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Under these Scars

von Scatach
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Angst / P18 / Mix
Genma Shiranui Kakashi Hatake Neji Hyuga OC (Own Character) Shikaku Nara Shikamaru Nara
09.11.2021
29.01.2023
103
590.938
21
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Dieses Kapitel
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21.11.2022 4.792
 
„Es ist Zeit, Tsubomi.“

Kummer, so weich wie Regen. Er rann wie salzige Rinnsale durch Ino und stieg schon wieder hinter ihren Augen auf. Sie stand neben Naoki auf dem Hügel und überblickte die von Mond beschienene Wiese, während der Wind an ihrem Haar zupfte und das lange, feuchte Gras gegen die Rückseiten ihrer Beine drückte.

„Ich weiß“, wisperte sie.

Es war dunkler geworden. Sie hatte bemerkt, wie sich die Szenerie veränderte, wie sie sich an den Rändern verfinsterte und wie die Abendsterne einen verlorenen Wunsch nach dem anderen verschwanden.

„Hör niemals auf zu wünschen“, flüsterte Naoki. „Nicht bei Sternen. Und auch nicht bei Menschen.“

Leise schniefend wandte sich Ino ihm zu, wobei sich ihre Augen von seiner Brust hoben. „Hast du aufgehört zu wünschen?“

„Ich habe nie damit angefangen“, gestand Naoki. „Und mein Leben war dunkler deshalb. Wenn man auf nichts hofft, dann ist man tot für die Welt…und man vergisst, dass es mehr als das gibt.“ Flüchtig spähte er himmelwärts, sodass das Mondlicht eine weiche Patina auf die harten Linien seines Gesichtes legte und das blasse, flachsfarbene Haar fast schon in Silberweiß tauchte. „Wenn ich die Dinge anders betrachtet hätte; wenn ich mich auf die Lichter in meinem Leben konzentriert hätte statt von meiner Dunkelheit besessen zu sein…dann wäre vieles anders gewesen. Ich hätte dazugehören können. Ich hätte einen Ort gehabt.“

„Das kannst du immer noch“, wisperte Ino hoffend; wünschend.

Naokis Blick wanderte wieder nach unten und richtete sich mit so sanfter Zuneigung auf sie, dass sie hätte schwören können, dass ihr alter Onii-chan sie durch diese Augen ansah. Das Alter und der Schmerz brachen nur für einen einzigen Moment von seinem Gesicht. „Nicht in diesem Leben, liebes Mädchen.“

Ino stellte sich auf die Zehenspitzen und warf ihre Arme um seinen Hals, um ihn fest zu halten. Diesmal zuckte er vor ihrer Berührung nicht zurück. Während er einen Arm an seiner Seite hängen ließ, hob er die andere und strich mit seinen Fingern beruhigend durch ihr Haar. Und als er das tat, kamen ihr die Verse des Liedes in den Sinn, das er ihr immer vorgesungen hatte. Nur diesmal wurde ihr die Bedeutung davon bewusst.

Die Hirsche fern und wandernd
All die Schmetterlinge fort
Ich steh auf diesem Berge
Weiß doch, ist nicht mein Ort.


Die Hirsche; die Nara.

Die Schmetterlinge; die Akimichi.

Der Berg; die Yamanaka.

‚Weiß doch, ist nicht mein Ort.‘

Ino presste die Lider zusammen. „Du hattest immer einen Ort bei mir. Du hattest immer einen Ort bei Genma; mit Genma.“

Ein rauer Atemzug gegen ihren Scheitel, zitternd und zerfetzt. Naokis anderer Arm legte sich um sie und erwiderte die Umarmung. Für einen Moment verharrten sie so, während die Schatten länger wurden und das Mondlicht rasch verschwand. Es sandte ein Frösteln durch ihr Herz.

Mit tränenüberströmten Augen zog sich Ino zurück und musterte sein Gesicht. „Du kannst so nicht gehen. Allein und im Dunkeln…“

Kopfschüttelnd griff Naoki nach oben, um ihre Arme fort zu ziehen, bis seine Finger an ihre Handgelenke glitten. Für einen Moment hielt er sie gegen seine Brust. „Allein und im Dunkeln ist, wie ich mich zu leben entschieden habe. Ich habe diese Wahl getroffen. Und ich wusste schon immer, dass ich allein und im Dunkeln sterben werde. Ich habe keine Angst davor, so zu gehen.“

