Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Riddle'sche Inquisition

von A-7064
Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi, Mystery / P18 / MaleSlash
Albus Dumbledore Antonin Dolohow Lord Voldemort / Tom Vorlost Riddle
16.11.2021
06.08.2022
4
12.722
4
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
06.08.2022 4.557
 
Kapitel 4  – Arrest


„Was hat so lange gedauert? Sollte nicht jemand mit mir sprechen?“, fragte Tom aufgebracht, als endlich jemand den Verhörraum betrat. „Damit wir dieses Missverständnis aus der Welt schaffen können.“

„Guten Tag, Mr. Riddle“, wurde er vom Auror McGrath begrüßt.

„McGrath, sagen Sie mir, dass das ein Scherz ist“, bellte Tom. „Ein verdammt schlechter!“

Sein Gegenüber schüttelte den Kopf. „Wir führen keine Spaßverhaftungen durch. Sie sind Beschuldigter in einem Strafverfahren und wenn ich ehrlich mit Ihnen sein darf-“

„Es ist Ihnen verboten, mich anlügen“, schnitt Tom ihm das Wort ab.

McGrath blickte irritiert, schluckte und fuhr fort: „Die Beweislage gegen Sie sieht nicht gut aus … – Also, ich meine, für uns sieht sie gut aus. Sie sollten sich schon einmal einen guten Anwalt suchen, wenn ich Ihnen das raten darf.“

Tom brummte. „Sie dürfen nicht nur, Sie sind verpflichtet, mich auf mein Recht, einen Anwalt zu bestellen, hinzuweisen. Hätten Sie das nicht gemacht, hätte das ziemlich schwierig für Sie werden können.“

„Wie gut, dass ich das dann gemacht habe.“ Er lächelte süßlich und schlug die Akte vor ihm auf. „Wollen wir mit der Vernehmung starten oder bestehen Sie auf einen Anwalt?“

Triumphal lehnte Tom sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich gebe keinen Ton von mir, bis nicht mein Anwalt kommt und mir die Situation erklärt.“

Der Auror seufzte. „Das lässt Sie verdächtig erscheinen, seien Sie sich dem bewusst. Ich weiß nicht, ob Sie diesen Anschein wirklich erwecken wollen.“

Von solch billigen Trick ließ Tom sich nicht beeindrucken. Er wurde des Mordes an Josef Stalin beschuldigt – bei Merlin – natürlich hatte er erwartet, dass die Auroren sogleich alle Register ziehen würden. Doch er war zu intelligent, um von sich ein Geständnis erpressen zu lassen. „Ich bin mir nicht sicher, ob sie das überhaupt dürfen“, sagte er mit kühler Stimme. „Also holen Sie mir einen Anwalt.“

„Wen darf ich denn für Sie anfragen?“

Ein bisschen erheitert beobachtete er, wie McGrath aufgab. So mochte er seine Mitmenschen – kriecherisch und im Bewusstsein, dass er weit über ihnen stand. Seine Freude wurde gedämpft, als sein Gegenüber es wagte, den Mund aufzumachen und etwas hinzuzufügen.

„Wen können Sie sich denn leisten?“

Tom hatte kein Geld übrig. Das sah man seiner Kleidung, die er wieder viel zu lange für den gesellschaftlichen Geschmack trug. Nicht ohne Grund hauste er in der Nokturngasse – in einer kleinen, abgewirtschafteten Wohnung – und arbeitete in einem Lager, um die Miete zu bezahlen. Er hatte keine Ersparnisse, daher würde er keine Person bezahlen können, die sich an seiner Stelle mit den Auroren herumschlug. Jedoch wollte er ein bisschen Zeit gewinnen. „Informieren Sie Abraxas Malfoy … bitte.“ Galle kam hoch und er musste sie hinunterwürgen. „Und bringen Sie mir eine Aufstellung der Beweislage gegen mich!“

oOo


Es dauerte eine Stunde – wenn nicht gar mehrere, aber nach einer hatte er das Zeitgefühl verloren – bis sich die Tür zum Verhörraum wieder öffnete. Mit bleischwerer Miene trat McGrath hinein … – ohne Begleitung. Tom fluchte in Gedanken.

„Wir haben Mr. Abraxas Malfoy informiert“, sprach McGrath. „Aber er und auch sein Vater haben abgelehnt. Es tut mir leid, dass Ihr Engagement im Fall Avery so auf Sie zurückfällt, aber ich kann daran leider auch nichts ändern.“

Abraxas hatte ihn endgültig verlassen. „Dann brauche ich einen anderen Anwalt“, bellte Tom. Innerlich betete er, dass jemand seinen Fall pro bono nehmen würde. Einen Falschbeschuldigten – und dann auch noch wegen Mordes an Stalin! – zu vertreten, versprach eine Menge Prestige. Sicher würde sich zügig jemand finden lassen.

„Wir haben auch diese bereits benachrichtigt … – im kleinen magischen England gibt es ja nicht so viele Möglichkeiten. Bis jetzt hat sich noch niemand zurückgemeldet.“

Selten konnte er seinen Herzschlag so deutlich spüren wie in diesem Moment. Es hämmerte gegen seinen Brustkorb, wie ein Boxer auf seinen Gegner einschlug. Stoßweise ging sein Atem, er atmete aus, doch kaum ein. Tom stützte den Kopf auf die Hände. Seine Haare fielen vor die Augen und verbargen seine Krise vor der Außenwelt. Er zwang sich, seine Atemgänge zu navigieren, zählte bis fünf, ehe er wieder ausatmete. Als er sich halbwegs beruhigt hatte, hob er seinen Blick wieder. McGrath sah ihn mitleidig an. Am liebsten hätte Tom ihm die Hände um den Hals gelegt und den Kehlkopf zerquetscht. Das Röcheln versprach meditativ zu wirken.

„Was liegen denn für Beweise gegen mich vor?“, forderte er zu wissen.

McGrath, der nur in der Tür gestanden hatte, schloss sie hinter sich und ließ sich auf einem Stuhl nieder. „Dann sind Sie also mit einer Befragung einverstanden?“

Tom nickte.

„Sie verzichten auf die Anwesenheit eines Anwalts?“

„Vorübergehend!“

Sein Gegenüber klappte die Akte, die er mitgebracht hatte, auf. „Wir fangen mit einer einfachen Frage an: Wo waren Sie am 28. März 1953?“

Tom zögerte und legte sich die nächsten Worte gut zurecht. „Nicht in der Sowjetunion ... – das ist doch eigentlich alles, was wichtig ist.“

„Ich bitte Sie“, sagte McGrath und seine Augenbrauen wanderten die Höhe. „Sie sind beschuldigt, ein ausländisches Staatsoberhaupt umgebracht zu haben! Die Sowjets haben uns Kopien der Beweise geschickt und einen Auslieferungsantrag gestellt! Nach den Ermittlungen werden Sie vor den Gamot gestellt. Er wird über eine Überstellung entscheiden.“

„Sie werden doch keinen englischen Staatsangehörigen ausliefern … – doch nicht in die Sowjetunion mit ihren menschenunwürdigen Gulags und den geheimen Gerichtsverfahren!“ Tom lehnte sich weit über den Tisch, sodass seine Nasenspitze beinahe mit der vom Auror beinahe zusammenstieß.

Dieser legte den Kopf schief. „Die sowjetischen Regierungszauberer haben die Zähne gefletscht. Die wollen Sie unbedingt haben und haben ernsthafte innenpolitische Konsequenzen angedroht. Ich weiß nicht, wie es in der Muggelwelt läuft, aber einige haben sich schon für eine Auslieferung ausgesprochen, um die transnationalen Beziehungen nicht zu gefährden.“

„Muggelwelt?“, ächzte Tom. „Wie kommen Sie nun auf die Muggelwelt?“

„Da kommen Sie doch her?“, fragte McGrath wunderlich. „Sie sind doch muggelstämmig?“

„Nein! … – halbblütig. Ich bin ein Halbblut.“

Falten bildeten sich auf dem Gesicht seines Gegenübers und Tom wusste, dass dieser ihm nicht so recht glaubte. „Keine Hexe und kein Zauberer außer Ihnen heißt Riddle.“

„Mein Muggelvater hieß Riddle, meine Mutter war eine Hexe“, zischte Tom. „Ich wüsste nicht, weshalb ich mich deshalb rechtfertigen müsste.“

„Es war nur eine Feststellung. Ich wollte Ihnen nicht unterstellen, dass Sie lügen würden.“ Er hob abwehrend die Hände. Für einige Sekunden sahen sie sich an, dann fuhr McGrath fort: „Dann, sagen Sie mir nun, wo Sie am 28. Februar waren? Ich habe mit Mrs. Gardener gesprochen und Sie hat uns mitgeteilt, dass Sie an diesem Tag nicht gearbeitet haben.“

Tom schluckte. „Ich hatte freigenommen und bin herumgereist … – in England.“

„Es ist schon ein dummer Zufall, dass Sie ausgerechnet am Tattag Urlaub genommen haben. Haben Sie mit irgendjemandem gesprochen an diesem Tag? Dass Sie wenigstens für einen Teil des Tages ein Alibi haben?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe an diesem Tag mit niemandem gesprochen. Vielleicht hat mich irgendjemand gesehen, aber ich kann keine Person benennen.“

McGrath blickte ihn finster an. „Das trifft sich nicht gut. Wo waren Sie?“

„Spielt das eine Rolle?“

„Sie haben kein Alibi, Wenn Sie nicht mal benennen wollen, wo Sie in England waren, wird es unmöglich, ihren Aufenthaltsort ausfindig zu machen und gegebenenfalls entlastende Hinweise zu sammeln. Sie wissen sicher, dass wir in alle Richtungen ermitteln sollen, auch zur Entlastung eines Verdächtigen.“

Er ballte die Hände. „Es würde zu nichts führen, da bin ich mir sicher. Lassen Sie es, wie es ist.“

„Sie stehen momentan in keinem guten Licht da, das muss ich Ihnen wohl nicht sagen.“ McGraths Augen hatten das Funkeln eines Trüffelschweins übernommen. „Wir haben Ihre Wohnung durchsucht und das, was wir dort gefunden hatten, lässt uns davon ausgehen, dass wir einen Serienmörder gefunden haben. Selbst wenn Sie nicht Stalin ermordet haben sollten, die Schlinge um Ihren Hals zieht sich immer fester.“

Tom warf den Kopf in den Nacken und drückte seine Hände auf die Augen. Sie hatten es gefunden! Er wusste, was es mit dem auf sich hatte, doch es wurde unmöglich für ihn dies zu erklären. Niemand würde ihm glauben und er hatte keine Beweise zur Hand. „Es ist nicht das, wonach es aussieht.“ Der Satz eines jeden Verbrechers, der auf frischer Tat ertappt wurde. Es war die Wahrheit! Es gab keine Worte, die es besser auszudrücken vermochten!

„Es sieht danach aus, als seien Sie für eine Serie an Vergewaltigungen und Morden verantwortlich!“, brüllte McGrath ihn an. „Wir haben blutige Kleidung gefunden und das Blut stammt von den Muggelopfern. Erklären Sie sich! Die Zeitungen haben es schon in ihren Schlagzeilen – wahrscheinlich ist es der Grund, weshalb Sie keinen Anwalt finden. Es ist Öl im Feuer derer, die Sie ausliefern wollen.“

Sein Herz schlug so rapide, als wäre es auf der Flucht. Tom versuchte, dem Blick seines Gegenübers standzuhalten, doch während er in die anklagenden Augen schaute, begann sich der kleine Raum zu drehen. Er musste sich am Stuhl festhalten, um nicht im Sitzen nach vorn zu fallen. Alle Kraft schien aus seinem Körper gesogen zu werden. Er wollte nur nach vorn kippen und sein Gesicht und die Arme gegen die kühle Tischoberfläche drücken.

„Bleiben Sie ruhig“, drang die Stimme McGraths an sein Ohr. „Atmen Sie langsam.“

Zwischen jedem Atemzug begann er bis fünf zu zahlen. „Es … – ist … – nicht – … meins.“

„Lassen Sie sich Zeit“, forderte er. „Es nützt nichts, wenn Sie jetzt ersticken.“

Er kniff die Augen zusammen und ermahnte sich nochmal. Als er sie wieder öffnete, reichte McGrath ihm ein Glas. Er schüttete das Wasser hinunter und merkte erst in diesem Moment, dass er schrecklich durstig gewesen war. Siedend heiß fiel ihm ein: „Ich brauche noch mein Insulin.“

„Sie brauchen was?“

„Insulin. Ich muss es mir jeden Morgen und Nachmittag spritzen. Es ist ungemein wichtig.“

„Spritzen?“

„Ja“, hisste er. Was gab es an diesem einfachen Satz nicht zu verstehen?

„Ich kann Ihnen hier keine Spritze überlassen, um … – was auch immer Sie machen wollen.“

„Es ist eine medizinische Bedingung“, beharrte Tom. Er lehnte sich über den Tisch. Zwar war ihm noch schummrig und beim Aufstehen würde er zur Seite kippe, aber er war drauf und dran dem Auror den Kopf abzureißen. „Sie müssen es tun. Ich habe Diabetes … – eine Muggelkrankheit. Recherchieren Sie von mir aus, aber machen Sie Ihren Job!“

McGrath schien nicht überzeugt. „Fahren wir erst einmal mit der Befragung fort und dann sehe ich, was ich tun kann, ja?“

Tom knirschte mit den Zähnen. Er sah sich aufspringen und den Tisch umwerfen. Er sah sich schreiend und auf den Auroren einprügelnd. Er würde seinen Zauberstab greifen und ihm einen Todesfluch entgegenschleudern. Es wäre nicht das erste Mal, dass er das tun würde.

