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Die (verfluchte) Nonne

GeschichteAllgemein / P18 / Het
Abigail Roberts Bill Williamson John Marston Reverend Swanson
25.11.2021
06.12.2021
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Es war bereits tiefe Nacht, als Bill aus dem Saloon in Valentine stolperte – alles andere als freiwillig. Er stützte sich an dem Zaun der Veranda ab, der ihn glücklicherweise auch davon abhielt, in den Dreck darunter zu stürzen und atmete die kühle Nachtluft ein. Sie roch nach Regen und Mist. Alles drehte sich, die aufkommende Übelkeit ließ sich aber vorerst zurück kämpfen. Hinter ihm erklang die Stimme des Kerls, der ihn gerade nach draußen befördert hatte.
„Schlaf dich irgendwo im Mist aus, du betrunkenes Schwein!“

Bill grinste, die Hände fest in das Holz gekrallt. Mühsam kam er in eine aufrechte Haltung und drehte sich herum: „Bring mich doch dazu, du dummes Stück Scheiße.“

Sein Gegenüber, den er doppelt sah, kam auf ihn zu. Seine Reflexe waren mittlerweile so gedämpft, das er den Schlag weder abwehren, noch ihm ausweichen konnte. Die Faust traf ihn mitten ins Gesicht, er schmeckte Blut und kurzzeitig wurde die Welt schwarz. Schmerz empfand er aufgrund der schweren Alkohol-Intoxikation jedoch nicht.

Sein Gegner rechnete nicht damit, das er trotz des direkten Treffers konterte. Aber dessen Reflexe funktionierten noch besser und so wich er rechtzeitig zurück, wurde nur leicht getroffen und schubste Bill von sich, erneut gegen den Zaun. Dort verlor der das Gleichgewicht und fiel hintenüber. Der Aufprall presste ihm die Luft aus den Lungen und keuchend sah er die Welt erneut verschwimmen.

„Arschgesicht!“, brüllte der Mann von oben, spuckte auf ihn herab und begab sich zurück in den Saloon. Bill stöhnte und wischte sich die Spucke aus dem Gesicht. Mühselig drehte er sich auf die Seite, auch wenn er am Liebsten einfach so liegen geblieben wäre. So eine Scheiße…

Er wollte nur ein wenig Spaß haben.
Trinken. Sex. Vielleicht ein paar Schläge verteilen.
Aber sicher nicht einstecken.
Konnte ja keiner ahnen, das das Weibsbild, das sich so geziert hatte, einen so nervigen Kerl dabei hatte. Er würde ihm morgen eine Revanche geben – ob er wollte oder nicht. Und dann würde er solange auf seine dämliche Fresse einprügeln, bis seine Zähne durch seinen Arsch wieder herauskämen.

Grinsend hustete er und spuckte aus. Das Gemisch aus Blut, welches aus seiner Nase floss und das Atmen zunehmend erschwerte, sowie Speichel landete im matschigen Mistboden von Valentine. Verdammtes Kuhtreiberdorf.

Nicht mal wirklich ansehnliche Frauen gab es hier.
Da konnte er auch genauso gut Karen aus dem Camp nehmen. Oder Abigail, die war eh unzufrieden mit ihrem Schwachkopf von Mann und die wusste, was sie tat. Endlich stand er, sich an dem Balken festhaltend, an dem ein einsames Pferd angebunden war.
Nach dem dritten Blick erkannte er, das es seins war.

Die Welt drehte sich, alles bestand aus Watte und Dunkelheit. Die Laternen, die Valentine des Nachts erleuchteten, wirkten zu grell. Er kniff die Augen zusammen und wischte sich über das Gesicht, ehe er sich zu dem Pferd schleppte: „Komm Brown Jack, mein Bester… wir verschwinden aus diesem Drecksloch...“ Es erforderte einige Anstrengung in den Sattel zu kommen. Aber er hatte Übung in Zuständen wie seinen jetzigen, schnell die Flucht ergreifen zu können. Deswegen gelang es ihm auch direkt und er gab dem Ardenner die Sporen. „Hi-Yo...“, brummelnd, sich halb auf den Hals legend, die Zügel locker umschlossen. „Mach langsam, ja? Ich glaub, ich muss gleich kotzen...“ Brown Jack trabte in der Tat deutlich entspannter weiter, ganz so als würde er die Worte seines Besitzers verstehen. „So ist gut...“, murmelte Bill nur noch halb wach. Sie hatten Valentine hinter sich gelassen, die weiten Landschaften erstreckten sich vor ihm. Ihm war das allerdings alles herzlich egal, er spürte schon den sanften Schlaf, der ihn übermannen wollte, als plötzlich ein Zug direkt vor ihm vorbei ratterte. „Heilige Mutter Maria!“, brüllte er, abrupt hellwach.

Brown Jack – ebenso erschrocken wie Bill – stieg und warf seinen Herrn ab, der laut fluchend auf dem Rücken liegen blieb. „Verdammter scheiß Hengst! Komm zurück, Mistviech!“ Er kam in Bauchlage und sah sein Pferd mit lautem Hufschlag in der Dunkelheit verschwinden. Genau wie der Zug erbarmungslos weiterfuhr. Auch wenn es nicht sonderlich sinnvoll war, warf er diesem eine unflätige Geste hinterher.

Sein Kopf war zwar immer noch ziemlich dicht vom ganzen Alkohol, aber durch den Schreck war er kurzzeitig wieder etwas klarer. Das Adrenalin brachte ihn sogar dazu, in eine sitzende Position zu kommen. Er legte sich gerade zwei Finger in den Mund, um sein dämliches Pferd zurückzupfeifen, als etwas in dem Gebüsch neben ihn raschelte. Kurz darauf sah er eine schattenhafte Gestalt, die sich aus den Blättern und Zweigen hervor kämpfte.

Bill glaubte nicht an Dämonen.
Er glaubte erst recht nicht an Monster. Zumindest keine mit Fangzähnen, Klauen und Tentakeln.

Aber er war auch nicht wirklich Herr seiner Sinne und gerade eben hatte ihn fast ein Zug zerrissen. Er hatte auf die Fresse bekommen. Er wurde gedemütigt. Und sogar Brown Jack hatte ihn verlassen!

Der Abend war beschissen. Er war wütend.
Und betrunken. Und er hatte jetzt sicher kein Bock von irgendwelchen Gespenstern heimgesucht zu werden – auch wenn diese ganz gewiss nicht existierten.

Er griff nach seinem Revolver, zielte in die Dunkelheit, in der sich das Wesen bewegte. Mit einem dumpfen Laut stolperte es aus dem Busch, kam näher und näher.
Der Schuss zerriss die Stille der Nacht, die wieder eingekehrt war, nachdem auch das letzte Schnaufen der Lok verklungen war. Er zerriss sie gemeinsam mit einem spitzen Schrei.

Das schattenhafte Wesen stolperte zwei Schritte vorwärts und kam in sein Sichtfeld. Bill fummelte seine Streichhölzer heraus und entzündete eins, im selben Moment, wie die junge Frau vor ihm zusammenbrach. Er erhaschte nur einen flüchtigen Blick auf ihr blasses Gesicht, ehe es im Matsch landete.
Blut sickerte in den Erdboden, es kam irgendwo aus ihrem Torso. Da sie auf den Bauch gefallen war, konnte er nichts genaueres ausmachen.

Aber er sah etwas Anderes.
Etwas, das ihn schlucken ließ.
Das Feuer des Streichholz leckte an seinen Fingern und zischend ließ er es fallen. Es verlosch im matschigen Boden. Er rückte unwillkürlich weiter weg von der Frau, die reglos dort lag.
In ihrer schwarz-weißen Tracht.
Die Haare halb verdeckt durch ein Kopftuch, welches nur den Nonnen vorbehalten war.

Oh scheiße.

Bill war weiß Gott kein gläubiger Mann.

Das war gar nicht gut. Kein Dämon. Kein Geist. Kein Monster.
Eine scheiß Tochter des Herrn.


Widerwillig ließ er sich vorfallen, krabbelte zu der bewusstlosen Frau und tastete nach ihrem Hals. Sanft pochte der Puls ihrer Schlagader.
Erleichtert ließ er sich zurück auf den Po sinken.

Er war kein Arschloch.
Nicht so ein Arschloch.

Also richtete er sich stöhnend auf und pfiff nach Brown Jack, während er behutsam auf die Verletzte  zuging. Beinahe ein wenig ehrfürchtig. Mit Nonnen hatte er noch nicht viel zu tun gehabt… und er hatte eigentlich auch nie vor gehabt, einer Gewalt anzutun.

Er würde zumindest versuchen, ihr Leben zu retten.
Und dann wäre seine Schuld auch beglichen.
Und vielleicht auch die ein oder andere Sünde.

Und falls nicht… sie wäre vermutlich so oder so gestorben.


___

Gerade mal wieder im RDR-Fieber.
Dies wird eine "Kurzgeschichte", also maximal zehn Kapitel sind geplant.
Danke für's Reinschauen :* <3
Liebe Grüße
LilBrat
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