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Happy together

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Het
Alexandra Rietz Gerrit Grass Michael Naseband Robert Ritter
17.11.2021
16.05.2022
19
35.309
3
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
28.03.2022 2.386
 
Jetzt ist der halbe Tag schon wieder rum und ich hab das nächste Kapitel immer noch nicht hochgeladen. Korrigiere ich hiermit :D
Ich wünsche euch allen ganz viel Spaß beim Lesen und eine tolle Woche! :)
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Am nächsten Morgen wollte es Gerrit erneut nicht leicht fallen aus dem Bett zu kommen, doch diesmal hatte er niemanden, der ihn aus dem Bett warf und so zwang er sich mit größter Willenskraft zum aufstehen. Er hatte Alex am Abend noch eine SMS geschickt und sie gefragt, wann sie sich sehen würden, doch bislang kam keine Reaktion. Es schien ihm unglaublich, dass seit dem wundervollen Wochenende gerade einmal zwei ganze Tage vergangen waren. Für Gerrit schien ein Menschenleben vergangen zu sein, so viel war seitdem geschehen und Gerrit war erschöpft. Das Schweigen von Alex zermürbte ihn etwas, dass er nicht mit ihr reden konnte machte ihn wahnsinnig aber er wollte ihr auch genug Freiraum lassen. Er wusste zudem genau, dass er in einer halben Stunde im Büro sitzen musste, doch er wollte nicht. Der Abend gestern im Krankenhaus steckte ihm noch in den Knochen und einmal mehr wanderten seine Gedanken zu Justus und seinem Vater.

Er war noch lange im Krankenhaus geblieben nachdem er Justus in Empfang genommen hatte. Justus hatte sich an das Bett seines Vaters gesetzt und Gerrit war an der Tür stehen geblieben, still und reserviert, um nicht zu stören, aber doch da zu sein. Sein Bruder hatte um Fassung gerungen, aber letztlich dann den Kampf gegen die aufsteigenden Tränen verloren, Gerrit hatte es an seinen bebenden Schultern sehen können.

Dem Kommissar war klar geworden, dass so sehr er seinen Vater gehasst hatte, so sehr hatte sein Halbbruder diesen Mann geliebt. Gerrit hatte sich nicht getraut Justus groß zu stören aber er wollte ihm doch vermitteln, dass jemand für ihn da war und so hatte er sich hinter den Jüngeren gestellt und ihm beide Hände auf die Schultern gelegt. Dabei hatte er lange auf das entspannte Gesicht seines Vaters gesehen und war einmal mehr froh, dass er sich entschieden hatte zu verzeihen. Hätte er seinem Vater nicht verziehen wäre dieser womöglich mit großer Trauer im Herzen gestorben - hätte man das dann auf den Gesichtszügen erkennen können? Dann hätten sie beide auf einen Mann gesehen, dessen Sorgen und Bedauern ihm auch nach dem Tod ins Gesicht geschrieben waren. Nein, das hätte er Justus wirklich nicht antun wollen.

Das Piepen der Kaffeemaschine riss Gerrit aus dem reminiszieren. Seufzend kippte Gerrit die dunkle Brühe in seinen Thermosbecher, ein sinnvolles Ding mehr, was ihm Alex ans Herz gelegt hatte. Er hatte es zwar nicht zugeben wollen, aber das Ding war Gold wert. In der Früh noch schnell einen Kaffee hinein, das Teil dann mit ins Auto und auf dem Weg in die Arbeit noch schnell die erste Tasse in sich hinein schütten. Gerrit schätzte die Zeitersparnis sehr, vor allem wenn er so wie heute zu spät dran war.

Im Büro herrschte reges Treiben, es schien als wäre heute jeder im Dienst und Gerrit kam das Haus vor wie ein summender Bienenschwarm, während er sich durch die vielen Menschen schlängelte. Es war fast eine Erleichterung für ihn, als er endlich ins Büro trat und der Lärm etwas abebbte. Allerdings starrten ihn dort vier Augenpaare an und sofort fragte sich Gerrit, was er falsch gemacht hatte.

Michael saß auf seinem Stuhl, Robert lümmelte gelehnt an Alex‘ Schreibtisch während Max und auch Alex eine Art Kreis bildend im Büro standen, auf Michaels Schreibtisch lag eine aufgeschlagene Akte über die sie wohl diskutiert hatten. Gerrit legte seine Sachen leise auf seinen Stuhl und stellte sich an die linke Seite von Michaels Schreibtisch, abwartend was gerade der Gegenstand der Diskussion war. Sein Kollege führte seine Rede fort ohne weiter auf den Neuankömmling einzugehen.

„Hier kommen wir auch nicht wirklich weiter. Es muss doch irgendjemanden geben, der etwas ungewöhnliches bemerkt hat. So viele Beweise aber keiner eindeutig genug, um den Mann einzubuchten, das muss doch auch damals klar gewesen sein. Und genau das gleiche dieses Mal, keine klare Spur, nur Verdachtsmomente gegen Heiko Gebherd. Dazu noch diese unbekannte Telefonnummer mit der die Opfer genau ein mal einen Tag vor ihrem Ableben gesprochen haben. Davor nicht und danach auch nicht. Das alles macht keinen Sinn. Immerhin haben die Kollegen der Spurensicherung genug DNA-fähiges Material gefunden und jagen es durch die Datenbank. Wir haben auch dank der Kollegen Max und Hanna inzwischen eine Probe von Heiko Gebherd und können die mit den Spuren abgleichen. Und der Doc hat bestätigt, dass beide Damen an dem gezielten Messerstich gestorben sind. Allerdings hat er auch keine Abwehrverletzungen festgestellt, was das ganze wieder komisch macht. Die Damen lagen nicht schlafend auf dem Bett sondern wurden in ihren Wohnzimmern auf dem Boden gefunden, weit weg von Sofas oder ähnlichem. Irgendetwas entgeht uns doch hier.

Wir sollten mit den Kollegen sprechen, die damals den Fall bearbeitet haben. Irgendwer muss doch da etwas wissen, wie der Mann damals mit so wenigen Beweisen verurteilt werden konnte. Gerrit komm, lass uns diesen Mayer und Henger besuchen, vielleicht können die uns Informationen geben.“ Gerrit war etwas verstimmt darüber, dass Michael diesen Vorschlag machte, denn immerhin hatte Gerrit selbst gestern schon diesen Schritt gehen wollen. Aber zugegeben, seine privaten Probleme hatten diesen Entschluss erfolgreich aus seinem Denken verbannt.

Beinahe zeitgleich kam Bewegung in die Kommissare. Gerrit schnappte sich seine Sachen, allen voran den Kaffeebecher und wartete, bis Michael soweit war. Robert verabschiedete sich kurz von ihnen, denn er hatte mal wieder die Extra-Nachtschicht schieben müssen und trat gähnend den Heimweg an, während Alex zu Mia ging, um sich die Telefonnummern ihrer beiden Toten kreuzreferenzieren zu lassen, ob sie nicht doch gemeinsame Kontakte hatten.

Alex verließ als zweite das Büro, schlenderte zum Aufzug und wollte schon auf den Knopf drücken, da fiel ihr ein, dass Michael und Gerrit ebenfalls gleich hier eintreffen würden. Und dann müsste sie mit einem oder gar beiden reden.

Über Michael hatte sie sich gestern richtig geärgert, da er während der Überprüfung der Wohnanlagenvideos – die lediglich das Auftauchen einer vermummten Gestalt zeigten, die ungefähr zur Tatzeit in die Anlage hinein ging und wieder herauskam, allerdings nicht identifiziert werden konnte – ständig versucht hatte, sie über Gerrit auszuhorchen. Wollte wissen, was bei ihnen los war und jede seiner Fragen klang, als wüsste er, dass da mehr als Kollegialität war. Allerdings sprach er es nie aus, sondern bohrte nur nach und das ging Alex gehörig auf die Nerven, sodass sie ihn recht anschnauzte, dass er sich doch bitte auf die Arbeit konzentrieren sollte. Was er dann auch tat und ihre Kommunikation verlief den restlichen Tag recht kurz angebunden. Es belastete Alex, dass sie nun mit zwei Kollegen und Freunden so ein eisiges Verhältnis hatte, aber sie hatte im Moment keine Energie sich den Problemen zu stellen, es war so viel einfacher allem auszuweichen. Und für den Moment blieb das ihre Taktik.

Sie hatte auch auf Gerrits Nachricht gestern nicht mehr reagiert. Sie hatte ihr Handy nach dem Erhalt der SMS in die Ecke gepfeffert und war mit einem Glas Wein bei einer schnulzigen Komödie auf der Couch gelandet, wo sie sich viel zu sehr in die Geschichte vertieft und am Ende Tränen vergossen hatte, als sich das Pärchen endlich in den Armen lag. Sie hätte nur zu gerne so ein Happy End, doch sie wusste nicht wie sie ihres noch bekommen sollte. Wie gerne würde sie die Zeit zum Wochenende zurück drehen und mit Gerrit in dem Häuschen im Wald bleiben. Über diese schwermütigen Gedanken hatte sie vor dem Fernseher die Zelte abgebrochen und war ins Bett gegangen. Sie war am Morgen viel zu früh wach geworden und war direkt ins K11 gefahren, wo sie Robert getroffen hatte, der ganz schön müde aussah. Es hatte sie beruhigt, dass sie nicht die einzige war, die schlecht aussah und als Robert über ihren entsprechenden Witz lachte, fühlte sich Alex tatsächlich ein klein wenig besser.

Robert war es auch, der sie fragte was bei ihr los war und nachdem er ihr verraten hatte, dass er über Gerrit und Sie Bescheid wusste, schüttete sie ihm ihr Herz aus. Es tat gut, sich jemandem anzuvertrauen und Robert hörte ihr ernst und aufmerksam zu, ohne dass er sie unterbrach. Doch bevor er ihr noch einen Ratschlag geben oder ihr weitere Fragen stellen konnte, wurde ihre Zweisamkeit unterbrochen. Michael war geschäftig hereingekommen, eine Akte der Spurensicherung in der Hand und sie hörten sich an, was er zu sagen hatte, um dann darüber zu diskutieren bis auch Gerrit schließlich im Büro eingetroffen war.

Alex vertrieb die Gedanken aus ihrem Kopf und achtete wieder mehr auf die Treppen, die sie hinunter ging und grüßte nun auch auf die Kollegen, denen sie begegnete. Sie wusste nicht einmal, ob Mia schon da war, aber es war Alex egal. Hauptsache sie hatte etwas zu tun und musste weder mit Gerrit noch mit Michael sprechen.

Und natürlich war Mia schon da, eifrig auf ihrer Tastatur tippend saß sie vor ihren zwei Bildschirmen und wechselte zwischen Internetbrowsern, Dateien und irgendwelchen Codes in so einer Windeseile hin und her, dass Alex fast schwindelig wurde. Sie war kein Technikidiot, aber bei Mia fühlte sie sich immer wie einer. Mia begrüßte sie freundlich und fragte sie was Alex wollte und die Kommissarin reichte ihr den Datenstick, auf dem die Rufnummernnachweise der beiden Opfer gespeichert waren. „Kannst du bitte die beiden Listen vergleichen, ob es möglicherweise Telefonnummern gibt, die beide Frauen angerufen haben? Also wir wissen von der Arbeitsstätte aber ansonsten haben wir kaum Ansätze, um den Fall zu lösen. Es gibt keine Hinweise darauf, was die beiden Opfer verbindet. Du bist sozusagen mit eine unserer letzten Lösungen.“, verriet Alex und Mia lachte hell auf, während sie die Dateien schon öffnete.

Alex sah nur grüne Balken blitzen und schon tippte Mia kurz einen Befehl, drückte Enter und klickte noch zwei Mal irgendwo hin und plötzlich stachen drei Nummern rot markiert aus den Dateien hervor. Alex staunte nicht schlecht, doch Mia tat ihre Bewunderung mit einem Achselzucken ab. „Leichteste Übung.“, sagte sie und grinste Alex an. „Was schwieriger wird ist herauszufinden, wem diese Nummern gehören.“ – „Da kann ich wenigstens bei zweien helfen!“, Alex zog ein kleines Post-it aus der Hosentasche hervor auf dem sie in weiser Voraussicht die Nummern des Klamottenladens und von Heiko Gebherd notiert hatte. Schnell glich Mia die Nummern ab und schrieb die Namen dahinter. „Kriegst du die letzte Nummer auch noch raus?“, fragte Alex und sah die Kollegin aufmerksam an. Mia lachte kurz auf und blinzelte Alex verschwörerisch zu: „Gib mir eine Minute!“

Gerrit und Michael waren in der Zwischenzeit zum K7 aufgebrochen und hatten sich nach den richtigen Büro durchgefragt. Michael hielt plötzlich an und deutete Gerrit das Gleiche zu tun, dann informierte er seinen Kollegen noch schnell über eine wichtige Information, bevor sie das richtige Büro aufsuchten. Behutsam öffnete Michael mit einer Hand die Tür während er mit der anderen klopfte und das Büro betrat. Der Raum hatte Ähnlichkeit mit ihrem alten Büro, klein, gedrungen und mehr Schränke an den Wänden als noch irgendetwas. Ein kleines Fenster ließ etwas Dämmerlicht hinein, doch die Deckenstrahler leuchteten so hell, dass es kaum zu sehen war. Gerrit betrat hinter Michael den Raum und besah sich zuerst neugierig die beiden Kommissare, bevor er die Tür hinter sich verschloss.

Thomas Mayer war ein recht schmalschultriger Mann mit kurzen, gräulichen Haaren, schwarzer Brille und glattrasiertem Kinn, ungefähr in den Fünfzigern, während Steffen Henger ein großer, aber auch gut genährter Bär von einem Mann war, dessen schmale schwarzumrandete Lesebrille eher deplatziert in seinem noch jungen Gesicht wirkte. Beide waren seit Jahren im K7 tätig, wobei Mayer der Dienstälteste war, und sahen überrascht auf, als die beiden fremden Kommissare auf einmal in ihrem Büro standen. Gerrit stellte sie beide vor und informierte die Kollegen dann über den Grund ihres Hierseins.

„Wir rollen den Fall Jagdmesser von vor zwei Jahren noch einmal auf. Ihr erinnert euch? Die Jagdmessermorde an den blonden Frauen, bei denen ihr damals ermittelt habt.“, sagte Gerrit ruhig und beobachtete die beiden Polizisten aufmerksam. Mayer lehnte sich vor und sah die beiden aus dem K11 über seine Brillengläser hinweg an. „Und warum würdet ihr dies tun? Wir haben den Mörder damals gefasst und hinter Gitter gebracht. Der Fall ist abgeschlossen also warum würdet ihr ihn aus dem Aktenlager holen wollen?“ Gerrit war zwar etwas erstaunt über die Ausdrucksweise, denn alle Akten waren inzwischen weitestgehend digitalisiert, aber er antwortete trotzdem ruhig mit den Fakten.

„Es sind einige Ungereimtheiten aufgefallen als wir die Berichte durchgegangen sind. Verschiedene Informationen haben nicht zusammen gepasst, einige Informationen schienen uns dürftig und wir hoffen auf eure Kooperation. Der verurteilte Mörder war nicht in der Lage die letzte Attacke durchzuführen, da er um 18 Uhr in einer Hotelbar am Südosten der Stadt war, das wurde laut Spurensicherung anhand Überwachungsvideos bewiesen. Überwachungsvideos, welche euch ebenfalls vorlagen. Jedenfalls laut des Inhabers des Hotels. Allerdings sind diese Überwachungsvideos gelöscht worden, obwohl sie in der Asservatenkammer lagen. Und da fragen wir uns schon, wie das sein kann. Zudem haben wir es wieder mit beinahe identischen Morden zu tun, was nahelegt, dass damals der falsche inhaftiert wurde und der Mörder noch frei herumläuft.“ – „Oder es ist schlichtweg ein Trittbrettfahrer!“, unterbrach ihn Henger aufgebracht. „Habt ihr vielleicht daran einmal gedacht, bevor ihr uns beschuldigt? Die Zeitungen haben damals recht ausführlich berichtet.“

Michael legte Gerrit, der schon zu einer deutlicheren Antwort angesetzt hatte, beschwichtigend die Hand auf die Schulter, bevor er sich direkt an Henger wandte, während Gerrit säuerlich den Mund zuklappte. „Wir beschuldigen hier niemanden, Kollege, vielleicht kam das falsch bei euch an. Wir wollen lediglich allen Hinweisen nachgehen, um den aktuellen Fall zu lösen und eure Erfahrung würde uns sehr dabei helfen.“

Henger schoss Gerrit noch wütende Blicke zu, doch die beiden älteren Kommissare übernahmen das Gespräch, blieben sachlich und freundlich, wo ihre jüngeren Kollegen die Nerven verloren hätten und aufeinander los gegangen wären. Henger setzte sich schließlich wieder an seinen Schreibtisch und stierte Gerrit an, schwieg jedoch weiterhin und Gerrit tat es ihm gleich, bevor er seinen Blick von dem Mann losriss und versuchte Michaels Gespräch zu folgen. Doch das einzige, was er noch hörte war „Vielen Dank für eure Mithilfe. Wir melden uns, wenn wir weitere Informationen haben.“ Und damit schob Michael Gerrit vor sich her aus dem Zimmer, der es gerade noch schaffte Mayer freundlich zuzunicken, bevor Michael ihn aus dem Raum bugsiert hatte.
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