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Familienauftrag

von Calydea
Kurzbeschreibung
SongficDrama, Familie / P16 / Gen
Dean Winchester
09.11.2021
16.11.2021
2
6.576
9
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Dieses Kapitel
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09.11.2021 3.202
 
Ihr Lieben,

ich begrüße euch zu einer neuen, kleinen Geschichte aus meiner Feder und gehe heute mit dem Experiment ‘Songfic’ an den Start.
Der Länge wegen habe ich sie auf zwei Kapitel aufgeteilt. Das zweite wird dann nächsten Dienstag folgen. Strophe 1 und 2 werden in Kapitel 1, der Refrain und Strophe 3 in Kapitel 2 behandelt.
Lasst mir gerne eure Meinung dazu da. Ich freue mich, von euch zu lesen :).

Die Idee hierzu schwirrte mir schon seit Anfang des Jahres im Kopf herum, doch eine ziemlich fiese Schreibblockade hat mich gehindert, sie schon früher aufs Papier zu bringen.
Der Song dürfte dem einen oder anderen eventuell sogar bekannt sein. Ich selbst kenne ihn aus dem Musikunterricht, bzw. von diversen Ferienfreizeiten mit Lagerfeuer. Dean würde mich für die Songauswahl mit Sicherheit töten, aber wir verraten es ihm einfach nicht ;).
Ich möchte auch direkt vorweg nehmen, dass die Leichtigkeit, die der Song ausstrahlt, in meiner Geschichte völlig untergeht und stattdessen ins krasse Gegenteil umschlägt. Ich habe mich ausschließlich auf den Text konzentriert und auf das, was ich heraushöre.
Falls es euch trotzdem interessiert, wie er eigentlich klingt: Heute hier, morgen dort

Ich möchte dieses Vorwort auch noch eben nutzen, um “Danke” zu sagen.
Zum einen bei der lieben MelEl.
Sie hat mich nicht nur mit ihrer Songfic motiviert, meine eigene zu schreiben, sondern auch durch ihr regelmäßiges Nachfragen dazu beigetragen, dass ich es auch mache.
Danke, meine Liebe.
Zum anderen bei der lieben Nyta.
Sie hat mich ebenso motiviert, dranzubleiben, und zudem noch die Beta übernommen.
Auch dir vielen, lieben Dank für alles.

Und nun wünsche ich euch viel Spaß.

Liebe Grüße
Die Caly


Hinweise und Spoiler:
Die Rahmenhandlung ist etwa ab Mitte der 6. Staffel anzusiedeln, die einzelnen Absätze spielen davor.
Da ich nicht viel von Triggerwarnungen halte, weil sie, meiner Meinung nach, das Lesevergnügen verderben, verzichte in an dieser Stelle darauf und gebe euch dafür Folgendes mit auf den Weg: Wir alle kennen Dean und wissen, wie er so tickt. Er träumt sicher nicht von herumtollenden Eichhörnchen in irgendwelchen Baumwipfeln, trinkt Mineralwasser und freut sich seines Lebens. Es wird definitiv alles andere als fluffig, schön oder angenehm werden.



*********




Vorsichtig zog Dean die Tür hinter sich zu. Sein Gesicht nahm für einen Augenblick einen verkniffenen Ausdruck an, als sie, leise klickend, ins Schloss fiel. Mit der Hand am Knauf blieb er noch einige Sekunden stehen und lauschte, doch aus dem Zimmer drang kein Laut. Sammy schlief tief und fest. Er hatte nicht bemerkt, wie Dean sich hinausschlich.
Langsam drehte er sich um, überquerte die kleine Veranda und setzte sich auf die oberste der drei Stufen.
Es war frisch hier draußen, aber nicht kalt, trotzdem griff Dean nach dem Kragen seiner dunkelblauen Jacke und schlug diesen hoch.
Der Parkplatz des Motels, in dem sie abgestiegen waren, lag still und menschenleer vor ihm. Spärlich beleuchtet durch einige Straßenlaternen.
Eigentlich war Dean todmüde. Der Tag und die vorangegangene Nacht waren anstrengend gewesen, doch in letzter Zeit gingen ihm so viele Gedanken im Kopf herum und die raubten ihm, noch mehr als sonst, den Schlaf.
Er stieß einen leisen Fluch aus, als er bemerkte, dass er vergessen hatte, sich ein Bier mitzunehmen. Oder die Whiskeyflasche. Das wäre wahrscheinlich sogar die bessere Wahl gewesen. Mehr Alkohol und damit zusätzliche Bettschwere, die später beim Einschlafen helfen würde.
Dean strich sich seufzend mit einer Hand übers Gesicht und entschied sich dafür, die nächstgelegene Bar aufzusuchen, um wenigstens noch an ein bisschen Hochprozentiges zu kommen.
Er wollte gerade aufstehen, als sein Blick an seinem Auto hängenblieb, das direkt vor ihm auf dem Parkplatz stand. Der schwarze Impala, den er von Dad bekommen hatte. Dean hielt inne und ohne dass er es beabsichtigte, verloren sich seine Gedanken

~ * ~


Dean war dreizehn.
Er saß auf dem Beifahrersitz und sah aus dem Seitenfenster. Den Blick in die Ferne gerichtet, ließ er die grüne Landschaft an sich vorbeiziehen.
Vor etwa zwei Stunden war Dad aufgetaucht, um ihn und Sammy abzuholen. Es wurde wieder einmal Zeit, die Stadt zu verlassen. So wie jedes Mal nach einer erfolgreichen Jagd oder wenn sich die Dauer ihres Aufenthalts einem gewissen Zeitraum näherte.
Doch wohin ging es diesmal? Und wie lange würden sie bleiben? Ein paar Tage? Wochen? Wer wusste das schon so genau. Seit Jahren wiederholte sich dieses Spiel.

Heute hier, morgen dort, bin kaum da, muss ich fort
Hab mich niemals deswegen beklagt


Dean störte es nicht, dass sie so oft umzogen, und er beschwerte sich auch nicht darüber. Bedeutete es doch, dass Dad dann bei ihnen war. Er freute sich immer, wenn ihr Vater nach einer Jagd wieder zurückkam und sie alle für eine kurze Zeit zusammen waren. Als Familie. Zu dritt. Nicht nur sein kleiner Bruder und er.
Am schönsten aber war es, wenn Dad nicht jagen ging und bei ihnen blieb. Das kam ohnehin viel zu selten vor und Dean genoss diese Zeit immer sehr, obwohl das hieß, dass dann hauptsächlich Schieß- und Kampftraining für die Brüder auf dem Plan standen. Im Gegensatz zu Sam machte Dean das nicht im Geringsten etwas aus, immerhin wollte er selbst irgendwann so ein guter Jäger werden wie sein Dad und den bei ihrem Familienauftrag unterstützen. Menschen retten. Das Böse jagen. Dean stürzte sich immer mit Feuereifer in diese Trainingseinheiten.
Aber nicht nur das mochte er während dieser Zeit besonders gern.
Dean würde es nie offen und laut zugeben, doch er war froh darüber, wenn ihr Vater da war, denn dann konnte er endlich einmal durchatmen. Für ihn hieß das, dass er nicht den ganzen Tag allein auf Sammy aufzupassen hatte und sich dessen Fragen stellen musste. Manchmal war das echt zu viel für ihn.
Er liebte seinen kleinen Bruder über alles und er war, neben Dad, das Wichtigste für ihn auf der Welt. Aber es gab diese Tage, an denen Dean das Gefühl hatte, er würde nicht mehr können und jeden Moment zusammenbrechen.

