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Die erste Staffel

von Mujuchu
Kurzbeschreibung
SammlungFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Het
Dr. Anja Licht Franz Hubert Johannes Staller Sonja Wirth
27.11.2021
06.08.2022
21
37.132
4
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Dieses Kapitel
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30.03.2022 1.355
 
Anja fuhr mit ihrem Cabrio auf den Hof des Schweinebauern und grinste Staller an, der dort auf sie wartete. Die Sonne schien und sie hatte gute Laune heute. “Ihr habt’s mich gerufen, hier bin ich”, rief sie fröhlich dem Polizisten zu. Dann stieg sie aus und drückte ihm ihre schweren Koffer in die Hand. “Wo ist denn der Hubsi?”, fragte sie noch und folgte seinem Kollegen in die Scheune. Doch dann blieb sie wie angewurzelt stehen. Neben dem auf dem Stallboden liegenden toten Schweinebauern stand eine junge attraktive Frau. Sie hielt ein Bolzenschussgerät in der Hand, das sie auf die Stirn von Hubsi gesetzt hatte. “Keinen Schritt näher”, brüllte sie und Staller und Anja blieben augenblicklich stehen. Hubsis blaue Augen sahen sie entsetzt an. Staller versuchte der Frau das Mordwerkzeug zu entreißen, doch da zog sie den Abzug und der Bolzen bohrte sich sofort in Hubsis Hirn. “Neiiin”, schrie Anja auf und kniete sich neben ihn auf den Boden. Seine Augen waren weit aufgerissen, doch es war kein Leben mehr in ihnen. Hubsi war tot. Staller überwältigte die Mörderin, doch Anja schrie noch immer und aus vollem Halse vor Entsetzen und Schmerz. Sie fasste nach Hubsis lebloser Hand und warf sich über seinen toten Körper. Ihr wurde schwarz vor Augen und plötzlich erkannte sie, dass sie in ihrem Schlafzimmer auf dem Bett saß. Sie war schweißgebadet und ihr Herz klopfte wie wild. Ein Alptraum, es war nur ein Alptraum, sagte sie sich immer wieder, doch noch immer sah sie seine toten Augen vor sich und den Bolzen, der in seiner Stirn steckte.

Aber sie war selber schuld an diesem Alptraum, hatte sie doch am Tag zuvor das Bolzenschussgerät in der Hand gehabt und ihm damit anschaulich erklärt, wie der Schweinebauer zu Tode gekommen war. Sie hatte es genossen, als er ganz blass wurde und sein Gesicht verzog, aber sie wusste nicht, warum sie ihm das immer wieder antat. Er konnte einfach kein Blut sehen und sie nutzte seine Schwäche aus um ihn zu ärgern.
Anja legte sich zurück ins Bett, doch sie fand nicht mehr in den Schlaf, da sie seine toten Augen vor sich sah, sobald sie ihre Augen schloss. Noch immer hatte sich ihr Herzschlag nicht beruhigt und sie beschloss aufzustehen. Es war fünf Uhr am Morgen und die Pathologin zog sich ihre Sportsachen an und ging bei Sonnenaufgang joggen. Wie von selbst führten sie ihre Füße zum anderen Ende des Ortes, wo Hubsi in dem alten Bauernhaus seiner Eltern wohnte. Sie schalt sich selbst eine Närrin, aber sie musste sich einfach davon überzeugen, dass er noch lebte und es ihm gutging.
Sein Schlafzimmer lag im ersten Stock und davor stand eine alte Eiche, an der noch seine Schaukel aus Kindertagen hing. Wenn man ganz nach oben stieg, konnte man in das Schlafzimmer schauen. Mutig hangelte sich Anja an die untersten Äste und schwang sich nach oben. Sie stieg immer höher, bis sie den Ast erreicht hatte, von dem man einen guten Blick durch das Schlafzimmerfenster hatte. Sie erinnerte sich daran, wie sie früher oft am Fenster gestanden hatte und die Eichhörnchen beobachtete, die auf dem Baum herumkletterte. Heute war sie das Eichhörnchen und sie spähte in den Raum. Hubsi lag schlafend auf seinem Bett und durch das offene Fenster konnte sie ihn leise atmen hören.  

