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Der Anfang. Das Ende. Und alles dazwischen.

von Golo
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Lucius Malfoy Severus Snape
25.11.2021
25.11.2021
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Der Anfang. Das Ende. Und alles dazwischen.


Rückblick, Hogwarts, 25.03.1977

Nachmittags

Severus Snape, gerade siebzehn Jahre alt, flog auf seinem Besen übers Quidditsch-Feld. Wind in seinen Haaren, Feuer im Herzen. In Gedanken absolvierte er ein Rennen auf Leben und Tod, ein riskantes Mannöver jagte das nächste. Sein ganzes Sein fokussiert auf den einen, den alles entscheidenden Moment. Wenn er den goldenen Schnatz erblicken und dann auf ihn herabstoßen könnte, wie ein Adler auf seine Beute.

Severus war siebzehn Jahre und liebte drei Dinge. Das Fliegen, die Magie und Lily Evans. Um Lily zu beeindrucken und sich Respekt zu verschaffen, der ihm nicht in die Wiege gelegt war, würde er diesen Schnatz hier und heute fangen und zum neuen Kapitän bestimmt werden. Nichts und Niemand würde ihn aufhalten. Koste es was es wolle. Koste es was es wolle!

Und da, genau da, war er plötzlich. Gut fünf Meter entfernt pfiff er über den Köpfen der künftigen Schulabgänger hinweg und Severus warf sich in die Tiefe. Fegte haarscharf an dem rothaarigen Aiden Yaxley vorbei, der daraufhin das Gleichgewicht verlor und von seinem Besen fiel. Direkt in Rodolphus Lestranges Arme, der wohl gerade zufällig zu ihm hin, statt in Richtung des Schnatzes geflogen war. Und damit war Severus' Weg frei! Die Anderen waren zu weit entfernt. Der Schnatz machte eine unverhoffte Kehrtwende. Severus hechtete hinterher. Streckte die Hand aus. Wurde herumgerissen, trudelte und schlug kurz darauf hart auf dem Boden auf.

Ein Raunen ging durch die Zuschauer.

Severus riss den Arm in die Höhe.

Jubel brach aus.

Er hatte den Schnatz gefangen!

Severus keuchte und wischte sich Dreck aus dem Gesicht.

Er war der König der Welt.

Plötzlich ragte eine hochgewachsene Gestalt über ihm auf.

Severus blinzelte gegen die Sonne. Sein Kapitän stand da und hielt ihm die Hand entgegen. Severus Herz kloppfte in wildem Stolz. Lucius Malfoy war schon neunzehn und würde in Kürze von der Schule abgehen, um die Welt zu regieren, oder was auch immer reiche Schnösel nach ihrem Abschluss machten und dann war es an Severus seinen Platz als Kapitän der Hausmannschaft von Slytherin einzunehmen. Mit dieser jüngsten Glanzparade hatte er alle anderen Bewerber eindeutig deklassiert.

Severus reichte Lucius die Hand und der untersuchte sie oberflächlich, statt ihm hochzuhelfen. Seine langen Silberhaare fielen ihm dabei ins Gesicht.

„Die Hand ist verstaucht, mein wild entschlossener, junger Freund“, sagte er von oben herab und tatsächlich spürte Severus in dem Moment, als der Andere es sagte, einen stechenden Schmerz in der rechten Hand. In der ersten Euphorie, dem Andrenalinrausch des Sieges, hatte er es gar nicht bemerkt. Jetzt schon.

Dann ließ Lucius sich fallen und musterte Severus aufmerksam.

„Einen Besen reiten kannst du“, sagte er anerkennend und legte dabei den Kopf so auf die Seite, „aber du hättest Yax umbringen können, wenn er sich wegen dir den Hals gebrochen hätte.“

„Allerdings, du miese, kleine Gossenratte...“, knurrte Yaxley, der plötzlich neben Lucius auftauchte und Severus wütend anfunkelte. Er zerrte sich sein grün-silbern glänzendes Trikot über den Kopf und spuckte in den Staub zu Severus Füßen.

„Nicht meine Schuld, wenn der Inzest in deiner Reinblutfamilie dich so blind und taub macht, dass du mich nicht mal kommen siehst...“, knurrte Severus aufbrausend, „geschweige denn den Schnatz.“ Er hatte es satt, sich solchen Scheiß anhören zu müssen. Nur weil sein Arsch nicht mit Diamantstaub gepudert war, war er keinen Deut schlechter, als dieser reiche, sommersprossige Snob da.

