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Happy together

Kurzbeschreibung
GeschichteAllgemein / P12 / Het
Alexandra Rietz Gerrit Grass Michael Naseband Robert Ritter
17.11.2021
16.05.2022
19
35.309
3
Alle Kapitel
32 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
07.03.2022 1.374
 
Hallo ihr lieben,
ein kurzes und spätes Kapitel findet heute den Weg hier hoch - ich bin aber schon fleißig und das nächste Kapitel ist fast fertig. Mal sehen ob ich es die Woche noch hochladen kann.
Viel Spaß beim lesen und eine tolle Woche mit schönem Wetter!
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Gerrit blieb noch einige Zeit im Auto sitzen und starrte auf das Gebäude vor sich. Die blau gestrichenen Betonpfeiler vor dem Eingang, die ein durchsichtiges Wellendach trugen, verliehen dem grauweißen Gebäude dahinter wenigstens etwas Farbe und ließen das Krankenhaus nicht mehr ganz so bedrohlich und kalt wirken. Die teilweise recht großen Fenster waren beinahe alle von hellgrauen Vorhängen verhüllt, sodass man nicht sehen konnte, was in den Zimmern vor sich ging oder ob sie überhaupt bewohnt waren. In Gerrit riefen Krankenhäuser immer negative Gefühle und Erinnerungen wach, seine Mutter, deren Krebs untersucht wurde, sein alter Schulfreund, der nur eine Lungenentzündung hatte und drei Wochen später tot war… Es gab keinen Moment in einem Krankenhaus,  der ihn fröhlich stimmte. Ob sein Besuch jetzt ein Fehler war?

Gerrit konnte sich einfach nicht dazu durchringen aus dem Auto auszusteigen. Was sollte er seinem Vater denn überhaupt sagen? „Hallo Vater, tut mir Leid, dass du im Sterben liegst. Ich wollte dich aber nicht sehen, da ich dir nicht verziehen habe.“ Oder sollte er so tun als wüsste er von nichts? Nein, das war auch nicht richtig. Beinahe hoffte er, dass Alex sich bei ihm meldete und ihm sagte, was er tun sollte, doch auch beim fünften Mal darauf sehen blieb sein Handy stumm. Gerrit knirschte mit den Zähnen, doch dann gab er sich einen Ruck und verließ das Auto.

Der Weg zum Eingang ward ihm schwer und mit jedem Schritt bekämpfte der Kommissar das Bedürfnis umzudrehen, ins Auto zu steigen und wegzufahren. Dabei zermarterte er sich das Hirn danach, ob ihm sein Halbbruder denn überhaupt die Zimmernummer gesagt hatte. Wenn dem so war, hatte Gerrit sie vergessen, denn er konnte sich nicht erinnern. Also blieb ihm nichts anderes übrig als die Dame an der Information am Eingang zu fragen.

Sie sah süß aus in ihrem weißen T-Shirt, das mit der Hose zusammen passte und nur durch ein hellblaues Tuch etwas Farbe bekam. Das Mädchen war wirklich süß aber viel zu jung, vermutlich noch keine fünfundzwanzig. Gerrit sah, wie sie ihn aufmerksam betrachtete, ihr Gesichtsausdruck aber immer entrückter wurde während er sie freundlich begrüßte und sie schließlich vor seinen Augen rot wurde, als er sie freundlich anlächelte und sie nach der Zimmernummer seines Vaters fragte. Es hatte eine Zeit gegeben da hätte er sich etwas darauf eingebildet, welche Reaktion er hervorrief, aber jetzt aktuell waren seine Gedanken noch mit zu vielen Sorgen verhangen. „Zimmer 276. Da vorne rechts und im zweiten Stock den rechten Gang hinter.“, piepste die Krankenhausmitarbeiterin ihm zu und mit einem knappen Nicken bedankte er sich und folgte ihren Anweisungen.

Er ging an weiß gestrichenen Gängen vorbei, die alle farbige Streifen über den Fußbodenleisten hatten. Er war selten in diesem Krankenhaus und so dauerte es einen Moment, bis er kapierte, dass die Stationen alle Farbcodiert waren. Der rechte Gang im zweiten Stock war grün codiert, allerdings wurde die Station mit „Palliativ“ ausgeschrieben. Warum also grün, die Farbe der Hoffnung? Wäre nicht eine andere Farbe passender gewesen? Vielleicht schwarz? Oder sollte das grün wirklich für die Hoffnung stehen? Es kamen kaum Menschen lebend von der Palliativstation herunter. Gerrit grübelte weiter über die Farbe nach, während er mit den Augen die Zimmertüren nach der richtigen Nummer absuchte und den Gang hinunter ging, nur um nicht darüber nachzudenken, dass er gleich seinem Vater gegenüber stehen würde.
Grün dafür, dass Menschen hier in Frieden gehen konnten? Oder dass ihre Angehörigen mit der Hoffnung her kamen ihre schwerkranken Menschen bis zum letzten Atemzug begleiten zu können? Das war doch alles Quatsch. Während er seine Gedanken unwirsch unterbrach, trugen ihn seine Schritte vor die richtige Tür.

276 stand in goldenen Zahlen an der grünen Tür mit schwarzem Griff und direkt darunter hing ebenfalls in Gold ein kleines Kruzifix. Es war nicht zu sehen, ob jemand darin war und Gerrit hoffte einfach, dass er seinen Vater nicht aus einem seiner letzten Schläfe riss. Gerrit hob die Hand, um anzuklopfen und erneut streifte sein Blick das Kruzifix und er hielt inne. Ob sein Vater wohl gläubig war? Gerrit selbst war eigentlich evangelisch erzogen worden, doch er hatte selbst kaum Gedanken an das Thema Religion verschwendet. Er hatte keinen Grund dafür gesehen, nicht einmal in seinem Job, er hatte alles für sich selbst verarbeiten können. Erst mit dem Tod seiner Mutter und den Gesprächen mit der ortsansässigen Pfarrerin war ihm bewusst geworden, dass er vielleicht doch ein klein wenig Sehnsucht nach seinem jugendlichen Gottvertrauen hatte, das ihm abhanden gekommen war. Hatte sein Vater sich während seiner Abwesenheit von Gerrit mit dem Thema befasst? War das der Grund, warum er in einem christlichen Krankenhaus war?

Gerrit klopfte endlich und das eigentlich leise Geräusch hallte beinahe über die Station, so ruhig war es hier und Gerrit ertappte sich dabei, wie er den Kopf einzog und sich nervös umblickte. Eine leise Stimme antwortete, die ihn herein bat und mit klopfendem Herzen öffnete Gerrit die Tür, um der Einladung zu folgen.

Sein Vater sah beinahe genauso aus, wie er ihn in von der Beerdigung in Erinnerung hatte. Kinnlange Haare, die ein schmales hageres Gesicht umrahmten. Nur, dass die Haare inzwischen zum Großteil weiß waren und sein Gesicht mit Falten durchzogen war. Er sah angegriffen aus, schwach und eine Welle des Mitleids durchflutete Gerrit. Er erinnerte sich an die Art, wie böse er letztes Mal mit seinem Vater gesprochen hatte und nahm sich fest vor, es diesmal besser zu machen. „Hi.“, brachte er hervor und trat einige Schritte an das Bett heran. Plötzlich glitt ein erleichtertes Lächeln über das Gesicht des Kranken, als hätte er erst jetzt erkannt, wer da vor ihm stand. Vielleicht war es auch so. „Gerrit! Ich habe kaum zu hoffen gewagt  dass du mich besuchen kommst. Junge, komm näher und lass dich ansehen, meine Augen haben nachgelassen.“, forderte er seinen Sohn auf.

Gerrits erster Impuls war, einen Schritt zurück zu machen und das ‚Junge‘ weit von sich zu weisen, doch er hatte sich so sehr in der Gewalt, dass er lediglich sein Gewicht auf den hinteren Fuß verlagerte und die bissige Bemerkung hinunter schluckte. Er war nicht hier, um die Fehltritte seines Erzeugers anzuprangern. Eine weitere Sekunde verstrich bis Gerrit dann näher seitlich ans Bett trat und sein Vater ihm mit den Augen folgte. Je näher Gerrit kam, desto klarer sah er die Zeichen, die die Krankheit hinterlassen hatte. Blasse Haut, die feinen Adern stachen wie blaue Würmer aus dem weißen Gesicht hervor und die Wangen waren eingefallen. Ein bisschen fühlte auch Gerrit an die Leichen beim Doc erinnerte und ein leichter Schauer lief ihm den Rücken hinab. Wie nah befand sich sein Vater wohl schon am Tod?

Gerrit zog den Stuhl vom Tisch am Fenster weg und näher heran an die Seite des Bettes, damit er nahe genug an seinem Vater saß. Der sah ihn an und stolz strahlte aus ihm heraus. Unter diesem Blick kam sich Gerrit irgendwie komisch vor und er wollte sich am liebsten auf seinem Stuhl winden und die Stille durchbrechen. Doch sein Vater ließ ihm keine Gelegenheit zu sprechen sondern ergriff mit rasselnder Stimme das Wort.

„Gerrit, ich weiß, dass du mich hasst.“, sagte er ohne Umschweife. „Ich habe dir und deiner Mutter großes Leid zugefügt, indem ich euch verlassen habe. Ich habe euch nicht unterstützt und mich all die Jahre nicht blicken lassen. Ich war ein schlechter Vater, das weiß ich jetzt. Aber das war einfach damals für mich der richtige Schritt.

Ich hatte einen langweiligen Bürojob hier in der Stadt und hatte ein Jobangebot in Wiesbaden, eines bei dem ich mehr Verantwortung haben würde, mehr lernen konnte. Es war damals für mich das Einzige, was ich noch wollte in meinem Leben. Eine Position, in der ich mein Arbeitsleben mit gutem Gefühl bestreiten könnte. Ich denke nicht, dass ich dir erzählen muss, wie Verantwortung aussieht, du weißt davon vermutlich mehr als ich. Kriminaloberkommissar Grass.“ Er betonte Gerrits Berufsbezeichnung so, als hätte er Ehrfurcht davor. Gerrit wollte nachfragen, was das sollte, aber der Moment verging und Gerrit sagte nichts.
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