Manchmal, ganz insgeheim, wünschte sich Dean dann doch, dass sie einfach für immer an einem Ort bleiben könnten. Nicht in einem miefenden Motelzimmer mit durchgelegenen Matratzen oder, schlimmer noch, in einer dieser heruntergekommenen, verlassenen Bruchbuden irgendwo am Stadtrand. Die mochte Dean überhaupt nicht, denn dort war oft alles alt und kaputt, außerdem lag überall Staub herum. Die Fenster waren meist blind, die Dielen knarrten und in den Räumen hingen fast immer Spinnweben unter der Decke. Es war karg und trostlos. Nein, das war nicht das, was Dean wollte, sondern ein richtiges, schönes Haus. Mit einem Garten und einem weiß gestrichenen Zaun. Wo er und Sammy jeder ein eigenes Zimmer haben würden, ein gemütliches Wohnzimmer mit einem Sofa, einen Esstisch, der nicht wackelte, und eine große Küche, in der Dad ihnen Frühstück machte, bevor der zu einer ‘normalen’ Arbeit ging. So wie früher, als Mom noch da gewesen war und sich jeden Morgen darum gekümmert hatte.
Ein trauriger Ausdruck huschte über Deans Gesicht, als er an seine Mutter dachte.
Er vermisste seine Mom schrecklich. Seit sie nicht mehr da war, zogen sie ständig um. Nie hatten sie ein richtiges Zuhause, eine feste Schule oder wirklich gute Freunde. Doch genau das war es, was Dean sich eigentlich wünschte. Vor allem aber wollte er das für seinen kleinen Bruder.

Ein paar Mal hatte sich Dean schon bei dem Gedanken ertappt, seinen Vater zu bitten, Sammy zu Bobby zu bringen und ihn dortzulassen. Dass der nicht immer wieder wegmusste, sondern an einem Ort bleiben und vielleicht Freunde finden konnte. Dean wusste, dass Sam unter den häufigen Umzügen litt. Er sah es seinem kleinen Bruder an. Er war sich sicher, Bobby würde nichts dagegen haben, Sam bei sich wohnen zu lassen. Bobby war cool.
Allerdings war Dean durchaus klar, dass er sich, wenn es so wäre, entweder von Sammy oder Dad würde trennen müssen. Etwas, das für ihn einfach unvorstellbar war. Er liebte sie beide und wollte keinen von ihnen alleinlassen. Er brauchte seine Familie. Er würde sich niemals nur für einen entscheiden können.
Also behielt Dean diese Idee für sich und nahm dafür lieber jedes Mal Sammys enttäuschtes Gesicht in Kauf, wenn er dem sagte, dass sie wieder einmal die Stadt verlassen mussten. Innerlich zerriss es ihn, seinen kleinen Bruder so traurig zu sehen, aber es half ja nichts. Dad entschied, wann es Zeit war, zu gehen und daran hatten sie sich zu halten.
Nur ein einziges Mal, vor ein paar Jahren, war Dean so mutig gewesen, zu fragen, warum sie nicht einfach damit aufhören konnten, dem Monster nachzujagen, das Mom getötet hatte. Die Antwort war kurz ausgefallen.
Es war ihr Familienauftrag.
Dean hatte das nickend akzeptiert und sich seitdem nie wieder beklagt.
Im Gegensatz zu Sam.

~ * ~


Dean war dreiundzwanzig.
Seine Hände umschlossen krampfhaft das Lenkrad, während er das Gaspedal bis zum Anschlag durchtrat und durch die Nacht raste.
Er hatte sich noch nie so verraten, allein und hilflos gefühlt, wie in diesem Augenblick. Er war wütend und enttäuscht.
Zudem verfluchte er sich selbst dafür, dass er nicht schon früher etwas unternommen hatte, um diese Situation von vornherein zu verhindern.
Es war alles seine Schuld!

Hab es selbst so gewählt, nie die Jahre gezählt


Er hätte handeln müssen!
Aber Dean hatte einfach nicht wahrhaben wollen, dass Sams und Dads Auffassungen zu ihrem Lebensstil doch so unterschiedlich waren. Dass die beiden tatsächlich irgendwann so dermaßen aneinandergeraten könnten und sie dadurch ihre Familie auseinanderreißen würden!
Doch genau das war nun passiert und Dean konnte nichts mehr dagegen tun.
Sammy war weg. Einfach gegangen.
Sein Bruder hatte das wahr gemacht, wovon er schon so oft gesprochen hatte. Das Jagen hinter sich zu lassen, zu studieren und ein normales Leben führen zu wollen.
Dean hatte das bisher meist als Spinnerei abgetan. Es auf Sammys Alter geschoben und er war überzeugt davon gewesen, dass dem irgendwann klar werden würde, was für eine große Aufgabe ihre Familie hatte und wie wichtig es war, den Familienauftrag fortzuführen. Nie war Dean in den Sinn gekommen, dass Sammy es wirklich ernst meinen und er ihn und Dad für seine eigenen Ziele verlassen könnte. Er hatte sich geirrt.