„Du hast Nerven“, stellte Lucius ironisch fest und seine grauen Augen glitzerten vage belustigt. „...Und ein erfrischend, aufbrausendes Temperament.“

Yaxley wollte sich auf Severus stürzen, wurde aber von zwei seiner Teammitglieder, dem Jäger Padraigh Mulciber und der Treiberin Gwendolyn Greengrass zurückgehalten.

Lucius' zwinkerte Severus spitzbübisch zu. Dann erhob er sich lässig und blickte in die Runde.

„Dieses kleine Spiel hat doch Spaß gemacht, findet ihr nicht?“, rief er und von allen Seiten wurde geklatscht. Lucius wedelte mit den Händen und wartete, bis wieder Ruhe einkehrte und aller Augen sich gespannt auf ihn richteten. Jetzt kommt's, dachte Severus und ballte die unverletzte linke Hand zur Faust.

„Wir sind hier, weil wir nächstes Jahr einen neuen Kapitän brauchen... Entgegen den Befürchtungen meiner werten Eltern, habe ich alle meine Prüfungen bestanden und werde euch bald verlassen.“ Lucius deutete eine spöttische Verbeugung an und sein Jäger und Hilfs-Sanitäter Aiden Yaxley klopfte ihm lachend auf die Schulter. Scheinbar war sein Ärger schnell verraucht. Wahrscheinlich hielt er Severus' nicht mal für würdig, sich groß über ihn aufzuregen. Auch die anderen stimmten ein. Lucius war beliebt und irgendwas an seiner leichtlebigen Großspurigkeit, für die ihn die anderen Schüler auch noch zu bewundern schienen, ließ Severus mit den Zähnen knirschen.

„Ich denke, Ihr stimmt mir zu, wenn ich sage, dass ein Mann heute auf dem Feld echte Führungsqualitäten bewiesen hat...“ Gespannte Stille. Jetzt kommt's... Jetzt kommt's... Lucius kostete den Moment sichtlich aus, bevor er mit großer Geste verkündete:

„Der neue Kapitän, mein bester Freund und begnadeter Sucher, Rodolphus Lestrange, Ladys und Gentlemen.“

Die Menge jubelte.

Severus Blut kochte.

Der große, braunhaarige Rodolphus hatte die Frechheit, verdutzt aus der Wäsche zu gucken.

„Was... ich..?“, fragte er erstaunt.

„Was... er...?!“, fauchte Severus und rappelte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Boden hoch. Doch sein wütendes Toben ging im allgemeinen Jubel unter. Alle umringten den beschissenen Rodolphus Lestrange.

Alle außer Aiden Yaxley.

„Was, du kleine Gossenratte …. hast du etwa gedacht, Lucius wählt einen, wie dich?“, zischte er ihm boshaft und offensichtlich sehr vergnügt zu.

+++

2 Uhr nachts

Severus war außer sich vor Zorn! Er hätte Kapitän werden sollen, ihm hätte diese Position zugestanden. Er war eindeutig der bessere Spieler! Klassismus war das! Dieser aufgeblasene Fatzke hatte seinem reinblütigen Busenfreund nur deshalb den Vorzug gegeben, weil der auch mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden war. Vitamin B... Pah! Diese reichen Schnösel hielten sich doch alle gegenseitig die Stange. Aber nicht mit ihm! So einfach würde er diesen Lucius Malfoy nicht davon kommen lassen...

Severus schlug die Decke zurück und glitt aus dem Bett. Er schlüpfte in seine schwarzen Muggelsachen und schlich aus seinem Schlafraum zu dem der Abschlussklasse hinüber. Er hatte nicht direkt einen Plan, aber in seinen Eingeweiden wütete es. Heiß und rücksichtslos und unerbittlich. Lucius schlief im ersten Bett von rechts, das wusste Severus. Das wusste jeder. Die dunkelgrünen Samtvorhänge waren zugezogen und wirkten Schwarz in der Dunkelheit. Doch die Dunkelheit war Severus' Freund. Dunkelheit und Schnelligkeit.

