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Familienauftrag

von Calydea
SongficDrama, Familie / P16 / Gen
Dean Winchester
09.11.2021
16.11.2021
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16.11.2021 3.374
 
Dean war neunundzwanzig.
Mit einer halbvollen Whiskeyflasche in der einen und seinem Colt in der anderen Hand, saß er auf der Motorhaube des Impala und sah dabei zu, wie die Sonne langsam unterging. Ein letztes Mal, denn mit dem Ende dieses Tages sollte auch bei ihm alles dunkel werden. Er wollte endlich vergessen.

Seit Castiel ihn gerettet hatte, kämpfte er mit sich selbst, mit seinen Gefühlen und mit seinem Gewissen. Die Entscheidung, die er getroffen hatte, um der Folterbank zu entkommen, lastete schwer auf ihm. Hinzu kam das Wissen, welches Ereignis durch sein Handeln ausgelöst worden war, nachdem er Alastairs Angebot angenommen hatte. Es brachte ihn fast um den Verstand und raubte ihm erst recht den Schlaf, der seit seiner Rückkehr aus der Hölle nahezu jede Nacht von Albträumen beherrscht wurde.

Manchmal träume ich schwer


Sammy hatte das bemerkt und irgendwann war Dean nichts anderes mehr übriggeblieben, als seinem Bruder davon zu erzählen. Nicht alles. Nur eine Kurzfassung und die war ihm schon schwer genug gefallen. Sam hatte dieser Beichte geschockt zugehört und versucht, Dean aufzubauen. Ihm zu erklären, dass es okay war und er länger durchgehalten hätte, als vermutlich irgendein anderer Mensch vor ihm.
Sam hatte es gut gemeint, doch er irrte sich. Nichts war in Ordnung. Diese Bilder waren in Deans Kopf und er war sich sicher, sie niemals wieder vergessen zu können. Verdrängen funktionierte nicht. So sehr er es auch versuchte, sie kamen jedes Mal zurück. Es gab nur eine Möglichkeit, sie auszulöschen.

und dann denk ich, es wär
Zeit zu bleiben und nun was ganz andres zu tun


Aufgeben. Aufhören. Ein Ende finden. Schluss mit dem Scheiß. Ein für alle Mal!
Dean konnte nicht mehr. Seine Nerven lagen blank.
Selbstvorwürfe. Schuldgefühle. Zweifel. Hass. Das Gefühl, ein kompletter Versager zu sein. Armselig. Wertlos. Ein schäbiges Wesen ohne Daseinsberechtigung. Ein egoistisches Etwas, dem man nicht nachtrauern würde. Ein abscheuliches Nichts, das der Menschheit und der Welt einen Gefallen damit tun würde, einfach zu verschwinden.
Er hatte alle enttäuscht. Sammy. Dad. Bobby.
Er war nicht stark genug gewesen. Würde es wohl niemals sein. Er konnte keinem seiner Familie gerecht werden. Er war eine Enttäuschung für jeden Einzelnen von ihnen. Seinetwegen stand die Welt kurz vor dem Untergang. Er allein war schuld daran!

Warum war er nicht standhaft geblieben? Er hätte es schaffen können! So lange hatte er die Folter, die Qualen und die Schmerzen in der der Hölle ausgehalten. Da wäre noch mehr gegangen!
Doch Alastairs Foltermethoden waren hart gewesen. Grausam. Barbarisch. Fern jeglicher Vorstellungskraft und ausgeführt mit gnadenloser Präzision und fanatischer Hingabe.
Das eiskalte Grauen überkam Dean, als einzelne Bilder in seinen Gedanken aufblitzten. Wenn die Meister des Horrors die Kreativität dieses Dämons hätten, würde keine ihrer Geschichten jemals veröffentlicht oder verfilmt werden können.
Alastair machte seinen Job seit tausenden von Jahren und er wusste genau, was er tat. Wie er eine Seele anzupacken hatte, um aus dieser auch noch den letzten Funken Menschlichkeit zu brennen. Jede brach irgendwann unweigerlich. Ihr Licht erlosch endgültig. Weiß verglühte zu Rot und wurde schwarz.

