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Haben Spinnen Angst vor Menschen?

von beebunny
Kurzbeschreibung
GeschichteAngst, Freundschaft / P6 / Gen
16.11.2021
16.11.2021
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Die Pfadfinderin Rose Mary Caulfield mochte den Winter nicht besonders. Ständig sah es zu Tageszeiten aus, als ob bereits tiefste Nacht wäre. Besonders, wenn kein Schnee lag. Denn wenn Schnee lag wurde trotz der Dunkelheit alles hell erleuchtet und alles sah verzaubert und wunderbar hübsch aus im bläulichen Mondlicht. Nicht aber an diesem Abend im November. Der Boden war trocken und staubig, die Bäume streckten ihre kahlen Äste in den Himmel als wären es die Knochenhände von Skeletten. An diesen Abenden hasste Rose Mary es, Kekse zu verkaufen.  Dabei ging sie eigentlich sehr gern von Haus zu Haus um Kekse zu verkaufen. Man sah so viele neue Menschen und die kleinen Welten, in denen sie lebten. Dazu dachte sie sich manchmal gern Geschichten aus. Die dicke alte Frau mit der sehr hübschen blonden Tochter zum Beispiel. Rose stellte sich gerne vor, dass sie eine Hexe war und Kinder gefangen hielt um in ihren Garten tiefe tiefe Löcher zu schaufeln. Warum sie das wohl tat? Vielleicht weil ihr Haus an genau der Stelle erbaut wurde, an der ein alter Pirat einst seinen Schatz vergraben hat. Doch so sehr die Kinder auch gruben, sie fanden nichts und zwar weil…
„Rose, jetzt mach schon das Tor auf, ich will nach Hause. Wir haben noch eine ganze Stunde.“, quengelte Patricia. Patricia war sauer, weil ihre beste Freundin Georgia sich mit ihr gestritten hatte. Hätten die beiden sich nicht gestritten, wären sie der lästigen Keks-Verkaufspflicht gemeinsam nachgegangen. So aber war Georgia mit Christina losgezogen und Patricia musste mit der einzigen Pfadfinderin mitgehen, die noch übrig war. Und das war Rose Mary. Die komische Rose Mary, deren Eltern so religiös und seltsam waren.
Endlich öffnete Rose Mary das Gartentor und Patricia schlurfte gelangweilt hinter ihr her. Weil Rose so langsam ging, konnte Patricia das kleine blonde Köpfchen auf ihrer Nasenspitzenhöhe auf und ab wippen sehen. Nicht ungern hätte sie ihre Kameradin an den Haaren gezogen, oder einen Kaugummi hinein geklebt, doch das ließ sie lieber bleiben. Beim letzten Mal hatte sich die Pfadfinderleiterin so sehr darüber aufgeregt. Die beiden Mädchen trabten durch den finsteren Vorgarten. Kleine flache Steine wiesen ihnen den Weg. Eine kleine Treppe führte zu einer Tür.
Rose Mary, mit dem Korb voller Kekse im Arm, ging zielstrebig darauf zu, ohne der Dunkelheit um sich herum allzu große Beachtung zu schenken. Sie freute sich sehr, dass Patricia hier war und dass sie nicht allein unterwegs war. Schnell schnell. Sie wollte den dunklen Pfad bald hinter sich bringen. Es war ihr im Dunkeln immer so, als ob kühle, dunkle Schatten leise über ihren Nacken strichen. Als könne immer jemand hinter ihr stehen. Dabei war ihr totale Finsternis noch lieber. Das Unheimlichste war dieses Halbdunkel, wenn man noch etwas erkennen konnte, aber nie sicher war, was es war. Schnell, schnell weiter, immer weiter, bevor sie noch irgendwelche Umrisse erkannte. Das Dumme war nur, dass man nicht wusste, wo man hintrat, deshalb musste man trotzdem langsam laufen.
Alles, was die beiden umgab, schien sie, gerade sie, direkt anzusehen und langsam schleichend auf sie zuzukommen. War das ein großer schlanker Mann mit langen Haaren und einem Umhang? Oder war das eine buckelige alte Frau mit glühenden Augen, die die Arme nach ihr ausstreckte? Tatsächlich begannen ihre glühenden Augen plötzlich zu blinzeln und eine lautes Rascheln ließ Rose zusammenzucken, da war tatsächlich eine Bewegung! Die alte Frau sprang auf sie zu. Vor Schreck war Rose wie gelähmt. Das konnte nicht sein, sagte sie sich, das musste ein Gebüsch sein, in dem es raschelte. Da rollte plötzlich der Kopf der alten Frau mit einem dumpfen Knacken über den Boden. Rose kreischte erschrocken auf.
„Was hast du denn, du Angsthase.“, maulte Patricia und gab ihr einen leichten Klaps auf den  Hinterkopf. „Das war eine Katze. Oh Gott, mit dir muss man sich ja schämen.“
Rose wurde rot. Tatsächlich sah sie eine schwarze Katze, deren Augen in der Dunkelheit leuchteten, wie Scheinwerfer und die sich vor ihr auf dem Rücken wälzte. Flüchtig strich Rose dem Tier über den Kopf und setzte dann mit zitternden Knien ihren Weg fort. Wie peinlich das gewesen war. Sie wollte am Liebsten im Boden versinken.
Endlich hatte Rose die kleine Treppe erreicht und stieg sie, immer noch mit hochrotem Kopf empor und tastete nach der Klingel. Fast wäre sie erneut erschrocken, als sie das schrille Ringen der Glocke hörte. Doch diesmal war es ihr gelungen, sich zusammen zu reißen. Eine Weile war es still. Dann antwortete eine alte Dame: „Ja?“
„Wir sind es, die Pfadfinderinnen Rose und Patricia, hätten Sie Interesse an ein paar Keksen für einen guten Zweck?“, fragte Rose und zwang sich, ihre Stimme klar und deutlich klingen zu lassen.
Patricia kicherte spöttisch. Die hatte gut reden. Ließ ihre Kameradin immer voraus laufen und die ganze anstrengende Arbeit machen.
„Aber natürlich, Mädchen, kommt rein.“, sagte die Dame freundlich, „es ist nur, leider liege ich im Bett und kann euch nicht aufmachen. Aber meine Kellertür steht offen. Geht doch einfach durch den Keller rauf zu mir, seid so lieb, ja?“
Verwirrt schauten die Mädchen sich um, da entdeckten sie auf der linken Seite der kleinen Treppe eine graue Tür, die aussah als wäre sie aus eingeschmolzenen Kerkertüren gegossen. Sie stand einen Spalt breit offen. Und dahinter herrschte nichts als absolute Finsternis. Vor Schreck konnte Rose sich nicht rühren. Sie wollte sich auf der Stelle davor drücken, einfach umkehren und gleich zum nächsten Haus weitergehen, so als wäre nichts gewesen. Aber das wäre unfair der alten Frau gegenüber. Alte Leute waren oft einsam und freuten sich über jeden Besuch. Und wenn es nur spendensammelnde Pfadfinderinnen waren.
„Jetzt beweg dich doch mal Rose, werd endlich erwachsen. Oder hast du etwa Angst vor der Dunkelheit?“, spottete Patricia mit schneidender Stimme. Es gefiel ihr, Rose aufzuziehen und lenkte sie von ihrer Wut auf Georgia ab.
Rose wollte kein Feigling sein. Sie zwang sich, sich in Bewegung zu setzen, obwohl sich alles in ihr dagegen sträubte. So als müsse sie in einen eiskalten See eintauchen und zwar komplett, sogar mit dem ganzen Kopf. Langsam stieg sie die knarzenden Treppen nach unten. Wie in Zeitlupe fühlte sich die Zeit an. Noch war sie draußen, noch war alles gut. Jetzt war sie schon einen Meter näher und noch einen und noch einen.
„Komm schon Rose, beeil dich, keine Sorge, ich bin dicht hinter dir.“, meinte Patricia. Jetzt klang sie beinahe nett. Rose fühlte sich bestärkt und zerrte an dem eiskalten Griff der Tür. Sie musste kräftig ziehen, die Tür war ziemlich schwer. Dann holte sie tief Luft. Nicht zu viel darüber nachdenken, sagte sie sich, biss die Zähne zusammen und machte einen Schritt. Bildete sie sich das ein, oder war es in dem Keller tatsächlich noch kälter als draußen? Es roch ziemlich muffig. Als Rose den zweiten Fuß ins Innere zog, da hatte sie das Gefühl, als würde ihr eine klebrige Geisterhand durchs Gesicht streifen und nicht mehr loslassen. Da begann ihr Herz in alarmierter Panik zu hämmern als sie verzweifelt versuchte sich von dem Gefühl zu befreien. Ein Spinnfaden. Und sie wusste, was das bedeutete. Es gab hier Spinnen.
Sie drehte sich erschrocken um und wollte gerade wieder nach draußen laufen. Im Türspalt sah sie Patricias Gesicht, sie grinste hämisch. Die beiden Mädchen sahen einander nur für ein paar Sekunden an. Dann schloss Patricia von draußen die Tür und schob den Riegel vor.
Ein verzweifelter Schrei entrang sich Rose‘s Kehle und Tränen traten ihr in die Augen vor Enttäuschung, Angst und Wut über diesen gemeinen Streich. Sie rüttelte an der Tür, bat Patricia, zu öffnen, doch sie hörte nur ein leises Kichern und wie Schritte sich entfernten.
In der Auswegslosigkeit der Situation wusste Rose sich nicht anders zu helfen, als indem sie laut zu schreien anfing, sie schrie und weinte, damit die alte Dame oder ein anderer Erwachsener sie rausholte. Sie schrie eine ganze Weile, bis ihr klar wurde, dass man sie nicht hören konnte. Als ihr nun allmählich  die Kraft zum Weinen ausging öffnete sie ganz langsam die Augen. Verblüfft stellte sie fest, dass es gar nicht so dunkel war, wie sie geglaubt hatte. Durch ein Fenster schien das Licht einer Straßenlaterne direkt in den Raum in dem sie stand. Sie ballte die Fäuste. Es nützte ja doch nichts, hier drinnen festzusitzen und zu weinen. Wenn sie sich beeilte, hatte sie die Situation vielleicht viel eher ausgestanden als wenn sie hier auf Hilfe wartete. Was hatte die alte Frau doch gesagt? Einfach durch den Keller durch nach oben sollte sie laufen. Als ob das so schwer wäre. Wenn sie nur schnell lief und nicht so genau hinschaute, dann war sie vielleicht schon draußen.
Sie machte ein paar entschlossene Schritte durch den Raum.
Plötzlich knackte es deutlich im Regal. Da! Sie hatte eine Bewegung gesehen. Ihr Herz machte einen weiteren Sprung, doch noch ehe sie die Augen ganz geschlossen hatte, sah sie die Maus vor ihr über den Boden trippeln.
Rose versuchte über sich zu lachen, doch es gelang ihr nicht ganz. Irgendwo hatte sie mal gehört, dass es half, wenn man vor sich hin sang. Sie versuchte es. Doch ihre eigene Stimme klang so ängstlich, dass es sie nur noch mehr verunsicherte. Da war sie wieder, in ihrem Nacken. Die klebrige Geisterhand. Energisch rubbelte und schlug sie gegen ihr Genick um den Spinnenfanden loszuwerden.
Sie durfte jetzt nicht daran denken. Nicht jetzt, sonst war sie verloren. Doch wie das so war, mit den Gedanken- sie musste daran denken.
Als sie noch ganz klein war, da hatte sie mit ihrer Mama Himbeeren gepflückt. Es war ein heißer, trockener  Sommertag. Sie hatten so viel Spaß gehabt, waren durch die Büsche geklettert und hatten zusammen gelacht. Da hatte sie gerade wieder eine Beere in der Hand. Doch da war noch etwas anderes, als die glatte, etwas feuchte Frucht. Etwas kratziges, Raues. Ein kleines Blatt? Sie öffnete die Hand. Es krabbelte auf kleinen spitzen Beinen, wie Nadeln, ohne erkennbare Füße. Es war kein Blatt. Es war eine Spinne. Rose brülle vor Angst und hielt ihrer Mama die Hand hin. Die Spinne war so schnell! Sie war schon auf ihrem Handgelenk. Und sie konnte die trockenen trippelnden Schrittchen immer weiter spüren, die Beinchen hoben uns senkten sich so unberechenbar flink. Sie weinte und hielt ihrer Mama den Arm hin, damit sie die Spinne wegnahm und totmachte, doch ihre Mama schrie ebenfalls und wich vor ihrem Kind zurück.
Da kam endlich ihr Vater. Er lachte seine Frau und seine Tochter aus, dann fegte er die Spinne mit der Handfläche von Rose runter und trat kräftig darauf.
Rose hatte gedacht, sie würde sich besser fühlen, wenn die Spinne tot war. Was war das dann für ein seltsamer Schmerz und für eine Traurigkeit, die sie nun fühlte, tief in ihrem Magen? Sowas wie Angst und zugleich...Mitleid. Die Spinne hatte es sich ja nicht ausgesucht, so scheußlich zu sein. Und trotzdem musste sie dafür bezahlen. Eine Träne floss über ihre Wangen.  Es war lächerlich aber Rose würde diesen Tag nie vergessen, sie hatte sich selten so schlecht gefühlt.

