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Das Lamm und der Wolf

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Het
Alecto Carrow Fenrir Greyback
29.11.2021
26.12.2021
3
15.546
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29.11.2021 3.487
 
Hey! Schön, dass du da bist ^^.
Ein kleiner Dreiteiler. Hier der erste Teil davon.
Achtung: Spoiler Gefahr für die Stimmen des Ersten Zaubererkriegs. Falls du dich nicht spoilern lassen möchtest, ich verlink den Dreiteiler an der entsprechenden Stelle in den Stimmen (keine sorge).



Für alle anderen (wenn du jetzt noch da bist - dein Problem): Alecto ist aufgeflogen. Sie ist keine Schülerin von Hogwarts mehr. Sie wird vom Ministerium gesucht. Ein Kopfgeld ist auf sie ausgesetzt. Bei Fenrir hat sie einen Unterschlupf gefunden, weil sie nur bei ihm wirklichen Schutz vor den Verfolgern des Ministeriums vermutet. Ein paar Sickel verdient sie sich im „White Wyvern“. Ich glaube (und hoffe) alles andere erklärt sich von selbst.
Viel Spaß!




Das Lamm und der Wolf
Das Gewissen regt sich


Spätsommer, 1980



Das Gewissen regt sich selbst bei dem größten Bösewichte; er sucht doch nach Vorwand, um dasselbe damit bei Begehung seiner Schlechtigkeiten zu beschwichtigen.




»Die Falkenkopf-Angriffsformation läuft ins Leere. Das hätte die Wendung für die Partie sein können. Vom Schnatz weiterhin keine Spur. Die Sucher taxieren einander. Aber was ist das?«
Hastig richtete sich Fenrir im Bett auf. Kam auf die Knie. Schrie das Radio an: »Mach’s doch nicht so spannend, du Penner! Was ist das? Dein erstes Spiel? Stümper!«
»Ein Klatscher-Rückschlag! Oh, das tut weh! Der Ersatz für den legendären Fabius Watkins -«
»Hör mit dem Lärm auf!«, keifte ihm Alecto dazwischen, von irgendwoher aus der Wohnung. Klang ganz nach Küche.
»Wird getroffen und klatscht – haha – vom Besen hinab. War‘s das? Können sich die Montrose Magpies von diesem herben Rückschlag noch erholen? Oder bedeutet das den sicheren Sieg für die Holyhead Harpies?«
»JA! Komm schon! Macht das Ding!«, kommentierte Fenrir das Gehörte und riss die Arme in die Höhe. »Ja! Macht einen alten Mann stolz, ihr heißen, geilen-«
»Und als hätte der Schnatz es geahnt-«
Geschepper und blechernes Klirren schnitt den Kommentator im Radio das Wort ab. Dieser Radau kam aus der Küche und hatte einzigst den Sinn, Fenrir zur Weißglut zu treiben. Was auch ziemlich gut funktionierte. Knurrend und schnaubend griff er in die Luft und würgte sein unsichtbares Opfer.
»Und da macht Dunar den Quaffel rein! Weitere zehn Punkte für die Montrose Magpies, während der Schnatz mit einer beeindruckenden Pirouette die Sucherin der Holyhead Harpies abschüttelt. Was für ein flinkes Ding! Und ich kann euch Fans da draußen an den Empfangsgeräten beruhigen. Die Heiler haben so eben das Spielfeld betreten und eilen zu dem gestürzten… .«
»Lasst den Hundesohn doch liegen! Der bringts doch einfach nicht mehr! Erlöst ihn!«
Fünf verdammte Galleonen hatte er auf das Spiel gesetzt. Obwohl die "Holyhead Harpies" als sicherer Favorit galten – wenn man den so genannten "Experten" im "Tagespropheten" glauben schenkte – zogen die heißen Schnecken die Partie unnötig in die Länge. Und reizten somit Fenrirs Nervenkostüm aufs äußerste.
»Verhext nochmal! Wenn das nicht ein Doppelacht-Looping war, fress ich den Sauberwisch meiner Frau. Und ... Halt! Was macht Lament denn da? Dieser Teufelskerl-«
»Das reicht!« Die Türe zu seinem Schlafzimmer flog auf. Krachte mit der Klinke in den Putz. Mit einem Wedeln ihres Zauberstabes verstummte der Sprecher des Spiels endgültig.
»Nein!«
Fenrir glotzte für eine Schrecksekunde das Radio an. Kein Ton gab es mehr von sich. Vom Zorn gepackt stemmte er sich hoch. Die Matratze ächzte mit dem Bettgestell um die Wette.
»Du mieses Miststück! Ich hör‘ mir das an! Warts ab, jetzt fress ich dich!« Er fletschte die Zähne und knurrte, dass der Geifer nur so spritzte. Alecto taumelte. Starrte ihn an.
»D-Du ... machst mir keine Angst«, stammelte sie. Klang nicht sonderlich überzeugt und zog sich in die Einbuchtung der Türe zurück. Entnervt fuhr Fenrir sich mit der Pranke über das Gesicht. Setzt sich auf das Bett und brummte missmutig: »Was willst du?«
»Es ist schon fast zwanzig Uhr und du liegst immer noch in den Federn. Wir gehen jetzt aus.«
»Ja, aber das Spiel-«
»Morgen ist wieder ein Spiel. Das kannst du dann hören. Heute Abend gehen wir aus«, unterbrach Alecto ihn hastig. Schürzte ihre knallroten Lippen zu einer beleidigten Schnute.
»Das ist nicht das Gleiche.«
»Es ist immer das Gleiche.«
Eine Pattsituation entstand. Erbost stierten sich die Kontrahenten an. Warum – in aller Welt – konnte seine neue Mitbewohnerin die Begeisterung für Quidditch nicht teilen? Oder zumindest die Höflichkeit besitzen und so tun, als ob. Fenrirs Blick geriet ins Schlenkern, als er die Kleidung - oder was sie dafür hielt - an ihr bemerkte.
»Was soll das Netz in deinem Gesicht?«
»Was denn? Hast du dir mal deine Roben angesehen? Außerdem nennt sich das ‚Netzschleier‘, du Spießer«, fauchte Alecto und zupfte verlegen an ihrem Kragen. Der zu tief ausgeschnitten war. Die Heiligtümer, die an ihrem Hals baumelten, rundeten das Erscheinungsbild ab und katapultierte sie sogleich mitten in das Herz jedes lüsternen, schwerkonservativen Reinblüters.
»Grindelwald? Da warst du noch nicht mal geboren.«
»Das sind die Heiligtümer des Todes. Grindelwald kann die nicht den Rest seines Lebens für sich beanspruchen. Vor allem nicht, wenn er in ‚Nurmengard‘ versauert.«
»Kleine Mädchen, die noch an Märchen glauben, sollten sich mehr anziehen.«
Wäre der Rock kürzer und das Kleid darüber noch transparenter, könnte sie gleich darauf verzichten und nur in Unterwäsche gehen. Die überknielangen Strümpfe, gepaart mit den hochhackigen Stiefeln, verdeckten vom Saum abwärts zwar mehr Haut, machten das Ganze aber nicht besser.
»Steh endlich auf!« Kurzerhand richtete sie die Spitze ihres Zauberstabes auf ihn. »Oder - ich schwöre bei Salazar - dass ich dich sonst mit dem ‚Imperius‘ belege.«
»Das wagst du nicht«, knurrte Fenrir und verschränkte die Arme vor der Brust. Purer Trotz troff aus ihrer beider Gesichter. Ihre Lippen zuckten unschlüssig.
»Zieh dich an.« Mit kreisender Zauberstabspitze umfasste sie seine ganze Erscheinung. »Im Unterhemd nehm ich dich nicht mit.«
»Woher kommt das so plötzlich? Hast du Billywigs im Hintern?«
»Mir ist langweilig.«
»Oh, wow. Weißt du was mir immer gegen Langweile hilft?«
»Lass mich ra-«
»Quidditch.«
»Du bist so ätzend.«
Zumindest ein kleiner Sieg. Triumph kräuselte ein Grinsen auf Fenrirs Lippen. Gehorsam raffte er sich auf. Hob den Arm und roch an der Achsel. Ging noch. Kurz wog er ab, ob die Spritzer Senf auf dem Hemd unter seiner Robe zu sehen wären. Besann sich dann aber auf die Hoffnung, heute eventuell nicht allein in dieses Bett zurückzukehren und streifte es kurzerhand über den Kopf. Schrill beschwerte sich Alecto und kniff die Augen zu: »Warte doch, bis ich draußen bin, du Ekel!«


»Wohin möchte die Ma‘ame denn? Ist das ‚Wyvern‘ genehm?«, erkundigte sich Fenrir möglichst galant, während er sich in seine Robe zwängte und dabei beinah einen Knopf abriss.
»Oh klar. Dann kann ich direkt eine Doppelschicht schieben, kann ich.«
»Also nicht ins ‚Wyvern‘?«
»Woran hast du das erkannt?«
»Können wir das irgendwie abkürzen?«
»Ich weiß halt nicht wo ich hin soll«, klagte das Mädchen im Wohnzimmer. »Dank dem Fahndungsaufruf und den Steckbriefen kann ich mich ja nirgendwo mehr blicken lassen.« Sie senkte die Stimme. Man hörte ihr Lächeln, als sie sagte: »Ich würd‘ gern mal wieder tanzen gehen.«
»Ein großer Tänzer bin ich nicht.«
»Nicht mit dir.«
»Na, danke auch.«
»Gern. Hast du denn eine Idee?«
Fenrir gab sich vollends geschlagen. Schlüpfte in seine Stiefel und verknotete sie am Schaft. Er kannte diese Art von Lagerkoller, die Alecto plagte. Wenn alles Erstrebenswerte oberhalb der "Nokturngasse" erschien. Damit außer Reichweite geriet, lockte und einem vor Augen führte, dass der Krieg nicht schnell genug vorbei sein konnte. Er, der sich aufgrund seiner langjährigen Erfahrung, mit Fug und Recht als Kenner der Unterwelt Englands bezeichnen konnte, ging in Gedanken ihre Optionen durch. Walkte einige Möglichkeiten umher, ehe er eine ins Visier nahm. Selbst die kriminellsten Subjekte unter den Kameraden dürstete es nach Kurzweil. Sich vor dem Ministerium zu verkriechen, wurde auf Dauer öde, wenn man nicht für Abwechselung sorgte.
»Ich wüsste da was. Aber da geht‘s weniger um‘s Tanzen.«


Eine Schar aufgeplusterter Krähen wurde durch ihre Schritte aufgescheucht und verschwand schimpfend im Wirrwarr des Geästs über ihnen.
»Ich war noch nie in ‚Godrics Hollow‘«, raunte Alecto, als sie tiefer in den Wald eindrangen. »Die haben auch einen Pub. Hast du den gesehen?«
»Hast du das dicke ‚Wir sind nicht willkommen‘ Schild an der Türe übersehen?«
»Der sah so putzig aus«, sagte Alecto und ihr Kopf sackte wehmütig zwischen ihre Schultern. »Das ist so unfair. Und selbst wenn ich unter unseresgleichen bin, kann ich mir nie sicher sein, dass mich nicht doch jemand an das Ministerium verkauft.«
»Hart, hm?«
»Für fünfzig mickrige Galleonen.«
»Das wird schon noch mehr«, tröstete Fenrir sie großmütig.
»Verschluck dich nicht an deinem Stolz, Mr. Tausendfünfhundert.«
»Glaubst du die sind über Nacht auf meinen Kopf ausgesetzt worden? Das war harte Arbeit. Hab’ne Menge Großmäuler und Wichser dafür kalt machen müssen.«
Sie kicherte aufgesetzt. Es täuschte nur leidlich über das Elend hinweg, das auf ihren Zügen lag: »Bei dir klingt das alles immer so leicht.«
»Macht der Gewohnheit.«
Nicht die richtige Antwort, um ein niedergeschlagenes Mädchen zu trösten. Sie trottete neben ihm her. Ihre moralische Stütze war als Seelsorger gänzlich ungeeignet. Wann war das passiert? Wann hatte sie angefangen, bei ihm Aufmunterung zu suchen? Er, der sich nicht mal um eine räudige Topfpflanze kümmern konnte. Deswegen hatte er sich vor Jahren einen Schnatz beschafft. Sein ehemaliger Besitzer hatte überdies erst sein Augenlicht und letztendlich die Fähigkeit zu Atmen eingebüßt. Er wird sein güldenes Spielzeug nicht vermissen. Das surrte nun als Ersatz für Gesellschaft durch Fenrirs Wohnung. Das Mistding wäre vor Wochen beinah durch die Haustüre entwischt.
Kinder hingegen waren so ungefähr das Letzte, was Fenrir sich wünschte. Töten konnte er. Angst, Terror und Schrecken verbreiten. Ein vierzehnjähriges Mädchen sehnte sich sicher nach mehr.
»Kopf hoch.«
»Wird schon wieder«, gab sie zerknirscht zurück.
Fenrir ließ den Blick schweifen. Spinnweben torkelten durch die Luft. Verknüpften sich zu hauchfeinen Strickleitern, auf denen das Licht vom Abendhimmel in die undurchdringlichen Baumkronen kroch. Glühwürmchen – oder winzige Irrlichter? – begannen angelockt durch ihre Stille zu tanzen. In vielfarbigen Schnörkeln schlugen sie Kapriolen. Alecto bemerkte die Wesen kurz nach ihm. Ihre Augen strahlten durch den Netzschleier hindurch, wie Gift, das sich durch kleinste Ritzen ätzte. Mühselig kämpfte sie sich über die aus dem Erdreich hervorquellenden Wurzeln, stolperte fast und streckte die Hände nach den Lichtern aus. Es fehlte nicht viel. Sie hüpfte, doch wenige Zoll trennten ihre Fingerspitzen von den Wesen. Mit weitgreifenden Schritten holte er sie ein. Aus der Perspektive eines Fremden hätte es wie das finstere Ende von "Rotkäppchen und der böse Wolf" wirken können. Fenrir schmunzelte.
Eine gespenstige Ruhe lag über allem. Selbst der Wind hielt den Atem an. Ihr altes Leben fehlte ihr. Natürlich. Fenrir griff nach ihrer Hüfte und half ihr in die Höhe. Sorgsam schlossen sich ihre Hände um eines der Irrlichter. Sie lächelte, spähte durch einen schmalen Schlitz in das Innere ihrer Faust. Ein Rascheln ging durch den Wald. Als führte es den Wind, der wieder zu Atem gekommen war, durch das Geäst. Jedes Flüstern und Kichern, das Fenrir in seinem Leben zu Ohren bekommen hatte, fand sich darin. Blätter wurden geschüttelt, Rinde knarzte. Eine Warnung. Alecto verstand und entließ das Wesen wieder in die Freiheit. Es gesellte sich zurück zu seinen Schwestern und Brüdern. Der Wald war besänftigt, ebenso wie das Mädchen, dass Fenrir zu Boden ließ.
Das Bedauern über den Verlust konnte er ihr nicht nehmen. Aber er konnte zumindest dafür sorgen, dass ihr neues Leben nicht so zum Kotzen war, wie seins damals.
»Danke«, sagte sie nach einer Weile. Geschnäbelte Insekten und andere, bizarre Kreaturen der Finsternis drängten sich aus den Tiefen der Schatten. Ein Werwolf stand erfahrungsgemäß in der Nahrungskette über ihnen, also missachtete Fenrir die stummen Drohungen.
»Die nächsten drei Quidditchspiele möchte ich keinen Ton von dir hören.«
»Zwei.«
»Drei«, beharrte er.
»Zwei und ich hör eins mit.«
»Abgemacht.«
Sie schlugen ein und Alecto hatte es nicht eilig, seine Hand wieder loszulassen.

Eine steinerne Meduse, die eine Amphore an Stelle eines Kopfes auf ihren Schultern trug, markierte den Eingang. Unzählige Schlangen krochen aus der Öffnung, der sich räkelnden Statur. Selbst auf ihren üppigen Schenkeln verharrten sie, auf ewig in Stein geschlagen. Die Dame deutete in die entsprechende Richtung, ein höhlenartiges Loch in einem felsigen Hügel. Alecto kicherte entzückt, als sie sie passierten. Die Besitzer der Lokalität, die sie aufsuchten, gingen mit ihrer Geheimniskrämerei zu weit. Dieses Labyrinth hier war überflüssig. Oder vielleicht ließen sie bloß ihre Muskeln spielen? Wer würde sich vom Ministerium wagen, diese Instanz der Neutralität anzugreifen?
»Es ist nicht mehr weit«, erklärte Fenrir ihr, als sie die zweite Statur erreichten. Ein armer Tropf mit dem Hals eines Drachens. Klauen anstatt Finger wiesen ihnen den Weg. Ein höhnender, potthässlicher Gnom stand über der Luke, die tiefer hinab ins Erdreich führte. Die Marmorplatte wirkte, als käme sie frisch aus dem Steinbruch. Nicht einmal ein Blatt hatte sich darauf abgesetzt. Der letzte Gast schien kurz vor ihnen hier gewesen zu sein. Es gab noch weitere Zugänge, doch Fenrir kannte nur diesen einen. Mit dem Zauberstab und einem simplen Schwebezauber schob er das Hindernis bei Seite. Alecto erhellte die Stufen, die hinab führten.


»Echo!«
Eine vielstimmige Erwiderung hallte von den tropfnassen Wänden. Die in den bloßen Stein geschlagene Wendeltreppe schraubte sich hinab. Das Ende tief in der Finsternis verborgen.
»Tot den Blutsverrätern!«
»Tot den Blutsverrätern!«
»Tot den ...«
Die letzten Silben gab der klaffende Abgrund nicht wieder her. Über ihnen ein stetes Tropfen. Rauschen. Wind, der nach einem Ausweg suchte. Alecto reckte den Arm in die Höhe und die glimmende Spitze ihres Zauberstabes verkürzte ihre Schatten.
»Was ist das hier?«
»Ich hab nur Mutmaßungen gehört.«
Sie verrenkte sich fast den Hals, als sie über ihre Schulter sah. Ehrliche, kindliche Neugierde vertrieb ihre Attitüden.
»Stahl. Edelsteine. Metalle-«
»Auch Gold?«
»Natürlich.« Fenrir betastete die klammen Wände. »Panzerungen für Drachen-«
»Drachen?«
Sie wurde langsamer. Ging ganz nah vor ihm her.
»Die Schuppen von Drachen sind nicht undurchdringlich. Flüche oder koboldgeschmiedete Pfeilspitzen können auch ihr Ende bedeuten. Anders als heute wurden diese Viecher damals für mehr genutzt als Drachentartar.«
»Hexer? Auf Drachen?«
»Mhm.«
»Also ist das hier ... so etwas wie eine Mine?«
»Vermutlich.«
»Wahnsinn.«
»Der ganze koboldgeschmiedete Stahl, all die glänzenden Edelsteine stammen aus Löchern wie dem hier.«
»Das wird aber keine Mission, oder? Weil für einen Auftrag bin ich nicht richtig angezogen. Und Hunger hab ich auch. Meine Maske! Ach, mist, die hab ich vergessen, hab ich. Wobei, dass macht ja auch keinen Unterschied mehr, oder? Also wenn – und ich sag nur wenn – das hier eine Mission ist, nehm ich mir die Frauen vor. Warum sollst du die immer bekommen. Die kreischen so-«
»Kein Auftrag«, unterband Fenrir ihr nicht enden wollendes Geplapper. »Und du bist für gar nichts richtig angezogen.« Er trat ihr fast in die Hacken. Alecto krempelte das Netz aus ihrem Gesicht, überging die Kritik und staunte: »Hexer auf Drachen. Kobolde die Minen betreiben. Dagegen wirkt unser heutiges Leben so...« Der Begriff, den sie suchte, war ihr wohl entfallen.
»So unmagisch?«
»Schon irgendwie ... Oder?«

Der Gedanke beschäftigte sie eine Weile und Fenrir genoss die Stille, die seit ihrer ständigen Anwesenheit ein rares Gut geworden war. Den letzten Treppenabsatz sprang Alecto übermütig hinab. Ihre rote Mähne bauschte sich auf, als sie vorauseilte. Den Gang entlang. Sie konnte ihre Neugierde kaum zügeln. Die Absätze klackerten auf den riesigen Steinplatten unter ihren Füßen. Aus allen Himmelsrichtungen gingen Korridore und Flure ab, ganz ähnlich dem, den sie beschritten. Einige waren sogar in die Decke geschlagen worden. Hexen und Zauberer auf Besen schossen aus ihnen hervor. An den sich weitenden Wänden loderten jetzt Fackeln in eisernen Käfigen.
»Verlauf dich nicht! Nur geradeaus!«
Fremde Gestalten schoben sich in Fenrirs Blickfeld. Spitzhüte und tierische Begleiter auf Schultern erschwerten ihm die Sicht. Doch er würde sie ohnehin nicht verlieren. Ihre Witterung erkannte er unter tausenden. Kein Wunder, bei den Massen an Duftwässerchen, die sie sich auftrug.

Das Tor, das sich vor ihrer aller Augen erstreckte, zog einige Hälse in die Länge. Und zwang Köpfe in den Nacken. Halb vor, halb neben jedem der steinernen Torflügel hockte je ein Wald-Troll. Der eine hielt eine baumlange Eisenstange, der andere stützte sich schwer auf einen Hammer mit schubkarrengroßem Kopf. Man hätte sie leicht für künstlich erschaffene Figuren halten können. Nur die sich träge hebenden und senkenden Brustkörbe und nicht zuletzt die schweren Ketten um die Hüften ließen das Gegenteil vermuten. Letztere lagen als zusammengerollte Bündel zu den Trollfüßen und waren an ihren Enden in den blanken Stein am Rande des Tunnels eingelassen.
Eine Menschenschlange hatte sich gebildet. Vielstimmiges Geplauder vertrieb die Ruhe. Alecto wartete schon brav auf ihn. Ein träger Gleichschritt führte sie langsam vorwärts.

»So viele Menschen«, raunte sie und zwirbelte voller Vorfreude den Zauberstab zwischen ihren Handflächen. »Hatte befürchtet, dass wir uns etwas schnarchiges ansehen. Irgendwas mit Kultur.«
Fenrir legte ihr den Arm um die Schulter. Zog sie an seine Seite. Ein paar Idioten schoben sich dreist an der wartenden Menge vorbei. Sicher irgendwas mit Rang und Namen und ehe die Wut in Fenrirs Brust fußfassen konnte, murmelte er: »Kann doch immer noch was schnarchiges mit Kultur sein.«
»Nö. So viele Leute kommen sicher nicht hier her, um sich ein paar alte Rüstungen anzusehen.«
Von ungeteilter Aufmerksamkeit konnte nicht mehr die Rede sein. Kichernd deutete Alecto auf die Schulter der Hexe vor ihnen. Eine feiste Kröte hockte darauf. Unkte. Blies die Wangen auf. Die vier krummen Beinchen waren zu mickrig für den massigen Körper.
»Niedlich oder?«
»Na ja ... «
Etwas, was er jagen und fressen konnte, wäre ihm weitaus lieber. In der Not schmeckte auch eine Eule wie Hähnchen.
»Ich wollte immer eine Kröte«, klagte Alecto dünn. »Aber meine Mam meinte, dass es kein Begleiter für eine Dame wäre.«
»Die Besitzerin da vorne sieht nicht besonders wehrhaft aus.«
»Ach ... Wer braucht schon Kröten?« Sie grinste zu ihm hinauf und er ahnte, was folgen würde.
»Wag es dich«, knurrte er.
»Was? Ich hab nichts gesagt. Bloß eine Frage gestellt.«
»Dein Grinsen spricht Bände.«
Scheinheilig faltete Alecto ihre Hände vor dem Schoß. Trottete nach vorne, als die Schlange vor ihnen kontinuierlich kürzer wurde und Einlass zwischen den Torflügeln fand.
»Meinst du dein Fell ist weich?«
»Probiers doch aus«, schnarrte Fenrir gehässig.
»Hmm ... neh.«
»Frag mal die Sauerstoffverschwendung Borgin. Der hat sicher irgendwo noch Werwolfspelz bei sich im Lager herum fliegen.«
»Findest du das nicht ekelhaft?«
»Bei meinem Ruf? Hmm ... warte ... Nein?«
»Ach ja.« Sie schien eine Art Einfall zu haben. Schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und gluckste: »Stimmt! Da liegt meine Maske. Jetzt weiß ich es. Im Bad! Hab sie als Spiegel für das Make-Up gebraucht.«
»Der Dunkle Lord wäre stolz auf dich.«
»Pssst«, zischte sie und zupfte an seinem Ärmel. »Nicht so laut.«
»Was soll uns schon passieren, Kleines?«
»Na ...«
»Genau.«
»Zauberstäbe!«
Ihrer beider Köpfe hoben sich schlagartig. So im Gespräch versunken, hatten sie gar nicht mitbekommen, dass sie an der Reihe waren. Ein Kobold hockte hinter einem mannshohen Tisch. Streckte ihnen die knorrige Hand entgegen. Blitzte sie aus ungleichen Augen an.
»Zauberstäbe.«
»Ein Tierwesen hat an ein Reinblut keine Forderungen zu stellen«, keifte Alecto los, als hätte sie nur darauf gewartet, dass jemand – oder etwas – sie provozieren würde.
Einer der beiden Trolle bewegte sich. Die Kettenglieder um seinen massigen Bauch klirrten metallisch. Der Steinkopf des Hammers knirschte. Alecto erstarrte.
»Keine Ausnahmen. Zauberstäbe«, forderte der Kobold gelassen. Nichts Neues für ihn, von Hexen oder Zauberern angepöbelt zu werden. Fenrir ging mit gutem Beispiel voran und reichte dem etwa zu groß geratenen Knirps den Zauberstab. Er musterte ihn. Umfasste den Griff und tippte damit wie beiläufig an einen geschliffenen Bergkristall, der Teil eines überdimensionalen Amuletts war. Danach verschwand sein Stab unter dem Pult des Kobolds und blieb da.
»Das erste Mal hier?«
»Nein«, gab Fenrir zurück und sah fordernd zu Alecto hinab. »Wenn wir gehen, kriegst du ihn wieder.«
»Aber das ist meiner«, maulte sie kleinlaut.
»Und das wird er auch bleiben.«
»Mir gefällt das nicht, was das Vieh da mit dem Artefakt macht.«
»Nun mach schon.«
»Ihr Tierwesen steckt sicher unter einer Decke. Oder sowas.«
Ihr Tierwesen? Als Fenrir das letzte Mal an sich hinabgesehen hatte, war er noch ziemlich menschlich. Abschätzig kroch erst seine eine, dann die andere Braue in die Höhe. Alecto kaute auf ihrer Lippe herum.
»Hast es selbst gemerkt, oder?«
»Ja«, murmelte Alecto und stellte sich auf die Zehenspitzen, um dem Kobold ihren Stab zu reichen. Der kam ihr keinen Zoll entgegen.
»Robe aufknöpfen. Bei der Dame wird das nicht nötig sein«, spulte der Kobold seinen Text ab. Er nahm das Artefakt auf, welches an einer eigenen Kette mit dem Tisch verbunden war. Hielt es Alecto unters trotzig hochgereckte Kinn. Ein dünnes, goldenes Schimmern waberte aus dem Kristall und verteilte sich in einem komplizierten hexagonalen Muster auf ihrer Brust. Floss durch den dünnen Stoff und dann unter ihre Haut. Alecto erschauerte, hielt aber dieses eine Mal still.
Fenrir hatte den Kragen seiner Robe aufgeknüpft und die Prozedur wiederholte sich bei ihm. Es raubte ihm jedes Mal den Atem. Wie von einem heftigen Regenschauer erfasst schüttelte sich Fenrir.

»Willkommen im Kentaurdrome«, murrte der Kobold und winkte die nächsten Besucher herbei.
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