Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Zwischen den Welten

von Funnygana
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P12 / Gen
Nitsas-Ini OC (Own Character) Old Shatterhand Schi-So Winnetou
09.11.2021
24.11.2022
60
88.679
9
Alle Kapitel
201 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
30.10.2022 710
 
Herbst 89

Papa hat Angst, dem Są́ verfallen zu sein. Das Są́ bedeutet, alles zu vergessen, was man im Leben war, bis hin zum eigenen Namen.

Auf die Idee ist er gekommen, als er Mama im Wundfieber gewürgt hat. Zum Glück ist nichts weiter passiert, Mama hat überlebt und Papa hat sich vor sich selbst sehr erschrocken.
Ich konnte ihn beruhigen. Sein Gedächtnis ist noch intakt und sein Wissen ungetrübt. Doch auch er wird älter, so wie wir alle.

Ich musste ihm versprechen, sollte er nicht mehr in der Lage sein, für sich selbst zu sorgen, weil er nicht mehr Herr über seine Sinne ist, ihn in die Einsamkeit zu bringen.
Papa, das werde ich sehr gerne machen, denn niemand von uns möchte nur noch eine leere Hülle ohne Geist sein.

In diesem Jahr habe ich mehrere Gesänge durchführen dürfen. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man den Menschen helfen kann. Immer, wenn ich mit meinen Patienten spreche, habe ich auch Mama im Ohr. Sie flüstert mir in meinem Kopf ihre Kommentare zu, die oft hilfreich sind.
Mama, wärest du bei uns Diné aufgewachsen, du wärest bestimmt auch eine gute Schamanin geworden. Oder die Menschen hätten dich gehasst, weil du so ehrlich bist, ohne deine Worte in eine schöne Geschichte zu verpacken.

Gestern saß ich mit Másí in den Felsen als sie mich plötzlich fragte:
„Papa, warum arbeitet Oma nicht?"
„Warum glaubst du, Oma tut nichts?"
„Na, während alle anderen Frauen weben, spinnen oder Schmuck bearbeiten, sitzt Oma nur auf ihrem Felsen und träumt."

Wir schauten beide zu einem Felsen in unserer Nähe, auf dem tatsächlich Mama saß und zu träumen schien.
„Oma arbeitet im Verborgenen. Schau, jetzt hat sie sich aufgerichtet, weil sie etwas beobachtet hat. Gleich wird sie den Felsen verlassen."
Tatsächlich stand Mama nun auf und ging hinunter ins Dorf. Másí und ich folgten ihr langsam.

„Papa, schau, da sitzt Taahilnoodii (Tollpatsch) am kleinen Webrahmen. Ich habe ihr schon so oft gezeigt, wie sie es machen muss, doch sie lernt es einfach nicht!"
„Oma hat es auch bemerkt. Sie wird Taahilnoodii helfen."

Tatsächlich nahm sich Mama im Vorbeigehen einen unbenutzten, kleinen Rahmen, etwas Wolle und ein Schiffchen und setzte sich so, dass das tollpatschige Mädchen sie zwar beobachten konnte, sich selbst aber nicht betrachtet fühlen würde.

Mama stellte den Rahmen auf und fädelte die Wolle ein. Dann nahm sie das Schiffchen und bestückte auch dieses.
Da sie vorher schon bemerkt hatte, welche Fehler die Kleine machte, tat sie es genauso.
Taahilnoodii vergaß regelmäßig, die Fäden zu ziehen, so dass zwei Reihen vollständig gleich waren und dadurch kein regelmäßiges Muster entstehen konnte.
Als Mama ihren Fehler bemerkte, fluchte sie, entwirrte ihr Garn und begann von neuem.

Taahilnoodii hatte ihre Arbeit vergessen und starrte auf Gidi, die anscheinend die gleichen Fehler machte, wie sie selbst.
Mama sammelte nun ein paar Ästchen und steckte sie neben sich in den Boden. Sobald sie eine Reihe fertig hatte, nahm sie ein Hölzchen und steckte es neben den Rahmen. Dabei murmelte sie: Grade, links, ungrade rechts.

Nach drei Reihen wusste sie plötzlich nicht mehr, ob sie die Fäden schon gewechselt hatte oder nicht.
Umständlich zählte sie nun die Stöckchen und konnte daran ablesen, welche Einstellung der Rahmen brauchte. Immer und immer wieder musste Mama nachzählen aber dieser Trick half ihr, alles richtig zu machen.

Másí schaute erstaunt zu.
„Warum macht Oma das?"
„Taahilnoodii kann es nicht leiden, wenn andere sie belehren. Sie fühlt sich dann schlecht, weil sie glaubt, sie sei zu dumm dafür. Deine Oma zeigt ihr jetzt eine Lösung des Problems, ohne dass sie sich einmischt. Guck, Taahilnoodii sucht sich Hölzchen und macht es nach."

Tatsächlich kam die kleine Diné mit dieser Hilfe gut zurecht und vertat sich kein einziges Mal mehr.
Mama packte unterdessen ihre Sachen zusammen und legte sie an ihren Platz zurück.
Másí aber lief zu Taahilnoodii und rief: „Hast du das alles alleine geschafft? Du bist großartig! Das wird ein wunderschönes Tuch! Du kannst stolz auf dich sein!"

Am Abend fragte meine Frau unsere Tochter, was sie am Tag getan habe, und Másí antwortete: „Ich habe Oma bei ihrer Arbeit zugeschaut."
Ach, mein herrliches, kleines Mädchen! Wie schnell du doch verstanden hast, wie unsichtbare Arbeit aussieht!
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast