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Alle Zeit der Welt

Kurzbeschreibung
OneshotAllgemein / P12 / MaleSlash
Lawless / Hyde Licht Jekylland Todoroki
13.11.2021
13.11.2021
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„Licht? Mein Engelchen?“ Hyde richtete sich ein Stück auf und versuchte, sich zu Licht umzudrehen, was sich in seiner aktuellen Position als recht schwierig erwies. Als die Sonne sein Gesicht traf, quiekte er leise auf und duckte sich wieder tiefer in den Stoff von Lichts Kapuze. Diese Show war hauptsächlich ein Versuch, die Aufmerksamkeit seines Eves auf sich zu ziehen, der die letzte Viertelstunde damit verbracht hatte, ihn mit einer frustrierenden Ausdauer dahinter zu ignorieren.

In diesem Sinne hätte er sich wahrscheinlich denken können, dass auch dieser halbherzige Ansatz nicht viel nützen würde. Licht antwortete nicht, drehte sich nicht zu ihm um, blieb nicht einmal stehen; im Gegenteil hatte Hyde sogar das Gefühl, dass sich seine Schritte ein Stück beschleunigten. Mit einem leisen Grummeln vergrub er das Gesicht in seinen Pfoten. Nun ja, das war immerhin irgendeine Reaktion, wenn auch so ziemlich das Gegenteil von dem, was er erreichen hatte wollen.

Dabei wäre es ihm vor ein paar Stunden noch nicht einmal eingefallen, die Zuversicht seines Eves anzuzweifeln. Er hatte sich sogar irgendwie gefreut, als Licht diesen Ausflug vorgeschlagen hatte, und dass sie allein unterwegs sein würden, war nur ein weiterer Bonuspunkt gewesen. Aus mehreren Gründen.

Es war ein paar Tage her, seit sie nach Österreich gekommen waren, aber diese Zeit hatte sich nicht von ihrem gewohnten, doch recht stressigen Alltag unterschieden. Es war zwar nicht so, als hätte Hyde erwartet, dass Licht sich in seiner Heimat irgendwie verändern würde, zumal er sie wirklich nur für ein Konzert besucht hatte. In diesem Sinne waren diese Umstände für Hyde selbst die gleichen wie überall anders- mit der Ausnahme, dass er Lichts Eltern kennen gelernt hatte, und dementsprechend den größten Teil der Zeit in Igelgestalt blieb.

Vielleicht war das der Grund gewesen, warum es ihn so positiv überrascht hatte, dass Licht ihn an ihrem ersten freien Tag in den Wald mitnehmen wollte. Zudem weder Lichts Eltern, noch Rosen oder Güldenstern Zeit oder Lust gehabt hatten, sie zu begleiten. Es war zwar nicht das erste Mal, dass Hyde in Österreich war, doch wirklich auf die Umgebung geachtet hatte er in diesen Zeiten nie. Und selbst, wenn, mit Licht zusammen war es ohnehin etwas anderes. Irgendwie war alles etwas anderes, wenn Licht involviert war.

Möglicherweise war es auch diese aufgeregte Vorfreude gewesen, die ihn nicht doch hinterfragen ließ, ob ein solcher Ausflug eine gute Idee wäre. Möglicherweise… nein, wahrscheinlich redete er sich hier nur Dinge ein. Er brauchte keinen Grund, um Licht und seinen Fähigkeiten zu vertrauen. Wenigstens nicht nach allem, was sie gemeinsam erlebt hatten.

Und Hyde hatte nicht erwartet, dass Licht dieses Bild von ihm auf die Probe stellen könnte.

„Licht!“ Als hätte er entschieden, dass jetzt genug Zeit für den nächsten Versuch verstrichen war, stand Hyde noch einmal auf. Diesmal kniff er in Reaktion auf die Sonne nur die Augen zu und biss Licht in die Schulter. Es war ursprünglich nur seine nächste Idee gewesen, die seinen Eve vielleicht dazu bringen würde, ihn nicht mehr zu ignorieren, doch er entschied sich im letzten Moment um. Und anscheinend hatte er damit das richtige getan, denn mit dem Geräusch ihrer Vertragskette drehte Licht sich zum ersten Mal wieder zu Hyde um, der jetzt in menschlicher Gestalt neben ihm stand.

„Was machst du da?“ Er klang angespannt, doch Hyde hatte allemal genug Übung, um sagen zu können, dass er nicht wirklich wütend war. Nicht, dass er mit diesem Risiko nicht gerechnet hätte. „Habe ich dir das erlaubt?“

Hyde seufzte unruhig und fuhr sich mit einer Hand über den Hinterkopf. „Du hast mir auch nicht erlaubt, eine Karte mitzunehmen“, erinnerte er an ein Ereignis, das nur halb der Wahrheit entsprach. Aber er hatte immerhin einen Vorschlag gemacht; dass sie sich schließlich in einer solchen Situation wiederfinden würden, hatte er ja auch nicht ahnen können.

„Ich brauche keine Karte“, entgegnete Licht kühl und wandte sich wieder von ihm ab. „Warum? Weil ich ein Engel bin.“

„Wie cool!“ Hyde hob den Kopf ein Stück höher und klatschte einmal in die Hände. Wie erwartet reichte diese Geste nicht aus, um Licht dazu zu bringen, sich zu ihm umzudrehen; stattdessen beschleunigte sein Eve seine Schritte wieder, und Hyde beeilte sich, mit ihm Schritt zu halten, wobei er jedoch ein wenig abseits im Schatten der Bäume blieb. „Dann weißt du auch, wo wir gerade sind?“

„Halt die Klappe, Drecksigel.“ Das war die einzige Antwort, die er erhielt.

Hyde murmelte etwas, von dem er selbst nicht wusste, was es bedeuten sollte; es war mehr eine Art Protest, vielleicht eine Erinnerung an Licht, dass er auch in dieser Situation steckte. Nicht, dass er erwartet hatte, sein Eve würde nachfragen, oder auch nur reagieren. Für ihn war dieses Gespräch abgeschlossen, und eigentlich hätte Hyde ja auch kein Problem damit gehabt, aber gegeben der Umstände war diese Reaktion allemal eine Antwort auf seine Frage gewesen. Und nicht die, die er gerne gehört hätte.

Während die Schatten, die mit jedem ihrer Schritte ein wenig länger zu werden schienen, für ihn ganz angenehm waren, waren sie doch auch eine Erinnerung daran, dass immer mehr Zeit verstrich. Licht bewegte sich nach wie vor mit einer Zielstrebigkeit, die Hyde keine Zeit ließ, ihre zurückgelegten Wege zu analysieren, und gleichzeitig zweifelte er immer mehr daran, dass sein Eve umgekehrt irgendeine Idee hatte, wo sie gerade waren- oder wo sie hin müssten. Hyde wünschte sich fast, er hätte zu Beginn ein wenig besser aufgepasst, oder wäre einfach in Lichts Kapuze sitzen geblieben und hätte sich von dort darauf konzentrieren können, sich den Weg zu merken. Nicht, dass es an dieser Stelle noch einen Unterschied gemacht hatte, vermutlich. Und er hatte schließlich auch nicht wissen können, dass dieser Wald so groß war.

Einige Minuten vergingen so, in denen Hyde hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt war und nur so weit auf Licht achtete, dass er ihm folgen konnte. Dieser Zustand änderte sich mit einem Schlag, als Licht ohne Vorwarnung nach rechts abbog, mitten in den Wald hinein.

„Licht?“ Hyde beeilte sich, jetzt zu seinem Eve aufzuschließen, was sich mit dem neuen Gelände als gar nicht so einfach herausstellte. Zumal Licht kein Stück langsamer geworden war, und auf seine Rufe nach wie vor nicht reagierte. „Engelchen? Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist-“ Es stimmte zwar, sie hatten sich schon zuvor verirrt gehabt, aber Hyde hatte bei bestem Willen nicht das Gefühl, dass es ihnen weiterhelfen würde, jetzt auch noch den Weg zu verlassen. „Lichtlein? Hörst du mir zu? Ich-“ Hyde brach ab, als Licht so plötzlich stehen blieb, dass er fast in ihn hineingelaufen wäre. „Was-“

Licht drehte sich um, seine blauen Augen glänzten in dem spärlichen Sonnenlicht, das durch die Blätter der Bäume fiel. „Sei ruhig“, wies er ihn kühl an. „Wir sind da.“ Mit diesen Worten wandte er sich wieder ab und ging einige Schritte voraus.

Hyde blinzelte und folgte ihm, diesmal mehr auf die Umgebung achtend als auf seinen Eve. Jetzt fragte er sich fast, wie ihm nicht hatte auffallen können, wie sich der Wald plötzlich verändert hatte; sie waren auf einer kleinen Lichtung herausgekommen, kam viel größer als als der Weg, den sie zuvor entlang gegangen waren. Es gab keine Pfade, die von hier wegführten; im Gegenteil, an den meisten Stellen war das Unterholz so dicht, dass es Hyde vermutlich sogar in Igelgestalt schwer gefallen wäre, durchzukommen. Die Lichtung selbst war dagegen so frei, dass es sich fast fragte, ob so etwas nicht durch Menschenhand hatte entstehen müssen. Abgesehen von einem umgestürzten Baumstamm, der kaum einen Durchmesser von zwanzig Zentimetern hatte, umgaben sie nur Gras und Blumen.

„Wow.“ Hyde, der stehen geblieben war, als sie die Lichtung betreten hatte, machte wieder ein paar Schritte auf Licht zu, nur darauf achtend, im Schatten der umliegenden Bäume zu bleiben. Was mit dem tiefen Stand der Sonne inzwischen ohnehin keine große Herausforderung war. „Du wusstest also, wo du hinwillst?“

„Sagte ich doch. Hast du an mir gezweifelt, Drecksigel?“

„Niemals.“ Anscheinend war eine Spur zu viel Ironie in seiner Stimme gelegen, denn Licht drehte sich zu ihm um, eine stumme Drohung in seinem Blick. „Schon gut.“ Hyde hob abwehrend die Hände und lachte knapp auf. „Okay, ich bin mir sicher, dass wir im Kreis gelaufen sind.“

Licht wandte sich nur von ihm ab und ging ein paar Schritte in die entgegengesetzte Richtung. „Engel verlaufen sich nicht.“ Mehr sagte er nicht dazu.

Seufzend setzte Hyde sich unter einen der Bäume, der ihm am nächsten war. „Dann bin ich ja beruhigt“, murmelte er nur halb ernsthaft, während er den Kopf zurücklegte und die Augen schloss. „Jetzt musst du nur den Weg zurück finden.“

„Sei still, Drecksigel“, murrte Licht, doch etwas an seiner Stimme ließ Hyde wieder aufsehen. Es hatte sich nicht so angehört, als bezog sich diese Reaktion auf Hydes Anzweifeln seiner Fähigkeiten, und das, was er als nächstes sagte, bestätigte diese Theorie. „Ich muss mich konzentrieren.“

Diese Worte passten zwar zu seinem Tonfall, aber sein Erscheinungsbild als ganzes wirkte damit ein wenig seltsam: Er kniete einige Meter entfernt auf dem Boden, von Hyde abgewandt, den Blick anscheinend fest nach unten gerichtet. Er hatte nicht aufgesehen, geschweige denn, sich umgedreht, als er gesprochen hatte.

Mit einem Anflug von Neugier stand Hyde wieder auf und ging einige Schritte zu Licht hinüber, so weit, wie es ihm möglich war, ohne den Schatten zu verlassen. Er wusste nicht, ob er erwartet hatte, auf diese Weise irgendeinen Aufschluss darüber zu bekommen, was sein Eve gerade tat, doch er musste feststellen, dass ihn diese neue Position kein Stück weiterbrachte.

Anscheinend hatte damit wenigstens einer bekommen, was er wollte, denn jetzt richtete sich Licht wieder ein Stück höher auf und drehte den Kopf zu ihm. „Setz dich wieder hin. Du machst mich nervös.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, oder noch etwas zu sagen, wandte er sich wieder dem Boden zu.

Hyde gehorchte, den Kopf jedoch immer noch in Lichts Richtung gestreckt, in einem Versuch, etwas mehr Einblick zu erhalten in das, was sein Eve tat. Wenngleich mit mäßigem Erfolg.

Ohnehin hielt dieses Szenario noch eine knappe halbe Minute an, dann richtete Licht sich wieder auf und ging zu Hyde hinüber. Er sah ihm dabei nicht in die Augen, Hyde war sich nicht sicher, ob er einen Grund dafür hatte oder seinem Blick aktiv auswich; der Gedanke an letzteres machte ihn ein wenig unruhig. Er war sich immer noch nicht sicher, was genau hier vor sich ging, aber an diesem Punkt verhielt Licht sich merkwürdig. „Lichtlein?“ Er machte Anstalten, aufzustehen. „Ist alles in Ordnung, mein Eng-“

„Hier.“ Lichts Stimme war leise, er sah ihn immer noch nicht an, und trotzdem war dieses eine Wort genug, um Hyde zum Schweigen zu bringen. Überrascht senkte er den Blick auf die Hände seines Eves, und jetzt erst bemerkte er die kleine Pflanze, die er zwischen seinen Fingern hielt. Ein Kleeblatt.

Etwas zögerlich, immer noch verwirrt, streckte er eine Hand aus, und Licht legte das Kleeblatt noch in der Bewegung hinein, ohne ein Wort zu sagen. Als Hyde seine Hand wieder zurückzog, fiel ihm erst auf, was an diesem Kleeblatt besonders war, und mit einem Mal machte das Verhalten seines Eves ein ganzes Stück mehr Sinn; wenn auch auf eine Weise, die für ihn nur noch mehr Fragen aufwarf.

Vier Blätter.

„Ich war als Kind öfters hier“, murmelte Licht kühl, den Blick auf das Kleeblatt gesenkt. „Das scheint irgendeine besondere Art zu sein, auf jeden Fall gibt es hier ziemlich viele vierblättrige Kleeblätter.“ Seine Lippen wurden schmal, er drehte den Kopf zur Seite. „Nicht, dass du das nötig hättest.“

Ein entfernter Stich schoss durch Hydes Brust, bevor sein Verstand überhaupt erfassen konnte, warum. Trotz der vagen Formulierung musste er nicht überlegen, was Licht mit diesen Worten gemeint hatte. „Das weißt du noch?“ Er versuchte nicht, die milde Überraschung in seiner Stimme zu verbergen.

„Als würde ich irgendetwas vergessen, was in deinem komischen Stück vorgekommen ist.“

„Das ist nicht komisch“, beschwerte sich Hyde. „Das ist eine herzzerreißende und wunderschöne Geschichte, die-“ Er verstummte, als ihm die Bedeutung dieser Worte bewusst wurde.

So hätte er wahrscheinlich darüber gedacht, wenn es wirklich nur ein Theaterstück gewesen wäre. Eine Geschichte, von der er frei wählen konnte, wie weit er seine Emotionen von ihr dominieren ließ. Eine Geschichte, in der er nicht involviert war, einfach nur ein Zuschauer, der keine Ahnung von dem hatte, was sich auf der Bühne abspielte. Wenn er nicht versuchen hätte müssen, jede Erinnerung daran in seine Albträume zu verbannen, wohl wissend, dass es ihm sowieso nie gelingen würde.

Wann hatte er aufgehört, so zu denken?

Was hatte Licht mit seinem Herz gemacht?

Anscheinend ließen sich diese Gedanken an seinem Gesicht ablesen, oder er hatte sich sonst irgendwie falsch verhalten. „Was ist jetzt schon wieder los?“ Lichts Stimme riss ihn aus seinen Gedanken und holte ihn mit einem Schlag in die Gegenwart zurück. Er richtete sich ein Stück höher auf und blinzelte; antworten tat er nicht, hauptsächlich, weil er überhaupt nicht wusste, was er sagen hätte sollen. Und anscheinend hatte Licht auch nichts erwartet, denn er setzte sich neben ihn und seufzte angespannt. „Mit dir läuft etwas gewaltig falsch, weißt du das?“

Hyde lächelte nur. Vielleicht lag er damit gar nicht so falsch; wenigstens ein Stück mehr, als Hyde immer geglaubt hatte, oder versucht hatte, sich einzureden. Und er hatte keinen Grund, damit aufzuhören, eigentlich. An seinen Erinnerungen hatte sich schließlich nichts geändert.

Diese Gewissheit hatte immer geschmerzt. Er hatte seine eine Chance verpasst, und er würde nie wieder zurückgehen können. Und alle schönen Erinnerungen, die er hatte, wurden davon überschattet, verzerrt, bis nur noch dieser Schmerz zurückblieb.

Aber jetzt fühlte es sich irgendwie tröstlich an. Seine Erinnerungen würden die gleichen bleiben, egal, wie er weitermachte. Und vielleicht, nur vielleicht, gab ihm das die Erlaubnis, sich eine zweite Chance zu wünschen.

Ob Licht irgendetwas von seinen Gedanken auffiel, wusste er nicht. Eigentlich wollte er das auch überhaupt nicht wissen. Es war schon gut so, wie es war, und in dieser Situation gab ihm diese Unklarheit ein eigenartiges Gefühl von Sicherheit.

Vielleicht würde er es ihm irgendwann sagen. Vielleicht würde er es irgendwann schaffen, dieses Gefühl, von dem er nicht einmal wusste, wie er es benennen sollte, in Worte zu fassen. Vielleicht. Irgendwann, wenn er entschied, dass der richtige Zeitpunkt gekommen war.

Aber heute war dieser Tag nicht.

Licht unterbrach seine Gedanken, als er sich neben ihn gegen den Baum setzte, gerade so weit entfernt, dass sie sich nicht berührten; wobei sein Arm in der Bewegung allerdings gegen den von Hyde streifte. „Das ist das erste Mal, dass ich mit jemand anderem hier bin“, murmelte er nach einer kurzen Pause. Seine Stimme klang beiläufig, fast gleichgültig, und machte es für Hyde schwierig, herauszulesen, welche Botschaft er mit diesen Worten vermitteln wollte. „Ich hätte nicht gedacht, dass es ein Teufel wie du sein würde.“

Hyde gluckste leise und drehte den Kopf zu Licht hin. „Ach ja?“ Er blinzelte. „Ist es dir lieber, wenn ich in dieser Form bleibe?“ Seine Worte waren zwar halb als Scherz gemeint gewesen, aber um seinen Punkt zu vermitteln, verwandelte er sich in einen Igel und lief einige Schritte zu seinem Eve hinüber, um den Abstand durch seine neue Größe auszugleichen.

Jetzt drehte sich Licht wieder zu ihm um, die Augen ein Stück verengt, gerade so weit, dass Hyde sich nicht sicher war, ob er es sich nicht vielleicht nicht einfach einbildete. Er selbst schloss die Augen und reckte den Kopf in Richtung seines Eves, in Erwartung, gestreichelt zu werden- und zuckte abrupt zurück, als Licht ihm gegen die Nase schnippte.

„Aua!“ Zurück in menschlicher Gestalt rutschte Hyde zurück auf seinen Platz, eine Hand über sein Gesicht gelegt, wo Licht ihn erwischt hatte. „Wofür war das jetzt?“

Licht drehte den Kopf zur Seite, diesmal von ihm weg. „Wenn mir das lieber gewesen wäre, hätte ich es gesagt, Drecksigel“, meinte er kühl. „Leg mir nicht deine Worte in den Mund.“

„Meine Güte“, murmelte Hyde halb scherzhaft, während er die Hand langsam wieder nach unten gleiten ließ und sich zurück in seine ursprüngliche Position lehnte. „Sag das beim nächsten Mal doch einfach. Kein Grund, gleich gewalttätig zu werden.“

„Hör auf, herumzuheulen“, entgegnete Licht schlicht; seinen Worten zum Trotz fehlte jeder Nachdruck, jede Härte in seiner Stimme, und der ungewohnt ruhige Unterton ließ ihn auf eine seltsam friedliche Weise abwesend klingen. „Du störst die Atmosphäre.“

Mit einem schwachen Grinsen schüttelte Hyde langsam den Kopf. Kurz bemerkte er, wie seine Gedanken an der Frage hängen blieben, wann er sich so sehr an Licht und seine Eigenheiten gewöhnt hatte.

Es war nichts besonderes für ihn, eigentlich. Er hätte alle möglichen Informationen über seine Eves aufzählen können, wenn man ihn danach gefragt hätte. Alle seltsamen Gewohnheiten, Muster in ihrem Verhalten, die ihnen vielleicht selbst überhaupt nicht aufgefallen waren. Ihr Vertrag war ihr Todesurteil gewesen, aber das bedeutete nicht, dass er sie vergessen hätte. Warum, konnte er selbst nicht sagen.

Nein… hatte er nicht sagen können. Inzwischen hatte er eine Theorie, warum er sich all das eingeprägt hatte.

Das alles hatte er mit all seinen Eves gekannt. Mit Licht… war das etwas anderes. Es war nicht ganz so, dass er ihn nur kannte- er hatte sich an ihn gewöhnt, und er hatte diese Entwicklung akzeptiert, mit allem, was dieser Schritt mit sich brachte. Und er wusste nicht, was er tun sollte, wenn das alles eines Tages fehlte.

Es war nicht das erste Mal, dass er so fühlte. Es war nur so lange her, seit er es zum letzten Mal getan hatte, dass er vergessen hatte, dass es so etwas gab.

Hyde seufzte und hob den Blick nach oben. Die Sonne konnte er hinter den Bäumen nicht sehen, doch die Wolken hatten eine tief pink-orange Farbe angenommen, die langsam mit dem dunkelblauen Hintergrund verschmolz. „Wenn wir noch länger warten, ist es sowieso dunkel“, murmelte er und fuhr sich mit einer Hand über den Hinterkopf. „Aber wenn du mir ein bisschen Blut gibst, können wir-“ Er brach ab. Diesmal hatte Licht ihn nicht unterbrochen, nicht mit Worten, wenigstens, doch die schwache Berührung an seiner Schulter hatte allemal den gleichen Effekt.

Hyde konnte den Impuls, zurückzuweichen, unterdrücken, konnte jedoch nicht verhindern, dass er sich anspannte. Auch das löste sich aber schnell, als er bemerkte, dass der Tritt oder Kommentar, den er an dieser Stelle erwartet hatte, ausblieb.

Blinzelnd lehnte sich Hyde ein Stück nach vorne, sodass er seinen Eve ansehen konnte. Licht saß halb an den Baum, jetzt halb an Hydes Schulter gelehnt. Seine Augen waren geschlossen.

Hyde lächelte schwach. Anscheinend hatten die Stunden, in denen sie unterwegs gewesen waren, doch ihre Auswirkungen.

Vorsichtig und mit so wenig Bewegung wie möglich löste Hyde einen Teil seines Schals von seinem Hals und legte Licht das freie Ende um die Schultern. Er konnte sehen, wie seine Hände dabei zitterten, ohne, dass er es selbst bemerkt hätte, oder das er wusste, warum. Erst, als er seine Seite des Schals wieder fester um seinen Hals zog und sich zurücklehnte, wobei eine Strähne von Lichts Haar seine Wange streifte, kehrte sein Bewusstsein für seine Umgebung zurück. Und damit schlussendlich auch der Situation.

Es war ein seltsames Gefühl, darüber nachzudenken. Es war ein seltsames Gefühl, so nahe bei jemandem zu sein; ohne jede Bedeutung oder Hintergedanken. Es war ein seltsames Gefühl, zu wissen, dass jemand ihm vertraute- und dass er diese Vertrauenserwartung erfüllen würde.

Nein, er hatte nicht gedacht, irgendjemandem je wieder so nahe zu sein, in mehr als einem Sinne. Er hatte seine Erfahrungen gemacht, und sie würden etwas besonderes, etwas einzigartiges für ihn bleiben, bis in die Ewigkeit hinein. In manchen Dingen gab es nur eine Chance, und das war gut so.

Das hatte er wenigstens gedacht, bis Licht alles durcheinander gebracht hatte, woran er geglaubt hatte. Und anscheinend hatte er noch nicht ansatzweise begriffen, wie tief dieses Gefühl wirklich ging.

Er hatte nicht gedacht, irgendjemandem gegenüber je wieder so zu fühlen, und hätte man ihn vor die Wahl gestellt, hätte er abgelehnt. Aber andererseits… war Licht nicht irgendjemand.

Hyde hatte keine Ahnung, wie viel Zeit so verging, und er wollte es auch gar nicht wissen. Nur ganz am Rand verfolgte er die Farbe des Himmels, die sich von orange zu rot bewegte und langsam immer mehr dunkelblaue Töne annahm. Die Sonne konnte er immer noch nicht sehen.

Er könnte sie beide jederzeit nach Hause bringen. Wahrscheinlich lag es jetzt auch in seiner Verantwortung, genau das zu tun; Kranz wäre bestimmt nicht glücklich, wenn sie die Nacht hier verbrachten, und Hyde war allemal bewusst, an wem jede Schuld hängen bleiben würde. Nicht, dass er das nicht gewohnt wäre.

Vielleicht war das der Grund, warum es ihm in diesem Moment egal war; immerhin war es sowieso schon ein ganzes Stück später als der Punkt, an dem sie eigentlich zurück hatten sein wollen. Sie würden wahrscheinlich also sowieso Ärger bekommen, und auf diese paar Minuten mehr oder weniger kam es nicht an.

Vielleicht waren diese Gedanken aber auch nur eine gelegen gekommene Ausrede.

Es gab tausend Gründe, die er hätte nennen können, warum er in diesem Moment noch ein wenig hier bleiben wollte, mit Licht, genau so, wie sie jetzt waren. Hätte er sich angestrengt, versucht, sie zu benennen, hätte er endlos weitermachen können, aber das wollte er gar nicht. Das musste er gar nicht.

Es war egal, was Kranz sagen würde. In diesem Moment gab es keine Zukunft, keine Vergangenheit, nur ihn und Licht.

Er war der fünfte Servamp Lawless, die Habgier. Und seit ihrem Tod hatte er kein friedliches Leben gehabt. Er hatte sich längst daran gewöhnt, keine Sekunde am gleichen Ort zu bleiben, sei es wortwörtlich oder im übertragenen Sinne. Und wenn ihn dieser Lebensstil je gestört hatte, hatte er es nicht bemerkt. Es war sein Alltag gewesen, ebenso wie der seiner Eves, ebenso wie der von Licht.

Nein, es eilte nicht, nach hause zurückzugehen. Für diesen kurzen Moment gab es keine Zukunft, keine Vergangenheit, keinen Ort, an dem sie jetzt sein sollten. Für diesen kurzen Moment konnten sie beide egoistisch sein. Für diesen kurzen Moment war alles so, wie es sein sollte.

Für diesen kurzen Moment hatten sie alle Zeit der Welt.
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