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Ich geb' dir, was dir fehlt

GeschichteMystery, Romance / P18 / Het
Graf von Krolock Herbert von Krolock OC (Own Character)
14.11.2021
27.11.2021
6
16.205
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25.11.2021 2.016
 
Nach etwa zwanzig Minuten waren wir da. Der Club lag unterhalb eines Parkhauses und war offenbar gut besucht. Vor dem Eingang standen die Menschen Schlange, um hineingelassen zu werden, obwohl die Türsteher mit dem Aussortieren nicht gerade zimperlich waren. Der Graf hielt mir seinen Arm hin und ich hakte mich ein. Wir passierten die Schlange und als wir zum Einlass kamen, nickte er dem hünenhaften Kerl nur zu und ehe ich mich versah, standen wir mitten im Club, umgeben von dröhnend lauter Technomusik. Dort blieben wir allerdings nicht. Breda hielt auf eine schwarze Tür zu, die in ein Hinterzimmer zu führen schien und mit einem extra Türsteher gesichert war. Mit diesem wechselte mein Begleiter ein paar Worte, woraufhin wir anstandslos vorgelassen wurden.
Sobald die Tür hinter uns zufiel, war es schlagartig ruhiger, die Musik tönte nur noch dumpf durch die Wände. Der Raum selbst bestand aus mehreren Sitznischen, die mit rotem Leder überzogen waren. Leicht bekleidete Frauen tänzelten um die vorwiegend männlichen Gäste herum und reichten Cocktailgläser mit einer Flüssigkeit, die verdächtig nach Blut aussah. Breda packte eine dieser Frauen am Oberarm und fragte nach Damian, woraufhin sie mit einem Kopfnicken auf eine Nische weiter hinten im Raum verwies. Dort saß ein großer, schlanker und natürlich wie die meisten seiner Artgenossen extrem gutaussehender Kerl, der genau in dem Moment, in dem ich hinsah, die Fänge in dem Hals der Dame vergrub, die rittlings auf seinem Schoß hockte. Ich wechselte einen teils wütenden, teils entsetzten Blick mit dem Grafen, der mir sogleich nachdrücklich ins Ohr flüsterte, mich von so etwas nicht beeindrucken zu lassen.
„Das ist in solchen Etablissements völlig normal. Wenn es dich stört, fällt das auf. Ab jetzt solltest du allerdings immer nah bei mir bleiben.“
Ich zwang mich also, eine betont gleichgültige Mine aufzusetzen, bezweifelte aber, dass ich das lange durchhalten würde. Breda zog mich unterdessen mit zu der Nische und ließ sich vom Geschehen unbeeindruckt auf die Sitzbank gegenüber des blonden Vampirs fallen, woraufhin dieser seine Mahlzeit unterbrach und uns interessiert musterte. Vor allem an mir blieb sein Blick beunruhigend lange hängen.
„Ich würde dir ja einen Schluck anbieten, von Krolock, aber wie ich sehe, hast du dir selbst was zu Trinken mitgebracht.“
Meine Fingernägel bohrten sich unwillkürlich in Bredas Arm, doch der schien das gar nicht zu bemerken.
„Lass dich von mir nicht stören“, erwiderte der Graf, „wir können immer noch reden, wenn du fertig bist. Die Nacht ist noch jung.“
„Jetzt, wo ich dein Mädchen gesehen habe, kommt mir diese hier irgendwie nicht mehr sonderlich appetitlich vor.“ Damian stieß die benommene Frau von seinem Schoß. Schwach, wie sie war, stürzte sie zu Boden. Dass ich ihr nicht helfen konnte, zerfraß mich innerlich fast, aber ich musste ja das brave Mädchen mimen.
„Du teilst nicht zufällig?“ Sofort lag meine Aufmerksamkeit wieder auf unserem Gegenüber. Angespannt wartete ich Bredas Antwort ab.
„Nein. Das Mädchen gehört mir und nur mir. Rühr sie an und wir haben ein ernsthaftes Problem.“ Besitzergreifend legte er den Arm um meine Schultern und zwang mich so, noch ein wenig näher an ihn heranzurücken. Seltsamerweise beruhigte mich das etwas. Mit einem entschuldigenden Lächeln um den blutbesudelten Mund hob Damian abwehrend die Hände.
„Kein Problem, aber fragen schadet nicht, oder? Wo hast du die Kleine aufgegabelt? Sie riecht wirklich vorzüglich.“
„Sie arbeitet in dem Krankenhaus, von dem ich meine Blutkonserven beziehe.“
„Blutkonserven? Du armer Teufel.“
„Warum glaubst du, habe ich sie mir mitgenommen? Und warum glaubst du, habe ich mich an dich gewendet? Ich bin das Jagen Leid, will aber auch nicht diesen abgepackten Schund zu mir nehmen. Wie ich hörte, hast du eine Alternative.“
Ich spürte, wie mir langsam schlecht wurde. Wahnsinn, wie eiskalt er darüber sprechen konnte. Aber er hatte es mir schon einmal gesagt. Er bereute seine Natur nicht. Ich hatte nur noch nie gesehen, dass er das so deutlich machte.
Damian lehnte sich zurück und breitete die Arme über der Rückenlehne der Sitzbank aus.
„Da bist du bei mir goldrichtig, mein Bester. Wir beschaffen und entsorgen die Ware. Natürlich achten wir darauf, dass es nur Menschen sind, die niemand vermisst. Illegale Einwanderer, Prostituierte… du weißt schon. Außerdem hat die Reinheit des Blutes bei uns oberste Priorität. Du wirst darin keine Spur von irgendwelchen Drogen finden. Alles erste Klasse.“
„Das klingt wunderbar. Allerdings bin ich nicht ausschließlich als Konsument an dem Geschäftsmodell interessiert, wenn du verstehst, was ich meine. Wenn ich überzeugt bin, könnte ich mir vorstellen, einzusteigen, sofern ihr noch jemanden benötigt.“
Der jüngere Vampir gab seine Poserhaltung auf und lehnte sich interessiert nach vorne. „Jemanden von deinem Kaliber in unseren Reihen zu wissen, wäre sicherlich nicht falsch. Ich mache dir ein Angebot. Ich besorge dir deine erste Lieferung kostenlos und unterhalte mich währenddessen mal mit meinen Freunden bezüglich deiner Teilhaberschaft.“
„Ausgezeichnet.“
„Wann sollen wir liefern? Morgen? Je nachdem, wie viel Spaß du mit deiner Kleinen haben wirst, glaube ich kaum, dass sie die Nacht übersteht.“
Ich grub meine Nägel noch tiefer in Bredas Fleisch. Wenn das so weiter ging, würde ich mich gleich übergeben müssen. Atmen, Helena.
„Sagen wir Samstag. Ich will mir mit dieser hier Zeit lassen. Ein so köstliches Aroma findet man nicht oft. Und noch dazu in einer so hübschen Verpackung.“ Um seine Aussage zu unterstreichen, strich er mir das Haar von der Schulter und sog tief die Luft ein.
„Da hast du recht. Dann also Samstag. Wir bringen die Ware bei dir vorbei. Und im Anschluss sprechen wir über das Geschäftliche.“
„Abgemacht."
„Stoßen wir darauf an! Ich lasse mir nur eben ein neues Mädchen kommen.“
Sofort standen mir die Haare zu Berge. Verdammte Kacke. Genau vor einer Situation wie dieser hier hatte ich so viel Angst gehabt. Verunsichert wagte ich einen kurzen Blick zu meiner Begleitung, die mir unmittelbar mit der Hand, die über meinen Schultern lag, beruhigend über den Oberarm strich. Glücklicherweise bekam Damian davon nichts mit.
„Ehrlich gesagt würde ich mit dem ersten Biss gerne warten, bis ich zuhause bin. Das möchte ich auskosten.“
„Natürlich. Dann besorge ich dir selbstverständlich etwas zu Trinken.“ Der blonde Vampir winkte, woraufhin zwei der leicht bekleideten Kellnerinnen zu ihm auf die Bank rutschten. Auffordernd sah er Breda an. Oh nein.
„Nun komm schon rüber, mein Freund. Keine Sorge, ihr Blut ist genauso rein, wie das, was wir verkaufen.“
Nach einem kurzen Zögern wechselte Breda auf die andere Seite des Tisches, wo sich eine der Frauen sofort an ihn schmiegte. Ich spürte, wie mir die Galle hochkam.
„Auf gute Geschäfte!“
„Auf gute Geschäfte!“
Es war wie bei einem Unfall. Ich konnte nicht wegsehen, als Breda seine Zähne in das Handgelenk der Kellnerin bohrte, die sogleich verzückt aufstöhnte. In mir brodelte es und ich bemerkte, dass ich unbewusst bereits ein kleines Loch in den Lederbezug der Sitzbank gebrannt hatte. Untätig herumzusitzen und nur zuzusehen, während unschuldigen Menschen das Blut aus den Adern gesaugt wurde, widersprach allem, was ich gelernt hatte, doch da war noch etwas. Ein dunkler, böser Teil von mir wollte die Frau nicht retten, sondern ihr am liebsten mit ihrem pinken High Heel den Schädel einschlagen. Zu sehen, wie sie sich meinem Vampir an den Hals warf, ihn an sich presste, ihn ihr Blut trinken ließ… Moment mal. Meinem Vampir? Herrgott noch eins, war ich tatsächlich eifersüchtig auf dieses arme Mädel, dass vor meinen Augen als Cocktail missbraucht wurde? Ich hatte ein Problem. Ein ganz dickes, ernsthaftes Problem. Kurz beschlich mich der Verdacht, dass er mich manipuliert haben könnte, doch hier verhielt es sich wie bei Verrückten. Wenn du tatsächlich verrückt wärst, würdest du nicht an dir zweifeln. Scheiße. War ich verliebt in ihn? So ganz kitschig verliebt? In einen Vampir? Himmel, wenn das im Orden irgendwer mitbekäme, wäre ich das Gespött des gesamten Hauptquartiers, bevor sie mich hochkant rausschmeißen würden.
„Deiner Kleinen scheint es nicht zu gefallen, wenn du mit anderen Frauen spielst, von Krolock“, riss  mich Damians belustigte Stimme aus meinen Gedanken und so fand ich mich Auge in Auge mit den beiden Vampiren wieder, von denen jeder eine bewusstlose Kellnerin im Arm hielt. Zumindest hoffte ich, dass sie nur bewusstlos waren. Breda musterte mich mit einer amüsiert hochgezogenen Augenbraue und stieß dann ein kehliges Lachen aus.
„Keine Sorge, meine Liebe, wir brechen gleich auf. Und dann wirst du keinen Grund haben, diese hier zu beneiden.“
Er erhob sich und gab dem jüngeren Vampir zum Abschied die Hand.
„Bis Samstag.“
Dann ergriff er meinen Oberarm und zog mich mit sich durch einen Hintereingang hinaus ins Freie. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit hatte ich wieder das Gefühl, frei atmen zu können. Ich stolperte ein paar Schritte von Breda weg, ehe ich die Hände auf die Knie stützte und ein paar Mal tief Luft holte. Dann ging ich wortlos zum Wagen. Wir waren schon eine ganze Weile schweigend unterwegs, als Breda schließlich die angespannte Stille durchbrach.
„Es tut mir leid.“
Ich seufzte. „Muss es nicht. Immerhin sind wir nicht aufgeflogen. Und du hast es erfolgreich verhindert, mich beißen zu müssen. Also danke.“
„Das war das Mindeste. Trotzdem wollte ich nicht, dass du so etwas mitansehen musst.“
„Es hat mich nur daran erinnert, dass ich dich nicht unterschätzen sollte.“
„Nein. Solltest du nicht.“
Es wurde wieder still zwischen uns, bis ich merkte, dass Breda den Weg zum Hauptquartier einschlug.
„Sollten wir nicht zu dir fahren?“
„Warum?“
„Falls du heute doch noch unerwarteten Besuch bekommst, wäre es nach deiner Ankündigung eben doch seltsam, wenn ich nicht da wäre, oder?“
„Du hast Recht. Gut mitgedacht.“
„Manchmal bin ich genial.“ Damit entlockte ich ihm ein kleines Glucksen.
„Das bist du.“
Die restliche Fahrt bis zum Haus schwiegen wir. Breda brachte mich in eines der Gästezimmer und legte mir eines seiner Shirts und ein Handtuch bereit.
„Ich gehe davon aus, dass du nicht in diesen Klamotten schlafen möchtest“, meinte er und wandte sich schon zum Gehen, doch meine Hand an seinem Arm hielt ihn zurück. Überrascht sah er mich an.
„Darf ich dich etwas fragen?“
„Natürlich.“
„Du musst versprechen, dass du danach nicht eingeschnappt bist.“
„Ich tue, was ich kann.“
„Hast du mich manipuliert?“ Ich wusste, wie bescheuert das war, doch ein kleiner Teil von mir klammerte sich noch an die Hoffnung, dass all die Gefühle, die da in meinem Inneren brodelten, nicht von mir selbst kamen, sondern mir nur aufgezwungen worden waren. Tatsächlich sah er ein wenig beleidigt drein.
„Wie kommst du denn auf so eine Idee?“
„Beantworte meine Frage.“
„Natürlich nicht. Ich dachte, du vertraust mir?“
Verzweifelt ließ ich mich aufs Bett fallen. „Tue ich. Aber da ist etwas… naja ich habe einfach gehofft, dass du der Grund dafür bist.“
„Helena, das würde ich alleine aus Respekt vor dir nie tun. Aber was, bei Luzifer, könnte so schrecklich sein, dass du dir wünschst, ich hätte dich manipuliert?“
Die Röte stieg mir ins Gesicht. Gott, war das peinlich. „Als du diese Frau gebissen hast, da war ich natürlich irgendwie angeekelt und durchaus versucht, dir eine überzuziehen, aber nicht zwingend nur aus… moralischen Gründen.“
Erdboden, tu dich auf. Aus Scham und um Bredas Reaktion nicht sehen zu müssen presste ich mir wie ein trotteliger Teenager eines der Dekokissen aufs Gesicht. Eine leichte Bewegung der Matratze verriet mir, dass der Graf neben mir Platz genommen hatte.
„Du warst eifersüchtig?“
„Sieht so aus.“
„Oh. Um ehrlich zu sein dachte ich bis eben, dass du mich nicht sonderlich gut leiden kannst.“
„Konnte ich auch nicht. Frag mich nicht, wann sich das geändert hat.“
„Vielleicht bist du gerade einfach nur überfordert. In deinem Leben ändert sich im Moment sehr viel. Vielleicht zu viel. Menschen tendieren dazu, auf solche Veränderungen mit verwirrenden Emotionen zu reagieren.“
Vorsichtig lugte ich unter dem Kissen hervor. „Meinst du?“
„Sicher. Weißt du, das ist das Schöne an meinem Dasein. Meist muss man sich nicht mit derlei Problemen herumschlagen.“
„Mach mich bloß nicht neidisch.“
„Entschuldige.“
„Und du bist mir auch nicht böse?“
„Niemals. Ich finde es eher bemerkenswert, dass du dich mir nach allem, was du heute miterleben musstest, anvertraut hast. Danke.“
Verdattert setzte ich mich auf. „Ähm. Gern geschehen?“
Er grinste und drückte mir noch einen sanften Kuss auf die Stirn ehe er mein Zimmer verließ. Mit einem leisen ‚Gute Nacht‘ schloss er die Tür.
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