Mit einer blitzartigen Bewegung war er durch die Vorhänge hindurchgeschlüpft.

Lucius erwachte mit einer sehnigen Hand auf dem Mund und dem Gewicht eines schwarz gewandeten, drahtigen Körpers, der sich auf ihn wälzte. In der Finsternis riss er die Augen vor Überraschung weit auf. Severus durchfuhr ein böses, kleines Hochgefühl, als der erschrockene Lucius zu ihm aufsah - und zur Abwechslung Severus nun von oben auf ihn herab. Irgendwas Dunkles in ihm regte sich da. Als sich der feste Leib unter ihm anspannte und Severus ihn mithilfe der eigenen Bettdecke und dem Druck seiner Schenkel und seines unverletzten Armes niederrang. Doch Lucius Augen schienen sich schnell an die Dunkelheit zu gewöhnen und es dauerte nicht lang, bis er Severus erkannte und sich wieder entspannte.

Vielleicht bildete Severus es sich nur ein, aber die Augen des unverschämten Kerls schienen sogar zu lächeln. Dann entwand Lucius irgendwie seine linke Hand unter der Decke seinem Griff und kniff in Severus' rechtes Handgelenk, mit dem er Lucius' Mund bedeckte. Der Schmerz war so übermächtig, dass Severus nur mühsam ein Stöhnen unterdrücken konnte.

„DU!“, stieß Severus bloß durch die Zähne und zog die Hand weg.

Lucius lächelte ihn liebenswürdig an.

„Tut noch weh, was?“, fragte er beiläufig, so als nähmen sie nur ihr früheres Gespräch wieder auf. „Du hättest zu Madam Pomfrey gehen sollen, mein wild entschlossener, junger Freund.“

„Ich bin nicht dein Freund!“, zischte Severus ihn an. „Du mieser … Betrüger. Wegen dir... Wegen DIR!“ In seinem Kopf hatte er sich eine hübsche, kleine Rede zurechtgelegt. Was, eine? Mehr als eine! Er hatte dieses Seilschaften hochhaltende Arschloch in Grund und Boden reden wollen, aber seine verfluchte Hand tat so weh, dass ihm beinah übel wurde.

„Ah, komm schon... willst du mich jetzt mit meinem Kopfkissen erdrosseln, nur weil ich dich nicht mit den Großen mitspielen lasse?“, fragte Lucius frech und nicht im Geringsten beunruhigt. „Du bist verflucht schnell und überaus... einfallsreich, möchte ich mal sagen, aber du bist auch ein verdammter Hitzkopf... Daran solltest du arbeiten, und an deinen zwischenmenschlichen Fähigkeiten... dann wird vielleicht wirklich mal ein großer Anführer aus dir.“

„Halt deinen verdammten Mund!“, herrschte Severus ihn mit gesenkter Lautstärke an, bekam jedoch wieder nur ein freches Lächeln zurück.

„Sonst was?“, fragte Lucius gurrend. „Willst du es mir mal so richtig zeigen?“ Seine Augenbrauen zuckten anzüglich und er hatte den Nerv mit den Hüften empor zu stoßen, gegen die von Severus. Severus starrte Lucius sprachlos an. War der Kerl nicht ganz dicht? Wie konnte er ihn nur so provozieren? Nahm dieser feine Pinkel überhaupt etwas ernst? Hielt er sich für so unantastbar? Dachte der, dass Severus nur bluffte? Dem würde er es zeigen!

„Du ….“, knurrte Severus wieder aggressiv. Zu mehr als dem DU reichte sein Wortschatz gerade nicht. Er stürzte sich trotz gestauchtem Handgelenk auf Lucius, legte ihm die Hände um den langen, blassen Hals. Es juckte ihm in den Fingern zu zu drücken. Und wieder regte sich dieses dunkle Etwas in seinem Inneren. Er hörte Lucius leise lachen und das machte ihn nur noch wütender. Lucius zog auch den rechten Arm unter der Decke hervor und legte Severus die Hände auf die Hüften.

