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Die Rache des Harry Hook

von Lelaina
GeschichteAbenteuer, Romance / P16 / Het
Harry Hook OC (Own Character)
20.11.2021
06.12.2021
17
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25.11.2021 2.134
 
Und weiter geht es.
Heute zeigt Harry Hook mal eine andere Seite von sich. Eine, die Phoebe nicht so sehr gefällt.
Ich hoffe, die Geschichte gefällt euch trotzdem und ihr habt Spaß beim Lesen.

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„Du hast in meinen Sachen geschnüffelt.“
Erschrocken zuckte ich zusammen. Eben noch hatte ich angestrengt über das Wasser gestarrt, weil ich meinte, einen Streifen am Horizont wahrzunehmen, und dabei nicht bemerkt, dass ich nicht mehr allein war. Ruckartig drehte ich mich um. Hook stand breitbeinig hinter mir, hielt das Buch, das ich auf eines der Fässer gelegt hatte, in der Hand und sah mich aus zusammengekniffenen Augen an. Auf einmal schnellte sein Arm nach vorn und zog mir die Decke von den Schultern.
„Nein.“ Ich versuchte, die Decke festzuhalten, doch ich hatte natürlich keine Chance. „Lass mir wenigstens das Buch“, bettelte ich.
Er sah auf das Buch in seiner Hand, als wäre er erstaunt, es dort zu finden. „Warum?“ In seiner Stimme klang ehrliches Interesse.
„Weil die Bilder so schön sind.“ Ob Ironie in dieser Situation angebracht war, bezweifelte ich, doch die Worte hatten meinen Mund bereits verlassen.
Dann sah ich ungläubig zu, wie Hook erst die Decke zur Seite legte und dann in dem Buch blätterte. „Da sind keine Bilder.“ Mit einem dumpfen Knall schloss er das Buch, nahm die Decke und ging davon.
Ich lief hinterher. „Ich habe es gelesen. Ich liebe die Geschichte. Es tut mir leid, dass ich die Kisten durchsucht habe. Mir war so langweilig.“
Er blieb stehen und drehte sich langsam um. „Du kannst lesen?“
Ich nickte. Er sah mich ein paar Sekunden prüfend an, dann drehte er sich wieder um und ging weiter. Frustriert seufzte ich auf. Ich ging ihm nach, hauptsächlich, weil ich sonst nicht wusste, was ich mit mir anfangen sollte. „Kannst du nicht lesen?“
Statt einer Antwort knurrte er nur. Er legte die Decke sorgfältig zusammen und verstaute sie zusammen mit dem Buch in einer Kiste. Dann schloss er den Deckel, zeigte darauf und sagte gefährlich leise: „Rühr das nie wieder an!“
Ich hob beide Hände, um ihn zu besänftigen. Schade war es trotzdem. Ich hätte die Geschichte gern noch zu Ende gelesen. Aber jetzt wollte ich erst mal meine eigenen Ziele verfolgen. Ich zeigte auf das Segel, das eingerollt am Mast hing. „Brauchen wir das da nicht, um vorwärts zu kommen?“
Er sah nur kurz hin, drehte sich aber sofort wieder weg, ohne mir auch nur ansatzweise eine Antwort zu geben. Doch so schnell gab ich nicht auf. Ich lief ihm hinterher und stellte mich ihm in den Weg. „Kannst du mir ein bisschen was beibringen?“ Er hielt nicht mal inne, sondern wich mir nur geschickt aus. „Bitte. Vielleicht könnte ich dir helfen? Es ist bestimmt ganz schön schwer, allein so ein Schiff zu steuern. Da kann man eine helfende Hand sicher gebrauchen, oder?“
Er sah mich noch immer nicht an, begann aber schallend zu lachen. Dann endlich wandte er sich zu mir um. Er legte den Kopf schief und sah mich aus zusammengekniffenen Augen an. „Warum ist dir das so wichtig?“
Oje, ich brauchte eine gute Antwort und zwar schnell. Eine, die er schlucken würde. „Ich … ich brauche etwas, womit ich mich beschäftigen kann. Und so hätten wir beide etwas davon. Du bringst mir alles bei, was ein Matrose wissen muss und ich helfe dir dafür.“ Einer spontanen Eingebung folgend setzte ich hinterher: „Ich könnte dir außerdem als Gegenleistung Lesen beibringen.“
Sein Gesicht verzog sich langsam zu einem ungläubigen Grinsen. „Lesen? Warum um alles in der Welt sollte ich das wollen?“
Beleidigt zog ich eine Schnute. Was daran so abwegig sein sollte, verstand ich nicht.

Ich hatte mich bereits auf eine erneute Abfuhr eingestellt, als er plötzlich still wurde und mich prüfend anschaute. Sein stechender Blick schien mich durchleuchten zu wollen. „Du willst also lernen, was man auf einem Schiff können muss?“
Ich wagte es kaum zu atmen. Hatte ich gewonnen? Ich nickte eifrig.
Dann allerdings blinzelte ich überrascht, weil er auf einmal seinen Mantel ablegte und das darunter liegende Shirt auszog. Als nächstes entledigte er sich seiner Stiefel, zog sich die Socken aus und warf sie mir zusammen mit dem Shirt vor die Füße. Ich konnte im ersten Moment gar nicht reagieren, da ich nur auf seine gut ausdefinierten Muskeln starrte. Ich musste mich zwingen, meinen Blick abzuwenden.
„Wasch das!“
„Wie bitte?“ Ich war noch immer nicht ganz bei mir.
„Bist du schwer von Begriff? Du sollst die Wäsche waschen. Und zwar zackig. Heute Abend will was Sauberes zum Anziehen haben.“
Ich schluckte trocken. Wie er da vor mir stand in nichts als seiner Hose und dem Dreispitz, fühlte ich mich wie paralysiert.
„Was ist? Hast du noch nie einen halbnackten Mann gesehen?“ Er lachte spöttisch.
Das riss mich aus meiner Starre. Ich zischte verärgert. „Klar, schon viele. Und alle hatten bessere Manieren.“
Er lachte noch lauter. Die Wahrheit war, dass ich noch nie einen derart unbekleideten Mann gesehen hatte, abgesehen von meinem Vater natürlich. Selbst auf der Wache waren Frauen und Männer strikt getrennt untergebracht. Meine Haut begann plötzlich zu kribbeln, was mich nervös machte. Ich wusste nicht, wohin ich mich wenden sollte. Um meine Hände zu beschäftigen, griff ich nach den Sachen zu meinen Füßen und brachte sie zu einer geeigneten Stelle an Deck. Dann holte ich einen Eimer Wasser. Hook ließ einen Beutel neben mich fallen. Der intensive Geruch, der daraus hervorstieg, ließ keinen Zweifel daran, dass es sich um einen Waschzusatz handelte. Es war faszinierend, wie gut er ausgestattet war.
Das Waschen war eine anstrengende Arbeit, doch ich war geübt darin. Ich hatte auch mein Kleid geholt, damit ich zumindest die Möglichkeit hätte, es noch mal anzuziehen. Ich schrubbte und rubbelte, spülte und seifte wieder alles ein. Innerhalb kürzester Zeit war das Wasser eher graubraun. In einem zweiten Eimer mit klarem Wasser konnte ich alles ausspülen. Die Arbeit wäre mir sicher einfacher von der Hand gegangen, wenn Hook nicht neben mir gestanden hätte. Seine nackte Brust irritierte mich noch immer.

Doch irgendwann waren alle Kleidungsstücke ausgespült und hingen über einem der Taue zum Trocknen. Ich wollte gerade den Eimer mit dem Schmutzwasser nehmen und über die Reling kippen, doch Hook hielt mich auf. „Das kann man noch nutzen, um das Deck zu schrubben.“
Ich sah ungläubig zu ihm auf. Mir tat alles weh. Ich hatte mir eine Pause verdient. Außerdem hatte ich Hunger. Sein Deck würde noch eine Weile schmutzig bleiben müssen. Vorsichtig richtete ich mich auf, streckte meine Glieder und trocknete meine Hände an einem Zipfel meines Hemdes ab. Furchtlos sah ich Hook direkt in die Augen. „Ich brauche etwas zu essen. Kannst du uns einen Fisch fangen?“
Hook wippte auf seinen Fußballen auf und ab und grinste böse. Dann wurde er schlagartig ernst. Sein Kopf wies unmissverständlich auf einen alten Wischmop, der in der Ecke stand. „Du wirst hier sauber machen. Und danach überlege ich mir, ob du dir etwas zu Essen verdient hast.“
Ich stellte mich etwas breitbeiniger hin, verschränkte die Arme vor der Brust und fixierte ihn wütend. „Nein.“
„Meuterei?“, fragte er amüsiert. „Weißt du, was man mit meuternden Matrosen macht?“ Sein Ton hätte mich vorwarnen müssen, doch ich konnte nicht nachgeben. Also blieb ich, wo ich war und hielt seinem Blick stand. Ich nahm das Grau seiner Augen überdeutlich wahr. Da waren ein paar dunkle Sprenkel, die rund um seine Iris zu tanzen schienen. Den Kohlestrich um seine Augen hatte er nachgezogen. Bestimmt machte er das, um bedrohlicher auszusehen. Erfolgreich, würde ich sagen. Doch heute wollte ich mich nicht einschüchtern lassen.

Eine Einstellung, die ich bereits eine halbe Minute später mehr als bereute. Ich sah die Bewegung nicht kommen. Aber auf einmal stand Hook hinter mir und hielt meinen rechten Arm schmerzhaft verdreht hinter meinem Rücken nach oben gedrückt. An meinem Hals spürte ich eine kalte Klinge und kurz darauf einen stechenden Schmerz. Ich wagte kaum zu atmen. Eine falsche Bewegung und ich würde meinen letzten Atemzug tun. All mein Mut war wie weggeblasen. Schweiß brach mir am ganzen Körper aus und ich konnte keinen klaren Gedanken fassen.
„Vergiss nie, wer ich bin!“ Sein Mund befand sich direkt neben meinem Ohr. Ich konnte nicht einmal nicken, denn die Klinge drückte immer noch unsanft auf meine Kehle. Auf einmal spürte ich etwas Warmes an der empfindlichen Stelle hinter meinem Ohr. Seine Lippen? Ich erschauerte. Er sog scharf die Luft ein, dann ließ er mich in einer einzigen Bewegung los. Ich taumelte nach vorn und fiel auf die Knie. Langsam tat ich einen tiefen Atemzug, froh, überhaupt noch atmen zu können. Ich fasste mir an die Stelle, an der er die Klinge angesetzt hatte. Blut benetzte meine Finger. Ein Teil von mir wünschte sich, seine Klinge wäre tiefer geglitten, dann müsste ich die Demütigung nicht länger ertragen.
Mit einem lauten Knall landeten Hooks Stiefel direkt vor meiner Nase. „Die müssen geputzt werden.“

Ich würde mich rächen. Ich wusste noch nicht wie, aber ich würde mich rächen, ganz sicher. An diesem Gedanken konnte ich mich festhalten, während ich mich langsam aufrichtete. Die Stiefel ignorierte ich.
Während ich den schmutzigen Wischmop immer wieder über den noch schmutzigeren Holzboden zog, fiel mein Blick auf sein improvisiertes Schlaflager und plötzlich wusste ich, was ich tun würde. Allein mir das auszumalen, verbesserte meine Laune schlagartig.
„Was gibt es zu grinsen?“ Er saß auf einem der Fässer, ließ seine Beine baumeln und schärfte sein Messer mit dem Leder seines Gürtels. Dabei ließ er mich keine Sekunde aus den Augen. Es würde schwer sein, mein Vorhaben in die Tat umzusetzen, aber ich hatte die ganze Nacht Zeit dafür. Ich schaffte es nicht, das Lächeln zu unterdrücken. Mein Verstand hatte in den letzten Tagen schon ganz schön gelitten. Anders konnte ich es mir nicht erklären, dass ich in Hooks Anwesenheit nicht ständige Todesangst hatte und auch noch darüber nachdenken konnte, wie ich es ihm heimzahlen würde.

