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Seeing Blind

von 16WOLKE11
GeschichteRomance, Freundschaft / P16 / Het
George Russell
17.11.2021
25.11.2021
3
3.413
 
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25.11.2021 1.571
 
Mit klammen Fingern die Tür zu öffnen, stellt sich als schwerer raus als ich es angenommen habe und so trifft der Schlüssel erst beim dritten Versuch sein Ziel. Erleichtert seufze ich auf, als sich die Tür mit einem leisen Klicken öffnen lässt und gehe mit Tommy in den Flur hinein. Dieser wartet geduldig bis ich die Tür verschlossen habe und seine Leine entfernt habe, allerdings halte ich ihn noch am Geschirr fest, denn er ist sicherlich dreckig und schlammige Abdrücke von Pfoten sind in diesem Haus nicht gerne gesehen.

Meine Mutter hat offensichtlich die Tür gehört, denn nach wenigen Augenblicken kann ich hören wie sich ihre Schritte auf mich zu bewegen. "Wo warst du?" Das sind ihre ersten Worte. Kein Hallo oder eine sonstige Begrüßung, einfach nur diese drei überbesorgten Worte. "Mit Tommy spazieren, aber das hatte ich dir auch gesagt." antworte ich also, wohlwissend was für ein klägliches Bild Tommy und ich mit unseren durchweichten Körpern abgeben müssen.

"Ihr seid aber viel länger weg gewesen als sonst und außerdem seid ihr komplett durchnässt. Tommy ist von oben bis unten voll mit Schlamm und in seinem Geschirr hängen Blätter und Stöckchen. Du kannst mir nicht erzählen das ihr nur spazieren gewesen seid." Manchmal frustriert mich die Neugierde meiner Mutter, aber sie macht sich eben nur Sorgen um mich.

"Er hat sich in einem Busch verheddert, nachdem er sich vor dem Donner erschreckt hat." gebe ich also recht widerwillig weiter Auskunft über unseren Spaziergang. "Ich habe doch gesagt das du nicht allein mit ihm rausgehen sollst. Es hätte so viel passieren können und dabei sollte er doch gelernt haben sich nicht vor lauten Geräuschen zu erschrecken. Ich rufe nachher bei seinem Ausbilder an, die sollen das in den Griff bekommen oder dir einen anderen Hund zur Verfügung stellen."

Perplex lausche ich den Worten meiner Mutter und kann nicht wirklich glauben was sie da gerade gesagt hat. Tommy zurückgeben und einen anderen Hund holen, nur weil er diesen kleinen Fehler gemacht hat? Niemals! "Mama, du kannst ihn doch nicht deswegen zurückgeben. Wir haben so lange auf ihn gewartet und ich brauche ihn. Es ist doch gar nichts passiert."

"Dieses Mal vielleicht, aber wer weiß wie es beim nächsten Mal aussieht. Es hätte sonst was passieren können und das alles nur, weil dieser Hund Angst vor einem Sturm hat!" Ihre Worte sind harsch und ich kann spüren wie sich Tommy hinter meinen Beinen versteckt, wie als ob er ihr gesagtes verstehen würde. Beruhigend lege ich meine flache Hand auf seinen Kopf und wende mein Gesicht dann in die Richtung meiner Mutter.

"Er hat sich ein einziges Mal vor dem Donner erschreckt, sonst ist er der perfekte Helfer. Sie werden ihn deswegen nicht zurücknehmen und schon gar nicht, wenn ich das nicht möchte. Der Organisation ist vielleicht wichtig das die Hunde ihre Kommandos können, aber noch viel wichtiger ist es das sich der Hund mit seinem Halter versteht und genau aus diesem Grund gebe ich Tommy nicht mehr her."

Ich bin nicht wirklich lauter geworden, denn wenn ich ruhig bleibe, stören meine Worte meine Mutter nur noch mehr. "Wenn du uns entschuldigen würdest, wir brauchen beide ein Bad." mit diesem Satz lasse ich meine Mutter stehen und verschwinde mit Tommy ins Badezimmer, um ihn vom Schlamm und mich von den nassen Klamotten zu befreien.

Das Hundeshampoo und ein altes Handtuch für Tommy lagern im Schrank unter dem Waschbecken und kaum liegen die Sachen bereit, kann ich hören wie Tommy in die Badewanne springt. Lächelnd drehe ich mich zu meinem Hund um und kraule ihn kurz hinter seinem nassen Ohr. Tommy liebt Wasser und deswegen ist es auch kein Problem ihn hin und wieder zu baden. Routiniert entferne ich sein Geschirr, hänge es zum Trocknen über die Heizung und beginne dann kurz durch Tommys Fell zu streichen, um Stöckchen und Blätter zu entfernen.

Nachdem ich gefühlt einen halben Busch aus seinem dicken Fell gefischt habe, beginne ich seine Pfoten mit lauwarmem Wasser abzuspülen und den Dreck zu entfernen. Nach und nach arbeite ich mich seinen Körper hoch und als ich das Gefühl habe den groben Schmutz entfernt zu haben, beginne ich sein Fell mit Shampoo einzuseifen. Von Tommy kommt ein wohliges Brummen, was mich schmunzeln lässt. Er genießt diese Behandlung gerade in vollen Zügen.

Für einen Moment mache ich noch so weiter, dann beginne ich sein Fell wieder von dem Schaum zu befreien. Es ist alles ein wenig nach Gefühl, denn ich kann schließlich kann ich nur bedingt sehen, ob das Wasser klar ist, aber das Fell von Tommy fühlt sich immer ein wenig anders an, wenn noch Schaum darin ist, und mittlerweile bin ich auch wirklich gut darin einzuschätzen, wann ich fertig bin.