Dean hatte es selbst gesehen, als er derjenige war, der neben der Folterbank stand. Unzählige Male und, zum Teufel, das Gefühl war unbeschreiblich gewesen!
Er konnte nicht leugnen, dass es ihm zu Beginn schwergefallen war, Seelen zu quälen, und es ihm vorkam, als würde er etwas Falsches tun. Doch mit der Zeit hatte er immer mehr Gefallen daran gefunden und es genossen, die Schreie zu hören. Das Bitten und Betteln um Vergebung oder Erlösung. Das Flehen, die Tortur zu beenden.
Es hatte etwas Befreiendes gehabt, selbst die Folterwerkzeuge führen zu dürfen. Als wäre es seine Bestimmung gewesen, der Hölle neue Dämonen zu schenken. Selten hatte sich Dean so gut gefühlt, wie in diesen Momenten, als er dabei zusehen konnte, wie unter seiner Hand das Licht einer Seele für immer erlosch. Nur Alastairs Stolz auf ihn und dessen lobende Worte hatten diese Freude noch gesteigert.
Inzwischen hasste er sich für sein Handeln und die Empfindungen, die er dabei verspürt hatte. Jedes Mal überkamen ihn Reue, Abscheu und Ekel, wenn er daran dachte oder aus einem Albtraum hochschreckte. Doch immer häufiger drängten sich mittlerweile auch die Erinnerungen von Macht und Erhabenheit wieder in den Vordergrund. Es kam Dean so vor, als steckte die Hölle weiterhin in ihm und das machte ihn fast wahnsinnig. Er wollte nicht mehr daran denken und nur noch vergessen.

Es war ein abgekartetes Spiel gewesen. Die Dämonen hatten es die ganze Zeit auf ihn abgesehen gehabt. Ihn für ihre Zwecke missbraucht, um die Apokalypse heraufzubeschwören, und ausgerechnet er sollte diese, wenn es nach den Engeln ging, nun wieder stoppen.
Aber nicht mit ihm! Er hatte die Nase voll!
Dean war es Leid, eine beschissene Schachfigur zu sein, die man auf dem Brett hin- und herschob, wie es dem Spieler gerade passte. Er hatte keine Lust dazu, den verfluchten Weltuntergang aufzuhalten. Wieso musste er es sein? Er war, verdammt nochmal, nicht dafür zuständig, die Welt zu retten! Warum sollte er das auch tun? Was hatte dieser elende Planet ihm denn gegeben außer Leid, Entbehrungen, Verlusten und diesem irrsinnigen Familienauftrag, dem er seit fünfundzwanzig Jahren hinterherrannte? Rein gar nichts! Er war dieser Welt nichts schuldig! Sollte sie doch untergehen und alles mitnehmen, was auf ihr herumlief. Wahrscheinlich war es sogar besser so.

Mit alkoholverschleiertem Blick bemerkte Dean, dass es inzwischen dunkel geworden war. Zeit, abzutreten und wieder in die düsteren, trostlosen und zermürbenden Tiefen der Hölle zu verschwinden. Da gehörte er hin. Dort war sein Platz. Völlig gleich, ob auf dem Tisch oder daneben. Er hatte vor, da unten hineinzuspazieren, sich auf der Stelle brechen zu lassen und dann endlich zu vergessen.
Mit zwei kräftigen Schlucken leerte Dean die Whiskeyflasche und schaffte es nicht mehr, sie vernünftig abzustellen. Sie kippte um und rollte langsam über die Motorhaube. Er sah ihr hinterher, machte aber keine Anstalten, sie aufzuhalten. Letztendlich fiel sie und zerbrach mit einem leisen Klirren.
Seelenruhig hob Dean seinen Colt, entsicherte ihn und drückte sich die Mündung an die weiche Stelle unter dem Kinn. Sein letzter Gedanke galt seinem Bruder, als sein Blick zum Himmel wanderte, wo in diesem Moment die ersten Sterne strahlendweiß aufleuchteten.

~ * ~


Dean war dreißig.
Er fuhr, so schnell er konnte. Jede einzelne Meile, die er zurücklegte, kam ihm unendlich lang vor, während ihm die Zeit im Gegenzug davonzurennen schien. Er musste es schaffen, diesen verfluchten Friedhof zu erreichen, um Sammy zu retten. Er durfte ihn nicht noch einmal verlieren! Denn diesmal würde es für immer sein.

Je näher Dean seiner Heimatstadt Lawrence kam, desto mehr Erinnerungen brachen über ihn herein.
Sie flogen an ihm vorbei wie ein Film im Zeitraffer. Obwohl er nicht vorhatte, an diesem Tag zu sterben, sah er, einem Todgeweihten gleich, sein Leben an seinem inneren Auge vorbeiziehen.

So vergeht Jahr um Jahr


Dean erinnerte sich an den Tag, als er Sammy das erste Mal gesehen hatte. Er war mit Dad ins Krankenhaus gefahren und dort strahlend auf das Bett seiner Mom geklettert, die glücklich lächelnd das Baby im Arm hielt. Er wusste noch, wie sehr er sich darüber gefreut hatte, endlich ein großer Bruder sein zu dürfen, und wie er vorsichtig die winzige Hand streichelte. Nie würde er vergessen, wie Sammy daraufhin nach seinem Finger gegriffen und ihn festgehalten hatte, während er ihn mit seinen dunkelblauen Kulleraugen anschaute.
Sie waren eine dieser Familien gewesen, wie es sie zu tausenden auf der Welt gab. Aber nicht allen war Glück vergönnt. Das hatte Dean in den letzten sechsundzwanzig Jahren mehr als einmal lernen müssen. Es gab immer Veränderungen, gute und schlechte, und jede davon hatte Einfluss auf die Zukunft.

und es ist mir längst klar
Dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war


Auf einmal hatte Dean wieder den entsetzten Aufschrei seiner Mom im Ohr und die eindrücklichen Worte seines Dads, als der ihm den kleinen Sammy in den Arm drückte. Erneut spürte er die Hitze des Feuers, roch den beißenden Qualm, der ihm die Tränen in die Augen trieb und hörte die lauten Rufe der Feuerwehrmänner, die sich Befehle zubrüllten, während rot-blaues Flackern die Dunkelheit der Nacht zerriss.
Dann die Zeit danach.
Es war schwer gewesen, doch irgendwie hatten sie es geschafft, weiterzumachen.
In Pastor Jim und Bobby hatte Dad Freunde gefunden und die beiden waren so etwas wie Onkel für ihn und Sam geworden. Solange sie noch klein waren, hatte Dad sie oft zu ihnen gebracht, um in Ruhe Jagen gehen zu können, und später, als Dean in der Lage war, allein auf Sam aufzupassen, besuchten sie die beiden regelmäßig. Dean erinnerte sich, dass es sich irgendwie wie ‘Heimkommen’ angefühlt hatte, sobald sie in die Nähe der Kirche oder des Schrottplatzes gekommen waren. Monster, Jagden, Training und sogar der Familienauftrag hatten für eine kurze Zeit an Bedeutung verloren. Vor allem bei Bobby. Der hatte ihn und Sam oft einfach nur spielen lassen, oder aber, was genauso häufig der Fall war, selbst mitgemacht.

Plötzlich fiel Dean etwas auf, das ihm bisher nie bewusst gewesen war.
Sie ‘hatten’ bei Bobby trainiert. Definitiv! Wenn auch auf eine spielerische Art und Weise. Sogar Sam, der ja bis er acht war, nicht einmal von Monstern gewusst hatte!
Das Werfen mit einem Ball auf alte Blechdosen – Hand-Auge-Koordination und Zielübungen.
Die Schatzsuchen auf dem Schrottplatz – Recherche.
Bobby, der ein Auto, einen Schrank oder eine Schublade bewachte, wo er Süßigkeiten versteckt hatte und an die sie versuchen sollten, heranzukommen – Strategie und Taktik.
Dean schüttelte grinsend den Kopf. Dieser Mann war doch echt ein Fuchs.

Mit jeder Meile und jeder weiteren Erinnerung wusste Dean, dass er es schaffen würde, Sam zu retten. Er wollte nicht, dass es aufhörte. Konnte es nicht zulassen, dass sich sein kleiner Bruder opferte. Es gab noch so viel, das sie zu erledigen hatten. Zu einem Familienauftrag gehörte eine Familie. Ein Winchester allein erfüllte dieses Kriterium nicht. Sammy und er, sie beide waren die Letzten!
Als er das Ortsschild von Lawrence passierte, drehte Dean das Radio lauter. Es sollte ruhig jeder wissen, dass er auf dem Weg war. Im Himmel. In der Hölle. Auf der Erde.
Diesmal würde alles so bleiben, wie es war.

