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Der DeKappel Raub

von Tomlinson
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAbenteuer, Angst / P18 / Gen
Inej Ghafa Kaz Brekker/Rietveld
23.11.2021
14.02.2022
6
15.501
11
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18.12.2021 2.266
 
3. Kapitel:
Grausamkeit und Investitionen

Kaz


Kaz blickte dem Mann, der vor ihm kniete, in die vom Whisky getrübten Augen. Viktor Mulder war groß gewachsen, hatte starke Arme und eine Hakennase, über deren Länge seine misstrauischen Blicke Kaz’ Bewegungen folgten. Er wäre furchteinflößend gewesen, wenn Kaz es nicht besser wüsste. Viktor war einer der leitenden Offiziere der Stadtwache, ein hoher Rang und respektable, gut bezahlte Arbeit, der er schon seit mehr als zwanzig Jahren nachging.

Doch es war nicht genug, um seine diversen Tätigkeiten im West Stave zu finanzieren. Und sicherlich war es nicht genug, um das Schweigen der Mädchen und Jungen zu sichern, die er regelmäßig in den Freudenhäusern des Barrels aufsuchte. Kaz kannte die schmutzigen Geheimnisse, die verborgenen Gelüste dieser kümmerlichen Entschuldigung eines Mannes, und er wusste, wie er dies zu seinem Vorteil nutzen konnte.

Geheimnisse waren eine andere Art der Währung in Ketterdam, in einem gewissen Maße wertvoller als ein Stapel Kruge. Mit Geld wäre Kaz bei Viktor nicht weit gekommen, doch die Furcht, die sich in seinen Augen ausbreitete, als Kaz seine tiefsten Geheimnisse vor ihm offenlegte, ließ Kaz wissen, dass er jegliche Informationen von ihm bekommen würde, die er brauchte.

Inej hatte ihm schon vor langem von Viktor Mulder erzählt. Sie kannte ihn aus ihrer Zeit in der Menagerie und sie wusste aus erster Hand, für welche Fantasien der Mann sein Lohn in das Barrel trug. Kaz erinnerte sich noch sehr deutlich an ihre zitternden Hände, den zusammengepressten Kiefer, als sie von ihren Begegnungen mit Mulder sprach.

Kaz hatte sofort den Wert erkannt, der hinter den Begierden des Mannes versteckt lag. Doch er hatte auch gewusst, dass er geduldig sein konnte, um abzuwarten, wann er einen Gefallen von Mulder einfordern musste. Und nun war diese Zeit gekommen.

Er hatte nur wenige Stunden geschlafen, als die ersten Sonnenstrahlen des frühen Morgens über die Holzdielen des Dachgeschosses schlichen und er aus einem unruhigen Traum aufwachte. Ohne seine Zeit mit einem Frühstück zu verschwenden, war Kaz aufgebrochen, hatte den Slat hinter sich gelassen, um im West Stave einige letzte Erledigungen für den Plan, der sich letzte Nacht in seinem Kopf zusammengesetzt hatte, zu machen.

Sein erster Gedanke, als er die Augen öffnete, war Inej gewesen. Ein wenig verärgert über sich selbst, schob Kaz sie beiseite und verdrängte ihr Gesicht aus seinen Gedanken. Letzte Nacht hatte ihn eine ungewohnte Wärme überkommen, als sie durch sein Fenster geklettert war und vor ihm stand. Die Ränder ihrer Silhouette schwach erleuchtet von dem abnehmenden Halbmond hinter ihr, dessen sanftes Licht hinter ihr in das Zimmer einfiel, ihr Gesicht erhellt von dem Schein der Gaslampe auf seinem Schreibtisch.

Er hatte sich zusammenreißen müssen, um nicht den Abstand zwischen ihnen zu überwinden und – Und was?  Was hätte er schon tun sollen? Er konnte sie kaum anschauen, ohne das nervige Flattern seines Herzens zu bemerken, wie sollte er dann jemals imstande sein, sie zu berühren? Also hatte Kaz seinen Blick von ihr abgewandt, hatte sich auf seinen Stuhl gesetzt und einfach dem Klang ihrer Stimme gelauscht.

Als vor wenigen Stunden die Tür ins Schloss gefallen war, nachdem Inej ihn allein zurückgelassen hatte, um mit Jesper zu reden, hatte Kaz lange die wolkenverhangene Nacht vor dem kleinen Dachfenster angestarrt, während seine Gedanken langsam Gestalt annahmen. Jene Informationen, die Inej ihm von ihrer Observation des Van Eck Anwesens gebracht hatte, änderten Kaz’ Plan. Nun musste er nur noch alle Risiken eliminieren.


Viktor Mulder war in den frühen Morgenstunden aus der Kneipe im West Stave auf das schiefe Kopfsteinpflaster des Barrels geschwankt. Rotty hatte Kaz vor wenigen Stunden Bescheid gesagt, als Mulder die Kneipe betreten hatte – ein wohlverdienter Abschluss nach seiner Patrouille-Schicht im Lagerbezirk der Stadt, zwischen dem fünften und sechsten Hafen. Kaz wusste, dass er die Angewohnheit hatte, erst kurz vor der Dämmerung in sein Zuhause im Zelver Distrikt zurückzukehren, mehr Whisky in seinem Körper als Blut.

Es war beinahe schon lächerlich einfach gewesen, den Mann an dem Kragen seiner purpurnen Uniform zu packen und in die dunkle Gasse neben der Kneipe zu ziehen. Der Alkohol machte ihn träge und schwach, die lange Nacht war ihm deutlich anzusehen. Er hatte eingefallene Wangen, dunkle Ringe unter den Augen und Schweißflecken unter seinen Armen. Es widerte Kaz an, ihn anzupacken – selbst durch seine Handschuhe.

Mulder wollte Kaz von sich schubsen, doch ein gezielter Schlag mit seinem Gehstock auf das Knie des Mannes brachten diesen zu Fall. Nun saß er keuchend in der verlassenen Gasse, die wenigen Fußgänger, die zu dieser Zeit unterwegs waren, hatten keinen Blick für die dunklen Winkel des Barrels übrig. Hier wusste jeder, dass es besser war, sich nicht in die Geschäfte eines anderen einzumischen.

Kaz unterdrückte ein Würgen, als ihm der Körpergeruch des Mannes in die Nase stieg. Er hatte seinen gewöhnlichen schwarzen Mantel gegen den roten Umhang des Mister Crimson getauscht, die passende Maske des Komedie Brute Charakters tief in sein Gesicht gezogen. Doch auf seinen Gehstock hatte Kaz nicht verzichten wollen. Ihm war bewusst gewesen, dass Viktor Mulder auch als Trunkenbold noch versuchen würde, ihn zu verprügeln.

„Du kleiner Mistkerl“, sagte Mulder und fluchte. „Ich kann dich dafür in den Höllenschlund werfen lassen. Weißt du wer ich bin?“

Die Drohungen machten ihm wenig aus. Mulders Worte waren getrübt von dem Nebel des Whiskys und Kaz wagte es zu bezweifeln, dass er sich nach ein paar Stunden Schlaf an diese Begegnung erinnern würde.  

„Ich weiß sehr gut, wer du bist, Viktor“, erwiderte Kaz. Die Augen seines Gegenübers weiteten sich leicht beim Klang seines Namens und der Erkenntnis, dass er nicht nur von irgendeinem anderen Betrunkenen angegriffen wurde, der auf der Suche nach Streit war. Dies hier war persönlich.

Mulder versuchte sich hochzukämpfen. Kaz wickelte seine Finger fest um den Krähenkopf und presste das Ende des Gehstocks warnend gegen seine Brust. „An deiner Stelle würde ich lieber unten bleiben. Wir haben ein paar Dinge zu besprechen.“

„Wer zur Hölle bist du? Nur ein Dummkopf würde es wagen, ein Mitglied der Stadtwache anzugreifen.“

„Dann nenn mich einen Dummkopf“, sagte Kaz unbeeindruckt, bevor er den Druck auf seinen Gehstock erhöhte. Er begrüßte die Genugtuung, die ihn überkam, als Mulder ein schmerzerfülltes Stöhnen entfuhr. „Glaub mir, die Stadtwache hat im Barrel keinen Rang. Hier regieren Gier und Grausamkeit die Straßen.“

„Ich zeige dir Grausamkeit, du kleiner Bengel. Hast du etwa Angst, dein Kostüm abzulegen?“

Kaz fand sich selbst in einer überraschten Verwunderung. Er hatte nicht mit einem solch bissigen Widerstand von Mulder gerechnet, doch es war gleichgültig. Er würde unter Kaz’ Befragung brechen – er wurde nicht umsonst Dirtyhands genannt, hatte sich nicht umsonst die Ränge der Dregs hochgearbeitet.

Er würde Viktor Mulder wahre Grausamkeit lehren. Der Offizier würde ihn fürchten lernen.