Und natürlich dachte sie nun wieder daran und fühlte sich wieder schlecht. Konnte sie nicht einfach an was anderes denken? Ein Schritt nach dem Anderen. Sie ging wieder weiter. Huch-lauerte hinter dieser Ecke ein Mann? Nein, es war nur ein alter Autositz. Je weiter sie ging umso sicherer fühlte sie sich. Vielleicht, vielleicht gab es hier einfach nur viele Spinnweben, aber keine Spinnen. Weil die Spinnen ihre Häuser längst verlassen hatten. Das kam manchmal vor. Genauso musste es sein, sagte sich Rose. Sie würde einfach weiter gehen und keiner Spinne begegnen keiner einzigen. Sie musste nur schneller laufen als die Spinnen.  Sie fühlte sich ein bisschen als würde sie sehr schnell über eine morsche Brücke laufen. Dabei hämmerte ihr Herz wie verrückt. Sie war nun in einem langgezogenen Flur an dessen Ende ein schwaches Licht glimmte und eine Treppe nach oben führte. Fast geschafft. Sie beschleunigte ihren Schritt.
Nach drei Schritten hielt sie jedoch so abrupt inne als wäre sie eingefroren worden. Im ersten Moment war sie nur erstarrt. Dann brüllte sie los. Vor ihr, an der Decke war ein gewaltiges Spinnennetz. Und in dessen Mitte saß eine dicke schwarze Spinne. Ihre haarigen Beine machten sich bereit auf sie zuzuspringen. Rose rannte zurück in den Raum aus dem sie gekommen war und vergrub den Kopf zwischen ihren Knien. Ihr Herz klopfte so stark, dass es schon weh tat. Tränen der Verzweiflung tropften auf den Boden. Es war auswegslos. Wie sollte sie nun jemals wieder hier raus kommen? Nie im Leben traute sie sich unter so einer riesigen Spinne durch zu laufen. Und das würde sie auch nicht. Sie schüttelte energisch den Kopf. Dann würde sie eben hier bleiben und warten. Früher oder später würde jemand sie schon finden. Würde sie eben warten müssen. Alles lieber, als noch einmal zurück zu dieser schrecklichen Spinne. Sie fühlte den Schreck bis tief in ihre Knochen, ihr Körper war schweißgebadet. Noch immer zitterte sie.
Eine ganze Weile lang saß sie so da und wartete, bis sie sich wieder von ihrem Schrecken erholt hatte. Doch dieser Schrecken wurde gleich von neuen Ängsten abgelöst. Was, wenn es hier noch mehr von den Biestern gab? Ängstlich blinzelte sie und zuckte immer wieder zusammen und schloss erneut die Augen. Ständig glaubte sie im Dunkeln die Schatten der langen, zappeligen Beine zu sehen, die abgehakt und zugleich extrem schnell dahin staksten. Vielleicht...vielleicht war sie schon hier. Sie traute sich gar nicht mehr die Augen zu öffnen und klapperte vor Angst mit den Zähnen.
Was sagten die Leute immer? „Die Spinne haben mehr Angst vor dir als du vor ihnen.“ Sagten Spinneneltern dann ihren Kindern auch: „Keine Angst, die Menschen haben mehr Angst vor euch als ihr vor ihnen.“ ?
Rose dachte über diese Frage nach, um sich ein bisschen von ihrer aussichtslosen Situation abzulenken. Sie stellte sich eine Spinnenmama vor. Eine...ganz besonders un-zappelige Spinne mit einem freundlichen Lächeln und einer lieblichen Stimme. Es gelang ihr nicht so richtig. Was war es eigentlich, was ihr an den Spinnen solche Angst machte? Dass sie so klein und flink waren, dass sie so herumzappelten? Wenn sie stattdessen ein Fell hätten und kürzere Beine und etwas größer wären? Nein, auch das überzeugte Rose nicht. Sie hatte aber mal gehört, dass Spinnen mit Krebsen verwandt waren. Und Krebse fand sie auch nicht eklig oder unheimlich. Sie stellte sich die Spinnenmama also als einen Krebs vor...oder eine Krabbe? Den Unterschied kannte sie da nicht so genau. Mit einem großen, flachen, fließenförmigen Körper mit einer orangeroten Farbe. Aber ohne Scheren, denn soweit sie wusste, hatten Spinnen keine Scherenhände. Und sie, Rose war das Spinnenkind, eine knuffige kleine Spinne mit Kulleraugen, Wimpern, einem Kussmund und blonden Haaren wie in einem Zeichentrickfilm. Wobei sie bezweifelte, ob sie so eine Spinne nicht trotzdem eklig finden würde. Rose bemühte sich, ihre Geschichte weiterzuspinnen, dabei stand sie langsam auf und machte einen zittrigen Schritt nach vorne. Sie war also eine kleine Spinne namens Elvira und sie hatte unglaubliche Angst vor Menschen. Und die Spinnenmama würde ihr sagen: „Beiß die Menschen und mach ihnen wahnsinnige Angst...“ Nein, Schnitt. Sie blieb stehen. So wollte sie nicht, dass ihr innerer Film lief.
Die Spinnenmama würde sagen: „Ich kann verstehen, dass  du Angst hast.“
Rose machte einen Schritt nach vorn.
Angestrengt dachte sie weiter an die Spinnenmama.
Die würde sagen: „Menschen sind eklige Tiere. Sie laufen auf ihren Hinterpfoten...und haben nur zwei Augen und fast kein Fell und stinkende Socken, die sie überall liegen ließen.“
Rose kicherte als sie zwei Schritte weiter machte. Der letzte Satz kam von ihrer eigenen Mama, wenn sie sich über die Socken ihres Mannes ärgerte.
Wenn Spinnen Socken tragen würden...oh Mann, das würde ganz schön dauern, die alle an und auszuziehen. Und wenn einer davon verloren ging? Sie machte noch einen Schritt. Langsam wurde sie wieder unruhig, da sie an die Stelle kam, an der sie zuletzt auf die Spinne getroffen hatte. Sie fühlte wieder wie es in ihrer Brust eng wurde. Mit schweißnassen Händen starrte sie auf den Boden während sie sich wieder auf die Spinnenmama konzentrierte.
„Menschen sind unheimlich und bedrohen uns mit einer aufgerollten Zeitung oder einem Staubsauger. Aber das machen sie nur weil...weil...“ langsam fiel es Rose immer schwerer sich zu konzentrieren weil die glaubte, die Nähe der Spinne, der echten Spinne zu fühlen. Sie versuchte ihren Atem zu beruhigen und starrte weiter auf die Fliesen am Boden.
Da war wieder die Spinnenmama mit ihren blauen Augen und den langen Wimpern und der orangeroten Hautfarbe und lächelte. „...weil sie neidisch sind weil sie auch gerne acht Beine hätten, mit denen sie schnell laufen könnten….und mit den Spinnenfäden könnten sie ihre eigene Kleidung weben und ...Häuser bauen, die sehr stabil sind...“
Rose hatte die Augen geschlossen und war einfach gelaufen, so schnell sie konnte. Vorsichtig blickte sie zurück. Die Spinne war nicht mehr zu sehen. Und wo die Spinne zuletzt gewesen war, die Stelle war weit weg.
Rose fühlte sich plötzlich unglaublich mutig und erleichtert, so als wäre sie im Schulunterricht beim Stabhochsprung über ein Hindernis gesprungen das 1,50m hoch war und als hätten alle das gesehen. Dabei war sie ganz allein in einem Keller und niemand hatte sie gesehen. Aber das machte nichts.
Sie starrte die Kellertreppe an. Dann begann sie in Rekordgeschwindigkeit die Stufen nach oben zu rennen und zwar ohne sich noch einmal umzudrehen. Wenn es um Treppen steigen ging knackte sie sicher jedes Mal den Weltrekord. Keuchend blieb sie mit dem Rücken zur Wand stehen. Diese Regel kannte jedes Kind und jeder Erwachsene. Die Kellertreppe läuft man immer so schnell hinauf wie man nur kann.
Inzwischen umfing sie eine angenehme Wärme und ein gemütlicher Duft nach heißem Tee. Sie marschierte schnurstraks dorthin wo sie das Licht brennen sah.
Sie fand sich in einem Schlafzimmer wieder, in dem eine alte Dame in einem großen weißen Bett lag. Sie lächelte ihr freundlich zu und richtete sich etwas auf. An dem großen Gipsbein konnte Rose erkennen, warum die alte Frau im Bett lag.
Sie schien sich wirklich zu freuen, dass sie besucht wurde und in Roses Brust breitete sich nun ein wärmendes Gefühl aus, das sie die ausgestandenen Ängste sofort vergessen ließ.
„Wie schön.“, sagte die alte Dame, „nanu, ich dachte ihr wärt zu zweit.“
„Meine Freundin hatte zu große Angst vor dem Keller.“, erklärte Rose wahrheitsgemäß.
„Wie schade.“, meinte die alte Dame, „dir ist doch sicher sehr kalt. Möchtest du eine Tasse Tee?“ Sie zeigte auf die Teekanne auf ihrem Nachttischchen.
„Tassen findest du in der Küche in der Kommode. Und dann kannst du mir gleich meine Geldbörse holen.“
Mit einer Leichtigkeit als würde sie schweben, bewegte Rose sich durch die Wohnung und fand alles sofort, so als wäre sie hier zu Hause. Dann trank sie mit der Dame eine Tasse Tee und reichte ihr die Geldbörse.
Natürlich nahm sie ihnen auch ein paar Kekse ab und drückte Rose einen großen Geldschein in die Hand.
„Aber Madam..“, meinte Rose verlegen. Sie wollte die Dame ja nicht um ihre Rente bringen.
„Nichts da, es ist ja für einen guten Zweck!“, beharrte die Frau.
Dann erzählte sie Rose davon, wie sie selbst einmal Pfadfinderin gewesen war und was für haarsträubende Abenteuer sie dabei erlebt hatte.
„...und ich hatte nichts zu trinken mit, stell dir das vor! Natürlich versuchte ich, mit einem Loch im Boden, einer Folie und einem Becher etwas Wasser zu gewinnen, doch da wartet man eine ganze Nacht. Also war auch das keine Lösung. Da dachte ich, ich könne es wie ein Kamel machen und einfach ganz viele Blätter essen, da Blätter auch Wasser enthalten. Zum Glück hat mich dann ein alter Farmer gefunden und zurück zur Gruppe gebracht.“
Rose kicherte. Sie hatte sich mit der alten Dame so gut unterhalten, dass sie völlig die Zeit vergessen hatte.
Plötzlich klingelte es an der Tür.
„Ich gehe ran.“, bot Rose an.
„Das ist sehr lieb von dir Rose.“
Rose nahm den Hörer der Gegensprechanlage ab. „Hallo?“
„Hallo? Rose? Gott sei dank. Wir haben dich schon gesucht.“ Es war die Betreuerin Susan. Rose konnte hören, wie diese mit jemand anderem sprach. „Patricia, was redest du? Rose hat sich gar nicht im Keller verirrt. Du solltets wirklich besser auf deine Partnerin aufpassen. Ich verstehe ja, dass du Angst vor Mäusen hast, aber Rose wäre ja da gewesen, sie hätte dir bestimmt geholfen.“
Da war sich Rose nicht so sicher. Zum Glück fragte die Betreuerin sie nicht danach. Sie wollte nur wissen: „Bist du fertig, Rose? Deine Eltern warten schon.“
Rose nickte und legte auf. Dabei vergaß sie, dass man das natürlich nicht hören konnte und ließ zurück zu der alten Dame.
„Mrs. Dominguez ich muss jetzt leider gehen. Gute Nacht!“
„Vielen Dank für deinen Besuch, Rose. Es hat mich wirklich sehr gefreut. Komm doch bald wieder.“
„Bestimmt!“, versprach Rose und machte sich auf den Weg zum Ausgang. Diesmal nicht durch den Keller. Für heute hatte sie genug Aufregung gehabt.

„Rose, du hast wohl wieder mal getrödelt!“, meinte die Betreuerin Susan, ein Mädchen von 16 Jahren, das sich nach dem Pfadfindertreffen mit ihrem Freund treffen wollte.
Als sie jedoch sah, wie viele Kekse Rose verkauft hatte, war sie sehr stolz auf sie.
Wo war denn nur Patricia? Sie stand im Schatten eines Baumes und wich Roses Blick aus.
„Patricia, hast du Rose nicht etwas zu sagen?“, fragte die Betreuerin Patricia. Diese trat nun verlegen aus dem Schatten der Bäume hervor und starrte auf ihre Schuhspitzen.
„Tut mir leid, Rose.“, murmelte sie peinlich berührt.
Georgia, Patricias beste Freundin und Christine kicherten über Patricias rote Ohren. Da tat sie Rose sogar ein bisschen Leid und sie legte ihr eine Hand auf die Schulter und sagte.
„Das nächste Mal gehen wir zusammen.“ Patricia schaute vorsichtig auf „falls es Mäuse geben sollte.“, setzte Rose hinzu und ging davon.
 
 
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