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Die erste Staffel

von Mujuchu
Kurzbeschreibung
SammlungFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Het
Dr. Anja Licht Franz Hubert
27.11.2021
30.03.2022
16
29.173
3
Alle Kapitel
13 Reviews
Dieses Kapitel
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27.11.2021 1.602
 
Anjas POV

Anja war genervt. Ihr Ex-Mann und sein Kollege Staller waren mal wieder über eine Leiche gestolpert und als sie den beiden sachlich ihre Erkenntnisse mitteilen wollte, kam wieder ein kindischer Kommentar von Hubsi. Warum machte er das? Seit vier Jahren waren sie schon geschieden und das Zusammenleben mit ihm war mehr als schwierig gewesen. Eigentlich war er ja ein feiner Kerl, aber sie hatte in den ganzen Jahren ihrer Ehe nie das Gefühl gehabt, wirklich zu ihm durchgedrungen zu sein. Sie wusste nicht, was er wirklich dachte und fühlte und irgendwann war sie es einfach leid gewesen, immer um seine Zuwendung kämpfen zu müssen. Ob er sie je geliebt hatte? Auf seine Art wahrscheinlich schon und in manchen Momenten glaubte sie sogar, dass er sie immer noch liebte. Seit ein paar Monaten hatte sie sich auf einen anderen Mann eingelassen und versuchte sich ein neues Glück aufzubauen. Auch wenn sie Hubsi gegenüber gesagt hatte, dass es wunderbar läuft, dann war das nur die halbe Wahrheit. Karl war sehr aufmerksam und liebevoll zu ihr, beides Eigenschaften, die Hubsi nur sehr selten gezeigt hatte. Trotzdem hatte sie ihren Franz sehr geliebt und auch heute empfand sie noch viel für ihn. Sie wäre so gerne mit ihm alt geworden, aber das hatte leider nicht geklappt. Sie musste nach vorne schauen, doch ein Stückchen ihres Herzens würde immer Franz Hubert gehören.

Die Pathologin seufzte und setzte ihre Arbeit fort und fuhr dann mit der Leiche zurück in die Pathologie. Wie immer teilte sie es dem Revier mit, als sie fertig war und jetzt würde er bald mit seinem Kollegen zu ihr kommen, um die Ergebnisse der Obduktion zu erfahren. Unwillig merkte sie, dass sie sich auf sein Kommen freute. Sie genoss noch immer seine körperliche Präsenz und wenn seine blauen Augen auf ihr ruhten. In diese Augen hatte sie sich zuerst verliebt und sie wusste, dass diese Augen gefährlich für sie werden konnten. Kaum waren die Beamten durch die Tür getreten und sie hatte ihnen den Todeszeitpunkt mitgeteilt, atmete Hubsi wieder tief durch und es schüttelte ihn, da er kein Blut sehen kann. Gerne neckte sie ihn damit, doch heute deckte sie die Leiche ab und begnügte sich mit einem kleinen Seitenhieb.

Doch dann sprach er plötzlich über ihre Ehe und dass sie sich zur Zeit öfter sahen, als damals, als sie noch verheiratet gewesen waren. Das war zwar etwas übertrieben, doch sie wusste, was er meinte. In den letzten Wochen und Monaten ihrer Ehe waren sie sich aus dem Weg gegangen. Er war oft nächtelang nicht nach Hause gekommen und sie hatte nicht gewusst, wo er war. Erst hatte sie gedacht, dass er eine andere habe, doch dann hatte sie herausgefunden, dass er entweder bei seinem Freund Hansi oder bei Robert Hansen untergekommen war. Eine Zeitlang war sie nicht sicher gewesen, ob er ein Verhältnis mit Barbara Hansen angefangen hatte, aber dafür gab es nie ein Anzeichen.

