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There you'll be (Niemand #2)

von Auriel181
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Fantasy / P18 / Het
Bofur Fili Kili OC (Own Character)
16.11.2021
18.08.2022
42
157.227
4
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06.08.2022 3.726
 
Es ging seiner Mutter nicht gut. Schon seit vielen Tagen, seit diese Männer gekommen waren und sie fortgebracht hatten, ging es ihr nicht gut. Sie war so blass und sie redete kaum noch. Er hatte solche Angst vor den Männern, doch er hatte auch Angst um seine Mutter. Er hatte sie nur einmal so gesehen, als sie nach dem Besuch bei dem schwarzen Stein auf ihrer Bank gesessen hatte und ihn nicht wahrgenommen hatte. Damals war Fili gekommen, um sie zu retten doch dieses Mal war Fili nicht hier.

Der kleine Zwerg zitterte und drückte sich enger an seine Mutter. Diese hielt ihn zwar fest, doch ihr Griff war beinahe ebenso kalt wie die Luft und er sehnte sich nach der wärmenden Umarmung seiner Amme. Doch diese hatte ihre Arme gefesselt, genauso wie Gotra und Friga. Auch Gimlis Arme waren gefesselt und seine Beine und er hatte einen ekelhaften Stofffetzen im Mund, damit er nicht schrie.

Kieren hatte mit weit aufgerissenen Augen mit angesehen, wie sein großer Freund grimmig rufend seine Axt geschwungen hatte, um ihn und die Zwerginnen zu verteidigen. Er war so tapfer gewesen und war Kieren vorgekommen wie einer der alten Helden aus seinem roten Buch. Er hatte sogar einen getroffen, einen Mann mit grauen Haaren, der mit einem Laut zu Boden gegangen war, den Kieren am liebsten vergessen würde. Doch es waren so viele gewesen und dann war Gimli auf einmal blutend zusammengebrochen und dann waren da die Männer gekommen und hatten ihn und seine Mutter und seine Amme und Gotra und Friga festgehalten und auf diesen Karren geworfen. Seitdem hatte Kieren Angst, große Angst. Er wünschte sich weit fort von hier, in die tröstlichen Wände seines Zimmers oder des Wohnraumes, wo er immer schön mit seinen Soldaten hatte spielen können.

Er wünschte sich an jene Nachmittage zurück, als er mit Kili am Bach gestanden hatte und Steine geworfen hatte oder als er zusammen mit Fili neue Worte in seinem Buch entdeckt hatte, oder als Bofur ihm die Geschichten von seinem Kampf gegen den Drachen erzählt hatte. Überall, nur nicht hier.

Eine Träne lief seine Wange hinab und er unterdrückte ein Schluchzen. Die bösen Männer mochten es nicht, wenn er schluchzte. Sie mochten es nicht, wenn irgendeiner von ihnen ein Wort von sich gab. Dann beschimpften sie ihre Gefangenen immer und stießen an den Wagen, dass sie alle herumgewirbelt wurden. Kieren drückte sein kaltes Gesicht enger an den steifen Körper seiner Mutter und vergrub seine kalten Hände unter ihrem weichen Mantel. Sein Magen knurrte, denn das bisschen Brot und Wasser, das sie bekamen, reichte nie aus, um sie alle satt zu machen, auch wenn er immer das größte Stück bekam. Kierens Hände kamen auf dem Bauch seiner Mutter zu liegen und er fühlte dort diese tröstliche Präsenz, die er schon seit einigen Tagen bemerkt hatte. Er wusste nicht zu sagen, was es war, doch es war weich und gut und erinnerte ihn in einer seltsamen Art an seine Mutter und an Fili. Manchmal summte er leise, dann wurde diese Präsenz noch stärker, noch wärmer. Die Präsenz mochte es, wenn er summte, das spürte Kieren. Außerdem schien dann auch seine Mutter ein wenig ruhiger und wärmer zu werden, wenn er summte. Also fuhr er fort damit und auch dieses Mal dankte es ihm die Präsenz damit, dass sie stärker glühte und seine kalten Hände wärmte.

Abrupt stoppte der Karren und Kierens Hände lösten sich von dem Bauch seiner Mutter. Die Zwerginnen sagten kein Wort und auch Gimli konnte nur böse Blicke in Richtung der bösen Männer werfen, die jedoch nur hämisch grinsten und ihn mit ihren Schwertern piekten.

Kieren fühlte Wut in sich aufsteigen, heiß und rot, doch er hätte ja ohnehin nichts tun können, um seinen Freund zu beschützen. Er war so klein und so hilflos… Wäre er größer gewesen, dann hätte er Gimli helfen können, gegen die bösen Männer zu kämpfen und gemeinsam hätten sie gewonnen. Heiße Bilder stiegen vor seinem Auge auf und wenn er die Augen schloss und sich konzentrierte, konnte er regelrecht sehen, wie er die bösen Männer mit seinem Bogen oder seinem Schwert angegriffen hätte und sie verjagt hätte. Sie hätten geschrien und wären geflohen und dann wäre alles gut geworden. Die Bilder loderten in ihm, wärmten ihn, verbrannten ihn und fast, fast hätte er den Mund geöffnet und sie ihnen entgegen geschleudert, den Männern, die seiner Mutter so weh taten, doch am Ende traute er sich nicht. Er wusste nicht, was passieren würde, wenn er die Bilder tatsächlich aus sich herausließ. Vielleicht etwas Schlimmes, wie beim letzten Mal und das durfte er nicht riskieren.

Traurig schloss Kieren die Augen und wartete ab, was passieren würde.

Der Anführer hatte beschlossen, es für heute gut sein zu lassen und befohlen, ein Lager für die Nacht aufzuschlagen. Sie hatten vor zwei Tagen in dem Dorf reichlich Vorräte eingekauft und seitdem ein gutes Wegstück zurückgelegt. Seine Männer hatten eine Pause verdient, bevor es am nächsten Tag die letzten fünfzig Meilen gen Norden ging, wo er die Zwerginnen als Arbeiterinnen für gutes Geld an die Orks verkaufen konnte. Die Orks bezahlten gut für frische Ware und Zwerge waren für ihre Ausdauer und Zähigkeit berühmt, selbst die Frauen. Sie würden einige Monate halten, vielleicht sogar ein Jahr, bis die Orks Nachschub brauchten.

Es war ein Glück für den Anführer und seine Bande gewesen, über die Gruppe von Zwerginnen gestolpert zu sein. Eigentlich waren er und seine Männer nach einem erfolgreichen Plünderzug im Süden schon wieder am Heimweg gewesen, als leises Stimmengewirr sie dazu gebracht hatte, zwei Späher vorauszuschicken. Diese wiederum berichteten von einem Lager von vier Zwerginnen, die nur von einem halbwüchsigen Zwerg mit einer Axt bewacht wurden. Kurzentschlossen hatte der Anführer befohlen, das Lager anzugreifen und die Zwerginnen gefangen zu nehmen. Es war keine große Aufgabe gewesen, der Widerstand, der sich ihnen in Form des halbwüchsigen Zwerges entgegengestellt hatte, war rasch beseitigt. Dass einer seiner Männer dabei sein Leben gelassen hatte, kümmerte den Anführer nicht weiter. Der Mann war ein Dummkopf gewesen und so konnte sein Anteil an die übrigen Mitglieder aufgeteilt werden.

Das Balg war nutzlos, denn er war zu klein, um zu arbeiten oder sonst wie nützlich zu sein außer für die Kochkessel der Orks. Doch er schien den Zwerginnen viel zu bedeuten, also hatte der Anführer das Kleinkind mitgenommen. Er wollte nicht, dass sie aus Kummer über den Verlust des Kindes etwas Dummes taten und ihn um seinen Lohn brachten.

Er befahl, die Gefangenen an einen Baum zu binden und ihnen ihre Ration Brot und Wasser zu bringen. Er gab ihnen gerade nur so viel, dass sie bei Kräften, doch geschwächt blieben. Besonders der rothaarige Zwerg konnte ein Problem darstellen, denn eine weitere Eigenschaft der Zwerge war, dass sie niemals aufgaben, nicht einmal wenn es glasklar war, dass sie verloren hatten.

Seine Männer gingen ziemlich rüde mit den Zwergen um, doch das störte den Anführer nicht. Er hatte ihnen klar gemacht, dass mit der Ware nichts passieren durfte, sonst verloren sie ihren Anteil an der Beute. Doch solange es sich im Rahmen hielt, durften die Männer ruhig ihren Spaß mit den Zwerginnen haben.

Er sah, wie auch der Kleine aus dem Wagen gezerrt und hinüber zu dem Baum getragen wurde, wo er unsanft auf den Schoß seiner Mutter geworfen wurde. Er weinte, doch kein Laut drang über seine Lippen, was den Anführer wenig beeindruckte. In seinem Stamm lernten die Kinder schon früh, dass Weinen nichts als Schläge brachte. Es war eine Eigenschaft der verweichlichten Südländer, dass sie bei der geringsten Kleinigkeit heulten wie ein Schlosshund und der Anführer verachtete sie dafür. Der Mann wandte sich ab und bellte seinen Männer Befehle zu weshalb ihm auch die hoch flammende Wut in den Augen des kleinen Zwergs entging, die sich ihm entgegen reckte wie ein alles vernichtendes Feuer.

Kieren war wütend. In ihm brodelte ein Hass und ein Zorn, den er weder verstehen noch zu kontrollieren vermochte. Er hasste diese Männer, hasste sie für alles, was sie getan hatten. Sie taten seinen Freunden und seiner Familie weh, sie machten der Präsenz Angst und sie ließen sie alle hungern. Sie fanden es lustig, wenn sie ihnen wehtun konnten, lachten laut angesichts des Leidens ihrer Gefangenen und all das schürte das Feuer in Kierens kleinen Leib. Sein Kopf füllte sich mit Bildern, doch es waren keine schönen Bilder. Es waren Bilder voller Hass und roter, glühender Wut.

Keiner der Männer achtete auf ihn, sie alle waren damit beschäftigt, ein Lagerfeuer zu bauen und die Flaschen mit Wein herumgehen zu lassen. Welche Gefahr sollte schon von einem Haufen gefesselter, geknebelter Zwerge und einem kleinen Kind ausgehen?

Kieren saß im Schoß seiner Mutter, doch ihre Hände waren nur lose um seinen Leib geschlungen, weshalb es dem kleinen Zwergling keinerlei Mühe bereitete, aufzustehen und ein paar Schritte in Richtung der bösen Männer zu machen. Er hörte die Rufe der Zwerginnen gar nicht, hätte sie gar nicht hören können über den tosenden Zorn in seinem Ohr und selbst wenn, er hätte nicht mehr stoppen können. Er befand sich im Rausch der Bilder und musste gehorchen.

Er blieb stehen, öffnete den Mund und schleuderte die Bilder den Männern entgegen.



Als Kieren mit einem Mal aufgestanden war und sich von ihnen entfernt hatte, hatte Ciaras Herz einen Schritt ausgesetzt. Sie hatte seinen Namen geschrien und nach ihm greifen wollen, doch sie war gefesselt, so wie alle anderen. Selbst Ketra konnte sich nicht rühren, denn ihre Beine waren ebenso gefesselt und so war auch sie dazu verdammt, ihrem Sohn mit wachsendem Horror dabei zuzusehen, wie er sich in Richtung der Männer bewegte, ohne auf ihre verzweifelten Rufe zu hören.

Tränen strömten ihre Wangen hinab und ihre Stimme war heiser vor Verzweiflung als sie ihrem Schützling dabei zusah, wie er sich direkt ins Auge der Gefahr begab.