Ich zuckte zusammen, als plötzlich etwas an meinem rechten Ohr vorbeizischte und mit einem sirrenden Geräusch ins Holz des Mastes einschlug, um den ich gerade herumwischte. Das Messer. Mit weit aufgerissenen Augen sah ich auf Hook, der breit grinsend auf dem Fass saß.
„Du hast mich verfehlt“, spie ich ihm mit so viel Wut entgegen, wie ich aufzubringen mochte.
Er sprang vom Fass hinunter und holte sich in aller Seelenruhe sein Messer zurück. Als er an mir vorbeiging, raunte er mir ins Ohr: „Ich verfehle nie mein Ziel.“

Es war schon wieder dunkel, bis ich fertig war. Das Wasser im Eimer stank bestialisch. Würde ich damit weiterputzen, würde ich alles schmutziger machen als vorher. Ich brachte den Eimer in eine sichere Ecke und verdeckte ihn mit einem Stück Segelstoff. Hooks Stiefel standen frisch geputzt neben dem Steuerrad, seine Klamotten waren auch getrocknet. Doch das musste er selbst herausfinden. Ich wunderte mich sowieso schon, dass er noch immer oben ohne herumlief. Es war empfindlich kalt geworden. Er wollte mich bestimmt nur ärgern. Nun, das gelang ihm nicht.
Ich fand ihn in der Kombüse. Er hatte ein paar Kartoffeln geholt. An der Seite lagen zwei größere Fische, die bereits ausgenommen waren. Als er mich erblickte, drückte er mir den Beutel mit Kartoffeln in die Hände. „Schälen!“
„Bitte“, korrigierte ich ihn leise.
Er lachte nur. „Hast du Hunger oder nicht?“
Nun, das war unbestreitbar, deswegen kam ich seiner unhöflichen Aufforderung ohne weitere Gegenwehr nach. Ich hatte keine Lust, mich in Hooks Nähe aufzuhalten, also schnappte ich mir ein Messer und suchte mir einen Platz so weit entfernt von ihm wie möglich. Außerdem hatte ich ja noch was vor. Nach etwa der Hälfte der Kartoffeln legte ich meine Utensilien zur Seite und schlich auf die andere Seite des Schiffes. Es gab nicht viele Stellen, an denen ich Deckung suchen konnte, doch die Dunkelheit beschützte mich zusätzlich. Hook kniete an der Feuerstelle, er hatte mir den Rücken zugewandt. Inzwischen trug er seine Sachen wieder.
Ich lächelte zufrieden und setzte meinen Plan dann in die Tat um. Es war gar nicht so leicht, das Wasser aus dem Eimer geräuschlos auf die Steuerbrücke zu tragen. Ein platschendes Geräusch, als ich es langsam über der Bank und den dort liegenden Decken ausschüttete, ließ sich leider nicht vermeiden, fiel jedoch gegen die stetig gegen die Holzwand klatschenden Wellen nicht weiter auf.
Es dauerte nicht lange, bis sich der Gestank gleichmäßig über die Bank ausgebreitet hatte. Ich achtete darauf, nur so viel Wasser auszuschütten, dass keines auf den Boden tropfte, er sollte die Bescherung schließlich nicht gleich sehen.
Auf Zehenspitzen schlich ich zurück, stellte den Eimer wieder hin und schälte auch noch den Rest der Kartoffeln. Da ich dabei so flink war, sollte ihm gar nicht auffallen, dass ich zwischendurch eine Pause eingelegt hatte. Als ich kurz darauf zu ihm ging, um ihm die Kartoffeln abzuliefern, fiel es mir nicht schwer, wieder wütend auszusehen. Ich musste mir nur ins Gedächtnis rufen, dass er mir das Buch weggenommen und mich bedroht hatte.
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