~ * ~


In einer Hinsicht spielte es keine Rolle, wie alt Dean war.
Immer wenn es darum ging, Gefühle zu zeigen oder zuzulassen, verschloss er sich. Nur nicht darüber sprechen. Am besten noch nicht einmal über sie nachdenken. Weit weg damit, denn dann tat es nicht so weh.
Die Verluste. Die Entbehrungen. Die Enttäuschungen. Dean schwieg lieber, als preiszugeben, wie es in seinem Inneren aussah. Vor allem, weil er meist auch nicht wusste, wie er sich ausdrücken sollte. Reden war seit jeher Sams Ding gewesen. Ihm selbst lag das nicht so. Er hatte eher das Gefühl, immer genau das Falsche zu sagen.

Fragt mich einer, warum ich so bin, bleib ich stumm
Denn die Antwort darauf fällt mir schwer


Dean hatte sich schon früh angewöhnt, seine Probleme für sich zu behalten und seine Gefühle nicht nach außen zu kehren. Sie waren, im Vergleich zu denen der anderen, einfach zu unwichtig, als dass man sich darüber unterhalten müsste. Doch immer gelang es ihm nicht, sie zurückzuhalten, und er kam an einen Punkt, an dem auf einmal alles aus ihm herausbrach.

Dean erinnerte sich an eine Dokumentation über Naturkatastrophen, die Sammy vor vielen Jahren mal im Fernsehen angeschaut hatte, während er selbst das Abendessen vorbereitete. Und irgendwie erschien ihm dieser Vergleich zu seiner Reaktion, wenn er seinen Gefühlen freien Lauf ließ, gar nicht so weit hergeholt.

Es war wie bei einem Vulkan, in dessen Schlot sich Magma sammelte und sich ständig immer mehr Druck aufbaute. So lange, bis der Pfropf, der den Krater verschlossen hielt, diesem nicht weiter standhalten konnte und einfach in die Luft flog. Unter einer glühend heißen Explosion aus aufgestauten Emotionen. Seine Worte wurden der Ascheregen, der die Sonne verdunkelte, auf die Umgebung niederfiel und alles unter einer schweren, grauen Schicht aus Hoffnungslosigkeit begrub. Seine Tränen wurden die Lavaströme, die auf seinen Wangen eine brennende Spur aus Verzweiflung und Hilflosigkeit hinterließen.
Es geschah nicht oft, aber jedes Mal, wenn das passierte, fühlte sich Dean im ersten Moment gut. Für einen Augenblick war der Druck weg, doch nur kurze Zeit später bereute er, dass er es zugelassen hatte. Er zog andere damit herunter und belastete sie unnötig mit seinen Problemen. Etwas, das er nicht wollte.
Im Normalfall war es Sam, der sich das dann anhören dufte. Nicht ungewöhnlich, wusste der doch ganz genau, wie er seinen älteren Bruder zu packen hatte, dass der mal explodierte. Ob jetzt laut oder leise war Sammy egal. Hauptsache Dean tat es.
Aber Sam war nicht mehr da.
Sein Bruder saß mit Luzifer im Höllenkäfig und auch Castiel war seit dem Tag auf dem Friedhof verschwunden. Der Engel trieb sich anscheinend irgendwo im Himmel herum.
Dean war sich sicher, keinen von ihnen je wiederzusehen und jeden Tag vergrub er die schrecklichen Gefühle des Verlusts ein bisschen tiefer in sich. Bobby war zwar noch da, doch zu dem wollte und konnte Dean nicht gehen. Zu viele Erinnerungen an seinen Bruder waren mit dem alten Jäger und dessen Schrottplatz verbunden. Außerdem würde Bobby nur versuchen, ihn zum Reden zu bringen und es irgendwann mit Sicherheit schaffen, dass dieser Ausbruch, den er so sehr hasste, kam.
Völlig gleich, ob er sich für kurze Zeit erleichtert fühlte, mochte Dean dieses Gefühl nicht. Er kam sich in diesen Momenten einfach nur nackt, schutzlos und erbärmlich vor. Ein Zustand, den er nicht zeigen wollte. Niemandem! Höchstens sich selbst gegenüber ließ er mal einen kurzen Augenblick der Schwäche zu. Nachts, in der Stille und Dunkelheit, ohne dass jemand etwas davon mitbekam, rollte er sich dann auf seinem Bett zusammen. Dachte schmerzlich an das, was er mal gehabt hatte. Und an das, wie es eigentlich hätte sein sollen.

Der letzte Wunsch seines Bruders verlangte Dean alles ab. Es war nicht leicht für ihn, ein normales Leben zu führen. Er war es gewöhnt, unterwegs zu sein. Ständig auf der Straße, vom einen Motel ins andere, immer den Familienauftrag vor Augen und auf der Suche nach dem nächsten Job. Manchmal schmerzte diese Sehnsucht unendlich und am liebsten hätte er einfach seine Sachen gepackt und wäre gegangen.
Doch Dean tat es nicht.
Stattdessen verbarg er geschickt hinter Floskeln und flotten Sprüchen, wie unglücklich er in Wirklichkeit war.

~ * ~


Dean war einunddreißig.
Seine Hände packten das braune Tuch. Mit einem kräftigen Ruck zog er daran und ließ es dann achtlos neben sich zu Boden fallen.
Für einen Moment stand er einfach nur da und genoss das Bild, das sich ihm bot.
Sein Baby.
Seit über einem Jahr war er nicht mehr damit gefahren und hatte nur hin und wieder nach dem Rechten gesehen. Den Motor gecheckt, geprüft, ob er Öl verlor oder sonst alles in Ordnung war. Aber nie hatte er seitdem das Tuch vollständig entfernt. Für den letzten Umzug hatte er einen Anhänger gemietet, den Wagen mit der Seilwinde auf die Transportfläche gezogen und danach auf demselben Weg wieder abgeladen. Kein einziges Mal war er währenddessen eingestiegen. Er hatte das Auto lediglich geöffnet, um die Handbremse lösen zu können, und es beim Verladen durchs offene Fenster gesteuert.
Nun stand es wieder vor ihm. In voller Pracht und ohne störende Verhüllung.
Dean machte einen zaghaften Schritt nach vorn, hob langsam die Hand und strich sanft mit den Fingern über den dunklen Lack, ehe er die Fahrertür öffnete, die ein allzu vertrautes Quietschen von sich gab. Er stieg ein und sofort fühlte er sich wohl, geborgen und ... zuhause.
Das schwarze Leder knarzte leise und schmiegte sich für eine Sekunde kalt an seinen Körper. Er schloss die Augen und atmete einmal tief ein. Ließ sich von dem altbekannten Geruch einhüllen, der ihn jahrelang begleitet hatte. Entschlossen zog er die Tür zu, steckte den Schlüssel ins Zündschloss und drehte ihn um.
Der Motor sprang sofort an und Dean rieselte augenblicklich eine Gänsehaut über den gesamten Körper, als er das Brummen hörte, welches er unter tausenden auf Anhieb wiedererkennen würde. Er schob den Schalthebel in die richtige Stellung und ließ den Impala langsam aus der Garage rollen.
Ein Lächeln huschte über Deans Gesicht.
Er war auf dem Weg zurück in sein altes Leben, das er ebenso geliebt wie gehasst und noch mehr vermisst hatte.

Es war Lisas Vorschlag gewesen, dass er wieder Jagen gehen sollte.
Seit Sam unverhofft bei ihnen aufgetaucht war und zudem einen Teil der Campbell-Familie im Schlepptau gehabt hatte, war Dean dieses normale Leben zunehmend schwerer gefallen.
Lisa hatte gespürt, wie hin- und hergerissen er sich fühlte. Auf der einen Seite standen sie und Ben, auf der anderen sein Bruder und sein eigentlicher Job. Hinzu kamen seine Sorge, Rastlosigkeit und Übervorsicht seit dem Angriff der Dschinns und dann war da noch die plötzlich dazugewonnene Verwandtschaft, von der er nicht so richtig wusste, inwieweit er ihr trauen konnte.
Lisa hatte ihm die Entscheidung, wie es weitergehen sollte, abgenommen.
Dean hatte keine Ahnung, ob das, was sie gesagt hatte, überhaupt funktionieren würde. Eigentlich glaubte er nicht daran, doch er war bereit, es zu versuchen.

Kurz bevor er auf die Hauptstraße abbog, schaute Dean in den Rückspiegel und warf einen letzten Blick auf Lisas Haus. Er wusste nicht, ob und wann er wiederkommen würde. Einen Moment lang dachte er an die vergangenen Monate zurück. Alles war neu für ihn gewesen, ungewohnt, aber auch irgendwie ... schön.
Lisa hatte ihn sofort aufgenommen und erst einmal keine Fragen gestellt, als er, völlig am Ende, bei ihr vor der Tür stand. In der einen Hand die Autoschlüssel und in der anderen einen kleinen, grünen Seesack mit ein paar Klamotten. Alles, was ihm von seinem alten Leben geblieben war. Mit viel Feingefühl hatte sie es geschafft, ihn langsam, Stück für Stück, wieder aufzubauen und ihn an die neuen Lebensumstände heranzuführen.
Dean erinnerte sich, wie fremd er sich am Anfang gefühlt hatte und wie nutzlos er sich vorgekommen war. Der Familienauftrag, die Jagd und vor allem Sam, waren weggewesen. Seit kompletter Lebensinhalt hatte auf einen Schlag gefehlt.
Doch nach einer Weile war es ihm gelungen, sich an dieses normale Leben zu gewöhnen, das er mit Lisa und Ben führte. Er hatte zwar nicht mehr gegen Monster zu kämpfen, musste sich dafür aber mit den alltäglichen Dingen auseinandersetzen, die er bis dahin nicht kannte. Tagsüber arbeiten, im Haushalt mitanpacken, Ben bei den Hausaufgaben helfen, Rasen mähen, Reparaturarbeiten erledigen.
Mit der Zeit hatte er sich immer besser eingelebt und es tatsächlich genossen, sich nicht täglich in Lebensgefahr zu bringen. Es hatte Spaß gemacht, mit Ben am Pick-up zu schrauben und einfach nur gemeinsam mit Lisa abends faul vor dem Fernseher zu sitzen. Mit den Nachbarn zu grillen und Football zu schauen oder die Kinder am Wochenende zum Baseball zu fahren und sie anzufeuern.

Doch irgendwann vor ein, zwei Monaten hatte Dean angefangen, sich zu fragen, ob er mit diesem Leben auf Dauer überhaupt glücklich werden konnte. Er hatte gemerkt, wie die anfängliche Begeisterung bei ihm nachließ und der Alltag so langsam seinen Reiz verlor.
In diesem Moment war Sam zurückgekommen und wieder einmal veränderte sich alles.

Denn was neu ist, wird alt, und was gestern noch galt
Stimmt schon heut oder morgen nicht mehr


~ * ~


“Dean? Was machst du hier draußen? Ist alles okay?”
Sams Stimme riss Dean schlagartig aus seinen Gedanken. Erschrocken drehte er sich um und sah zu seinem kleinen Bruder auf, der ihn mit einem besorgten Gesichtsausdruck musterte.
Langsam stand Dean auf und seufzte kaum hörbar. Es ärgerte ihn, dass er nicht gemerkt hatte, wie Sam das Zimmer verließ. So eine Unachtsamkeit sollte ihm eigentlich nicht passieren. Doch die Erinnerungen hatten ihn völlig abgelenkt.
Noch einmal streifte sein Blick den Impala und kurz huschte ein gequältes Lächeln über seine Züge. Bevor er sich zu seinem Bruder umwandte, setzte Dean seine übliche, unbekümmert wirkende Miene wieder auf. Er zuckte die Schultern und nickte dann.
“Ja, alles okay, Sammy. Mir gehts gut.”



*********

Ihr Lieben,

damit wären wir schon wieder am Ende meiner kleinen Geschichte angelangt.
Ich hoffe, euch hat auch das zweite Kapitel gefallen.

An dieser Stelle sage ich “Danke” an euch fürs Lesen, die Sternchen, Favoriten und eure tollen Reviews. Ich habe mich riesig gefreut und natürlich freue ich mich auch nach Abschluss der Geschichte noch über eure Worte :).

Und jetzt bleibt mir nur noch zu sagen, habt eine schöne Woche, bleibt gesund und bis bald :).

Liebe Grüße
Die Caly
 
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