“Früher, da ham mir’s besser gschafft, dass wir uns aus dem Weg gehen”, sagte er und sah sie nicht an. Sie wusste nicht, was er ihr damit sagen wollte. Süffisant antwortete sie ihm, dass er ihr früher auch keine Leichen aufgetischt hatte und fügte unnötigerweise dazu, dass er ihr auch nichts anderes aufgetischt hatte. Das war aber so nicht richtig. Seine Geschenke waren zwar meistens ungewöhnlich und auch wenig romantisch gewesen, doch er hatte ihr oftmals etwas mitgebracht und auch an ihren Geburtstag gedacht. Sie musste zugeben, dass sie am Ende an fast allem, was er sagte und tat, gemeckert hatte. Dabei hatte sie es sich doch nur gewünscht, dass er ihr zuhörte und ihr sagte, dass er sie liebte. Franz Hubert war jedoch kein Mann der großen Worte und seine zu Schau getragene Gleichgültigkeit hatte sie am Ende nicht mehr ertragen können. Jetzt war es vorbei mit ihrer Souveränität und sie merkte, wie sie in alte Muster verfiel und ihn streitlustig anging. Wahrscheinlich hätten sie sich sich wieder lauthals angebrüllt und mit Worten verletzt, wenn sie nicht von Staller abgelenkt worden wären. Anja freute sich auf den Feierabend und beim Verlassen der Pathologie schüttelte sie alle Gedanken an ihren Ex-Mann ab und genoss einen schönen Abend mit ihrem Freund.

Am nächsten Tag ließ Anja die Beamten wieder zu sich kommen. Genervt stand Hubsi am Seziertisch und tat uninteressiert. Sofort hatte Anja das Gefühl ihm eins reinwürgen zu müssen und gebrauchte den Polizisten gegenüber den chemischen Namen des bekannten Narkosemittels Chloroform. Überheblich erklärte sie ihnen dann den Begriff und spürte seinen verächtlichen Blick auf sich. Trotzdem war es für sie eine Genugtuung und wieder einmal wurde es ihr klar, dass auch sie sich ihm gegenüber oftmals unfair und unsensibel verhalten hatte. Hubsi erging sich wieder in Albernheiten und bevor sie noch lachen musste, unterbrach sie ihn und referierte weiter. Franz hatte sie oft zum Lachen gebracht. Er war sehr schlagfertig und hatte diesen besonderen Humor, den sie so mochte. Als die Beamten gegangen waren, setzte sich Anja erst einmal auf ihren Stuhl am Schreibtisch. Sie spürte einen Stich im Herzen und ihr wurde mal wieder klar, dass das Kapitel Franz Hubert noch immer nicht abgeschlossen war.



Hubsis POV

Nach der Scheidung war er froh gewesen über jeden Tag, den er seine Ex-Frau nicht sehen musste, doch nach vier Jahren Trennung fing plötzlich sein Herz wie wild an zu schlagen, sobald sie in der Nähe war. Vielleicht hatte das auch damit zu tun, dass Anja seit ein paar Monaten einen Freund hatte. Das war ihm ganz und gar nicht egal, auch wenn er sich im Moment keine Beziehung mit ihr vorstellen konnte. Trotzdem brachte sie ihn schnell aus der Fassung und obwohl er eigentlich schlagfertig war, fiel ihm heute wieder einmal nur ein dummer Kommentar ein. Warum konnte er nicht einfach sachlich bleiben und nur ihren Ausführungen zuhören?