„Lügner!“ Ino riss ihre Handgelenke los und rammte ihre Handflächen gegen seine Brust, direkt über sein Herz. „Ich glaub dir nicht! Ich glaub dir nicht, dass du dir niemals irgendetwas oder irgendjemanden gewünscht hast…nicht einmal jetzt…jeder hat einen letzten Wunsch, Naoki…du bist da keine Ausnahme…du bist nicht weniger menschlich als der Rest von uns!“

Er wich einen Schritt zurück und bedachte sie zuerst mit Erstaunen, dann mit einem Anflug dieses unverwechselbaren Yamanaka Feuers, das sich heiß hinter seinen Augen entflammte. „Das würdest du nicht sagen, geschweige denn glauben, wenn du auch nur die Hälfte der Dinge wüsstest, die ich getan habe.“

„Es juckt mich nicht, was du getan hast!“

„Aber das sollte es!“, knurrte Naoki und die violetten Flammen schlugen in seinen Augen höher. Doch seine Stimme war gebrochen und rau. „Du schaust mich an und siehst den Helden aus deiner Kindheit. Das ist nicht, wer ich geworden bin. Das ist nicht, wer ich bin.“

„Das weiß ich. Und ich wette, das warst du auch nicht, als du mit Genma zusammen warst, oder?“

Heftig getroffen schluckte Naoki hart und das violette Feuer in seinen Augen verließ ihn so schnell wie der Atem durch seine Nase. Mit bebenden Nasenflügeln und verkrampften Kiefer spannte sich sein Gesicht verzweifelt gegen die Verletzlichkeit an, die durch seine Augen huschte.

Er antwortete nicht.

Und das war mehr als genug Antwort.

Ino schüttelte den Kopf, während sich ein Knoten aus Tränen in ihrer Kehle verkeilte. „Ein letzter Wunsch, Naoki…sag mir, dass du ihn sehen möchtest und ich verspreche dir…ich verspreche dir, dass ich es möglich mache.“ Sie sah zu, wie er mit sich rang, sah das Weh, das sich in die Falte zwischen seinen Brauen schlich und kam zu ihm, um seine Hände zu packen. „Ich werde euch beide verbinden. Du musst das nicht tun…bitte…du musst nicht so sterben wie du gelebt hast…du musst nicht allein ins Dunkel gehen…“

Eine einzelne Träne, kalt und schillernd wie ein Diamant im Mondlicht, rann über die linke Seite von Naokis Gesicht und durch die Mulde in seiner Wange. Er stierte starr über ihren Kopf hinweg, sein Kiefer angespannt, die Augen nass, sein Herz scheinbar entschlossen…und dann nickte er ein einziges zitterndes Mal.

Fassungslos erhellten sich Inos Augen mit genug Hoffnung, um einen ganzen Himmel zu füllen, während ihr Herz heftig pochte. „Ist das ein Wunsch?“

Schwer blinzelnd spähte Naoki durch seine feuchten Wimpern zu ihr hinab. Sehr langsam befreite er seine Hände aus ihrem Griff, um damit ihr Gesicht zwischen langen, rauen Handflächen einzufangen und ihren Blick zu halten. Sie las den Ausdruck in seinen Augen, auch wenn er wohl vergessen hatte, wie man es aussprach.

Sie lächelte bebend. „Ich hab dich auch lieb, Onii-chan.“

Sie schloss die Augen als er ihre Stirn küsste, spürte die Wärme seines Atems, der zu einem leichten Kitzeln in der Mitte ihrer Stirn entschwand, als sich die Verbindung löste und die Welt im Schwarz versank; das leise Wispern der Brise wich dem schrillen und beständigen Biep, Biep, Biep…

Ino öffnete die Augen.

Sie fiel nicht.

Arme lagen um sie und hielten sie aufrecht. Sie kannte diese Arme. Dieselben Arme, die sie früher als Kleinkind gewiegt hatten; dieselben Arme, die vor Tagen versucht hatten, sie zu halten. Tränen rollten ihre Wangen hinab und tropften auf die Handrücken ihres Vaters.

„Bitte wein nicht, mein Schatz.“

Die Anspannung in seiner Stimme tat ihr Übriges. Ino drehte sich in seiner Umarmung, schlang ihre Arme um ihn und vergrub ihren Kopf an seiner Brust, als die Traurigkeit in einem erstickten Schluchzen aus ihr quoll.

Inoichis Arme spannten sich an. „Es tut mir leid…“, hauchte er gegen ihr Haar. „Es tut mir so leid…wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte…wenn ich es ändern könnte…es tut mir leid…“

Sie ballte eine Faust, biss die Zähne zusammen und schüttelte den Kopf. Sie wusste, dass es ihm leid tat. Natürlich wusste sie das. Naoki hatte ihr erklärt, warum er es getan hatte. Warum er sie und ihre Mutter belogen hatte. Sie über Jahre hinweg belogen hatte. Das machte es nicht gut…aber sie verstand es.

‚Wie soll ich ihm das jemals verzeihen?‘

‚Einen Tag nach dem anderen.‘

Und jetzt war ein ebenso guter Tag wie jeder andere, um damit zu beginnen.

Für einen langen Moment hielt sie sich an ihm fest und wartete darauf, dass ihre Tränen versiegten. Als sie endlich das Gefühl hatte, sprechen zu können, zog sie sich leicht zurück, um ihren Vater anzublicken. „Es gibt da was, das ich tun muss“, wisperte sie. „Etwas, das ich ihm versprochen habe.“

„Was hast du ihm versprochen?“

Sie erzählte es ihm.

Und sehr zu ihrer Überraschung, schien ihr Vater nicht überrascht zu sein. Wenn überhaupt, dann hätte sie schwören können, den leichtesten Anflug eines Lächelns an seinem rechten Mundwinkel zu sehen. Während er ihr mit einem Handrücken über die Wange strich, nickte er leicht und hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Das ist mein süßes Mädchen. Geh und finde ihn.“

„Was ist mit dir?“

„Ich werde hier bei Naoki warten. Es gibt…ein paar Dinge, die ich sagen muss.“

Schon wieder diese Anspannung in seiner Stimme. Trotz des frischen Schleiers aus Tränen fand Ino ein Lächeln für ihn und drückte seine Hand. Inoichi erwiderte den Griff, bevor sein Blick über ihre ANBU Uniform wanderte, wodurch sich seine Brauen hoben.

Ino errötete und um sich vor dem peinlichen Moment zu retten, drehte sie sich um die eigene Achse. „Ich finde, es sieht cool aus.“

Inoichi sah sie mit dem gleichen ernsten Ausdruck in den Augen an, mit dem er sie schon angesehen hatte, als sie acht Jahre alt gewesen war und er sie dabei erwischt hatte, wie sie in den hochhackigen Schuhen ihrer Mutter herum gewackelt war. „Nein.“

Ino spielte mit, indem sie eine enttäuschte Schnute aufsetzte, bevor sie ihre abgelegte Maske aufhob und sich der Tür zuwandte. So ein kleines und albernes Vater-Tochter-Ritual, aber es half ihr ebenso sehr wie die Umarmung, die er ihr gegeben hatte. Es war seine Art, ihr zu versichern, dass ihr Verhältnis nicht kaputt war.

Ich hoffe nur, dass es Mom auch so sieht…

Als sie hinaus in den Gang trat, zog Ino leise die Tür hinter sich zu. Kaum fiel die Tür mit einem Klicken ins Schloss, da schoss Pakkun auch schon hinter einem welk aussehenden Ficus hervor und hetzte auf sie zu, sein faltiges Gesicht zu einer finsteren Miene verzogen. „Dein alter Herr ist aufgetaucht. Ich hab mir fast die Milz ausgekotzt, als ich versucht hab, irgendwie deine Aufmerksamkeit zu kriegen! Ihr bekloppten Welpen und eure hirnverbrannten Ide-“

Rasch ging Ino in die Hocke und hob ihn auf, was den grummeligen kleinen Mops in so verblüffte Sprachlosigkeit versetzte, dass er viel zu fassungslos zu sein schien, um sich auch nur einen Millimeter zu rühren. Sie bezweifelte sehr, dass es irgendjemand jemals gewagt hatte, so mit diesem kleinen, ruppigen Ninken umzugehen. Obwohl an einem Knuddeln ja wohl nichts auszusetzen sein durfte. Sie machte es auch kurz und lieb, bevor sie ihn wieder absetzte.

Erstaunt wankte Pakkun etwas nach hinten, bevor er sich auf die Hinterbeine fallen ließ und sie mit offenem Maul anstierte. „Den letzten Mensch, der sowas mit mir gemacht hat, hab ich angepinkelt. Und ich müsste gerade auch mal pissen.“

Ino weigerte sich, angewidert das Gesicht zu verziehen, sondern setzte einfach wieder die Maske auf. „Tja, du musst es noch ein bisschen zurückhalten. Ich brauche noch einen weiteren Gefallen. Dafür gibt’s auch noch ein Trainingskorsett oben drauf.“

Pakkun stieß ein Schnauben aus, bevor er sich auf alle Viere rappelte und fort trottete. „Nix da, Welpe. Kakashi ist schon wieder zurück.“

Inos Augen weiteten sich und ihr Herzschlag flatterte erleichtert. Rasch lief sie dem Ninken hinterher, während sie ihre Stimme senkte: „Ist er okay?“