Und dann stoppte er.

Öffnete den Mund.

Und sang.

Oh, und wie er sang.

Sein Gesang war so wunderschön, dass ihr das Herz blutete.

Und so tödlich, dass sie glaubte, hier und jetzt vergehen zu müssen.

Sie schrie, doch jetzt nicht mehr aus Furcht um ihn, sondern aus purer Agonie.

Heiß durchzuckte der Schmerz ihren Körper und nur am Rande nahm sie wahr, dass es ihren Freundinnen, Gimli und sogar den Männern ähnlich erging. Sie alle litten unsägliche Schmerzen. Die Männer waren in die Knie gesunken und pressten sich die Hände auf ihre Ohren, um den Gesang auszusperren, doch gegen diesen Gesang gab es kein Mittel. Die Noten und Worte fraßen sich tief in ihre Seele und richteten dort ein Blutbad an. Keiner entkam, ob gut oder böse, ob Mensch oder Zwerg.

Ciara flehte, flehte zu den Göttern, dass diese Pein endlich vorüber sei. Sie wollte nur noch sterben, wollte dem unendlichen Schmerz entkommen, den der Gesang des kleinen Kieren in ihr entfachte. Verzweifelt sah sie zu Ketra, suchte nach Verständnis, nach Antworten, doch auch seine Mutter wand sich unter Schmerzen und war nicht in der Lage, ihren Sohn zu beruhigen. Und dieser sang immer weiter.

Er sang von der Bosheit der Welt, von dem Untergang alles Gutem, von dem Schatten, der sich über sie alle legte und in die Dunkelheit zerrte, bis nichts mehr auf der Welt verblieb als Schmerz und Hass. Er sang von der Bosheit der Menschen und von der Lust, die sie aufgrund der Pein anderer empfanden. Es war ein Gesang von solcher Schönheit, dass nicht einmal die Götter selbst in der Lage gewesen wären, ihn so zu singen.

Ciaras Herz stockte und sie wusste, dies war das Ende. Sie starb, getötet von dem schönsten und schrecklichsten, das sie jemals vernommen hatte. Ihr letzter Gedanke galt Bofur und dass sie nun niemals die Gelegenheit haben würde, ihr Kleid aus dem schimmernden blauen Stoff zu tragen, den er ihr gekauft hatte.



Ketra starrte fassungslos auf ihren Sohn, während sie versuchten, gegen den Hass und den Schmerz anzukämpfen, der sich ihrer bemächtigen wollte.

Kieren, was haben wir nur getan? Welche Kraft haben wir erschaffen und wie sollen wir je in der Lage sein, diese Kraft unter Kontrolle zu halten?

Wenn Ketra gedacht hätte, ihr Gesang wäre stark, so wie er damals die Menschen, Zwergen und Elben vor den Toren Erebors in die Knie gezwungen hatte, dann war Kieren eine Kraft, die ganz Mittelerde zu vernichten die Macht hatte.

„KIEREN!!“ schrie sie den Namen ihres Sohnes, doch dieser wurde ihr regelrecht von den Lippen gerissen. „KIEREN!! HÖR AUF DAMIT, ICH FLEHE DICH AN! DU TUST MIR WEH UND CIARA AUCH. ICH FLEHE DICH AN, HÖR AUF, KIEREN!“

Als das kleine Kind immer noch nicht reagierte, traten Tränen der Verzweiflung in Ketras Augen. Ihre Kräfte schwanden und sie vermochte kaum noch, die Augen offen zu halten. Neben ihr lagen ihre Freunde im Schlamm, tot oder nur bewusstlos, das mochte sie nicht zu sagen. Ein kleines Flattern in ihrem Bauch zeigte ihr, dass sie nicht allein war und dass sie nicht aufgeben durfte. Ihre Kinder brauchten sie, brauchten ihre Mutter.

