich werde mir etwas überlegen“, sagte sie. „Wahrscheinlich missfällt ihr, dass wir die Privatstunden am Vierttag wieder eingestellt haben.“

„Das würde vieles erklären“, stimmte Regin zu. „Brauchst du ein paar Anregungen?“

Sonea sah zu Akkarin. „Ich denke, da fällt mir genug ein. Aber ich komme gerne auf dich zurück.“

Vor der Arena verabschiedeten sich. Regin schlug den Weg zum Magierquartier ein, Sonea und Akkarin hielten auf die Residenz zu. „Ich sollte mit Lina reden“, sagte Sonea. „Aber sie hat gerade Unterricht.“

„Dann such sie nach dem Abendessen auf“, sagte Akkarin. „Oder morgen.“

„Ich werde es nach dem Abendessen versuchen.“ Sonea seufzte. „Denn morgen möchte ich mich einmal nicht über Problemnovizen ärgern müssen.“

„Was absolut verständlich ist.“

„Ich muss dir übrigens sagen, dass ich dir noch nie so dankbar war, dass du mir verbietest zu viel zu trinken. So wie gestern.“

„Dafür, dass du diese Regel oft genug missachtest, ist diese Einsicht bemerkenswert.“

Sonea schnaubte. „Das tue ich nur, wenn ich am nächsten Tag nicht früh aufstehen muss. Außerdem hat Lorlen bereits sehr treffend festgestellt, warum ich diese Regel missachte.“

„Richtig. Aber wieso bist du heute so dankbar?“

„Regin.“ Sie grinste. „Er versucht, es mit Magie zu heilen, aber seine Reaktionszeit ließ ziemlich zu wünschen übrig. Er überlässt sonst nie den Angriff einem anderen Krieger. Aber weil ich dir gestern auf dem Ball gehorcht habe, konnte ich es ihm zeigen.“

„Zu schade, dass du das nicht auch bei mir tust.“

„Um es dir zu zeigen?“, fragte sie frech.

„Pass auf, was du sagst, Sonea“, warnte Akkarin. „Bis die Kinder nach Hause kommen, kann ich noch einiges tun, um mit dir an deinem Gehorsam zu arbeiten.“

„Und deswegen“, sagte Sonea. „Lässt du mir gar keine andere Wahl als gegen dich aufzubegehren.“


***


Die Hitze flimmerte über dem Palasthof, als Ivasako aus dem Eingangsportal des Palastes trat. Zwei Palastwachen salutierten und marschierten zu den Toren, deren Gold in den Strahlen der Spätnachmittagssonne gleißte. Ivasako folgte ihnen ein wenig langsamer. Kurz vor den Toren kamen ihm zwei andere Palastwachen entgegen.

Vor ihm blieben die beiden jungen Männer stehen und salutierten.

„Jorika“, sagte Ivasako. „Und Marika.“

„Palastmeister.“

„Ich nehme an, eure Schicht war ruhig?“, fragte Ivasako.

„Nur ein paar Besucher, die Audienzen wollten, und ein Händler aus Elyne, der dem König seinen Wein verkaufen wollte“, antwortete Marika. „Ich habe ihn an Hariko weitergeleitet.“

„Dann werde ich seinen Bericht gewiss später noch lesen“, sagte Ivasako. Nach einem unerwartet einberufenen Treffen der Berater am Vormittag hatte er den Nachmittag damit zugebracht, Harlen auf seiner Visite zu begleiten. Sein Büro hatte er für diese Zeit Hariko überlassen, der nach Dikacha und Jorika sich am besten für Verwaltungsaufgaben eignete. Mit dem fortschreitenden Sommer gab es unter den Sklaven mehrere Fälle von Sommerfieber. Harlen glaubte, Ivasako wolle sich versichern, dass den Palastwachen kein Leid geschah. In Wirklichkeit versuchte Ivasako, von dem anderen Mann zu lernen. Er hatte nie jemandem verraten, dass er ein paar Heiltricks der Gildenmagier gelernt hatte. Und so sollte es auch bleiben.

Er nickte zu Jorika. „Habt ihr zwei etwas vor?“

Jorika schüttelte den Kopf. Marika warf einen kurzen Blick zu seinem Kameraden und sagte dann: „Ich gehe etwas essen. Den ganzen Tag rumstehen macht hungrig. Einen schönen Abend noch, Palastmeister. Jorika.“

„Dir auch“, erwiderte Ivasako sich eine Bemerkung darüber, dass Rumstehen auch eine wichtige Aufgabe war, verkneifend. Er sah zu seinem Zögling. „Möchtest du mich ins Badehaus begleiten? Ich war gerade auf dem Weg dorthin. Ienara hat sich gestern schon daran gestört, dass wir ungewaschen zum Abendmahl erschienen sind.“

Jorika nickte. „Ich kann auch auf ihre Schelte verzichten. Und ich habe da vorne ziemlich geschwitzt.“

Sie setzten sich in Bewegung in Richtung Park. Lange her, dass ich selbst am Tor stand. Marika hatte Ivasakos Magie entfesselt und ihn unterrichtet, um einen ebenbürtigen Spielgefährten aus ihm zu machen. König Vareka war damit nur bedingt einverstanden gewesen. Darüber war Ivasako zur Palastwache gekommen und schließlich Marikas Leibwächter geworden. All die Zeit über hatte er nie aufgehört, Marikas engster Vertrauter zu sein. Fünfzehn Jahre und es verging kein Tag, an dem Ivasako sich nicht die Schuld gab, weil er versagt hatte, seinen Meister zu beschützen.

„Ich kann nicht behaupten, dass ein stickiges Sklavenhaus weniger angenehm ist“, sagte er.

„Konnte Harlen sie alle heilen?“, fragte Jorika.

„Er hat ihre Symptome gelindert, so dass sie von alleine genesen. Er sagt, das stärkt ihre Widerstandsfähigkeit für spätere Krankheiten.“

„Ah“, machte Jorika.

Sie betraten den Palastgarten. Obwohl die Schatten allmählich länger wurden, war die Luft noch geschwängert mit dem Duft zahlreicher Blüten. Ein Schwarm Chivill tanzte auf einem Flecken Sonne auf einer kleinen Lichtung. Vom Badehaus kam ihnen eine Gruppe junger Frauen entgegen. Als sie Ivasako und Jorika erblickten, warfen sie sich anmutig zu Boden und eilten dann weiter. Jorika hielt inne und starrte ihnen hinterher.

Ivasako nahm einen tiefen Atemzug. „Ah, die Alutablüten riechen heute wirklich betörend!“, sagte er.

„Kann sein.“ Jorika löste sich von dem Anblick und schloss zu Ivasako auf.

„Vielleicht pflücke ich ein paar und schenke sie Ienara. Dann wird ihre feine Nase sich auch nicht beschweren, sollten wir nicht alle schmutzigen Stellen erwischt haben.“

„Mach das.“

Ivasako wandte den Kopf. „Du bist auf einmal so schweigsam.“

„Ich mag kein Aluta. Eigentlich finde ich, dass es stinkt.“

„Es gibt auch andere schöne Blüten mit betörenden Düften“, sagte Ivasako. „Nicht, dass Ienara nachher denkt, wir beide würden sie umwerben. Sie war dir all die Jahre eine Mutter.“

Jorikas Lippen formten eine dünne Linie und er schwieg.

Für den Rest des Weges sprachen sie kein Wort. Anstatt das Bad der Palastwache zu nutzen, betraten sie das Bad des Palastmeisters, das der König für Ivasako und seine kleine Familie hatte anbauen lassen. Im Bad der Palastwache waren immer ein paar Palastwachen anzutreffen und so sehr Ivasako den Austausch mit ihnen schätzte, zog er manchmal die Privatsphäre seines eigenen Bades vor.

„Die Cachira hat es dir angetan, nicht wahr?“, brachte Ivasako den Anlass ihres Bades auf den Punkt, kaum dass sie im heißen Wasser entspannten. „Wer ist es? Vielleicht das Duna-Mädchen – wie heißt sie noch gleich?“

„Alayah“, sagte Jorika. „Und nein, ich begehre sie nicht.“

„Viele Männer finden Duna-Frauen anziehend.“

„Aber ich nicht.“

„Also ist es eine andere?“ Als Jorika nicht antwortete, lächelte Ivasako. „Du kannst es mir ruhig sagen. Ich habe Ienara schon begehrt, als Vareka sie seinem Sohn zu seinem sechzehnten Geburtstag geschenkt hat. Ich weiß, wie sich unerfülltes Verlangen anfühlt.“

Jorika zuckte zusammen. Er griff nach einem Schwamm und fing an sich zu waschen, als würde ihn das von einer Antwort entbinden. Ivasako wählte eine herbe Kräuterseife und verteilte diese auf einem weiteren Schwamm.

„Ashala.“

Das Wort kam so leise, dass Ivasako es beinahe überhört hätte.

Also doch. Es fiel Ivasako schwer, sich seinen Triumph nicht anmerken zu lassen. Auch wenn es Ienara gewesen war, der das aufgefallen war.

„Ich freue mich, dass es ein Mädchen gibt, das du begehrst, doch irgendetwas sagt mir, dass du damit nicht glücklich bist“, sagte er.

„Weil es keine Rolle spielt. Sie gehört dem König.“

„Anscheinend spielt es eine genügend große Rolle, dass dich das ärgert.“

Genervt warf Jorika den Schwamm ins Wasser. „Ja, es ärgert mich. Und es ärgert mich, dass ich das akzeptieren muss.“

„Das musst du nicht.“ Ivasako lächelte. „Wenn du möchtest, spreche ich mit dem König, ob er sie dir überlässt oder ob es ihm etwas ausmachen würde, wenn du mit ihr anbandelst.“

„Nein!“, sagte Jorika. „Bevor du das versuchst, schlage ich mir Ashala lieber aus dem Kopf.“

„In diesem Fall werde ich dir prophezeien, dass du dich für den Rest deines Lebens nach ihr verzehren wirst. Das habe ich fünfundzwanzig Jahre bei Ienara versucht und bin gescheitert.“

Mit einem Schnauben tauchte Jorika unter. Ivasako fuhr mit seiner Wäsche fort. Als sein Zögling prustend wieder auftauchte, hatte er den Schwamm durch eine Rasierklinge getauscht.

„Ich war wie du damals“, sagte Ivasako, während er seine rechte Wange rasierte. „Marika hat seine Sklavinnen an Palastwachen gegeben. Doch ich habe es nie gewagt, ihn um Ienara zu bitten. Nicht einmal, als sie schon lange nicht mehr seine Lieblingssklavin war.“ Jorika funkelte ihn an, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die schwarzen Locken an seinem Kopf klebend. „Es muss nicht so sein, Jorika.“

„Ich will trotzdem nicht, dass du Ishaka für mich fragst.“

„Nun, dann musst du ihn entweder selbst fragen oder für immer leiden.“

„Ich …“, begann Jorika. „Nein. Das geht auch wieder vorbei. Sie interessiert sich sowieso nicht für mich.“

Ivasako lächelte. „Das sah vorhin aber …“

„Palastmeister!“

Rasche Schritte näherten sich, dann betrat Hariko das Bad. „Verzeih die Störung, doch der König wünscht Euch zu sprechen.“

Ivasako nickte. „Ich bin unterwegs.“ Er legte den Rasierer weg und erhob sich. „Wie es aussieht, wird Ienara heute nicht meinen Geruch, sondern mein Zuspätkommen bemängeln. Genieß dein Bad, Jorika. Ich werde heute wohl Überstunden machen.“

Zehn Minuten später hatte er Ishakas Gemächer erreicht. Der König stand an einem der großen Fenster im Raum des Meisters, seine Frau Zara und seine jüngeren Töchter Avaria und Ittiri saßen auf Diwanen. Sie alle wirkten blass und angespannt, wenn auch nicht mehr so sehr wie an diesem Morgen, als Ivasako die königliche Familie bei ihrem Morgenmahl gestört hatte. Ikachi saß auf einem gepolsterten Hocker und zupfte lustlos auf einer Laute. Ishaka bestand darauf, dass seine Kinder neben der Vorbereitung auf ihre Rollen auch ihre kreativen Talente förderten. Sein Thronfolger war musikalisch begabt, war vom Musizieren jedoch nicht allzu angetan, weil es in seinen Augen eine Tätigkeit für Sklaven war.

„Mein König, wie kann ich Euch dienen?“, fragte Ivasako und warf sich zu Boden.

König Ishaka wandte sich um. „Ivasako“, sagte er. „Kommt mit in mein Arbeitszimmer.“

Ivasako kam auf die Füße und folgte dem anderen Mann durch eine Tür, die vom Raum des Meisters abzweigte. Als er eintrat, hatte sich der König bereits dort an ein Fenster gestellt.

„Setzt Euch oder steht – wie es Euch beliebt.“

Ishakas Stimme war ungewohnt monoton. Der Palastmeister wusste damit nichts anzufangen.

„Mein König?“, fragte Ivasako.

„Habt Ihr etwas Neues von Dikacha gehört?“

„Nein, mein König.“ Ivasako stellte sich in einem respektvollen Abstand neben Ishaka ans Fenster. „Doch wenn ich etwas erfahre, werde ich Euch sofort benachrichtigen.“

„Verzeiht, Palastmeister. Ich wollte nicht implizieren, dass ich an Euch zweifele.“

„Das habe ich auch nicht angenommen“, erwiderte Ivasako mit einem wehmütigen Lächeln. „Ich verstehe Eure Besorgnis.“ Auch er war besorgt, seit Dikacha ihn am Morgen gerufen und über den nächtlichen Überfall auf die Eskorte berichtet hatte. Er, zwei Palastwachen und drei Verräter hatten die Angreifer für eine Stunde verfolgt, doch in der Dunkelheit hatten diese sich aufgeteilt und Dikacha war gezwungen gewesen, zum Lager zurückzukehren. Außer dem Zelt der Prinzessin und dem Karren hatte es keine Schäden gegeben, was Ivasako zu der Frage brachte, warum der Angriff überhaupt stattgefunden hatte.

„Soeben erhielt ich Nachricht von Anjiaka. Ihre Leute vermuten, dass die Angreifer von einer Party stammen, die in der vergangenen Nacht auf einem Anwesen nur wenige Wegstunden entfernt stattfand“, sagte Ishaka. „Eine ihrer Leute war auf der Party. Sie berichtet, dass sich während der Party keine Ashaki von dem Anwesen entfernt hätten und es kam auch niemand zu spät. Anjiaka glaubt, sie hätten die Eskorte auf dem Rückweg angegriffen.“

„Kann ihre Beobachterin die Namen eingrenzen?“

„Ihr Mann hat die Party relativ früh wieder verlassen, doch sie hat eine Liste aller Gäste übermittelt. Darunter sind die Namen einiger früherer Kunden Sarekos.“

Sareko schon wieder. Der Palastmeister bereute noch mehr, dass er seinen Helfer damals gewarnt hatte. „Die halben Fruchtbaren Regionen haben bei Sareko eingekauft“, wandte er ein. „Das ist eine gute Spur, aber noch nichts Handfestes.“

„Die Ermittlungen haben gerade begonnen. Anjiaka hofft, bis zum Ende der Woche mehr Informationen zu haben.“

„Ich würde die Liste gerne sehen“, sagte Ivasako.

„Sie liegt auf meinem Schreibtisch.“

Der Palastmeister löste sich vom Fenster und schritt zu Ishakas Schreibtisch, auf dem ein einzelnes Blatt Papier lag. Er hob es auf und überflog es. „Da sind einige Namen von Ashaki, die in irgendeiner Weise zu Sarekos Freunden im Ichani-Gebiet in Verbindung stehen“, sagte er. Zwei dieser Ashaki hatten auch bei Sareko Sklaven eingekauft. „Zu schade, dass die Verräterin die Party schon so früh verlassen musste. Es wäre interessant zu wissen, wann diese gegangen sind. Doch so haben wir immerhin einen Anhaltspunkt.“

Ishaka nickte.

„Mein König, hätten wir das gewusst, hätte es Anzeichen gegeben, so hätte ich Eurer Tochter doppelt so viele Palastwachen mitgegeben“, sagte Ivasako. „Dass es zu diesem Überfall kam, sehe ich auch als meinen Fehler.“

Der König von Sachaka wandte sich ihm zu. „Ihr habt die besten Männer für diese Mission ausgewählt, Ivasako. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr stimme ich den Verrätern und Dikacha zu: Dieser Angriff zielte weniger auf das Leben meiner Tochter ab, als darauf Unruhe und Zweifel zu säen. Denn andernfalls wäre der Angriff mit einer kleinen Armee erfolgt.“

„Das halte auch ich für am wahrscheinlichsten. Dennoch bleibt ein Restzweifel“, sagte Ivasako. „In den Unruhen, denen dieses Land in den vergangenen Jahrzehnten unterworfen war, habe ich gelernt, dass die logischste Erklärung nicht immer auch der Wahrheit entspricht.“

„Nun, da habt Ihr auch wieder recht.“

„Mein König“, begann Ivasako, „wenn ich frei sprechen darf …?“

Ishaka hob eine amüsierte Augenbraue. „Sprecht, Palastmeister.“

„Vor zwei Wochen habt Ihr an Euren Gefühlen für Eure Tochter gezweifelt. Wenn dieser Vorfall zu etwas gut war, dann, dass ich nun den Eindruck habe, dass diese Zweifel beseitigt wurden.“

Ein Lächeln umspielte Ishakas Mundwinkel. „Eure Menschenkenntnis trügt Euch nicht. Es wäre jedoch wünschenswert, wären wir unter anderen Umständen zu dieser Erkenntnis gekommen.“

„Das wäre es in der Tat“, stimmte Ivasako zu. Dass sie jetzt einen Anhaltspunkt hatten, war ein kleiner Trost. Er tröstete jedoch nicht darüber hinweg, dass er sich auf eine verdrehte Weise verantwortlich fühlte.


***


Das Licht des Tages schwand aus der Welt und das Gelände der Gilde war in tiefe Schatten getaucht. Über der Stadt hing noch ein letztes rotes Glühen und mit der lauen Luft, die durch das halbgeöffnete Fenster strömte, kam das vielstimmige Abendkonzert der Vögel im Wald. Zwei Novizen eilten die Wege entlang und entzündeten die Laternen mit ihrer Magie.

Einst hatten diese mit Öl gebrannt und die Novizen hatten den Docht entzündet. Nachdem Sonea herausgefunden hatte, wie man Kristalle mit Magie zum Leuchten bringen konnte, war das Öl durch Speichersteine ersetzt worden. Rothen erinnerte sich noch lebhaft an die Debatte in der Gildehalle als Sonea ein Jahr zuvor vorgestellt hatte, wie die in speziell gezüchteten Kristallen enthaltene Magie für eine bestimmte Zeitspanne aktiviert werden konnte. Rothen und Farand hatten ihr mit den alchemistischen Details geholfen, die dafür sorgten, dass die Kristalle nach einer gewissen Zeit wieder ausgingen. Weil die Nächte im Winter länger waren als im Sommer hatten sie eine Methode gefunden, die Kristalle auf Helligkeit reagieren zu lassen. Etwa alle zwei Wochen mussten die Kristalle mit Magie aufgeladen werden – etwas, das jeder Magier und Novize erledigen konnte.

Die Gilde hatte der Umstellung der Beleuchtung auf Kristalle zugestimmt, nachdem Sonea demonstriert hatte, dass für das Aktivieren und Aufladen keine schwarze Magie erforderlich war. Einige Magier hatten Bedenken geäußert, dass diese Kristalle bei einer Zerstörung ihre Magie unkontrolliert freigeben könnten. Sonea hatte sie daran erinnert, dass sämtliche Gebäude der Gilde mit Magie gebaut waren und ihre Zerstörung ebenfalls verheerende Folgen hatte.

„Die Magie in einem dieser Kristalle sorgt für eine geringere Zerstörung, als wenn ein durchschnittlich starker Magier unerwartet stirbt“, hatte sie gesagt. „Insofern würden wir mit diesen Kristallen als Lichtquellen nicht gefährlicher leben, als wir es ohnehin schon tun. Dafür würden wir Rohstoffe und Kosten sparen.“

Vollständig aufgeladen leuchteten die Kristalle heller, als die zuvor verwendeten Öllampen, und ihr Licht war ähnlich warm.

Wenn Rothen an einige betagte Magier dachte, die sich beharrlich weigerten in die Residenzen zu ziehen, als würde das ihr Todesurteil besiegeln, hielt er Leuchtkristalle für verhältnismäßig sicher. Wer diese zerstörte, würde sich selbst mit in den Tod reißen, und sollte der Gilde ein Angriff drohen, so waren sie schnell aus den Laternen entfernt.

An diesem Abend war das Philosophieren über magische Kristalle alles, das Rothen davon abhielt, sich zu sorgen. Wenig zuvor hatte Akkarin ihn aufgesucht und ihn über eine Nachricht informiert, die er am späten Nachmittag von Dannyl erhalten hatte.

„Wird die Gilde der Eskorte Krieger entgegenschicken?“, hatte Rothen gefragt, nachdem er seinen ersten Schrecken überwunden und erfahren hatte, dass Dannyl wohlauf war und niemand zu Schaden gekommen war.

„Ich werde das mit Lord Regin diskutieren, doch in einer Woche wird Dannyl mit der Prinzessin das Fort erreichen. In dieser Zeit könnten die Krieger ihnen allenfalls bis zum Fuße der Berge entgegenkommen“, hatte Akkarin geantwortet. „Asara will für weiteren Schutz durch ihre Beobachterinnen in der Gegend sorgen. Vermutlich diente der Überfall eher dazu, uns zu verunsichern, als Schaden anzurichten.“

„Glaubt Ihr das hat mit dem Nachtschatten zu tun?“, hatte Rothen gefragt.

„Sollte das der Fall sein, dann hätte der Nachtschatten noch andere Motive als Soneas Tod. Doch es ist möglich, dass die gleichen Personen, die keine Allianz zwischen Kyralia und Sachaka wollen, Rache für den Mord an König Marika wollen.“

Dann war Akkarin gegangen, um mit dem Oberhaupt der Krieger zu sprechen, jedoch nicht ohne Rothen anzubieten, Dannyl etwas von ihm auszurichten.

„Habt Ihr noch einen Wunsch, Mylord?“

Rothen löste sich aus seiner Kontemplation und wandte sich um. Tania hatte seinen leeren Teller vom Abendessen und das Dessertschälchen auf ein Tablett geräumt und blickte ihn erwartungsvoll an.

„Danke, Tania“, sagte er. „Du kannst für heute gehen.“

„Dann wünsche ich eine gute Nacht, Mylord.“

„Dir auch.“ Mit einem Lächeln wandte Rothen sich zu seiner Anrichte und bereitete sich einen Sumi zu. Dann stellte er sich wieder ans Fenster. Mehrere Magier verließen das Gebäude in Richtung Abendsaal. Rothen blickte ihnen ohne Neid nach. An diesem Abend würde er sich ihnen nicht anschließen.

Erfreut trank er einen Schluck und spuckte die Flüssigkeit auf der Stelle wieder aus.

„Hoppla, ist das heiß!“

Sein Mund schmerzte, als habe er kochendes Wasser getrunken. Rasch griff er nach seiner Magie und heilte sich.

„Dann sollte ich dich wohl erst gleich trinken“, murmelte er.

Es klopfte.

„Herein!“, rief Rothen und ließ die Tür aufschwingen. Noch immer das Gefühl von verbrühter Speiseröhre spürend, nahm er zu viel Magie und musste den Schwung abbremsen.

Farand trat in sein Wohnzimmer, einen Stapel Bücher und Mappen unter dem Arm.

„Nanu? Bist du heute in solch freudiger Erwartung, die Sommerprüfungen vorzubereiten?“

„Wie wahnsinnig!“, antwortete Rothen. Für einen Moment überlegte er, seinem Freund die Neuigkeiten zu erzählen, entschied sich jedoch dagegen. Für heute hatte er genug. „Ich bin die Diskussionen um die Prinzessin und die Hochzeit leid. Und wenn es nicht das ist, werden gewisse Problemnovizen diskutiert. Und je älter ich werde, desto mehr fällt mir auf, dass es mit den Magiern immer dasselbe ist. Und dass mich das mehr ermüdet, als einen ganzen Tag Erstjahresnovizen zu unterrichten.“

„Und je älter du wirst, desto mehr erwacht dein Sarkasmus.“ Amüsiert ließ Farand seine Unterlagen auf den Tisch neben die Rothens schweben und sich in einen Sessel fallen. „Und ich schätze diesen Sarkasmus.“

„Wahrhaftig!“, rief Rothen. „Jetzt bist du sarkastisch.“ Mit der noch immer zu heißen Tasse setzte er sich Farand gegenüber. „Und für so viel jugendliche Frechheit darfst du dich am Sumi selbst bedienen.“

„Das macht mir nichts aus. Ich will dich alten Mann ja nicht unnötig scheuchen.“ Farand grinste. „Doch heute begnüge ich mich mit frischem Quellwasser“, fügte er hinzu und mit einem kurzen Fuchteln seiner Hände füllte sich ein Glas auf Rothens Anrichte mit Wasser aus dem Krug und ließ es zu ihm schweben.

„Ich bin überrascht, dass Luzille dich gehenließ, wo wir doch morgen den ganzen Tag für die Vorbereitungen haben“, bemerkte Rothen. Der Sumi war noch immer brühend heiß, doch allmählich wagte er es, vorsichtig daran zu nippen.

„Je mehr Zeit wir haben, desto entspannter und gründlicher können wir alles durchgehen“, erwiderte Farand. „Außerdem sieht es ganz so aus, als hätte eine Art Lesewahn von Luzille Besitz ergriffen.“

„Noch immer die Gutenachtgeschichten?“

„Sieht ganz so aus.“ Farand machte ein unglückliches Gesicht. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass sie mich betrügt!“

Rothen lächelte. „So könnt auch nur ihr Elyner denken“, sagte er.

„Gut möglich, dass es eine elynische Marotte ist. Wir neigen zu Drama. Aber was soll ich sagen? Sie ist diesen Romanen nahezu hörig.“

„Und das verunsichert dich, weil du es gewohnt bist, ihr hörig zu sein?“, zog Rothen seinen Freund auf.

„Nun, das würde ich nicht so sagen.“ Farand errötete. „Luzille ist herrisch, aber auf eine liebenswerte Weise. Manchmal zwar nicht, aber dafür streitet man schließlich. Ich mag Frauen, die in jeder Lebenslage wissen, was sie wollen.“

Rothen hüstelte. „Und ich dachte immer, du würdest so viel von Lady Sonea halten. Nicht im romantischen Sinne.“

„Oh, das tue ich. Sie ist auch eine solche Frau. Nur dass ihre Vorlieben herrisch zu sein bei ihrem Mann ausschließen.“

„Verschone mich mit näheren Ausführungen!“, rief Rothen. Er tippte auf die Unterlagen. „Lass uns anfangen. Denn sonst hätten wir ebenso gut in den Abendsaal gehen können.“


***


Das sichere Haus in Cerys Bezirk war einst eine Bäckerei gewesen. Kolen, der Besitzer, hatte mit seinen Törtchen die halbe Nordseite in Verzückung versetzt. Seinem Erfolg hatte er zu verdanken, dass er vor ein paar Jahren ins Nordviertel gezogen war, wo er seine Törtchen nun an die wohlhabenderen Händler, Kaufleute und Dienstleister verkaufte. Wer es sich leisten konnte, nahm den Weg auf sich und kaufte hin und wieder bei ihm ein. Bei Cerys letztem Besuch hatte dieser Cery freudig von ersten Aufträgen für Parties und Empfänge der Häuser berichtet. Im gleichen Zug hatte er um Cerys Schutz gebeten. Cery, der ihn nur aufgesucht hatte, um ein paar Törtchen zu Ysanas viertem Geburtstag zu kaufen, hatte für einen Spottpreis und gratis Kuchen zugestimmt.

Bis jetzt hatte Kolen Cerys Schutz jedoch nicht nötig gehabt. Seine alte Bäckerei diente nun als Treffpunkt für die Diebe, wenn sie sich über ihre Fälle oder Angelegenheiten im Untergrund austauschten. Cery besaß noch zwei weitere solcher Häuser, so wie die meisten seiner Kollegen. Um möglichst wenig Verdacht zu erregen, wechselten sie den Ort ihrer Treffen regelmäßig. Correl und andere „richtige“ Stadtwachen, die in den Hüttenvierteln stationiert waren, wussten von diesen Treffen, wenn auch sie nicht wussten, wo sie stattfanden. Angesichts der hohen Aufklärungsquote, die die Diebe auf diese Weise erzielten, hatte noch niemand versucht herauszufinden, ob Cery und die anderen dabei auch illegale Operationen planten.

„Ceryni“, schnarrte Ravi, nachdem alle um einen Tisch im Obergeschoss versammelt waren, die Leibwächter hatten hinter ihnen Position bezogen. Der Raum wurde von mehreren Laternen erhellt, die dunklen Papierblenden und schweren Vorhänge an den Fenstern verhinderten neugierige Blicke. „Wer hat dir denn auf die Fresse gegeben? Du siehst richtig scheiße aus.“

„Deswegen hab’ ich euch zusammengerufen“, sagte Cery, den niederträchtigen Unterton ignorierend. „Es geschah übrigens in deinem Bezirk.“

Ravis schwarze Käferaugen leuchteten auf. „Wirklich? Wie interessant.“

„Also hast du dich erfolgreich mit Rashyks Geldeintreibern angelegt“, folgerte Zill.

„Jepp. Es waren insgesamt acht, aber meine Leute konnten sie verfolgen und wir wissen jetzt, wo sie wohnen.“ Am Morgen hatten Cerys Männer ihm Bericht erstattet. Was sie herausgefunden hatten, war die Blessuren mehr als wert. „Heute Vormittag erhielt ich Nachricht über ‘nen Mord, der sich in meinem Bezirk ereignet hat. Es geht um die Mordserie, über die wir schon öfter geredet haben. Aber seit heute weiß ich, dass es ’ne Verbindung zu dieser Kampfschule gibt.“

Jetzt hatte er die Aufmerksamkeit seiner Kollegen. Sie mochten gutheißen, dass Hüttenleute dort lernten, sich zu verteidigen, doch das Wettgeschäft sorgte bei ihnen für allgemeines Missfallen.

„Inwiefern Verbindung?“, fragte Gorin. „Hat endlich jemand gesehen, wer die Leichen ablegt?“

„Das nicht. Doch es wird immer wahrscheinlicher, dass Rashyks Leute dahinterstecken.“ Cery sah in die Runde. „Wir wissen von Leuten, die Schulden bei Rashyk hatten, und verschwunden sind. Bei einigen glaubten wir, sie hätten die Stadt verlassen. Andere werden von ihren Ehepartnern vermisst. In der Mordserie, der ich auf der Spur bin, gab’s vor ‘ner Weile ‘nen Toten, der regelmäßig in Rashyks Kampfschule Wetten abgeschlossen hat. Das alles sind schon ziemlich viele Zufälle. Aber jetzt wird’s noch wilder.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause. „Heute hatte ich ‘nen Toten auf meinem Tisch, den ich kennengelernt habe, als ich in der Kampfschule ermittelt habe.“

Cery verstand noch nicht, wie jener Mann in so kurzer Zeit den Tod gefunden hatte, wohingegen er selbst noch am Leben war, aber ein Zusammenhang war nicht mehr zu leugnen. Vielleicht hatte er sich kurz nach ihrer Begegnung sehr hoch verschuldet. Vielleicht hatte er auf andere Weise mit Rashyk Ärger bekommen. Er hatte einen Heiler vom Krankenhaus angefordert. Doch dieser hatte ihm nur gesagt, dass die Leiche zu verwest war, um die genaue Todesursache festzustellen, hatte jedoch ebenfalls Tod durch innere Verletzungen vermutet.

„Das sind wirklich viele Zufälle“, sagte Limek. „Zu viele, um da noch ‘nen Zusammenhang anzuzweifeln. Es wird Zeit, die Kampfschule hochzunehmen.“

„Auf jeden Fall!“, stimmte Ravi zu. „Den Leuten beim Wetten Geld abknöpfen und sie umbringen, ist organisiertes Verbrechen. Das können wir nicht dulden.“

„Vor allem nicht, weil’s Konkurrenz ist“, hüstelte Sevli.

„Es ist nicht nur Konkurrenz, es ist eine Umgangsweise mit Hüttenleuten, die allem widerspricht, wofür wir stehen“, sagte Zill hart.

„Richtig“, sagte Cery. „Niemand von uns würde so vorgehen, sonst hätten die Hüttenleute schon längst das Vertrauen in uns verloren. Die Stadtwache und der König hätten uns an den Galgen gebracht, anstatt uns offiziell solche Typen jagen zu lassen. Und deswegen müssen wir eingreifen. Leute kommen wegen dieser Bande zu uns und erbitten unseren Schutz. Aber das Problem ist so groß, dass wir nicht alle schützen können.“

„Du sagtest, du weißt, wo die Geldeintreiber wohnen“, sagte Limek. „Weißt du auch, was sie für Rashyk sonst noch tun?“

„Insgesamt drei von ihnen kenne ich von meinem Besuch bei den Kämpfen“, antwortete Cery. „Der Schlimmste von ihnen stellt die Wettscheine aus. Aber wir können sie nicht festnehmen, wenn gerade Kämpfe stattfinden und der Klub voll Leute ist.“

„Darauf wollte ich nicht hinaus. Wie viel Zeit hast du, bis sie dich erneut aufsuchen?“

„Eine Woche. Und wenn ich dann kein Geld habe … so weit wollte ich’s nicht kommen lassen.“

„Solange brauchen wir nicht. Lass die Typen beschatten und finde raus, wo sie sich tagsüber aufhalten, ob sie mit Rashyk unterrichten oder Drecksarbeit für ihn machen.“

„Ich kann meine Leute solange nicht von ihrer Arbeit abziehen“, wandte Cery ein. „Dafür ist gerade einfach zu viel los. Und es besteht die Gefahr, dass sie irgendwann auffliegen oder als Stadtwachen erkannt werden.“

„Lass mich das übernehmen, Cery.“ Alle Köpfe wandten sich zu Faren. Der Dieb aus Lonmar hatte der Diskussion bis jetzt still gelauscht. „Dafür sind meine Leute schließlich da.“

Cery nickte dankbar. „Dann klären wir nachher die Details in meinem Versteck. Meine Leute sollen sich mit deinen direkt über die Kerle austauschen.“

„Mit Vergnügen.“ Farens Zähne blitzten, als er Cery ein raubtierhaftes Lächeln schenkte. „Immer nur den Untergrund für euch zu regeln, langweilt sie.“

„Dann gib ihnen öfter was Richtiges zu tun“, sagte Zill. „Seit du zurück bist, bist du so weich geworden.“

„Ich bin vorsichtig, weil ich nicht wieder auffliegen will. Barran wartet nur auf einen Beweis, dass ich noch immer in der Stadt bin.“

„Zu schade, dass die Stadtwache unsere Diebesarbeit nicht zu schätzen weiß“, bemerkte Limek.

„Solange sie uns nix nachweisen können, ist mir das egal“, brummte Gorin.

„Konzentrieren wir uns darauf, wie wir Rashyk und seine Leute festsetzen“, sagte Zill. „Diese Kampfschule macht schon länger Ärger, als mir lieb ist.“

„Weiß eigentlich jemand, ob die Schüler auch betroffen sind?“, fragte Sevli.

„Ich weiß noch von keinem Fall, dass einer kriminell geworden ist“, sagte Gorin. „Aber das heißt nix.“

„Die Frage ist, ob wir tagsüber oder abends zuschlagen“, sagte Limek. „Gibt es Abende, an denen keine Wettkämpfe stattfinden?“

„Gibt es“, sagte Zill. „Aber dann ist auch keiner da.“

„Und tagsüber könnten die Schüler Rashyk unterstützten“, sagte Ravi.

„Womit wir diese gleich mit schnappen würden und rausfinden könnten, wie tief sie drinstecken“, sagte Faren.

„Du“, sagte Zill scharf, „schnappst niemanden. Wenn deine Leute die Beschattung beendet haben, haltet ihr euch schön zurück!“

„Wir werden vielleicht all unsere Leute für diesen Einsatz brauchen“, sagte Cery. „Je nachdem, was die Beschattung ergibt mit wie vielen Gegnern wir rechnen müssen. Farens Leute können als Stadtwachen verkleidet daran teilnehmen. Wir können das in unseren Berichten verschleiern. Wenn Farens Leute die Beschattung durchführen, muss ich sowieso ‘ne gute Ausrede für meinen Bericht finden.“

„Wo er recht hat, hat er recht“, brummte Gorin und die anderen nickten zustimmend.

„Aber sei trotzdem vorsichtig, Faren“, warnte Zill. „Vor allem, was deine Helfer aus Lonmar betrifft. So viele schwarze Stadtwachen gibt’s in Imardin nicht.“

Obwohl es angesichts ihrer Kultur der passende Beruf wäre, fuhr es Cery durch den Kopf. Er hielt inne. Dann setzte er sich so rasch auf, dass ein stechender Schmerz durch seine Lenden fuhr.

„Au!“

„Ist wirklich alles mit dir in Ordnung, Cery?“, fragte Ravi. „Bist du sicher, dass sie gestern nicht deinen Schädel weichgeprügelt haben?“

Cery ignorierte den anderen Dieb. Er wandte sich zu Faren. „Wie typisch ist es für einen Lonmar eigentlich, eine Kampfschule zu eröffnen und Leute im Kämpfen zu unterrichten?“, fragte er. „Gibt es sowas in deiner Heimat?“

„Ich war nie dort, hab’ jedoch einiges von meiner Mutter und später den Wilden Brüdern aufgeschnappt“, antwortete Faren. „Es gibt verschiedene Kampfkünste, aber die meisten werden nur noch zum Ausgleich von Körper und Geist praktiziert. Seit Lonmar in der Allianz ist, gab es keine Kriege mehr. Die strengen Regeln und die Magha-Religion schreiben eine friedliche und gewaltfreie Lebensweise vor.“

Und trotzdem gab es Sklaven und Mädchen wurden beschnitten. Cery kannte diese Seite Lonmars aus Gesprächen mit Sonea. „Also würdest du sagen, es ist eher untypisch“, folgerte er.

Faren nickte. „Was nicht heißt, dass es in Lonmar keine Gewalt gibt. Sieh mich an, ich bin ein Dieb geworden. Rashyk könnte seit Jahren in Kyralia leben und hatte ‘ne tolle Geschäftsidee, die er in die Tat umgesetzt hat. Oder er kam her, weil ihm die Regeln zuhause nicht gepasst haben. Damit wäre er nicht der erste.“

„Und“, fragte Cery weiter, „was ist mit Huren? Und zwar solchen, die auch noch Spaß am Sex haben?“

„Den Mädchen in Lonmar wird früh beigebracht, dass sie nur dem Mann gehören, den sie später heiraten. Es gibt sicher welche, die dagegen rebellieren. Aber die enden häufig in Sklaverei.“

„Oder fliehen nach Kyralia“, sagte Zill selbstgefällig.

„Hast du wieder ‘ne neue Eroberung gemacht?“, fragte Ravi entnervt.

„Schon vor ein paar Monaten. Und sie’s verdammt gut.“

„Was mich dennoch wundert“, unterbrach Cery das Geplänkel, „warum kommen dann nur so wenige Lonmar hierher, wenn sie ihre strengen Gesetze als erdrückend empfinden?“ Er verstand, warum Menschen gegen zu rigide und konservative Strukturen rebellierten, selbst wenn sie mit diesen aufwuchsen. Aber mit Farens Worten wurde ihm etwas klar, das er sein ganzes Leben nicht hinterfragt hatte, weil es nicht wichtig gewesen war.

„Die meisten werden erwischt und in die Sklaverei gezwungen oder hingerichtet“, antwortete Faren. „Und der Rest,“ er grinste, „zieht ein Leben als Pirat der langen Reise ins kalte Kyralia vor.“

„Nun“, sagte Cery. „Dann war Rashyk nicht nur gerissen genug, um der Sklaverei zu entkommen, sondern wird überdies auch noch leicht seekrank.“

Cerys Erleichterung kannte keine Grenzen, als das Treffen zu Ende war und er endlich auf dem Heimweg war. Er fühlte sich noch immer völlig zerschunden und er war zum Sterben müde. Das Treffen der Diebe hatte länger gedauert, als er erwartet hatte, doch immerhin waren sie zu brauchbaren Ergebnissen gekommen.

„Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich freue, wieder in meinem eigenen Bett zu schlafen“, sagte er zu Lana, als sie sich seinem Versteck näherten.

„War das andere Haus so schlecht?“

„Das nicht. Aber im eigenen Bett schläft es sich am besten. Außerdem vermisse ich meine Kinder.“

„Wäre auch irgendwie seltsam, wenn nicht.“ Lana eilte voraus.

Cery beeilte sich zu ihr aufzuschließen, dann hatten sie auch schon das Stück Tunnelwand erreicht, hinter dem sich der verborgene Eingang zu Cerys Versteck befand.

Helles Gelächter und ein für seine Räumlichkeiten ungewohnt lieblicher Gesang hallten Cery entgegen, als er und Lana durch die Geheimtür in sein Versteck traten. Lana einen Blick zuwerfend trat er in den Aufenthaltsraum, wo eine alte Frau in einem Sessel saß, Ysana auf dem Schoß, und ein leicht zotiges Lied sang. Krinn lehnte mit verschränkten Armen an der Wand, einen seltsam friedlichen Ausdruck auf seiner harschen Miene. Als Cery näherkam, fiel der Blick der Frau auf ihn und der Gesang endete.

„Nochmal!“, krähte Ysana. „Nochmal!“

„Ein anderes Mal“, sagte Cery. „Wenn mich nicht alles täuscht, ist Schlafenszeit.“

Ysana fuhr herum und wäre dabei fast von Voras Schoß gefallen. „Da!“

Krinn zuckte zusammen und stieß sich von der Wand ab.

Strahlend eilte Cery auf den Sessel zu und nahm seine Tochter auf den Arm und drückte sie an sich. „Ich hab dich so schrecklich vermisst, Kleines“, sagte er.

„Ich dachte, du kommst nie wieder“, klagte Ysana.

„Ich komme immer wieder“, erwiderte Cery. „Und so viel Spaß, wie du gerade hattest, kannst du mich gar nicht so sehr vermisst haben.“

„Was ist mit deinem Gesicht? Hast du dich geprügelt?“

„So etwas in der Art.“ Irgendwie war es seltsam, das vor Kindern zuzugeben.

„Ceryni.“ Vora erhob sich aus dem Sessel. „Gut, dass du zurück bist. Wenn ich nicht schon grau wäre, würde ich sagen, deine Kinder machen mir graue Haare.“

Cery lachte. „So schlimm?“

„Nicht Ysana.“ Die alte Frau knuffte das Mädchen liebevoll in die Wange. „Aber dein anderer Sprössling.“

„Was hat er jetzt schon wieder getan?“

„Das ist das Alter. Das legt sich auch wieder.“

Cery stöhnte unterdrückt. Darauf, dass sich „das Alter“ bei Errin legte, wartete er seit zwei Jahren. „Danke, dass du auf sie aufgepasst hast.“ Er griff in seine Hosentasche. „Hier“, sagte er. „Nimm das als Extra zu der Woche. Als Entschädigung für all die Unannehmlichkeiten mit Errin.“

„Da war nix unangenehm.“ Vora nahm das Goldstück entgegen und wog es in der Hand. „Danke, Ceryni. Ab morgen dann wieder wie immer?“

„Ja“, sagte Cery. „Gute Nacht, Vora.“

„Sie haben schon gegessen und alles“, fügte Vora hinzu.

„Hätte mich gewundert, wenn du sie hättest hungern lassen. Bis dahin hätten sie dich sicher in den Wahnsinn getrieben“, erwiderte Cery grinsend. „Krinn, bring Vora bitte nach draußen.“

Krinn grunzte etwas und entfernte sich dann mit dem Kindermädchen. „Komm“, sagte Cery und nahm seine kleine Tochter bei der Hand. „Gehen wir nachschauen, was Errin macht.“

Sie fanden Errin in seinem Zimmer auf dem Bett, den Rücken gegen die Wand gelehnt, ein Buch auf den angewinkelten Knien. Als Cery eintrat, sah er auf. „Da“, sagte er. „Du bist zurück.“

„Ja“, sagte Cery. „Mein Auftrag ist beendet.“

„Muss ja ein toller Auftrag gewesen sein, so scheiße, wie du aussiehst.“

„Dafür werden wir eine nie gesehene große Gruppe an Bastarden hochnehmen“, erwiderte Cery. Er deutete auf das Buch. „Lernst du noch?“

Errin schnaubte. „Ich bin schon lange fertig. Das ist so’n Roman. Irgendwie muss ich ja meine Zeit totschlagen, wenn ich nicht rauskann. Was das angeht, stinkt dieses Versteck echt.“

Das war etwas, das Cery nicht abstreiten konnte. Als sie noch in einem richtigen Haus gewohnt hatten, als sie noch eine richtige Familie gewesen waren, war es für die Kinder einfacher gewesen, sich mit anderen Kindern zu verabreden. Das Versteck eines Diebes eignete sich dazu nicht wirklich.

„Dann besuch doch Burril mal am nächsten Freitag.“

Errin verzog das Gesicht. „Burril ist ein Mistkopf!“

„Ihr wart doch mal beste Freunde, dachte ich.“

„Das ist Jahre her!“

„Ich sehe Harrin auch nicht mehr so häufig, aber deswegen kann man doch trotzdem noch befreundet sein“, sagte Cery.

„Er hat mittlerweile andere Freunde gefunden. Ich muss ja immer hier hocken.“

„Ich kann dir auch Krinn demnächst mitgeben. Oder Morren. Dann kannst du draußen so viel rumlaufen, wie du willst.“

„Da! Ich bin fast erwachsen! Ich kenne die Tunnel.“

Vora hat recht. Er ist in „dem“ Alter. Streiten würde ihn nur noch mehr verärgern. „Worum geht’s in dem Buch?“, fragte Cery.

„Piraten. Vielleicht werd’ ich ja einer, wenn du mich nicht Dieb werden lässt.“

„Dann musst du mich aber mitnehmen!“, erklärte Ysana.

Cery hob seine Tochter hoch. „Darüber reden wir, wenn du alt genug bist“, sagte er und gab ihr einen Kuss. „Komm, lassen wir Errin seine Piraten lesen.“


***


Enrasa war nicht nur ein Spiel, das die Geschichten aus dem Land des sichelförmigen Mondes erzählte, es war auch ein Spiel von hoher Komplexität und damit dem sachakanischen Kyrima weit überlegen. Mit diesen beiden Eigenschaften übte es eine unheimliche Faszination auf Danyara aus. Seit ihrer Zeit im Palast hatte sie mehrere Decks besessen. Marika hatte ihr über die Jahre weitere Decks und seltene Einzelkarten geschenkt, wenn er diese in dem Besitz eines Ashaki gefunden hatte, der an ihn übergegangen war – nicht nur, damit sie gegen ihn spielte, sondern auch weil er in ihr eine Art Tochter gesehen hatte.

Bis heute kämpfte Danyara damit, dieses Verhältnis zu verstehen. Als Frau, die einzig Frauen begehrte, hatte Marika weder mit ihr geschlafen noch sie geküsst, wie ein Mann eine Frau küsste. Er hatte sie jedoch mit ins Bett genommen, wenn er zwei Frauen zusehen oder gemeinsam mit ihr mit einer anderen Frau spielen wollte, und die Zwillinge ihn gerade nicht reizten. Er hatte Danyaras Talent mit der Fliat gefördert und ihr alle Spiele und Bücher zur Verfügung gestellt, die sie sich gewünscht hatte. Er hatte sie so gut wie nie bestraft und er hatte nach einer Gefährtin für sie gesucht.

Heute verstand Danyara, dass Marika zwar gütiger als zahlreiche andere Meister gewesen war, aber nichtsdestotrotz hatte er auch eine sehr grausame Seite gehabt. Nicht ihr gegenüber, aber gegenüber anderen. Lange hatte sie damit gekämpft, dieses Wissen mit ihrer Zuneigung zu vereinbaren. Dennoch fiel es ihr schwer, nur schlecht von ihrem einstigen Meister zu denken. Die Enrasa-Karten, die sie aus Arvice mitgenommen hatte, gehörten zu den wenigen Dingen, die ihr von ihm geblieben waren. Und manchmal, wenn Danyara die Decks neu sortierte, ertappte sie sich dabei, wie sie sich in ihren Erinnerungen verlor.

Bei Enrasa gab es mehrere Farben. Ein Deck musste immer aus einer Farbe bestehen, aber im Spiel war es egal, ob der Gegner mit derselben Farbe oder einer anderen spielte. Je Farbe gab es Karten mit unterschiedlichen Kreaturen, Zaubern und Artefakten, die allesamt zu einem bestimmten Märchen oder mehreren zusammenhängenden Märchen gehörten. Das schwarze Deck beinhaltete alle Märchen, die sich um den Nachtschatten rankten und damit Karten wie „Astara“, „der König“, „die niederträchtige Sklavin“, „Schattenfluch“, „Stein von Velje“ und „Zorn der Morgenröte“, aber auch „Ariko“ und Karten mit diversen Edelsteinen, die anders als im Märchen bestimmte auf das Spiel zugeschnittene Eigenschaften hatten. Das goldene Deck enthielt Karten wie „Herrin der Aschenwüste“, „Sandreiter“, „Kriegsherr“ und „Blut der Erde“. Das blaue Deck enthielt unter anderem die Karten „Berserker“, „rasende Wut“ und „Illusionszauber“. Und in nahezu jedem Deck kam Vacca, die böse Magierin vor. Generell hing die Häufigkeit einer Karte in einem Deck von ihrer Mächtigkeit ab und für den Bau der Decks gab es bestimmte Regeln.

Für gewöhnlich spielte Danyara mit Alara, die entgegen ihrer sonst so ruhigen Natur überraschend deftig fluchte, wenn sie verlor. In Alaras Abwesenheit schloss Danyara sich hin und wieder einigen Frauen an, die abwechselnd in den Bergen um die Zuflucht patrouillierten. Aber das war nicht dasselbe.

Danyara war gerade dabei, das blaue Deck zusammenzustellen, als es klopfte.

Alara!, dachte sie für einen irren Moment. Dann fiel ihr jedoch wieder ein, dass Alara weit fort in den Ödländern war. Wenige Tage zuvor war sie im Ichani-Gebiet eingetroffen – zu wenig Zeit, um es zurück zur Zuflucht zu schaffen.

„Herein!“, rief sie verwirrt und streckte ihren Willen nach der Tür aus.

Fremde Stiefelschritte kamen näher und eine Frauenstimme sagte: „Nanu, ist hier ein Enrasa-Spiel explodiert?“

„Asara!“ Hastig kam Danyara auf die Beine. „Entschuldige die Unordnung. Ich mische gerade meine Decks neu.“

„Es ist dein Quartier.“ Asara schien amüsiert, ob Danyaras Reaktion. „Du kannst hier so unordentlich sein, wie du willst. Du brauchst das einzig mit deiner Gefährtin ausmachen.“ Sie hockte sich auf den Boden. „Ah, die Herrin der Aschenwüste.“

„Das Deck mische ich als Nächstes neu“, sagte Danyara. „Momentan bin ich mit dem blauen beschäftigt. Möchtest du es einmal sehen?“ Asara nickte und eifrig reichte Danyara ihr, was sie bis jetzt davon zusammengestellt hatte.

Die Große Mutter nahm das Deck entgegen und blätterte durch die Karten. „Ein paar Illusionszauber mehr wären nicht schlecht. Damit treibe ich Vikacha immer in den Wahnsinn. Er hasst es. Ansonsten eine sehr gute Mischung.“

„Du ehrst mich“, erwiderte Danyara spürend, wie ihre Wangen heiß wurden. Asara hatte diesen Effekt auch noch nach so vielen Jahren. Es wäre anders, wäre sie nicht unsere Anführerin geworden, überlegte Danyara. Aber ich finde es gut, dass sie es ist. Die Moral ihrer Vorgängerin war äußerst fragwürdig.

„Mein Lieblingsdeck ist Astara und der Nachtschatten“, sagte Asara. „Aus irgendeinem Grund finde ich diese Geschichte unglaublich faszinierend.“

„Ich wusste gar nicht, dass du auch spielst.“

„Ich spiele nur hin und wieder. Mit Vikacha. Aber falls du mal Interesse an einem neuen Gegner hast …“

Danyara grinste. Ihre Finger flatterten suchend über die Karten auf der Suche nach einigen mit blauer Markierung. „Du würdest mich bald verfluchen“, sagte sie, während sie zwei Berserker, einen Illusionszauber und eine Vacca ihrem Deck hinzufügte. „Ich habe auch eine Lieblingskarte, mit der ich meine Gegner in den Wahnsinn treibe.“

„Klingt nach einer interessanten Partie.“

„Die Frauen, mit denen ich manchmal spiele, wenn Alara nicht da ist, hassen mich dafür“, stellte Danyara richtig. „Inzwischen traue ich mich kaum noch, sie zu fragen.“

„Und trotzdem mischst du deine Decks neu.“

„Es gibt immer etwas, was man verbessern kann. Es entspannt. Und“, Danyara wedelte kurz ihre Hände, „es macht Spaß.“

Asara lächelte, dann wurde sie ernst. „Tatsächlich bin ich gekommen, um dir zu berichten, dass Alara und ihre Schwestern damit begonnen haben, erste Ichani für sich zu gewinnen. Kaja wird sich Sareko anschließen.“

„Kaja wird was?“, entfuhr es Danyara.

„Kaja sagt, dass ihr Temperament sich eignet, um die Rolle der rebellischen Schwester zu spielen. Sie wird Sareko von sich überzeugen und dann für uns spionieren. Sie wäre sogar bereit, einige von seinen Leuten zu meucheln, doch ich habe sie angewiesen, sich zurückzuhalten, bis ich etwas anderes sage.“

„Das klingt trotzdem sehr gefährlich“, sagte Danyara. Sie wusste nicht viel über die Ödländer und die dort lebenden Ichani, was reichlich Spielraum für unerfreuliche Szenarien bot.

„Dieses Risiko gehen wir alle ein.“ Asara neigte den Kopf zur Seite. „Aber ich glaube, du bist vor allem erleichtert, dass nicht Alara sich bei Sareko einschleusen will.“

Danyara nickte. „Was jedoch nicht heißt, dass es mir gefällt, dass sie dort ist.“

„Das ist verständlich. Mir gefällt es auch nicht, eine meiner besten Beraterinnen fortzuschicken, doch ich hätte keine bessere Leiterin für diese Operation finden können. Sie weiß, wie man andere anführt und sich unauffällig verhält.“

„Wie lange wird der Auftrag dauern?“

Asara hob die Schultern. „Das hängt davon ab, wie schnell unsere Leute die Ichani vereinen. Einige Ichani sind an einer Allianz interessiert, weil es sie stört, dass Sareko so die Macht an sich reißt. Oder weil sie um ihre Existenz fürchten, sollte der König Leute schicken, um sich des Problems anzunehmen. Andere misstrauen einander zu sehr für eine Zusammenarbeit. Unsere Leute müssen darauf achten, dass Sareko und seine Freunde nichts von alldem mitbekommen, bis wir einsatzbereit sind. Unglücklicherweise hat der Überfall auf Ashaki Akiros Anwesen dazu geführt, dass Sareko an Stärke gewinnt.“

„Das heißt, die Ichani, die Sareko fürchten, fürchten ihn jetzt noch mehr“, folgerte Danyara.

„Ja. Und daher kann es länger dauern, bis sie sich mit unseren Leuten verbünden. Kaja spielt mit dem Gedanken, Sareko zu einem Angriff auf ein Anwesen zu provozieren, wo Sareko dann von den versammelten Ashaki der Gegend empfangen wird. Allerdings will Ishaka diese Strategie nur versuchen, wenn es uns nicht gelingt, die Ichani zu destabilisieren und ich stimme ihm zu.“

„Man müsste die Ashaki fragen, ob sie dazu bereit sind, weil es ihr Besitz und ihr Leben sind, die bei einer solchen Strategie gefährdet würden“, sagte Danyara. „In jedem Fall wäre das effizienter, als Ashaki aus dem Süden dorthin zu schicken und es wäre möglich, ohne dass Alara und ihre Schwestern die übrigen Ichani vereinen.“ Sie zog ihre Nase kraus. „Fragt sich nur, was diese Ichani tun würden, wenn Sareko und seine Anhänger fort sind. In jedem Fall hätten sie größere Überlebenschancen, weil sie in ihrem Territorium keine Feinde mehr haben und mehr Nahrung vorhanden ist. Wo sie und Sareko einander vorher bekämpft haben, könnten sie zur neuen Macht der Ödländer aufsteigen. Und das würde bedeuten, …“

Sie wollte weitersprechen, doch dann bemerkte sie, dass Asara ganz still geworden war. Danyaras Wangen wurden heiß.

„Ich bin abgeschweift“, sagte sie. „Tut mir leid.“

„Was hältst du davon, mir während Alaras Mission zur Hand zu gehen?“

Danyara blinzelte und neigte den Kopf zur Seite. Sie konnte nicht beraten. Asara musste auf etwas anderes anspielen. Wo sie bei den meisten anderen Menschen, die ihr nur ungenügend vertraut waren, nach den Oberflächengedanken gegriffen hätte, um deren Absichten einzuschätzen, schien das bei der Großen Mutter jedoch unangemessen.

„Damit ich mir nicht so viele Sorgen mache?“, fragte sie.

„Das machst du so oder so. Aber so würdest du alle Neuigkeiten sofort erfahren“, sagte die Große Mutter und bestätigte Danyaras Verdacht. „Allerdings“, fuhr sie fort, „kannst du dabei lernen, wie die Verräter Informationen sammeln, auswerten und mit den Ergebnissen Entscheidungen treffen.“ Ihr Blick fiel auf das Enrasa-Schlachtfeld, inmitten dessen sie saßen. „Ich habe den Eindruck, dass du an einer solchen Arbeit Freude hättest. Auch wenn Alara zurück ist.“

„Also so eine Art Enrasa nur mit lebenden Karten?“, fragte Danyara.

„So etwas in der Art.“ Asara lächelte. „Dort findest du vielleicht auch ein paar weitere Enrasa-Spielerinnen, die dir ebenbürtiger sind, als deine üblichen Gegnerinnen.“

Danyara hatte gar nicht gewusst, dass es solche Frauen gab. Doch so, wie sie in ihrer Welt aus Enrasa, Musik und Alara lebte, wunderte sie nicht, dass sie das noch nicht mitbekommen hatte.

„Ab wann wäre das?“

„Sobald du möchtest. Nimm dir Zeit darüber nachzudenken. Wenn es dir hilft, zeige ich dir morgen alles.“

Schon morgen? Danyaras Verstand überschlug sich. Für den nächsten Tag hatte sie die Levitation größerer Gegenstände geplant. Sie würde mit ihrer Klasse dazu in den Wald gehen und ein paar kleinere Felsblöcke anheben. „Was würde aus meinem Unterricht?“, fragte sie. „Hätte ich dafür noch Zeit?“

„Das ist dir überlassen. Doch so wie ich dich einschätze, würdest du deine Zeit nicht zwischen zwei Aufgaben aufteilen wollen, wenn du die Wahl hast.“

„Das könnte durchaus sein“, murmelte Danyara. Mit einer guten Planung konnte sie unterrichten, Zeit mit Alara verbringen und ihren Lieblingsbeschäftigungen nachgehen. Aber so, wie Asara die neue Aufgabe beschrieben hatte, war Danyara nicht sicher, ob sie ihre Zeit überhaupt aufteilen wollte.

„Also Danyara“, sagte Asara, „hättest du Lust auf eine solche Tätigkeit?“

Danyaras Blick wanderte über die Karten. Sie dachte daran, wie wenig sie der Unterricht von angehenden Verrätern erfüllte. Wie ungeschickt sie sich dabei anstellte, andere Magie zu lehren. Sie brauchte etwas, das ihren Geist forderte. Und Echtzeit-Enrasa schien dabei die Königsdisziplin ihres Lieblingsspiels.

„Ja“, sagte sie. „Das hätte ich.“


***


Nachdem Akkarin seinen Hunger an ihr gestillt hatte und sie mit den Kindern ein selten friedliches Abendessen verbracht hatten, verließ Sonea noch einmal die Residenz. Mehr und mehr Sterne leuchteten auf dem dunkelblauen Samt des Himmels auf; hinter Sarikas Hügel kündigte ein silberner Schimmer einen hellen Mond an.

Hinter einigen Fenstern im Magierquartier leuchteten Lichtkugeln durch die Papierblenden. Hinter den meisten Fenstern herrschte jedoch Dunkelheit, wo die Bewohner in den Abendsaal gegangen waren. In der Universität war nur noch Licht im Büro des Administrators zu sehen. Anders war es im Novizenquartier. Novizen mit Familie in der Stadt besuchten diese häufig am Vierttag nach Unterrichtsende und kehrten am Abend des nächsten Tages zurück, während andere den Abend in der Stadt verbrachten. Wenige Wochen vor den Prüfungen blieben die meisten Novizen jedoch in der Gilde

Linas Zimmer lag auf der Waldseite des Novizenquartiers. Sonea hatte jedoch kaum den Eingangsbereich durchquert, als ein hagerer und betagter Krieger sie abfing.

„Lady Sonea“, sagte er. „Zum wem wollt Ihr?“

„Guten Abend, Lord Ahrind“, erwiderte Sonea betont höflich. Der Mann schien nicht nur unsterblich, er schien auch mit zunehmendem Alter immer übellauniger zu werden. Und sie begriff mehr denn je, warum Akkarin und sein Freund Lorlen ihm als Novizen den Namen „Sklaventreiber“ gegeben hatten. „Ich wünsche, meine Novizin Lina zu besuchen.“

„Lina ist nicht da. Und die Besuchszeit ist in einer halben Stunde um.“

„Als Linas Mentorin entscheide ich, wann ich mit ihr zu sprechen wünsche“, sagte Sonea. „Hätte ich sie heute Abend in die Residenz eingeladen, so würde sie wohl kaum vor Ende der Besuchszeit ins Novizenquartier zurückkehren. Außerdem ist Wochenende.“

Ahrinds Gesicht verfinsterte sich. Seine Augen huschten umher und seine Miene verfinsterte sich noch mehr. Mehrere Novizen hatten die Köpfe aus ihren Zimmer gesteckt oder standen im Korridor und starrten Sonea bewundernd an.

„Lina ist trotzdem nicht da.“

„Und darf ich erfahren, wo sie ist?“, fragte Sonea.

„Ich führe kein Buch darüber, wohin die Novizen gehen.“

Dafür wusste er jedoch sehr genau darüber Bescheid, wann Novizen gingen und kamen. Er wusste sogar, wenn sie in ihren Zimmern Wein oder Iker horteten. Ahrind hatte dafür einen zusätzlichen Sinn.

„Nun“, sagte Sonea. „Dann werde ich hier auf sie warten. Und Euch täte ein wenig Zerstreuung gut. Geht in den Abendsaal und amüsiert Euch.“

Der Sklaventreiber verschränkte die Arme vor der Brust. „Dann wartet meinetwegen. Draußen.“

„Das kommt mir sehr gelegen“, sagte Sonea. „Der Sommerabend ich so angenehm. Ich danke Euch.“

Mit einem grantigen Laut zog Ahrind sich in sein winziges Büro zurück.

Kopfschüttelnd trat Sonea vor das Novizenquartier. Ob Ahrind bewusst war, dass sie Novizen viel besser „verderben“ konnte, wenn sie diese unterrichtete?

Während sie wartete, schritt sie vor dem Eingang auf und ab und ging im Kopf die Worte durch, die sie sich zurechtgelegt hatte. Sie hatte sich von Akkarin einige Anregungen geholt. Allmählich befürchtete sie jedoch, dass all dies vergebene Liebesmüh war. Und dennoch nagte ihr Gewissen an ihr. Dabei hatte sie von Anfang an gewusst, dass Lina als Kandidatin fraglich war. Sonea hatte ihr nur die Förderung geben wollen, die das Mädchen brauchte und verdiente. Irgendwie hatte sie darüber sich jedoch auf diese Idee fixiert.

„Lady Sonea?“

Sonea fuhr herum. Lina trat zwischen den Hecken hervor, zwischen denen der Weg zum Heilerquartier führte.

„Lina“, sagte Sonea. „Ich bin gekommen, um mit dir zu sprechen.“

„Verzeiht die Verspätung.“ Ihre Novizin verneigte sich. „Doch die Strafarbeit hat länger gedauert.“

„Und deswegen musstest du zum Heilerquartier?“, fragte Sonea. „Die Arbeit unter Lord Jullen ist anstrengend, aber nicht gefährlich.“

„Ich bin Sanina und Alia ausgewichen.“ Lina druckste herum. „Sie lauern mir manchmal auf.“

Wäre Lina nicht so temperamentvoll, so wäre Sonea geneigt gewesen, ihr ein paar Schleichwege von der Magierbibliothek zum Ausgang zu zeigen, auch wenn sie der Meinung war, dass Novizen lernen mussten, sich zu behaupten. Akkarin hatte recht damit gehabt, ihr damals das Betreten der Geheimgänge zu verbieten. Sonea hatte vor ihren Problemen nicht davonlaufen können. Linas Problem hingegen war, Probleme zu forcieren. An die Möglichkeit, dass Lina sich mit anderen Novizen in den Tunneln der Universität Kämpfe lieferte, wollte Sonea nicht denken.

„Aber nicht heute“, sagte Sonea. „Ich habe sie gesehen, als ich vorhin mit Lord Ahrind sprach.“

Lina blinzelte sichtlich verwirrt. „Dann habe ich den Umweg wohl umsonst gemacht.“

Sonea nickte zu einer Bank. „Setzen wir uns doch“, sagte sie und überquerte den Rasen. Mittlerweile war der Mond über die Baumwipfel gestiegen und Sonea dämpfte ihre Lichtkugel.

„Hat Lord Regin mit Euch gesprochen?“

„Ja“, sagte Sonea. „Und ich bin nicht gerade erfreut. Das mit der Disziplin und dem Verhalten in der Arena hatten wir bereits. Was ist passiert, Lina?“

Lina sah zu den Sträuchern und schwieg eine lange Weile.

„Lina“, sagte Sonea. „Es geht mir nicht darum, dich zu bestrafen. Ich will dir helfen. Du hast Probleme mit anderen Novizen. Aber um dir zu helfen, muss ich wissen, was genau los ist. Dann können wir uns überlegen, wie wir das Problem lösen.“

Den Blick, mit dem ihre Novizin sie bedachte, kannte Sonea viel zu gut von ihren eigenen Kindern. Sie unterdrückte ein Seufzen. „Du hast unglaubliches Talent und eine beachtliche magische Stärke“, sagte sie. „Du kannst eine hervorragende Kriegerin werden. Doch mit den Ereignissen der letzten Wochen tust du dir selbst keinen Gefallen.“

„Soll das heißen, ich kann nicht Eure Nachfolgerin werden?“

Sonea zuckte zusammen. Das hatte sie implizieren wollen. Doch offenkundig war es das, was Lina fürchtete und der Augenblick, sie mit ihrer Entscheidung zu konfrontieren, hätte nicht schlechter sein können.

„Das heißt in erster Linie, dass deine Noten unter deinen Eskapaden leiden und du bei deinen Prüfungen schlechter abschneiden wirst.“ Sonea zögerte wissend, dass ihre nächsten Worte einer halben Lüge gleichkamen. Aber vielleicht kam Lina zur Vernunft, wenn sie begriff, was auf dem Spiel stand. „Wenn es dir nicht gelingt, dein Temperament zu zügeln, dann könnte es auch bedeuten, dass du nicht meine Nachfolgerin wirst“, fügte sie daher hinzu.

Linas Augenbrauen zogen sich zusammen. „Ich verstehe“, sagte sie hart. „Ich will nicht, dass Ihr von mir denkt, ich würde mich dafür nicht eignen. Aber ich sehe nicht, wie mir das helfen soll.“

„Du hast ein Ziel, auf das du hinarbeitest. Ein Ziel, das die anderen Novizen nicht haben und niemals erreichen können. Damit braucht dich ihr Verhalten auch nicht kümmern.“

„Aber wenn sie mir auflauern …“

„Dann darfst du dich verteidigen. Unter Beachtung der Regeln. Aber du darfst sie nicht angreifen oder mit deiner Überlegenheit prahlen. Egal, ob du meine Nachfolgerin wirst oder nicht, Lina. Du bist ihnen an Können und Stärke weit überlegen. Du hast das nicht nötig.“

„Aber sie machen mich so wütend.“

„Dann“, sagte Sonea, „zeige ich dir ein paar Strategien, wie du deine Wut loswerden kannst. Und die eine oder andere schlagfertige Erwiderung zu lernen, wird ebenfalls hilfreich sein.“

An ihrer Entscheidung würde das jedoch nichts mehr ändern. Selbst, wenn Lina sich bis zu ihrem Abschluss vorbildlich verhielt. Sie konnte Lina helfen, ihre Stärken zu entwickeln und Schwächen abzulegen. Aber sie konnte nicht verändern, was sie war.
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