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Zwischen den Welten

von Funnygana
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Freundschaft / P12 / Gen
Nitsas-Ini OC (Own Character) Old Shatterhand Schi-So Winnetou
09.11.2021
24.11.2022
60
88.679
9
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
27.05.2022 2.100
 
13. März ´70

Vormittags

Ich habe das heutige Datum herausfinden können. Wir sind gestern Nachmittag hier im Dorf angekommen. Wir haben Gah, der Witwe Khasti-tines, angeboten, bei uns zu wohnen, doch Ch`il hatte sich schon ihrer angenommen. Heiraten muss ich sie nicht, durch die Adoption durch meinen Vater ist sie Mitglied unseres Clans geworden und somit ein absolutes Tabu für mich. Das hat mich sehr beruhigt.
Papa hat sich mit mir unterhalten wie mit einem Erwachsenen. Er hat mir gezeigt, wie stolz er auf mich ist. Aber er hat mir auch aufgezeigt, dass ich mir den Respekt der Diné wieder verdienen muss. Er hat Recht. Aber ich fühle mich noch so fremd hier. Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, wieder zu meiner Familie und zu den Diné zurückzukehren, doch das Gefühl von Heimat hat sich noch nicht eingestellt. Auch der Gedanke an Katharina lässt sich nicht verdrängen. Ich fühle mich so hilflos.
Ich werde jetzt erst einmal die Alten im Dorf besuchen. In ihrer Nähe fühle ich mich sicher.

Abends

Die Alten akzeptieren mich weiterhin, das tut mir gut. Doch ich sehe die Blicke der jungen Krieger abschätzend auf mir ruhen. Viele von ihnen sind jünger als ich, haben sich aber schon die Kriegerehre verdient.

14. März ´70

Ich höre sie flüstern, sie nennen mich „Muttersöhnchen“ oder“ wótaashkiʼ“ – es gibt kein Wort dafür im Deutschen, vielleicht passt „Bastard“ oder „Halbblut“ am ehesten. Auf jeden Fall klingt es verächtlich.
Khasti-tine, ich vermisse dich. Du hast mir stets die Brücke gebaut, die mich zurück zu den Diné führt.

15. März ´70

Sie rufen mich Ashkii – dies ist mein Baby-Name. Sie flüstern sich zu, ich sei in Deutschland zu einer Squaw, einem Mädchen geworden. Es fällt mir schwer, hocherhobenen Hauptes durchs Dorf zu gehen. Warum stellen sie sich mir nicht persönlich? Warum reden sie hinter meinem Rücken?

Später

Ich habe mich in Gedanken mit Khasti-tine unterhalten, habe mir vorgestellt, was er zu der Sache sagen würde.  Er würde mir raten, die Herausforderung anzunehmen. Es ihnen allen zu zeigen, wer und was ich bin. Mein Freund, du wirst immer in meinem Herzen wohnen, mir immer zur Seite stehen.

Später

Ich habe einen Entschluss gefasst. Ich habe mit den Ältesten gesprochen und mich beraten lassen. Und ich habe unserem Häuptling, der auch mein Vater ist, meine Bitte vorgetragen.
„Hat der Häuptling Zeit für Schi-So?“, fragte ich ihn
„Was hat Schi-So auf dem Herzen?“
„Ich bemerke, dass immer mehr Krieger mich verachten, mich als Weißen betiteln und keinen Respekt vor mir als Mensch haben. Mein Vater riet mir, diesen Respekt zu verdienen und das möchte ich. Ich möchte jeden zum Kampf herausfordern, der der Meinung ist, ich sei es nicht wert, mich Diné zu nennen.“
„Hat Schi-So sich das gut überlegt?“
„Ja, das habe ich. Selbst wenn mich alle besiegen sollten, so habe ich mich doch den Kriegern gestellt.“
„Dann soll es so sein.“

Ich habe den stolz in Papas Augen gesehen. Den Stolz auf mich und die Achtung vor meiner Entscheidung. Morgen wird der Rat entscheiden, wie sie mit meiner Bitte verfahren wollen.

16. März ´70

Das war heute eine harte Probe für mich. Während die Häuptlinge und der Rat der Ältesten im Beratungshogan über meine Bitte diskutierten, saß ich dem Eingang gegenüber und wartete auf das Ergebnis. Regungslos saß ich dort und es fiel mir sehr schwer, mich nicht zu bewegen.
Endlich kamen sie zu mir, nahmen mich in ihre Mitte.

„Wir haben entschieden, dem Wunsch Schi-Sos nachzugeben“, erklärte mir Bee Sid, der zweite Häuptling nach Nitsas-ini. „Der Rat hat beschlossen, ihm in der nächsten Woche die Gelegenheit zu geben, zu beweisen, dass er unseres Stammes würdig ist. Jeder, der Schi-So nicht so akzeptiert, wie er ist, hat dann die Gelegenheit, sich ihm zu stellen.“

Mama kam zu mir, nahm mich beiseite.
„Schi-So, weißt du eigentlich, was du da geplant hast? Es gibt viele Diné, die entweder eifersüchtig  sind oder Angst vor dir haben. Es kann sein, dass sich hunderte melden, die sich mit dir messen wollen“, sagte sie zu mir.
„Ach, Mama, das ist immer noch besser, als die Blicke zu ertragen, die mir heimlich zugeworfen werden. Auch jetzt bemerke ich, dass viele Diné uns beobachten. Sie sagen Muttersöhnchen oder Squaw zu mir und rufen meinen Babynamen.“
Ihre Augen blitzten wütend.
„Sage mir, wer dich so nennt und ich werde ihm meine Meinung dazu kundtun.“
Da musste ich herzlich lachen.
„Dann würdest du nur bestätigen, dass ich ein Muttersöhnchen bin, der sich nicht selbst verteidigen kann. Aber ich finde es lieb von dir, dass du für mich kämpfen willst.“
„Weißt du, wie ich es geschafft habe, mir Respekt zu verdienen? Ich habe mich nicht verstellt. Ich habe jedem gezeigt, wer und was ich bin. Ich habe es gewagt, Dinge zu tun, die sich sonst keine Frau erlauben würde. Zuerst unbewusst, dann bewusst. Zeige auch du ihnen, wer und was du bist! Zeige deine Stärken und auch deine Schwächen! Lass sie teilhaben an deinen Gedanken und deinem Anderssein! Vielleicht ist deine Idee, dich den Diné zu stellen, doch nicht so verkehrt. Zeig ihnen, was du kannst, und auch, dass du fähig bist Niederlagen hinzunehmen! Und dass du jeden einzelnen respektierst.“
„Und ich fange jetzt damit an. Mama, komm, steh auf, ich möchte dich umarmen.“
Und dann nahm ich vor aller Augen meine Mutter in den Arm. Sie hatte Recht! Ich bin anders, war es schon immer, ob hier oder in Europa. Doch ich bin ich, so wie jeder nur das ist, was er ist, nicht mehr und nicht weniger.

18. März ´70

Bee Sid hatte die Aufgabe übernommen, allen Diné mitzuteilen, was ich geplant hatte. Mein Vater hielt sich zurück, überließ seinem Freund die Führung, da er sich befangen fühlte. Mir verriet man zuerst nicht, wie viele Diné sich bei dem Häuptling gemeldet hatten. In ein paar Tagen würde ich es erfahren.

20. März ´70

Die Spiele haben begonnen. Ja, tatsächlich, Bee Sid und seine Frau hatten die Idee, aus einem ernsten Kampf Wettspiele zu machen. Ich bin sehr erleichtert über die Idee, denn es haben sich fünfzig Jungen und Männer gemeldet, die gegen mich antreten wollen. Zum einen bin ich erschüttert, dass so viele Diné uneins mit mir sind, doch ich bin auch froh, dass ich beweisen kann, wer und was ich bin. Für mich bedeutet dies, dass ich mich am Ende der Woche mit den Besten der Besten messen muss. Angst habe ich nun keine mehr. Nicht jede Disziplin liegt mir und schießen kann ich gar nicht, aber Papa wird mit mir trainieren. Es tut so gut, wenn die Eltern zu einem halten, auch wenn ich nicht der Sohn bin, den sie sich immer gewünscht hatten. Besonders Papa, dem es bestimmt sehr schwerfällt, dass ich kein Krieger werden möchte, kümmert sich um mich. Er vermittelt mir, dass er trotz allem stolz auf mich ist und ich spüre seine Liebe.

21. März ´70

Ich glaube nicht, dass ich auch nur einen Wettkampf gewinnen werde. Meine Gegner sind stark. Aber ich werde mich ihnen stellen, egal, wie das Ergebnis ausgeht!

22. März ´70

Neben Schwimmen und Schießen hat sich Bee Sid noch für den Bogen, die Lanze und das Reiten entschieden. Meine Stute ist zu alt für einen Wettkampf, aber Papa leiht mir seinen besten Mustang. Reiten liegt mir. Obwohl Papa auch gern erzählt, wie ich mich verhielt, als ich das erste Mal auf Charley saß.  Dann schäme ich mich.

23. März ´70

Ich werde das Schießen nie erlernen. Papa gibt mir seine ihm heilige Winchester. Doch noch treffe ich keinen Mammutbaum auf zehn Schritte.

24. März ´70

Es sind spannende Wettkämpfe. Das ganze Dorf beteiligt sich daran, ob als Schiedsrichter, Helfer bei der Versorgung mit Nahrung oder als Zuschauer. Ich habe keine Angst vor meinen Gegnern, denn ich muss nicht gewinnen. Mein Ziel im Leben ist, in mir selbst zu ruhen. Das oberste Ziel aller Diné, das innere Gleichgewicht zu erlangen. Will man stets gewinnen, erlangt man dieses nie.

25. März ´70

Welch ein Tag!!
Heute musste ich mich meinen Gegnern stellen. Wir begannen mit dem Schwimmen. Als ich mich auszog, bemerkte ich die anerkennenden Blicke der Diné. Hatten diese tatsächlich geglaubt, ich hätte meine Muskeln in Deutschland gelassen? Mit Absicht beugte ich meine Arme und ließ die Muskeln spielen. Ich spannte die Oberschenkel an und schüttelte dann die Beine aus. Ich genoss tatsächlich die Aufmerksamkeit, die mir zuteilwurde. Dank der Übungen mit Adolf schaffte ich es, völlig unbeteiligt zu wirken.

Und dann gab Bee Sid das Zeichen zum Start. Mit einem weiten Sprung landete ich im Wasser, griff kräftig aus und erarbeitete mir einen kleinen Vorsprung. Doch mein Gegner war nicht zu unterschätzen. Auf dem Weg zurück zum Ufer überholte er mich und ich musste noch einmal all meine Kräfte mobilisieren, um als Erster das Ziel zu erreichen.
Gleichmütig verließ ich das Wasser, all die Zuschauer ignorierend. Ich setzte mich auf einen der Felsen, ließ meinen Körper trocknen und entspannte mich.
Der nächste Gegner würde mich zum Schießen herausfordern. Ich kannte den Krieger gut, wir waren im gleichen Alter und zusammen aufgewachsen. Ich begrüßte ihn und meinte, er brauche sich keine Sorgen zu machen, da ich erst seit wenigen Tagen den Umgang mit dem Gewehr erlernt hätte.
Mein Gegner traf mit Leichtigkeit alle Steine, die in die Luft geworfen wurden, mir selbst gelangen nur drei Treffer. Doch bevor die Diné dem Sieger zujubeln wollten, hob dieser den Arm, bat um Stille und meinte: „Ich möchte Schi-So meine Anerkennung aussprechen. Er hat mir vor dem Kampf gestanden, dass er erst vor wenigen Tagen das Schießen erlernt hat. Trotzdem hat er sich mir gestellt, mit dem Wissen, eine Niederlage zu erleben. Ich würde mich freuen, wenn wir im nächsten Sommer diesen Wettkampf wiederholen könnten.“
Ich nickte ihm zu und genoss den Jubel der Dorfbewohner, der mir und meinem Gegner zu gleichen Teilen galt.

Dann startete das Wettreiten. Hier war es für mich ein Leichtes zu gewinnen. Reiten gehört zu meinen liebsten Beschäftigungen.
Über das Werfen der Lanze berichte ich besser nicht. Dort habe ich völlig versagt, aber das war mir schon vorher klar gewesen. Auch mit Pfeil und Bogen war ich längst nicht so geübt wie mein Mitstreiter, sodass ich keine Chance auf einen Sieg hatte.
Ich lockerte noch einmal meine Muskeln, um dann den Tomahawk zu werfen. Überraschenderweise waren mein Gegner und ich gleich stark.
Der Wettbewerb war zu Ende, ich fühlte mich gut.

Und ich war erschöpft! Ich legte mich sofort auf mein Lager und schlief ausgiebig. Mama weckte mich.
„Steh auf, es gibt ein Fest“, meinte sie.
Ich hatte ein Déjà-vu. Stand etwa wieder eine Schlange Mädchen vor unserer Tür?
Doch das Fest heute war ein anderes. Einfach nur eine Feier zum Abschluss einer sportlichen Woche.

Wir begaben uns zum Dorfplatz. Die Vorbereitungen zum Fest waren so gut wie abgeschlossen und die Sänger und Trommler nahmen Aufstellung. Papa begab sich in den Beratungshogan, Mama und ich standen zusammen und unterhielten uns. Und dann kamen alle Häuptlinge – Papa trug seinen guten Anzug und den herrlichen Federschmuck – und der Rat der Ältesten aus der Hütte. Bee Sid übernahm wieder die Sprecherrolle und bat mich zu ihm.
„Krieger, Weiber und Kinder der Diné! In der vergangenen Woche hatte einer unserer Leute zu einer ungewöhnlichen Prüfung aufgerufen. Wir, die Häuptlinge und der Rat, haben beobachtet, wie dieser junge Mann hier sich den Kriegern gestellt hat. Er hat für seine Stellung im Dorf gekämpft und die Anerkennung des Rates dafür erhalten. Wir haben beschlossen, ihn in die Reihe der Krieger aufzunehmen.“

Ich war sprachlos. Ich hatte mit allem gerechnet, hatte mich darauf eingestellt, von den Diné als einer der Ihren anerkannt oder verachtet zu werden.
Aber ich, ein Krieger? Die Ehre, durch eine Tat und nicht durch eine Vision zum Krieger ernannt zu werden? Mama flüsterte mir später zu, dass ich gewirkt hätte wie aus Stein gemeißelt. Und dass Papa sehr, sehr stolz auf mich sei.
Bee Sid sprach schon weiter: „Wir haben über einen Namen nachgedacht, den dieser Krieger ab heute tragen soll. Doch uns ist kein besserer eingefallen als der, den sein Vater schon vor siebzehn Sommern für seinen Sohn gewählt hatte: Schi-So, ich reife.“
Ich war immer noch wie gelähmt. Papa kam auf mich zu, schmückte mein Haar, indem er mir eine Adlerfeder an meinem Schweißband befestigte.
Die Diné jubelten. Und ich fühlte: Ich war zu Hause angekommen.

26. März ´70

Ich bin immer noch wie betäubt. Ich habe die ganze Nacht getanzt, geredet und musste Glückwünsche entgegennehmen. Zum Essen oder Trinken bin ich nicht gekommen. Heute habe ich lange geschlafen, wie ein Baby.
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