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Way Home

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance / P12 / Gen
27.11.2021
08.12.2021
4
5.085
1
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29.11.2021 1.601
 
Zögerlich vergleicht Elsa die Adresse auf ihrem Zettel mit dem Straßenschild. Kein Zweifel: Hier ist es.
„Komm gerne bei mir vorbei, wenn du mal wieder daheim bist“, hatte Mario gesagt und ihr beim Abschied eben diesen Zettel in die Hand gedrückt.

Vier Wochen waren seit dem Treffen mit Mario inzwischen vergangen. Vier Wochen, in denen nichts mehr so geklappt hatte wir zuvor. Zwei Kundenpräsentationen hatte sie vermasselt, Abgabetermine einfach vergessen und sich in Meetings nicht länger als wenige Minuten auf die Worte der Geschäftsführung konzentrieren können. Sie gestand sich ein, dass sie eine Pause brauchte.
Darum ist Elsa über ein längeres Wochenende zu ihren Eltern gefahren. In die kleine Stadt, von der sie gehofft hatte, sie endlich hinter sich gelassen zu haben. In ihr altes Mädchenzimmer unter dem Dach ihres engen Elternhauses, von dem sie sich geschworen hatte, niemals mehr dort aufwachen zu müssen. Und… zu Mario, von dem sie gedacht hatte, dass er niemals mehr so einen Einfluss auf sie haben würde. In allen drei Dingen, hatte sie sich getäuscht.

Ihre Schritte hallen laut im Treppenhaus wider, als sie zu dem Büro im ersten Stock hochsteigt. Ein wenig beschleicht sie das schlechte Gewissen. Bei ihrem letzten zufälligen Treffen in Tokio hatte sie sich absichtlich auf Allgemeinheiten und Small Talk beschränkt. Marios plötzliches Auftauchen hatte sich wie ein Störfaktor angefühlt und so hatte sie, sobald ihr Kaffee ausgetrunken war, sich schnellstmöglich wieder verabschiedet.
Mario passt einfach nicht mehr in ihr Leben, was man schon an diesem bescheidenen Büro in einer etwas versteckt liegenden Seitenstraße erkennen kann. ‚Tomoyama Software und IT-Services’ steht auf dem schon etwas verwitterten Plastikschild. Im Treppenhaus riecht es nach Essen und kaltem Kaffee.
Also was wollte sie eigentlich hier? Elsas Finger schwebt bereits über dem Klingelknopf, als sie inne hält. Worüber wollte sie mit ihm reden? Über alte Geschichten? Sie lässt die Hand sinken und wendet sich ab. Besser, sie geht gleich, bevor sie noch jemand sieht.
In dieser Sekunde öffnet sich die Tür. Elsa erstarrt. Sie hört es dahinter kurz rascheln, dann wird sie gänzlich aufgerissen und ihr auf Armeslänge gegenüber steht Mario. Mit großen Augen sieht er sie verblüfft an.
„Elsa!“ entfährt es ihm, „Hallo, ich dachte du kommst erst später. Komm rein!“
Elsa strafft sich und setzt ein höfliches Lächeln auf. Dann tritt sie über die Türschwelle.

„Kann ich dir einen Kaffee anbieten?“ Während Elsa sich auf das Sofa in der Mitte des Raumes sinken lässt, geht Mario sogleich auf die kleine Küchenzeile zu und beginnt mit dem Geschirr zu klappern.
„Gerne“, sagt sie, „ich würde einen Latte Macchiato…“
„Haha, oh Elsa!“, lacht Mario laut auf, „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen. Wir haben Kaffee nur in den Optionen schwarz, mit Milch, mit oder ohne Zucker“, zählt er auf, „Aber die Bohne ist gut.“

„Oh“, sagt Elsa und wird kurz rot. „Dann bitte mit viel Milch und viel Zucker.“
Während Mario in der Küche hantiert, lässt Elsa ihren Blick unauffällig durch den Raum schweifen. An der Wand stehen mehrere Schreibtische nebeneinander, auf diesen einige PCs älteren Jahrgangs. Dazwischen stapeln sich Papiere und Ordner. Papierloses Büro ist hier ein Fremdwort, denkt sie sich.

Ein Geräusch lässt Elsa nervös aufhorchen. Suchend sieht sie sich um. Dann entdeckt sie die Uhr über der Eingangstür. Laut klackend hüpft der Sekundenzeiger über das Ziffernblatt. Sie spürt, wie sich ihre Nackenhaare aufstellen. Die Zeit verrinnt, ungenutzt, vergeudet, und sie sitzt hier und war zum Nichtstun verdammt. Nervös wippt sie mit dem Fuß auf und ab.

„Was macht ihr eigentlich?“, fragt sie, als er mit zwei Tassen Kaffee an den Sofatisch zurückkommt und sich kurzerhand ihr gegenüber auf diesen setzt.
„Nichts großartiges“, erklärt er, „Wir programmieren Software für kleine Unternehmen. Buchhaltung, Steuererklärungen, Zeiterfassung und so etwas. Wir sind eine kleine Firma für kleine Firmen.“ Er muss lachen. Anscheinend war das ihr Firmen-Slogan.
Elsa nickt. „Stimmt, ich erinnere mich. Du hattest hier ein Praktikum gemacht, gleich nach unserem Abschluss. Nicht wahr?“
„Ja.“ Er nimmt einen Schluck von seinem dampfenden Kaffee. „Und anscheinend habe ich mich clever genug angestellt, dass ich bleiben konnte. Inzwischen leite ich ein Team von 4 Programmierern.“
Elsas Augenbrauen zucken anerkennend. Ohne etwas zu sagen, nippt sie an ihrem Kaffee. Er ist heiß.

„Wie lange bleibst du in der Stadt?“, fragt Mario nach eine kleinen, unangenehmen Pause.
„Nicht lang. Ich konnte nur 2 Tage frei nehmen.“
„Schade, dass du so selten hier bist.“
„Nun ja, ich hab halt viel zu tun.“
Mario muss lachen: „Wir dachten schon, dass du mit uns Losern aus der Provinz nichts mehr zu tun haben willst.“
„Nein, so ist es nicht!“ entgegnet Elsa rasch und ihre Finger umgreifen ertappt ihre Tasse.
Gutmütig lächelt er sie an: „Es ist schön, dass du dich in Tokio wohl fühlst. Du sahst sehr gut aus in deinem Blazer neulich.“
Elsa wird leicht rot.
„Obwohl du mir in Sneakern besser gefällst“, grinst er und sieht einmal an ihr herunter. Unwohl wackelt sie mit den Füßen, als könnte sie seinen Blick verscheuchen.
„Ich bin schon ein bisschen stolz auf dich“, fährt er fort, „So wie du mir neulich begegnet bist, kann ich verstehen, dass es für dich das richtige war, hier alles hinter dir zu lassen. Du hast dort sicherlich ein tolles Leben.“
Sie nickt und wie, um Bestätigung in ihrer Umgebung zu finden, blickt sie um sich.
„Mir wurde das alles zu klein hier. Ich wollte raus und zeigen, was ich kann, verstehst du?“
„Und? Hast du es ihnen gezeigt?“
„Ich bin gerade zum ‚Junior Managing Executive Associate’ befördert worden.“
Mario sieht sie mit großen Augen an.
„Das… ähh….“, er sucht die richtigen Worte, „das klingt beeindruckend.“
Sie schaut zurück auf ihren Kaffee. „Eigentlich nicht“, murmelt sie.

„Weißt du“, beginnt er erneut, ohne ihre Unsicherheit zu bemerken, „als du mir damals kurz vor unserem Abschluss erzählt hast, dass du nach Tokio möchtest und dort groß Karriere machen willst, da habe ich mir das genauso vorgestellt: Elsa Daichi, die im Anzug selbstbewusst durch die Straßen läuft, wahrscheinlich mit dem neusten Smartphone am Ohr.“ Seine Augen blicken verträumt in die Ferne. „Dafür habe ich dich gerne gehen lassen, auch wenn ich mir vorgestellt hatte, wir würden hier beide zusammen leben und sogar eine Familie gründen. Aber du hast deinen Traum wahr gemacht. Und deshalb bin ich stolz auf dich.“
Unbehaglich dreht Elsa die Kaffeetasse in ihren Händen. „Große Karriere“, „ihren Traum wahr gemacht“. Sie meidet seinen Blick. Hatte sie das geschafft? Konnte sie darauf stolz sein?

Während sie seine Worte im Kopf wiederholt, schaut sie sich wieder in dem Büro um. Oben auf einem der Regale liegt ein etwas mitgenommen aussehender, schwarz-weißer Ball. Sie schmunzelt wehmütig. Fragend folgt Mario ihrem Blick. Dann muss er ebenfalls lächeln.
„Dein Bruder ist ja der einzige von uns, der noch in einem Verein professionell Fußball spielt. Alle anderen von den Kickers haben inzwischen ganz gewöhnliche Jobs, so wie ich, und treffen sich höchstens mal im Park oder am Strand zum Bolzen. Gehst du ab und zu zu den Spielen, um Gregor anzufeuern?“
„Nein, keine Zeit.“
Mario runzelt die Stirn. „Die Spiele sind meistens am Wochenende…“
„Trotzdem keine Zeit“, antwortet sie leise und schüttelt nachdrücklich den Kopf.
„Gehst du immer noch joggen?“
„Selten“
„Schade, ich kann mich noch gut daran erinnern, wie du uns oft entgegen gekommen bist, wenn ich mit den Kickers am Strand laufen war. Ich muss gestehen, es fehlt mir heute etwas.“
Elsa starrt in ihre leere Tasse und antwortet nicht.
„Weißt du was? Ich habe eine Idee:“, Marios Augen leuchten plötzlich, „lass uns morgen früh am Strand zusammen joggen gehen. So wie früher.“
Über Elsas Gesicht huscht ein kurzes Lächeln. Weniger über die Idee selbst als über seine Begeisterung über diese. Doch dann schüttelt sie wieder den Kopf.
„Ich habe meine Joggingschuhe nicht dabei.“
„Dann laufen wir barfuß!“ lässt Mario sich nicht abbringen.
Elsa entfährt nun doch ein Lachen. „Du bist so ein Dickkopf!“

Er ignoriert ihren Ausruf und mustert sie mit plötzlichem Interesse.
Sie bemerkt es und erwidert seinen Blick verdutzt.
„Hab ich was auf der Nase?“, fragt sie belustigt.
„Du hast immer noch das gleiche Lachen wie früher“, stellt er fest und beugt sich zu ihr vor. „Ich habe es vermisst.“
Elsa stutzt und sieht ihn sprachlos an. Sie spürt plötzlich ihr Herz hart von Innen gegen ihre Brust. Marios Augen sehen sie unvermindert intensiv an. Sie kann nichts anderes mehr sehen als diesen Blick. Unerträglich langsam beugt er sich weiter zu ihr vor und nähert sich ihrem Gesicht. Ihre Augenlider flackern. Zaghaft streift er mit seinen Lippen über ihre. Elsa entfährt ein leises Seufzen. Er legt seine Hand in ihren Nacken und zieht sie zu sich. Sie kann nicht mehr denken. Sie spürt nur noch eine unglaubliche Wärme und Sanftheit, die von seinen Lippen und Händen ausgeht. Sie schließt die Augen und lässt es geschehen. Es ist so lange her, dass sie dieses Gefühl genossen hat. Marios Lippen erinnern sie an früher, an die Zeiten, als sie nicht genug von einander bekommen konnten, als sie unzertrennlich waren und jede freie Minute an den Lippen des anderen gehangen hatten. Früher… Nicht heute.
Elsa dreht ihren Kopf zur Seite und löst sich von ihm.
„Nein Mario“, flüstert sie, „es geht nicht.“
Er rührt sich nicht, sondern mustert sie nur aufmerksam. In schnellen Bewegungen huscht sein Blick über ihr Gesicht.
„Das mit uns, das geht nicht mehr.“ Sie schlingt die Arme um ihren Oberkörper und bringt etwas mehr Abstand zwischen sich und ihn. „Wir leben in verschiedenen Welten, du und ich. Du bist hier und ich… Es geht einfach nicht.“
„Elsa“
Sie schließt die Augen, um seine Enttäuschung nicht sehen zu müssen. „Ich denke, ich gehe jetzt besser.“
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