Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Happy together

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Het
Alexandra Rietz Gerrit Grass Michael Naseband Robert Ritter
17.11.2021
16.05.2022
19
35.309
3
Alle Kapitel
32 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
21.03.2022 915
 
Guten Morgen ihr Lieben!
Ich wünsche euch einen tollen Start in diese neue und vor allem hoffentlich so sonnige Woche wie sie angekündigt ist. Und natürlich auch viel Spaß beim Lesen des neuen Kapitels ;)
Danke, dass ihr mir weiterhin die Stange haltet, das bedeutet mir wirklich viel!
LG,
Gray
_______________________________________

Alex hatte ihm Justus‘ Nummer eingespeichert und es kostete Gerrit keine zehn Sekunden die Nummer im Handy aufzurufen. Das Schwierige war auf die kleine grüne Taste zu drücken, die unter dem Namen stand. Gerrit starrte das Handy an und fragte sich wie er die Nachricht überbringen sollte.

In seinem Job gab es weiß Gott genug Gelegenheiten, in denen er üben konnte, jemandem die Nachricht des Todes zu überbringen. Aber nichts in seinem Leben hatte ihn darauf vorbereitet dies für einen Familienangehörigen zu tun. Oder einen Familienangehörigen in Spe. Gerrit konnte keinen richtigen Begriff für Justus finden, er war zwar sein Halbbruder, aber irgendwie hatte Gerrit ja so gar nichts mit ihm zu tun. Andererseits hatte Justus gerade seinen Vater verloren und Gerrit wollte für ihn da sein, nicht wegen des Wunsches seines Vaters, sondern weil Gerrit derjenige gewesen war, der seinen Vater zuletzt gesehen hatte.

Mit einem leisen Seufzer drückte er den grünen Hörer und hörte dem eintönigen Wählzeichen zu, bevor er ein leises Knacken hörte und dann Justus‘ Stimme aus dem Lautsprecher tönte. „Grass?“, meldete er sich und Gerrit versagte die Stimme. Er räusperte sich und suchte dann nach seinen verloren gegangenen Stimmbändern. „Erm, hi, Gerrit hier, Gerrit Grass. Chrm. Hi Justus, tut mir leid, dass ich hier so störe, aber ich bin eben im Krankenhaus und ehm, naja du solltest vorbei kommen.“ Gerrit brach ab, einmal mehr auf der Suche nach den richtigen Worten.

Die Stille auf der anderen Seite machte das nicht viel einfacher. Doch auf einmal klang Justus‘ Stimme klar und deutlich an Gerrits Ohr und eine Art Gewissheit lag darin. „Liegt er in den letzten Zügen oder ist er schon tot?“, fragte sein Halbbruder und Gerrit zuckte etwas zusammen. Mit dieser nüchternen Frage hatte er nun überhaupt nicht gerechnet. Er hätte ihm das ganze schonend beibringen, Justus erst hier darauf vorbereiten wollen, was ihn hinter der Türe erwartete, aber diese Frage machte das überflüssig. Und er konnte nicht lügen, nicht so, nicht jetzt, nicht hier. „Das letztere.“, sagte er ruhig und leise und er hörte das kräftige Ausatmen am anderen Ende der Leitung. „Ich bin unterwegs.“, vernahm Gerrit noch, dann war die Leitung tot.



Der Kommissar wartete keine zwanzig Minuten und doch kam ihm die Zeit schier endlos vor. Wäre der Boden aus Sand, so hätte Gerrit eine Furche gezogen, so oft wie er vor Zimmer Nummer 276 hin und her ging. Seine Gedanken waren rastlos, ebenso wie seine Füße und es fiel Gerrit nicht einmal auf, wie viele Kilometer er eigentlich auf diesem Gang zurücklegte. Wie sollte er Justus nur begegnen? Ihm Raum und Ruhe geben und direkt gehen oder doch lieber für ihn da sein? Gerrit wusste es nicht, er kannte den Mann einfach zu wenig. Und was wäre, wenn seine Frau dabei war? Würden sie ihn unter diesen Umständen verabscheuen? Es ihm übelnehmen, dass er, der Sohn, der seinen Vater jahrelang gehasst hatte, dessen letzten Worte gehört hatte? Dass er derjenige war, der die letzten wertvollen Augenblicke mit ihm verbracht hatte? Es wäre so viel einfacher, wenn Alex hier wäre und ihm sagen würde, was er tun sollte oder ihm mit einem ihrer Blicke den richtigen Schubs geben würde.

Einmal mehr fiel Gerrit auf, wie sehr er sich auf ihre Unterstützung und ihre Stärke verließ. Sie gab ihm Halt, hatte ihm immer schon das Gefühl gegeben, dass er alles schaffen konnte. So ein Gefühl brauchte er jetzt, doch Alex war nicht da. Wo sie war, wusste er nicht und er hatte auch keine SMS von ihr bekommen, die es ihm verraten hätte können.

Hastige Schritte hallten durch den Flur und wurden durch den türkisenen Teppich kaum gedämpft. Justus Grass kam auf Gerrit zugeeilt und obwohl Gerrit ihn gestern das erste Mal gesehen hatte, wusste sein Verstand instinktiv, dass der Mann vor ihm Seelenqualen durchlitt. Justus trug eine dünne Lederjacke, die ihn vor dem leichten Abendwind draußen schützte. Seine Jeans saß schief und sein Hemd war verknittert, als hätte Gerrit ihn aus dem Schlaf gerissen und Justus hatte sich nur schnell irgendetwas angezogen. Gerrit hütete sich aber etwas in der Richtung auszusprechen und zwang sich stattdessen zu einem wehmütigen zurückhaltenden Lächeln. Er freute sich irgendwie den Mann, den er wohl jetzt als Bruder betiteln musste, zu sehen wobei es Gerrit lieber gewesen wäre, sie hätten sich in einer Kneipe auf ein Bier getroffen als unter diesen Umständen.

Völlig überrumpelt wurde Gerrit, als Justus nicht vor ihm stehen blieb, sondern ihm beinahe in die Arme sprang und ihn fest an sich drückte. Überrascht drückte Gerrit ihm mit den Händen leicht die Schulter und den Rücken und dann hörte er, was Justus mit tränenerstickter Stimme sagte: „Danke, dass du hier geblieben bist, obwohl du nicht musstest – das bedeutet mir viel.“

Gerrit tätschelte ihm noch einmal die Schulter, bevor er sich etwas unangenehm berührt aus der Umarmung befreite. „Wir sollten hinein gehen, ich weiß nicht, wie lange sie uns geben bevor sie ihn abholen.“, schlug er vor und seine Logik schien zu bewirken, dass Justus etwas von seiner Fassung zurück gewann. Er löste sich von seinem Halbbruder und ging voran, während Gerrit ihm leise folgte, bevor der große Bayer die Tür hinter ihnen schloss und sie allein mit dem Toten waren.
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast