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Das Gesetz der Vampire

von Pomona
Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Übernatürlich / P18 / Het
Aro OC (Own Character)
13.11.2021
22.01.2022
11
33.663
7
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Dieses Kapitel
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15.01.2022 4.997
 
Tina klopfte mit den Fingern ungeduldig auf ihren Schenkel und warf einen verstohlenen Blick auf ihr Handy. Aro wartete in der Nähe und sie hätte ihn bereits vor 10 Minuten treffen sollen. Doch die Besprechung mit Thomas und dem Kunden – dem Betreiber eines Weingutes/Gasthofes aus der Südsteiermark – schien kein Ende zu nehmen. Obwohl dies nicht die erste Besprechung mit dem Weingutsbesitzer war, diskutierten sie bereits seit eineinhalb Stunden über die grundsätzlichen Funktionen von HoMa. Normalerweise benötigten Tina und Thomas für so ein Gespräch eine Stunde, aber der Kunde schien selbst nicht zu wissen, was er haben wollte. Immer wieder warf er neben der Zimmerreservierung Ideen für einen Online-Shop oder Tischreservierungen für den Gastbetrieb ein. Sobald Thomas ihm die zusätzlichen Kosten für diese Module nannte, verwarf er die Idee wieder nur um wenig später noch einmal darauf zurückzukommen. Auch Thomas wurde langsam ungeduldig, weil sich das Gespräch im Kreis drehte ohne zu einer Entscheidung zu führen.
Nach einer weiteren viertel Stunde schlug Thomas dem Kunden vor, ihm in der nächsten Woche ein detailliertes Angebot für sämtliche Module und für die Programmierung von seinen etwaigen Sonderwünschen zu übermitteln. Somit konnte sich der Winzer in Ruhe überlegen, welche Funktionen er für sein Unternehmen wirklich benötigte und wie viel Geld er in die Software investieren wolle. Zum Glück hielt auch Thomas Tina nicht mehr auf, nachdem der Kunde gegangen war. Sie packte schnell ihre Sachen zusammen, holte ihre Winterjacke und die Tasche, die sie für die nächsten Tage gepackt hatte, und eilte aus dem Büro.

Aro parkte zwei Straßen weiter. Als Tina um die Ecke bog, erkannte sie den grauen SUV sofort. Aro stand neben dem Wagen und öffnete die Beifahrertür, als er sie näherkommen sah. Außer Atem hielt Tina vor ihm an.
Bevor sie sich für die Verspätung entschuldigen konnte, legte Aro die Hand auf ihren Arm und schob sie auf das Auto zu. „Steig ein,“ sagte er kurz angebunden, ohne sie zu begrüßen. Tina zögerte nicht, als sie sich auf den Beifahrersitz setzte. Aro schien in Eile zu sein, er startete den Wagen noch bevor sie sich angeschnallt hatte. Nach wenigen Minuten hatten sie die Autobahn erreicht, vor allem deshalb, weil Aro mehrere Kreuzungen noch überquert hatte als die Ampel bereits auf Rot gesprungen war.
           „Haben wir es eilig?“ fragte Tina schließlich und beobachte die Tachonadel, die die 130 km/h Marke bereits überschritten hatte.
           „Ja, ich habe eine Veranstaltung gebucht, die in zwei Stunden beginnt.“ Aro wirkte immer noch verstimmt.
           „Tut mir leid, dass ich so spät dran war. Das Meeting hat länger gedauert.
           „Ich weiß, dass du mich nicht absichtlich hast warten lassen, aber jetzt müssen wir uns beeilen. Auf der Rückbank liegt etwas zu essen oder zu trinken, falls du etwas brauchst.“ fügte Aro etwas versöhnlicher hinzu.
           „Danke, wohin fahren wir denn?“ fragte Tina warf ihre Tasche und ihre Jacke nach hinten und reckte sich, um an das Jausensackerl zu kommen.
           „Das wirst du schon sehen.“ Aro warf ihr aus den Augenwinkeln einen verschmitzten Blick zu. Tina sah aus dem Fenster und betrachtete die grauen tief hängenden Wolken.
           „Ich hoffe, du hast für das Wochenende nicht zu viele Outdoor-Aktivitäten geplant. Für die nächsten Tage habe sie eine Kaltfront und viel Schnee angekündigt.“