Er hatte sich damals Hals über Kopf in die schöne Pathologin verliebt und war überglücklich gewesen, als sie seinen Heiratsantrag angenommen hatte. Es fiel ihm schwer, ihr mit Worten mitzuteilen, wie sehr er sie liebte und auch mit Taten war es ihm nicht ausreichend gelungen. Er war schon zufrieden, wenn er sie um sich hatte und wusste, dass sie zu ihm gehörte. Selten war er romantisch, denn er war nun mal eher der nüchterne Typ. Noch nie hatte er einen Menschen so geliebt wie diese Frau und er musste zugeben, dass er sie auch heute noch liebte. Aber jetzt war ein anderer Mann an ihrer Seite und auch wenn er ihr ein neues Glück gönnte, so gab es doch seinem Herzen einen Stich, wenn er daran dachte, dass sie jetzt in den Armen eines anderen Mannes lag und nicht mehr in seinen. Dieser Karl war Arzt wie sie auch. Wahrscheinlich passten sie viel besser zusammen. Aber sein Herz würde immer ihr gehören.

Hubsi wandte sich ab, bevor sie in seinen Augen die Wahrheit erkannte. Der neue Chef verlangte Informationen und wollte in der Gegend herumgefahren werden. Der spinnt wohl! Der Polizist konzentrierte sich auf seine Arbeit, bis er und sein Kollege Hansi in die Pathologie gerufen wurde. In der Pathologie war sie und er konnte seine Augen nicht von ihr wenden. Selbst in der Arbeitskleidung sah sie wunderschön aus. Er ahnte nicht, was für eine Wirkung seine Augen auf sie haben. Kaum warf ein jedoch einen Blick auf die Leiche, wurde es ihm wieder einmal schlecht und Anja konnte sich eine Bemerkung zu seiner Schwäche nicht verkneifen. Plötzlich fiel ihm auf, dass er Anja in letzter Zeit immer häufiger sah, fast häufiger als in der letzten Phase ihrer Ehe. Das war zwar übertrieben, aber damals hatte sie nur noch gestritten und oftmals konnte er ihr Gemecker nicht mehr ertragen und schlief bei Hansi oder seinem Freund Robert Hansen. Diese Nächte ohne sie waren die Hölle gewesen.

“Früher, da ham mir’s besser gschafft, dass wir uns aus dem Weg gehen”, sagte er und sah sie nicht an. Aber eigentlich wollte er ihr gar nicht mehr aus dem Weg gehen, sondern er freute sich schon richtig, wenn er sie an einem Tatort oder in der Pathologie sah. Früher hatte er ein beschauliches Dasein als Polizist gehabt, doch seit geraumer Zeit stolperten Hansi und er immer wieder über Leichen, die er in gewisser Weise ihr wirklich auftischte. Während ihrer Ehe hatte er ihr zu selten etwas mitgebracht, das war ihm bei den vielen Therapiesitzungen klar geworden, aber es war ihm immer noch schleierhaft, warum ihr das stets so wichtig gewesen war. Er erwartete ja auch keine Geschenke von ihr. Ihre Liebe und Zuwendung war alles was er gewollt hatte. Plötzlich schlug die Stimmung in der Pathologie wieder um und wenn Staller sich nicht eingemischt hätte, hätten sie sich wieder lauthals angebrüllt und mit Worten verletzt. Stoisch wie immer nahm Hubsi es hin und verließ mit Hansi die Pathologie und er traf sich am Abend mit Robert Hansen zum Angeln.

Am nächsten Tag musste sie wieder zu Anja kommen. Dieses Mal sah er seine Ex-Frau nicht an und spielte den Unbeteiligten. Er wusste, dass sie sich wieder mit ihrem Freund getroffen hatte und sein Herz schmerzte. Anja warf mit medizinischen Begriffen um sich und ließ ihn spüren, wie viel klüger und gebildeter sie doch war. Um zu vertuschen, wie sehr sie ihn mit ihrem Verhalten traf, erging er sich in Albernheiten und merkte nun seinerseits mit Genugtuung, wie sie sich das Lachen verkneifen musste. Anja mochte seinen Humor und er hatte sie oft zum Lachen gebracht. Als Hubsi wieder mit Hansi im Streifenwagen saß, spürte er einen Stich im Herzen und ihm wurde mal wieder klar, dass das Kapitel Anja Licht noch immer nicht abgeschlossen war.

Ende
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