Sein Hand drückte gegen die Stelle, wo er sonst seine Lieblingswaffe verwahrte. Sie fasste ins Leere. Seinen Zauberstab hatte man ihm abgenommen. Er konnte nicht zaubern. Würde er McGrath angreifen, würden zehn Auroren hereingestürmt kommen und sie auseinanderzerren. Es wäre ein Gemetzel. Seufzend stirch er sich die wirren Haare aus dem Gesicht. Die Realität hatte ihn eingeholt.

„Machen wir das“, sprach er mit atemloser Stimme. „Die blutgetränkte Kleidung, die Sie gefunden haben … – Es sind nicht meine. Ein Freund von mir hat für eine Weile bei mir gewohnt, weil er kein Dach über den Kopf hatte. Als ich die blutverschmierten Hosen und Oberteile fand, hatte ich ihn zur Rede gestellt und er ist abgehauen.“

Der Auror presste seinen Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. „Wie passend ...“

„Es ist die Wahrheit!“

„Dann brauche ich ein paar mehr Information“, sagte er.

Er biss sich in die Innenseiten seiner Wangen. McGrath musterte ihn akribisch, als würde er eine Zeichnung von ihm anfertigen wollen. „Sein Name ist Antonin Dolohov. Ich habe ihn am 28. Februar gesucht, am 27. Februar hatten wir unsere Auseinandersetzung. Er kam mit blutverschmierten Sachen abends heim und ich fragte, was passiert sei. Er meinte, er sei in einen Unfall verwickelt gewesen und habe erste Hilfe geleistet, aber das erschien mir unglaubwürdig. Er gab mir keine zufriedenstellende Antwort, als ich nachfragte, sondern wurde aggressiv. Irgendwann ist er einfach gegangen und am nächsten Tag, als ich über die Nacht nichts von ihm gehört hatte, habe ich mir Sorgen gemacht. Daher habe ich ihn gesucht.“

McGrath war ein schlechter Schauspieler. Sein Unwillen, die geschilderten Tatsachen zu glauben, stand ihm aufs Gesicht geschrieben.

Tom biss sich auf die Unterlippe. Tatsächlich hatte er dem Auror ein Märchen erzählt, doch es besaß einen wahren Kern. Darauf kam es an. Weder die Muggel noch Stalin hatte Tom umgebracht und er war sich ziemlich sicher, dass Antonin für die Mordserie verantwortlich war. Er ärgerte ihn, dass er nicht eher bemerkt hatte, was für ein schlampiger Mörder der Dolohov war. Als einzigem Unterstützer der Ritter hatte Tom ihm Obdach geboten, im Irrglauben Antonins mörderische Lust kontrollieren zu können. Alles wäre problemlos verlaufen, hätte dieser nicht wahllos Muggel umgebracht oder sich wenigstens um die Verschleierung seiner Täterschaft ein paar Gedanken gemacht. Die Impulsivität, mit der Antonin seine Taten beging, war Wahnsinn im Vergleich zu Toms Gerissenheit. Unter keinen Umständen wollte Tom für den anderen büßen.

„Wenn Sie mir eine solch unglaubliche Geschichte erzählen wollen, dann sollten Sie Nachweise liefern“, sagte der Auror. „Und es sollten welche sein, die wir nachprüfen können. Sprechen Sie und am besten wasserdicht. Oder wollen Sie lieber noch eine Weile warten und sehen, ob Sie einen Anwalt auftreiben können?“

Seine Finger krallten sich um die Stuhllehnen. „Ich brauche keine Zeit, aber ich brauche das Insulin. Haben Sie es nicht sichergestellt bei der Wohnungsdurchsuchung?“

„Ich muss nachsehen“, wiegelte McGrath es ab. „Nochmal: Sie wollen mir erzählen, Antonin Dolohov sei wahrscheinlich ein Mörder und sie haben ihn am 28. Februar gesucht? Auch wenn das niemand bezeugen kann?“

„Ja ...“

Der Auror schnappte nach Luft. „Ich muss Ihnen sicher nicht erzählen, was ich von dieser Aussage halte.“

„Nein, aber sie können die Lestranges nach Antonin Dolohov fragen. Sie können Ihnen bestätigen, dass Dolohov während seines Aufenthalts bei Ihnen, vor ungefähr zwei Wochen, einen Hauselfen umgebracht und seziert hat.“ Tom verschränkte die Arme und überschlug die Beine.

McGrath sah angeekelt weg und blies die Backen auf. „Das werden wir … – den Kollegen, der das machen werden muss, beneide ich nicht.“

„Haben Sie meinen Zauberstab auf die letzten gesprochenen Zauber untersucht?“, drängte er.

„Natürlich“, sagte er knapp. „Einer meiner Mitarbeiter sitzt daran und wird das für die letzten Wochen zurückverfolgen.“

„Dann werden Sie festgestellt haben, dass ich zum Zeitpunkt der Muggelmorde keinen Zauber gesprochen habe, der irgendeinen Menschen verletzten könnte.“

Sein Gegenüber verengte die Augen.

„Wie bitte? Wollen Sie mir das Gegenteil zeigen?“, hisste Tom. „Ich weiß, welche Zauber ich in den letzten Wochen gesprochen habe, oder vielmehr welche ich nicht gesprochen habe.“

„Sie haben einen starken Lähmungszauber angewandt.“

Wie ein Blitzschlag wurde Tom von der Erinnerung getroffen. Er donnerte auf den Tisch ein. „Das hat doch nichts zu bedeuten!“

Erschrocken zuckte der Auror zurück. „Es ist nicht gerade ein Alltagszauber.“

„Beweisen Sie mir, dass ich damit jemandem umgebracht habe!“ Er hatte es nicht. Es war unmöglich für McGrath, das Gegenteil zu belegen. „Sie müssen meine Schuld beweisen, nicht ich meine Unschuld.“ Um nicht ein respektloses „Machen Sie Ihren Job“ hinzuzufügen, biss er sich auf die Unterlippe.

McGrath seufzte. Er konnte es nicht! Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Auror einsehen werden müsste, dass er nichts gegen Tom in der Hand hatte.

„Lassen Sie uns fortfahren“, forderte Tom. „Stalin … – Ich habe gelesen, er wurde mit einem magischen Gift getötet. Die blutige Kleidung, die Sie gefunden haben, führt daher doch ins Nichts.“

Sein Gegenüber nickte. „Da haben Sie recht, das sind aber auch nicht die Beweise, die gegen Sie in diesem Fall vorliegen.“

„Also finden Sie mich schuldig, nur weil ich kein Alibi habe?“ Tom lachte rau. „Das kann nicht Ihr Ernst sein.“

„Sie sind derjenige, der hier Lügen erzählt“, brummte McGrath. „Protestieren Sie nicht, die Sowjets haben uns dies übersendet.“ Aus der Akte holte er einen Zettel hinaus und schob ihn zu Tom hin. Dieser riss das Stück Papier zu sich hin. „Das ist ein Flugticket. Am 27. Februar 19:35 Uhr nach Moskau, ausgestellt auf Tom Riddle. Sie haben gelogen, sie waren in der Sowjetunion.“

Bis ins letzte Detail besah Tom das Dokument. „Es muss eine Fälschung sein!“

„Ist es nicht“, dementierte der Auror. „Wir haben das geprüft. Es ist echt, jemand ist unter dem Namen Tom Riddle nach Moskau geflogen.“

„Ich war es nicht, jemand muss meinen Namen gefälscht haben“, stieß er aus. „Ähnliches habe ich gestern bei einem Versuch in Askaban festgestellt. „Jemand hat meine Unterschrift im Besucherbuch gefälscht gehabt. Man will mir etwas Anhängen.“

„Weshalb sollte das jemand tun?“, fragte McGrath. „Haben Sie Feinde?“

Tom schüttelte den Kopf. Es fiel ihm niemand ein, der dazu in der Lage gewesen sein könnte. „Ich bin ein Zauberer. Warum sollte ich in ein Flugzeug steigen?“

Sein Gegenüber zuckte mit den Achseln. „Es ist eine weite Strecke. Viele Magier reisen solche Strecke mit Zwischenstops, teilweise rasten sie, bevor sie weiterapparieren, um sich auszuruhen. Weshalb sollten Sie dann kein Flugzeug besteigen? Durch die Muggelherkunft sind Sie mit solchen Dingen vertrauter als der durchschnittliche Zauberer.“

„Ich mache so etwas nicht.“

Sein Gegenüber zog die Augenbrauen hoch. „Sie sind doch durch die Sowjetunion gereist, nicht? Vor all dem? Sie kennen sich doch ein wenig im Land aus?“

„Trotzdem habe ich nicht Stalin getötet“, zischte Tom. „Wie stellen Sie sich das eigentlich vor? Ich sei da einfach hineinspaziert, habe ihn vergiftet und bin dann wieder gegangen?“

„Ungefähr so, tatsächlich“, sagte der Auror bitterernst und blickte auf seinen Notizblock. „Aber um das noch einmal festzuhalten: Wie sind Sie während ihrer Reisen durch die Sowjetunion gewandert? Wollen Sie mir erzählen, Sie hätten als Zauberer mit muggelvertrautem Hintergrund nie eine Transportmöglichkeit der Muggel in Anspruch genommen? Sie haben nicht viele Sickel, wenn ich das mal sagen darf. Daher fällt Flohpulver und Portschlüssel für Sie weg und das Apparieren in unbekannte Gebiete ist gefährlich.“

Zwischen zusammengepressten Zähne stieß Tom hervor: „Natürlich habe ich ab und zu mal den Zug genommen.“ Er schlug wieder auf den Tisch. Es knallte und seine Hand zwirbelte durch den Aufschlag. „Aber das tut doch nichts zur Sache! Sie haben nur Indizien! Ich bin hier wieder raus in kürzester Zeit!“

McGrath schlug die Akte zu und in derselben Bewegung verschwand er aus dem Raum. „Ich komme gleich wieder.“ Keine Minute später trat er wieder in den Raum und hatte ein Denkarium mitgebracht. Mit einer bedeutungsschwerer Geste stellte er es auf den Tisch, direkt vor die Nase Toms, als wollte er ihn verhöhnen. „Da wir uns nun hierhin vorgearbeitet haben, können wir uns gemeinsam die kräftigsten Beweise gegen Sie ansehen. Es handelt sich dabei um die Erinnerungen der Wachleute Stalins.“

Mit einem unbehaglichen Gefühl betrachtete Tom die graue, flache Steinschale vor ihm, in der silberne Fäden vor schwarzen Grund ihre Kreise zogen. Mit einem Kratzen in der Stimme sagte er: „Bringen wir es hinter uns.“ Er leerte ein Glas, doch die Heiserkeit verschwand nicht.

Er tauchte in die schwarze Flüssigkeit ab. McGrath folgte.

oOo


Zuerst fand er sich in völliger Dunkelheit vor und dachte, es hätte nicht funktioniert. Ungefähr so malte er sich ein Leben nach dem Tod aus … – eine gähnende Leere von unendlichem Ausmaß, als wäre man im Inneren eines Schwarzen Lochs gefangen.

Er musste nicht lange darüber nachdenken, da entzündete sich eine Lampe. Im schwachen elektrischen Außenlicht konnte er die Umrisse eines Hauses erkennen. Jemand räusperte sich und er wirbelte herum. An der Grenze des erleuchteten Areals, vor dem riesigen Maul der Finsternis, stand McGrath und tippte ungeduldig mit der Fußspitze auf den formlosen Boden. Ohne Worte, nur mit einem knappen Nicken zeigte er an Tom vorbei. Dieser folgte der Geste und drehte sich abermals um. In sein Sichtfeld rückte ein Wachmann, der an der Hauswand gelehnt, unter dem elektrischen Licht, an seinem Posten stand. Erst auf den zweiten Blick erkannte Tom, dass neben ihm eine dunkle, vom Hintergrund kaum zu unterscheidende Tür war, die er bewachte.

Seine Umgebung studierend machte er einen Schritt nach vorn. Es erklang kein Tappen von seinen Füßen. Er konnte sich geräuschlos durch die Erinnerung bewegen. Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie McGrath sich neben ihn stellte. Dessen Blicke spürte er in seinen Nacken brennen.

Schritte ertönten. Sie wurden lauter.

Der Wachmann stieß sich verwundert von der Wand ab und schaut nach rechts und links. Tom hingegen war nicht erstaunt, es war ja klar, dass irgendetwas passieren würde. Das, was er dann aber zu sehen bekam, versetzte ihn in eine Schockstarre.

Der Besucher bog um die Ecke und zum ersten Mal konnte Riddle sich von außen betrachten.

Es war ein Klischee, dass man bei einer solchen Gelegenheit vor sich selbst erschrak. Man war schockiert von der Barschheit, die man verkörperte oder von seinem gegenwärtigen Verhalten. Manchmal ging es sogar soweit, dass man von Angst vor sich selbst erfasst wurde – obwohl man dafür nicht außerhalb seiner Selbst stehen musste.

Tom jedoch fühlte nichts derselben. Weder erzitterte er vor Angst, noch bemerkte er die außergewöhnliche Anmut, die einst in ihm gewohnt hatte. Er sah sich selbst an und dachte sich nichts, weder „Das bin ich?“ noch ein „Das bin ich!“ schossen durch seinen Kopf. Denn, anders als Dumbledore, hatte er sich nicht in Eitelkeit verloren. Anders als der Durchschnittsmensch wusste er, was er von sich selbst zu erwarten hatte … – und er enttäuschte sich nie. Er war sich selbst nie fremd geworden, aber auch nie warm. Wie alle anderen in seinem Leben war auch er nur eine Spielfigur.

Zwischen ihm und dem Wachmann stand ein Tom Riddle, wie er vor wenigen Jahren noch ausgesehen hatte. Da waren die dunklen Haare, der starke Kontakt zur blassen Haut, die aristokratisch blass, nicht kränklich bleich wirkte. Die dunklen Rehaugen, ohne roten Schimmer. Die allzu symmetrischen Gesichtszüge, ohne unmenschliche Verzerrung. Das markante Kinn, das Dumbledore vermisst hatte. Würde man den Anblick so festhalten und die Zeit ein bisschen vorwärtsdrehen, bekäme man das Abbild seines Vaters. Bis in die letzte Haarwurzel glich er seinem Vater.

„Stehenbleiben!“, rief der Wachmann. „Wer sind Sie?“

Schweigend zog Tom Riddle einen Ausweis heraus und hielt diesen seinem Gegenüber unter die Nase.

Der Wachmann nickte und ließ ihn passieren.

Seine Kopie verschwand ins Innere des Hauses.

Tom wandte sich an McGrath. „Was soll das beweisen?“

„Es beweist, dass Sie zur Tatzeit am Tatort waren.“

„Tut es da?“, fragte er höhnisch. „Es ist doch offensichtlich, dass das nicht ich war. Machen Sie die Augen auf, ich bitte Sie, dann sehen Sie, wie ich aussehe. Das war nicht ich. Diese Person war viel zu …“

„Schön?“, schlug McGrath ungerührt vor.

„Von mir aus“, brummte Tom. Aus Schönheit hatte er sich etwas gemacht. „Sie war viel zu schön.“

„So sahen Sie doch einmal aus, sogar vor nicht allzu langer Zeit.“

„Aber jetzt sehe ich anders aus. Auch ganz theoretisch gesehen, wenn ich mich tarnen wollen würde, weshalb sollte ich mich als mein jüngeres Ich verkleiden. Das macht doch keinen Sinn.“

McGrath zuckte mit den Achseln. „Ich weiß nicht, was Sie sich dabei gedacht haben. Eigentlich habe ich gehofft, dass Sie es mir erklären könnten. Vielleicht haben Sie sich auch jetzt getarnt und haben in der Erinnerung Ihr richtiges Gesicht gezeigt?“

Tom lachte. „Das ist absurd. Sie glauben, ich würde diese … – Veränderung machen, um Sie …“, er suchte nach dem richtigen Wort, „zu verwirren? Zu täuschen? Es passt an allen Ecken und Kanten nicht.“

Der Auror schwieg beharrlich, weshalb Tom weitersprach: „Jemand möchte mir diesen Mord an den Besen binden, das habe ich Ihnen schon einmal gesagt. Derjenige muss einen Vielsafttrank oder ähnliches verwendet haben.“

Sie blickten sich einander an, doch aus McGrath war keine Reaktion zu entlocken.

„Haben Sie schon an einen Vielsafttrank gedacht?“ Tom wiederholte seine Theorie.

„Warten Sie“, antwortete McGrath schließlich. „Und beobachten Sie sich, wenn Sie wieder herauskommen.“

„Das bin nicht ich“, protestierte er, doch tat, was er gesagt hatte.

Nach einer Weile trat Tom Riddle wieder heraus, nickte dem Wachmann zu und machte sich wieder auf den Heimweg. Er verschwand ins Nichts. In den Sekunden, in denen er zu sehen war, musterte Tom ihn von Kopf bis Fuß. „Er hatte kein Gepäck dabei.“

„Eine Phiole Vielsafttrank hat er nicht bei sich gehabt.“

„Aber er war auch nur eine halbe Stunde drin“, warf Tom ein. „Da hat er es nicht gebraucht.“

„Ich glaube nicht, dass er das miteinkalkuliert hat. Ich denke, wenn es sich tatsächlich um einen Gestaltswandler handeln würde, dann hätte dieser Gepäck und einen Vorrat an Vielsafttränken dabei gehabt.“ McGrath winkte ihm zu und es bedeutete, dass es Zeit war zu gehen.