Das Wasser noch einem Moment laufen lassen, greife ich nach dem Handtuch und lege es in dem Moment über Tommys Körper als ich den Hahn zudrehe, denn sobald kein Wasser mehr läuft, hat Tommy die Eigenart sich kräftig zu schütteln. Das Handtuch dient zu meinem und zum Schutz des Badezimmers, denn auf rumfliegende Wasserstropfen kann ich trotz nasser Kleidung verzichten. Sobald Tommy sich ausgeschüttelt hat, beginne ich sein Fell gleichmäßig trocken zu rubbeln, bis es nicht mehr alles volltropft.

Liebevoll lasse ich meine Finger noch einmal durch sein Fell gleiten, dann öffne ich ihm die Badezimmertür, damit er sich etwas ausruhen kann, schließlich war unser Ausflug ziemlich anstrengend. Bevor ich die Tür wieder schließe, kann ich noch hören wie Tommy von meiner Mutter in Empfange genommen wird. "Jetzt siehst du aber wieder hübsch aus. Möchtest du ein Leckerli?"

Grinsend schüttele ich den Kopf, so oft meine Mutter auch über Tommy flucht, eigentlich liebt sie ihn von ganzem Herzen und wird ihn deswegen auch nicht einfach zurückgeben. Seufzend beginne ich mich aus den mittlerweile etwas angetrockneten Klamotten zu schälen und stelle mich unter den wärmenden Wasserstrahl der Dusche. Entspannt schließe ich die Augen, lasse meine Gedanken ein wenig kreisen und lande schließlich bei dem Jungen im Park.

George hat nicht wie jeder andere auch mit Mitleid auf meine Blindheit reagiert, stattdessen hat er Tommy gelobt und mich ganz normal behandelt. Okay, wir haben auch nicht viele Worte gewechselt oder eine lange Zeit miteinander verbracht, aber dennoch hatte ich nicht das Gefühl anders zu sein.

Vermutlich steigere ich mich in diesen kleinen Moment viel zu viel rein und interpretiere alles übermäßig positiv, aber ich bin es eben nicht gewöhnt von Außenstehenden normal behandelt zu werden.

Meine Familie hat lange gebraucht, um zu verstehen das sie mich nicht wie ein rohes Ei behandeln müssen, auch wenn der ein oder andere es immer noch nicht einsehen will das ich durchaus allein durch meinen Alltag komme.

In der Schule ist das Ganze nicht ganz so kompliziert, aber da ich von vielen gleichgesinnten umgeben bin, verstehen diese mich eben auch einer ganz anderen Ebene als meine Familie und meine sehenden Freunde. Dennoch ist es schön, wenn ich auch mit Fremden positive Erlebnisse haben kann.

So in Gedanken versunken merke ich gar nicht wie lange ich schon unter dem warmen Wasser stehe und meine Haut langsam anfängt zu brennen. Schnell drehe ich die Temperatur ein wenig runter, wasche mir meine Haare und steige dann auch schon wieder aus der Dusche heraus.

Vorsichtig trockne ich meine sicherlich gerötete Haut ab und schlüpfe in meinen flauschigen Bademantel, welcher an der Badezimmertür bereithängt. Kurz darauf trete ich aus dem Bad, fröstele kurz durch den Temperaturunterschied und husche dann in mein Zimmer, um mich anzuziehen.

Im Haus brauche ich keine Hilfe mich zu orientieren, so muss ich weder einen Stock noch Tommy benutzen und kann mich recht frei bewegen. Zu Anfang meiner Blindheit bin ich noch oft gegen alle möglichen Ecken und Kanten gekracht, habe mir endlos viele blaue Flecken zugezogen und geflucht, weil ich die Abstände nicht mehr so gut einschätzen konnte. Aber mittlerweile laufe ich wieder ganz normal hin und her. Allerdings ist es wichtig das niemand beginnt die Möbel zu verrücken, denn dann würde ich gnadenlos untergehen und das ganze anstoßen würde wieder von vorne beginnen.

Nachdem ich mich in eine weiche Jogginghose, Kuschelsocken und einen Pullover gekleidet habe, lege ich mich direkt ins Bett, denn der Tag war doch nervenaufreibender als gedacht. Viele Leute fragen sich immer, wie ich das mit meiner Kleidung mache und ob ich keine Angst habe seltsame Farbkombinationen zu tragen, allerdings kann ich diese Frage immer ganz leicht beantworten.

Trotz meiner Blindheit kann ich gewisse Sachen noch erkennen, wenn Dinge nah an meinem Gesicht sind und es hell genug ist. Dennoch habe ich einen starken Verlust meiner Farbwahrnehmung erlitten und deswegen besitze ich ein kleines Gerät, welches mir die Farbe meiner einzelnen Kleidungsstücke verrät und mir den Alltag so erleichtert. Außerdem besteht mein Kleiderschrank eher aus gedeckten Farben, denn ich mochte noch nie auffälligsten Sachen aus der Kleiderabteilung.

Irgendwann schleicht Tommy sich zu mir ins Zimmer und als ich ihm die Erlaubnis gebe, hüpft er auf das Bett und macht es sich auf meinen Füßen bequem. Mit ein wenig Musik lasse ich den Tag noch ausklingen und nach einem gemeinsamen Abendessen mit meiner Mutter lege ich mich schon erschöpft in mein Bett und schlafe, wenig überraschend, durch bis zum nächsten Morgen.





Vielen Dank für eure Rückmeldungen zum ersten Kapitel, gerne mehr davon!

Diese Woche gibt es das Kapitel schon Donnerstags, weil ich A krank bin und B morgen keine Zeit habe.

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WOLKE
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