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Pride and Humility

Kurzbeschreibung
GeschichteRomance, Schmerz/Trost / P12 / MaleSlash
Oikawa Tooru Sugawara Koushi
10.11.2021
03.12.2021
4
21.564
5
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17.11.2021 8.230
 
Suga war immer wieder überrascht, wie unterschiedlich Busfahrten ausfallen konnten.
Auf dem Hinweg zu ihrem allerersten offiziellen Trainingsspiel dieses neu aufgestellten Teams war die Luft so geladen gewesen, dass Suga das Kribbeln der Vorfreude gespürt hatte, obwohl er wegen der Bedingung der Aoba Johsai diesmal nicht auf dem Feld stehen würde.
Den ganzen Weg über hatten seine Teamkollegen sich eifrig über Taktiken ausgetauscht. Hinata und Kageyama hatten ihre Senpai so viele Löcher in den Bauch gefragt, dass Tanaka, Daichi und Suga schon vom Reden ganz erledigt gewesen waren. Wie Schwämme hatten die beiden Jüngeren ihre Ausführungen aufgesaugt und unersättlich nach mehr verlangt.
Hinatas Augen hatten gefunkelt, so als hätte er selbst auf dem Feld gestanden und die Bälle geschlagen, von denen Tanaka mit vor Stolz geschwellter Brust erzählte. Suga bewunderte ihn für diese geradezu kindliche Begeisterungsfähigkeit - und den positiven Nebeneffekt, dass diese Ablenkung die Nervosität zurückhielt, wegen der Tanaka nun schon vor dem offiziellen Spiel seine Sporthose angezogen hatte.
Kageyama zeigte seine Leidenschaft auf andere Weise; indem er mit todernstem Gesicht nach den exakten Konstellationen der Spieler fragte und auch, warum in diesem Moment genau dieser Spielzug der Sinnvollste gewesen war.
Den Großteil dieser Erläuterungen übernahm Suga. Obwohl er all diese Momente hautnah miterlebt hatte, hatte in seinen Worten merklich weniger Selbstbewusstsein gelegen als in denen seiner Kameraden. Sowohl Daichi mit seinem kühlen Kopf und der verlässlichen Abwehr, als auch Tanaka mit seiner Kraft und seinem unerschütterlichen Kampfeswillen, hatten es von ihren ersten Wochen an in die Startaufstellung geschafft.
Suga hingegen hatte vom ersten Tag an im Schatten seines Senpais gestanden und auf jede Möglichkeit gewartet, eingewechselt zu werden. Das hatte ihn auch nicht weiter gestört. Selbst dieses eine Jahr, das sie trennte, hatte seinem Senpai einen ungeheuren Vorteil gegeben bei seinem spielerischen Können gegeben. Also hatte Suga ihm den Rücken gestärkt und bis zum Umfallen trainiert, um nach dem Abgang der damaligen Drittklässler endlich hervorzutreten und seinen angestammten Platz als Zuspieler einzunehmen.
Seit den Qualifikationsspielen, bei denen Karasuno nach seiner Niederlage in der zweiten Runde ausgeschieden war, hatte er mit dem Rest seiner Mannschaft eifrig trainiert. Schließlich waren Daichi, Asahi und er damals mit einem klaren Ziel in die Mannschaft eingetreten; irgendwann die Nationalmeisterschaften zu erreichen.
Zweimal hatten sie schon mit ansehen müssen, wie diese Chance an ihnen vorbeigezogen war. Wenn sie ihren Traum Wirklichkeit werden lassen wollten, war das kommende Jahr ihre letzte Gelegenheit.
Gleich vier neue Mitglieder im Team zu haben, war eine willkommene Überraschung. Dass drei davon so gut waren, dass man sie gleich an die Seite der Veteranen in die Startaufstellung berufen konnte, war ein Segen, den sich niemand zuvor überhaupt ausgemalt hatte. Suga war sich sicher: Von all den Konstellationen, die er über die Jahre kennengelernt hatte, hatte er noch nie in einer so starken Mannschaft gespielt, wie es dieses Jahr der Fall war.
Oder gewesen wäre.
Er zwang sich, nicht zu sehr an Asahi und Nishinoya zu denken, denn der Anblick dieser zwei leeren Plätze im Bus schmerzte so sehr, dass er den Blick von ihnen abwenden musste. Sie waren ein unschätzbarer Teil der Mannschaft. Suga war gespannt, wie sich seine Freunde in der neuen Balance bei einem so wichtigen Spiel schlagen würden, doch er wünschte sich noch mehr, es nicht so herausfinden zu müssen.
Trotzdem beantwortete er Kageyamas Fragen dazu wahrheitsgemäß, wenn auch darauf bedacht, die Worte “Ass” und “Libero”, geschweige denn ihre Namen, nicht fallen zu lassen.
Gelegentlich warfen Daichi und die Zweitklässler ihm fragende Blicke zu, doch nach den ersten erklärten Spielzügen entschieden sie, dem Zuspieler seinen nötigen Freiraum zu geben.
Suga wusste, dass es auch für sie nicht einfach war. Alle wünschten sich, dass der starke Angreifer und der wendige Verteidiger zurückkommen würden, doch auch ihnen steckte noch die Heftigkeit des Streits in den Knochen, mit dem die beiden vor wenigen Wochen auseinander gegangen waren. Es schmerzte, zwei so großartige Spieler nicht mehr bei sich zu wissen, aber das Trauma weiter auszubreiten, würde die Lage nur noch schlimmer machen. Dann müssten sie zugeben, dass die Karasuno, trotz der genialen neuen Spieler, einen Großteil der Kampfkraft ihres Teams eingebüßt hatten.
Heute hieß es, nach vorn zu schauen, das Beste aus dem zu machen, was ihnen noch geblieben war, und es mit dem zu vermischen, was sie bekommen hatten - und Suga wusste ohne Zweifel, dass dieses Gemisch eine Explosion hervorrufen konnte, die ihre Gegner umhauen würde.
Als der Bus endlich an der fremden Turnhalle der Aoba Johsai hielt, erhob Suga sich als Letztes von seinem Platz. Die Erinnerungen der letzten Monate hielten ihn so fest umklammert, dass er sich davon freikämpfen musste, um wieder in der Realität anzugelangen.
Eine Hand griff nach seiner Schulter und schon bevor er sich weit genug gedreht hatte, wusste er, dass sie zu Daichi gehörte. “Hey, nur weil du nicht mitspielen wirst, heißt das nicht, dass du im Bus warten musst”, scherzte er und hob seine Tasche aus dem Fußbereich über seine Schulter.
Suga schüttelte den Kopf und trotz der Anspannung gab er seinem Freund ein ehrliches Lächeln. “Und ich dachte schon, ihr wollt mich wie einen Hund einfach einsperren und ein bisschen das Fenster runterkurbeln, damit ich nicht ersticke. Dabei muss ich euch doch von der Seitenlinie anfeuern.”
“Vielleicht sollten wir dich zu einem Cheerleader ausbilden lassen. Die Mädels freuen sich bestimmt über solch seltene männliche Mitglieder - und du vermutlich, dass du der Hahn im Korb bist.”
Suga rollte demonstrativ mit den Augen und griff nach seiner eigenen Tasche. “Na immerhin hast du nicht gesagt, dass ich kaum dort auffallen würde.”
“Warum aussprechen, was du sowieso schon weißt? Die verschwendete Energie hebe ich mir lieber für das Spielfeld auf”, rief Daichi ihm nach, während er eifrig die Stufen des Busses hinunter lief.
Suga schaute ihm vom Gang aus hinterher, wie sein Freund hinter der Absperrung vor den Sitzen und dann durch die Öffnung verschwand.
Er war wie festgefroren, als hätte sein Körper vergessen, warum um alles in der Welt er sich bewegen sollte.
Als würde es nichts ändern, ob er vorwärts ging oder stillstand.
Als würde die Entscheidung, die Koushi Sugawara jetzt traf - ganz gleich, welche der unzähligen Möglichkeiten er auch wählte - nicht die geringste Auswirkung auf die Welt haben.
Sein Körper fühlte sich falsch an, als hätte eine fremde Macht von ihm Besitz ergriffen, die ihn mit unsichtbaren Fesseln an den Boden band. Zum ersten Mal, seit er diesen Sport spielte, graute es ihm davor, eine Sporthalle zu betreten. Er ahnte, woran es lag, doch der Gedanke war so selbstsüchtig, so abscheulich, so verachtenswert, dass er ihn mit aller Macht zurückhielt.
Doch Tröpfchen für Tröpfchen drang es durch seinen mentalen Schild, übermannte den Damm und flutete seine Gedanken mit solch einer Wucht, dass selbst sein letzter Widerstand zu Boden gerissen wurde. Er hatte das Gefühl zu ertrinken, während seine Befürchtungen zu Gewissheiten wurden und das letzte Bisschen Hoffnung davon trugen, an das er sich verzweifelt geklammert hatte.
Jeder Spieler, der am Rand stand, lebte für diese eine Chance, wenn der Trainer ihn zum Einwechseln zu sich rief. Es war der Moment, in dem man nicht mehr nur Teil der gesichtslosen Masse am Spielfeldrand war. Plötzlich war man von unglaublicher Wichtigkeit, so bedeutsam, als könne nur man Selbst den Verlauf des Spieles herumreißen.
Es war das, was es Suga egal werden ließ, wenn man ihn ‘nicht gut genug’ nannte. Man wusste vorher nie, wie sich der Spielverlauf entwickeln würde. Er mochte kein herausragendes Talent besitzen, das ihn unverzichtbar machte, doch auch mit seiner begrenzten Nützlichkeit gab es Dinge, die nur er tun konnte. Und genau dafür lebte er: Für diese kostbaren Minuten an der Seite seiner Mitspieler, die ihn mit jeder Faser seines Körpers spüren ließen, dass auch er auf diesem Spielfeld einen Platz hatte.
Dies war das erste Spiel, in dem er mit absoluter Sicherheit wusste, dass er es von Anfang bis Ende nur von der Seitenlinie sehen würde. Der Gedanke schmerzte ihn so sehr, dass er kaum atmen konnte.
Suga krallte seine Fingernägel in seine Handflächen und zwang sich langsam, Stück für Stück, zurück in die Realität. Er schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und atmete so tief ein, dass seine Lungen zu platzen drohten. Dann hielt er die Luft an, so lange, dass er zu ersticken glaubte, und atmete erst dann langsam wieder aus. Gemächlich öffnete er die Augen und als er wieder klar sehen konnte, hatte er es geschafft, seinen pessimistischen Gedanken zu entfliehen.
Es kostete ihn Überwindung, sein Bein zu bewegen, doch mit jedem Schritt, den er ging, wurde es einfacher. Er zog seine Sporttasche höher seinen Arm hinauf, drückte seinen Rücken gerade und schaffte es sogar, dieses unbekümmerte Lächeln aufzusetzen, das alle Befürchtungen wie von selbst im Wind zerstreute. Der Ausdruck war so vertraut, dass er sich sogar selbst damit überzeugte, und als er die Stufen zum Ausgang herunter trat, war es, als hätte er all die Negativität in diesem engen, stickigen Fahrzeug hinter sich gelassen.
Bis er herunter schaute und fast über seine eigenen Füße stolperte, weil er abrupt abbremsen musste, um nicht mit Daichi zu kollidieren.
Suga hatte ihn nicht erwartet und genauso dümmlich musste er in diesem Moment dreinschauen.
Wegen der niedrigen Öffnung hatte er seinen Kopf ein Stück herunter gebeugt und so schaute er geradewegs in Daichis dunkle Augen, die ihn mit dem starren Blick des strengen Teamkapitäns musterten.
Sugas Finger schlangen sich noch fester um die Riemen seiner Tasche, als würde es reichen, sich an etwas festzuhalten, um nicht zu zerbrechen. Zwei Jahre spielten sie nun schon im gleichen Team, sahen sich jeden Tag im Klassenzimmer, beim Training und auf dem Weg nach Hause. Daichi kannte ihn besser als jeder andere Mensch, sogar besser als seine eigenen Eltern. Wenn es also jemand schaffen würde, mit einem einzigen Blick Sugas Mauern einzureißen und all das freizulegen, was er so verzweifelt zu verstecken versuchte, dann er.
Suga atmete tief durch und machte sich bereit für all den Schmerz, den Daichi ihm mit seinen Worten zufügen würde. Manchmal musste es erst schlimmer werden, um vernünftig zu heilen, und Daichi beherrschte diese Methode wie kein Zweiter. Er hatte keine Hemmungen davor, die Menschen so oft vor den Kopf zu stoßen, bis sie endlich verstanden, was er dort hinein hämmerte.
Doch alles in Suga schrie geradezu panisch danach, sich noch länger in diese falsche Sicherheit zu hüllen. Er wollte seinen Kapitän nicht herunterziehen, nicht auf ihn als Stütze bauen müssen, wo dieser doch in wenigen Minuten die Last des ganzen Teams auf seinen Schultern tragen müsste. Er wollte alleine damit klarkommen, selbst wenn Suga so gefangen in seinen negativen Gedankenspiralen war, dass er den Ausweg nicht erkannte.
Er wusste nicht, ob Daichi Gedanken lesen konnte, doch in diesem Moment war Suga davon überzeugt. Daichis Arm legte sich um seine eher schmächtigen Schultern und als würde es nur diesen kleinen Schubs brauchen, sprang Suga leichtfüßig neben ihn auf den Boden. “Na komm, sonst fragen die sich noch, wo wir so lange stecken, und kommen ohne Aufsicht auf dumme Gedanken. Ohne uns läuft doch nichts. Nachher schlagen sie sich noch gegenseitig die Köpfe ein oder stellen irgendwelchen Unfug an - und unser Team ist derzeit nicht groß genug, dass wir es uns leisten können, auf auch nur einen Spieler zu verzichten. Das ist jetzt wohl unsere Pflicht als Kapitäne, diesen verrückten Haufen anzuführen.”
Suga kicherte und war erleichtert, wie befreiend es sich anfühlte. “Natürlich. Du bist der Einzige, der sie im Zaum halten kann.” Mich eingeschlossen.
“Und du bist der Einzige, der sich das bei mir trauen würde. Wenn mir also der Druck fehlt, weil du mich nicht vernünftig im Auge behältst und anschnauzt, gibst du uns allen für den Rest der Woche das Essen bei Ukais Laden aus.”
“Du machst mich ja arm”, protestierte Suga und schon wieder weihte er Daichi nur in einen Teil seiner Gedanken ein. Wie sollte er ihm auch das Gefühl erklären, dass selbst dieser Batzen Geld niemals genug sein würde, um diese unbezahlbaren Worte aufzuwiegen?




Im Vergleich zur Hinfahrt verlief der Weg zurück geradezu gespenstisch ruhig. Am aktivsten war wohl noch Kiyoko, die sich über ihre Aufzeichnungen des Trainingsspiel beugte und die einzelnen Spielzüge und Geschehnisse durchgingen.
Eigentlich wäre Daichi als Teamkapitän dabei an ihrer Seite, doch Kiyoko hatte sich damit abgefunden. Etwas anderes blieb ihr auch kaum übrig. Daichis Schnarchen ließ vermuten, dass man ihn so schnell nicht mehr wecken würde.
Keiner nahm es ihm wirklich übel. Als Teamkapitän, Coachersatz und derzeitiger Abwehrspezialist hatte er sowohl mental als auch körperlich alles für sein Team geben müssen. Dafür hatte seine Leistung sich allemal ausgezeichnet. Vor allem, wenn man bedachte, mit was er alles hatte fertig werden müssen.
Seit Daichi, Suga und Tanaka das Turnier der Mittelschule gesehen hatten, waren ihnen Kageyama und Hinata mit ihrem großen Talent und dem starken Siegeswillen im Gedächtnis geblieben. Klar, der Anfang war holprig gewesen - so schlimm, dass Daichi sie lieber gar nicht im Team gehabt hätte, wenn sie ansonsten die harmonische Balance zerstört hätten - aber seit dem 3 vs. 3 wussten alle im Team, dass Karasuno mit ihnen ein unglaubliches Maß an Stärke gewonnen hatte.
Suga hatte jeden Tag nach der Schule mit ihnen trainiert und zugesehen, wie sich die Neuzugänge allmählich in das Team einfügten, während ihre Senpai sich langsam an die veränderte Dynamik anpassten. Er hatte ihnen zugesehen, wie alle immer mehr zu einer Einheit zusammengewachsen waren. Doch auch nach den besten Trainingsstunden hätte er von so einem Ergebnis höchstens einmal zu träumen gewagt.
Obwohl Seijoh das erste Spiel mit einer doppelten Punktzahl an Vorsprung für sich beansprucht hatte, hatte die Karasuno nicht locker gelassen. Sie hatten verstanden, was es bedeutete, als Team zu spielen, hatten ihre anfängliche Nervosität abgelegt und so gut in den Spielverlauf gefunden, dass sie es am Ende doch noch zu ihren Gunsten entschieden hatten. Nach all dem Drama hatte selbst Suga sich so dermaßen darüber gefreut, als hätte er selbst auf dem Feld gestanden.
Seine Teamkameraden hatten wirklich alles gegeben, doch das forderte nun seinen Tribut. Die ersten Minuten hatten sie sich noch so angeregt darüber unterhalten, dass sie nicht einmal Daichis Ermahnungen gehört hatten. Immerhin war es nicht allzu schlau, Takeda als aufopferungsvollen Fahrer mit so viel Lärm zu belästigen, dass er wohl nicht mal mehr einen Krankenwagen gehört hätte. Erst als Daichis Stimme sie so durchgerüttelt hatte wie ein Erdbeben, waren sie wieder auf Zimmerlautstärke heruntergekommen.
Irgendwann war es sogar so still geworden, dass Daichi und er einen mulmigen Blick gewechselt hatten. Suga war oft genug bei Daichi und seinen vier jüngeren Geschwistern gewesen, um zu wissen, dass die Ruhe vor dem Sturm der Vorbote der größten Katastrophen war. Erwartungsvoll drückten sie sich hoch und wandten sich unter ihrem Gurt, um über die Rückenlehne zu schauen. Statt einem Bild des Chaos, das sonst ihr ständiger Begleiter war, ließ sie der Anblick lächeln.
Kageyama und Hinata hatten die Schuhe ausgezogen, um die Beine auf den Sitz zu legen, und schienen sich selbst im Tiefschlaf über die Mitte des Zweisitzers wegdrücken zu wollen, um ihr Revier zu verteidigen. Statt ihnen vorzuhalten, wie kindisch und nervig es war, hatte Tsukishima hinter ihnen seine Kopfhörer aufgesetzt, um sich von der Welt abzuschotten. Vielleicht lauschte er nur eingehend der Musik, doch die lockere Haltung seines Körpers verriet Suga, dass auch er seinem Körper nach der Anstrengung etwas Ruhe gönnte. Neben ihm saß Yamaguchi, friedlich in ein Buch vertieft, von dem Suga meinte, es auf der Hinfahrt noch in den Händen seines großen Freundes gesehen zu haben.
Auf der Rückbank waren die Zweitklässler stumm in ein Kartenspiel vertieft - ausgenommen Tanaka, dessen Kopf im Schlaf immer wieder auf Ennoshitas Schulter landete, woraufhin dieser ihn angewidert zurück drückte.
Sobald die Kapitäne sich vergewissert hatten, dass alles in Ordnung war, hatte auch Daichi der Müdigkeit nachgegeben und sich schlafen gelegt. Kaum hatte er die Augen geschlossen, kam dieses leichte Schnarchen aus seinem Mund, das seitdem Sugas Gedanken wie ein störendes Metronom begleitete. Dabei hätte er ein Gespräch gerade gut gebrauchen können. Er war über jede Fahrt froh, bei der ihm nicht übel wurde, und so forderte er es lieber nicht heraus, indem er sich mit etwas anderem beschäftigte.
Über die Jahre war er wirklich gut darin geworden, sich mit Gedanken abzulenken, und normalerweise klappte das ohne jegliche Anstrengung. Auf der Hinfahrt war es ein Kinderspiel gewesen mit den ganzen Gesprächen, wegen denen sein Gehirn nicht einmal gemerkt hatte, dass es eigentlich überreagieren sollte. Aber jetzt, mit der Stille um ihn herum, gab es kaum etwas, das ihn in seinen Bann zog.
Er seufzte und drehte seinen Kopf zum Fenster. Draußen zog die Landschaft vorbei, während sie über eine der ländlicheren Straßen zwischen den beiden Orten fuhren. Bei dem langen Reiseweg wären sie geradewegs in den Feierabendverkehr gekommen, also hatten sie sicherheitshalber die Strecke etwas außerhalb genommen. Suga hatte nicht protestiert, denn selbst wenn es länger dauerte, war es immer noch angenehmer als dieses ständige Anfahren und Stehenbleiben, wenn sie tatsächlich in einen Stau geraten würden - vom vollkommenen Stillstand ganz zu schweigen.
Die Szenerie des kurzen Waldstückes half allerdings auch nicht. Immer wieder flogen die Stämme und Blätter in einer Mischung aus Braun und Grün vorbei, sodass Sugas Augen sich gar nicht darauf konzentrieren konnten. Er versuchte, einen Punkt weiter hinten anzupeilen, doch sie standen so dicht, dass es nicht viel half.
Gerade jetzt hätte doch die ideale Möglichkeit sein sollen, einfach den Blick schweifen zu lassen, bis man die Umgebung gar nicht mehr wahrnahm. Schließlich waren seine Gedanken so voll von dem Spiel, dass es locker für den Rest der Fahrt reichen würde. Aber so, wie die Dinge standen, war einfach viel zu viel los. Seine Gedanken rasten vor Unruhe, die ihn davon abhielt, eine Pause zu bekommen:
Hinatas und Kageyamas abgefahrene Kombi, Tanakas Wucht an Aufschlägen oder Daichis Annahmen, die selbst Nishinoya einen stolzen Daumen nach oben abgerungen hätten... So viele Eindrücke waren frisch in seinem Kopf, dass er sie wie kleine Filme abspielen konnte - und doch spürte er immer wieder, wie sein Magen einen Satz machte und er sich zurück auf die Landschaft fokussieren musste, was seine Analyse des Spielfeldes zu einem jähen Stillstand brachte. Es war zum Verrücktwerden, dieser ständige Wechsel, ohne dass er sich vernünftig auf etwas konzentrieren konnte. Vielleicht war es aber auch ganz gut so. Immerhin gab es da diese eine Stelle, die ihm seitdem nicht mehr aus dem Kopf ging, auch wenn er versuchte, nicht mehr darüber nachzudenken als nötig.
“Den meisten bleibe ich im Gedächtnis, wenn ich sie in Grund und Boden spiele”, hatte er damals im Wartezimmer gesagt und heute hatte Suga mit eigenen Augen gesehen, dass dies keine leere Drohung gewesen war. Zwei Aufschlagsasse hatte Oikawa verzeichnen können, als er mit Tsukishima einen der Schwachpunkte ihrer Verteidigung anvisiert hatte. Erst beim dritten Mal hatte der Mittelblocker ihn annehmen können, weil es ihm in die Karten gespielt hatte, dass Oikawa Präzision über Stärke priorisiert hatte. Daraufhin hatte der schräge Aufsteiger ihnen den letzten Punkt des Spiels beschert und damit den dritten Satz zu ihren Gunsten beendet.
Was eigentlich ein Grund für unbändige Freude sein sollte, wurde jedes Mal getrübt, wenn dieses süffisante Grinsen in Sugas Erinnerung auftauchte. Seit dem heutigen Spiel wusste Suga, dass Oikawa es zurecht trug. Drei Spielzüge hatte er auf dem Feld gestanden und davon zwei allein mit seinen Aufschlägen für sich entschieden.
Dass es nicht mehr Punkte geworden waren, ließ sich wohl nur mit einer Verkettung von glücklichen Umständen erklären. Wenn Suga richtig gehört hatte, hatte der Kapitän die letzte Zeit nur geschont trainiert wegen der Verletzung am Knöchel, über die er sich bereits in der Praxis beklagt hatte. Dann hatte sich dieser Umstand schon über mehrere Wochen gezogen. Selbst wenn man ihm unterstellte, dass er trotzdem trainiert und die Verletzung damit verschleppt hatte, war es erstaunlich, wie schnell er zurück ins Spiel gefunden hatte.
Man konnte von Glück reden, dass er es sich dort nicht allzu gemütlich gemacht hatte. Da er die Annahme ausgeführt hatte, war Karasuno sein Zuspiel erspart geblieben worden. Suga hatte keine Zweifel, dass er auf seiner angestammten Position brilliert hätte, hätten sie ihm die Chance durch ihren Matchball nicht sofort genommen.
Als wäre seine eigene Unruhe ansteckend, hörte Suga hinter sich das Rascheln von Kleidung. "Hinata, du Idiot", murmelte Kageyama noch schlaftrunken und knurrte bedrohlich. Neugierig spähte Suga hinter die Sitze und entdeckte Kageyama dabei, wie dieser Hinatas Bein im Griff hatte. Scheinbar hatte der Lockvogel es in der Zwischenzeit bis zu Kageyamas Brust gestreckt. Dieser versuchte nun, es gewaltsam zurück zu drücken. Hinata erwies sich als erstaunlich widerspenstig und trat sogar wie ein Pferd aus, woraufhin Kageyama nur knapp seinen Kopf wegducken konnte.
Suga fragte sich kichernd, ob das mehr weh getan hätte als Hinatas Aufschlag, der zuvor geradewegs Kageyamas Hinterkopf getroffen hatte.
"Wenn du das nochmal machst, war das heute der letzte Ball, den ich dir zugespielt habe!", raunte Kageyama ihm zu, bevor er seine Sachen schnappte und sich auf den Platz auf der anderen Seite des Ganges setzte. Die tief stehende Sonne hatte unangenehm durchs Fenster herein geschienen und so hatten die Spieler den Schutz vor Hitze und Blendung ihrer Privatsphäre vorgezogen und sich auf die Zweisitzer verteilt. Nun aber schien Kageyama, als würde er sich auch in die Hölle setzen, weil alles besser war als der Platz neben Hinata.
Suga zögerte einen Moment. Kageyama war einer seiner Teamkameraden, die sich recht wortkarg gaben, und es ließ alle anderen instinktiv eine gewisse Distanz einnehmen. Die meisten warteten, bis sich alle aneinander gewöhnt hatten, um sich dann langsam anzunähern, doch bei Suga schwang da immer ein sehr mulmiges Gefühl mit. Er wollte sich mit allen aus seiner Mannschaft verstehen und für ein gutes Klima sorgen. Je schneller das geschah, desto besser. Das war also die ideale Gelegenheit - vor allem, als ihn Gedanken plagten, die er nur mit dem schwarzhaarigen Zuspieler besprechen konnte.
"Hey, Kageyama", sagte Suga und wartete einen Moment, bis er die Aufmerksamkeit des Jungen hatte. "Kann ich kurz mit dir reden?"
Der Jüngere blickte irritiert drein. Für gewöhnlich hielten die Leute ihn wohl für keinen guten Gesprächspartner, also überlegte er sich wohl, was er angestellt hatte. Als seine Suche erfolglos blieb, nickte er, wenn auch sichtbar verwirrt.
Suga lachte kurz. "Keine Sorge, ist nichts Schlimmes. Ich will mich nur unterhalten", versicherte Suga ihm mit freundlicher Stimme. Er stemmte sich hoch und überprüfte, dass sie eine gerade, ungefährliche Strecke fuhren - und dass ihr Lehrer nicht zufällig in den Rückspiegel schaute. Er würde es wohl kaum billigen, dass einer seiner Schutzbefohlenen sich abschnallte, über die ausgestreckten Beine seines Nachbarn kletterte und versuchte, dabei nicht die Balance zu verlieren. Suga hoffte, dass er sich, sollte er tatsächlich stolpern, wenn nicht irgendwo den Kopf anschlagen, sondern auf Daichi fallen würde. Dieser würde ihn bestimmt reflexartig auffangen - oder bei Kontakt wie bei einer Annahme gewaltsam von sich stoßen - was er aber nicht hoffte.
Suga schaffte es tatsächlich ohne Zwischenfälle und ließ sich auf den Sitz fallen, den Kageyama gerade fluchtartig verlassen hatte. "So ist es entspannter, als wenn wir quer über Daichi schreien. Vermutlich wird er dann noch wütend, wenn wir ihn aufwecken, so wie ein grummeliger Bär", erklärte Suga lachend und setzte noch seine beste Improvisation eines Knurrens nach. Es wurde ihm erst peinlich, als Kageyama nicht lachte. Dabei sah Suga genau, dass ihn die Vorstellung amüsierte, aber nicht jeder traute sich eben, sich über den autoritären Kapitän lustig zu machen - nicht einmal die anderen Teamkameraden, zumindest nicht, wenn er in Hörweite war.
Hinata schlief so tief, dass er gar nicht merkte, wie sein Bein den Sitz herunter hing, also legte Suga es vorsichtig wieder zurück. Er saß sowieso mit den Beinen zum Gang, um sich besser mit Kageyama unterhalten zu können, da hatte Hinata genug Platz. Vorher griff Suga aber noch nach der Sportjacke, die in den Fußraum gefallen war, und legte sie dem kleinen Spieler über die Beine.
Als er sich zurück zu Kageyama drehte, schaute dieser ihn mit riesigen Fragezeichen in den Augen an. Automatisch spiegelte Suga seinen Ausdruck. "Ist was?", fragte er verwirrt, weil er sich absolut keinen Reim darauf machen konnte.
"Naja, also, du bist so…" Kageyama griff nach seinem Nacken, während er stammelnd nach Worten rang.
"Jaaa?", fragte Suga gedehnt und musste sich zurückhalten, um nicht zu sehr zu lachen. Offensichtlich war es Kageyama hochgradig unangenehm, was seine Situation anbelangte. Suga wollte ihn nicht noch mehr in Verlegenheit bringen - aber es war zu komisch, dass es so einfach war.
"Du bist nett", brachte Kageyama schließlich heraus, was Sugas Lachen im Keim erstickte.
"Klar", gab dieser sachlich zurück. "So bin ich eben. Ist doch ganz normal. Wir sind ein Team, da hilft man sich gegenseitig." Es war für ihn selbstverständlich. Er hatte nicht einmal darüber nachgedacht, was er geantwortet hatte - besonders nicht darüber, was es bedeutete, die Worte an jemanden mit dem Spitznamen "Einsamer König" zu richten. Wo Tsukishima ihm mit einer Spur Spott begegnet wäre (würde er sich den meisten seiner Senpai gegenüber nicht aus Respekt zurückhalten) und Hinata voller Herzensgüte, zeigte Kageyama nur ehrliche Verblüffung. So als könnte er es nicht einordnen, wie er sich bei so jemandem verhalten sollte.
"Hab ich was im Gesicht, dass du mich so anschaust? Na los, spuck es schon aus", sagte Suga. Er wusste noch nicht genau, wie man mit dem Jungen umgehen musste, doch schon immer hatte er das Gefühl gehabt, dass ein direkter Weg der beste für ihn war.
Kageyama starrte ihm unverhalten ins Gesicht, als müsse er sich genau konzentrieren, um nicht zu versagen. Sugas Mundwinkel zuckten zu einem verständnisvollen Lächeln, doch er hielt sich davon ab. Er wollte, dass Kageyama sich wohl fühlte, aber sein Gefühl sagte ihm, dass es den Zuspieler nur noch mehr unter Druck setzen würde.
"Naja, es ist nur so...", murmelte Kageyama und rieb sich verlegen den Nacken, "anders eben."
Suga runzelte die Stirn. "Ich weiß nicht, ob ich das als Kompliment nehmen soll", sagte er murmelnd. Dann blickte er in die großen Augen, die Kageyama machte, und konnte sich vor Lachen kaum noch halten. "Für mich ist das eben nicht anders, sondern normal", erklärter er abwinkend. "Irgendwie ist das doch selbstverständlich. Deswegen weiß ich nicht, ob ich mich darüber freue, oder ob ich es einfach schade finde, dass nicht alle so sind."
Kageyama nickte, das Gesicht so ausdruckslos, dass der Vizekapitän nicht wusste, ob er angespannt darüber nachdachte, oder es schon zu den Akten gelegt hatte.
Suga beschlich das Gefühl, dass sie geradewegs in das Thema hineingeschlittert waren, wegen dem er Kageyama aufgesucht hatte. Der Jüngere hatte Seijohs Teamkapitän mit einem Charakter beschrieben, der schlimmer war als der von Tsukishima. Suga wollte den Mittelblocker nicht beurteilen, bevor er sich selbst ein Bild gemacht hatte, doch der Ruf kam nicht von ungefähr. Bei den seltenen Gelegenheiten, in denen der Blonde tatsächlich den Mund öffnete, kamen meistens nur bissige Kommentare und Provokationen heraus. Wenn er wirklich freundlich sein konnte, wusste er dies gut zu verstecken.
Trotz dieses Beispiels war klar, dass Oikawa noch mal eine ganz andere Nummer war.
"Sag mal, Kageyama, dieser super gute Spieler von Seijoh, der kurz vor Schluss reinkam…"
"Meinst du Oikawa?" Das Blitzen in Kageyamas Augen kam ihm keineswegs positiv vor. Es schien eher, als wäre der Junge ganz von den Erinnerungen eingenommen, die ihm plötzlich durch den Kopf gingen.
"Ja, genau der", sagte Suga und nickte eifrig, als hätte er vorher noch nie von ihm gehört. Tatsächlich war er nach dem Arzttermin nur noch eine verschwommene Erinnerung gewesen und Suga hatte keine große Lust gehabt, jeden Volleyballclub in der Präfektur zu durchsuchen, um seinen Namen herauszufinden. So sehr wollte er dessen Geltungsbedürfnis nun auch nicht befriedigen.
Dann war plötzlich das Gekreische der Mädchen von der Brüstung erklungen, über das Suga nur den Kopf geschüttelt hatte. 'Oh man. Sowas wäre mir ja echt peinlich', hatte er sofort gedacht. Er hatte eine sofortige Abneigung gegenüber Menschen, die sich etwas auf sich einbildeten, nur weil sie Fans hatten (auch wenn er den kleinen Stich an Neid nie verdrängen konnte.)
Ein Schwenken des Kopfes in ihre Blickrichtung und schon hatte Suga sich das lebende Beispiel präsentiert. Wie ein Popstar war Oikawa auf die Bühne stolziert, als wäre es ganz normal, dass Mädchen ihm vor die Füße fielen, sobald er an ihnen vorbeilief.
Zum Glück waren ihnen nicht wirklich die Knie schwach geworden, denn sonst wären sie ein ganzes Stockwerk tiefer gelandet, was den Fanclub drastisch dezimiert hätte. Vielleicht waren es aber auch so viele, dass es nicht auffallen würde. Die restlichen Mädels wären sicher zum einen bestürzt über den Verlust, aber auch erleichtert über die abnehmende Konkurrenz.
Kein Wunder, dass Tanaka bei diesem ersten Eindruck gleich seine Nase gerümpft hatte. ‘Überheblich’ und ‘Selbstverliebt’ passten perfekt zu Oikawa, aber leider auch ‘Fokussiert’ und ‘Talentiert’. Manche Leute waren wohl wirklich so groß wie die Schatten, die ihr Ruf voraus warf.
Oikawa war durch die Halle stolziert, als wäre er der Retter, auf den seine Mannschaft gewartet hatte. Sie alle hatten hingeschaut, selbst diejenigen, welche die Pause für eine taktische Besprechung genutzt hatten. So einnehmend war seine Präsenz gewesen.
Zum Glück waren alle zu beschäftigt gewesen, um auf Suga zu achten. Sonst hätten sie die Gänsehaut bemerkt, die seine Arme überzogen hatte, oder den gebannten Blick aus den aufgerissenen Augen. Natürlich hatte Suga damit gerechnet, ihm noch einmal über den Weg zu laufen, ebenso unverhofft wie beim ersten Mal. Spätestens beim Oberschulturnier der Präfektur wäre es wohl so weit gewesen, wofür er sich bei seinen Behauptungen mit Leichtigkeit qualifiziert hätte - aber keineswegs beim ersten Trainingsspiel seit Monaten, bei dem die Karasuno den kompletten ersten Satz hatte opfern müssen, um ins Spiel zu finden.
Hoffentlich hatte er nichts davon mitbekommen. Aber selbst wenn nicht, hatte es nach dem Spiel wohl nur bis zur Umkleide gedauert, bis ihn seine Teamkameraden über die lustigen Anekdoten ins Bild gesetzt hatten. Es war nicht ideal für ihren Ruf und die weiteren Spiele, aber wenn man ehrlich war, hätte die Karasuno wohl das Gleiche getan.
Suga überlegte sich seine nächsten Worte ganz genau. Er konnte nicht einschätzen, wie Kageyama zu seinem ehemaligen Senpai stand, aber besonders herzlich klang es nicht. Dann wiederum wusste Suga auch nicht genau, wie es sich überhaupt anhörte, wenn Kageyama jemanden mochte. Also sprach er einfach frei heraus: “Wie ist er so? Wir haben ihn ja kaum spielen gesehen, also kann ich ihn nicht wirklich beurteilen. Aber du hast gesagt, du würdest ihn von früher kennen. Falls wir ihm nochmal begegnen, kann es sicher nicht schaden, mehr über ihn zu wissen.”
Kageyama nickte nachdenklich. “In meinem ersten Jahr an der Mittelschule war er unser Zuspieler. Schon damals war er wirklich gut. Im Qualifikationsturnier unserer Präfektur haben wir es, vor allem wegen seines Zuspiels, bis ins Finale geschafft, wo Ushiwakas Team uns besiegt hat. Obwohl wir verloren haben, hat er so herausragend gespielt, dass er einen Preis als bester Zuspieler erhalten hat. Ich habe ihn seit seinem Abschluss nicht mehr spielen sehen, aber sein Niveau ist sogar noch höher, als ich es in Erinnerung habe.”
Kageyama sprach die Worte mit ehrlicher Anerkennung, doch die Art, wie er fest die Zähne aufeinander biss, verriet Suga, dass er sich wünschte, es wäre nicht so. Fast hätte der Ältere laut losgelacht. Also wurmte es auch ihn, dass man Oikawa das überhebliche Grinsen nicht so einfach aus dem Gesicht schlagen konnte. Dabei hatte der letzte Ball von Hinata, den er wegen des Zuspiels von Kageyama perfekt hatte schlagen können, durchaus den gewünschten Schock verursacht.
“Wie war das so, mit ihm zu spielen?”, fragte Suga.
Einen Moment lang starrte Kageyama nur ins Leere, bevor er antwortete. “Mit ihm zu spielen, ist zu viel gesagt”, begann Kageyama zögerlich, setzte dann aber schnell nach: “In den ersten Wochen habe ich auf allen möglichen Positionen gespielt, um zu sehen, wo ich in Zukunft eingesetzt werden würde. Aber es war recht schnell klar, dass ich ihr nächster Zuspieler werden sollte. Von da an hatten wir beim Training nicht allzu viel miteinander zu tun, und bei offiziellen Spielen wurden wir, wenn überhaupt, eben miteinander ausgewechselt. Das ist aber so gut wie nie vorgekommen.”
“Das kommt mir nur zu gut bekannt vor”, versicherte Suga ihm und sprach aus mehr Erfahrung, als er sich wünschte. “Wenn es schon einen starken Zuspieler in der Startaufstellung gibt, ist es wirklich schwierig, auf das Spielfeld zu kommen.”
Kageyamas Mund klappte auf und für einen Moment schien er zu geschockt, um auf eine Entschuldigung zu kommen, doch Suga winkte sofort ab. “Ist doch ganz klar, dass der Bessere auf dem Spielfeld stehen sollte. Alles andere würde doch keinen Sinn ergeben.” Er schluckte und zwang sich dann zu einem optimistischen Lächeln. “Aber ich sehe schon, du hast in diesem einen Jahr, als ihr zusammen in einer Mannschaft wart, sicher einiges gelernt. Dieser Sprungaufschlag ist doch von ihm, habe ich recht? Der ist wirklich cool. Darauf sind viele von uns echt neidisch, musst du wissen. Ich bin mir sicher, er wird uns eine große Hilfe sein.”
“D-Danke”, stotterte er und schaute Suga an, als würde er auf einen zweiten Teil warten. Als nichts auf dieses ehrlich gemeinte Kompliment folgte, fügte er es selbst hinzu. “Aber er ist noch lange nicht so gut wie der von Oikawa.”
“Der hat dir ja auch zwei Jahre voraus, Kageyama”, sagte Suga lachend und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. “Ich bin mir sicher, dass dein Zuspiel ihm schon jetzt das Wasser reichen kann. Darauf solltest du wirklich stolz sein.” Sugas feste Stimme ließ keine Widerrede zu.
Statt zu protestieren, wandte Kageyama einfach nur seinen Blick ab, herunter zu den wund geschlagenen Fingern in seinem Schoß, über die er sich rieb. “Im Zuspiel habe ich ihn schon abgehängt”, gab er zu, doch anders als gegenüber Hinata fehlte das Prahlen in seiner Stimme. “Aber was alles andere angeht, ist er mir noch immer voraus, und das weiß er auch.”
Das unbekümmerte Lächeln auf Sugas Gesicht verblasste nicht eine Note, als er neckend den Kopf schief legte. “Du bist ja plötzlich so selbstkritisch. Das kennt man ja gar nicht von dir.” Irrte Suga sich oder war das ein leichter Rotstich auf den Wangen, der nichts mit der körperlichen Anstrengung auf dem Platz zu tun hatte?
“Also für mich ist das ganz einfach”, fuhr Suga fort. “Wir trainieren dich einfach so lange, bis du auch in den anderen Bereichen aufgeholt hast. Und wenn wir wirklich bei den Qualifikationen auf sie treffen sollten, so wie Oikawa das angedeutet hat, dann holen wir uns damit den zweiten Sieg gegen sie.” Dann wurde Suga langsam klar, was er gerade sagte. Plötzlich war er derjenige, der vor Scham seinem Gegenüber nicht in die Augen sehen konnte. “Naja, also ich meinte nicht unbedingt mich mit dem ‘wir’, sondern eher das ganze Team. Im Zuspiel bist du ja schon besser als ich, da müsstest du wenn wohl mir etwas beibringen”, sagte er lachend und versuchte, sich nicht an dem bitteren Geschmack zu verschlucken, den die Worte auf seiner Zunge hinterließen. “Ich werde dir also nicht einmal annähernd so viel beibringen können wie Oikawa, aber stattd-”
“Hat er nicht.”
Kageyamas Worte waren sachlich, die unterschwellige Note der Verbitterung der einzige Hinweis auf das, was er wirklich dachte.
Dieses Geständnis allein klang für Suga wie ein Schlag in die Magengrube und er musste sich einen Moment sammeln, um wieder klar denken zu können. Sie sprachen über einen der wenigen Zuspieler, die Kageyama das Wasser reichen konnten. Gut möglich, dass es in der gesamten Präfektur niemanden gab, der ein vergleichbares Niveau hatte. Dazu hatten sie noch in der gleichen Mannschaft gespielt, bevor sich ihre Wege getrennt hatten.
Kageyama hatte selbst gesagt, dass nicht Seijoh, sondern die Shiratorizawa seine Wunschschule gewesen war. Erst nachdem er durch die Aufnahmeprüfung gefallen war, hatte er sich für die Karasuno entschieden. Nicht wegen ihres Teams oder ihrer Erfolge, sondern wegen dem Namen ihres alten Coaches, doch Suga hegte deshalb keinen Groll gegen ihn. Allerdings gab es noch eine weitere Sache, die ihn nie gestört hatte: Er hatte noch nie darüber nachgedacht, warum Kageyama nicht auch an die Aoba Johsai gewechselt war. Suga wusste allein von 4 Spielern aus dem heutigen Spiel, die vorher ebenfalls an der Kitagawa Daiichi gewesen waren.
Doch Suga brauchte es nicht laut aussprechen. Er konnte sich schon denken, wie die Antwort ausfallen würde.
Nach dem Spiel, in dem Hinatas Mannschaft geschlagen worden war, war er neugierig auf den König des Spielfeldes geworden. Also waren Daichi, Tanaka und er noch geblieben und hatten sich auch die nächsten Spiele dieses vielversprechenden Zuspielers angesehen. Ursprünglich war es sogar Sugas Idee gewesen, eine Mischung aus dem Abschauen von Techniken und der Vorbereitung, sollten sie sich einmal in einem offiziellen Match gegenüber stehen. Damals war für sie klar gewesen, dass Kageyama in einem Team landen würde, das es ganz an die Spitze schaffen würde, und da wollten sie so viele Vorteile haben, wie sie bekommen konnten.
Schon bald hatte Suga seinen Vorschlag bitter bereut. Je mehr er von Kageyamas Zuspiel gesehen hatte, desto mehr hatte dieser Knoten in seinem Magen sich verfestigt. Irgendwann waren nicht nur Kageyamas Gegner, sondern auch er selbst bei den Angriffen zusammengezuckt, als er sich vorgestellt hatte, wie diese wuchtigen Bälle an ihm vorbeigeflogen wären. Für sich genommen war die Kraft der Angreifer schon bemerkenswert, doch was Kageyamas präzises Zuspiel aus ihnen herausholte, musste den Spielern auf dem Platz vorkommen, als würde es kaum aufzuhalten sein.
Doch gerade weil Suga selbst auch Zuspieler war, erkannten seine geschulten Augen es sofort: Das anziehende Tempo. Die Diskrepanz zwischen Angreifern und Zuspiel. Die Frustration bei allen Beteiligten, wenn die Fingerspitzen nur noch gerade so den Ball berührten. Die Angriffe wurden schwächer, unpräziser, bis sie sich in verschenkte Punkte verwandelten.
Die Gegner verschwendeten keinen Moment, um das Momentum zu nutzen. Angetrieben von dem Willen, den Favoriten in die Knie zu zwingen, sammelten sie neuen Mut und schnürten der Kitagawa Daiichi immer mehr die Kehle zu, bis Kageyama nur noch einen Weg sah: Ein wildes Vorpreschen, um sie zu überrumpeln, bevor sie sich neu formieren konnten.
Noch mehr als der Unterschied in ihrem Können, schmerzte es Suga, mit ansehen zu müssen, wie sich sein perfektes Zuspiel immer mehr in eine unfaire Folter verwandelte.
Der nächste Pass glitt an Kindaichis Kopf vorbei, noch bevor dieser überhaupt seine Hand in einem Schlag nach vorn geschwungen hatte.
Bei dem danach war der Angreifer noch nicht einmal abgesprungen.
Und der letzte Ball, den Kageyama in diesem Turnier zuspielte, hallte laut in der Stille der Halle wieder.
Keiner hatte nach ihm gerufen. Keiner war hingerannt. Sie hatten nicht einmal hingesehen, während sie ihm als Einheit den Rücken zeigten.
Einen meisterhaft zugespielten Ball schlagen zu dürfen, war die größte Ehre für einen Angreifer. Diese Chance zu verweigern, war die größte Schande für einen Zuspieler.
Der Coach hatte Kageyama umgehend auf die Bank geschickt, von der er für den Rest des Turniers nicht mehr heruntergekommen war.
Suga wusste nicht, was danach stattgefunden hatte. Mit Sicherheit hatte es irgendwelche Gespräche oder sonstige Maßnahmen gegeben, mit denen versucht worden war, die Wogen wieder zu glätten. Es hatte so große Wellen geschlagen, dass es in aller Munde gewesen war. Sogar bei Karasunos Training am nächsten Tag war es das Top Gesprächsthema gewesen. Selbst wenn man das Spiel nicht mit eigenen Augen gesehen hatte, seit diesem Tag ging der Name des genialen Zuspielers Hand in Hand mit dem Bild des diktatorischen Königs, der seine Regentschaft mit eiserner Faust gegen den Willen des Volkes durchsetzte.
In diesem schicksalhaften Moment hatte auch Suga es gespürt: Die Kluft, die sich zwischen den Spielern gebildet hatte, würde man nie wieder schließen können. Vertrauen auf diese Art zu verspielen und zu verlieren, war der Todesstoß für jedes Team. Selbst der Streit zwischen Noya und Asahi wirkte nur wie eine kleine Erschütterung neben diesem verheerenden Erdbeben.
Von daher war es vielleicht sogar ein Segen gewesen, wenn Kageyama gewusst hatte, welche Schule er hatte meiden müssen, um alle Verbindungen zu seinen alten Teamkameraden abzubrechen.
Suga trug es ihm nicht nach. Kageyamas damalige Teamkameraden hatten einen ebenso guten Grund für ihren drastischen Protest gehabt, wie dieser eine Chance verdient hatte, nach diesem Erlebnis noch einmal neu anzufangen - vorausgesetzt, er würde es wirklich hinbekommen, sich zu ändern.
Trotz seines Rufes hatte Suga ihn schon ins Herz geschlossen mit seinen Eigenheiten, seinem scharfen Verstand und der Fähigkeit, selbst einen so unerfahrenen, unfertigen Spieler wie Hinata zu einer der stärksten Säulen ihres Teams zu machen. Doch so sehr das eine Auge von ihm Kageyama auch mit einem warmen Blick betrachtete, so viel Argwohn lag in dem anderen. Egal, wie viel das Wunderkind zu diesem Team beitragen konnte und wie viel sie einbüßen würden, sollte er gehen, Suga stand auf Daichis Seite: Sollten sie die Entscheidung fällen müssen zwischen einer Chance auf die nationalen Meisterschaften und der Harmonie in ihrem Team, stand diese schon längst fest.
Es ging nicht darum, so lange auf einen hervorstehenden Nagel einzuhämmern, bis dieser sich nicht mehr von den anderen unterschied. Sie alle waren einzigartig, prallten mit ihren Ecken und Kanten aneinander und wuchsen zusammen, wenn ihre Gemeinsamkeiten einander fanden. Karasuno war keine bloße Ansammlung von Spielern. Sie war eine Einheit und würde nicht nach einem Platz an der Spitze streben, wenn der Weg dorthin mit den Leichen ihrer Spieler gepflastert sein würde.
Je mehr Suga darüber nachdachte, desto mehr fragte er sich, welches Chaos an Gefühlen Kageyama in sich verschlossen haben musste, seit ihr Lehrer bekannt gegeben hatte, dass sie gegen die Aoba Johsai spielen würden. Er hatte so vielen Spielern gegenüber gestanden, die er enttäuscht und die ihn abgewiesen hatten - nicht zuletzt der Große König, wie Hinata ihn getauft hatte.
Suga wusste nicht, was zwischen den beiden vorgefallen war, doch Wärme hatte bei diesem Wiedersehen in keinem ihrer Blicke gelegen. Kageyama hatte Oikawa mit kaum verborgener Furcht angesehen, während er sowohl seine herausragenden Fähigkeiten gepriesen, als auch dessen furchtbaren Charakter verurteilt hatte. Oikawa hingegen hatte sich wie ein verspielter Welpe benommen, als er seinen ehemaligen Teamkameraden entdeckt hatte - doch ein Satz aus seinem Mund und schon hatten Arroganz und Missgunst jeden Funken falscher Sympathie betrogen.
So langsam verstand Suga, warum Kageyama seinen letzten Satz mit so viel Härte ausgespuckt hatte. Trotzdem war sein erster Impuls nicht einfühlsames Verständnis, sondern Unglaube, als er fragte: “Was meinst du damit?”
Kageyamas Gesicht blieb kalt, seine Augen mit starrem Blick auf Erinnerungen gerichtet, die nur er sehen konnte. “Alles, was ich von ihm kann, musste ich mir abschauen und selbst aneignen. Er hat mir nichts beigebracht. Rein gar nichts.”
“Nicht einmal seinen Aufschlag?” Suga war so perplex, dass er sich daran erinnern musste, seine Stimme zu mäßigen, um nicht den halben Bus wieder aufzuwecken.
Kageyama schien sein plötzlicher Gefühlsausbruch nicht zu irritieren. Kurz schüttelte er den Kopf und erklärte dann: “In meinem ersten Jahr habe ich ihn mal darum gebeten. Es war nach dem Training. Die anderen waren schon nach Hause gegangen und ich wollte mich nach dem Aufräumen gerade auf den Weg zur Umkleide machen, als ich ihn noch spielen gesehen habe. Er hat einen Ball nach dem anderen in die Hand genommen, wieder und wieder geschlagen, mit einem perfekten Bewegungsablauf wie ein schweizer Uhrwerk. Ich hatte ihm schon dutzende Male dabei zugesehen, aber in diesem Moment hat es Klick gemacht: ‘Das möchte ich auch können’, habe ich gedacht. Und das war die ideale Gelegenheit. Also bin ich zu ihm hingegangen und habe ihn genau darum gebeten.”
Sugas Mundwinkel verzog sich zu einem gequälten Lächeln. “Lass mich raten, er hat es geradezu ausgekostet, für sein Können bewundert zu werden.”
Kageyama schüttelte den Kopf. Seine Stimme war flach, als er erzählte: “Er hat mich kaum bemerkt. Er war so in sein Training vertieft, dass er mich erst gar nicht gesehen hat. Oder vielleicht hat er mich auch bewusst ignoriert. Das weiß ich bis heute nicht”, fuhr Kageyama fort. Suga hatte ihn seit seinem Beitritt noch nie so viel reden hören - abgesehen davon, wenn er Hinata anschrie - und er bedauerte sehr, dass ihr erstes richtiges Gespräch ausgerechnet so ein anstrengendes Thema haben musste. “Als er sich zu mir gedreht hat, kam es mir vor, als würde er durch mich hindurch sehen. Ich dachte, er wäre noch in Gedanken ganz bei seiner Übung, also habe ich ihn nochmal gefragt. Erst hat er sich nicht einmal bewegt - und dann ging alle ganz schnell. Er ist so sehr ausgerastet, wie ich es seitdem nie wieder erlebt habe.”
Stop, wollte Suga sagen, doch es blieb ihm im Hals stecken.
Die Worte kamen so schnell aus Kageyamas Mund, dass klar war, dass er sie nicht mehr zurückhalten konnte. Der verachtende Gesichtsausdruck verzog sich keinen Millimeter. Suga konnte sich nur einen Bruchteil dessen vorstellen, was der Junge damals gefühlt hatte, doch es reichte, um sein Herz bluten zu lassen. Höchstens 13 Jahre war Kageyama damals gewesen, als sich dieses Erlebnis abgespielt hatte, das ihn für immer geprägt hatte.
Suga wollte seine Hände auf Kageyamas geschundene Finger legen, die er auf seinem Schoß zu Fäusten geballt hatte. Er wollte irgendetwas sagen, dass die Schwere linderte, die die beide erdrückte. Er wollte Kageyama in den Arm nehmen, ihm eine Schulter zum Anlehnen geben und ihm sagen, dass alles gut werden würde. Aber Kageyama war jemand, der seinen Abstand brauchte, vor allem, wenn sein Inneres so offen und verletzlich dalag.
Also blieb Suga, wie er war, und tat das Einzige, was er in diesem Moment konnte: Zuhören.
“Iwaizumi hat eingegriffen, bevor irgendetwas passiert ist. Er hat mich weggeschickt, und ich bin nur zu gern gegangen. Mehr weiß ich nicht”, beendete Kageyama seine Erklärung mit schnellen, effizienten Sätzen, die klar machten, dass er kein Wort mehr darüber verlieren würde.
Suga hatte nicht einmal darüber nachgedacht, nachzufragen, vor lauter Angst, diese immer noch pochende Wunde weiter aufzureißen. Alles, was er wollte, war, diesen gepeinigten Ausdruck aus Kageyamas Gesicht verschwinden zu lassen.
Das Verlangen war so stark, dass es seinen Verstand ausschaltete und Instinkt seine Handlungen übernahm. Suga ließ seine Hände mit so viel Druck auf Kageyamas Schultern niederfallen, dass es den Jüngeren regelrecht erschütterte. “Hör mir zu”, sagte Suga und fokussierte Kageyamas dunkle Augen so lange, bis dieser zurück starrte. Selten war ihm etwas so wichtig geworden. Er hatte nur eine Chance, also musste er sichergehen, dass es saß, wenn er es Kageyama verdeutlichte.
“Ich weiß nicht, wie Oikawa das gehandhabt hat, und um ehrlich zu sein, ist mir das auch egal. Mag ja sein, dass er ein genialer Zuspieler ist und auch sonst in allem ach so toll, was man sonst noch auf dem Feld braucht - inklusive dieser lächerlich perfekten Fönfrisur”, sagte er, was Kageyama irgendwas zwischen einem Zusammenzucken und einem Lächeln abrang.
Suga kicherte kurz über diese komische Reaktion, bevor er in einem sanfteren Ton fortfuhr: ” Aber als Senpai, Kapitän und Lehrer klingt er wie ein totaler Versager. Mag sein, dass es das einzige Gebiet ist, auf dem ich ihn schlagen kann, aber wenn wir ihm mit etwas das Grinsen aus dem Gesicht wischen können, dann damit.” Der Eifer in seinen Augen war so stark, dass Kageyama vor ihm zurückwich. “Also los. Womit kann ich dir helfen? Sag schon! Egal was, ich bring dir alles bei, was ich kann.”
Suga war so in der Euphorie seines Plans gefangen, dass er sich zügeln musste, um Kageyama wieder seinen Freiraum zu lassen. Dieser war vor Schreck so erstarrt, dass er keinerlei Regung zeigte. Vielleicht dachte er aber auch nur nach - zumindest hoffte Suga das. Aber wenn dem so wäre, dauert es aber eine quälende Ewigkeit.
Er spürte, wie sich sein Schmollen verschlimmerte, doch er war zu aufgewühlt, um etwas dagegen zu tun. “Jetzt komm schon. Es ist doch nicht so, als würde dir gar nichts einfallen!”
Kaum hatte diese Anschuldigung seinen Mund verlassen, graute es Suga plötzlich vor Kageyamas nächsten Worten. Es mochte ja sein, dass Suga neben solchen Genies wie Oikawa oder Kageyama nicht viel beizutragen hatte - aber ihm “Nichts” vorzuhalten, war dann doch unverhältnismäßig grausam.
Kageyama schluckte und schon an dem bedrückten Ton konnte Suga erkennen, was seine Antwort so lange zurückgehalten hatte: Sein verletzter, aber ungebrochener Stolz. “Ich kann den anderen noch nicht so gut zuspielen wie du. Wir harmonieren noch nicht so, wie sie es mit dir tun”, gab er langsam zu.
Suga schob seinen Mund zu einem Schmollen hervor. “Natürlich nicht. Immerhin habe ich zwei Jahre gebraucht, um das zu schaffen. Wenn das über Nacht aufzuholen wäre, dann wäre ich ja ein totaler Versager!”, rief er und lachte so laut, dass Kageyama ihn ansah, als fürchtete er, dass Suga den Verstand verloren hatte.
Als er sich beruhigte, kam sein gut gelauntes, aufheiterndes Lächeln zurück, und er versicherte seinem Kouhai: “Mach dir da keine Sorgen. Da helfe ich dir bei. Wir trainieren das so lange, bis es klappt - zusammen!”
Und zum ersten Mal, seit Kageyama dem Club beigetreten war, wusste Suga, wie sein Lächeln aussah, wenn es von Herzen kam. Er würde sich nicht wundern, wenn es das erste Mal war, dass Kageyama aufrichtig sagen konnte:
“Ich verlasse mich auf dich, Senpai.”
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Ich hatte erst überlegt, das Kapitel noch einmal zu stückeln, damit es nicht allzu lang wird, aber dann wären immer noch 6k für das Gespräch zwischen Kags und Suga übrig gewesen. Es war wirklich nicht einfach, Kageyama zu schreiben, aber ich hoffe, dass ich ihm irgendwie gerecht geworden bin. Wenn man ihn so sieht, wirkt er relativ gradlinig, aber sobald man sich in seinen Kopf versetzen muss, ist das alles andere als einfach.
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