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Pride and Humility

GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P12 / MaleSlash
Oikawa Tooru Sugawara Koushi
10.11.2021
25.11.2021
3
15.785
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25.11.2021 4.858
 
Oikawa wusste nicht, was er hier tat.
Nach dem Training war er noch ein wenig durch die Stadt geschlendert und mittlerweile hatte er vollkommen die Zeit vergessen. Auf seinem Plan hatten neue Kopfhörer gestanden, da die alten an diesem Morgen einen Wackelkontakt entwickelt hatten, der ihn empfindlich störte. Natürlich war es auch möglich, ohne sie seine Joggingrunden zu bestreiten, doch er brauchte etwas, das ihn voran brachte und seine Gedanken gefangen hielt, bevor er überhaupt ans Aufgeben denken konnte.
Nachdem er also diese Sache erledigt hatte, spazierte er nur noch durch die Innenstadt, auf der Suche nach etwas, von dem er selbst noch nicht wusste, was es war. Erst als er den Blick von den Schaufenstern abwandte, hatte er das Gefühl, es gefunden zu haben.
Und so ziellos sich Oikawa auch gerade fühlte, wusste er noch viel weniger, was er hier tat.
Verwirrt schaute Oikawa in die Menge, wo er den grauhaarigen Zuspieler erspäht hatte. Ein wirklich lustiger Zufall. Nachdem sie sich ein paar Wochen zuvor im Wartezimmer getroffen hatten, hatte er nicht wirklich gedacht, den Jungen abseits eines Matches noch einmal wiederzusehen. Vielleicht wären sie auch in verschiedenen Turnier-Gruppen gelandet und es wäre nie wieder etwas geworden. Klar wohnten sie wohl in der gleichen Präfektur, aber sich zur gleichen Zeit am gleichen Ort aufzuhalten, war schon ein sehr interessanter Zufall. Was ihn wohl in die Innenstadt von Oikawas Bezirk verschlagen hatte? Nun, es gab nur einen Weg, dies herauszufinden.
Sie hatten bei ihrem ersten Gespräch eigentlich kaum über sich, sondern nur über den Sport gesprochen, und egal wie angestrengt Oikawa darüber nachdachte, konnte er sich nicht an seinen Namen erinnern. Allerdings hatte der Kapitän genug Charme, um sich nicht davon aufhalten zu lassen. "Hey, ominöser Zuspieler!", rief Oikawa über die Köpfe der anderen Menschen hinweg und nahm Kurs auf ihn.
Der Junge blinzelte verwirrt, bevor sich seine Augen vor Überraschung weiteten. Suchend drehte er seinen Kopf zu allen Seiten, um die Quelle der Stimme zu finden. Ob er sich überhaupt noch an Oikawa erinnerte? Oder war es allein die Nennung seiner Position, die ihn aufhorchen ließ? So oder so, Oikawa konnte live mitverfolgen, wie dem Fremden klar wurde, wer gerade auf ihn zukam.
Der Anblick war ganz nach Oikawas Geschmack und sein breites Grinsen kam umso einfacher. Manchmal fand man die besten Dinge an den unverhofftesten Orten. Er würde es zwar nicht laut aussprechen, aber sein Tag war gerade um Einiges besser geworden.
Der Junge lachte, auch wenn es nur kurz andauerte. “Ist das wirklich die beste Begrüßung, die dir einfällt?”
Oikawa zuckte mit den Schultern. “Was denn sonst? Wir kennen uns doch kaum.” Dass er das gerne ändern würde, verschwieg Oikawa erst einmal. Er hatte keinen besonderen Grund. Immerhin wusste er wirklich nichts über den Jungen, aber wenn man bedachte, wie sehr Oikawa sich über das Wiedersehen freute, sprach das Bände. Damals war ihm gar nicht bewusst gewesen, dass sich ihre Wege nie wieder hätten kreuzen können, für den Rest ihres Lebens. Kaum auszudenken, fand Oikawa nun.
Sein Gegenüber schien diese Ansicht nicht zu teilen. Der abschätzende Blick dauerte so lange, dass Oikawa fragend eine Augenbraue hob. Eigentlich verwechselte er doch nie ein Gesicht, vor allem nicht das eines vielversprechenden Gegners. Obendrein hatten sie doch ein sehr angenehmes Gespräch geführt. Gut, es gab viele, denen Oikawas herablassende Art nicht schmeckte, aber der hier war ganz gut damit klargekommen.
Warum um alles in der Welt betrachtete er Oikawa nun, als wäre dieser sein persönlicher Feind?
Jegliche Farbe war dem Schüler aus dem Gesicht gewichen, doch er fing sich so weit wieder, dass er murmelte: “Sehr lustig.”
Oikawas Augen wurden zu Schlitzen. “Hab ich dir was getan?” Nie im Leben würde Oikawa es dulden, so ungerechtfertigt angemacht zu werden. Es mochte ja sein, dass diese schlechte Angewohnheit an diesem Stolz lag, über den andere so abschätzig sprachen, aber das musste er sich ja wirklich nicht gefallen lassen!
"Ach lass stecken. Ist ja auch egal", erwiderte sein Gegenüber und zuckte mit den Schultern. "Du redest wohl einfach gerne ohne nachzudenken"
"Echt kindisch, einen Streit vom Zaun zu brechen, und dann nicht mal zu erklären, worum es geht."
Der Junge rollte mit den Augen. "Jetzt komm mir nicht damit. Wir sind beide im gleichen Jahrgang", sagte er, was Oikawa sofort die Stirn runzeln ließ. Sie hatten ihr Alter mit keinem Wort erwähnt, oder? Für gewöhnlich wurde Oikawa ein paar Jahre älter eingeschätzt - weil er so erwachsen wirkte, natürlich! - während dieser kindische, silberhaarige Joker vermutlich für sehr viel jünger durchgehen würde.
"Woher weißt du das?", fragte er, die Augen vor Misstrauen zu Schlitzen verengt. Hatte er etwa einen kleinen Stalker, der ebenso hinter ihm her war wie sein Fanclub?
Doch die Realität klang noch viel absurder als jede Vorstellung. "Na weil Kageyama mir das erzählt hat."
Einen Moment lang starrte Oikawa ihn an und konnte nicht mehr tun, als ratlos zu blinzeln. "Woher kennst du Tobio?" Die Worte waren raus, bevor er nach einer Antwort gesucht hatte, obwohl sie doch so offensichtlich war.
Dementsprechend verärgert zeigte sich der Andere, als er Oikawa fragte: "Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?"
Eigentlich lachte Oikawa darüber, wenn Leute nicht merkten, dass ihnen vor Überraschung der Mund offen stand, doch jetzt war er zu sehr damit beschäftigt, aus der ganzen Sache schlau zu werden. Er ließ sich nicht aus der Ruhe bringen - war doch wohl nicht sein Problem, dass sich der andere so leicht aufwühlen ließ! - sondern ging langsam alles durch, was er wusste. Dann nickte er zufrieden. "Achso, ihr kennt euch, weil ihr beide Zuspieler seid. Habt ihr euch nach einem Spiel zusammen unterhalten?"
Oikawa stutzte, als er genauer darüber nachdachte, und lachte dann kurz. "Naja, wenn dürftest ja eher du erzählt haben. Kageyama war eben noch nie sehr gesprächig. Volleyball ist da das einzige Thema, das seine Zunge lockern kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er damit je sehr beliebt war - vor allem nicht bei den Mädchen… Hey, kein Grund, gleich so eingeschnappt zu sein!", rief Oikawa ihm nach, als Suga sich zum Gehen gewandt hatte.
Seine Stimme behielt den spielerischen Ton, wie wenn er seine Teamkollegen erst aufzog und sie dann für ihre Reaktion verhöhnte. Jeder reagierte anders auf seine Sticheleien. Von Matsukawas Ignoranz über Iwaizumis Wut bis zu Kunimis Unverständnis war alles dabei. Doch so unterschiedlich sie ausfielen, sie vereinte trotzdem, dass es Oikawa jedes Mal einen Heidenspaß bereitete.
Sie waren schon so lange ein Team, dass es sie kaum noch kümmerte, was ihr Teamkollege abzog. Man könnte sogar sagen, dass sie zu abgestumpft waren. Sie gingen mittlerweile sogar so weit, dass sie ihren Kapitän verarschten, vor dem sie, Oikawas hoher Meinung nach, gefälligst Respekt haben sollten!
Vielleicht hatte er deswegen vergessen, was ein passendes Maß an Sticheleien war, uner er hatte ein wenig übertrieben. Statt etwas zu erwidern, hatte sich der Junge einfach zum Gehen abgewandt. Himmel, warum hatte Oikawa ausgerechnet an eine solche Dramaqueen geraten müssen? Jetzt wurde er einfach im Regen stehen gelassen - im wahrsten Sinne des Wortes, denn was als kaum wahrnehmbare Tropfen begonnen hatte, entwickelte sich zu einem Problem, das man nicht mehr länger ignorieren sollte.
Kurz stöhnte er genervt auf, während er seine Schultasche aufzog und nach dem Schirm kramte, den er für alle Fälle darin verstaut hatte. Bei so viel Zeit, wie er morgens in seine Frisur investierte, wollte er nicht, dass Mutter Natur ihm einen Strich durch die Rechnung machte. Immerhin musste er gewisse Standards halten, die er sich selbst gesetzt hatte. Außerdem konnte es von entscheidender Bedeutung sein, im richtigen Moment vorbereitet zu sein, um gegen die Konkurrenz die Nase vorn zu haben. So auch hier.
"Jetzt reg dich doch nicht so auf!", rief Oikawa seufzend und setzte zu einem kurzen Sprint an, um aufzuschließen. Er hielt den Schirm über sie beide und neigte seinen Kopf, um einen neckenden Blick in das Gesicht des Jungen zu werfen, doch dieser wandte es so weit ab, dass nur noch seine grauen Haare zu sehen waren. Wenigstens war der Fremde nicht so verrückt, das Angebot auszuschlagen. Der Wolkenbruch war so stark, dass alle, die nicht Schutz gefunden hatten, in ein paar Sekunden durchnässt sein würden. Wenn er nicht das gleiche Schicksal erleiden wollte, war seine Begleitung ihm schutzlos ausgeliefert.
Statt ebenfalls beleidigt zu werden, zauberte es ein Lächeln auf Oikawas Lippen. Das machte die ganze Sache doch noch um Einiges einfacher. Nie im Leben würde er ihn so einfach davonkommen lassen, wo er jetzt die Kontrolle hatte. Wenn der andere Zuspieler ihn zu einem kleinen Kampf herausfordern wollte, würde er ihn auf keinen Fall enttäuschen.
"Ach komm schon. Dieses Schmollen steht deinem Gesicht nicht. Nachher setzt es sich noch fest und du wirst es gar nicht mehr los, Kleiner. Das wäre eine echte Verschwendung." Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, nutzte Oikawa die Gunst der Stunde, dass der Junge ihn gerade nicht sehen konnte. So hatte der Fremde auch nicht die Hand erwartet, die sich auf seinen Kopf legte und durch seine kurzen Haare wuschelte.
Der Junge fuhr einen Arm aus wie eine erboste Katze und versuchte, Oikawas Angriff wegzuschlagen. Dieser zog seine Hand gekonnt weg und schaffte es sogar noch, sie so zu drehen, dass er das dünne Handgelenk des anderen erwischte. Sein Gegner mochte zwar schnell sein, doch gegen jahrelange Übung hatte er keine Chance. Bei einem Menschen wie Iwaizumi, der seinem Freund nicht nur einen Klaps, sondern eine Ohrfeige gab, die ihn bei Erfolg ohnmächtig machte, lernte man automatisch die richtige Technik - auch wenn Oikawa gerne auf die dafür nötigen Fehlschläge verzichtet hätte.
"Also, jetzt nochmal von vorn", begann Oikawa, um die Sache aufzuklären. Sein Bekannter war alles andere als gesprächsbereit und versuchte alles, um aus dem Griff zu entkommen, bis er einsah, dass es keinen Zweck hatte. Sie mochten zwar beide im gleichen Alter sein und auf der gleichen Position spielen, aber in Sachen Kraft hatte Oikawa die Nase vorn. Er fragte sich, bei was dies noch der Fall war, und grämte sich wieder einmal, dass sie noch kein offizielles Spiel gegeneinander bestritten hatten. "Warum spielst du dich so auf wie eine kleine Zicke?"
Ein giftiger Blick traf Oikawa, doch da er ihn erwartet hatte, prallte er effektlos an seinem mentalen Schild ab. Die Resignation in der Stimme hingegen erweckte schon eher sein Interesse. "Du weißt es echt nicht, oder?", fragte sein Gegenüber und die Tonlage ließ nur einen Rückschluss zu: Dass er Oikawa gerade als hoffnungslosen Fall abgestempelt hatte.
"Sonst hätte ich es dir doch schon gesagt", murmelte dieser und rollte mit den Augen. "Jetzt mach es nicht so spannend und spuck es schon aus, ja? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, dass du mich an der Nase herumführen willst. Nur zu deiner Info, das funktioniert nicht einmal, denn ich fühle mich nicht im Mindesten schuldig dir gegenüber. Wir haben uns ja nur einmal im Wartezimmer getroffen. Um ehrlich zu sein, kannst du dich glücklich schätzen, dass ich dich überhaupt wiedererkannt habe."
Der grauhaarige Junge schaute ihn lange an, bevor er langsam nickte. "Es ist dir also wirklich nicht aufgefallen", murmelte er und für einen flüchtigen Moment lang konnte Oikawa sehen, dass es ihn wirklich kränkte, bevor er es hinter Gleichgültigkeit zu verstecken versuchte. "Mein Name ist Sugawara Koushi, Co-Kapitän und Zuspieler des Volleyballteams der Karasuno Oberschule - und ich kann nicht wirklich behaupten, dass es mich freut, dich kennengelernt zu haben."
Die innovative Vorstellung brachte Oikawa tatsächlich zum Lachen. Er spielte es noch etwas auf, weil er genau wusste, wie viel weiter er den Jungen damit aufziehen konnte. Es war ja auch zu komisch. Wer hätte schon ahnen können, dass er ausgerechnet jemandem begegnete, der mit diesem Emporkömmling im gleichen Team war? Die Welt war wirklich ein Dorf.
"Dann ist die Freude wohl tatsächlich ganz meinerseits. Nimm es mir nicht übel, aber ich habe selten Augen für die Ersatzspieler - besonders wenn mein kleiner Schützling auf dem Feld steht. Es ist wirklich nervig, dass mein Arztbesuch so viel länger gedauert hat und ich das Spiel fast verpasst hätte, aber ohne das Okay hätte mein Trainer mich nunmal nicht aufs Feld gelassen. Dabei war ich es doch, der extra darum gebeten hat, dass Tobio spielt."
Und dann, nur um eine Extraprise Salz in die Wunde zu reiben, ging er noch auf den Gedanken ein, der ihm gerade gekommen war: "Aber es tut mir wirklich leid, wenn ich dich damit um deinen Posten betrogen habe - wobei, wenn es spielentscheidend gewesen wäre, hätte ich von eurem Lehrer einiges mehr an Gegenwehr erwartet. Berichten zufolge klang er, als hätte er jeder Bedingung zugesagt, nur um an dieses Trainingsspiel zu kommen. Ihr habt wohl nicht viele solcher Optionen, hm?" Er zog das letzte Wort so weit in die Länge, dass Suga ihn mit einem erbosten Schnauben unterbrach.
"Jetzt tu doch nicht so, als würde dich unser Team groß kümmern. Wenn wir Kageyama nicht dabei gehabt hätten, wären wir für dich nicht im Mindesten interessant gewesen - und selbst er ist dir am Ende des Tages völlig egal."
"Na na", schritt Oikawa ein und wedelte mit einem ausgestreckten Zeigefinger vor Sugawaras Gesicht herum. "Das ist aber eine ganz üble Nachrede, mein Freundchen. Wie willst du als Außenstehender bitte beurteilen, was für eine Verbindung wir haben? Ich nenne ihn nicht umsonst beim Vornamen. Ich war ein Jahr lang sein Senpai und du… gerade mal zwei Monate dürften es jetzt sein, oder? Du hast doch keine Ahnung, wer er wirklich ist. Aber das wirst du schon noch früh genug erfahren."
"Dafür weiß ich genug von dir, und nichts davon ist positiv", sagte Suga und die Kälte in seinem Blick ließ Oikawa frösteln. Was nahm dieser Junge sich nur heraus mit solch haltlosen Anschuldigungen? Er sollte doch wissen, dass es nicht besonders nett war, sich einfach so ein Bild über jemanden zu machen, den man nur oberflächlich kannte. Wirklich unerhört!
"So so", spottete Oikawa und bedachte Suga mit einem herablassenden Lächeln. "Du bist also einer von denen, die ein Buch nach seinem Einband beurteilen. Wirklich schade. Dabei ist meine Geschichte sogar noch besser als ihre Aufmachung." Kurz fuhr er sich durch die Haare und warf Suga einen einladenden Blick zu.
Doch dieser verschränkte lediglich die Arme, bevor er sagte: "Es ist nicht nur mein Eindruck. Es ist vor allem das, was Kageyama mir über dich erzählt hat."
Der ganze Satz irritierte Oikawa so sehr, dass er einen Moment zögerte, bevor ihm eine geeignete Entgegnung einfiel. Nun, es sollte ihn nicht wundern, dass jemand wie er ein ausgiebiges Gesprächsthema abgab. Aber in dem einen Jahr, das sie zusammen an der Kitagawa Daiichi gespielt hatten, hatte Kageyama kaum den Mund aufbekommen.
Oikawa hatte es hingenommen, weil diese soziale Distanz eben zu seinem Charakter gehörte - und nicht, wie Iwaizumi meinte, daher kam, dass er den Jungen so abweisend behandelt hatte. Da waren noch ein gutes Dutzend anderer Schüler gewesen. Wenn Kageyama sein Selbstbewusstsein unbedingt an dem einen Menschen festmachen musste, der ihn nicht mochte, dann war das ja wohl nicht Oikawas Problem. Da musste er doch nicht wie eine Mutter hinter ihm herlaufen und ihn in die Gesellschaft einführen.
Mehr noch, das war dem Jungen ganz recht geschehen. Wenn ihm schon das ganze Talent für den Sport in den Schoß gefallen war, konnte er wenigstens für diese Sache hart arbeiten, so wie andere es schon die ganze Zeit taten!
Trotz seiner finsteren Gedanken lachte Oikawa höhnisch. "Dass Kageyama von sich aus so freudig Auskunft gibt … Bist du sicher, dass ihr nicht ein Imitat von ihm bekommen habt? Sein Volleyballspiel ist aber noch genauso ätzend wie damals, das kann ich dir versichern."
"Du bist nur neidisch, weil er besser ist als du", konterte Suga. Normalerweise klang es wie der Einwand eines störrischen Kindes, das das Gefühl haben wollte, Recht zu haben, ohne die Fakten zu kennen. Diesmal jedoch begegnete Oikawa diesen Worten nicht mit so wenig Ernst, wie sie verdient hatten, sondern schwieg einen Augenblick. Sugas Stimme war so fest, dass er keinen Zweifel an seiner Überzeugung zuließ. Und Oikawa glaubte nicht, dass der Junge besonders gut im Bluffen war. Aber vielleicht irrte er sich auch und für den anderen Zuspieler war es so einfach, dass er seine Fassade wie eine zweite Haut trug.
So oder so, Oikawa würde das Spiel einfach mitspielen, bis sich eine Chance ergab, dass er wieder die Oberhand gewinnen würde. Wenn es um Kageyama ging, konnte er gar nicht verlieren. Er kannte den Jungen besser, als ihm lieb war, weil er so penetrant war, dass Oikawa ihn manchmal gar nicht mehr aus seinem Kopf verbannen konnte. Es war wirklich ätzend, wie sehr er sich immer noch auf ihn fixierte, obwohl sie in den letzten zwei Jahren keinerlei Kontakt gehabt hatten. Trotzdem hatte er immer wieder hingehört, wenn die Wörter "Kageyama", "Tobio" oder "Einsamer König" gefallen waren. Wirklich ekelhaft, dass er so konditioniert war und sich kaum dagegen wehren konnte. Er kam sich vor wie ein einfältiger Hund.
Der Drang war so stark gewesen, dass er sich Aufzeichnungen zu jedem Spiel beschafft hatte, die er in die Finger bekommen konnte. Er hatte sich sogar die letzten Spiele der Kitagawa Daiichi live angesehen. Iwaizumi hatte er es als "Aufwärmen alter Erinnerungen" verkauft, doch obwohl er sich noch gut an alle Spieler seines damaligen Teams erinnern konnte, war er nur wegen einem dort gewesen.
Die ersten Spiele hatte Oikawa mit einem angesäuerten Gesicht zugeschaut, wie Kageyama diese Zuspiele abgeliefert hatte, die die ganze Halle in Staunen versetzt hatten. Ein Teil von ihm hatte gehofft, dass der Junge nachgelassen hatte, doch wie erwartet hatten die zwei Jahre Spielerfahrung als Stammzuspieler seine Entwicklung nur noch mehr beschleunigt - zumindest was seine eigenen Fähigkeiten anging.
Schon nach ein paar Sätzen hatte sich sein Egoismus gezeigt und während es anderen Spielern reichte, nur zu gewinnen, war ihm selbst das Beste nicht gut genug. Es war solch ein trauriger Anblick gewesen, dass Oikawa Tränen in den Augen gehabt hatte. Iwaizumi hatte sie ihm aus dem Gesicht gewischt, als er ihm eine gescheuert hatte, doch Oikawas Lache hatte das trotzdem keinen Abbruch getan. Es war einfach die Ironie in Reinkultur. Da vorne hatte seine personifizierte Angst gestanden, die neben Ushijima Stoff von Oikawas dunkelsten Albträumen war - und dann schaffte er es nicht einmal mehr, ein einfaches Zuspiel über die Bühne zu bringen, das selbst Amateure beherrschten! Was machte Oikawa sich solche Sorgen über ein Wunderkind, wenn es absolut inkompatibel mit allen anderen war? Was brachte Kageyama sein herausragendes Talent, wenn es niemanden gab, mit dem er es nutzen konnte?
Mit dieser Erinnerung vor seinen Augen fiel es Oikawa leicht, nicht vor Sugas Kommentar zurückzuschrecken. "Und wenn schon", sagte er nur schulterzuckend. "Er hat mehr Talent, was sein Zuspiel angeht, das ist unbestreitbar. Da kann ich eben echt nicht mithalten", sagte er mit dem gleichen selbstironischen Lachen, das er seinen Teamkollegen in diesem Fall zeigte. Nie im Leben würde er ernsthaft zugeben, wie sehr es ihn wurmte, dass Kageyama auf dem besten Weg war, ihn unerreichbar zu überflügeln.
Selbst Iwaizumi hatte er nie darüber eingeweiht. Sicher vermutete das schweigsame Ass als Oikawas bester Freund seinen Teil, doch offen darüber geredet hatten sie noch nie. Iwaizumi war jemand, der seine Worte mit Bedacht wählte, und solch ernste Themen nur in den richtigen Momenten ansprach - und selbst dann kam er nicht an Oikawas Reflex vorbei, wenn dieser seine Mauer aus spaßiger Verachtung und Sarkasmus aufbaute, an der selbst der starke Angreifer sich die Zähne ausbiss.
Jetzt wurde seine Miene wieder ernst und er genoss, wie Suga ihn völlig verdattert anschaute, als er auf diesen Wechsel nicht vorbereitet gewesen war. Oikawa sah ihm genau in seine misstrauischen Augen, als er mit verschwörerischer Stimme hinzufügte: "Aber weißt du, was ich ihm noch voraus habe? Obwohl er ein herausragender Zuspieler ist, hat Kageyama noch immer nicht verstanden, wie dieses Spiel als Ganzes funktioniert. Er weiß, wie entscheidend das Zuspiel für den Spielverlauf ist, aber er vergisst, dass es nicht das Einzige von Bedeutung ist. Es hat eine gewisse Ironie, dass er keinen Deut besser ist, nur weil er nicht den typischen Anfängerfehler macht, anderen Spielern zu viel Wichtigkeit zuzumessen."
Auf Sugas gerunzelte Stirn hin, fuhr er fort:
"Man sagt immer, dass alle Augen auf die Angreifer gerichtet sind, aber weißt du, wer wirklich das Spielfeld beherrscht, die Fäden zieht und die Spieler wie Schachfiguren lenkt? Das sind wir Zuspieler, mein Lieber. Wir sind der Dreh- und Angelpunkt, die Schnittstelle von Angriff und Verteidigung. Wir sind das Ziel eines jeden angenommenen Balles und entscheiden, wer ihn schlagen darf. Wir sind diejenigen, die das Spiel dirigieren."
Sugawara lächelte, doch seine Augen verrieten Oikawa, dass er den Gedanken nicht teilte. Er fand ihn nicht einmal amüsant. In seinem Blick lag Mitleid, auch wenn Oikawa nicht zu sagen vermochte, auf wen der beiden es sich bezog. "Als Zuspieler kann ich kaum angreifen und Punkte machen. Ich kann auch nicht die Bälle annehmen und dafür sorgen, dass meine Mannschaft weiter auf dem Platz bleiben kann. Ich habe eine ganz einfache Funktion: die Vorlage nutzen, die mir unsere Verteidiger retten, und sie demjenigen zuspielen, der die größten Chancen hat. Ohne mein Team bin ich nichts. Und ich glaube, genau dieses Wissen macht einen guten Zuspieler aus."
Oikawa legte den Kopf in den Nacken, als ein kehliges Lachen ihm die Worte abschnürte. Dann drehte er sich zu Sugawara und in Oikawas Lächeln lag keine Sympathie, nur eine große Portion Neugier. Als würde er eine humpelnde Katze sehen und sich fragen, was sie so zugerichtet hatte. "Das ist wirklich eine sehr erfrischende Ansicht. Ich glaube, ich habe noch nie einen Zuspieler getroffen, der so denkt wie du - aber auch noch keinen Drittklässler, der seinen Platz ein ganzes Spiel lang für einen Neuzugang freimachen musste. Vielleicht ist es das, was euch unterscheidet", überlegte er laut. Sein Grinsen war neckend, als wüsste er genau, dass jedes seiner Worte eine Schicht um Sugawaras Verteidigung abbaute, bis hinunter auf den verletzlichen Kern, den dieser um jeden Preis schützen wollte. Dieser Kern bestand aus der Erkenntnis, dass die Welt nicht war, wie sie sein sollte, egal wie sehr man sich dagegen auflehnte und wie viel Kraft man benutzte. Leidenschaft und Ehrgeiz konnten einen nur bis zu einem gewissen Punkt bringen in einem Wettrennen gegen die Zeit, bis diejenigen mit viel größerem Talent einen überflügelten und in unerreichbaren Höhen an einem vorbeizogen. Manche Krähen kamen der Sonne eben näher als andere.
Oikawa schnaubte. "Du weißt genau, wo dein Platz ist, hast ihn gefunden und akzeptiert und klammerst dich an ihn, weil es das Einzige ist, was du kannst. Du umgibst dich mit all deinen Freunden, versteckst dich hinter ihnen und stärkst ihnen den Rücken, damit sie das schaffen, was du nicht zu tun vermagst.
Tobio allerdings… er definiert sich nicht über euch. Er sieht nur sich selbst, und wenn er die Fehler nicht bei sich findet, dann muss es ja an euch liegen. Dass die Verteidiger nicht zielgenau spielen. Dass die Mittelblocker nicht hoch genug springen. Dass euer Ass zu langsam ist. Was weiß ich?” Oikawa schüttelte den Kopf, die Hände auf Höhe seiner Schultern, Handflächen nach oben. Als wolle er sagen: “Dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.”
“So ist er schon, seit er bei der Kitagawa Daiichi auf dem Platz stand. Er hält sein Zuspiel für perfekt und hat kein Interesse daran, mit euch an einer Lösung zu arbeiten, wenn ihr ein, in seinen Augen, minderwertiges Spiel abliefert. Eure Schwächen, eure Unzulänglichkeiten, aber auch eure größten Potentiale… Tobio kennt jeden eurer Spielzüge und weiß genau, wie ihr euch bewegen werdet. Und genau diese Veranlagung macht ihn so einmalig gut. Menschen mit diesem Können zuzuspielen, ohne stunden-, gar jahrelang mit ihnen geübt zu haben... Davon kannst du nur träumen, hm?"
Oikawa lachte tonlos, voller Bitterkeit. Die Worte fielen ihm leicht, denn er wusste, was es bedeutete, als Sugawara schwer zu schlucken begann und schon lange nicht mehr den Mut hatte, ihm ins Gesicht zu blicken. Er wehrte sich nicht einmal. Womit auch? Wenn, konnte es nur ein Reflex sein.
Denn Oikawa wusste, dass er recht hatte. Er wusste, wie schmerzhaft es war, wenn man genau den Punkt im Herzen traf, der einen zur Verzweiflung trieb und alles in Frage stellte, was einen mit Leben erfüllte. Er hatte diesen Schmerz wieder und wieder durchgestanden, jedes Mal, wenn er diesen unschuldigen, dümmlichen Blick dieses Genies vor Augen gehabt hatte. Noch immer brachte der Gedanke daran sein Blut zum Kochen, dass er sich kaum beherrschen konnte.
Das Einzige, was ihn weiterreden ließ, war die Gewissheit, dass es Sugawara viel mehr schmerzte. Sie waren sich ähnlicher, als beide zugeben wollten. Vom gleichen Schlag, mit den gleichen Ängsten, die sie hinter ihrem Lächeln verbargen, um von ihrer größten Schwäche abzulenken. Suga durchlebte die gleiche Hölle, die Oikawa ein Jahr lang jeden Tag ausgestanden hatte: Die unerschütterliche Gewissheit, mit jemandem in einem Team zu sein, gegen den sie am Ende des Tages nur zweite Klasse waren.