Kaz war gewillt die Maske abzulegen und seinem Opfer sein wahres Gesicht zu zeigen, doch er begnügte sich mit einem kalten Blick, der den Mann vor ihm verstummen ließ. Seine Züge entglitten ihm. Es war nüchterne Furcht, die Kaz entgegensah.

Es dauerte nicht lange, bis Viktor unter dem Gewicht seiner offengelegten Geheimnisse zusammenbrach und begann zu singen wie ein Vogel. Kaz hatte alle Informationen, die er brauchte, als gerade die ersten Sonnenstrahlen die schmale Gasse hinaufzukriechen begannen. In einer einzigen Bewegung traf der Gehstock gegen Mulders Schläfe, der sofort gegen die Gebäudemauer sackte und regungslos liegen blieb – ein Haufen Elend.  

Kaz kehrte ihm den Rücken zu und machte sich auf den Rückweg zum Slat. Der Offizier würde in wenigen Stunden mit einem dröhnenden Schädel aufwachen, in einer Lake seines eigenen Urins, dessen er sich voller Panik entledigt hatte, zu beschämt und verängstigt, um einen weiteren Gedanken an den Fremden zu verschwenden, der ihn überwältigt hatte.


Kaz freute sich auf eine heiße Tasse Kaffee, als er den Slat betrat. Er hatte das Kostüm des Mister Crimson abgelegt und streifte nun seinen schwarzen Mantel über sein Hemd, den Rotty für ihn auf einen der Stühle gelegt hatte. Er nickte diesem knapp zu und ließ eine paar Kruge zwischen seinen Fingern tanzen, die er ihm über den Holztresen zuschob. Ehe er Kaz allein ließ, zwinkerte er zufrieden und zählte mit flinken Bewegungen die Scheine.

Kaz’ Augen suchten das schattige Foyer des Slats ab. Die meisten der Dregs waren noch im Krähenklub, um ihr Glück an den Spieltischen zu versuchen oder ihren Verstand an der Bar zu ertrinken. Von seinem Platz an der Bar hatte er eine gute Sicht auf die große Treppe, die die drei Stockwerke miteinander verband. Am liebsten würde er die Stufen erklimmen bis zu seinem Zimmer im Dach, doch sein Bein protestierte.

Er ließ sich auf einem der Stühle nieder und streckte sein Bein aus. Sein Gehstock lehnte neben ihm. Kaz schnalzte missbilligend mit der Zunge und deutete auf die dampfende Kanne frischen Kaffees. „Mach dich nützlich, Jesper, und schenk mir eine Tasse Kaffee ein.“

Ertappt ließ sich der dunkle Zemeni-Junge auf den Hocker neben Kaz fallen und griff nach einer sauberen Tasse hinter dem Tresen. Während er den Kaffee einschenkte, hob Kaz eine Augenbraue und sagte: „Kein Glück mit den Karten heute?“

Jesper zuckte mit den Schultern. Seine schlaksigen Arme hoben nun seine eigene Tasse hoch. Er nahm einen langen Schluck, bevor er antwortete. „Ich hatte Glück, aber dann ist mir plötzlich das Geld leer gegangen.“

„Wie überraschend“, kommentierte Kaz trocken und begrüßte den bitteren Geschmack des dunklen Kaffees. Er blendete Jespers Worte aus, als er die Tasse absetzte und sein Blick erneut zu der Treppe zuckte. Dort stand Inej – ein kleiner Schatten, ihre Augen aufmerksam auf ihn gerichtet. Ihre dunklen Haare hatte sie zu einem Knoten in ihrem Nacken zusammengebunden.

Kaz folgte den leichten Bewegungen ihrer Finger, als sie unbewusst über ihre Messer fuhr. Sie wandte ihren Blick ab und begann den Abstieg die drei Stockwerke hinunter.

