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Der DeKappel Raub

von Tomlinson
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAbenteuer, Angst / P18 / Gen
Inej Ghafa Kaz Brekker/Rietveld
23.11.2021
14.02.2022
6
15.501
11
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
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23.11.2021 2.045
 
Hallo ihr Lieben :)
Schön, dass ihr auf die Story geklickt habt! Die Geschichte ist aus einer Obsession mit den Büchern von Leigh Bardugo und einem leeren Gefühl in mir entstanden, als ich diese dann auch zum zweiten Mal fertig gelesen habe. Kennen wir es nicht alle? :D
Jedenfalls war ich noch nicht bereit diese Welt loszulassen, insbesondere Ketterdam. Ich habe mich schon bereits während dem Lesen gefragt, wie genau der Raub des DeKappel aussah und das hier ist mein schwacher Versuch in Kaz' Geist einzutauchen (bzw. in Bardugos, nehme ich an ...) und einmal sowohl Inej als auch Kaz einander ein wenig näherkommen zu lassen. Ich gebe mein Bestes, damit alles stimmig und die Charakter möglichst realistisch sind.

Es werden alle paar Tage noch Kapitel kommen, aber es soll bei einer Kurzgeschichte bleiben. Ich hoffe, sie gefällt euch! Lasst mir gerne eure Meinungen da, ich freue mich über jegliche Rückmeldung :)


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1. Kapitel:
Geduld und Gier

Kaz

Der dumpfe Schlag seines Gehstocks hallte unangenehm laut in den engen Gassen des Barrel wider, während Kaz den Rückweg zum Slat bestritt. Trotz der späten Stunde boten die Straßen Ketterdams Zuflucht für einige Touristen, die wie willige Täubchen nur darauf warteten gerupft zu werden, und jene, die in Kostümen der Komedie Brute gekleidet auf der Suche nach einem Abenteuer waren. Kaz hielt sich in den verlassenen Durchgängen, von denen er wusste, dass sich dort niemand hin verirren würde. Er erkannte den Slat schon von weitem, das dreistöckige Gebäude, errichtet auf wassergegerbtem Land und gestützt gegen die benachbarten Häuser, brüchige Fundamente, deren Silhouetten schief gegen die Sichel des wolkenverhangenen Mondes aufragten.

Durch das schmale Fenster im obersten Stockwerk schimmerte das sanfte, einladende Licht einer Gaslampe, eine Zuflucht inmitten der tristen Dunkelheit Ketterdams, zwischen den nassen Kanälen und der aufsteigenden Feuchtigkeit der frühen Morgenstunden. Kaz wusste, wer in seinem Zimmer auf ihn warten würde, doch er hieß das warme Licht willkommen wie einen alten Freund, suhlte sich darin, in dem Gefühl, dass seine Augen in wenigen Moment auf ihre treffen würden.

Es schien bereits eine Ewigkeit her zu sein, seit Inej und Kaz auf der nebelverhangenen Geldstraat gegenüber voneinander standen und langsam einen Abschied murmelten. Keine Trauer, keine Beerdigungen.

Es war ein Versprechen, sich bald wiederzusehen, und trotzdem auch ein Abschied voneinander. Sein Blick hatte einen Moment zu lange auf den sanften Formen ihres Gesichts geruht, ehe er ihr schließlich den Rücken kehrte und zum Eingang des Van Eck-Anwesens aufbrach.

Es war vor wenigen Tagen gewesen, als Inej zu früher Abendstunde sein Zimmer betreten hatte. Kaz erinnerte sich an ihre Silhouette, geformt aus dem warmen Sonnenlicht, welches ihre schmale Gestalt umrandete und sich in ihren dunklen Haaren reflektierte. Sie erschien wie eine Heilige mit einem goldenen Schein, gekommen, um ihn zu sich zu treiben, wie Wasser, das einen Hang hinunterfloss.

Sie berichtete ihm von ihrem Rundgang durch Ketterdam. Von neuen Schiffen, die in den Häfen anlegten, die Frachten, welche sie ausluden, welche Kaufmänner mit wem Verträge abgeschlossen hatten. Dann fielen jene Worte, die in den folgenden Stunden Kaz’ Gedanken beanspruchen sollten.

Van Eck, du kennst ihn, oder nicht? Der eine reiche Kaufmann aus dem Rat. Er besitzt ein großes Anwesen auf der Geldstraat. Gerüchten zufolge hat er vor wenigen Tagen ein DeKappel ersteigert und plant es in großem Aufgebot vor dem Stadtrat zu enthüllen.

Ein Ölgemälde mit einem Wert von einhunderttausend Kruge, gekauft von einem überheblichen Kaufmann, der zu jenen Männern gehörte, die Jahr für Jahr versuchten, den Schandfleck Ketterdams, den Barrel, aus der Stadt zu brennen. Sie wollten den Ost-Stave aufräumen, den Leuten ehrliche Arbeit verschaffen, die Kanalratten, den Abschaum aus den Spielhäusern und die Straßenbanden in das Loch zurückdrängen, aus welchem sie gekrochen waren.

Kaz hatte nicht lange gezögert, um zu entscheiden, dass ein Heuchler wie Van Eck auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht werden musste. Der DeKappel bat eine wundersame Gelegenheit, um dem Krämer ein wenig Bescheidenheit beizubringen. Die einhunderttausend Kruge waren nur eine nette Nebensache.

Natürlich wusste Kaz, dass er das Gemälde nicht sofort weiterverkaufen könnte, ohne dass Van Eck davon mitbekam. Er würde ein Auge auf den Weltmarkt richten, um den Dieb seines Gemäldes zu finden.

Doch Kaz war in der Geduld gelehrt. Er wusste es zu schätzen, welche Reichtümer sich unter dem Deckmantel der Geduld anhäuften. Wenn der Einbruch in Van Ecks Anwesen in ein paar Monaten vergessen war, ersetzt durch neue Gräueltaten Ketterdams, könnte er den DeKappel an den Höchstbietenden verkaufen.

Es war nicht die Gier, die ihn antrieb. Gier würde bedeuten, dass er seinen Profit sofort aus dem Gemälde schlug. Doch die Gier war seine Dienerin, sein Druckmittel. Sie verbeugte sich vor ihm. Ja, Kaz kannte Geduld.


Seine Aufmerksamkeit war hochgeschnappt, als Inej Van Ecks Namen erwähnte. Sie hatte ihm einen kalkulierenden Blick zugeworfen, wusste, welche Schrauben sich in seinem Kopf in Bewegung setzten.

„Ist es das Risiko wert, Kaz?“

„Es ist kein Risiko, wenn wir auf alles vorbereitet sind, Inej.“

„Es gibt immer ein gewissen Risiko“, erwiderte sie und trat einen Schritt vor, um ihn warnend anzusehen.

„Erspar mir deine Suli-Weisheiten. Ich weiß, was ich tue.“ Etwas funkelte in ihren Augen und Kaz musste sich abwenden.

„Ein gestohlenes Gemälde hat keinen Wert. Du kannst es nicht verkaufen, außer du hast bereits einen Käufer, bevor wir es von Van Eck stehlen.“

Kaz fuhr mit seinen behandschuhten Fingern über die Papiere auf seinem behelfsmäßigen Schreibtisch, eine alte Warenhaustür auf leeren Holzkisten gestapelt. „Der Wert des Gemäldes ist nur eine kleine Nebensache, Inej. Sieh es pragmatisch. In wenigen Monaten wird der Kaufmannsrat erneut beschließen, den Barrel aufzuräumen. Van Eck ist der Hetzer im Rat, der uns Jahr für Jahr Ärger macht. Reiche Männer wie er glauben, dass sie das Geld in ihren Taschen verdient haben, dass es ihnen das Recht gibt über unser Schicksal zu richten. Sie vergessen, dass wir Diebe sind, vor denen sie sich in Acht nehmen solltet. Vielleicht ist es Zeit, Van Eck daran zu erinnern.“

„Es geht dir nicht um den Wert des Gemäldes“, stellte Inej unbeeindruckt fest, ihre Stimme flach und tonlos. „Du willst nur beweisen, dass du es kannst.“