Nie nach Gestern und Morgen gefragt


Tränen brannten Dean in den Augen. Er sah nur noch verschwommen, doch er fuhr trotzdem weiter. Durch die tiefste Nacht, auf einer einsamen Landstraße mitten im Nirgendwo. Und genau so fühlte er sich. Allein. Leer. Verlassen.

Schemenhaft erkannte Dean, wie plötzlich etwas im Scheinwerferlicht auftauchte. Ein dunkler Schatten, der seinen Weg kreuzte.
Erschrocken trat er auf die Bremse und riss das Lenkrad nach rechts. Die Räder blockierten. Der Impala drehte sich einmal um die eigene Achse, schlitterte über den Randstreifen und kam nur knapp vor einem Baum zum Stehen.
Das war endgültig zu viel für Dean.
Ein lauter Schrei, voller Frustration, zerriss die Stille im Auto.
Sein Bruder war weg und beinahe hätte er deswegen seinen Wagen zu Schrott gefahren!
Wütend schlug Dean mit der flachen Hand auf das Lenkrad ein, bevor er sich verzweifelt durchs Haar und danach übers Gesicht strich.
Warum hatte Sammy das getan? Wieso hatte er ihn und Dad einfach allein zurückgelassen? Sie brauchten ihn doch! Er brauchte ihn!
Seinen kleinen Bruder, auf den er sein Leben lang aufgepasst hatte. Der immer dagewesen war, an jedem verdammten Tag! Wie oft hatte er Sammy vorgelesen, als der es noch nicht konnte, ihn getröstet, wenn er traurig war, sich mit ihm gestritten, gelacht, ferngesehen, Musik gehört oder ihn damit aufgezogen, dass er ein Klugscheißer wäre? Er wusste es nicht, nur, dass mit einem Schlag auf einmal alles vorbei war.

Plötzlich hatte Dean das Gefühl, nicht mehr Atmen zu können. Er stürzte aus dem Auto, landete auf Händen und Knien im Staub und rang hektisch nach Luft. Tränen rannen ihm übers Gesicht. Unter seinen Handflächen spürte er einen schmerzhaften Druck. Etwas Spitzes bohrte sich in seine Haut.
Ohne nachzudenken, packte er den Stein und schleuderte ihn fort. Dann schnappte er sich den nächsten. Immer und immer wieder griff er zu. Warf einen nach dem anderen brüllend und tränenblind von sich. Hörte, wie sie leise klackernd auf dem Asphalt aufschlugen oder raschelnd im Gebüsch landeten, so lange, bis Dean nicht mehr konnte und er nur noch stumm und schwer atmend, mit zerschrammten Händen, dasaß. Auf dem Seitenstreifen eines verlassenen Highways.

Als Dean nach einer gefühlten Ewigkeit wieder aufstand und ins Auto stieg, wanderte sein Blick als Erstes zum Beifahrersitz. Bei dessen Anblick machte sich erneut diese unendliche Leere in ihm breit. Dieser Platz würde ab jetzt wohl frei bleiben. Sammy hatte seinen Weg gewählt.

~ * ~


Dean war fünfundzwanzig.
Während Sam weiterhin sein gewünschtes, ruhiges Leben in Stanford führte und Dad sich irgendwo in Georgia herumtrieb, hatte Dean selbst einen Job in Kentucky übernommen. Keine große Sache. Nur ein Geist, der in einem alten, verlassenen Haus herumspukte. Tote hatte es glücklicherweise keine gegeben, nur ein paar verschreckte Jugendliche und Kinder, die der festen Überzeugung waren, ein Gespenst gesehen zu haben. Dean hatte auf die Erklärung, dass es zwischen Geistern und Gespenstern einen erheblichen Unterschied gab, verzichtet. Das wäre verschwendete Zeit gewesen und hätte eher weitere Fragen nach sich gezogen.
‘Nicht auffallen’, das war immer die Devise.

Dass man mich kaum vermisst, schon nach Tagen vergisst
Wenn ich längst wieder anderswo bin


Je weniger Menschen sich an ihn erinnern konnten, desto besser.
Deshalb verschwand man nach einem Job auch umgehend wieder und suchte nie zweimal die gleiche Stadt auf.

Selbiges hielt Dean mit seinen Barbekanntschaften.
Er war kein Kind von Traurigkeit und ließ selten eine aufregende Nacht in einem fremden Bett aus. Er war allein, ungebunden und ständig unterwegs. Dauernd selbst Hand anlegen zu müssen war einfach nicht das Wahre und brachte zudem nicht einmal halb so viel Vergnügen. Es war eher Mittel zum Zweck.
Warum sollte er sich also nicht hin und wieder ein bisschen ungezwungenen Spaß mit einer schönen Unbekannten gönnen? Es war schließlich nichts dabei, wenn beide es wollten und jeder zudem genau wusste, worauf man sich einließ. Noch in der Nacht, oder spätestens am nächsten Morgen, ging man wieder auseinander. Thema erledigt. Aus den Augen, aus dem Sinn.
So lief es problemlos seit Jahren und Dean hatte nicht vor, daran etwas zu ändern.

Liebe war nichts für ihn, obwohl es hin und wieder diese Tage gab, an denen er merkte, dass ihm der One-Night-Stand nicht reichte und er gerne mehr gehabt hätte. Doch dieses Gefühl unterdrückte Dean. Er kannte die Folgen, wenn jemand von seinem wahren Ich erfuhr und darauf konnte er getrost verzichten. Lieber würde er bis an sein Lebensende alleinbleiben, als noch einmal eine solche Demütigung erleben zu müssen.
Vor ein paar Jahren hatte er geglaubt, so etwas wie Liebe gefunden zu haben, die Gefühle zugelassen und die Wahrheit gesagt. Wer er war. Was er tat.
Aber das war ein Fehler gewesen. Auf sein Geständnis hin hatte er nur Spott erhalten, er wurde nicht für voll genommen und als verrückt hingestellt. Das hatte ihn schwer getroffen und ihm sehr wehgetan. An diesem Tag war Dean klar geworden, dass Liebe nur eins bedeutete, nämlich Ärger, und er beschloss, den ganzen Scheiß einfach sein zu lassen.
Außerdem war es sowieso besser, auf einsamen Wolf zu machen. Bei den Frauen zog diese Masche und zudem lief er so nicht Gefahr, dass irgendwelche Monster ein Druckmittel gegen ihn in die Hand bekommen würden.
Es war Dean mehr als recht, wenn sich die Menschen nicht an ihn erinnerten, denn so konnte er, ohne sich großartig Gedanken darüber machen zu müssen, seinem Job nachgehen und den Familienauftrag erfüllen.
Doch hinsichtlich dieser Annahme irrte er sich, wie er einige Zeit später herausfinden sollte.

~ * ~


Dean war siebenundzwanzig.
Er saß an der Theke einer Bar und starrte gedankenverloren in sein Bierglas. Die Geräuschkulisse im Gastraum nahm er nur am Rande wahr und die hübsche Dunkelhaarige, die sich gerade neben ihm einen Cocktail bestellte, bemerkte er nur, weil sie ihn angerempelt hatte und er deswegen aufsah. Sie schenkte ihm ein leichtes Lächeln, doch Dean ging nicht darauf ein und konzentrierte sich wieder auf sein Glas. In dieser Nacht hatte er keine Lust auf irgendwelche Abenteuer.

Seit über einem Jahr war er inzwischen wieder gemeinsam mit Sammy unterwegs. Obwohl die Umstände, die dazu geführt hatten, alles andere als schön gewesen waren, konnte Dean nicht leugnen, froh darüber zu sein, seinen Bruder zurückzuhaben. In den letzten Monaten hatten sie einiges durchstehen müssen und ohne einander hätten sie es kaum geschafft. Wobei ... Sam wahrscheinlich schon, bei sich selbst war sich Dean nicht so sicher, ob er nicht inzwischen längst tot in irgendeiner Gosse liegen würde.
Sie hatten allerdings nicht nur mit Verlusten, Rückschlägen und Jagden zu kämpfen gehabt, sondern auch mit Veränderungen, die vor allem Deans bisherige Ansichten auf den Kopf stellten.

Schon immer war es ihm völlig egal gewesen, ob sich jemand an ihn erinnern konnte, wenn er wieder verschwand. Ob es nun ein Polizist, eine Bibliothekarin, ein Pathologe oder ein One-Night-Stand war. Alles Menschen, denen er ohnehin nie ein weiteres Mal begegnen würde.

Stört und kümmert mich nicht


Doch all das galt auf einmal nicht mehr.
Dean hatte lernen müssen, dass Regeln nicht in Stein gemeißelt waren, auch wenn er immer dachte, gerade die der Jagd seien unumstößlich.
Er war eines Besseren belehrt worden.
Plötzlich hatte er sich mit Gedanken auseinanderzusetzen, an die er früher nicht einmal einen solchen verschwendet hätte.
Bis vor einigen Wochen hatte Dean seinen Job nie in Frage gestellt. Monster waren da, um sie zu töten. Die Welt davon zu befreien und besser zu machen. Doch dieses Schwarz und Weiß hatte eine neue, für ihn bisher unbekannte Facette bekommen. Die Grenzen vermischten sich mit einem Mal zu Grau. Einem untrüglichen Zwielicht zwischen hell und dunkel. Da war mehr als nur Gut und Böse.

Dass ihn ausgerechnet ein Monster, ein Vampir, um genau zu sein, zu dieser Erkenntnis gebracht hatte, erschreckte Dean gleichermaßen, wie es ihn überraschte.
Das Blatt hatte sich gewendet.

vielleicht bleibt mein Gesicht
Doch dem Ein’ oder Andern im Sinn


Dean war sich bewusst geworden, dass es da draußen doch Kreaturen gab, die sich an ihn erinnern konnten. Allen voran der gelbäugige Dämon. Und zu dem gesellte sich nun auch noch eine kleine Gruppe tierblutverzehrender Vampire.
Das war nicht gut. Gar nicht gut.
Dean begann, seine bisherigen Jagden zu hinterfragen. Sprach es sogar Sam gegenüber an. So sehr beschäftigte ihn die Tatsache, dass er vielleicht in der Vergangenheit Fehler begangen haben könnte.

Aber es war nicht nur das.
Plötzlich dachte Dean auch immer wieder mal an die Menschen, denen er geholfen oder die er verärgert hatte und die ihn sicher nicht vergessen würden.
Der kleine Lucas und seine Mom Andrea. Susan und ihre Tochter Tyler. Die Geschwister Tommy, Haley und Ben. Die Polizistin Kathleen. Die schwerkranke Layla. Sarah, die erste Frau, die sein Bruder seit Jess’ Tod an sich herangelassen hatte. Dann waren auf einmal Andy und Ava aufgetaucht, die dasselbe Schicksal teilten wie Sam und bei dem es galt, das ‘Warum’ herauszufinden. Und zu allem Überfluss war ihm zudem noch FBI-Agent Victor Henriksen auf den Fersen.
Jeder der Genannten konnte sich an ihn erinnern und würde ihn wahrscheinlich auch nicht wieder vergessen.
Auf der einen Seite tat es gut, zu wissen, dass der Familienauftrag so viele Menschen gerettet hatte und es so etwas wie Dankbarkeit gab, doch gleichzeitig bereitete Dean diese Tatsache nur noch mehr Sorgen.
Sie konnte zur Gefahr werden.
 
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