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Das Erbe der schwarzen Magier II - Der Feind in ihrer Mitte

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Rothen Regin Sonea
01.12.2021
26.04.2022
13
132.160
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15.03.2022 11.866
 
Kapitel 8 – Auseinandersetzungen und Lektionen



Mit einem leisen Widerwillen sah Sonea sich im Thronsaal um. Obwohl die Türen zur Balustrade weit geöffnet waren, war die Luft stickig. Zahlreiche Paare drehten sich zu Streichmusik auf der Tanzfläche und die üblichen Wichtigtuer standen in Gruppen zusammen, diskutieren utopische Forderungen und malten Szenarien eines Kyralias, das nur in ihrer Phantasie funktionierte.

Je länger Sonea an diesen Festen teilnahm, desto sinnentleerter erschienen sie ihr. Das Einzige, das ihr daran gefiel, waren das Tanzen und die Spaziergänge durch den Park fernab der anderen Feiernden, wenn Akkarin seine Runde bei den Oberhäuptern der Häuser beendet hatte. Sonea begleitete ihn dazu nicht immer. Wenn eine ihrer Freundinnen eingeladen war oder sie eine der wenigen Frauen aus den Häusern entdeckte, mit denen sie sich hinreichend gut verstand, zog sie deren Gesellschaft vor. Hin und wieder war es amüsant, die Leute aus den Häusern vorzuführen. Auf Dauer war es jedoch ermüdend.

Sie ahnte, dass dieser Abend nicht anders laufen würde.

Keine ihrer Freundinnen hatte sich für den Abend angekündigt, und von den Frauen, die sie näher kannte, entdeckte sie nur Elisade. Luzille mochte große Stücke auf sie halten, doch für Sonea hätte die intrigante und oberflächliche Elynerin auch aus Haus Maron oder Paren stammen können.

„Ich werde die Gespräche mit den Oberhäuptern der Häuser kurz halten.“ Akkarin winkte einen Diener mit Getränken herbei. „Mir ist heute auch nicht allzu daran gelegen.“ Er reichte Sonea ein Weinglas weiter und sie stießen an.

„Wieso nicht?“, fragte sie. „Ich dachte immer, das amüsiert dich.“

„Nicht immer. Und ich habe so eine Ahnung, über welches Thema sie heute sprechen.“

„Die sachakanische Prinzessin“, sagte Sonea.

Akkarin nickte. „Ein Thema, bei dem deine Meinung erwünscht wäre. Aber ich verstehe, wenn du dir das heute nicht geben willst.“

„Nachdem die höheren Magier seit Wochen von nichts anderem sprechen? Nicht wirklich.“

Akkarins Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln und er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie.

„Findet Ihr das angemessen inmitten all dieser Leute, Hoher Lord?“, fragte Sonea.

„Meine Frau zu küssen ist immer ein angemessener Anlass“, erwiderte er und küsste sie erneut.

- Es wäre etwas anderes, würde ich dich mir in einem entlegenen Winkel es Palastparks zu Willen machen.

- Du weißt, dass ich die Idee verlockend finde.

- Der König toleriert bei uns mehr, als er müsste. Treiben wir es nicht zu weit, Sonea.

„ … von Tenvar und seine Frau Lady Trassia, Haus Saril!“, rief der Palastdiener an den Türen.

Sonea fuhr herum. „Da ist Trassia!“

„Dann schlage ich vor, wir gehen hin und begrüßen die beiden, und wenn Carrien einverstanden ist, machen er und ich die Runde bei den Häusern und ihr könnt euch unterhalten.“

„Eine gute Idee.“ Seit Trassia verheiratet war, bekam Sonea ihre Freundin viel zu selten zu Gesicht. Da es für einen angesehenen und einflussreichen Politiker unangemessen war, in der Gilde zu leben, war Trassia in sein Stadthaus gezogen. Sonea sah sie daher nur jeden zweiten Freitag zum Sumikränzchen und bei Gildenversammlungen. Die einst geplanten gemeinsamen Abendessen hatten sich zudem als schwieriger zu arrangieren erwiesen, als sie erhofft hatte. Zweimal hatte Carrien sie und Akkarin in sein Stadthaus eingeladen und einmal waren beide in die Residenz gekommen. Für einen Zeitraum von zwei Jahren war das zu wenig. „Wir sollten häufiger etwas gemeinsam unternehmen.“

„Nun, du könntest Trassia fragen, ob sie und Carrien an dem Reitausflug mit Luzilles Familie teilnehmen wollen“, schlug Akkarin vor.

Vor dem Thron sanken Trassia und ihr Mann auf ein Knie. „Ja“, sagte Sonea. „Das sollte ich wohl.“

An Akkarins Arm gehangen wanderten sie zwischen den Tanzpaaren und den herumstehenden Gruppen in die Richtung, in die Trassia und Carrien hielten. Sonea suchte die vertraute Präsenz ihrer Freundin in all den Präsenzen im Raum und fokussierte ihren Geist darauf.

- Trassia!

- Sonea? Wo seid ihr?

Sonea sandte ein Bild von Trassia und Carrien aus ihrer Perspektive zurück. Der Kopf ihrer Freundin drehte sich, und als sie Sonea und Akkarin erblickte, hob Trassia eine Hand. Neben ihr hielt Carrien irritiert inne. Trassia wandte sich ihm zu und Sonea konnte sich ihre aufgeregten Worte vorstellen. Wenig später kamen das Paar auf sie zu.

„Wie schön, dich zu sehen“, sagte Sonea und umarmte ihre Freundin, nachdem die formale Begrüßung beendet war. „Es ist schon wieder zu lange her.“

„Verzeih, dass ich bei unserem letzten Treffen keine Zeit hatte“, sagte Trassia. „Carrien musste zu einer Veranstaltung, bei der es obligatorisch war, weibliche Begleitung mitzubringen. Politik folgt seltsamen Regeln.“

„Wem sagst du das?“, erwiderte Sonea. „Was haltet ihr davon, in den Ferien mit uns und Luzille und Farand einen Reitausflug zu machen?“

„Nur Reiten?“, fragte Carrien. „Warum nicht eine kleine Jagd daraus machen?“

„Es sind Kinder dabei“, sagte Sonea.

„Dann wäre das eine gute Gelegenheit, es sie zu lehren. Ich habe mit sieben an meiner ersten Jagd teilgenommen.“

Sonea warf Akkarin einen entsetzten Blick zu. „Es spricht nichts dagegen, auch einmal einen Jagdausflug zu machen“, sagte dieser. „Lorlen würde das sehr begrüßen.“

- Ist das dein Ernst?, fragte Sonea entsetzt. Carrien ist dabei, unser Konzept zu sabotieren.

- Ich habe nicht gesagt, dass ich ihm zustimme, sondern nur auf ein anderes Problem bezüglich des Ausflugs aufmerksam gemacht.

- Ich bin dafür, beides getrennt zu machen, sandte Sonea.

„Allerdings“, sagte Akkarin laut, „halte ich nichts von der Jagd außerhalb der Saison und nur zum persönlichen Vergnügen. Im Herbst, wenn der König einen Teil des Wildes zur Regulierung des natürlichen Bestandes freigibt und die Jungtiere herangewachsen sind, können wir gerne darauf zurückkommen.“

„Haus Saril besitzt einen Wald, in dem man das ganze Jahr über jagen darf.“

- Ernsthaft? So etwas gibt es?

- Ich fürchte ja.

- Und Merin erlaubt das?

- Du kannst ihm gerne dein Konzept für ein neues Jagdgesetz vorlegen, Sonea. Nur wünsche ich dabei zu sein, wenn du ihm die Meinung sagst.

- Liebend gern.

„Carrien“, sagte Akkarin. „Ich verspüre heute ein unstillbares Bedürfnis nach meiner Frau, doch ich kann diesem nicht in aller Angemessenheit nachgehen, bevor ich nicht meine gesellschaftlichen Pflichten erledigt habe. Wollt Ihr mich vielleicht begleiten?“

„Eine gute Idee, Hoher Lord.“ Carrien strich über sein zurückgekämmtes dunkles Haar. „Und lassen wir den Frauen ihre Gesprächszeit. Trassia ist sehr versessen darauf, seit sie weiß, dass wir auf diesen Ball gehen.“

Die beiden Männer entfernten sich. Sonea sah ihnen nach und verdrehte die Augen. Mittlerweile kannte sie Carrien ein wenig besser. Sie begriff dennoch nicht, was Trassia an ihm fand.

„Wollen wir nach draußen gehen?“, fragte Sonea ihre Freundin. „Hier ist die Luft so stickig.“

„Ja. Aber nicht zu weit, sonst sucht Carrien mich nachher.“

Sonea wollte einwenden, dass er sie über Akkarin und ihr Blutjuwel finden konnte, hielt sich jedoch zurück. Wenn es um Carrien ging, brauchte sie von Trassia keine Vernunft erwarten.

Sie verließen den Bankettsaal und setzten sich auf eine Bank auf dem Balkon, der an der Außenwand entlang lief. Während der nächsten Stunde tauschten sie sich über das Heilerquartier und schwierige Kinder und Novizen aus. Trassia hatte die Gerüchte gehört, hatte dadurch aber auch die übliche verzerrte Wahrheit erhalten. Es tat gut, das alles einmal zu erzählen, ohne dass höhere Magier sich einmischten.

„Also bist du sicher, dass Lina nicht die Richtige für die Aufgabe ist?“, fragte Trassia, als Sonea geendet hatte.

Sonea nickte. „Es tut mir leid für sie, aber ich kann nicht gerade sagen, dass es mir persönlich allzu leidtut. Sie ist ein Risiko, das ich nicht verantworten kann.“

„Und doch quält dich die Entscheidung.“

„Ich mag Lina und ich habe mich ihr in der Hoffnung angenommen, ihr Temperament zu bändigen. Das Talent für meine Nachfolge hat sie. Aber selbst Akkarin sagt, dass es Fälle gibt, in denen alle Mühe vergebens ist.“

„Wenn er das sagt, kannst du darauf vertrauen“, sagte Trassia. „Du hast nicht versagt, Sonea.“

Insgeheim wusste Sonea das. Es fiel ihr trotzdem schwer, es zu glauben. Sie trank einen Schluck Wein. „Doch nun erzähl mir, wie es dir seit unserem letzten Treffen ergangen ist.“

„Erfreulich gut. Und das, obwohl Carrien seit dem Frühjahr so beschäftigt ist. Die bevorstehende Allianz mit Sachaka wühlt nicht nur die Gildenpolitik auf. Doch er versucht mich zu integrieren, wo es nur geht.“

„Wenn er so viel zu tun hat, könntest du doch wieder im Krankenhaus arbeiten“, sagte Sonea. „Seit diese Kampfschule eröffnet hat, klagt Lady Besla allenthalben über eine erhöhte Zahl von Patienten.“

Trassias Miene verdüsterte sich. „Ich würde so gerne helfen, doch von Carriens Haus bin ich mehr als eine Stunde in den Äußeren Ring unterwegs, während ich bis in die Gilde keine Viertelstunde brauchte. Mit den langen Schichten und den Überstunden hätten wir kaum noch Zeit füreinander.“

„Das verstehe ich.“ Sonea schenkte ihrer Freundin ein Lächeln. Der Weg zur Nordseite stellte auch für sie eine Hürde dar. „Seit ich mich Lina angenommen habe, schaffe ich es nicht einmal mehr einmal pro Woche dorthin. Mit Privatunterricht und den Kriegskunstkursen, die ich zusätzlich gebe, bliebe allenfalls Zeit, um für ein paar Stunden im Heilerquartier auszuhelfen und diese widme ich dann doch lieber meiner Familie. Aber ich kann es kaum erwarten, mich nach Linas Abschluss wieder einen Tag pro Woche von Lady Besla herumscheuchen zu lassen. Vielleicht ertrinkt Carrien bis dahin so sehr in Arbeit, dass du auch wieder mehr Zeit hast. Oder er hat so viel Zeit, dass ihr eure Freizeit wieder besser miteinander verbringen könnt.“

„Sofern ich bis dahin nicht schwanger bin. Wenn wir erst einmal Kinder haben, werde ich meine Arbeitszeiten im Heilerquartier reduzieren.“

„Hattet ihr immer noch keinen Erfolg?“

Trassia schüttelte den Kopf. „Einerseits bin ich ganz froh, dass es noch nicht so weit ist, andererseits ist so viel Sex auch anstrengend.“

„Ich dachte immer, du wolltest unbedingt Kinder.“

„Das will ich auch noch immer. Doch irgendwie war dieser Wunsch mit zwanzig stärker als er jetzt ist.“ Trassia nippte an ihrem Weinglas. „Prioritäten verschieben sich, wenn man älter wird.“

„Allerdings“, sagte Sonea. „Aber die Leidenschaften bleiben.“


***


Die Nachricht war eindeutig gewesen: Die zehn Gold plus zwei weitere für jede verstrichene Woche. Und er sollte zu einem Ort am Fluss kommen. Allein. Würde er es nicht tun, würden sie ihn finden. Cery hatte das Gebiet erkunden lassen und mehrere seiner Leute in der Nähe postiert. Rashyks Geldeintreiber würden die Gegend ebenfalls absuchen, aber wie viele kleinkriminelle Banden suchten sie Männern, die wie Schlägertypen aussahen. Bettler und Menschen, die so arm waren, dass sie in einem Bretterverschlag lebten, wurden ignoriert.

Wer hätte gedacht, dass ich noch einmal dafür dankbar wäre, dass der König die Armut in der Stadt noch nicht ganz beseitigen konnte, dachte Cery, während er sich dem Treffpunkt durch eine Straße schäbiger Baracken näherte. Rashyks Leute mochten denken, dass sie hier kein Zeugen, für was auch immer sie mit ihm vorhatten, hatten. Sie wussten jedoch nicht, wie gut Cerys Leute darin waren, sich zu verkleiden, wenn sie ermittelten oder in einem finstereren Geschäft unterwegs waren.

Nichtsdestotrotz war er nervös. Er hatte die Akten über frühere Opfer von Rashyks Geldeintreibern gelesen. Würden seine Leute rechtzeitig eingreifen oder würde er zu seinen Messern greifen müssen und seine Tarnung riskieren?

Der Treffpunkt war in einem baufälligen Gebäude. Laut Cerys Leuten war es unbewohnt. Das Dach war an so vielen Stellen beschädigt, dass es keinen Schutz vor Regen bot, und die Löcher waren zu groß, um geflickt zu werden. Als Cery durch das Loch trat, das einst eine Tür gewesen war, glaubte er, durch eine Bretterwand, die in den Hüttenvierteln oft als Grundstücksbegrenzung verwendet wurde, gegangen zu sein. Der Mond schien auf ihn hernieder und tauchte das Innere des Gebäudes in Schwarz und Silber. Nur einige wenige Dachbalken ragten auf dieser Seite von Stützpfeilern in den Nachthimmel.

Eine Gestalt löste sich aus den Schatten einer Seitenwand und Cery erkannte den Mann mit den Wettscheinen, von dem er mittlerweile wusste, dass er Turrin hieß.

„Kallin“, sagte der Mann. „Welch eine Freude, dass du gekommen bist. Wo hast du deine süße Tochter gelassen?“

„In der Nachricht stand, dass ich allein kommen soll“, sagte Cery. Turrin wusste nicht, dass Cery seinen Namen kannte. „Also hab’ ich sie nicht mitgebracht.“

„Hast du das Geld mitgebracht?“

Cery zog ein kleines Säcklein aus seinem Umhang. „Hier.“

Turrin streckte seine grobschlächtige Hand aus. Als er das Säcklein entgegennahm, runzelte er die Stirn. Rasch schnürte er es auf und ließ den Inhalt durch seine Hand gleiten. „Drei Gold und elf Silber? Das sind nichtmal die Zinsen.“

„Meine Tochter und ich haben gehungert, um das Geld zu beschaffen“, sagte Cery. „Und ich musste ’n paar Sachen verkaufen. Ich brauche mehr Zeit.“

„Zeit kostet extra“, schnarrte Turrin. „Und Rashyk’s nicht sehr geduldig.“

„Wenn ich’s scheißen könnte, hätte Rashyk sein Geld nächste Woche plus Zinsen“, gab Cery zurück.

Turrins Faust krachte in seinen Kiefer.

Cery taumelte zur Seite. Als er sich wieder gefangen hatte, waren weitere Männer aus den Schatten getreten. Sie alle trugen Schlagstöcke und Keulen. Er zählte insgesamt acht. Cery wurde schlecht.

„Ich habe mich wohl deutlich genug ausgedrückt“, sagte Turrin. „Aber vielleicht ist es an der Zeit, dir eine Lektion zu erteilen.“

Die Männer hatten Cery umringt. Wissend, was nun kam, spürte Cery Furcht aufsteigen. Das hier war so nahe daran, in echten Reibereien zu stecken, wie man bei einer verdeckten Ermittlung nur in Reibereien geraten konnte. Und in seinem Fall waren die Reibereien groß.

„Nein!“, sagte er und unternahm einen verzweifelten Versuch, zu entkommen.

Zwei Schläger versperrten ihm den Weg. Etwas traf schmerzhaft seinen Rücken, dann hangelten Fausthiebe und Schlagstöcke von allein Seiten auf ihn ein. Seine Augen, seine Nase, seine Lippen, sein Kinn, sein Brustkorb, sein Magen – nicht einmal vor seinen Weichteilen machten sie Halt. Und die ganze Zeit über konnte Cery nicht aufhören zu denken, dass er ihnen mit seinen Messern einen kurzen Prozess bereitet hätte.

Ein Schlag in die Kniekehlen brachte ihn zu Fall. Cery landete auf allen Vieren, nur um sich weitere Tritte und Hiebe einzuhandeln. Wenige Augenblicke später lag er auf dem Boden und wünschte sich, zu sterben. So hatte er sich nicht einmal während der Rivalitätskämpfe in Harrins Bande gefühlt. Unter qualvollen Lauten rollte er sich in seiner fötalen Position zusammen hoffend, dass Rashyks Geldeintreiber die Lust verloren.

Als Cery glaubte, nur noch ein blutiger Brei zu sein, hörte es endlich auf.

„Nächste Woche“, sagte Turrin und versetzte Cery einen Tritt in seine geschundenen Rippen, „Oder wir nehmen deine Tochter als Pfand. Ich bin sicher, Rashyk wird Verwendung für sie haben.“ Er wandte sich zum Gehen. „Und denk daran, du entkommst uns nicht. Versuch es und wir werden dafür sorgen, dass du es bereust. Rashyk hat kein Herz für Squimps.“

Dabei ist er der größte Squimp von allen, dachte Cery, bevor er sich dem Schmerz ergab.


***


Das weit geöffnete Auge hing groß und rund zwischen den Baumwipfeln, das Zirpen nachtaktiver Insekten war lauter als das Gelächter in der Ferne. So tief im Palastgarten war die Musik aus dem Bankettsaal nicht mehr zu hören. In einer solchen Nacht hat Gayend hat das Anwesen von Karinas Familie überfallen und ihre Brüder getötet, dachte Sonea. Zumindest war dies die offizielle Version, die Gayends Feinde überall erzählten. Lange Zeit waren Karina und Gayend deswegen getrennt gewesen. In Wirklichkeit hatten Karinas Brüder ihn jedoch in eine Falle gelockt, als Gayend gekommen war, um mit seiner Liebsten durchzubrennen. Gayend, ihnen an magischen Kräften überlegen, hatte sie getötet und war entkommen. Auf eine seltsam verdrehte Weise erinnerte Sonea diese Geschichte an Akkarin und sie fragte sich nicht zum ersten Mal, ob Brennini sich vom Hohen Lord der Magiergilde hatte inspirieren lassen.

An Akkarins Arm gehangen spazierte sie durch den Park. Lieber wäre es ihr, hätte er ihre Hand genommen und würde er sie gegen einen Baum lehnen und küssen oder die Dinge tun, die er Stunden zuvor angedeutet hatte. Doch anders als sonst waren sie nicht allein.

„In wenigen Tagen breche ich zum Nordpass auf, um meine Braut zu treffen“, sprach König Merin. „Ich bin Herrschern und ihren Vertretern begegnet, darunter schwarzen Magiern aus Sachaka und Duna. Ich bin mit der Gilde in den Krieg gezogen. Aber die Begegnung mit meiner zukünftigen Braut stellt mich vor eine ungeahnte Herausforderung.“

„Die Schlachten, die wir in der Liebe ausführen, sind die größten Schlachten überhaupt“, sagte Akkarin. „Weil Gefühle ein unberechenbarer und oft übermächtiger Gegner sind. Es ist normal, nervös zu sein, Euer Majestät.“

Schlachten und unberechenbare Gegner?, dachte Sonea amüsiert.

„Vermutlich.“ König Merin entfuhr ein leises Seufzen. „Vielleicht hätte ich in der Vergangenheit mit der einen oder anderen ledigen Frau bei Hofe anbandeln sollen. Auch wenn meine Feinde unter den Häusern über mich gelacht und von elynischen Verhältnissen gesprochen hätten. Jetzt bereue ich, mich in Zurückhaltung geübt zu haben, nur weil ich keine passende Partie gefunden und böse Stimmen gefürchtet habe.“

Seine Unsicherheit war erheiternd. Und liebenswert. Sonea hatte Merin immer für einen entschlossenen und unbeirrbaren Mann gehalten. Allerdings hatte sie auch Akkarin in Liebesdingen als höchst irrational erlebt. Und sie erinnerte sich, dass sie in ihren ersten Monaten mit diesem Mann nicht anders gewesen war.

„Hättet Ihr das getan, so hättet Ihr damit einen Teil des Respekts eingebüßt, den Ihr unter den Häusern und Kyralias Nachbarn genießt“, sprach Akkarin. „Möglicherweise wärt Ihr gezwungen gewesen, die Frau zu heiraten.“

„Wohl wahr!“, stimmte Merin zu. „Trotzdem würde ich mich dann jetzt nicht so unbeholfen fühlen.“

„Gewiss verfliegt Eure Nervosität, wenn Sayara vor Euch steht.“

„Das Schlimme ist, Akkarin, dass ich nicht weiß, was ich mit ihr reden soll. Es wäre schon schwierig genug, wenn sie älter wäre, aber sie ist siebzehn!“

„Nun, zuerst stellt Ihr Euch vor und fragt sie nach ihrer Reise. Wenn sie davon erzählt, könnt Ihr Fragen stellen und von Eurer Reise zum Fort erzählen.“ Unter seiner oberflächlichen Erheiterung schien Akkarin die Sache sehr ernst zu nehmen. „Wenn sie nervös ist, gebt Ihr zu verstehen, dass es Euch nicht besser ergeht. Das schafft Verbundenheit.“

„Ich kenne das Protokoll, Akkarin, doch das erscheint mir so unpersönlich. Bei einem Diplomaten würde mir das leichter fallen. Aber ich weiß nicht, wie ich mit einer Siebzehnjährigen ins Gespräch kommen soll. Uns trennt mehr als nur eine Bergkette.“

Akkarin lachte leise. „Euer Majestät, wenn ich mir so viel Kühnheit erlauben darf: Angesichts der Tatsache, dass Ihr einst mir Ratschläge gegeben habt, wie man mit einem Mädchen in diesem Alter umgeht, ist Eure Unbeholfenheit bemerkenswert amüsant.“

„Das hilft mir nicht weiter“, grollte der König.

Durch ihr Blutjuwel konnte Sonea eine vage Erheiterung spüren. Seltsamerweise galt sie ihr und nicht dem König.

„Fragt sie nach ihren Hobbies“, sagte Sonea. „Liest sie gerne Bücher? Dann fragt sie danach. Fragt sie, ob sie bereits Literatur aus den Verbündeten Ländern gelesen hat.“

„Das wäre eine Idee“, stimmte Merin zu. „Ich könnte ihr von Bartoli erzählen. Tatsächlich könnte ich meine Ausgabe von Das Abendlied des Mullook mitnehmen und ihr ausleihen.“

„Und wenn Ihr das gefällt, habt Ihr bereits ein weiteres Gesprächsthema“, sagte Akkarin.

Der König nickte versonnen. An Akkarins Arm schüttelte Sonea den Kopf. „Die Prinzessin wird vermutlich noch nicht viel Literatur aus den Verbündeten Ländern gelesen haben. Bartoli ist großartig und ich bin sicher, Ihr könnt darüber wunderbar diskutieren, doch für den Einstieg würde ich etwas Leichteres nehmen.“

„Carrini? Das ist unterhaltsam, aber so ordinär.“

„Ich dachte eher an Brennini“, sagte Sonea. „Seine Werke sind so komplex wie die Bartolis, aber ähnlich leicht geschrieben, wie Carrini. Es wäre ein guter Kompromiss.“

„Von diesem Brennini habe ich noch nie gehört“, sagte Merin. „Was schreibt er?“

„Abenteuerromane. Mit sehr viel Drama und Intrigen und letztendlich geht es auch hier nur um eine Frau.“

„Hm“, machte der König. „Ich werde mich darüber informieren müssen. Lest Ihr diese Bücher, Sonea?“

„Ja, Euer Majestät.“

- Und sie liest mehr davon, als gut für sie ist.

Sonea quittierte dies mit einem mentalen Schnauben.

- Was sollte das vorhin, dass Merin dir Ratschläge für siebzehnjährige Mädchen gegeben hat?, verlangte sie zu wissen.

- Ich habe nicht versucht, mit einer Siebzehnjährigen anzubandeln, falls du das wissen willst, sandte Akkarin erheitert.

- Und warum hat er dir dann damit geholfen? War das ein verzweifelter Versuch, keine Heiratsanträge mehr von den lüsternen Frauen aus den Häusern zu bekommen?

- Tatsächlich hat dieses Mädchen dafür gesorgt, dass sich die Frauen nicht mehr für mich interessiert haben. Weil keine sich vorstellen konnte, im selben Haus mit einer Person von höchst zweifelhaftem Hintergrund zu leben.

Sonea brauchte eine Weile, um die Bedeutung seiner Worte zu begreifen. Dann schnappte sie entsetzt nach Luft.

- Du hast dir bei Merin Tipps geholt, wie du mit mir was genau …? Bist du des Wahnsinns?

- Ins Gespräch kommst. Du warst störrisch wie ein junger Reberbock. Darüber hinaus hat meine Gegenwart dafür gesorgt, dass dir vor Furcht jeglicher Verstand abhandenkam, wenn du nicht gerade damit beschäftigt warst, mich zu hassen.

- Das ist doch …, entfuhr es ihr.

Seine Erheiterung war ekelhaft.

- Ich kann noch immer nicht glauben, dass du das getan hast.

- Wen hätte ich deiner Meinung nach fragen sollen? Lorlen kam nicht in Frage, er hat mir auch so schon genug Dinge unterstellt. Takan war von der Idee besessen, dass ich dich zu meiner Quelle mache und Dana … Es ist nicht gerade angenehm, mit jemandem zusammenzuleben, der einen hasst und fürchtet.

Sonea wollte einwenden, dass er sich das selbst eingehandelt hatte, schwieg jedoch. Akkarin hatte damals keine andere Wahl gehabt, als sich ihrer anzunehmen. Und ohne das wären sie jetzt nicht hier.

- Also hat der König uns sogar da schon zusammengebracht, stellte sie fest.

- Wenn du das so sehen willst, ja. Doch letztendlich waren es unsere Gefühle füreinander, die das bewirkt haben. Ohne diese hätte kein noch so guter Rat geholfen.

Als sie sich wieder ihrer Umgebung bewusst wurde, stellte Sonea fest, dass sie stehengeblieben waren. Merins grüne Augen wanderten von Akkarin zu ihr und wieder zurück. Im Licht des weit geöffneten Auges funkelten sie amüsiert.

„Etwas, das ich wissen sollte?“

„Nein, Euer Majestät“, antworteten Sonea und Akkarin gleichzeitig. Und Akkarin fügte hinzu: „Es war nur längst überfällig, eine bestimmte Sache richtigzustellen.“

„Aber ich habe tatsächlich ein Anliegen“, sagte Sonea.

„Nun?“, fragte Merin überrascht und ein wenig verwirrt.

„Eine Idee, die mir neulich kam, als ich meinen Freund Captain Ceryni besucht habe.“

„Sprecht.“

Akkarins missbilligend Blick ignorierend beschrieb Sonea ihre Idee. „Es wäre einfacher, weil diese Magier nicht erst noch angefordert werden müssten“, schloss sie. „Und die Aufklärungsquote wäre höher, weil Magier Dinge finden, die Nichtmagiern entgehen.“

„Würden damit nicht die Stadtwachen, die Spurensuche machen, obsolet?“, fragte Merin.

„Nicht, wenn der Magier oder die Magierin nur unterstützend wirkt und sich auf die Dinge konzentriert, die in seinem oder ihrem Aufgabenbereich liegen. Ein Magier pro Bezirk, der sich auf Notfallmaßnahmen, Feststellen der Todesursache und das Untersuchen eines Tatorts versteht, würde genügen.“

„Hm“, machte Merin. „Es müssten keine Heiler vom Krankenhaus angefordert werden. Damit könnte schneller Hilfe geleistet werden und diese Magier würden nicht von ihrer Arbeit abgehalten.“ Er nickte langsam. „Eine gute Idee, Lady Sonea. Ich werde darüber nachdenken.“

Sonea lächelte erfreut. „Danke, Euer Majestät.“

- Du konntest es nicht lassen, nicht wahr?

- Sieh es als meine Rache für deine Frechheiten.

„Nun denn“, sagte Merin. „Da das nun geklärt ist, würde ich mich freuen, wenn Lady Sonea mir mehr über die Bücher von diesem Brennini erzählt.“

Soneas Herz machte einen Sprung. „Mit Vergnügen, Euer Majestät. Ich hoffe, Ihr habt heute Abend keine wichtigen Termine mehr.“


***


„Als Familienoberhaupt und mit einer Frau und vier Kindern hat Varryl alle Hände voll zu tun“, sagte Drosalia. „Daher kann ich ihm nicht übelnehmen, dass er darüber keine Zeit für seine Mutter hat. Doch seit Marguns Tod – oh, wie sehr ich ihn vermisse! – kümmert sich Regin wirklich rührend um mich.“

Regin spülte die bissige Bemerkung auf seiner Zunge mit einem Schluck Wein hinunter. Du hast Varryl nicht einmal gefragt, ob er sich deiner annimmt. Und ich kümmere mich nur um dich, weil du es einforderst. Und tu nicht so als würdest du Vater vermissen! Du vermisst es doch nur, nicht alleine zu sein.

„Und das neben all Euren Pflichten in der Gilde“, sagte Nelania von Vergin. „Lord Regin, ich muss gestehen, dass ich Euch unterschätzt habe. Ihr seid zu einem großartigen und verantwortungsbewussten Mann herangereift.“

„Man wächst mit seinen Aufgaben“, erwiderte Regin liebenswürdig. Er leerte sein Weinglas und blickte sich nach einem Diener um, der es für ihn auffüllen würde. „Und als Oberhaupt der Krieger trägt man sehr viel Verantwortung. Vergleichbar damit sind nur die Oberhäupter der anderen beiden Disziplinen, der Administrator und der Hohe Lord und seine Frau.“

„Oh, jetzt tu doch nicht so bescheiden!“, schalt Drosalia. Die goldenen Haarnadeln, mit denen sie ihr graues Haar hochgesteckt hatte, glitzerten im Licht zahlreicher Kerzenleuchter, als sie den Kopf schüttelte. „Was ist mit den Forts und den Kriegern an der Grenze?“

„Die Krieger berichten direkt an den Hohen Lord. Um an mich zu berichten, müsste ich schwarze Magie erlernen und Blutjuwelen für sie herstellen.“

„Sicher war die Verantwortung, die Ihr tragt, der Grund für Eure früheren Eskapaden“, sprach Jilana von einer Familie, deren Name Regin wieder entfallen war. „Ihr musstest dieses Amt so früh übernehmen und hattet keine Gelegenheit, Euch an die Anforderungen zu gewöhnen.“

„Das muss es sein.“ Regin erblickte einen Diener und winkte ihn zu sich. „Als mein Mentor starb, war ich einundzwanzig. Und mit ihm starb viel von dem Wissen, das er mir nicht mehr vererben konnte.“

„Oh, das ist eine solche Tragödie!“, rief Jilana und Nelania fügte hinzu: „Dafür habt Ihr erstaunlich viel erreicht.“

„So ist mein Regin“, sagte Drosalia. „Immer zielstrebig und ehrgeizig und trotzt allen Widrigkeiten. Habe ich erzählt, dass er in seinem ersten Jahr eine Klasse übersprungen hat?“

Weil ich besser sein wollte, als Sonea. Und du und Margun habt Garrel dazu angestiftet, mich zu fördern, weil ihr mich ohnehin schon früher zur Universität hattet schicken wollen. Seine Verärgerung überspielend, nippte Regin an dem frischaufgefüllten Wein. Es war immer dasselbe. Nur noch wenige Minuten und Jilana und Nelania würden befinden, dass Regin Heiratsmaterial war und ihre blutjungen und noch keinem Mann versprochenen Enkelinnen vorschlagen.

Was blutjunge Mädchen betraf, so hatte Regin davon seit einem Skandal auf einer gewissen Party, die er mit Kayan besucht hatte, genug. Etwa zur selben Zeit hatten Frauen aufgehört, ihn zu interessieren. Trassias Hochzeit hatte ihn kastriert.

- Regin!

Die Stimme war vertraut und es war eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen sie nicht schnippisch oder vorwurfsvoll klang.

- Sonea?, projizierte er an die andere Präsenz und sah sich um.

- Bei der Säule auf der Innenseite.

Ein Bild blitzte vor Regins innerem Auge auf. Der Ballsaal aus der Perspektive der Seitenwand, die großen Fenster und Türen zum Park hin im Blick, Menschen in sommerlichen Gewändern und Kleidern, die in Gruppen zusammenstanden oder tanzten, und inmitten einer Gruppe grauhaariger Frauen ein rotgewandeter Magier.

Das Gesehene interpretierend blickte er sich um. Sonea stand an eine Säule gelehnt, ein Weinglas in der Hand und wirkte gelangweilt. Als ihre Blicke einander trafen, hob sie die Hand.

„Entschuldigt, die Damen“, sagte Regin zu den Frauen gewandt. „Doch ich fürchte, die Verantwortung meines Amtes ruft. Ich muss ein dienstliches Gespräch führen.“ Er legte eine Hand auf die Brust, deutete eine Verneigung an und durchquerte den Ballsaal.

„Der Arme!“, hörte er Nelania noch sagen. „Nicht einmal auf einer Party hat er vor der Arbeit Ruhe.“

„In dieser Hinsicht scheint er dem Hohen Lord nachzueifern.“

Jilana japste nach Luft. „Er plant doch nicht etwa …?“

Schon, um dir den Gefallen nicht zu tun, will ich das nicht, dachte Regin. Zumal er alt sein würde, bevor dieses Amt wieder frei wurde. Die Antwort seiner Mutter wurde von der Musik und dem Stimmengewirr verschluckt.

„Ah, liebste Hohe Lady Sonea!“, rief Regin, als er nur noch wenige Schritte von seiner Freundin entfernt war. „Welch eine Freude, dich zu sehen!“

Ihr Blick verfinsterte sich. „Du sahst aus, als könntest du gerettet werden. Spielt deine Mutter wieder den Kuppler?“

Woher weiß sie …?, dachte Regin. Er hatte ihr erzählt, dass seine Mutter ihn als Begleitung auf Parties und Empfänge schleppte. Da er und Sonea einander dadurch im Palast häufiger über den Weg liefen, war es ohnehin nur eine Frage der Zeit, bis sie es herausfand. Dieses spezielle Detail hatte er jedoch für sich behalten. Sonea war zu gut darin, ihn zu demütigen.

„Sie ist alt und braucht Gesellschaft“, antwortete er. „Und Varryl hat genug zu tun, als dass er das leisten könnte.“

Sonea bedachte ihn mit einem wissenden Blick.

„Und was ist mit dir?“, feixte Regin. Er musterte die sachakanische Frisur und das Haarnetz mit den winzigen Perlen. Hatte es etwas zu bedeuten, dass sie sachakanische Frisuren trug, wenn sie mit Akkarin außerhalb der Gilde unterwegs war? „Du siehst gelangweilt aus. Hat dein Hoher Lord gerade keine Zeit für dich?“

„Wir hatten ein Gespräch mit dem König. Jetzt besprechen sie etwas von Herrscher zu Herrscher.“

„Also dachtest du, du rettest deinen Erzfeind.“

„Also gibst du zu, dass du Rettung vor deiner kuppelnden Mutter und einigen älteren Damen mit blutjungen unverheirateten Enkelinnen brauchtest“, folgerte sie.

„Ah, eigentlich suche ich eine Partie für meine Mutter. Allerdings befürchte ich, dass die meisten Männer in ihrem Alter verheiratet sind. Ein jüngerer wäre dagegen ziemlich skandalös … hm …“

Soneas Augen verengten sich. „Regin, wie viel Wein hast du heute schon getrunken?“

Regin musterte sein Glas. „Das ist mein Viertes.“

„Dann stell es weg. Es sei denn, du willst dich blamieren. In diesem Fall würde deine Mutter gewiss so schnell keine Frau für dich finden, aber zugleich hättest du die Gilde wieder in Verruf gebracht.“

„Das letzte Mal ist zweieinhalb Jahre her, liebste Sonea! Seitdem gab es unzählige andere Skandale. Und diese waren nicht durch mich verursacht.“

Sie schnaubte leise. „Aber du bist ein Magier.“ Sie neigte den Kopf zur Seite. „Warum willst du keine Frau?“

Ich will keine Frau, die meine Mutter für mich aussucht, dachte Regin. „Möchtest du tanzen, liebste Sonea?“

„Du kennst meine Antwort, Regin“, sagte sie streng.

„Oh bitte, ehrwürdige Hohe Lady tu mir den Gefallen!“

Sie verdrehte die Augen. „Meinetwegen.“

Regin winkte erneut einen Diener herbei, und nachdem sie ihre Gläser an diesen übergeben hatten, führte er Sonea auf die Tanzfläche. „Das Schlimme ist, dass du auch so schleimig bist, wenn du nüchtern bist“, bemerkte sie.

„Andere Frauen finden das charmant.“

„Dann bin ich in dieser Hinsicht wohl keine Frau.“

Du bist in vielerlei Hinsicht keine Frau, dachte Regin, verkniff sich den Kommentar aber. Sie reagierte nicht sonderlich freudig auf solche Bemerkungen. Stattdessen legte er eine Hand auf die Brust. „Darf ich Euch um diesen Tanz bitten, Hohe Lady?“

„Da Ihr es nicht lassen könnt, ja“, erwiderte sie und sie begannen zu tanzen.

„Was hattet ihr mit dem König zu besprechen?“, fragte Regin, während sie sich zur Musik drehten.

„Schwarzmagische Inhalte“, sagte sie knapp. Wahrscheinlich war es auch um andere Dinge gegangen, doch diese würde sie ihm nicht erzählen. „Dafür, dass du vier Gläser Wein getrunken hast, tanzt du ziemlich gut.“

„Ich tanze immer gut. Und es waren drei.“

„Ich erinnere mich daran, dass deine tänzerischen Fähigkeiten einst denen eines Enkas entsprachen.“

„Dann trägt der Wein vermutlich dazu bei, dass ich besser bin“, erwiderte Regin liebenswürdig.

Sie schnaubte erneut. „Ich weiß nicht, ob mich das beruhigen soll.“

Regin lachte. „Manchmal frage ich mich, ob Akkarin dich geheiratet hat, weil er darauf steht, kratzbürstige Frauen zu zähmen.“

„Er hat mich nicht gezähmt, Regin.“

„Also dann ist es völlig anders, als ich immer vermutet habe? Du kommandierst ihn herum?“

Sonea seufzte. „Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass dich mein Beziehungsleben nichts angeht?“

„Öfter, als ich zählen kann.“ Regin fasste ihre Hüften, hob sie hoch und drehte sie einmal im Kreis. „Vielleicht bin ich einfach nur neugierig, weil ihr seit so vielen Jahren so glücklich seid, während ich mit den Frauen kein Glück zu haben scheine.“

Ihre säuerliche Miene glättete sich ein wenig. „Ich glaube, dass es mit dem richtigen Partner funktionieren kann, wenn beide gewillt sind, an ihrer Beziehung zu arbeiten“, sagte sie. „Vielleicht würdest du die Richtige finden, wenn du deine Mutter machen lässt.“

Trassia war die Richtige, dachte Regin und etwas in seiner Brust zog sich zusammen. „Meine Mutter glaubt nur, meinen Geschmack zu kennen.“

„Kennst du deinen Geschmack denn, Regin?“

Regin setzte an, etwas zu erwidern, schwieg dann jedoch. Wenn er mit Trassia anfing, würde sie wieder diesen mitleidigen Blick aufsetzen. Oder sie würde ihn schelten, weil er noch immer an ihr hing. Stattdessen tanzten sie schweigend, bis das Stück zu Ende war.

„Noch einen Tanz?“, fragte er anschließend.

Sonea nickte. „Aber nur wenn …“

„Lord Regin, ich danke Euch, dass Ihr meine Frau unterhalten habt, doch nun werde ich sie wieder übernehmen“, erklang eine tiefe Stimme.

Regin und Sonea fuhren herum.

Akkarin war durch die tanzenden Paare auf sie zugeschritten, seine dunklen Augen ruhten unentwegt auf Sonea.

„Selbstverständlich, Hoher Lord“, erwiderte Regin rasch. „Es war mir ein Vergnügen. Doch sie gehört Euch.“

„Ja“, sagte Akkarin, ohne seine unheimlichen Augen von Sonea abzuwenden. „Das tut sie.“

Die beiden schwarzen Magier starrten einander an und zwischen ihnen war wieder diese Magie, von der Regin wünschte, sie zu spüren. Wie oft hatte er sich gewünscht, dass eine Frau ihn so ansah! Es hätte nicht einmal Trassia sein müssen. Er hätte auch jede andere gewählt. Denn er war sicher, das wäre die Richtige.

„Wir sehen uns sicher später noch, Regin“, sagte Sonea und folgte ihrem Mann tiefer auf die Tanzfläche.

Unwirsch sah Regin den beiden schwarzen Magiern nach. Jetzt würde er wieder zu seiner Mutter müssen, sofern er nicht einen anderen Vorwand fand, um ihr und ihrem Sumikränzchen fernzubleiben. Er winkte einen Diener herbei und wählte ein frisches Weinglas. Dann wanderte er durch den Ballsaal.

Und fand sich plötzlich den letzten beiden Menschen gegenüber, die er an einem solchen Abend gebrauchen konnte.


***


Ein Band aus Silberstaub überspannte den Himmel von einem Ende zum anderen. Dazwischen und auf dem samtschwarzen Hintergrund glitzerten Myriaden von Sterne wie winzige kalte Diamanten. Die Luft war empfindlich kalt, doch der Boden strömte noch einen Rest der Wärme vom Tag ab.

Es war indes weder die Kälte noch der Sternenhimmel, der Dannyl nicht müde werden ließ. Obwohl ein Tag zu Pferd im sachakanischen Sommer selbst mit Pause anstrengend war, ertappte er sich immer häufiger dabei, dass er des Abends keinen Schlaf fand. Die Verräter meldeten weiterhin keine verdächtigen Bewegungen und Lenyaka und Dikacha hatten eine Art grimmigen Frieden geschlossen, nachdem Dannyl und Salyk ein Machtwort mit den beiden gesprochen hatten. Jeden Abend beantwortete Dannyl der Prinzessin ihre Fragen zu Kyralia und ihrem Bräutigam. Obwohl noch immer unsicher, war das Mädchen wissbegierig und Dannyl begrüßte das, selbst wenn ihre Neugierde nur aus dem Bedürfnis resultierte, Sicherheit in Bezug auf eine ungewisse Zukunft zu haben.

Als ob du nicht ganz genau wüsstest, was dich wach hält, flüsterte eine leise Stimme. Und du bist längst über den Punkt hinaus, an dem du darauf hoffen könntest, dass es besser wird, wenn du es ignorierst.

Und eigentlich wollte Dannyl es nicht ignorieren.

Er ist wach. Wie dumm ist es, sich hier herumzuwälzen, während er wach ist? Was soll er denken, wenn er das mitbekommt und du ihn ignorierst? Ihr bezeichnet euch als Freunde!

Und Dannyl begriff, dass alles, was ihn zurückhielt, die Furcht vor dem war, was daraus entstehen konnte.

Aber es liegt in meiner Macht, ob ich es zulasse oder nicht. Aufstehen und sich unterhalten, beinhaltete nichts, was zu beängstigenden Konsequenzen führen konnte. Zudem war Dannyl inzwischen so geübt darin, sein Verlangen zu kontrollieren, dass ein Gespräch keine Herausforderung darstellte.

Nichtsdestotrotz war er nervös, als er aufstand und sich zu dem Mann gesellte, der am Rand des Lagers auf einem flachen Felsen saß. Auf der anderen Seite hielt eine Verräterin Wache, doch sie war außer Hörweite.

„Kommt Ihr, um mich abzulösen?“ Salyks Augen waren auf einen Punkt in der Ferne gerichtet. Dort, wo die Straße hinter dem Horizont verschwand.

„Wollt Ihr denn abgelöst werden?“, fragte Dannyl.

„Selbst, wenn ich wollte, so könnte ich vermutlich nicht einschlafen.“

Dannyl lächelte schief. „Dieses Problem kommt mir bekannt vor. Wenn wir diesen Zustand lange genug aufrechterhalten, werden wir spätestens übernächste Nacht durchschlafen. Vorausgesetzt wir heilen uns nicht.“

„Gegen durchschlafen hätte ich nichts einzuwenden“, sagte Salyk. „Es gibt kaum etwas Ermüdenderes, als wenn die eigenen Gedanken im Kopf kreisen, ohne zu einem Schluss zu kommen, und einen damit wachhalten, obwohl man es leid ist.“

„Ich weiß, was Ihr meint.“

Salyk rückte ein Stück zur Seite. „Setzt Euch, Dannyl“, sagte er. „Sitzend unterhält es sich leichter.“

Dankend nahm Dannyl den Platz an und erkannte zu spät seinen Fehler. In der Dunkelheit war die Wärme, die der andere Mann abstrahlte, spürbar; seine Präsenz war übermächtig und erfüllte Dannyl mit der Magie, die er einige Tage zuvor an dem Bach verspürt hatte.

Eine Weile starrten sie in die Nacht und allmählich kam der Sturm in Dannyl zur Ruhe.

„Ich denke immer wieder über Sayara und ihre Bürde nach“, sagte er schließlich. „Ich kenne den Sinn politischer Ehen und weiß, dass dies seit Jahrhunderten praktiziert wird, und doch komme ich nicht umhin zu finden, dass sie damit ein unglaubliches Opfer bringt. Glaubt Ihr, dass man einem Menschen begegnet und sofort weiß, dass man ihn liebt, oder ist es eine Frage der Gewöhnung und wie gut man mit dem anderen auskommt?“

Salyk ließ sich mit der Antwort Zeit. „Ich denke, dass beides seine Berechtigung hat und dass nichts davon ein Garant für dauerhafte Liebe ist“, sagte er dann. „Man kann einem Menschen begegnen und wissen, dass es Liebe ist. Aber man kann auch nach Jahren feststellen, dass es das doch nicht war. Man kann nach jahrelanger Bekanntschaft die Liebe in jener Person finden, Freunde können zu Liebhabern werden und so ist es auch mit arrangierten Ehen. Aber es kann auch niemals passieren. Doch wer bin ich, darüber zu urteilen? Ich weiß nur, dass ich nicht verheiratet werden wollen würde.“

„Weil in Eurem Volk Eure Eltern die Wahl treffen würden?“

„Als Magier könnte ich meine Frau auch in Lonmar selbst wählen.“ Salyks Blick wanderte erneut zur Straße. „Doch ich will nicht heiraten.“

„Warum nicht?“

„Weil das für jede Frau eine Strafe wäre.“ Salyk schlucke und er wandte sich zu Dannyl. „Und ich nehme an, das ist der Grund, warum Ihr ebenfalls noch Junggeselle seid.“

„Ja“, sagte Dannyl. Etwas zog sich in seiner Brust zusammen und er erkannte, dass er seit Tagen nicht mehr an Tayend gedacht hatte. Und dass er sich nicht erinnern konnte, wann er das zuletzt getan hatte. „Nicht mit seiner Liebe zusammen zu sein, ist jedoch noch schmerzhafter.“

„Ja“, stimmt Salyk zu. „Das ist es.“ Er räusperte sich leise. „Vor einigen Jahren, nachdem wir den Streit der Stämme geschlichtet hatten, führte eine Mission mich zum Stamm der Felsensinger. Ich blieb mehrere Wochen dort. Von Tol-Gan ist es eine mehrtägige Reise dorthin, es hätte sich nicht gelohnt, zwischenzeitlich zur Botschaft zurückzukehren.“

„Ich erinnere mich an den Bericht“, sagte Dannyl.

„Dann hört jetzt, was nicht in diesem Bericht stand. Es hatte auf den Fall keinerlei Einfluss, doch für mich war es ein sehr einschneidendes Erlebnis. Ein Krieger der Felsensinger erregte meine Aufmerksamkeit. An den Blicken, die er mir zuwarf, konnte ich sehen, dass er mir ebenfalls zugetan war. Und wie das so ist, fanden wir Gelegenheiten, bei denen wir einander über den Weg liefen. Ich war keine zwei Wochen dort, als wir eine Affäre begannen. Alsbald mussten wir Vorwände finden, um uns jenseits meiner Arbeit sehen – in Bezug auf meine Mission hatten wir wie gesagt keine Berührungspunkte. Doch es gelang uns, mehrere Ausflüge zu machen, in denen er mir Jagen und Spurenlesen zeigte. Schließlich haben wir es aus Furcht vor Entdeckung beendet und wenige Tage später war auch meine Arbeit bei den Felsensingern beendet und ich kehrte zurück nach Tol-Gan. Es war nicht professionell von mir, doch es war für lange Zeit die schönste Zeit meines Lebens.“ Salyk machte eine Pause. „Nun wisst Ihr Bescheid. Nicht, dass ich noch ernsthaft annehmen würde, dass es Euch entgangen wäre.“

„Nein“, sagte Dannyl. „Das ist es nicht. Ich habe jedoch wiederholt festgestellt, dass es einen Unterschied macht, etwas zu ahnen als die Bestätigung zu erhalten.“ Er wandte sich Salyk zu. „Ich werde mir nicht anmaßen, über die Professionalität Eures Verhaltens zu urteilen, denn in dieser Hinsicht müsste ich mich ebenfalls schuldig bekennen. Doch als Euer Vorgesetzter, der Euren Bericht gelesen hat, kann ich Euch versichern, dass Ihr diskret gehandelt und hervorragende Arbeit geleistet habt. Solange Eure Affären nicht an die Öffentlichkeit dringen, dürft Ihr sie was mich betrifft, führen wie Ihr wollt.“

„In Tol-Gan habe ich mich auf Freudenhäuser verlegt.“ Ein schiefes Lächeln huschte über Salyks Gesicht. „Es gibt eines, das sowohl Frauen als auch Männer anbietet.“

„Soll das ein Geständnis sein, Botschafter?“, fragte Dannyl.

„Wenn Ihr wollt, dass ich gestehe, Auslandsadministrator …“

Dannyl lachte. Es war ein nervöses Lachen. „Nur, wenn Ihr gestehen wollt.“

„Jener Krieger war mein erster Partner überhaupt. Ich habe meine Neigungen erstmals als Novize bemerkt. Doch weder dort noch in meiner Heimat konnte ich es ausleben. Lan war so weit von Lonmar entfernt, wie es nur geht. Es ging lange Zeit gut, doch nach meinem Krieger konnte ich gewisse Bedürfnisse nicht mehr unterdrücken. Die Lan finden mein Volk attraktiv und ich habe das Bordell nur besucht, wenn ich es nicht mehr ausgehalten habe. Was dies betrifft, so stecken die lonmarschen Ansichten zu Prostitution zu tief in meinen Gliedern.“

„Ich denke, ich kann die Lan in dieser Hinsicht verstehen“, sagte Dannyl.

„Wie meint Ihr das?“, fragte Salyk, den Blick auf die Straße gerichtet, wofür Dannyl dankbar war.

„Ich habe Lenyakas Schwestern reden hören, dass sie Euch attraktiv finden. Von Takiros Blicken an dem Tag, an dem wir Details bezüglich der Allianz zwischen den sachakanischen und dem kyralischen Königshaus ausgehandelt haben, ganz zu schweigen.“

„Wie mir scheint, finden Sachakaner alles attraktiv, was in irgendeiner Weise exotisch ist.“

Ich finde Euch auch attraktiv, wollte Dannyl sagen, doch die Worte wollten nicht heraus. Falls Salyk seine ausweichende Antwort bemerkt hatte, war das bereits schlimm genug. Das Verlangen, seine Gefühle zu heilen, war nie größer gewesen. Aber es musste eine andere Lösung geben. Er würde diesen Schritt nur tun, wenn ihm keine andere Wahl mehr blieb.

„Findet Ihr mein Volk exotisch, Dannyl?“

Dannyl nahm sich die Zeit, über die Frage nachzudenken. „Nein“, sagte er schließlich. „Ich bin nicht einmal sicher, ob ich diesen Begriff in diesem Kontext verwenden würde. Er erscheint mir so … fetischistisch. Als Diplomat habe ich mit so vielen Völkern zu tun, dass sich derartige Eindrücke relativieren. Ich finde die Kultur Lonmars faszinierend. Aber ich finde es auch gut, dass Ihr nicht danach lebt. Denn ich weiß zu gut, wie sehr es einen zerstört, wenn man gezwungen ist, die eigene Natur zu verleugnen.“

„So wie Ihr es nach dieser Sache mit dem anderen Novizen getan habt?“

„Ja“, sagte Dannyl, nachdem er aufgehört hatte, sich über Salyks Schlussfolgerung zu wundern. Wenn man ein Knabe war und die Geschichte kannte, war das vermutlich logisch. „Es war wichtig, um in einer konservativen Institution wie der Gilde zu überleben. Die höheren Magier hätten mir andernfalls nie erlaubt, meinen Abschluss zu machen. Als Preis dafür war ich viele Jahre nicht ich selbst. Männer in unserer Position sind trotz aller Privilegien nicht frei ihr Leben so zu leben, wie es ihnen gefällt. Aber es gibt Möglichkeiten, sich etwas davon zu bewahren.“

„Manchmal denke ich, dass es so nicht sein sollte.“

„Wir können das System nicht ändern, mein Freund. Man braucht sich nur Sachaka anzusehen, um zu wissen, wie schwierig es ist, eine etablierte Lebensweise und die zugehörigen Ansichten zu ändern.“

„In Sachaka sind Knaben mittlerweile akzeptierter.“

„Weil sehr viele, sehr konservative Ashaki im Krieg gestorben sind und weil Ishaka Möglichkeiten hat, Entscheidungen und Gesetzesänderungen durchzudrücken, die in den Verbündeten Ländern jahrelange Debatten über die Statuten der Allianz bedeuten würden. Zudem hat er die Verräter auf seiner Seite.“

„Wäre Harlen nicht bereits unser Botschafter zu Arvice, würde ich mich dorthin versetzen lassen“, sagte Salyk. „Wir würden öfter zusammenarbeiten, als wir es momentan tun.“

„Ihr würdet trotzdem noch die Gilde repräsentieren“, erinnerte Dannyl. „Aber es könnte funktionieren. Es gib ein Sprichwort, das besagt: Was in Sachaka passiert, bleibt in Sachaka.“

Salyk lachte. „Zweifelsohne die Erfindung gewisser schwarzer Magier.“

„Das könnte sogar sein“, rief Dannyl und stimmte in das Gelächter seines Freundes ein. „Aber bis jetzt hat es sich …”

Von der anderen Seite des Lagers erklangen Rufe. Dannyl und Salyk fuhren herum. Eine, zwei Feuerkugeln erhellten die Nacht.

“Wir werden angegriffen!”, rief eine Palastwache.


***


„Dein Gespräch mit Merin hat ziemlich lange gedauert.“ Sonea drehte sich unter Akkarins Arm und ging dann wieder in den Grundschritt über. „Worüber habt Ihr gesprochen?“

„Einige brisante politische Themen, die die Gilde jedoch nicht betreffen. Und dann noch ein paar private Themen.“

Sonea betrachtete ihren Hohen Lord mit schmalen Augen. „So, private Themen also.“

Akkarin lachte leise. „Ich spreche mit ihm nicht über Dinge, die dir unangenehm wären“, sagte er. „Tatsächlich ging es um ihn. Aber darüber werde ich ebenso wenig sprechen, wie du mir gewisse Details über deine Freunde verschweigst.“

„Das würde ich auch niemals verlangen.“ Sonea sah zu ihm auf. „Es ist schön, dass du jetzt Zeit hast.“

„War Regin so anstrengend?“

„Nicht anstrengender als sonst. Allerdings tut er mir auch ein wenig leid.“

„Ich hörte von Drosalias Verkupplungsversuchen.“

„Regin sagte, er würde lieber ihr einen Mann besorgen. Kennst du zufällig eine passende Partie?“

Akkarins Augenbrauen zogen sich zusammen und sein Blick glitt ins Leere. Dann lachte er leise. „Tatsächlich gibt es jemanden. Doch sie würde ihn nicht wollen. Wobei die Vorstellung so amüsant ist, dass ich mich als Kuppler versuchen würde.“

Sonea starrte ihn an. Es musste eine sehr interessante Kombination sein, wenn er sich dazu herabließ. „Wer ist es?“, fragte sie.

„Das Oberhaupt von Haus Dillan.“ Akkarins Mundwinkel zuckten, dann wurde er wieder ernst. „Seine Frau starb im vorletzten Winter an Lungenfieber. Die Heiler konnten nicht viel für sie tun, sie war zu schwach. Vorausgesetzt, er stirbt nicht auf ähnlich tragische Weise, könnten er und Drosalia ein paar schöne Jahre miteinander verbringen.“

„Das ist Trassias Haus“, hauchte Sonea. Sie erinnerte sich an den Todesfall. Regins Eltern hatten noch nie viel von Haus Dillan gehalten. Ihr Freund würde nicht mehr mit Trassia zu tun haben, als er es jetzt hatte. Aber er würde nicht begeistert sein.

„Eben deswegen.“ Aus irgendeinem Grund schien ihm die Vorstellung zu erheitern.

„Regin würde dich hassen. Und ich weiß nicht, ob ich damit einverstanden wäre.“

- Aber du musst zugeben, dass es amüsant ist, nicht wahr?

- Kann es sein, dass du nur einen Weg suchst, der Langeweile des Gildenalltags zu entgehen?, fragte Sonea. Du kannst mir nicht erzählen, dass Gildenversammlungen, anstrengende Kinder und skurrile Morde, die nicht mit schwarzer Magie begangen wurden, erfüllend sind.

- Das sind sie nicht. Nicht einmal eine widerspenstige Frau, die ich seit Jahren zu einer gehorsamen Bettsklavin zu erziehen versuche und die mich neuerdings mit einem Romanhelden betrügt, kann gewisse Dinge aufwiegen, wenn auch sie meine dunkle Seite befriedigt.

Ihm fehlt die Jagd auf schwarze Magier. Für einige Jahre war ihnen ihr Leben mit den Kindern genug gewesen. Der Nachtschatten hatte in dieser Hinsicht eine erfrischende Abwechslung dargestellt und dann hatte die erste Zeit mit Lorlen und Lina als Novizen sie beide in Atem gehalten.

- Also wenn du könntest, würdest du die Adeligen gegeneinander ausspielen?, fragte Sonea.

- Ich habe genug Informationen über jeden, dass ich das könnte. Aber ich würde das Machtgefüge in Kyralia damit empfindlich stören. Es ist nichtsdestotrotz amüsant, verschiedene Szenarien durchzuspielen.

- Bei deiner nächsten Begegnung mit Drosalia könntest du dennoch ein paar Worte über das Oberhaupt von Haus Dillan fallenlassen, sandte Sonea.

Oder du unterbereitest Regin den Vorschlag. Da er dein Freund ist und du ihm dabei helfen willst, dass seine Mutter ihre Versuche, ihm eine Frau zu finden, aufgibt, wäre das nur fair. Und so hätte er bei der Wahl seines Stiefvaters einen kleinen Einfluss.

- Ich werde es mir für das nächste Mal merken. Für heute habe ich genug von seinen Kapriolen.

- Dafür, dass du zuerst so entsetzt warst, bist du erstaunlich schnell zu meiner Komplizin geworden, bemerkte Akkarin.

- Nun, das solltest du doch mittlerweile kennen, erwiderte Sonea liebenswürdig. Außerdem solltest du nicht vergessen, dass ich mich zwar mit den Adeligen arrangiert haben mag, das jedoch nicht bedeutet, dass ich sie mittlerweile lieber mag.

Statt einer Antwort zog Akkarin sie in seine Arme und sie tanzten schweigend weiter. Er ist auch gar nicht so angetan von diesem Treiben hier, wie er immer vorgibt, erkannte Sonea. Oft erweckte Akkarin den Eindruck, als wären die Feste im Palast unterhaltsam. In Wirklichkeit überstand er sie jedoch nur mit ihrer Gesellschaft und Sarkasmus.

Mitten im Schritt hielt Akkarin inne. „Möglicherweise muss dein Freund erneut gerettet werden.“

Verwirrt sah Sonea sich um. Mehrere Paare versperrten ihr jedoch die Sicht.

„Sieh nicht hin“, murmelte Akkarin und sandte ihr ein Bild von Regin. Sonea stöhnte unterdrückt, als sie sah, wer seine Gesprächspartner waren. Aus Akkarins Perspektive glaubte sie, bei Regin Zeichen von Anspannung zu sehen. Diese konnten jedoch auch von dem Wein kommen, den er getrunken hatte. Mittlerweile hielt er sein fünftes Glas in den Händen.

- Wundervoll, sandte sie. Eigentlich bin ich der Meinung, dass er das selbst lösen kann.

- Er ist noch nicht über Trassia hinweg.

- Seit der Hochzeit sind zwei Jahre vergangen. Seitdem hat er sich in keine einzige Affäre geflüchtet.

- Das heißt nicht zwingend, dass er nicht mehr um sie trauert.

- Ich bin trotzdem der Meinung, dass er das alleine schaffen muss.

- Der Meinung bin ich auch. Auch wenn er das vermutlich anders sieht.

- Wollen wir trotzdem hoffen, dass er sich nicht in den nächsten Skandal stürzt.

- Ich werde ihn im Auge behalten.

Akkarin nahm Soneas Hände zwischen seine und blickte auf sie hinab. „Noch einen Tanz?“

Lächelnd sah Sonea zu ihm auf. „Mit Euch immer, Hoher Lord.“


***


„Guten Abend, Carrien von Tenvar. Trassia.“ Sich zu einem Lächeln zwingend, von dem er hoffte, dass es freundlich aussah, neigte Regin den Kopf. Mit einem Mal empfand er die Luft im Bankettsaal als zu heiß und er wünschte, der Hohe Lord hätte an diesem Abend nicht so viel Sehnsucht nach seiner kleinen, kratzbürstigen Frau gehabt.

„Lord Regin“, erwiderte Carrien kühl, während Trassia ihm ein zaghaftes und nur mäßig erfreutes Lächeln schenkte.

„Ein schönes Fest, nicht wahr?“, fragte Regin. „Unsere letzte Begegnung liegt eine ganze Weile zurück, selbst Trassia bekommt man kaum noch zu Gesicht, obwohl sie in der Gilde arbeitet – sagt, Carrien, wie ist es Euch seitdem ergangen?“

Der Wichtigtuer aus Haus Saril musterte Regin wachsam. „Politik ist immer ein sehr arbeitsreiches Geschäft. Sicher habt Ihr von den geplanten Steuerreformen gehört.“

„Ihr meint die Reformen, die die Gelder der Gilde kürzen werden?“

„Dafür, dass die Magier auf dem Gelände der Gilde kostenlos leben dürfen, müssen sie nicht noch bezuschusst werden.“

„Geld, das die Magier zum Leben und Unterrichten brauchen.“

„Geld, das besser in neuen Bau- und Forschungsprojekten aufgehoben wäre.“

„Die, die Gilde übernimmt.“ Regin sah zu Trassia. „Ich nehme an, dir sind die Steuerreformen gleich, da du in Luxus lebst und nichts von den Auswirkungen, die geringere Steuergelder auf die Gilde und alles unter ihrem Einfluss hätten, mitbekommst zumal du nicht mehr im Krankenhaus arbeitest.“

„Lord Regin, was wollt Ihr von uns?“, fragte Carrien kühl.

„Nur Konversation betreiben.“

„Indem Ihr meine Frau angreift?“

„Ich spreche nur auf Beobachtungen beruhende Tatsachen aus“, erwiderte Regin. Es wird Zeit, dass Mutter einen Mann findet und mich nicht mehr auf diese Parties mitschleppt. Regin wollte Carriens blasierte Visage nicht mehr sehen müssen. Besser, wenn er auch Trassia niemals wiedersah. Er hatte sich geschworen, das alles hinter sich zu lassen. Doch jetzt, wo er dem Paar gegenüberstand, konnte er seinen Zorn nicht mehr zurückhalten. „Ich erinnere mich, dass Ihr keine drei Jahre zuvor noch Gildenprojekte wie das Krankenhaus unterstützt habt. War es Euch jemals ernst damit oder war das nur eine Brautwerbungsstrategie?“

„Regin!“, rief Trassia.

„Durch die Öffnung der Gilde zu den unteren Klassen verschlingt diese mittlerweile mehr Steuergelder, als dieses Land aufbringen kann“, sagte Carrien. „Daher müssen bei der Verteilung der Steuergelder Abstriche gemacht und neue Regelungen geschaffen werden. Die Alternative wäre das Studium an der Gilde kostenpflichtig zu machen, was allerdings dazu führen würde, dass die Unterschicht wieder ausgeschlossen würde.“

„Ob die Gilde Studiengebühren erhebt, sollte der Gilde überlassen sein“, sagte Regin eisig. Er konnte sich jedoch bereits denken, wie eine solche Abstimmung ausfallen würde.

„Nun, wenn die Gilde weniger Gelder aus Steuereinnahmen erhält, wird sie das müssen.“ Aus irgendeinem Grund schien Carrien das zu erfreuen. Regin wusste nicht, was daran erfreulich sein sollte, wahrscheinlich war es nichts als eine Provokation. Die hervorragend funktionierte.

„Ihr habt nicht das Recht, das zu entscheiden“, sagte er kalt. Er sah zu Trassia. „Und das unterstützt du?“

Trassias Miene hatte sich versteinert. „Carrien hat mir die Situation aus einem etwas differenzierteren Blickwinkel erläutert und ja, ich gebe ihm recht“, antwortete sie.

„Ein wohl eher weltentrückter Blickwinkel“, bemerkte Regin. „Ohne den Gildenalltag zu kennen, solltet Ihr Euch kein Urteil anmaßen, Carrien.“

„Ich bin mit einer Gildenmagierin verheiratet, Lord Regin“, erwiderte Carrien kühl.

„Die jedoch keine leitende Funktion hat und damit mit den administrativen Fragen nicht vertraut ist“, gab Regin zurück.

„Meine Frau braucht keine administrative Funktion, damit ich mir ein Bild machen kann. Sie ist nicht die einzige Magierin, mit der ich in Kontakt bin.“

„Ich bin sicher, Lady Sonea und der Hohe Lord werden Euch mit Vorliebe ein paar deutliche Worte zu Euren Plänen sagen, sofern sie das nicht schon haben.“ Die von den Häusern vorgeschlagenen Steuerreformen waren im Frühjahr ein Gespräch in der Gilde gewesen. Regin konnte sich erinnern, dass die beiden schwarzen Magier nicht erfreut gewesen waren. Von Kürzungen der Gildengelder war da jedoch noch keine Rede gewesen.

„Ihr wärt überrascht“, erwiderte Carrien mit einem siegesgewissen Lächeln. Regin wollte ihm seine Faust ins Gesicht schleudern.

„Das werdet Ihr niemals durchkriegen. Der König wird dem nicht zustimmen.“

„Der König ist sich des Problems bewusst.“

„Es geht Euch doch nur darum, dass die Häuser noch mehr Geld anhäufen können, weil Euch die Politik der letzten fünfzehn Jahre ein Dorn im Auge ist.“

„Sagt der Sohn einer der mächtigsten Familien aus Haus Paren.“

„Ich bin Gildenmagier. Ich habe einen Eid geschworen.“

„Von Trassia habe ich da ganz andere Dinge über Euch gehört, Regin von Winar.“

„Die Sünden meiner Jugend haben nichts zu tun mit …“

„Carrien und Trassia von Tenvar“, erklang eine tiefe Stimme. „Wenn mich nicht alles täuscht, haben wir noch etwas zu klären.“

Regin erstarrte und atmete dann erleichtert auf. „Hoher Lord und Sonea“, sagte er. „Falls es um die geplante Steuerreform gibt, so bin ich überzeugt, dass Ihr Carriens Ansichten äußerst interessant finden werdet.“

Die beiden schwarzen Magier tauschten einen langen Blick, der darauf schließen ließ, dass sie über ihre Blutjuwelen diskutierten.

„Regin, deswegen sind wir nicht hier“, sagte Sonea. Sie trat zu ihrer Freundin. „Hat er dich belästigt?“

„Nicht mehr, als sonst“, antwortete Trassia. „Das heißt, er versucht alles, um ein Enka zu sein.“

Mit säuerlicher Miene sah Sonea zu Regin. „Komm, wir gehen ein wenig frische Luft schnappen.“

„Aber …“, begann Regin.

„Nicht jetzt.“ Sonea fasste ihn am Ärmel und zog ihn durch die Menge zu den Türen, während Regin nicht wusste, ob er dankbar für die erneute Rettung sein sollte, oder besser daran tat, sich auf Schelte vorzubereiten.

„Was fällt dir ein?“, fuhr Sonea ihn an, kaum dass sie den Balkon betreten hatten. Sie zog Regin in eine Ecke, in der sie ungestört waren. „Willst du, dass er wieder Beschwerde gegen dich einreicht?“

„Was hätte ich denn tun sollen? Plötzlich standen sie vor mir!“

„Höflich grüßen und weitergehen.“

„Ich wollte höfliche Konversation betreiben.“

„Nun, das war ja nicht zu übersehen.“

„Was kann ich denn dafür, dass Carrien so ein mieser Enka ist?“, verteidigte Regin sich. „Er hat Trassia irgendwelche hirnverbrannten Ideen eingepflanzt, weswegen die Steuerreform wichtig ist und sie deckt ihn. Als hätte sie keine eigene Meinung!“ Noch während Regin sprach, begriff er, dass Trassia fast die ganze Zeit über geschwiegen hatte. Als hätte sie wirklich keine Meinung.

Sonea schüttelte den Kopf. „Was ist los mit dir Regin? Ich dachte, du wärst über sie hinweg. Und jetzt das?“

Eine Gruppe Gäste ging an ihnen vorbei.

„Ich versuche ja, über sie hinwegzukommen“, zischte Regin. „Aber immer, wenn ich denke, ich hätte es geschafft, laufe ich ihr über den Weg. Und das, obwohl ich sie viel seltener sehe, seit sie der Gilde den Rücken gekehrt hat.“

Der Zorn in Soneas Augen erlosch. Was darauf folgte, wollte Regin jedoch noch viel weniger von ihr.

„Regin, hast du schon einmal überlegt, einen Heiler aufzusuchen?“

„Damit die ganze Gilde Bescheid weiß?“

Sie gab ihm einen unsanften Klaps. „Heiler haben Schweigepflicht, du Mistkopf!“ Regin wich zurück. Nein, sie war noch immer verärgert. „Ich meinte einen Heiler, der auf seelische Probleme spezialisiert ist.“

Regin verschränkte die Arme vor der Brust. „Danke auch. Ich gehe nicht nach Seewacht!“

„Es gibt auch Heiler in der Gilde, die das in kleinerem Rahmen tun. Sie unterstützen zum Beispiel auch Menschen dabei, über den Tod eines geliebten Familienangehörigen hinwegzukommen. Sie würden auch dir helfen.“

„So einen Unfug lasse ich nicht mit mir machen.“

„Regin, das ist kein Unfug. Denk zumindest darüber nach.“

„Gibt es nicht irgendein Kraut, das gebrochene Herzen heilt?“

„Es gibt Kräuter, die die Stimmung aufhellen, doch wie Wein oder Drogen würden sie deine Probleme nicht lösen. Das musst du selbst tun.“

„Also gibt es keine Alternative.“

„Nur eine, aber sie würde dir noch weniger gefallen.“

„Sag es mir“, verlangte Regin.

Die kleine schwarze Magierin grinste schief. „Dass ich dir jeden Tag eine Tracht Prügel verpasse.“


***


Dannyl und Salyk hasteten durch das Lager. Mehrere dunkle Gestalten auf Pferden waren auf den Lagerplatz geritten und kämpften gegen Verräter und Palastwachen, die von ihren Schlafplätzen aufgesprungen waren. Die Gesichter der Reiter waren bis auf die Augenpartie vermummt. Dannyl zählte sechs.

“Beschützt die Prinzessin!”, rief Dikacha, woraufhin mehrere Palastwachen zu Sayaras Zelt eilten.

Einer der Reiter schickte ihnen einen Feuerschlag hinterher. Der Angriff verfehlte sein Ziel und setzte das Zeltdach in Brand. Von drinnen erklangen die Schreie von Sayara und ihrer Sklavin. Instinktiv griff Dannyl nach seiner Magie und riss das Zeltdach fort.

Salyk war bereits weitergeeilt und half den Palastwachen, einen schützenden Perimeter um die Prinzessin zu bilden, die sich furchterfüllt an ihre Sklavin klammerte. Die Luft flimmerte, als er und Ishakas Magier einen Schild um die beiden Frauen errichteten.

Dannyl rannte zu Lenyaka, die sich mit einem Reiter duellierte. “Greift das Pferd an!”, befahl sie Dannyl in unbeholfenem Kyralisch, während sie den Reiter mit Feuerschlägen angriff. Das Pferd, anscheinend auf magische Kämpfe trainiert, ließ diese unbeeindruckt.

Dannyl zögerte. Aufs Kämpfen trainiert oder nicht – er weigerte sich, ein Tier anzugreifen. Lenyaka hatte derweil Mühe, die Angriffe ihres Gegners abzuwehren.

Ah, aber vielleicht brauche ich es nicht töten.

Dannyl griff nach seiner Magie. Dann schob er das Pferd mit seinem ganzen Willen zur Seite. Das Tier taumelte, geriet in Panik und tänzelte auf den Hinterbeinen. Dannyl zog Lenyaka zurück und gab dem Tier einen zweiten Schubs.

Das Pferd warf seinen Reiter ab und suchte das Weite. Lenyaka zog ihr Messer und schritt auf den am Boden liegenden Mann zu, mit unaufhörlichen Kraftschlägen angreifend. Dieser riss einen Schild hoch und kam wankend auf die Beine.

“Jetzt bist du dran”, zischte Lenyaka.

Der Mann taumelte zurück und sein Schild flackerte für einen Moment. Im nächsten Moment griff er mit voller Wucht an. Dannyl hüllte ihn in einen Regen Feuerschläge, während die Verräterin mit Hitzeschlag angriff.

Ein weiterer Reiter donnerte herbei und rief etwas, das Dannyl nicht verstehen konnte. Sein und Lenyakas Gegner wirbelte herum, ergriff die ausgestreckte Hand des Reiters und ließ sich in den Sattel ziehen. Zusammen mit vier anderen Reitern floh er in die Nacht.

“Hinterher!”, brüllte Dikacha.

Mehrere Verräter und Palastwachen eilten zu ihren Pferden, um die Verfolgung aufzunehmen.

“Es sollten genügend zurückbleiben, um das Lager zu sichern, falls das eine Falle ist!”, rief Salyk.

“Ihr habt den Botschafter gehört!”, rief Lenyaka.

“Zwei Palastwachen und drei Verräter zu mir!”, befahl Dikacha und für einen Moment war Dannyl fasziniert, dass dies ohne Streit gelang.

„Tavaria, geh mit Dikacha“, wies Lenyaka eine Frau an, die ihr schwarzes Haar zu unzähligen Zöpfen geflochten trug.

“Wir brauchen hier Hilfe!”, erklang eine Frauenstimme.

Sich umblickend entdeckte Dannyl Mava neben einer anderen Gestalt kniend. Lari.

“Was ist passiert?”, rief er und eilte zu den beiden Frauen.

“Ein Pferd hat sie am Kopf erwischt”, antwortete Mava. “Es geschah, als wir der Prinzessin zur Hilfe eilen wollten.”

Und im Laufen verzichteten Magier häufig auf einen Schild, weil er schwerer zu halten war. Dannyl berührte die Stirn der Frau und sandte seine Magie in ihren Körper. “Eine Gehirnerschütterung”, sagte er. “Ich werde sie heilen.”

Die Gehirnerschütterung war schwerer, als Dannyl vor der Verräterin zugeben wollte. Er dankte Lady Vinara im Stillen, dass sie ihm bei früheren Besuchen in Imardin auf seinen Wunsch hin geholfen hatte, sein Wissen über Heilkunst zu erweitern. Seine Reisen brachten ihn häufig in Gegenden, in denen kein Heiler lebte.

„Eure Gefährtin sollte die Nacht über ruhen“, sagte er zu Mava, nachdem er die Heilung beenden hatte. „Sollte sie Beschwerden haben, teilt es mir unverzüglich mit.”

“Ich stehe in Eurer Schuld, Dannyl von den Gildenmagiern”, erwiderte Mava.

Dannyl löste seine Hand von der Verräterin. “Das ist schon in Ordnung“, sagte er und stand auf.

Verräter und Palastwachen hatten derweil die Verfolgung aufgenommen. Dannyl schritt zum Zelt, wo sich der Rest der Reisegruppe versammelt hatte. “Alles in Ordnung, Euer Hoheit?”, fragte er.

“Sie haben das Zelt zerstört”, klagte Sayara. Während sie sprach, zitterte sie am ganzen Leib. “Es war so furchtbar. Wie in einem bösen Traum.”

“Das Zelt ist verbrannt, aber Ihr, Eure Sklavin und Eure Sachen sind unversehrt”, erwiderte Dannyl. “Das ist das Wichtigste.”

“Dafür ist der Karren ruiniert”, sagte eine Palastwache.

“Oh nein!”, klagte Sayara. “Wie sollen wir dann weiterreisen?”

“Reiten”, antwortete Lenyaka.

“Reiten?”, wiederholte die Prinzessin. “Ich kann nicht reiten. Meine Kleider werden das nicht überstehen! Das ist eine Katastrophe!”

Lenyaka schenkte der Prinzessin ein zähnebleckendes Lächeln. “Nach ein paar Tagen im Sattel werdet Ihr Euch daran gewöhnt haben.”

Sayara entfuhr ein Wimmern.

Nicht wissend, ob er Mitleid oder amüsiert sein sollte, wandte Dannyl sich der Prinzessin zu. “Ich bin sicher, wir werden ein Beinkleid für Euch auftreiben, das Eure Kleider schont”, sagte er. “Und was das Reiten betrifft, so schadet es nicht, wenn eine zukünftige Königin dies beherrscht. Falls Ihr es wünscht, werde ich Euch helfen, es zu lernen.”

“Das besänftigt mich ein wenig, Auslandsadministrator”, erwiderte Sayara.

“Nun, das ist doch ein Anfang”, erwiderte Dannyl. Er wandte sich zu Lenyaka. “Dieser Angriff”, sagte er, “wo kamen diese Männer so plötzlich her?”

“Das würde mich auch interessieren”, antwortete die Verräterin säuerlich. “Doch so wie sich diese Reise verzögert, ist es kein Wunder, dass sie überhaupt herkamen.”

Obwohl Dannyl dieses Argument für unbegründet hielt, zog er es vor, nichts darauf zu erwidern. “Aber warum haben unsere Wachen sie nicht kommen sehen? Haben sie sich hinter schalldichten Schilden und Illusionen verborgen?“

“Das alles würden wir wissen, wäre es uns gelungen, einen zu verhören”, sagte Lenyaka.

“Wie haben sie das Lager überhaupt gefunden?”, fragte Sayara. “Ich dachte, wir sind hier durch Magie geschützt.“

“Und tagsüber ziehen wir über die einzige Straße, die nach Kyralia fährt“, erwiderte die Verräterin.

„Aber Ihr habt doch Beobachterinnen entlang der Straße postiert.“

Lenyaka bedachte die Prinzessin mit einem mitleidigen Blick. „Im Abstand einer Tagesreise. Was glaubt Ihr, wie viele Leute wir haben?“

„Ihr sagtet, die Straße wäre sicher“, gab Sayara zurück. „Mein Vater wird nicht erfreut sein, wenn er das erfährt.“

„Der Überfall war für uns alle ein Schock und unsere Gemüter sind dementsprechend aufgewühlt“, sagte Dannyl. „Lasst uns erst einmal zur Ruhe kommen und Abwarten, was die Verfolger herausfinden. Lenyaka, Ihr solltet Asara informieren, damit sie Untersuchungen einleitet. Wir müssen wissen, wer diesen Anschlag verübt hat. Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.“

„Die Magierinnen, die entlang der restlichen Reiseroute stationiert sind, sollten sich uns außerdem anschließen, sofern Asara sie entbehren kann“, fügte Salyk hinzu. „Es wäre nur bis zum Nordpass.“

„Ich werde sie fragen, ob sie weitere Verstärkung aus der Gegend zu uns entsenden kann“, antwortete Lenyaka. „Diese würden jedoch erst im Laufe der nächsten Tage eintreffen.“

„Das ist doch ein Anfang“, sagte Dannyl. „Zudem wäre es besser, wenn wir von nun an zügig weiterreisen.“

“Mich würde interessieren, was sie bezwecken wollten”, sagte Salyk, als er und Dannyl zu ihren Schlafplätzen zurückkehrten. Dikacha war noch nicht zurück. Lenyaka hatte die Wachen verdreifacht. „Wer unsere Reisegruppe gesehen hat, weiß, dass man eine kleine Armee braucht, um uns anzugreifen. Stattdessen waren sie nur zu sechst. Und sie waren nicht sonderlich stark.“

„Stimmt“, sagte Dannyl sich erinnernd, wie schnell die Angreifer die Flucht ergriffen hatten. „Entweder, das war ein Trick, um die Gruppe auseinanderzubringen und wir werden uns in den nächsten Stunden einem viel größeren Gegner gegenübersehen, oder sie wollten uns einen Schrecken einjagen.“

„Was ihnen gelungen ist“, murmelte Salyk mit einem Blick zu der Prinzessin, die umgeben von mehreren Frauen und ihrer Sklaven auf Decken in den Überresten ihres Zeltes lag. „Und damit sorgen sie für Unruhen, die wir im Augenblick nicht gebrauchen können.“

„Ganz genau“, sagte Dannyl.

„Dann“, sagte Salyk. „Sollten wir uns umso weniger verunsichern lassen.“


***


„Da!“

Die helle Stimme kam wie aus weiter Ferne. Sie war so vertraut, dass es ihm das Herz zerriss.

„Da!“

Die Stimme kam näher.

„Da!“ Ein entsetztes Aufkeuchen und dann: „Was haben sie dir angetan?“

Eine Gestalt ging neben ihm in die Hocke und zarte Hände strichen über sein Gesicht. „Du siehst ganz schön übel aus.“

„Tessia?“, fragte Cery benommen.

„Lana, du Mistkopf!“ Die Hände fassten seine Schultern. „Kannst du aufstehen?“

Cery stöhnte. Lana! Natürlich! Wie hatte er nur denken können, dass seine Tochter noch am Leben war! Sie wäre dieses Jahr vierzehn geworden.

Mit einem weiteren Stöhnen setzte er sich auf und blinzelte durch seine zugeschwollenen Augen. Der Mond war weitergewandert und das irritierte ihn.

„Wie lange …?“, fragte er.

„Nicht lange. Halbe Stunde vielleicht. Ich wollte sichergehen, dass alle fort sind.“

„Und meine Männer?“, fragte Cery.

„Verfolgen die Kerle. Es war gut, mehr Leute hier zu verstecken, falls einer auffliegt. Es waren dieses Mal acht von Rashyks Schlägern.“

„So viel habe ich noch mitbekommen.“ Vorsichtig bewegte Cery seine Beine. Seine Lenden fühlten sich an, als habe jemand versucht, ihm die Eier ins Gehirn zu treiben. Der Schmerz war so groß, dass seine übrigen Blessuren auf wundersame Weise in den Hintergrund traten. „Uh-oh.“

„Komm“, sagte Lana. Sie legte sich seinen Arm über die Schulter und zog Cery seine Proteste und Schmerzenslaute ignorierend auf die Füße. „Ich bring dich zu unserem Haus.“

„Ich muss ins Versteck!“ Cery verlagerte sein Gewicht. „Au!“

„Das Haus ist näher.“

„Ich muss die Berichte meiner Leute haben.“

„Die kannst du morgen anfordern.“ Es missfiel Cery, wie selbstverständlich Lana das Kommando übernahm, doch er hatte sich selten weniger dazu in der Lage gefühlt. „So wie ich das sehe, sind sie für den Rest der Nacht sowieso beschäftigt.“

„Rashyks Schläger werden mir heute nicht mehr folgen. Und ich will endlich wieder in meinem Bett schlafen!“

„Wir wissen bald genug, um sie festzunehmen. Dann kannst du jede Nacht wieder dort schlafen. Und jetzt komm.“

Sie führte Cery aus dem Gebäude.

Der Weg zu seinem Alibi-Haus wurde zum schmerzhaftesten Gang in Cerys gesamten Leben. Sein Schädel dröhnte und bei jeder Bewegung wurde er sich neuer Blessuren bewusst: schmerzende Rippen, eine kräftig geprellte Niere, sein Magen, seine Glieder, doch vor allem seine Lenden. Nicht, dass er seit Nenias Tod noch viel Verwendung für Letztere hatte. Jeder Schritt war ein einziger Schmerz. Cery musste mehrmals innehalten und sich in einen Hauseingang hocken, bevor er weitergehen konnte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten sie das Haus in Ravis Bezirk. Lana brachte Cery direkt ins Schlafzimmer, wo er sich mitsamt Stiefeln und einem Ächzen ausstreckte. „Jetzt ein Sud mit Briskborke“, stöhnte er. „Oder eine Salbe.“

Lana ließ sich auf der Bettkante nieder. „Wir haben an alles gedacht, als wir hier eingezogen sind. Nur nicht daran.“ Sie umfasste die Ferse von Cerys Stiefel und zog ihn aus. Cery entfuhr ein weiterer Laut des Schmerzes. „Es gibt nur Wasser und Bol.“

„Bol.“

„Natürlich.“ Sie zog ihm den anderen Stiefel aus, was Cery mit einem weiteren Schmerzenslaut quittierte, und verschwand in der Küche.

Als sie zurückkam, trug sie eine Schüssel und mehrere Tücher.

„Ich hatte Bol gesagt.“

„Nachher. Jetzt sorgen wir erstmal dafür, dass du morgen nicht ganz so übel aussiehst, wenn du zum Dienst erscheinst.“

„Um nicht übel auszusehen, bräuchte ich ’nen Heiler.“

Lana tauchte ein Tuch in die Schüssel und wrang es aus. „Der wissen will, was du getrieben hast.“

„Sonea könnte das machen.“

„Es ist mitten in der Nacht, Ceryni.“ Sie begann, seine zugeschwollenen Augen abzutupfen. „Bestimmt lässt sie sich gerade von ihrem Hohen Lord ficken.“

„Ah!“, machte Cery, als sie eine empfindliche Stelle berührte. „Pass auf!“

Sie tauchte den Lappen erneut ins Wasser, wrang ihn aus, faltete ihn und legte ihn über Cerys Augen. „Und jetzt Ruhe. Sonst kann ich nicht arbeiten.“

Sich in sein Schicksal ergebend, ließ Cery sie machen. Lana öffnete sein Hemd und behandelte die Blessuren auf seinem Brustkorb. Die feuchten Tücher kühlten und linderten seinen Schmerz. Allmählich entspannte Cery sich ein wenig. Ihre Berührungen erinnerten ihn an Nenia. Mit dem Lappen über seinen Augen war es leicht sich vorzustellen, dass sie es war, die ihn verarztete. Aber es war nicht Nenia, die Liebe seines Lebens. Es war Lana, seine kleine Leibwächterin. Und mit einem Mal war Cery dankbar, dass Rashyks Schläger sich seiner Lenden so intensiv angenommen hatten.

„Woher kannst du das?“, fragte er.

„Mein Da hat meine Ma oft verprügelt. Aber da war ich noch klein. Das war vor Inava.“

„Das tut mir leid“, sagte Cery. „Mein Da hat meine Ma gut behandelt. Dafür war er blöd genug, einen Dieb zu squimpen.“

„Wenn ich den Ficker eines Tages finden sollte, werde ich ihn töten!“, erklärte Lana leidenschaftlich.

„Ich werde dich nicht aufhalten“, sagte Cery. Er duldete keine Männer, die ihre Frauen schlugen, in seinem Bezirk. Häufig genügte es, sie wissen zu lassen, dass er darüber Bescheid wusste. Den Uneinsichtigen schickte er ein Messer. Er hätte es als Captain der Stadtwache geregelt, gäbe es dafür ein Gesetz.

Lana beendete ihre Arbeit mit den Worten: „Deine Eier fass ich nicht an.“

Amüsiert hob Cery den Kopf. Sofort schoss neuer Schmerz durch seinen Leib. „Wieso das?“

„Eier sind widerlich.“ Die Matratze bewegte sich, als sie sich erhob. „Jetzt bringe ich dir dein Bol.“

„Um das zu trinken, muss ich mich bewegen“, wandte Cery ein.

„Das kriegen wir schon hin“, erklärte Lana und verschwand erneut in der Küche. „Hier“, sagte sie schließlich und drückte einen Krug in Cerys Hände. Der Lappen rutschte von Cerys Augen, als er sich vorsichtig aufsetzte und den Krug an die Lippen führte. Stattdessen legte er den Lappen über seinen Schritt.

„Ah“, machte er, als das Bol seine Kehle hinab rann. „Danke.“

„Nach deiner Aktion das Mindeste“, sagte Lana ein wenig schnippisch.

„Bist du nicht damit einverstanden?“

„Du bist der Captain, du musst wissen, was du tust. Aber ich muss nicht toll finden, dass du dich verprügeln lässt.“

„Nein“, stimmte Cery zu. Das Bol wärmte ihn und betäubte den Schmerz, bis nur noch ein dumpfes Pochen zurückblieb. „Das musst du nicht. Aber ich weiß, was ich tue, Lana. Ich weiß, wie solche Banden funktionieren. Sie dranzukriegen ist nicht leicht.“

Sie öffnete protestierend den Mund und schloss ihn wieder. „Rück mal was“, sagte sie und kletterte auf die Matratze.

„Heh!“, sagte Cery. „Das ist mein Bett.“

„Du bist verletzt und ich halte Wache. Und wenn ich das die Nacht über tun muss, will ich es bequem haben.“

„Dann setz dich ans Fußende“, sagte er. „Dann kann ich wenigstens so tun, als hätte ich Platz.“

Sie schenkte ihm ein Grinsen, das er nicht zu deuten wusste, und setzte sich neben seine Füße. Nein, sie war nicht wie Nenia. Und auch nicht wie Tessia. Aber das hielt Cery nicht davon ab, sie zu mögen.
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