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Happy together

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Het
Alexandra Rietz Gerrit Grass Michael Naseband Robert Ritter
17.11.2021
16.05.2022
19
35.309
3
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Dieses Kapitel
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31.01.2022 2.028
 
Alex ging zurück ins Wohnzimmer, doch Gerrit war nicht mehr dort. Sie suchte in der Küche und im Schlafzimmer, doch ihr Freund war nicht aufzufinden. Sie fand ihn schließlich im Abstellraum vor einer ausgepackten Kiste sitzend, die mit Fotoalben gefüllt war und neben der eine zerknickte, ausgeglichene Visitenkarte lag. Er schien vertieft in ein Bild, das recht ausgeblichen war und leise setzte sich Alex neben ihn, um ihn nicht zu stören. Seine Hand wanderte wie von selbst zu ihrem Oberschenkel und es schien ihr als würde er sich daran festhalten. Vorsichtig nahm sie seine Hand in ihre und gab ihm einen Kuss darauf.

Sie hatte so viele Fragen, doch sie würde warten bis er von sich aus erzählte. Immerhin ging es hier um seine Familie. Vorsichtig, beinahe zärtlich strich Gerrit über das vergilbte Foto, während er nachdenklich die Visitenkarte betrachtete. „Das ist eines der wenigen Fotos, die meine Mama und meinen Vater glücklich zeigen. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich ihn noch einmal zu Gesicht bekommen würde. Ich habe ihn zusammengefaltet nach der Beerdigung. Ich wollte ihn nicht sehen, wollte nichts von dem hören, was er zu sagen hatte. Er hat mich gebeten ihm eine Chance zu geben, sich zu erklären, hat mir sogar seine Karte gegeben. Hätte ich sie benutzt und nicht verbittert in diese Kiste verbannt, wüsste ich längst, dass ich einen Bruder habe. Und dass mein Vater im Sterben liegt. Macht mich das zu einem Arsch?“

Alex setzte an zu verneinen und sammelte Argumente dagegen, doch Gerrit redete plötzlich einfach weiter, er hatte keine Antwort von ihr erwartet.

„Ich weiß nicht, was ich von all dem halten soll. Mein Instinkt sagt mir, dass das alles stimmt und mein Kopf will, dass das alles Lüge ist. Dass ich einen Bruder habe ist nicht wahr, kann nicht wahr sein. Das würde bedeuten, dass mein Vater glücklich war und erneut eine Familie gegründet hat, nachdem er uns sitzen hat lassen.

Das würde heißen, dass dieser Justus in einer heilen Familie aufgewachsen ist, dass sein Vater sich um ihn gekümmert und ihn aufwachsen sehen hat. Alles Dinge, die er bei mir hätte sehen und tun sollen.“

Alex staunte über die Verbitterung in seiner Stimme. Konnte Gerrit wirklich eifersüchtig auf Justus sein? War die Abwesenheit seines Vaters doch so tief in ihn gedrungen und hatte dort Wunden hinterlassen?

Sie versuchte es diplomatisch: „Und was wäre, wenn Justus‘ Leben nicht harmonisch war? Wenn dein Vater ein schlimmes Familienoberhaupt war? Wenn nicht Justus sondern du Glück gehabt hättest? Woher willst du denn wissen, dass deine Jugend so viel besser gewesen wäre mit Vater? Wie kannst du etwas vermissen von dem du nicht weißt, wie es gewesen wäre? Und bist du nicht wenigstens ein klein wenig neugierig auf deinen Bruder und seine Geschichte?

Immerhin hat nicht Justus euch sitzen lassen sondern nur dein Vater. Meinst du nicht du verurteilst ihn etwas vorschnell? Dazu kennst du ihn doch gar nicht genug. Und außerdem: aus dir ist auch ohne Vater etwas geworden, deine Mutter hat gute Arbeit geleistet.“

Gerrit sah sie an, lange und schweigend, bis es Alex fast zu viel der Ruhe wurde. Doch er schien wirklich über ihre Worte nachzudenken, auch wenn sie ihm wohl nicht passten, so eng wie seine Augenbrauen beieinander standen.

Plötzlich stand er auf, warf das Album und dann die Visitenkarte beinahe achtlos in die Kiste und stellte diese zurück ins Regal, dann gab er ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich gehe ins Bett. Wir müssen morgen schließlich fit sein.“ Und ohne ein weiteres Wort verschwand er aus dem Zimmer. Vergessen war ihr ursprünglicher Plan bei einem Glas Wein miteinander über das Babythema zu sprechen. Was hätte er ihr wohl sagen wollen? Alex kratzte sich noch kurze Zeit ratlos am Kopf, bevor sie das Licht löschte und sich bettfertig machte.

Bis sie im finsteren Schlafzimmer angekommen war, lag Gerrit schon im Bett, die Bettdecke halb über sich liegend, einen Arm über den Augen und Alex konnte seine gleichmäßigen Atemzüge hören. Leise zog sie sie Bettdecke gerade über ihn und legte sich vorsichtig auf die andere Seite. Alex drehte sich kurz zur Seite, um sich noch einmal zu vergewissern, dass ihr Freund wirklich schlief und nicht mehr mit ihr reden wollte, doch noch in der Drehung schlief sie selbst ein, der Tag war recht anstrengend gewesen. Gerrit hingegen war wach und starrte mit aufgewühlten Gefühlen an die Decke und es dauerte sehr lange, bis er Schlaf fand.



Der nächste Morgen kam schneller als Gerrit lieb war und der Wecker versuchte ihn mit seinem penetranten Klingeln aus dem Bett zu reißen. Gerrit wälzte sich auf den Bauch und zog das Kissen über den Kopf, er wollte nicht aufstehen. Es kam ihm vor als wäre er vor fünf Minuten erst eingeschlafen. Er hörte wie Alex sich neben ihm regte und dann war es auf einmal wieder still im Schlafzimmer.

Gerrit dämmerte wieder etwas weg und hörte noch wie Alex aufstand, doch war er selbst nicht mehr lange genug wach, um zu hören wie sie das Zimmer verließ.

Erneut wurde er von lautem Klingeln geweckt und dieses Mal unterbrach niemand das Geräusch. Ächzend und leise Flüche vor sich hin murmelnd drehte er sich auf den Rücken und stierte frustriert gegen die Decke während der Wecker immer noch lautstark protestierte. Gerrit hatte sowas von keine Lust auf den heutigen Tag. Was hatte ihn nur geritten zu sagen, dass er seinen Vater besuchen würde? Was war er seinem Vater oder diesem Justus denn schuldig? Vielleicht würde ja ein Einsatz dazwischen kommen und er müsste dann nicht ins Krankenhaus.

Leise seufzte Gerrit, angewidert von seinen eigenen Gedanken. Wenn er nicht einmal sein Wort halten wollte, wie sollte ihm dann jemand anders je vertrauen?

Seine Gedanken wanderten weiter zu Alex und ihrer Eröffnung, dass sie keine Kinder haben wollte. Er hatte gestern mit ihr reden wollen, ihr sagen, dass er damit leben konnte, aber das Gespräch hatte bislang nur in seinem Kopf stattgefunden. Und wie ehrlich war er damit zu sich selbst gewesen? Es war schon schön ein Kind aufwachsen zu sehen und jemanden zu haben, der zu ihm aufsah, jemanden, dem er ins Leben helfen konnte. Würde er wirklich glücklich sein, wenn er kein Kind hatte? Hätte er nicht eher versucht mit seiner Aussage Alex zu beruhigen?

Er war glücklich mit Alex und ein Kind wäre für ihn das i-Tüpfelchen auf ihrer Beziehung. Aber wenn es nun nicht sein sollte? Was wäre wenn Alex nicht nur keine Kinder wollte, sondern auch keine bekommen könnte? Würde er sie dann verlassen wollen? Er liebte Alex und er wollte mit ihr zusammen sein solange es das Leben zuließ. Aber war das jetzt seine letzte Möglichkeit, um den Weg, den sie sich wünschte zu verlassen und seinen eigenen zu gehen? Wie sehr wollte er ein Kind? Wie glücklich würde es ihn machen?

Er fand keine sofortige Antwort darauf und war deshalb froh, dass sein Gespräch mit Alex noch nicht stattgefunden hatte, währenddessen er sie womöglich angelogen hatte.

Die Tür ging auf und eine angezogene Alex kam herein, dabei warf sie ihm einen recht genervten Blick zu, während sie zur Kommode hinüber ging und den Wecker mit übertriebener Gestik ausstellte. „Ich fahre in fünf Minuten los ins Büro. Wenn du nicht laufen willst, solltest du dich beeilen.“, grollte seine Freundin, bevor sie ohne einen Blick zurück aus dem Zimmer ging. Müde und verwirrt rieb Gerrit sich die Augen. Ob sie es ihm übel nahm, dass sie gestern nicht mehr geredet hatten? Oder nervte es sie, dass er den Wecker ignoriert hatte und so trödelte? Wie auch immer, wenn er nicht in die Puschen kam würde Alex ihn nicht mitnehmen, sie sprach selten leere Drohungen aus.

Gerrit beeilte sich wirklich, denn er war gerade fertig und zog sich die Schuhe an, da kam Alex bewaffnet mit Handtasche und Jacke aus der Küche. Sie hatte vermutlich gefrühstückt und einen Kaffee getrunken - Gerrit bereute es jetzt etwas, dass er länger geschlafen hatte, denn sein Magen knurrte. Alex sagte weiter nichts sondern zog die Türe auf und ging voraus die Treppen zum Auto hinunter. Schweigend folgte ihr Gerrit, erneut in Gedanken versunken, keiner ihrer Tage begann sonst schweigend und das gefiel ihm nicht.

Alex‘ Beichte hatte einen kleinen spitzen Keil zwischen sie getrieben, der es ihm schwer machte normal zu sein. Aber Gerrit hatte jetzt weder eine Antwort noch Nerven für ein klärendes Gespräch, ihm ging die Sache mit seinem Vater und vermutlich Halbbruder doch näher als er zugeben wollte. Und so sagte er ebenfalls nichts sondern starrte aus dem Fenster während Alex den Skoda durch den Nieselregen steuerte.

Das Büro im K11 war menschenleer, als Alex dort ankam, dicht gefolgt von einem in Gedanken versunkenen Gerrit, der die Leere erst einmal nicht bemerkte und sich einfach an seinen Platz plumpsen ließ. Es erschien Alex merkwürdig, dass niemand hier war, zumindest Michael hatte Frühschicht und müsste hier sein, Robert hatte Bereitschaft und trudelte dann in der Regel irgendwann vormittags ein, wenn er keine privaten Termine hatte. Auch Max, André oder Hanna ließen sich nicht blicken. Wo waren denn alle? Gedankenverloren starrte Alex zu Gerrit hinüber und beobachtete sein in Falten gezogenes Gesicht.

Ihm schien das mit Justus an die Nieren zu gehen, so stumm und nachdenklich hatte sie ihn schon lange nicht mehr gesehen. Sie wünschte sich sehr, dass sie endlich über das Babythema reden würden, diese Stille und das Nichtwissen wie Gerrit dazu stand machte sie wahnsinnig. Sie verstand, dass sich seine Situation jetzt etwas verkompliziert hatte, dass er andere Dinge hatte über die er sich klar werden musste. Und trotzdem hatte sie sich nicht zurückhalten können und war bissig, beinahe trotzig zu ihm gewesen.

Das Telefon klingelte und riss Gerrit aus seiner Trance. „Grass, K11?“, sagte er abwartend. Alex beobachtete ihn, ihr Freund nickte, dann als er realisierte, dass sein Gesprächspartner ihn  nicht sehen konnte murmelte er: „Warte kurz.“, legte den Hörer auf den Tisch und stellte auf laut. „MICHAEL.“, formte er mit den Lippen zu Alex gewandt, während sie darauf warteten, dass ihr Kollege sprach. Michaels Stimme klang angespannt, während er die beiden auf den neuesten Stand brachte: „Robert und ich wurden heute früh zu noch einem Einsatz gerufen. Erneut eine Tote. Erneut ausgefranste Wundränder nach Tod durch einen Messerstich. Saskia Berlhofer heißt das Opfer. Klingelt da was bei dir, Kollegin?“

Alex stockte der Atem. Den Namen hatte sie schon gehört. Sie musste nur kurz wirklich überlegen, wann. Der Abend mit Gerrits Bruder hatte sie ein wenig durcheinander gebracht. Doch sie erinnerte sich wieder, wann der Name aufgetaucht war: Gestern, als sie die alte Fallakte gelesen hatte.

„Aber doch nicht wirklich das glücklich weggekommene Opfer von damals?! Das wäre dann aber ungewöhnlicher Zufall…“, fragte Alex bestürzt und sie konnte Michaels grimmigen Blick regelrecht durch das Telefon spüren. „An solche Zufälle glaube ich nicht. Ich werde mit Robert die Nachbarn befragen und hoffentlich herausfinden, ob jemand hier war. Der Doc hat die Tatzeit auf heute Nacht zwischen zwölf und drei geschätzt. Näheres wie immer nach der Obduktion.“ Michael verstummte plötzlich, sie hörten im Hintergrund Gemurmel und dann sprach ihr Kollege erneut. „Hört mal, Robert hat das Handy und die Handynummer der Toten gefunden, wir geben das Ding selbst in die KTU, könnt ihr in der Zwischenzeit schon einmal die Verbindungsnachweise checken?“

Gerrit versprach das gleich in Angriff zu nehmen und Michael beendete das Gespräch. Gerrit setzte sich direkt mit dem Mobilfunkanbieter in Verbindung und überprüfte die Nummern, die als letztes mit Saskia Berlhofer in Kontakt gestanden hätten. Er fand auf Anhieb drei Nummern, die häufig angerufen hatten und auch angerufen wurden. Schnell referenzierte er diese Nummern zuerst, bevor er die anderen Namen herauslesen ließ. Eine der drei gehörte einer Heide Berlhofer, das konnte Mutter oder Schwester des Opfers sein. Die andere Nummer war die eines Ladengeschäftes in der Münchner Innenstadt, da sollten Michael und Robert auf dem Rückweg einmal vorbei sehen. Die dritte Nummer gehörte einem Heiko Gebherd. Schnell jagte Gerrit den Namen durch die Datenbank, doch das System spuckte ihm keinen Treffer aus. Auch gab es keine offensichtliche Verbindung zu ihren anderen Opfer. Waren es willkürliche Morde? Oder gab es doch eine Verbindung, die Ihnen bislang verborgen geblieben war? Möglicherweise konnten die Nachbarn Ihnen ja helfen.
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