Kaz zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Die Dinge im Barrel sind ein bisschen öde geworden, findest du nicht?“

Sie gab nur ein leises Schnaufen von sich. Kaz konnte nicht zuordnen, ob er Missbilligung oder Frust in ihrem Blick sah. „Das ist ein Zwei-Personen-Job, Inej. Nur du und ich.“

Schweigen breitete sich in dem kleinen Zimmer aus und Kaz dachte bereits, dass sie ihm nicht mehr antworten würde, als sie langsam auf das Fenster zutrat und sich auf dem Sims niederließ. Ihre Augen verfolgten die Krähen auf der Regenrinne, deren lange Schnäbel nach Essbarem pickten. „Wie fangen wir an?“

Kaz nahm seinen Blick von ihrem langen, geflochtenen Haar, das ihren Rücken hinunterfiel und wandte seine Aufmerksamkeit zurück auf die Rechnungen vor ihm. „Wir brauchen einen Plan, wie wir in Van Ecks Anwesen gelangen. Du solltest die Geldstraat ausspähen, die Routinen der Angestellten kennenlernen, auskundschaften wann genau Van Eck gedenkt, den DeKappel zu präsentieren.“

Sie nickte knapp und sah über ihre Schulter, doch Kaz erwiderte ihren Blick nicht. Teile eines Plans begannen sich in seinem Kopf zusammenzusetzen. Er würde weitere Informationen brauchen, bevor er entscheiden konnte, wie sie den DeKappel stehlen würden. „Aber zuerst brauchen wir den Bauplan von Van Ecks Haus.“


Es war einfach genug gewesen, den armen Kerl, der nachts in den Stadtarchiven das Wachhäuschen am Eingangstor besetzte, zu erpressen. Yuliy Filippovich hatte an den Spieltischen des Krähenklubs ein unverschämt hohes Vermögen verwettet und suchte nun verzweifelt nach Wegen, um seine Schulden bei Per Haskell abzubezahlen. Kaz kam dies zugute – Inej und er hatten keine Probleme durch die Eisentore des Stadtarchivs zu gelangen.

Der reiche Distrikt Ketterdams war träge geworden. Die Kaufmänner und ihre Familien ruhten sich auf ihren Stapeln Kruge aus, häuften ihren Besitz an und wogten sich in Sicherheit vor den niederen Bewohnern des Barrel. Das große Gebäude des Stadtrats war keine Ausnahme. Das Archiv war ein Nebengebäude, wo alle wichtigen Dokumente und Unterlagen aufbewahrt wurden: Protokolle von Auktionen, Kopien der Handelsverträge des Kaufmannsrats, sowie jegliche Baupläne der Stadt.

„Ghezen scheint zu unseren Gunsten zu arbeiten“, murmelte Kaz, als er nach schnellen Handgriffen das Schloss des Fensters knackte, um Inej hineinzulassen. Die Stadtwacht war unaufmerksam – nur vier Männer patrouillierten in zwei getrennten Gruppen das Gelände, doch sie schienen nicht mit einer Störung zu rechnen. Kaz und Inej hielten sich in den Schatten.

„Natürlich tut er das. Er strebt nach Handel und Gewinn. Und wir servieren es ihm auf dem silbernen Tablett“, antwortete Inej mit gedämpfter Stimme, bevor sie durch das schmale Fenster verschwand.

Kaz lehnte das Fenster wieder an und versteckte sich in einer der steinernen Nischen der Außenwand des Gebäudes, wo die Strahlen der Gaslampen ihn nicht erreichten. Inej hatte fünf Minuten, bis die Wachen erneut hier entlanggingen. Wären sie bis dann nicht verschwunden, würden ihre Fußspuren in dem sandigen Boden und das geknackte Schloss ihre Anwesenheit verraten.

„Du hattest Recht. Sie sortieren die Pläne nach Stadtteil und Straßennamen. Hier“, flüsterte Inej, als ihre schmale Gestalt hinter dem Fenster auftauchte. Sie reichte Kaz ein zusammengerolltes Papier, ehe sie sich über die Fensterbank schwing und lautlos neben ihm landete. Kaz verriegelte das Schloss, versteckte seinen Dietrich und lehnte sich dann erneut in den Schatten. Inej stand neben ihm. Sie warteten, bis die Wachen an ihnen vorbeigegangen waren, um ungesehen das Gelände zu verlassen.

Zurück in seinem Zimmer breitete Kaz das zusammengerollte Papier aus, auf welchem sich der Grundriss von Van Ecks Anwesen befand. Es war erstaunlich, wie eine schwache Sulfitlösung, die Inej in einer winzigen Sprühflasche mit sich getragen hatte, die getrocknete Tinte der originalen Baupläne erneut verflüssigen konnte, sodass sie auf einem separaten Papier einen Abdruck erstellen konnte.

Kaz hatte das Original des Bauplans nicht aus dem Archiv entfernen wollen, für den Fall, dass Van Eck genug Verstand hatte, um eine Verbindung zwischen dem Verschwinden seines DeKappel und einem verschwundenen Bauplan herzustellen. Es wäre zu einfach für ihn geworden, dem nächtlichen Wächter Yuliy eine hohe Summe Kruge anzubieten, um ihm die Wahrheit zu sagen.

Kaz konnte zwar sehr überzeugend sein, wenn er das wollte, und er glaubte kaum, dass Yuliy die Dregs nach seinen Drohungen verraten würde, doch Kaz wusste, dass Gier und Schulden Menschen verzweifelte Dinge tun ließen. Er plante nicht, sich auf das Schweigen anderer zu verlassen.

Inej war die einzige, der er für diesen Job – diesen Raub – vertraute.


„Dieser Job bleibt unter uns“, sagte er zu ihr über seinen Schreibtisch hinweg, auf welchem noch immer der Gebäudegrundriss von Van Ecks Haus ausgebreitet lag. Vor dem Fenster konnte er die Dämmerung sehen. Es musste irgendwann in den frühen Morgenstunden sein. Inej und er hatten die Nacht damit verbracht, einen Plan für den Raub zu schmieden, und er war tollkühn, waghalsig und vermutlich ein wenig gefährlich. Vieles beruhte auf bloßen Hoffnungen und auf Glück und nicht nur einmal hatte Kaz zusehen müssen, wie Inej auf der anderen Seite des Tisches ein leises Gebet zu ihren Heiligen schickte.

„Unter uns?“, wiederholte sie und schob ihren leeren Teller zur Seite, die Roeder vor mehreren Stunden aus der Küche zu ihnen gebracht hatte. Inej stützte ihre Ellbogen auf dem Tisch ab und legte das Kinn in ihre Hände. Sie warf ihm einen müden Blick zu. „Was ist mit Per Haskell?“

„Dieser Job betrifft ihn nicht. Das ist nur für uns beide. Keine Abgaben an Haskell.“

„Fünfzigtausend Kruge für jeden.“

„Oder mehr.“ Kaz schwieg einen Moment und streckte sein Bein. Sein Gehstock lehnte gegen die Obstkisten, seine Hand rastete auf seinem Knie. Sein Bein schmerzte von dem langen Weg aus dem Regierungsdistrikt bis in den Barrel. „Wir werden warten müssen, bis die Lage sich beruhigt hat, um das Gemälde zu verkaufen. Van Eck wird außer sich sein, wenn sein DeKappel weg ist. Aber der Wert auf dem Weltmarkt wird in die Höhe gehen, sobald bekannt ist, dass das Gemälde verschwunden ist.“

„Was ist, wenn Per Haskell davon erfährt?“

„Wird er nicht.“

Inej sah ihn lange an. Er sah den Konflikt in ihren Augen. Sie zahlte ihre Schuld an Haskell ab, Monat für Monat, aber ihre Loyalität galt Kaz. „Aber was, wenn?“

Kaz legte den Kopf schief, als könnte er sie so besser betrachten. Es dauerte eine Weile, bis er ihr antwortete. „Das wird nicht passieren, Inej. Vergiss nicht, nur du und ich.“
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