Gerade als sie sich zurückziehen wollte, sah sie einen Fotorahmen auf seinem Nachttisch. Neugierig beugte sie sich vor und versuchte zu erkennen, welches Foto er neben seinem Bett stehen hatte. Doch dabei verlor sie das Gleichgewicht und rutschte vom Ast. Sie konnte sich gerade noch an der Fensterbank festkrallen und knallte dann ungebremst gegen einen der geöffneten Fensterläden. Hubsi schreckte aus seinem Schlaf und rieb sich die Augen, denn er konnte nicht fassen, was er da sah: Anja, seine Ex-Frau, hing an der Fensterbank seines Schlafzimmerfensters und trug grellbunte Leggins und ein ebenso grellbuntes T-Shirt. Sie sah ihn verzweifelt an und rief: “Jetzt schau net so bleed, sondern hilf mir halt!” Hubsi, der seinen Augen nicht traute, kletterte aus seinem Bett und umfasste Anjas Handgelenke. Dann zog er sie hoch und half ihr durch das Fenster ins Zimmer zu steigen.
“Wenn du unbedingt in mei Schlafzimmer wolltest, warum hast dann net oifach was gsagt?”, grinste er sie an, nachdem er sich von seinem Schrecken wieder erholt hatte. Dabei betrachtete er sie von oben bis unten und seine Lippen zuckten. “So ein Schmarrn”, entgegnete sie ihm, “i wollt nur …" Doch dann biss sie sich auf die Lippen, denn es kam ihr albern vor, weshalb sie überhaupt auf den Baum gestiegen war. “Auf die Erklärung bin i aber gspannt!”, meinte er belustigt und sah ihr in die Augen. Sofort kam Anja ihr Traum wieder in den Sinn und sie starrte ihn wortlos an. “I wollt nur …", stammelte sie wieder und behauptete dann: “I bin nur zufällig hier vorbeigekommen bei meinem Morgensport und da hab i a Katz auf dem Baum gsehn, die nimmer runterkam. Da bin i halt hoch und den Rest kennst ja.” Sie senkte ihren Blick, doch sie konnte es nicht verhindern, dass ihre Augenbraue zuckte.

So langsam amüsierte sich Hubsi köstlich, doch er fragte sich ernsthaft, was sie hier eigentlich wollte. Ihre enge Sportkleidung betonte ihre schlanke Figur und selbst in den grellbunten Sachen fand er sie noch immer schön. Die blonden Haare fielen ihr wirr ins Gesicht und er widerstand der Versuchung, sie ihr aus dem Gesicht zu streichen.
Da er nur eine Unterhose trug, stieg er in eine Jeans und warf sich ein T-Shirt über. Schließlich fragte er sie: “Willst glei wieder naushüpfen oder doch liaber erst an Kaffee?” Die Situation fing an ihm Spaß zu machen und er machte eine einladende Geste in Richtung Fenster. “Depp”, murmelte Anja, doch dann folgte sie ihm hinunter in die Küche. Sie beobachtete ihn, wie er das Kaffeepulver einfüllte und auf einmal fühlte sie sich wie zu Hause angekommen. Sie erkannte, wie sehr sie das alles vermisst hatte: ihn, das Haus und das gemeinsame Frühstücken. Wie selbstverständlich holte sie Teller und Tassen aus dem Oberschrank, während er die Frühstückssachen aus dem Kühlschrank räumte. "I will di aber net von deinem Morgensport abhalten”, meinte er grinsend, als er sah, wie sie sich hungrig aus dem Brotkorb bediente. “Des passt scho”, nuschelte sie mit vollem Mund und langte kräftig zu. Hubsi genoss jede Sekunde dieses Frühstücks und fragte sich mehrmals, ob er das nicht nur träumte.

Das gute Essen und der Schlafmangel in der Nacht machten Anja schläfrig, deshalb setzte sie sich kurz auf das Sofa, als er nach oben ging um sich zu duschen und dann seine Uniform anzuziehen. Sie hatte ihm eigentlich angeboten, den Tisch abzuräumen, doch schon bald war sie völlig übermüdet eingeschlafen. So fand er sie vor, als er wieder nach unten kam und er betrachtete sie zärtlich. Er hatte keine Ahnung warum, aber sie war da, hier bei ihm. Schließlich ging er vor ihr in die Hocke und flüsterte leise: “Anja, du musst aufwachen! Deine Leichn wartn!” Doch die Pathologin schlief tief und fest. Zögerlich strich er ihr über die Wange, doch Anja grunzte nur im Schlaf und ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Sie sah zum Anbeißen aus, fand Hubsi, und brachte es nicht übers Herz sie zu wecken. Inzwischen war es bereits halb acht und sein Dienst begann um acht. Hubsi nahm die Decke von seinem Sessel und breitet sie über Anja aus. Dann strich er ihr endlich die wirre Haarsträhne hinter die Ohren und hinterließ auf dem Couchtisch einen Zettel für sie:

“I hab di in der Pathologie für heit entschuldigt. Mach dir einen scheenen Vormittag. Ich komm am Mittag wieder. Hubsi”

Dann warf er noch einen letzten Blick auf seine schlafende Ex-Frau und verließ etwas wehmütig sein Haus. Er befürchtete, dass sie bis zu seiner Mittagspause sicherlich verschwunden sein würde und sein Haus so leer wie zuvor. Noch immer wusste er nicht, was sie auf dem Baum vor seinem Schlafzimmerfenster gemacht hatte, aber das war eigentlich auch egal. Irgendetwas hatte sie zu ihm geführt und vielleicht, ja nur vielleicht war sie noch immer da, wenn er zu Mittag wiederkam.

Ende
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