„Du starrst sie wieder an, Kaz.“

Jespers gedämpfte Stimme riss ihn aus seiner Trance und er sah ihn an. Es kostete Kaz viel Beherrschung, ihm das amüsierte Grinsen nicht aus dem Gesicht zu wischen. „Ich starre nicht. Ich habe den Raum durchsucht, um zu sehen, welcher eurer nutzlosen Ärsche wieder einen Job braucht.“

Sein Grinsen stockte und er hob wieder seine Tasse an, über dessen Rand er Kaz musterte. „Warum war dann dieser Blick auf deinem Gesicht?“

„Welcher Blick?“

„Du schaust auf eine bestimmte Art, wenn du sie siehst. Normalerweise sehe ich diesen Blick nur, wenn du einen fetten Stapel Kruge vor dir hast.“

Kaz begann seine Beherrschung abzuwägen. „Das liegt daran, dass Inej meistens der Grund ist, warum ich einen fetten Stapel Kruge vor mir habe.“

„Nennst du mich wieder eine Investition, Kaz?“

Inej hatte das Foyer erreicht und war lautlos an sie herangetreten. Sie warf ihm einen scharfen Blick zu. Für einen Augenblick wunderte Kaz sich, wann sie begonnen hatte, ihn derart einzunehmen. Alle anderen hätte er für einen solchen Blick bestraft.

„Du bist eine Investition, Inej“, erwiderte er kurz angebunden. „Die beste, die ich seit langem gemacht habe.“

„War das ein Kompliment?“, fuhr Jesper dazwischen. Er sah Kaz ungläubig an. „Warum bekomme ich nie Komplimente?“

„Lass es mich wissen, wenn du mir das nächste Mal einen Gewinn bringst, anstatt alles am Spieltisch zu verlieren. Dann mach ich dir ein Kompliment, Jesper.“

Der Zemeni schnaubte eingeschnappt und glitt von seinem Stuhl. „Ich begebe mich in bessere Gesellschaft. Immer eine Freude, dich zu sehen, Inej.“

Kaz sah Jespers langer Gestalt für einen Moment nach, ehe er kurz den Kopf schüttelte und einen Schluck Kaffee trank.

„Du scheinst in einer guten Laune zu sein“, murmelte Inej, während sie sich auf Jespers Platz setzte und sich ebenfalls eine Tasse einschenkte. Er antwortete nicht. „Ich war gerade in deinem Zimmer, um mit dir über das Grisha-Glas zu reden. Wo warst du?“

Er warf ihr einen knappen Blick zu. „Seit wann muss ich mich vor dir rechtfertigen, Phantom?“

Unsicherheit zuckte über ihr Gesicht. Kaz hatte genug Zeit mit Inej verbracht, um ihre Mimik deuten zu können. Er schluckte die Entschuldigung, die in seinem Rachen anschwoll, hinunter.

„Musst du nicht“, sagte sie. Sein Blick folgte den unruhigen Bewegungen ihrer Finger, die die Tasse umfassten. „So habe ich es nicht gemeint.“

Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus, während sie den Rest ihres Kaffees austranken. Obwohl sie nebeneinander saßen, eine Armlänge von dem jeweils anderen entfernt, schien eine unüberwindbare Wand zwischen ihnen zu stehen.

Nach einer Weile stand Kaz auf und stützte sich auf seinen Gehstock. Keiner der Dregs war in ihrer Nähe, doch er lehnte sich trotzdem ein Stück zu Inej vor und sagte mit gedämpfter Stimme: „Ich hatte Angelegenheiten im West Stave. Ein Vögelchen hat mir erzählt, dass Van Eck wohl eine Verstärkung seiner eigenen Wachen durch die Stadtwachen am kommenden Freitag plant. Um genau zu sein, acht zusätzliche Wachen im Hof und im Haus.“

Erkenntnis funkelte in Inejs dunklen Augen. „Viktor Mulder?“ Er nickte knapp. Ein Lächeln zuckte an ihren Lippen. „Gut zu wissen.“

„Wir müssen nochmal den Plan durchgehen. Wie sieht es aus mit dem Grisha-Glas? Kannst du durch die Galerie in das Haus eindringen?“, murmelte Kaz, während er nur langsam die Stufen erklomm. Sein Bein hinderte ihn an einem schnellen Aufstieg bis zu seinem Zimmer.

Obwohl sie ihn einfach hätte überholen können, lief Inej neben ihm und erzählte leise von ihrem Gespräch mit Jesper. Kaz spürte, wie Entspannung sich in seinen Gliedern ausbreitete, eine Ruhe überkam ihn in ihrer Nähe. Er wusste, dass er sich verwundbar machte – wusste es besser; wusste, dass diese Art von Gefühlen gefährlich war.

Trotzdem war Kaz bereit, all dies zu ignorieren, nur um mehr Zeit in Inejs Gesellschaft zu verbringen, ihrer Stimme zu lauschen und ihre Gestalt zu beobachten, die auf seinem Fenstersims saß und die Krähen auf der Regenrinne fütterte – getränkt in die goldenen Strahlen der Nachmittagssonne über Ketterdams Dächern.
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