„Hast du überhaupt darüber nachgedacht, was das hier werden soll, wenn's fertig ist?“, fragte er und Severus spürte die Vibrationen seines Kehlkopfes in den Fingerspitzen. „Ein Kapitän muss den Überblick behalten... planvoll vorgehen, immer den nächsten Zug seines Gegners vorhersehen, und ihn nicht Hals über Kopf überfallen.“

„Erzähl mir doch keine Märchen“, knurrte Severus ungehalten. „Ich bin ein halbblütiger Armenhäusler, der jeden Schnatz fängt. Rodolphus Lestrange ist ein reicher, reinblütiger Lackaffe, wie du, der mir dabei noch schön aus dem Weg fliegt und doch... ist er der neue Kapitän und nicht ich... Soll das ein Zufall sein?“

„Ah..“, machte Lucius gedehnt, „du meinst also, dass ich aufgrund deiner Geburt Vorurteile gegen dich habe und dir deshalb diese Position nicht zugetraut habe...“

„Das ist doch offensichtlich“, erwiderte Severus gepresst.

„Schon mal darüber nachgedacht, dass Rodolphus dein rücksichtsloses Verhalten vorausgesehen und so verhindert hat, dass dein Teamkollege Aiden sich das Genick bricht, weil du ihn vom Besen geschuppst hast? Dass er ein guter Kapitän sein könnte? Oder kam dir das nicht in den Sinn, weil du Vorurteile gegen reiche, reinblütige Lackaffen wie ihn und mich hast?“

„Schwachsinn!“, polterte Severus. Lucius lächelte nur spöttisch und legte den Kopf ein wenig auf die Seite. Severus fühlte sich nicht gut. Seine Hand schmerzte, sein Herz raste und am liebsten hätte er diesem eingebildeten Kerl Eine verpasst. Andererseits konnte er nicht aufhören ihn anzuschauen. Immer wieder wanderten seine Blicke von den glitzernden grauen Augen zu den leicht geöffneten Lippen und er ertappte sich selbst dabei, wie er darüber nachdachte, wie sie sich wohl anfühlen würden... wenn er seinen Hals loslassen und stattdessen mit seinen Fingern...

Nein! Severus zog ärgerlich die Brauen zusammen. Was war nur los mit ihm?

„Du hast dir heute einen mächtigen Feind gemacht, du selbstverliebtes Arschloch!“

Schwer lag er auf dem reichen Fatzke und drückte ihn mit seinem Gewicht in die Matratze. Er war jünger, aber nicht viel kleiner und durch harte Arbeit bereits um Einiges stärker als Lucius, doch dieser arrogante Mistkerl lächelte ihn immer noch an.

„Du machst mir keine Angst.“ Lucius hakte zwei Finger links und rechts in Severus' Gürtelschlaufen.

Severus' Haare, damals noch etwas länger, fielen nach vorn in Lucius' Gesicht. Etwas an diesem Moment und der ernsten Stille, die danach folgte, war unvergesslich. Wie gelähmt starrte Severus diesem arroganten Schnösel ins Gesicht.

„Ich hasse dich!“, flüsterte er und dann küsste er Lucius auf die Lippen. Lucius wich nicht aus, erwiderte seinen Kuss aber eher zögerlich. Severus begriff, dass er endlich etwas gefunden hatte, was diesen reichen Arsch aus dem Konzept brachte. Seine Lippen waren noch weicher und nachgiebiger als es sich Severus vorgestellt hatte. Es war ein ungeübter, stürmischer Kuss. Sich von ihm zu lösen, war schwer. Am liebsten hätte Severus ihn weitergeküsst und ihn noch stundenlang unter sich festgehalten.

Ein lautes Schnarchen von irgendwo weiter hinten brach jedoch den Bann und Severus riss sich plötzlich von Lucius los. Was hatte er da gerade getan? Ungläubig starrten sie einander an, bevor Severus herumwirbelte und so lautlos verschwand wie er gekommen war.

Erste Morgenröte drang bereits durch die breiten Fenster, als Severus mit immer noch klopfendem Herzen und geröteten Wangen zurück in sein eigenes Bett fiel. Er legte den linken Zeigefinger auf seine Lippen, spürte noch den Nachhall der fremden Lippen, bevor er mit dem Handrücken entschieden darüber wischte, so als könnte er damit auch die Erinnerung daran aus seinen Gedanken tilgen.

Lucius verließ die Schule kurz darauf und schaute nicht zurück.

Severus spielte nie wieder Quidditsch.

Es sollten fast fünf Jahre vergehen, bis sie sich wieder sahen.

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