Und gerade weil Oikawa das wusste, verwunderte ihn die sanfte Stimme, mit der er hinzufügte: "Tobio ist mit Leib und Seele Zuspieler, das muss man diesem egoistischen König lassen. Er verwandelt die Bälle so, dass selbst euer unberechenbarer Lockvogel sie schlagen kann. Aber er ist nicht viel mehr als das. Er ist kein Teil der Teams, weil er noch nicht verstanden hat, was es braucht, um ein Mitspieler zu sein." Er ließ Sugawara einen Moment, um über diese Worte nachzudenken, als er stehenblieb und den Schirm neben ihnen ausschüttelte. Der Regenschauer war vorüber und nicht einmal ein verirrter Tropfen störte sie noch. Der Himmel war strahlend Blau, die Farbe, nach der man sich bei all dem erdrückenden Grau gesehnt hatte.
"Ganz anders als du", fügte Oikawa hinzu und betrachtete genüsslich, wie sich Unglaube, Misstrauen, Unverständnis und Zweifel auf Sugawaras Gesicht abwechselten. "Klammer dich dran und mach was draus, solange du ihm das noch voraus hast", sagte Oikawa lachend. Dann drehte er sich um und deutete zu den Treppen der U-Bahn. "Also dann, ich muss die Linie hier nehmen. Der Regen sollte genug nachgelassen haben. Man sieht sich." Und mit diesen Worten machte er sich auf den Weg zu den Treppen, die ihn in den Untergrund führten.
"Ich werde es ihm beibringen." Sugawara sprach mit der gleichen unbekümmerten Ruhe wie immer, ohne die Stimme erhoben zu haben, und trotzdem ließen seine Worte Oikawa wie eingefroren dastehen.
"Ihm was beibringen?", wiederholte er misstrauisch, auch wenn er schon ahnte, was die Antwort sein würde. War Sugawara wirklich so dumm? Oder gar masochistisch? Anders konnte Oikawa sich nicht erklären, wie man die folgenden Worte mit so einem ehrlichen, stolzen Lächeln aussprechen konnte.
"Wie man mit anderen spielt, natürlich. Die Karasuno ist nicht bloß eine Ansammlung von starken Spielern. Wir haben alle unsere Stärken wie unsere Schwächen. Aber wir brauchen keine perfekten Spieler, um zu gewinnen - nur ein richtig gutes Team. Und wenn ich ihn dazu bringen kann, ein Teil davon zu sein, dann werde ich alles daran setzen, dass es so kommt." Dann lachte Sugawara kurz, auf seine ganz eigene Art und Weise, die alle Zweifel und Sorgen aus der Welt zu schaffen vermochte. "Schätze das wirst du dann sehen, wenn wir uns sehen", wiederholte er Oikawas Abschied, als er es nun war, der sich zum Gehen wandte und dem anderen Spieler den Rücken zudrehte.
Oikawa starrte ihm so lange hinterher, dass er sich mit einem Ruck lösen musste und zwei Treppenstufen auf einmal nahm, um seine Bahn noch pünktlich zu bekommen. Der Junge hatte wirklich Nerven. Verstand er denn gar nichts? Warum schaufelte man sich freiwillig sein eigenes Grab, indem man demjenigen half, der einen überfällig machte?
Nein, das war es nicht. Sugawara wollte es einfach nicht sehen. Es war eine bewusste Entscheidung, wieder und wieder die Augen zu verschließen. Anders war es ihm wohl nicht möglich, zu überleben.
Nun, für heute würde Oikawa es dabei belassen, dachte dieser sich, während er sich einen Sitzplatz suchte und sich niederließ, den Kopf schon wieder voller Gedanken. Beim nächsten Mal würde der gegnerische Zuspieler nicht so einfach davonkommen.

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Funfact: In diesem Kapitel liegt der Grundstein für die ganze FF. Das untere Drittel dieses Kapitel ist zuerst entstanden, damals, als das Ganze noch als platonische Charakterstudie geplant war. Ja ja, lang lang ist's her^^°
Und da zwischen dieser Szene und dem Anfang eine viel zu lange Zeit lag, habe ich fast schon wieder vergessen, dass ich in der Zwischendurch Regen eingeplant hatte. Zum Glück hat meine Artist mich dann daran erinnert, weil wir im Voraus darüber gesprochen haben, ob sie das umsetzen will. Es ist auf jeden Fall immer wieder eine Freude gewesen, aus Oikawas Sicht zu schreiben, auch wenn es dafür viel zu selten vorkommt.
Hier ist noch einmal der Link zu dem dazugehörigen Bild.
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