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Die Letzte Abstimmung

Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Romance / P18 / FemSlash
Alice Weidel Annalena Baerbock Sahra Wagenknecht
28.11.2021
27.01.2022
73
79.242
13
Alle Kapitel
35 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
14.01.2022 1.642
 
A/N: Hier noch ein Kapitel, dafür mache ich am WE eine kleine Pause. Viel Spaß :)

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"Ich kann echt nicht glauben, dass der immer noch hier steht," sagte Robert während er Tino Chrupalla bei seiner Rede über Migrationspolitik zuhörte. "Diese Partei hätte verboten werden müssen, bei allem, was jetzt herausgekommen ist."

Annalena sah zu den Sitzen der AfD-Fraktion, die kaum noch besetzt waren. Die meisten Abgeordneten der Partei waren entweder ihr Mandat los oder erschienen kaum noch zu den Sitzungen. Die verbliebenen Mitglieder hielten unterdessen noch radikalere Reden, um ihren harten Wählerkern nicht zu verlieren.

Ganz vorne saß Alice. Sie hatten den Kragen ihrer Bluse halb in ihr Gesicht gezogen und sah missmutig drein. Sie fand Chrupallas Rede genauso scheiße wie fast alle anderen hier.

"Irgendwie wundert es mich nicht, dass das Verbot gescheitert ist," seufze Annalena dann. "Bei der NPD hatte es ja damals auch nicht geklappt."

Annalena sah wieder zu Alice, die noch immer Fraktionsvorsitzende war. Sie hatten beide gehofft, dass es mit dem Verbot alles enden würde. Seltsamerweise war sie jetzt als Fraktionsvorsitzende so beliebt in ihrer Partei wie nie. Wahrscheinlich, weil alle anderen bekannten Personen ihr Amt hatten räumen müssen.

Robert folgte ihrem Blick und runzelte die Stirn. "Wie geht es Alice?"

Annalena sah in wieder an. "Sie steht unter großem Druck. Ich mache mir Sorgen um sie."

"Ob ich jemals verstehen werde, was du an ihr findest?"

"Das wirst du zu gegebener Zeit," sagte Annalena leise.

Robert schwieg eine Weile, dann kratze er sich etwas verlegen am Kopf. "Was hältst du davon, wenn wir zusammen für den Parteivorsitz kandidieren? Nächstes Jahr?"

Annalena sah in erstaunt an. "Wir beide?" Robert nickte und lächelte.

"Tja, warum eigentlich nicht? Ich will ja immerhin mal Bundeskanzlerin werden." Annalena grinste.

"Aber erst werde ich Bundeskanzler," konterte Robert und die beiden kicherten, während Chrupalla irgendetwas über gestiegene Kriminalitätsraten erzählte, weil er irgendwelche Statistiken falsch interpretiert hatte.

"Aber bitte kläre dieses Weidel-Thema vorher auf," sagte Robert dann ernster. "Sonst könnte es das gewesen sein.

Annalena schluckte und nickte. Da hatter er wohl Recht.

--

Annalenas Handy vibrierte, als sie einige Stunden später in ihrem Büro saß und einige Dokumente für den Haushaltsausschuss las.

"Lust auf einen Spaziergang heute? Nur du und ich?"

Annalena lächelte und sah aus dem Fenster. Endlich war die Sonne nach Berlin zurückgekehrt und die ersten zarten Blätter ließen sich an den Bäumen erkennen. Arbeiten konnte sie auch nachher noch, wenn es dunkel wurde.

"Na klar, treffen wir uns in 15 min an der Moltkebrücke?"

Als Annalena an der kleinen Brücke ankam, konnte sie Alice nicht sofort entdecken. Wahrscheinlich trug sie wieder irgendeine Verkleidung oder weite Kapuzen, die sie unkenntlich machten. Manchmal erkannte Annalena sie an ihrem Gang oder an ihrem Körperbau, aber heute sah niemand der wenigen Menschen auf der Brücke auch nur annährend nach ihr aus. Annalenas Herz wurde schwer. Wie lange würde das wohl alles noch so weitergehen? Sie vermisste das Gefühl des freudigen Wiedersehens, wenn man jemanden von weitem erkannte und aufgeregt aufeinander zuging. So wie damals mit Alice. Oder mit Sahra.

"Suchst du mich?" fragte eine Stimme hinter ihr plötzlich. Erschrocken drehte Annalena sich um, und sah eine Frau mit rothaariger Perücke und großer Sonnenbrille. Annalena würde so gerne in ihre Augen sehen.

"Warum erschreckst du dich denn so?" fragte Alice besorgt.

Annalena stiegen Tränen in die Augen. Sie erkannte ihre eigene Freundin nicht. Was, wenn sie eines Tages eine fremde Person ansprechen würde? Was, wenn es noch ewig so weitergehen würde wie jetzt? Sie wandte sich ab und ging einige Schritte Richtung Tiergarten. Alice lief ihr hinterher und fasste sie an der Schulter. "Annalena, was ist denn los?"

Annalena blieb stehen und schluchzte. Sie wollte Alice doch unterstützen und ihr Halt geben, zweifelte aber immer mehr daran, dass sie dies weiterhin konnte. Sie spürte, wie sie in Alices Arme gezogen wurde. Leise weinte sie in Alices Halsbeuge, die sich warm anfühlte und genauso roch wie immer. Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Alice strich ihr beruhigend über den Rücken. "Was ist denn los?" fragte sie dicht an ihrem Ohr.

Annalena schniefte, dann löste sie sich langsam aus der Umarmung. "Du siehst immer so fremd aus, wenn wir zusammen draußen sind. Ich will einfach mal mit der echten Alice Zeit verbringen und ich habe Angst, dass es niemals so kommen wird. Die AfD scheint ja unkaputtbar zu sein." Sie wischte sich über die Nase und sah Alice nicht an.

Alice schwieg eine lange Weile, während sie langsam weiter Richtung Tiergarten gingen. "Es tut mir Leid, dass ich dir das alles zumute," sagte sie schließlich.

Annalena schüttelte den Kopf. "Ich weiß ja, wofür du das Alles tust. Ich habe vielleicht etwas überreagiert grade."

"Nein, du hast Recht. Ich wollte in der Schule nichts mehr, als allen zu zeigen, dass wir zusammengehören und jetzt mache ich genau das Gegenteil." Alice nahm Annalenas Hand, als sie im Park ankamen und an einigen spielenden Hunden mit ihren Besitzern vorbeiliefen.

"Wir sollten das hier besser nicht machen," mahnte Annalena, doch Alice griff ihre Hand nur noch fester.

"Sieh dich um, Annalena," sagte sie. "Niemand beachtet uns. Wahrscheinlich würde uns niemand hier auf den ersten Blick erkennen. Die Leute sind hier, um zu spazieren oder um zu entspannen. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt. Keiner erwartet, dass hier gleich zwei halbwegs bekannte Politikerinnen vorbeikommen könnten."

Annalena sah sich um und erkannte, dass Alice recht hatte. Niemand würdigte sie eines zweiten Blickes. Nach einer Weile bogen sie auf einen Seitenweg ein, auf dem sonst niemand zu sehen war. Alice blieb stehen, dann zog sie die Perücke und die Sonnenbrille aus.

"Lille! Das kannst du hier nicht machen!" Annalena sah sich panisch um. Ein Jogger und ein Fahrradfahrer passierten die beiden Frauen. Keiner von beiden verlor einen zweiten Blick auf sie. "Kann ich anscheinend schon." Alice grinste. Dann nahm sie ihre Tasche von der Schulter und zog eine Decke heraus. "Komm mit." Sie nahm wieder Annalenas Hand und zog sie mit sich zwischen ein paar Bäumen hindurch auf eine der zahlreichen Wiesen im Tiergarten, auf denen schon einige Narzissen und Krokusse blühten.

Annalenas Herz klopfte vor Aufregung, als sie Alice betrachtete, wie sie die Decke ausbreitete, und sich darauf setzte. Annalena setzte sich neben sie und lachte. "Ich glaube es einfach nicht."

"Was? Das ich so schön bin?" Alice legte sich auf den Rücken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

"Das auch," Annalena lächelte, dann legte sie sich neben sie. Sie schauten in die vorbeiziehenden perfekt weißen Wolken und hingen ihren Gedanken nach. Irgendwann drehte Annalena sich auf die Seite und sah Alice an.

"Bitte sorg dafür, dass die AfD bald Geschichte ist und ich öfter die echte Alice sehen kann," sagte sie. Alice drehte den Kopf und traf ihren Blick. Ihre blau-grünen Augen strahlten Zuversicht aus.

"Das werde ich. Versprochen."

"Ich werde übrigens mit Robert für den Parteivorsitz kandidieren." Stolz erfüllte Annalena, als sie Alice die Nachrichten verkündete.

"Wow, das ist ja eine tolle Neuigkeit." Alice nickte anerkennend. "Ich bin sicher, dass du eine großartige Parteivorsitzende werden wirst."

"Noch habe ich die Stelle nicht."

"Nur eine Frage der Zeit. Ich glaube an dich." Alice lächelte und sah Annalena direkt in die Augen. Nach all der Zeit errötete Annalena noch immer leicht, wenn sie sich so ansahen. Alice Blick fiel auf Annalenas Lippen ihre Gesichter bewegten sich langsam aufeinander zu. Annalena wusste, dass es riskant war. Hier, in aller Öffentlichkeit. Aber sie konnte nicht widerstehen. Sie seufzte leise, als Alice ihren Kopf zu sich heranzog und sie ihre Lippen auf ihren eigenen spürte. Ihre Hand in ihrem Haar. Und ihren Atem auf ihrem Gesicht. Ihr erster Kuss in der Öffentlichkeit. Und niemand beachtete sie. Zumindest in diesem Moment nicht.

--

Nach einer Weile wurde es doch etwas kühl und die beiden Frauen beschlossen, noch einen kurzen Abstecher Richtung Rosengarten zu machen, bevor es zurück an die Arbeit gehen sollte. Alice hatte sich die Sonnenbrille wieder aufgezogen, was aber tatsächlich an dem hellen Sonnenschein lag.

Sie überquerten die Straße des 17. Juni und schlenderten Richtung Rosengarten. Mittlerweile hatte Annalena komplett vergessen, dass sie sich eigentlich nicht so in der Öffentlichkeit zeigen sollten. Annalenas Handy vibrierte und sie schaute auf das Display. "Oh ne, der Lindner schon wieder."

"Was will der denn?" fragte Alice verärgert.

"Er fragt mich schon seit drei Wochen nach einem Date, weil er denkt, dass ich auf ihn stehe."

Alice sah Annalena an und runzelte die Stirn. "Warum denkt der das denn immer noch?"

Annalena fuhr sich durch die Haare und seufzte. "Ich musste mal eine Notlüge erfinden, damit niemand erfährt, dass zwischen uns etwas sein könnte. Da hab ich ihm wohl wieder Hoffnungen gemacht." Aus dem Augenwinkel bemerkte Annalena, dass jemand hinter ihnen lief. Konnte der Typ sie nicht einfach überholen?

"Ich kann echt nicht glauben, dass der Typ so penetrant ist," grummelte Alice. "An liebsten würde ich dich einfach direkt vor ihm küssen. Ungefähr so."

Sie beugte sich zu Annalena und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Im selben Moment hörten sie das Geräusch einer Kamera. Annalena erstarrte. In Zeitlupe drehte sie sich um und starrte direkt in eine kleine Kamera mit einem Mikrophon. Ein schlecht rasierter Mann mit Brille starrte sie an. "Frau Weidel, Frau Baerbock, was sagen Sie zu den Gerüchten, dass sie beide eine Beziehung führen?"
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