Mit einer unendlichen Willensanstrengung schaffte es Ketra noch einmal, den Mund zu öffnen. Dabei kroch sie auf allen Vieren in Richtung ihres Sohnes, soweit es ihre gefesselten Beine zuließen.  „KIEREN! BITTE! DU TUST MIR WEH UND DU TUST CIARA WEH! UND DU TUST DEINEM BRUDER WEH, KIEREN! DU WOLLTEST DOCH IMMER EINEN BRUDER HABEN UND JETZT BEKOMMST DU EINEN. DOCH DU MUSST DAMIT AUFHÖREN, MEIN SCHATZ, ICH BITTE DICH. HÖR AUF UND KOMM ZU UNS ZURÜCK!“

Dann brach Ketra auf der kalten Erde zusammen und ließ die Dunkelheit über sie fließen.



Kieren horchte auf, als er die Worte seiner Mutter vernahm. Ein Bruder? Er bekam einen Bruder? Es klang durchaus logisch, denn jetzt, da er eine Mutter und einen Vater hatte, musste er auch einen Bruder bekommen. So wie Fili.

War das vielleicht die Präsenz gewesen, die er gefühlt hatte, wenn er seine Hände auf den Bauch seiner Mutter gelegt hatte? Dieses Leuchten, das immer stärker wurde, wenn er summte?

Und seine Mutter sagte, dass er seinem Bruder, dem Leuchten weh tat? Mit seinen Bildern? Er hatte sie nur den bösen Männern zeigen wollen, doch was, wenn auch seine Mutter und seine Amme und seine Freunde die Bilder sahen?

Der Gesang des Kindes wurde immer leiser und erstarb schließlich ganz. Kieren drehte sich und sah, was seine Bilder getan hatten.

Um ihn herum lagen alle bewegungslos auf dem Boden, die Männer aber auch die Zwerge. Keiner von ihnen rührte sich, keiner von ihnen sprach.

Was hatte er getan?

Kieren wollte sich am liebsten auf die Erde neben seiner regungslosen Mutter werfen und weinen und heulen und darauf warten, dass jemand kam und sich um ihn kümmerte. Das hier war zu groß für ihn, viel zu groß. Hier konnte nur ein erwachsener Zwerg helfen, er war einfach zu klein dafür.

Doch es gab keine erwachsenen Zwerge mehr.

Alle erwachsenen Zwerge lagen regungslos auf der kalten Erde und das nur wegen seiner Bilder. Also schluckte Kieren die aufkommenden Tränen hinunter und begab sich zu seiner Mutter. Sie lag auf dem Rücken, die Hände über den Bauch gelegt, die Augen fest geschlossen. Kieren konnte nicht sehen, ob sie atmete, doch als er seine Hände probeweise auf ihren Bauch legte, fühlte er immer noch die tröstliche Präsenz, die ihn warm einhüllte. Also hatte er seinem Bruder nicht zu sehr wehgetan.

„Bruder“ wisperte er und die Präsenz schien für einen Moment aufzuleuchten, bevor sie wieder ihre normale Form annahm. Ein wenig getröstet sah sich der kleine Zwerg auf der Ebene um. Zumindest lagen auch die bösen Männer auf dem Boden und rührten sich nicht mehr. Einigen rann eine rote Flüssigkeit aus der Nase, die Kieren erschauern ließ.

Der kleine Zwerg überlegte. Was konnte er tun?

Er konnte hier sitzen bleiben und darauf warten, dass ihn jemand fand und ihm half, doch das erschien ihm wie keine gute Möglichkeit. Er wusste nicht, ob und wann jemand kommen würde. Es konnte noch sehr lange dauern und so lange konnte er nicht warten.

Er konnte versuchen, Ciara, Großtante Friga, Gimli, Gotra oder seine Mutter zu wecken, doch diese waren noch immer regungslos auf der Ebene verstreut und der kleine Zwerg wusste nicht, ob sie sich je wieder erheben würden.

Er konnte auch versuchen, selbst Hilfe zu suchen. Hatten sie nicht irgendwann einmal ein Dorf gesehen? Zumindest konnte er sich daran erinnern, in der Ferne Häuser und Rauch gesehen zu haben, auch wenn der Karren weit fern von der Stadt stehen geblieben war. Und auch wenn er sich irrte, irgendwo mussten doch andere Leute sein? Sie konnten doch nicht vollkommen allein hier sein, oder?

Auch dieser Weg erschien ihm als nicht besonders sicher, doch mehr Ideen hatte er nicht. Es war seine Schuld und deswegen lag es an ihm, Hilfe zu holen und seine Mutter und seinen Bruder zu retten.

Kieren zwang sich, an die vielen Helden aus seinem roten Buch zu denken. Die hatten auch niemals gezögert, der Gefahr entgegenzuschreiten, egal wie viel Angst sie gehabt hatten. Das hier war seine Möglichkeit, es ihnen gleich zu tun. Er würde losgehen und er würde Hilfe holen und er würde alles wieder gut machen, was er den anderen angetan hatte.

Angespornt von diesen Gedanken und mit einem letzten Blick auf seine Mutter, Ciara und all die anderen stapfte er los, in die Wildnis hinein.



Als der Schmerz ihn so urplötzlich wie eine heiße Lanze durchstieß, zuckte Fili zusammen und krümmte sich vornüber, so dass er fast von seinem Pferd gefallen wäre.

Nur der geistesgegenwärtige Griff seines Bruders, der hinter ihm saß und ihn gerade noch am Zipfel seiner Jacke erwischte, bewahrte ihn davor, den Tod durch Genickbruch zu erleiden.

Aufgeregte Rufe ertönten, doch Fili konnte sie nur wie durch einen Schleier aus Schmerz wahrnehmen.

„Es tut…“ stöhnte er, die Hände auf seinen Bauch und seine Brust gepresst. „Es tut so weh… Gott…“ Der Schmerz durchzuckte ihn wie eine heiße Lanze, die sich durch seine Eingeweide fraß und alles zerstörte, was ihr in den Weg kam. Sein Kopf brauste und war kurz davor, zu bersten.

Ein leiser Schrei entfuhr seiner Kehle und er presste sich die Hände gegen das Gesicht, als der Schmerz sich in seinen Kopf ausbreitete.

Ich sterbe dachte er fassungslos. Hier und jetzt und ohne erkennbaren Grund sterbe ich

Die Pein hatte sich seines gesamten Körpers bemächtigt. Unfähig, die Worte, Berührungen oder Blicke seiner Gefährten zu vernehmen, blieb ihm nur, gegen die schiere Agonie anzukämpfen, die sich so plötzlich in ihm manifestiert hatte.

Und über allem schwebte ein Gesang, von so überirdischer Schönheit, dass nicht einmal die Götter ihn so zu singen vermochten. Er starb, getötet von unendlicher Schönheit, zu groß für seinen Verstand, zu mächtig für seinen Körper.

Er wurde von seinem Pferd heruntergehoben und auf den gefrorenen Boden gelegt, doch davon spürte er nichts. Auch von den besorgten Rufen seines Bruders und seiner Freunde hörte er nichts. Alles was er fühlte war Schmerz, solcher Schmerz…

„Bei den Göttern, was ist passiert?“ rief Bofur erschrocken und sah mit schreckensgeweiteten Augen auf den sich windenden Fili hinab.

„Ist das nicht egal? Wir müssen ihm helfen!“ rief Kili, der am Boden kniete und seinen Bruder an der Schulter gepackt hatte.

„Aber wie?“ Gloins dunkle Stimme klang nicht weniger entsetzt als die seiner Gefährten. Bei den Göttern, was, wenn er hier stirbt? schoss es dem rothaarigen Zwerg durch den Kopf, als er sich verzweifelt durch den mächtigen Bart strich.

In einem Moment war noch alles gut gewesen. Sie waren auf den drei Pferden geritten, die ihnen der Mensch Halam zu einem irrsinnigen Preis verkauft hatte, immer der Spur der Entführer folgend. Die vier Zwerge hatten ihre Tiere zu Höchstleistungen angespornt und sich selbst und den Pferden kaum Rast gegönnt. Das Ergebnis war, dass ihnen die Entführer nur noch einen knappen Tag voraus waren. Ein Reisender, der ihnen auf dem Weg begegnet war, hatte sich erinnern können, einen Trupp bewaffneter Männer gesehen zu haben, die einen Karren in der Mitte eskortierten. Zwerge waren ihm nicht aufgefallen, aber das musste nichts heißen.

Die vier Zwerge waren sich sicher, dass dies die Männer waren, die ihre Gefährtinnen entführt hatten. Nur ein einziger Tag!

Doch dann war Fili wie aus heiterem Himmel vornübergekippt und hatte vor Schmerzen geschrien, als ob ein vergifteter Orkpfeil ihn getroffen oder ihm jemand sein Schwert in die Eingeweide gestoßen hätte. Und seine Freunde konnten nichts für ihn tun, als starr wie Statuen danebenzustehen und darüber zu diskutieren, wie sie ihm helfen konnten. Oder auch nicht.

Mit jeder Sekunde, die sich der blonde Zwerg am Boden wand, ohne dass sie eine Verletzung oder ähnliches entdecken konnten, steigerte sich ihre eigene Verzweiflung.

„Wir müssen ihm doch helfen können!“ rief Bofur über Filis Schmerzensschreie hinweg.

„Wir sind offen für Ideen“ knurrte Kili zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch, während er versuchte, seinen Bruder irgendwie halbwegs ruhig am Boden zu halten. Gloin hatte sich auf Filis andere Seite gekniet und hielt dessen Handgelenke fest, damit sich der junge Zwergenprinz nicht selbst schlagen konnte.

Der Schmerz schien überall zu sein, was eine Verletzung nahezu ausschloss. Auch eine Vergiftung war kaum möglich, da sie erstens in den letzten Tagen kaum etwas zu sich genommen hatten und zweitens alle dasselbe gegessen hatten. Das ließ nur noch einen Schluss übrig: Hier musste Magie im Spiel sein.

Ketra schoss es allen drei Zwergen durch den Kopf. Eine Erinnerung kam hoch, ein Berg, eine Mauer. Sie alle auf der Mauer, Gandalf und Ketra davor. Die Zwergin war so wütend gewesen, dass die Zwerge trotz aller Versuche nicht sehen hatten wollen, was ihnen doch klar vor Augen gestanden hatte. Und deshalb hatte sie zum letzten Mittel gegriffen. Ihrer Stimme.

Sie hatte gesungen, so wunderschön und tödlich wie eine Rachegöttin. Die Schmerzen, die sie ihnen allen damit bereitet hatte, waren mit Worten kaum zu beschreiben gewesen. Es war gewesen, als hätte ihr ganzer Körper in Flammen gestanden, als wäre jeder Muskel, jeder Knochen und jede Sehne pures Feuer. Sie hatten geglaubt, sterben zu müssen, dort oben auf der Mauer, ohne von einem Pfeil oder Schwerthieb getroffen worden zu sein.

Und jetzt?

Ketra war nicht hier. Es konnte nicht ihr Gesang sein, der den blonden Zwerg niederstreckte. Oder doch?

Filis Schmerzensschreie verebbten und er lag ruhig. Sehr ruhig. Sein Atem ging sehr flach und seine Augen waren fest geschlossen. Tiefe Ringe hatten sich unter seinen Augen gebildet und seine Haut wirkte seltsam wächsern. Er stöhnte, als ihm sein Bruder eine Hand auf die Stirn legte und seinen Namen rief, doch er wachte nicht auf.

Und inmitten dieser gespenstischen Stille war es, dass sie die Stimme hörten.
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