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Happy together

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Het
Alexandra Rietz Gerrit Grass Michael Naseband Robert Ritter
17.11.2021
16.05.2022
19
35.309
3
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15.03.2022 1.818
 
Good Morning ihr lieben!
Leider kommt dieser Montag immer schneller als erwartet und ich bin nicht bereit dafür. Aber wenigstens ein Dienstagskapitel heute für euch. Danke euch allen fürs mitlesen und -fiebern!
Eure Gray
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Gerrit knetete unbewusst seine Finger durch, während er darauf wartete, dass sein Vater weitersprach. Nach einer langen Pause hörte er wie sein Vater tief durchatmete und schließlich beinahe krächzend weitersprach. „Aber wie dem auch sei. Deine Mutter wollte damals nicht von hier weg, sagte du sollest nicht entwurzelt werden. Und ich schwöre dir, ich habe ihre Argumente verstanden, wollte einen Kompromiss finden, aber sie wollte nicht! Entweder wir blieben als Familie in München oder wir wären keine Familie mehr. So einfach war das für sie. Entweder-oder. Die Arbeit oder ihr. Und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich war so hin und hergerissen, ich habe euch beide geliebt! Und jetzt sollte ich entscheiden zwischen euch und meinem Traumjob.

Oh Gerrit, wie viele Stunden ich nachts wach gelegen und überlegt habe, was ich tun sollte. Wie viele Stunden ich abends in der Kneipe verbracht und nach einer Antwort gesucht habe. Ich war eigentlich schon nicht mehr da, bevor ich euch endgültig verließ. Ich habe mich abgekapselt und euch alleine gelassen, während ich versucht habe mich von meinen Träumen zu verabschieden. Für euch. Und dann war ich in Wiesbaden, eigentlich um dort meine Situation zu erklären und den Job auszuschlagen. Und da war sie. Dort habe ich Angelika getroffen, sie war Sekretärin der Firma und hat mit mir geredet, bevor ich die Chefs getroffen habe. Vermutlich war es mehr aus Höflichkeit als sonst einem Grund und ich weiß nicht wieso, aber ich habe ihr alles erzählt. Und sie hatte den einzigen Ratschlag für mich, der Sinn gemacht hat. ‘Warum machst du nicht einfach das, was dich glücklich macht?‘, fragte sie mich und mir fiel es wie Schuppen von den Augen. So ungern ich es mir eingestehen wollte, ich war nicht glücklich bei euch in München. Ich wollte nichts lieber als weg. Also bin ich in Wiesbaden geblieben, nicht weil ich euch hasste, sondern weil es für mich die richtige Entscheidung gewesen war. Kannst du mir das glauben?“

Gerrit spürte Groll in sich aufsteigen, Wut auf eine gesichtslose Frau, die wohl Justus‘ Mutter war. Doch er wollte seinen Vater auch nicht unterbrechen, zu sehr interessierte ihn die Geschichte, denn seine Mutter hatte nie über diese Zeit gesprochen. Nur geschimpft.

Sein Vater sah wohl, dass er keine Antwort bekommen würde, denn er lehnte sich in die Kissen zurück und wirkte sehr erschöpft und, wenn das möglich war, noch blasser als zuvor.

„Jedenfalls war ich nun in Wiesbaden und habe mir dort etwas aufgebaut. Ich verdiente gutes Geld, konnte mir einen Anwalt leisten und mich von deiner Mutter scheiden lassen. Ich habe sie nicht mehr gesehen und ich glaube sie wollte mich auch nicht mehr sehen, geschweige denn mit mir sprechen. Als ich ihr per Brief anbot, dich finanziell zu unterstützen, lehnte sie ab. Sie war schon immer stolz und starrköpfig. Zwei Eigenschaften, die sie dir wohl vermacht hat. Aber sie war auch unglaublich stark und daher hat es mich nicht überrascht, dass du so ein guter Mensch geworden bist. Ich habe aus der Ferne verfolgt, wie es dir geht, so gut es eben ging. Doch ich hatte nun noch eine Familie, um die ich mich kümmern musste. Eine Familie, die durch einen schrecklichen Unfall auseinandergerissen wurde. Unser jüngstes Kind, unsere Tochter, wurde von einem Auto überfahren. Ein flüchtender Bankräuber. Die Polizei konnte ihn nicht finden, aber wir mussten unser Kind zu Grabe tragen.“

Gerrit konnte den Schmerz in der Stimme seines Vaters hören, er musste die Tränen nicht erst sehen, um zu wissen, dass sein Vater noch immer unter dem Verlust litt. In einem Anflug von Mitleid und auch ein wenig Verbundenheit nahm er die Hand seines Vaters und drückte sie leicht. Dessen Augen schnellten zu ihm und ein Lächeln huschte kurz über das Gesicht, um dann wieder Traurigkeit Platz zu machen. Er fuhr fort: „Ich habe überlegt, ob ich mich bei dir melden kann, ob du mir helfen würdest. Immerhin wusste ich, dass du inzwischen bei der Kriminalpolizei warst. Es wäre gewiss ein Leichtes für dich gewesen, den Fall aufzuklären. Aber ich hatte den Mut nicht. Ich habe mir eingeredet, ich müsste zuerst für meine Familie da sein, für Justus und Angelika. Aber vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich euch damals bekannt gemacht hätte. Vielleicht hättet ihr Freunde werden können und du hättest dem Jungen über den Verlust seiner Schwester hinweghelfen können. Ich werde es nicht herausfinden.

Und dann etwas über ein Jahr später kam der Tag Ihres Todes. Die Beerdigung deiner Mutter. Und ich habe dich das erste Mal von Angesicht zu Angesicht gesehen, seit du ein kleiner Junge warst.“

Gerrit konnte sehen, wie seinem Vater die Worte schwer wurden, immer wieder drohten seine Augen zuzufallen und auch seine Stimme war immer leiser geworden, doch er schien die Worte unbedingt loswerden zu wollen, redete schneller und schluderte mit den Wörtern, sodass Gerrit ihn mehr schlecht als recht verstand.

„Und Gott was hat mir dein Hass weh getan. Ich habe gesehen, wie sehr du mich in dem Moment gehasst hast. Dass ich ausgerechnet dann auftauchen musste, als deine Mutter gestorben war. Ich habe dir meine Karte gegeben in der Hoffnung, dass ich dir von Justus erzählen kann. Dich um Verzeihung bitten kann. Aber du hast sie nicht gewollt, hast mich nicht gewollt. Ich habe deinen Schmerz verstanden, habe dich verstanden und doch wollte ich nur für dich da sein.

Und als meine Firma dann expandiert hat, wurde ich Geschäftsführer hier in München. Wir sind hierhergezogen und seitdem leben wir wieder hier. Justus ist inzwischen verheiratet und lebt in Moosach. So, und jetzt weißt du alles. Ich weiß, dass ich nicht für dich da war als du mich gebraucht hättest. Ich weiß, dass du gelernt hast mich zu hassen. Und trotzdem möchte ich dich um Vergebung bitten, mein Sohn.“

Gerrit zuckte unter diesem Possessivpronomen zusammen, schwieg aber noch. Sein Blick glitt über die weiße Haut, die runzligen Hände und blieb an den grauen Augen hängen. Er unterdrückte den Impuls schreiend aufzustehen. Es war alles richtig, was sein Vater sagte. Er hatte den Mann dafür gehasst, dass er seine Mutter allein gelassen, dass er die Familie verlassen hatte. Doch jetzt kannte er die Gründe dafür. Sie waren nicht die stärksten Argumente, aber er konnte doch erkennen, in welchem Zwiespalt sein Vater gesteckt hatte.

Befand er selbst sich nicht in einem ähnlichen Dilemma? Ein Kind ohne Alex oder Alex und kein Kind? Eine Entscheidung, die auch in beide Richtungen fallen konnte? Natürlich schwankte er nicht direkt zwischen Familie und Arbeit aber wohl doch ein wenig zwischen Familie und Alex. Konnte er jemanden verurteilen, der das getan hatte, was für ihn das richtige war, auch wenn es seiner Mutter weh getan hatte?

Und war es nicht so wie Alex gesagt hatte? Wäre sein Vater überhaupt ein guter Vater gewesen, wenn er mit seinem Leben unzufrieden war? Wofür genau hasste ihn Gerrit überhaupt noch? Seiner Mutter tat nichts von alledem mehr weh. Die einzigen zwei, die seine Ablehnung noch treffen konnte, waren sein Vater und Gerrit selbst. Aber machte es ihn glücklich, seinem Vater nicht zu verzeihen? Brachte es ihm irgendetwas außer weitere Schmerzen? Konnte er mit seinem Hass etwas ändern?

Nein.

Die Antwort war klar, eindeutig und die Worte formten sich in seinem Kopf, bevor Gerrit sie laut aussprach, und es war ihm als würde er mit diesen Worten etwas freier atmen können. „Ich verzeihe dir. Was gewesen ist, ist vorbei. Wir sollten einfach bei null anfangen.“

„Danke Gerrit. Es bedeutet mir viel.“

Diesmal war seine Stimme nur noch ein Raunen und schimmernde Tränen wollten die grauen Augen verhängen aber der Kommissar verstand die Worte dennoch gut: „Und wenn meine Krankheit dazu nutze war, Justus und dich zusammen zu bringen, eure Familie zu vereinen, dann war es das wert. Ich bin dir dankbar, Sohn, dass du mich vor dem Ende noch einmal besucht hast.“ Ein leichter Schauer lief Gerrit den Rücken hinab, diese letzten Worte klangen so endgültig, dass es ihm etwas unheimlich war. Doch Gerrit unterließ es erneut seinen Vater bezüglich der Ansprache zu korrigieren, sondern tätschelte ihm nur unbeholfen die Hand, während sein Gegenüber erschöpft die Augen schloss und nichts mehr sagte.

Gerrit wartete noch eine Weile, ob sein Vater noch einmal wach wurde, doch als nichts geschah, beschloss er zu gehen. Immerhin hatte er jetzt das Gefühl etwas erleichterter zu sein. Doch er wurde beim noch in der Bewegung von einer hereinkommenden Schwester erschrocken und sprang erschrocken auf. Die ältere Frau lächelte ihn gutmütig an: „Ich wollte Sie nicht erschrecken, aber Herr Grass braucht seine Medizin gegen die Schmerzen für die Nacht.“ Etwas benommen trat Gerrit zur Seite, um sie ihre Arbeit machen zu lassen und hob seine Jacke vom Boden auf.

Als er wieder hochsah, bemerkte er, dass ihn die Schwester nachdenklich ansah. „Wie kann ich Ihnen helfen?“, lächelte er sie an und schwächlich erwiderte sie sein Lächeln. „Sind Sie Angehöriger oder Bekanntschaft?“, fragte sie und Gerrits Alarmglocken schellten laut los. „Angehöriger... In gewisser Art und Weise.“, murmelte er und wartete bang auf den Satz, der nun folgen würde, der Satz, vor dem er sich gefürchtet hatte, seit Gerrit seinen Vater heute das erste Mal gesehen hatte. Die Schwester kam näher, legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte leise: „Es tut mir sehr leid, aber Herr Grass ist von uns gegangen. Sein Herz hat aufgehört zu schlagen.“

Gerrit setzte sich benommen wieder auf den Stuhl und starrte den im Bett liegenden Mann an. Das war nicht der erste Tote, den er in seinem Leben sah und es würde auch nicht der letzte sein. Und doch war es diesmal anders. Nicht so schlimm wie beim Tod seiner Mutter, aber Trauer gemischt mit Erstaunen und eine Art Schock hatten sich seiner bemächtigt. War es Zufall gewesen, dass sein Vater ihm heute alles erzählt hatte? Hatte er gewusst, dass es seine letzte Chance war? Hatte er vielleicht so lange am Leben gehangen, bis Gerrit ihn besuchen kam? Es gab genug Geschichten von Menschen, die vor ihrem Ableben noch einmal Buße tun wollten und erst starben, als sie ihren letzten Wunsch erfüllt sahen. Aber das war doch Quatsch. Nur weil sein Vater ihm jetzt so viele Dinge erzählt hatte, musste es doch nicht heißen, dass er nur auf ihn gewartet hatte.

Aber etwas komisch war das Timing doch.

Gerrit sah hoch und sah, dass die Krankenschwester ihn nicht allein gelassen hatte, sondern immer noch bei ihm stand und augenscheinlich sehr besorgt um ihn war. Um ihr diese Sorge zu nehmen, stand Gerrit auf und zog sein Handy hervor. „Ich werde seinen Sohn anrufen. Können Sie ihn so lange hierlassen?“, bat er und die Frau vor ihm nickte mit mitleidigem Blick zu, bevor sie ihn doch allein ließ und er den schwierigsten Anruf seines Lebens tätigte.
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