Pakkun wurde etwas langsamer, mied die Schwesternstation und fing an, sich seinen Weg zum Notausgang zu suchen. „Er ist im Krankenhaus, aber Shiba meinte, es wäre nichts allzu Ernstes. Trotzdem, Kleine, ich muss zurück nach Hause, bevor Sakura und Naruto seine Tür eintreten.“

Erleichterung wich Panik. Sie brauchte Pakkun, um Genma zu finden. Verzweifelt warf sich Ino zwischen die Tür und den Ninken, um den Ausgang zu blockieren, ihre Arme weit ausgebreitet. „Warte!“

Pakkun neigte den Kopf in ihre Richtung und hob eine Braue.

Als sie das unnachgiebige Funkeln in seinen Augen sah, wusste sie, dass es an der Zeit war, ihm den Deal ein bisschen schmackhafter zu machen. Seufzend schob Ino ihre Maske nach oben, um ihr Gesicht zu zeigen und senkte ihre Stimme noch etwas weiter zu einem verschwörerischen Wispern: „Okay, du kriegst mehr als einfach nur das Trainingskorsett. Ich lege noch das komplette Set obendrauf, das dazu gehört. Ganz umsonst.“

Pakkuns Ohren stellten sich auf und seine Schnauze zuckte leicht. „Sprich weiter.“

Mit einem kunstvollen Lächeln beugte sich Ino nach vorn und legte die Hände auf die Schenkel. „Wenn Kakashi-sensei noch im Krankenhaus ist, dann wird er mindestens noch für zwei weitere Stunden dort sein. Es dauert, bis das ganze Prozedere abgeschlossen ist. Das ist mehr als genug Zeit für mich, um im Wäsche- ich meine, im Waffenladen vorbei zu schauen, bevor der zu macht. Ich werde es für dich sogar schön einpacken lassen. Es wird verpackt sein und alles, mit Schleifchen. Alles, was ich dafür will, ist ein letzter Gefallen."

Der entscheidende Moment.

Pakkun dehnte ihn auf ein paar angespannte Sekunden aus, bevor er sich auf seinen Vorderpfoten leicht nach vorn lehnte. Er spähte den Gang entlang – erst links, dann rechts – und blinzelte dann zu ihr auf. „Na schön…wie sieht dieser Gefallen aus?“

~❃~


„Das war nicht vereinbart.“

„Du hast recht. Das ist viel mehr, als ich dir versprochen habe.“

Ein rausamtiges, leises Lachen und Mizugumos eisblaue Augen verengten sich zu spekulativen, wölfischen Schlitzen unter dem dichten, stacheligen Schwung ihrer Wimpern. „Süßer Junge, was sollte ich wohl mit einem mutierten Halbblut anfangen?“

Genma hob eine Braue. „Du willst allen Ernstes ein Verkaufsgespräch führen?“

„Aber ja, tu mir den Gefallen. Wenn ich schon gewillt bin, dir das zu gewähren, da du mich so sehr faszinierst.“

Achselzuckend senkte Genma eine Schulter und ließ den gefesselten und geknebelten Yamori einfach so in einem Haufen sich windender Schuppen auf den Balkon fallen. Sofort erwachte das feine Netzwerk aus Mizugumos Chakra so zart wie Spinnenseide über den Steinfliesen mit einem silbrig blauen Zittern zum Leben. Yamori hörte auf zu schreien, hörte ganz und gar auf zu reden. Körper und Hirn waren im lähmenden Griff dieser tödlichen Fäden gefangen.

Tz. Kein schneller Tod für dich, Bruder.

Nein. Was Genma für dieses seelenlose Stück Scheiße im Sinn hatte, war weit schlimmer als die Höllen des Jenseits. Idealerweise hätte er dieses Schicksal für Shuken gewollt. Nie endendes Leid.

Wenn ich es verkaufen kann.

Etwas sagte ihm, dass er nicht noch dicker auftragen müsste als einfach nur die Wahrheit zu erzählen, damit Mizugumo anbiss. Sie hatte ihre Fangzähne bereits darin vergraben, als sie auf den Hauptgang stierte, der ihr gerade als persönlicher Vorteil vorgesetzt worden war. Genma musste es jetzt nur noch mit dem beruflichen Nutzen würzen, um wirklich ihren Appetit anzuregen.

Zeit zum Servieren…

Genma sprang leichtfüßig auf den Balkon und lehnte sich lässig nach hinten gegen das Geländer, seine Silhouette von hintern erleuchtet von einem gelblichen Himmel, der von Rot durchzogen war. „Dieser Kerl hat mehr Wissenschaft und Saft in seinen Zellen als du dir jemals erträumen könntest; um die dreihundertsechsundzwanzig Gene, die die Regeneration von Gliedmaßen, Gewebe, Haut und Organen mit einschließen. Chakraspritzen, sogar leichte, beschleunigen das Wachstum enorm.“

„Wie sehr?“

„Exponentiell. Ich rede hier von Regeneration innerhalb von Minuten. Ich habe gesehen, wie dieser Typ Gliedmaßen abwirft und sie sofort wieder neu wachsen lässt – und das war vor zwei Jahren. Vor den ganzen Aufrüstungen.“ Er fuhr mit seinem Fuß über Yamoris frisch gewachsenes Bein und legte den Kopf auf eine Seite. „Bei deinen Kontakten und Ressourcen kannst du diese bewährte Wissenschaft dazu nutzen, dir über Nacht ein Paar Lungen wachsen zu lassen. Scheiße, du kannst dir alle Körperteile wachsen lassen, die du willst und zu jedem Zweck. Und das ist garantiert. Keine Menschenversuche nötig, keine verschwendeten Ressourcen.“

Summend schürzte Mizugumo ihre blaugrauen Lippen um das Mundstück ihrer Pfeife und paffte für einen Moment schweigend, bevor sich ihre Hände und Lider senkten, als wäre sie benommen. Genma wusste es jedoch besser. Er konnte sehen, wie die Venen an ihrem Hals und ihren Schläfen pulsierten, die äscherne Haut so dünn und durchscheinend wie feinstes Porzellan. Sie examinierte das Chakra, das durch Yamoris Adern floss und nutzte die feinen Chakrafäden, um eine kleine Probe, einen kleinen Vorgeschmack abzusaugen; innerhalb von Sekunden erblühte eine leichte Röte auf ihrem zart knochigen Gesicht, hob den Schleier des drohenden Todes, der ihre Züge in ihrer verminderten und geisterhaften Gestalt einbalsamierte.

Für einen Moment kehrte Lebenskraft zurück.

Die eingefallenen Wangen füllten, die Wölbung ihres Gesichtes änderte sich und strahlte einen flüchtigen Hauch von Jugend aus – so machtvoll wie jedes Henge Jutsu. Ihre blauen Lippen nahmen Farbe an, wurden von dunkellila zu rosigem Pink. Sogar die glanzlose schwarze Mähne, so trocken und matt wie gefärbtes Stroh schien einen Anflug von Schimmer anzunehmen. Die silbrigweißen Strähnen schimmerten wie funkelnde Fäden in dem Licht, das über Genmas Schultern floss.

Heimsuchend, als würde er dabei zusehen, wie sich die Zeit vor seinen Augen zurückdrehte.

Der Winter kehrte zum Herbst zurück.

Ein Zauber, ein Traum.

Genmas Atem stockte für ein paar Herzschläge. Trotz all seiner gemischten Gefühlen in Bezug auf diese Frau, ganz zu schweigen von seinen Gefühlen in Bezug auf ihr Geschäft, konnte er einfach nicht anders, als von dem Anblick bewegt zu sein, als sich ihre zerbrechlichen und zarten Hände hoben, zitternd und ungläubig. Ihre Fingerspitzen strichen über die vergessenen Neigungen ihres Gesichtes, so glatt und faltenlos, aber immer noch blass wie Frost.

Wunderschön, auf eine gespenstisch traurige Weise.

Und dann, so schnell wie es gekommen war, verschwand dieses jugendliche Gesicht. Mizugumo versteifte sich und riss ihre Hände von ihren Wangen fort, während sich das Todesrasseln ihres Atems heftig in ihrer Kehle verfing. Sie blinzelte ein paar Mal und griff nach ihrer Pfeife. Sie zitterte in ihrer Hand.

Genma setzte wieder zum Sprechen an, um ihr die Möglichkeit zu geben, ihre Fassung wieder zu erlangen. Irgendwie glaubte er nicht, dass der Rest seines Vortrags überhaupt noch von Bedeutung war, aber was soll’s. Er dachte sich, dass er genauso gut noch etwas zu dem Mahl sagen konnte, solange es noch heiß war. „Du hast nicht nur deinen persönlichen Spender, der sich immer wieder regenerieren kann, sondern auch die Möglichkeit für einen Schwarzmarkt für Organe, der dich für den Rest deines langen und regenerativen Lebens mit Tabaksäcken, ausländischem Wein und feinstem Porzellan versorgt. Drogenhandel ist riskant. Man weiß nie, wann die Lieferanten den Laden dicht machen werden. Aber das hier? Du hast die Kontrolle über die Quelle. Du kontrollierst den Verkauf."

Du kontrollierst dein Leben…und deinen Tod…

Was, wenn er es alles auf seinen rohen und blutigen Kern herunterbrach, genau das war, was sie am meisten wollte; die Chance, das wiederzubekommen, was ihr die Zeit und KERN gestohlen hatten. Er hätte ihr keinen besseren Handel servieren können, wenn er ihn auch noch auf einem Silbertablett präsentiert hätte.

Und sie wusste es.

Während er ihre Augen las, breitete Genma die Arme aus. „Es ist ein verdammt guter Deal, Mizugumo. Ein verdammt guter Deal für einen einzigen Schuss Nirvana und einen Freifahrtschein für Hatake Kakashi.“

Mizugumo schnaubte elegant, klopfte die Asche aus ihrer Pfeife und drehte den Kopf, sodass das Licht der sterbenden Sonne ihr Profil erhellte, als sie über den Balkon hinaus auf ihre Gärten blickte. Als Kind hatte Genma die Geschichten über Yuki-Onna gehört.

Die Schneefrau.

Ein Geist. Eine heimsuchende Kreatur von unmenschlicher Schönheit, mit einer Mähne langen, schwarzen Haares, die Haut so leuchtend wie Mondschein und die Lippen so blass und blau wie ein kalter Winterhimmel. Als er sie jetzt so ansah, als wäre es das erste Mal, sah er die grausamen und ausgezehrten Erfrierungen der Vergangenheit und erhaschte einen flüchtigen Blick auf die zarten, schneegeformten Züge, die früher einmal da gewesen waren.

Da sie seinen Blick spürte, wanderten Mizugumos arktische Augen zu ihm.

Sie starrte hart auf sein Gesicht – und etwas Kindliches geisterte durch ihre Augen. „Sag mir, Shiranui Genma, bin ich nicht schön?“

Mehr getroffen durch den Zwang zu antworten statt von der Schüchternheit der Frage, zog Genma den Kopf zurück. Vorsicht bewegte sich durch ihn, während er sich darum bemühte, seine Worte zurückzuhalten.

Er konnte nicht.

„Das bist du“, murmelte er; geschockt davon, dass er es wirklich ernst meinte. „Aber du hast ja auch sicher gestellt, dass ich auf den Geschmack deiner Reize komme, oder?“

Mizugumo lächelte, zerbrechlich wie Frost und die Unschuld – war sie dazu überhaupt fähig? – schmolz hinter ihren Augen, ersetzt durch diese nadelfeinen Flecken verführerischen Humors. „Ist das unser letztes Lebewohl, süßer Junge? Wie es scheint haben es Abschiede an sich, dich zu finden.“

Eine Klinge aus Eis direkt durch sein Herz hätte ihn nicht tiefer treffen, oder ihn mit mehr Kälte erfüllen können. Während er ihren Blick hielt, verharrte Genmas Miene vollkommen regungslos, seine Stimme war gefährlich weich. „Schätze, das ist einfach in meinen Karten."

Mit geschürzten Lippen legte Mizugumo den Kopf schief und hob die Arme in einer Geste, die so anmutig war, als würde ein Schwan seine Schwingen ausbreiten. Die Chakrafäden bewegten sich nach ihrem Willen und führten ihren fragilen Körper mit feinen Fäden. Wieder einmal schoss Genma das Bild einer Yuki-Onna durch den Kopf, die auf ihn zu schwebte. Ihre Füße berührten den Boden nicht. Im Schnee hätte sie keinerlei Spuren hinterlassen.

Weniger als einen halben Schritt von ihm entfernt hielt sie inne.

Genma konnte einfach nicht anders, als angesichts ihrer Dreistigkeit zu schmunzeln, auch wenn er eigentlich gar keinen Grund hatte, davon überrascht zu sein. Es war genau dieses furchtlose und gebieterische Wesen, das es ihr gestattete, sogar Eliteagenten bei der Stange zu halten. Scheiße, sie hatte wahrscheinlich einen ganzen Überschuss an Eiern zur Verfügung. Eine Wahrheit, die ihr nicht nur Genmas widerwilligen Respekt, sondern auch einen komplizierten Knoten aus weit unbeständigeren Emotionen eingebracht hatte. Emotionen, bei denen Mushi seine schiere Freude gehabt hätte, sie zu entschlüsseln und zu diagnostizieren.

Mizugumo musste den Anflug selbstironischen Humors bemerkt haben, denn sie bedachte ihn mit einem weichen und wissenden Lächeln. „Du warst mir immer der liebste, weißt du.“

Genma schnaubte, doch seine Augen blieben weiter auf sie fixiert. „Soll das dafür sorgen, dass ich mich schlecht fühle, weil ich dich verlasse?“

„Nein. Es soll dafür sorgen, dass du dich besser dabei fühlst, dass du so lange geblieben bist.“

Hexe. Diese Art und Weise, wie sie ihre Worte wob, ein ganzes Netz, das dazu gedacht war, zu umgarnen. Kein Wunder, dass er sich so darin verheddert hatte, aber er hatte sich auch selbst zu einer willigen Fliege gemacht…betrunken von der Verschwendung seines Lebens, suchend nach irgendetwas, sogar dem Biss einer schwarzen Witwe, um den Schmerz zu betäuben.

Seine Lippen hoben sich zu einem Halblächeln. „Und du? Wirst du bleiben? Du hast jetzt, was du brauchst. Du könntest endlich gehen.“ Flüchtig spähte er über die Schulter und blinzelte gegen den Sonnenuntergang, wobei das Senbon golden glühte. „Ich könnte dir auch noch was von ‚grünerem Gras‘ und ‚die Welt liegt dir zu Füßen‘ erzählen.“

„Erspar mir den Prosaismus, lieber Junge, du hast mich überzeugt, ich habe mich schon verkauft“, schnurrte Mizugumo, während sie herüber glitt, um sich neben ihn zu stellen. Ihre schwarz lackierten Nägel strichen leicht über die Balustrade. Als sie über ihre in bernsteinfarbenes Licht getauchten Gärten blickte, musterte sie für eine Weile schweigend die länger werdenden Schatten.

„Verkauft fürwahr…“, murmelte sie letztendlich. „Wir können uns nicht alle aus dem Staub machen.“

Fassungslos versteifte sich Genma und seine Kehle zuckte heftig. Auf keinen Fall konnte sie von der Bedeutung dieser Worte wissen. Schwer schluckend lehnte er sich nach hinten, seine Ellbogen gegen das Geländer gestemmt und spähte zur Seite. „Was zur Hölle soll das denn bedeuten?“

Da sie seinen Tonfall bemerkte, verzogen sich Mizugumos Lippen zu einem schiefen Schmunzeln. „Ist es wirklich so ein Schock? Ich werde meine Kinder nicht verlassen. Ich bin ihnen gegenüber genauso verpflichtet wie sie mir gegenüber. Nicht für jeden von uns gibt es eine zweite Chance.“

Stirnrunzelnd musterte Genma ihr Profil und biss mit den Zähnen hart auf sein Senbon. Jedes Mal, wenn er dachte, diese Frau durchschaut zu haben, entglitt sie ihm wieder so subtil und betörend wie eine Gestaltwandlerin. Eine Trickbetrügerin. Langsam schüttelte er den Kopf. „Ich weiß nicht, ob du glaubst, was du da sagst…oder ob dein ganzes Leben nur ein Netz der Täuschung ist…“

Ein langsames, schmales Lächeln und Mizugumo wandte sich ihm zu. „Die Wahrheit sagen und den Teufel beschämen?“ Sie hob eine Hand, um mit den Rückseiten ihrer Finger leicht über den Grat von Genmas Wangenknochen zu streichen. „Nicht dieser Teufel, süßer Junge. Und du weißt doch, was man über Teufel sagt…lieber die, von denen man denkt, sie zu kennen.“

Ja. Hier konnte er ihr nicht widersprechen. Und er hielt sie auch nicht davon ab, mit ihren Fingern über seinen Kiefer zu fahren, ihre Berührung glitt flüchtig zu dem Senbon, das aus seinem Mund ragte. Sie folgte der schlanken Stahlnadel bis zur Wölbung seiner Lippe und fuhr die Linie seines Mundes mit der federleichten Berührung eines Kindes nach.

„Sayonara, Shiranui Genma.“ Und mit diesen Worten streichelte sie mit ihrer Handfläche über seine schlanke Wange, wobei sich ihre Berührung an seinem Gesicht erwärmte. Schon wieder, der Anflug eines verlorenen Kindes, das hinter den eisigen Flecken in ihren Augen hervor lugte. „Mögest du deine zweite Chance ergreifen…und mögest du den Frieden finden, den all meine kleinen Pillen dir niemals geben konnten.“

Ein Segen, eingehüllt in seidene Fäden…und dennoch spürte Genma, dass keine Bedingungen daran geknüpft waren. Das honigwarme Licht strahlte auf diese sonderbare Abschiedsszene wie eine Benediktion. Und trotz all seiner Dämonen, trotz all seiner Dunkelheit, wagte er nur für eine Sekunde, an zweite Chancen zu glauben.

Sie trennten sich mit diesen Worten und besiegelten den Handel.

Yamori blieb. Mizugumo gab Genma, worum er gebeten hatte. Und dann, ohne einen Blick zurück zu werfen, lief er einfach fort, ließ sie dort auf dem Balkon stehen, beschienen von dem langsam brennenden Glühen.

Sayonara…

Als er sich seinen Weg zurück zum Dorfzentrum bahnte, sah der Himmel bereits feurig aus, durchzogen von Streifen lavadunkler Töne, während Lila und Rosa heran krochen, da das Licht zu einem von blutrot getränkten Gold ausblutete.

Trauer traf ihn.

Völlig aus dem Nichts.

Wie eine verdammte Faust gegen das Herz.

Und er musste stehen bleiben, sein Puls hämmerte, als wäre er von Mizugumo weg gerannt statt gelaufen. Seine Sicht verschwamm. Der Atem bebte heftig in seiner Kehle. Als er die Augen zusammenpresste, legte er den Kopf in den Nacken und ballte seine Finger um die Phiole in seiner Tasche.

Nirvana.

Wenn es Abschiede an sich hatten, ihn zu finden, dann Scheiße…jetzt war ein guter Zeitpunkt. Er war ebenso verloren, wie er es schon immer gewesen war; warten auf ein ‚Später‘, von dem er wusste, dass es niemals kommen würde.

„Hab ich dich gefunden.“

Es dauerte einen Moment, bis er sich der Stimme bewusst wurde; grummelig, ruppig – und nah am Boden. Mit faltiger Stirn hoben sich Genmas Wimpern langsam, sein Kopf noch immer in den Nacken gelegt, sein Blick nach oben gerichtet, um die Tränen davon abzuhalten, an seinen Augenwinkeln auszubrechen.

„Er ist im Krankenhaus.“

Pakkun stieß ein grantiges Schnauben aus. „Das weiß ich. Ich war nicht auf der Suche nach Kakashi. Man hat mich nach dir geschickt.“

Viel zu tief in Trauer, um sich um die Ironie zu scheren, dass er wirklich von einem Hund gefunden worden war – noch dazu von Kakashis Hund – schüttelte Genma einfach nur mit bebendem Kiefer den Kopf. „Jetzt nicht.“

„Doch jetzt. Du hast meinem Rudel einen großen Gefallen getan, indem du Kakashi zurück gebracht hast. Das Mindeste, was ich tun kann, ist, den Gefallen zu erwidern.“

Viel zu heiser für Worte wandte sich Genma einfach nur auf dem Absatz um und wollte davon laufen.

Doch Pakkun schnitt ihm den Weg ab. „Nicht so schnell, Welpe."

Ganz blöder Zug.

Doch bevor Genma von rohem Schmerz direkt in mächtig angepisste Raserei explodieren konnte, ließ ihn eine leise Stimme hinter ihm an Ort und Stelle innehalten. „Genma-senpai?“

Mit finsterer Miene stierte Genma über die Schulter und sein Körper folgte der Bewegung in einer langsamen Drehung, während sich seine bronzenen Augen verwirrt zusammenzogen, bevor sie weit aufflogen. Vielleicht war es das flachsfarbene Haar auf der dunklen ANBU Kleidung, das ihn so heftig traf, oder vielleicht war es die Tatsache, dass er Naokis stellvertretende kleine Schwester anstarrte, die sich als großer Bruder verkleidete.

Es warf ihn aus der Bahn…

Warf ihn heftig aus der Bahn…

Warf ihn zurück zu einem von Mondlicht beschienen Hügel, wo er und sein Geliebter in angenehmem Schweigen mit ihren Sünden gesessen hatten, während sie einem unschuldigen Mädchen zugesehen hatten, wie es mit einem Lachen auf den Lippen durch die Wildblumen rannte.

„Ino…“

___________________
Hey meine Lieben :)

Wieder etwas später, aber immer noch im Rahmen, finde ich, kommt dieses neue Kapitel.
Man merkt schon, die ganze Zeit kommt es zu Abschieden, hier von Mizugumo. Aber sie musste schon auch nochmal ihren Auftritt haben. Und auch das Gespräch zwischen Ino Und Naoki ist sehr wichtig.
Ich hoffe natürlich sehr, dass es euch gefallen hat und würde mich wie immer über ein paar Meinungen freuen.
Vielen Dank auf jeden Fall wie immer an alle meine lieben Reviewer/innen und Leser/innen! <3
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