Eineinhalb Stunden später überquerten sie die Grenze nach Oberösterreich. Nachdem Aro sie weiterhin im Dunkeln ließ, hatte Tina versucht den Zielort zu erraten. Aro hatte jedoch bei keinem der Orte, die sie genannt hatte, auch nur einmal die Miene verzogen. Inzwischen war es dunkel geworden. Sie fuhren an einem See entlang - Tina war sich nicht sicher welcher See das war – und erkannte weiter vor ihnen eine hell beleuchtete Ortschaft. Als sie den Ort erreichten, las Tina den Namen Hallstatt auf der Ortstafel. Aro stellte das Auto auf einem Parkplatz an der Nähe des Sees ab und stieg aus.
           „Komm schon, das Schiff legt gleich ab.“
Im Laufschritt eilten die beiden zur Schiffsanlegestelle. Aro nannten seinen Namen, unter der er die Fahrt gebucht hatte. Der Stewart führte sie an einen Tisch und das Schiff legte bereits ab, bevor sie Platz genommen hatten. Tina hängte die Jacke über die Stuhllehne und ließ das Schiff auf sich wirken. Der Passagierraum war in warmen Goldtönen weihnachtlich geschmückt. Insgesamt saßen ca. 15 weitere Paare in dem Raum. Auf den Tischen lagen einheitlich dunkelblaue Tischtücher, Gläser und Besteck waren für ein Abendessen bereits gedeckt. Durch das Fenster auf ihrer Seite sah sie, wie Hallstatt immer kleiner wurde. Der ganze Ort war weihnachtlich geschmückt und die Dekoration strahlte ein warmes Licht aus, das sich im See spiegelte.
           „In Hallstatt war ich noch nie - weder im Sommer noch im Advent.“
           „Dann ist es gut, dass wir die nächsten zwei Tage Zeit haben, um die Gegend zu besichtigen.“ Aro warf einen kurzen Blick auf die Menükarte, die auf seinem Platz lag. „Ich werde wohl das Steak bestellen. Weißt du schon was du möchtest?“ Als der Kellner kam, um ihre Bestellung aufzunehmen hatte Tina sich für das Lachsfilet mit Krenrahmsoße und Petersillkartoffeln entschieden. Aro bestellte sein Steak – blutig angebraten – und zwei Viertel Wein dazu. Tina verkniff sich ihre Bemerkung betreffend Alkoholkonsum und Autofahren und überlegte, ob sie den Wein heute lieber auslassen sollte, um selbst fahren zu können – falls Aro ihr das Auto überließ.
           „Wegen der Weiterfahrt brauchst du dir keine Gedanken zu machen. Das Hotel ist in der Nähe der Anlegestelle und wir können auch zu Fuß hingehen.“ Aro hatte sich über den Tisch zu ihr gebeugt.
           „Genau darüber habe ich gerade nachgedacht.“ Tina zog eine Grimasse.
           „Inzwischen kenne ich dich ja besser als in Wien. Außerdem hast du deinen Punkt deutlich gemacht, als du mich stehen gelassen hast.“ Aro schüttelte in gespielter Entrüstung den Kopf. Tina zog die rechte Augenbraue hoch und sah ihn herausfordernd an. „Obwohl ich dich auf jeden Fall sicher ins Hotel zurückgebracht hätte.“ Er erwiderte einige Momente ihren Blick ohne zu blinzeln. Er musste von seiner Behauptung sehr überzeugt sein. Schließlich wandte Tina mit einem leisen Schnauben den Blick ab. Die Kellner servierten nun den ersten Gang – eine Grießnockerlsuppe. Tina war froh über die wärmende Suppe, denn inzwischen hatte sie Gänsehaut auf den Armen.
Tina erzählte von den letzten stressigen Wochen auf ihrer Arbeit und über einen Film, den sie am Vorabend gesehen hatte. Nachdem sie auch die Hauptspeise aufgegessen hatten, gingen die beiden auf das Deck des Schiffes. Überrascht hob Tina den Blick, als sie Schneeflocken auf ihrer Haut spürte.
           „Ich hab‘ gar nicht gemerkt, dass es zu schneien angefangen hat.“ Sie streckte die Hände aus und genoss das Gefühl, als die Schneeflocken auf ihrer Haut schmolzen. Die Nacht war stockdunkel, doch das Schiff selbst war mit warmen, gelben Lichterketten geschmückt und die Ortschaften rings um den See leuchteten ebenfalls.

Eine weitere Stunde später hatten sie den Ausgangspunkt wieder erreicht und holten ihr Gepäck vom Wagen. Tina folgte Aro durch die dunklen Straßen. Er hielt auf ein nobel wirkendes Hotel zu, das direkt am Hallstätter See lag. Aro erledigte den Papierkram an der Rezeption, Tina lies den Blick durch die Lobby schweifen. Es wunderte sie nicht, dass Aro ein 4- oder 5-Sterne-Hotel ausgesucht hatte. Beruflich hatte Tina zwar öfters in noblen Hotels zu tun gehabt und auch dort übernachtet, privat hatte sie sich einen solchen Luxus allerdings nie geleistet, dafür war ihr Gehalt zu niedrig.
Aro winkte ihr kurz zu, nachdem er den Check-in abgeschlossen hatte, und ging zielstrebig zu den Liften.
           „In welchem Stock liegen unsere Zimmer?“ Tina streckte auffordernd die Hand nach der Schlüsselkarte aus.
           „Im 4. Stock.“ Aro gab ihr eine Schlüsselkarte. Mit einem hellen Geräusch öffneten sich die Lifttüren, als sie oben ankamen. Tina ging langsam den Gang entlang und hielt Ausschau nach dem Zimmer Nr. 412. Als sie endlich das richtige Zimmer fand, hatte Aro die Tür bereits geöffnet und war eingetreten. Stirnrunzelnd blieb sie vor der Tür stehen. Aro drehte sich zu ihr um. Er grinste und sah sie mit verschmitzten Augen an.
           „Was ist? Komm doch herein.“
           „Wir hatten doch ausgemacht, getrennte Zimmer zu buchen.“ sagte Tina und sah ihn finster an. Aros Grinsen nach zu urteilen, wusste er das natürlich genau und zog sie momentan auf.
           „Stimmt.“ Als er sie immer noch belustigt anstarrte, drehte sie sich um.
           „Weißt du was, ich frage unten einfach nach, ob noch ein Einzelzimmer frei ist.“ Tina kam nur ein paar Schritte weit, bevor Aro sie am Arm packte und aufhielt.
           „Jetzt sieh‘ es dir doch erst einmal an, bevor du dich beschwerst.“ In seiner Stimme schwang immer noch der Schalk mit.
           „Wenn du mich nur ärgern willst…“
           „Gibt es daran etwa einen Zweifel?“ Aro lachte ihr ins Ohr und zog sie in das Zimmer. Von dem schmalen Eingang, den Tina zuvor gesehen hatte, führten 4 Türen zu weiteren Zimmern. „Nachdem die Suite über 2 Schlafzimmer verfügt, breche ich unsere Abmachung nicht.“ Aro öffnete die Türen hinter denen sich ein Wohn-, ein Bade- und zwei Schlafzimmer befanden.
           „Wieso hast du die Suite gebucht? Zwei Einzelzimmer wären doch um einiges günstiger gewesen.“ Das sie zwei Nächte für ein Einzelzimmer in einem teuren Hotel zahlen würde, hatte Tina eingeplant, um die Hälfte der Suite zu bezahlen, würde aber ein guter Teil ihres Urlaubsgeldes, das für die nächste Reise zurückgelegt hatte, herhalten müssen. „Und warum sagst du nicht gleich, dass du die Suite gebucht hast und lässt mich so lange im Dunkeln?!“ Tina funkelte Aro wütend an.
           „Weil ich zu gerne deine Reaktion abwarten wollte. Du hast mich nicht enttäuscht.“ Aro lachte wieder. Tina trat im sachte gegen das Schienbein.
           „Manchmal gehst du mir richtig auf die Nerven, weißt du das?“
           „Ich danke für das Kompliment. Also welches Schlafzimmer möchtest du haben?“

Tina seufzte, während sie sich auf dem weichen Doppelbett ausstreckte. Sie hatte nicht lange gebraucht, um sich in dem Zimmer einzurichten. Ihre Toilette-Tasche hatte sie ins Badezimmer gestellt und das Ladekabel für ihr Handy lag auf dem Nachtisch. Ihre Reisetasche stand geöffnet am Fußboden, bei solch kurzen Reisen nahm sie ihre Kleidung immer direkt aus der Tasche und sparte sich die Arbeit, sie in den Schränken zu verstauen. Einzig ihren Badesachen und ihr eigenes Handtuch legte sie heraus, weil sie in der Tasche zu sperrig waren. Sie nahm das Handy zur Hand und suchte nach dem Hotel. Sachte schüttelte sie den Kopf, bei der Wahl des Hotels hatte sie Aro richtig eingeschätzt, dass er jedoch gleich eine Suite, die auch für 4 Personen Platz bot, buchen würde, hatte sie überrascht. Stirnrunzelnd sah sich Tina die Preisliste des Seehotels durch. Eine Nacht in der Suite kostete um die € 400,00 – falls sich Aro mit der Junior Suite zufriedengegeben hatte. Falls dies aber die Superior Suite war, kostete die Nacht noch einmal € 100,00 mehr. Tina stütze den Kopf mit der Hand ab. Für das Geld konnte sie ja 5 oder 6 Mal ins Theater gehen – selbst wenn sie nur die Hälfte der Hotelkosten übernahm! Ein zweites Mal würde sie Aro nicht das Hotel aussuchen lassen! Als Politiker sah das monatliche Gehalt offensichtlich ganz anders aus als in der Privatwirtschaft!

Nachdem sie sich etwas ausgeruht hatte, ging Tina ins Wohnzimmer hinüber. Das Zimmer war, genau wie der Rest der Suite, geschmackvoll eingerichtet. In der Mitte des Raumes stand eine große Couch mit Blick auf den großen Flachbildfernseher, der an der Wand hing. Auf der Couch lagen ein paar Polster, die den Raum gleich heimelig machten. Neben der Glastür, die zur Terrasse führte, standen auf einem Sideboard eine Nespresso-Kaffeemaschine und ein Wasserkocher. Tina öffnete die Dosen daneben und fand jeweils 10 verschiedene Tee- und Kaffeesorten zur Auswahl.
            „Möchtest du auch ein Häferl Tee oder einen Kaffee?“ Tina warf einen Blick über die Schulter zu Aro, der auf der Couch saß und auf seinem Smartphone herumtippte.
            „Nein danke.“
Tina stellte das Wasser auf, entschied sich nach kurzem Überlegen für einen Früchtetee und setzte sich mit der dampfenden Tasse zu Aro. Er trug heute einen grauen Pullover und dunkelblauen Schal, den er auch am Schiff nicht abgenommen hatte. Er sieht fesch aus, dachte sich Tina, während sie ihn beobachtete.
            „Ist das Smartphone neu?“ fragte sie lächelnd. Sie hatte bereits öfter bemerkt, dass Aro sich für technische Neuerungen begeistern konnten. Auch sein Auto besaß sämtliche technischen Spielereien, die es auf dem Markt derzeit gab.
            „Ja, sieh der das einmal an.“ Aro bog das Smartphone in der Mitte um. Das Gerät brauchte nur den Bruchteil einer Sekunde, um das abgespielte Video an die halbierte Bildschirmgröße anzupassen.
            „Ist das etwa das neue Galaxy Fold?“ Tina beugte sich interessiert vor. Aro nickte bejahend.
            „Das Gerät ist wirklich schön verarbeitet, die Fuge, an denen sich die beiden Bildschirme berühren, ist kaum zu sehen.
            „Darf ich es mir mal ansehen?“ Tina hatte schon die Hand danach ausgestreckt, bevor sie die Frage komplett ausgesprochen hatte.
Aro reichte es ihr. Vorsichtig nahm es Tina entgegen und klappte es wieder auseinander. Mit den Fingern fuhr sie sanft über das glatte Aluminiumgehäuse auf der Rückseite. In puncto Verarbeitung stimmte sie Aro zu, es war wirklich ein sehr edles Gerät. Sie klappte das Falthandy mehrmals zusammen und auseinander, betrachtete es von allen Seiten und beobachte, wie sich die geöffneten Apps, Internetseiten oder Videos innerhalb eines Sekundenbruchteils an die neue Displaygröße anpassten.
            „Wie bist du mit der Leistung zufrieden? Wie lange hast du es denn schon?“
            „Ich habe es erst diese Woche gekauft. Der Prozessor ist gut und die Akkuleistung in Ordnung – wenn auch nicht besser als bei anderen Smartphones.“
            „Für die Akkulaufzeit macht es wahrscheinlich einen großen Unterschied, ob du das gesamte oder nur das halbe Display verwendest.“
            „In dem Smartphone wurden zwei separate Akkus eingebaut, der zweite Akku schaltet sich automatisch hinzu, wenn man das gesamte Display nutzen möchte. Deshalb macht das keinen Unterschied.“
            „Das Smartphone ist schön flach gestaltet. Selbst wenn ich es zusammenklappe, ist es nicht zu dick.“
Über die Fachsimpelei von den Vor- und Nachteilen des faltbaren Smartphones vergaß Tina komplett die Zeit. Sie richtete sich noch zwei weitere Tassen Tee, bevor sie in den frühen Morgenstunden zu Bett ging und, müde von dem ereignisreichen Tag, sofort einschlief.

****

Im Gegensatz zu Tina blieb Aro die restliche Nacht auf. Natürlich, schließlich hatte er seit über 3000 Jahren nicht mehr geschlafen. Der liegen gebliebene Schnee knirschte unter seinen Füßen, als er auf die Terrasse trat. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht die Schuhe, die er beim Eingang der Suite abgestellt hatte, zu holen. Durch seine geringe Körpertemperatur schmolz der Schnee ohnehin nicht und die Socken blieben trocken. Aro trat an das Geländer, blickte auf den nächtlichen See hinaus und lauschte den Geräuschen um ihn herum – besonders auf den Atem und den Herzschlag, die er zwei Zimmer weiter vernahm.
Aro hatte allen Grund, mit der Entwicklung seiner Beziehung zu Tina zufrieden zu sein. Das letzte Mal, als Marcus einen Blick darauf geworfen hatte, war das Band schon merklich stärker gewesen als zu Beginn.
Trotz ihrer Instinkte vertraute ihm Tina nach und nach. Wenn sie sich trafen, taute sie in seiner Gegenwart schneller auf und brauchte keine Stunde, um sich halbwegs locker zu verhalten. Auch wenn er lachte, schreckte sie nicht mehr vor seinen Zähnen zurück. Dass Tina eingewilligt hatte mit ihm zu verreisen, obwohl er ihr das Ziel verheimlicht hatte, war ein weiterer Beweis ihres Vertrauens.
Wenngleich ihre Zweifel wohl noch nicht komplett verstummt waren. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er daran dachte, wie sie versteinert im Hotelflur gestanden hatte und annahm, er hätte ein einzelnes Doppelzimmer für sei beide reserviert. Oder als sie sich intuitiv für das Schlafzimmer entschieden hatte, dass näher beim Ausgang lag.
Aro nahm sich Zeit und analysierte Tinas Gedanken. Ihre Instinkte ihm gegenüber verstummten langsam. Immer seltener tauchten in ihren Gedanken auf, dass sie physisch lieber Abstand zu ihm halten sollte, oder dass er sie erschreckte, wenn er sie in einem lauteren oder bestimmten Tonfall ansprach. Sie fand ihn definitiv interessant und genoss ihre Gespräche. Zumindest ihrer Freundschaft war er sich sicher. Romantisch hatte sie bis jetzt noch kaum Interesse an ihm gezeigt. Sicher, sie fand ihn attraktiv, aber sie hatte kein einziges Mal ernsthaft eine Beziehung erwogen. Weder einen Tagtraum, in der er sie küsste, noch eine Fantasie, in der sie mehr als nur Freunde waren, die über ihre Hobbys plauderten. Andererseits hatte sie ein richtiges Hochgefühl empfunden, als er ihr diesen Kurzurlaub vorgeschlagen hatte.
Aro vermutete, dass sie mehr als nur Freundschaft für ihn empfand, sich aber dessen selbst noch nicht bewusst war. Er war fest entschlossen, das Wochenende zu nutzen, um ihre Beziehung in diese Richtung zu lenken.

Als die Dämmerung anbrach, hatte der Schneefall aufgehört. Die graue Wolkendecke versprach jedoch im Laufe des Tages noch mehr Schnee. Aro kehrte in die Suite zurück und zog sich um. Nicht weil seine Kleidung schmutzig gewesen war, sondern um den Anschein zu erwecken, er hätte in der Zwischenzeit geschlafen. Auch die Socken tauschte er aus, da der Schnee, der an ihnen haften geblieben war, in dem warmen Zimmer geschmolzen und die Socken nun unangenehm feucht waren.
Anschließend ging er ins Bad, würgte das Essen vom Vorabend herauf. Tina sollte keinen Grund haben, zu früh zu vermuten, dass er kein Mensch war. Er nahm die Zahnbürste, die in einem der Gläser neben dem Waschbecken stand, in die Hand und hielt sie unter das fließende Wasser. Im Wohnzimmer angekommen bestellte er sich ein Croissant zum Frühstück und kochte mit der Nespresso-Maschine eine Tasse Kaffee auf. Im Gegensatz zu den meisten anderen Speisen und Getränken mochte Aro den Geruch von Kaffee und Wein gerne. Das Croissant, das ein Service-Mitarbeiter gebracht hatte, zerpflückte er in kleine Stücke und warf es von der Terrasse hinunter – zumindest die Vögel hatten sich ein Frühstück verdient. Den inzwischen kalten Kaffee leerte er im Waschbecken aus, achtete jedoch darauf, einen Rest in der Tasse zu behalten. Das und die letzten Brösel des Croissants würden Tina glaubhaft versichern, dass er schon gefrühstückt hatte – und Aro konnte sich diesmal das Schauspiel ersparen, eine menschliche Mahlzeit mit Genuss zu essen.

Wenig später wachte Tina auf. Aro hörte sie gähnen, einige Minuten blieb sie noch im Bett liegen und drehte sich hin und her. Nachdem sie aufgestanden war, hörte er Stoff rascheln – wahrscheinlich wühlte sie in ihrer Tasche gerade nach Kleidung. Vorsichtig öffnete sie die Tür, hielt einen Moment inne und ging rasch über den Flur ins Badezimmer. Einige Minuten später betrat sie das Wohnzimmer. Der eng anliegende Pullover und die helle Jean, die sie trug, standen ihr gut. Die Haare, die ihr offen auf die Schultern fielen, wirkten auf dem dunkelblauen Oberteil noch heller als üblich.
            „Guten Morgen, hast du gut geschlafen?“ Aro begrüßte sie mit einem Lächeln.
            „Danke ja, du auch?“
            „Ich hatte eine angenehme Nacht. Was möchtest du frühstücken?“ Er schob ihr die Speisekarte hinüber. Tina warf einen Blick auf seinen leeren Teller.
            „Du hast schon gegessen, oder?“ Er nickte und tat so als würde er noch einen Schluck Kaffee nehmen.

Nach dem Frühstück – Tina hatte sich für ein Wiener Frühstück, eine Semmel mit Butter und Marmelade entschieden – schlug Aro einen Spaziergang durch den Ort vor. Durch den Schnee wirkte das Städtchen trotz der vielen Touristen ruhig und besinnlich – passend für die Vorweihnachtszeit. Sie kamen an dem Christkindlmarkt vorüber, die Händler öffneten nach und nach die Stände. Als sie am See entlang gingen, erreichten sie eine Stelle, von der sie den Ort gut überblicken konnten. Tina hielt inne und genoss einige Momente die Aussicht.
            „Wusstest du, dass Hallstatt als Kulisse für die koreanische Serie Spring Waltz verwendet wurde? Seitdem wird der Ort vor allem im Sommer von Touristen aus Asien überrannt. Hast du auch ein paar Disneyfilme gesehen? In dem Film die Eiskönigin II wurde Hallstatt als Vorlage für das Schloss Arendelle verwendet. Ich wette, dass die Hotels im nächsten Sommer komplett ausgebucht sein werden.“
            „Den Disneyfilm kenne ich noch nicht, er ist erst vor ein paar Wochen erschienen, wenn ich mich nicht täusche. Aber Spring Waltz und die vorangegangenen Serien habe ich gesehen.“ Aro blickte zurück ins Zentrum. „Wie wäre es, wenn wir das Museum besuchen? Ich habe gehört, dass es die regionale Geschichte gut erklären soll.“

Auf dem Rückweg ins Zentrum kamen sie an der spätgotischen Pfarrkirche vorbei. Sie betraten diese und sahen sich die Gemälde im Inneren an. Tina nahm sich für die Gemälde nur wenig Zeit. Sie war zwar sehr an Kunst interessiert – vor allem bei ihrer Liebe zum Theater und Filmen bewies sie einen guten Geschmack und einen scharfen Blick – aber für Malerei hatte sie sich bisher jedoch noch keinen Zugang gefunden bzw. hatte ihr nie jemand diese Kunst auf richtige Art nähergebracht. Sie beurteilte ein Bild nur danach, ob es ihr gefiel oder nicht. Für das Spiel von Farben und Kontrasten, für die unterschiedlichen Darstellungen der Menschen und Tiere und für die versteckte Bedeutung einzelner Objekte fehlte ihr jedoch das Wissen.
Caius hingegen liebte die darstellende Kunst, er war ein begnadeter Maler und Bildhauer und förderte seit Jahrtausenden Künstler in diesem Bereich. Caius würde Tina in diesem Gebiet gewiss unterweisen, sobald er ihre Beobachtungsgabe bemerkte. Bei dem Gedanken lächelte Aro, es war eine angenehme Vorstellung.
Das würde allerdings erst geschehen, wenn sie eine Unsterbliche wie er auch war. Als Mensch würde ihre schwache Sehkraft Caius keineswegs beeindrucken. Bis zu einem gewissen Grad beneidete Aro Tina für ihre schwächeren Sinne. Sie konnte einen Tanz genießen und als ausgezeichnet bewerten, weil ihr die vielen kleinen asynchronen Schritte entgingen. Sie konnte auch ein Lied Hunderte Male anhören ohne zu bemerken, dass die menschlichen Stimmen oft kratzig klangen. Selbst die besten Opernsänger sangen selten eine Arie so gut, dass einem Vampir nicht die eine oder andere unrunde Stelle auffiel.

In dem Museum las sich Tina aufmerksam die Tafeln durch. Auch Geschichte war eines der Themen, die sie interessierte und Aro hatte die Gelegenheit, Tina mit seinem Wissen zu beeindrucken, oft genutzt. Auch Tina wusste immer wieder interessante Geschichte zu erzählen. Selbst wenn er sämtliche Geschichten bereits durch das Lesen ihrer Gedanken kannte.
            „Das abgebaute Salz wurde früher über den Fluss verschifft. Für den Transport wurden meist Männer angeheuert, die selbst nicht schwimmen konnten. So wollten die Bischöfe aus der Zeit sicherstellen, dass die Flöße und die Fracht unbeschadet am Ziel ankamen. Schließlich möchte kein Nichtschwimmer mit dem Floß verunglücken.“ Tina zog bei ihrer Erzählung die Nase kraus. „Zimperlich waren sie damals nicht gerade.“
            „Zimperlich nicht, aber doch sehr zielorientiert,“ Aro lachte kurz auf. „Hast du schon Hunger? Falls nicht, möchte ich noch zu dem Skywalk westlich von hier gehen.“
            „Von mir aus können wir ruhig noch weiter gehen.“

Aro führte Tina zu der Bergbahnstation. Sie zahlten jeweils die Karte für den Lift und fuhren auf den Salzberg. Gleich neben der Bahnstation führte eine Hängebrücke zu dem Skywalk. Vorsichtig ging Tina bis zum Geländer des Aussichtplateaus. Unter ihnen lag Hallstatt und der See. Von der erhöhten Position hatten sie einen guten Blick auf die umliegenden Berge, deren Gipfel in den tief hängenden Wolken verschwanden. Tina ließ den Blick über die verschneite Umgebung schweifen und versuchte die Berge und Orte zu benennen. Aro selbst hatte nur einen kurzen Blick für die Landschaft übrig. Er war viel mehr von Tina fasziniert. Jedes Mal, wenn sie ausatmete, bildete sich eine Wolke vor ihrem Gesicht. Durch die Kälte hatten sich ihre Wangen rot gefärbt. Inzwischen hatte es angefangen zu schneien.
            „Kannst du Skifahren?“ riss Tina ihn plötzlich aus seinen Gedanken.
            „Ja, warum?“ fragte er verdutzt.
            „Dann sollten wir das unbedingt Mal zusammen machen. Bei der Wetterlage werden die meisten Skigebiete wohl bald aufsperren. Das Gebiet dort drüben sieht momentan noch geschlossen aus.“ Tina hatte die Skilifte im Süden erkannt.
            „Klingt nach einer guten Idee,“ log Aro. Er ließ keine Gelegenheit aus, um sich mit Tina zu treffen, aber vom Skifahren selbst hielt er nicht viel. Als die Ski fahren zum Sport und nicht lediglich als Fortbewegungsmittel genutzt wurde, hatte er das natürlich ausprobiert. Aber wie bei den meisten Transportmittel der Menschen, konnten sie ihn nicht begeistern. Die zerbrechlichen Bretter hielten ihn nur auf. Die zerbrechlichen Bretter hielten ihn nur auf. Auf den eigenen Füßen war ein Vampir viel schneller und komfortabler unterwegs. Einzig Flugzeuge boten eine bequeme Möglichkeit Meere zu überqueren. Und die neuerdings verdunkelten Scheiben der Automobile ermöglichten es ihnen auch bei Sonnenlicht durch die Straßen zu bewegen, ohne sich zu verraten.
Auch den E-Scootern, von denen Tina so begeistert war, konnte Aro nichts abgewinnen. Mit diesen fragilen Gefährten konnte man sich nur im Schneckentempo bewegen und wenn man über einen gepflasterten Weg fuhr, zitterte das gesamte Gefährt und übertrug jede noch so kleine Erschütterung – grauenhafte Erfindungen.

Tinas Blick war an Aros Gesicht hängen geblieben. Erst sah sie ihn erstaunt an, dann legte sie den Kopf auf die Seite und sah in verschmitzt an.
            „Na alter Mann, du hast aber schnell weiße Haare bekommen,“ sagte sie scherzend.
Aro fuhr sich durch die Haare und merkte, dass einige der großen Schneeflocken zu Boden fielen.
            „Sieht so aus, als hättest du Recht. Für die weißen Haare ist mit Sicherheit deine nervenaufreibende Gesellschaft verantwortlich,“ antwortete er ebenfalls lachend.
            „Oh, vielen Dank für das Kompliment. Ich gebe mir auch allergrößte Mühe.“ Tina deutete übermütig eine Verbeugung an. Als sie wieder zu ihm aufsah strahlten ihre grünen Augen, den Mund hatte sie zu einem breiten Grinsen verzogen. Langsam trat Aro einen Schritt auf sie zu, ihren Blick immer noch erwidernd.
            „Du hast ebenfalls Schnee in den Haaren,“ sagte er sanft und strich ihr ein paar Flocken aus den Haarspitzen. Ihr Herz begann schneller zu schlagen – hatte sie Angst oder spürte sie dieselbe Erregung wie er? Er legte seine Hand auf ihre gerötete Wange und strich ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr. Er sah sich selbst durch ihre Augen – edle Gesichtszüge, dunkle ausdrucksvolle Augen, von schwarzem Haar umrahmt, in denen sich dicke weiße Schneeflocken verfangen hatten. Ihre momentanen Gedanken waren durcheinander, aber er konnte aus ihnen kein Anzeichen von Angst entnehmen.
            „Du bist wunderschön, vor allem deine roten Wangen wirken heute besonders anziehend.“ sagte er leise.
Er senkte den Kopf ein wenig, gab ihr Zeit seine Bewegungen zu erfassen und reagieren zu können, falls sie noch nicht so weit war. Tina lächelte nicht mehr. Sie sah ihn überrascht an, ihre Augen waren etwas geweitet und sie hatte die Lippen leicht geöffnet.
Langsam beugte sich Aro noch weiter vor und küsste sie. Ihre Lippen waren heiß, doch das Brennen in seiner Kehle, auf das Aro vorbereitet gewesen war, blieb aus. Tinas Herz raste. Ihre Gedanken gerieten noch mehr durcheinander. Sie dachte nicht an den Kuss, nahm ihn kaum wahr. Sie war sich nur bewusst, dass ihr Atem stockend ging und ihr das Blut in den Ohren so laut rauschte, dass sie nichts anderes hören konnte. Aro kostete den Kuss noch einen Moment länger aus, dann löste er sich von ihr. Tina blickte ihn immer noch aus geweiteten Augen an, doch ihre Wangen waren jetzt knall rot. Daran war diesmal nicht die Kälte schuld. Sie war verunsichert, begann fieberhaft zu überlegen, wie sie auf den Kuss reagieren sollte.
            „Habe ich dich überrumpelt?“
Jetzt steh‘ nicht wie angewurzelt da. Sag schon was! Wäre Aro inzwischen nicht so verunsichert, wie Tina auf den Kuss reagieren würde, hätte er ihren inneren Monolog lustig empfunden.
            „Überrascht hast du mich schon.“ Tina ergriff seine Hand, die immer noch auf ihrer Wange lag und drückte sie kurz. Aro runzelte unwillkürlich die Stirn, da sie Handschuhe trug, konnte er ihre Gedanken nicht mehr lesen.
            „Schau nicht so finster.“ Tina lächelte ihm zu. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, küsste ihn kurz auf die Wange und flüsterte ihm ins Ohr. „Gib mir etwas Zeit, um meine Gedanken zu sortieren.“
Aro drückte sachte ihre Hand und erwiderte das Lächeln. Mit dieser Antwort war er vorläufig zufrieden. „Was hältst du von einem Mittagessen?“
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A\N: Ein weißer Winter hat schon was für sich. Fahrt ihr wie Tina ebenfalls gern Ski?

Disclaimer: Twilight und sämtliche Figuren aus der Serie gehören Stefanie Meyer. Ich habe sie nur geliehen und meine OC’s ins Spiel gebracht. ;-)
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