Gemeinsam tauchten sie wieder auf. „Wir haben ein halbes Dutzend solcher Erinnerungen. Auch im Inneren des Hauses hat man Sie wahrgenommen. Vielleicht sollten Sie lieber gestehen und versuchen, einen Deal auszuhandeln.“

Geplättet ließ Tom sich auf seine Stuhl fallen. Sein Rücken knallte gegen die Lehne, doch er spürte den Schmerz nicht. „Warum sollte ich den Plan fassen, Stalin umzubringen und dann auch noch beschließen, es im Grunde ungetarnt zu tun?“ Er biss sich auf die Lippen. So langsam wurde deutlich, dass er reden konnte, wie er wollte. McGrath würde nicht an seiner Schuld zweifeln. Die vorliegenden Indizien waren zu wirkmächtig und es schien auch kein anderer Zauberer in Betracht zu kommen.

„Ich sage es Ihnen“, begann der Auror mit mächtiger Stimme. „Sie dachten, Sie würden nicht erwischt. Das magische Gift, dass Sie verwendet haben, ist schwer festzustellen und nach außen sieht es so aus, als wäre er an einem Schlaganfall gestorben.“ McGrath suchte seine Notizen und Zettel zusammen. „Sie sind von sich eingenommen. Sie dachten, Ihr Plan wäre so gut, dass alle die Umstände als gegeben hinnehmen und nicht weiterermitteln würden.“

„Das ist doch Unsinn!“, echauffierte sich Tom. „Das kann man vielleicht denken, wenn man seinen verrückten Onkel umbringt oder eine alte, einsame Frau. Aber doch nicht bei einem ausländischen Staatsoberhaupt.“

„Sie waren in der Sowjetunion und wussten um die politische Lage. Es soll durchaus sowjetische Politiker geben, die Stalins Tod begrüßen.“

Tom rieb sich über das Kinn. Sein Gegenüber hatte sich festgefahren und gleich, was er auch tat, er konnte ihn nicht aus den Morast aus falschen Schlussfolgerungen herausziehen. „Was war das für ein Ausweis, den mein Double dem Wachmann gezeigt hatte?“

McGrath blickte ihn eindringlich an, die Mundwinkel zuckten leicht nach oben, als ob er „Das wissen Sie doch genau“ sagen wollte. „Vom NKWD“

„Dem Geheimdienst?“, echote Tom.

„Exakt!“

Er kratzte sich am Kopf. Es wurde immer verstrickter. „Ich habe doch überhaupt kein Motiv.“

„Das finden wir noch heraus!“

Tom schnaufte. „Das will ich sehen. Scheuen Sie keine Entschuldigung, wenn Sie den Blödsinn erkennen, den Sie hier gerade von sich geben.“

Der Auror klemmte sich sein Material unter den Arm und stand auf.

„Kann ich nun mein Insulin haben?“, rief Tom ihm nach. „Ich brauche es, sonst könnte ich einen Zuckerschock bekommen. Das wollen Sie sicher nicht.“

In der Tür blieb McGrath stehen und wurde plötzlich zögerlich. „Ich muss mich mal über diese Krankheit, von der Sie sagen, dass Sie sie haben, informieren. Und sehen, wo sich diese Spritze befindet.“

„Sie ist in einem Metalletui.“

„Ich sage Ihnen Bescheid, wenn ich mehr weiß.“

Lange hatte er sich davor gedrückt und sich selbst eingeredet, dass es nicht sein musste. Er würde es allein schaffen. Doch nun wusste er keinen Weg mehr, den er noch gehen könnte. „Holen Sie Dumbledore.“

„Wen?“ Eine Frage aus Perplexität.

„Albus Dumbledore, den Schulleiter“, zischte Tom. „Er kann Ihnen weiterhelfen.“

Und vielleicht auch ihm.

McGrath nickte und zog von dannen.

Tom legte den Kopf auf den Tisch, die Hände flach daneben. Er war nur von Idioten umgeben. Wie hatte er bloß in eine solch ausweglose Situation geraten können? Irgendeiner dieser Dummköpfe, gab er sich selbst die Antwort, war ein verkanntes Genie.
Review schreiben
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast