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Under these Scars

von Scatach
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Angst / P18 / Mix
Genma Shiranui Kakashi Hatake Neji Hyuga OC (Own Character) Shikaku Nara Shikamaru Nara
09.11.2021
25.09.2022
91
534.268
16
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
4 Reviews
 
22.09.2022 3.774
 
Ein erschöpftes Schweigen senkte sich über das Zimmer, die Stille hing wie ein Laken aus Staub über allem. Sie saßen Seite an Seite da, mit den Rücken gegen die Wand gelehnt und berührten sich an Schulter und Knie.

Kontakt. Verbindung.

Während er seinen Kopf etwas nach hinten neigte, beobachtete Neji Shikamaru aus dem Augenwinkel. Die Atmung des Schattenninjas hatte sich endlich beruhigt, zusammen mit dem Schaudern, das ihn immer wieder bis ins Mark erschüttert hatte. Er sah völlig fertig aus, seine Wimpern auf Halbmast über seinen rot unterlaufenen Augen hängend. Aber es lag eine deutliche Erleichterung in der Art, wie er seinen Körper gegen Nejis lehnte; in der Art, wie er sich gelegentlich selbst zunickte und seine Atmung einen langsamen Strom nach dem anderen löste.

Das Gift hatte sich entleert.

Schwarz und roh und septisch.

Wie bei einem Fieber, das endlich brach, würde nun eine tiefe, reinigende Müdigkeit einsetzen…und endlich, so hoffte Neji, könnte Shikamarus Heilung beginnen. Nach zwei langen Jahren konnte er nun seine unaufhörliche Flucht beenden. Da all seine Finsternis in entsetzliches Licht gezerrt worden war, konnte er jetzt endlich in der Sonne stehen und seine Schatten hinter statt vor sich fallen lassen.

Wenn nur Asuma…

Der Gedanke blieb unbeendet, da er von dem rumpelnden Echo von Worten abgeschnitten wurde, die er vor Wochen gehört hatte; damals, als er mit Ino trainiert hatte.

„Lass ihn nicht wegrennen.“

Asumas Stimme. Unmöglich. Und dennoch unverkennbar in seinem Verstand. Hatte es Asuma irgendwie gewusst? Sahen die Toten wirklich von jenseits des Schleiers zu, Zuschauer des Spiels im großen Ganzen?

Wusste er von unserem Spiel?

Als er den Kopf drehte, wanderte Nejis Blick flüchtig zu dem Go Spiel, das auf dem Sofatisch lag. Dort, wo Gruppen von schwarzen und weißen Steinen das Gebiet des Brettes auffraßen. Ein treffendes Bild ihrer Geschichte, wie sie beide versuchten, Boden gut zu machen, ohne dabei irgendwelche Freiheiten zu verlieren.

‚Es heißt, Schwarz hätte den Vorteil, den ersten Zug zu machen.‘

Nejis Lippen verzogen sich zu einem schwachen Lächeln, als er sich, in geradezu erschütternden Einzelheiten, an diesen ersten Zug erinnerte. Dieser erste Kuss. Der, von dem er immer gedacht hatte, er hätte ihn verdammt…wo er ihn doch in Wahrheit vor einem Schicksal bewahrt hatte, das ebenso viel Opferbereitschaft forderte wie der Hyūga Clan, wenn nicht sogar mehr. ANBU Agenten setzten nicht einfach nur ihre Herzen aufs Spiel, sondern auch ihre Menschlichkeit. Und ohne diese beiden Dinge, was wäre er dann schon…außer tot?

„Du siehst alle Arten von tiefsinnig aus, Hyūga…“

Das Krächzen dieser lahmen, vertrauten Worte zog ihn zurück. Shikamaru beobachtete ihn, sein abgeschirmter Blick weich und schläfrig. Neji fand ein Lächeln für ihn, da er sich wohl bewusst war, dass der Schattenninja dazu neigte, auf sichere, vertraute Sprüche zurückzugreifen, um sich auf wackeligem Untergrund vorwärts zu bewegen.

„Tiefe, kalte Wasser sind meine Spezialität, Nara.“

„Ja…“ Shikamaru runzelte leicht die Stirn und zupfte an den Nähten in seinen Wunden. Seufzend hob er einen Arm und drückte seine Fingerspitzen gegen die Wundränder, um Schutz hinter seiner Hand zu suchen. „Danke, dass du da vorhin Fels in der Brandung gespielt hast. Aber nur zur Info, ich hatte nicht vor, einen auf absaufendes Schiff zu machen.“

Bei jeder anderen Gelegenheit hätte Neji ihm wahrscheinlich gesagt, das nicht zu tun. Keine Scherze zu machen. Aber da er die Anspannung in Shikamarus Stimme bemerkte – und die unbeholfene, vermeidende Art und Weise, mit der er versuchte, etwas an Sicherheit und Stärke zurück zu erlangen – brachte es Neji nicht übers Herz, ihm das vorzuhalten. Der Schattenninja war vorhin vollkommen auseinander gefallen. Wenn das Erwidern dieses kleinen Fadens von Humor Shikamaru dabei half, seine Teile aufzusammeln, dann hatte Neji keinerlei Probleme damit, ihm das auch zu gewähren.

„Die Wahl war entweder das oder eine Gehirnerschütterung.“

Shikamaru stieß ein leises, heiseres Lachen aus. „Für die Zukunft; eine Hyūga Kopfnuss ist mir jedes verdammte Mal lieber.“

„Ist notiert.“

Das Schweigen, das sich als nächstes über sie senkte, war angenehm. Locker. Als wäre überhaupt keine Zeit verstrichen, seit sie sich das letzte Mal zwischen Missionen einen Augenblick gestohlen hatten; zwischen den immer schneller werdenden Herzschlägen ihres Ninjalebens.

„Irgendwelche Neuigkeiten zu Kakashi-sensei?“, fragte Shikamaru irgendwann.

Neji schüttelte den Kopf. „Die Hokage ist heute Morgen mit einer Einheit nach Kusa aufgebrochen.“ Er machte eine Pause, da er nicht wusste, ob er von der Tatsache erzählen sollte, dass Nara Shikaku ein Teil dieser Einheit gewesen war. „Yamato-sensei schien zuversichtlich zu sein, ihn nach Hause bringen zu können.“

„Naruto?“

„Festgesetzt. Sakura auch.“

Kopfschüttelnd sog Shikamaru die Luft durch die Zähne ein. Ein paar weitere Minuten verstrichen unbemerkt zwischen ihnen, bevor er wieder das Wort ergriff: „Neji…wer weiß es sonst noch?“

Die Frage war keine Überraschung. Und Neji antwortete wahrheitsgemäß: „Nur Ino und Chōji kennen die Wahrheit. Yamato-senpai hat den Rest des Teams entsprechend Tsunade-samas Wünschen ins Bild gesetzt. Soweit die anderen wissen, wurdest du von aggressiver, natürlicher Energie infiziert, als du in der Woche, bevor wir aufgebrochen sind, mit den Chimären in Kontakt gekommen bist. Deine Tenketsu und Neurobiologie wurden dabei verunreinigt. Als Resultat davon hast du einen milden Fall von Psychose erlitten.“

„Mild, huh?“

„Vertrau mir, man hat genug medizinisches Fachchinesisch eingestreut, damit das Ganze wasserdicht ist. Du bist sicher.“

Shikamaru nickte und die Sehnen in seinem Hals zuckten heftig, bevor er seinen Kopf nach hinten gegen die Wand lehnte und seine nächsten Worte mit einem Seufzen hauchte: „Und mein alter Herr?“

Ah, da war er, der haarfeine Riss der Furcht, der sich in seine Stimme schlich. Nejis Herz taumelte in seiner Brust. Mit weich werdenden Augen spähte er hinüber. Er hatte keine Ahnung, was er darauf antworten sollte.

Shikamaru rettete ihn, indem er eine Hand ausstreckte und mit der Seite seiner Faust Nejis Knie berührte und zaghaft dagegen klopfte. „Sag es mir nicht. Ich will es nicht wissen.“

Was für ein Glück für sie beide. Denn auch wenn Neji wusste, dass Shikaku zusammen mit der Hokage nach Kusa aufgebrochen war, hatte er keine Ahnung, wie viel Shikaku über Shikamarus Vergangenheit wusste oder eben nicht wusste.

Nein. Aber du weißt sehr wohl, was er für Shikamarus Zukunft will.

Und das war kein eiskalter Hyūga, der seinen Verstand abfuckte und ihm Kummer bereitete.

‚Neji…halte dich von meinem Sohn fern.‘

Ein gut gemeinter, elterlicher Rat…aber kein Befehl, den Neji befolgen konnte. Und wenn das dafür sorgte, dass die Hölle über ihn herein brach, dann sei es so. Er hatte schon Schlimmeres überlebt. Und letztendlich war er für das Privileg gestorben, etwas zu beschützen, das ihm weit kostbarer war als seine eigene Freiheit; das war kein Erwachen, von dem man einfach so fort laufen konnte, um die Augen davor zu verschließen und so zu tun, als wäre es nie passiert.

Ich soll wieder durch mein Leben schlafwandeln? Unmöglich.

Hanegakure hatte ihn herausgefordert, indem es ihm seine Wahlmöglichkeiten aufgezeigt hatte. Doch Kusagakure hatte ihn damit gekreuzigt, ihm die Konsequenzen dieser Wahl aufzuzeigen. Aber selbst dann, am Scheideweg zwischen Leben und Tod, hatte er trotzdem noch eine Wahl, hatte immer noch eine Chance gehabt. Er hatte diese Chance ergriffen, hatte diese Wahl getroffen.

Und sie hat mich unumkehrbar verändert.

Sicher, diese Veränderung machte ihm Angst – mehr, als er zugeben wollte. Aber viel stärker als die Angst war das Gefühl der Freiheit, das von der Erkenntnis herrührte, dass er immer eine Wahl hatte, zu entscheiden für wen oder was er kämpfte, statt gegen wen oder was. Er hatte so viel Zeit mit kämpfen verbracht…und das nur für sich selbst. Er hatte niemals wirklich innegehalten, um darüber nachzudenken, dass die Menschen um ihn herum vielleicht ebenso hart gegen ihre ganz eigenen Dämonen kämpften; Shikamaru und Shuken, Naruto und der Kyūbi. Zwei versehrte Menschen, die dazu bereit waren, ihren Ruin beiseite zu legen, um Neji davon abzuhalten, in seinem eigenen verloren zu gehen.

Aber anders als Shikamaru und Naruto, habe ich nie daran gedacht, etwas zu bewirken, als ich gegangen bin…

Oder zumindest nicht annähernd so viel, wie er gekonnt hätte. Ja, er hatte dabei geholfen, Hinata zu trainieren. Ja, er hatte Hanabi ermutigt. Aber nur mit dem Gedanken daran, beide Schwestern stark genug zu machen, um alleine zurecht zu kommen, sodass er endlich seine Familienbande zerschneiden und fort laufen konnte.

Sie zurückzulassen.

Wie er es mit so vielen anderen gemacht hatte. Gewaltige Sätze in einer blinden und eisernen Anstrengung von einem Käfig in einen anderen; keine Rücksicht auf seinen Sensei; keine Rücksicht auf sein altes Team; keine Rücksicht auf seine Cousinen; keine Rücksicht auf seine Freundschaften; keine Rücksicht auf die Tatsache, dass er mehr verloren, als er jemals gewonnen hatte, indem er all seine Bande durchtrennt hatte.

Genau wie Sasuke…

Gott, Shikamaru hatte nicht unrecht gehabt, als er Neji in dieser damaligen Nacht beschuldigt hatte, in die Fußstapfen des Uchiha zu treten. Einfach jeden niederzumähen, der sich ihm in den Weg stellte, blindwütig und unbarmherzig, versessen darauf, das zu tun, was er für notwendig hielt – völlig ungeachtet der Kosten. Shikamaru hatte es gesehen, hatte es gewusst.

Er hat mich gerettet, wo ich niemals dachte, eine Rettung zu brauchen.

Und jetzt erwartete Shikaku von Neji, einfach davon fort zu laufen?

Ein kluger, selbsterhaltender Ninja hätte das getan. Aber Neji war schon immer verdammt stur gewesen. Und was war schon das Bisschen Dummheit, das auch mit eingestreut war? Wenn er auch nur halb das Genie war, als das Naruto ihn bezeichnet hatte, dann konnte er sich ein wenig Spielraum in Sachen gesunder Menschenverstand durchaus leisten.

Denn solch logisches Denken hatte in diesen Augenblicken keinen Platz.

Und um diese Tatsache zu festigen, streckte er eine Hand aus, um mit den Fingerspitzen sachte Shikamarus Unterarm bis zum Ellbogen des Schattenninjas entlang zu streichen, wo er mit dem Daumen über die erhöhten Venen fuhr. Shikamarus Haut kribbelte bei dem Kontakt, so responsiv wie immer bei seiner Berührung. Als wäre Elektrizität übertragen worden, jagte eine Welle der Hitze über Nejis Fingerspitzen und Arm, um sich warm in seiner Brust auszubreiten.

Sein Herz pochte heftig.

Sein Atem kam zu einem stockenden Halt.

Shikamarus Augen hoben sich bei dem Geräusch, zusammen mit seinem Arm, um Nejis Hand zu lösen. Doch statt die Berührung abzulehnen, verstärkte Shikamaru den Kontakt, indem er mit seinen Fingern durch dunkle Mokkasträhnen strich, um sie von Nejis Gesicht fern zu halten.

„Lästiger Hyūga.“

Neji schloss die Lider, während sich seine Kopfhaut in einem wohligen Erschauern anspannte, als Shikamarus Finger bis zu seinem Hinterkopf wanderten, und eine knisternde Statik auslösten, die sich von seinem Nacken bis über seine gesamte Wirbelsäule zog.

Sie lehnten sich zur selben Zeit nach vorn. Stirnen berührten sich, kalter Stahl auf heißer Haut.

„Man sollte meinen, dass nach allem, was passiert ist…“, raunte Shikamaru, „es nicht mehr so verdammt hart sein würde…aber ich kann nicht Neji. Und genauso wenig kannst es du.“

Die Qual in Shikamarus Stimme zog Nejis Rücken straff, kühlte die Wärme schlagartig zu einer eiskalten Furcht ab. Er zog den Kopf zurück, gerade genug, um den Zwiespalt sehen zu können, der in diesen dunklen Siennaaugen flackerte, die winzigen Partikel aus Honig darin wie Gold im Lampenlicht.

Nejis Stirn legte sich leicht in Falten. „Shikamaru?"

Shikamaru zögerte, sein Gesicht verzog sich vor Emotionen. „Ich verstehe, warum du es getan hast. Ich verstehe, warum du von ANBU fort gelaufen bist…“ Hier machte er eine Pause, während seine Nasenflügel gegen einen Ansturm von Gefühlen bebten und seine Wimpern den nassen Schleier in seinen Augen fortzublinzeln versuchten. „Denk nicht, dass ich dich hierbei nicht höre. Das tue ich. Ich höre dich laut und subtil wie eine Hyūga Kopfnuss, aber ich brauche es, dass du mich hierbei auch hörst…denn so sehr es mich auch zerreißt, darum zu bitten…ich muss…ich kann nicht mit den etwaigen Auswirkungen leben, wenn ich es nicht tue…“

Energisch hielt Neji die unmittelbare Angst zurück, die von diesen Worten ausgelöst wurde und zwang sich, ruhig zu bleiben, während er für eine lange Sekunde Shikamarus Augen musterte, bevor er langsam nickte. „In Ordnung…“

Ein zittriges Ausatmen und Shikamaru beugte den Kopf, um einen wappnenden Atemzug zu nehmen, ehe er auch seine andere Hand hob, um Nejis Hals zu umfassen und den Kopf des Hyūga zu halten, als befürchtete er, er würde jeden Kontakt verlieren. Erst dann hob er wieder die Augen, sein Blick fester, seine Stimme stärker. „Erinnerst du dich daran, was du zu mir gesagt hast, bevor diese Mission angefangen hat…dass wir beide unsere getrennten Leben und Pflichten hatten, schon lange bevor wir das hier hatten?“

Neji runzelte die Stirn und seine Augen verengten sich bei dieser Erinnerung, um die Vergangenheit in den Fokus zu bringen.

Kami…

Es fühlte sich an, als wäre das bereits ein Menschenleben her, seit er diese Worte gesagt hatte. Doch in Wahrheit waren es nur Tage gewesen. Sie hatten beide in einer privaten Teenische gesessen, wiedervereint durch den Beruf – eine Mission – während persönliche Spannungen und private Tragödie sie auf haarfeinen Grenzen gehalten hatten, immer überschneidend, immer an einem Scheideweg.

Und da wären wir wieder…

Denn in diesem Augenblick wurde es ihm bewusst. Er wusste, was Shikamaru zu ihm sagen würde – nein, worum er ihn bitten würde. Neji schluckte schwer, da sich die Sehnen in seinem Hals heftig straff zogen und seine Stimmbänder scheuerten wie Sandpapier. „Du willst von mir, dass ich fort laufe…“, sagte er letztendlich mit heiserer und schwerer, qualerfüllter Stimme. „Schon wieder.“

Shikamaru schloss für fünf Sekunden krampfhaft die Lider, bevor er sie gefasst und suchend wieder hob. „Nein. Das ist nicht das, was ich will. Glaub mir…was ich will…was ich brauche…ist so viel egoistischer als das.“ Während er zaghaft eine Hand an die Seite von Nejis Hals legte, fuhr er mit seinem Daumen über die Anspannung, die sich über die kraftvolle Kante des Kiefers des Hyūgas zog. „Aber ich darf nicht der einzige Grund sein, Neji. Der einzige Grund, aus dem du das aufgibst. Der einzige Grund, aus dem du deinen Lebensweg änderst. Du tust das? Du triffst diese Wahl wegen dir und mir? Ich garantiere dir, du wirst mir das irgendwann übel nehmen. Und ich weiß, dass ich mal gesagt habe, dass ich es ertragen kann, dass du mich hasst, aber wer hätt’s gedacht – ich habe gelogen.“

Fassungslos zogen sich Nejis Brauen über weiten Augen zusammen. „Nach allem, was passiert ist, nach allem, was wir beide gesagt und getan haben, wie kannst du da auch nur denken, ich könnte dich jemals hass-“

„Weil ich denke, dass du es tust. Und wenn du diese gewaltigen Sätze abziehst? Dann denkst du nicht nach. Und ja, vielleicht denke ich im Gegenzug ein bisschen zu viel nach. Vielleicht würde ich eher die Flinte ins Korn schmeißen, statt mich meinem Scheiß zu stellen. Vielleicht gehe ich nicht genug Risiken ein. Aber ich bin nicht bereit, das aufs Spiel zu setzen.“ Er gestikulierte zwischen ihnen beiden hin und her und klopfte dann mit seinen Fingerknöcheln zaghaft über Nejis Herz. „Und ich sage dir Neji…gestohlene Augenblicke wie dieser hier? So sehr sie uns auch etwas geben, das wir niemals irgendwo sonst finden können; so sehr sie die Scheiße, die wir tagtäglich tun müssen, erträglich machen…und ja, so sehr ich mir auch wünsche, dass sie wirklich alles sind, was du jemals brauchen wirst, um dich davon abzuhalten, irgendeinen kranken Mist abzuziehen…diese gestohlenen Augenblicke werden nicht genug sein, damit du klarkommst. Vertrau mir. Ich weiß es. Wenn ich nicht Ino, Chōji, Kurenai und eine ganze Menge anderer Menschen und Versprechen hätte, die mich auf Trab halten, mich ablenken und dafür sorgen, dass ich bei mir bleibe, dann würde ich verfickte Wände hochgehen…denn dich so zu wollen, wie ich es tue? Dich so verfickt sehr zu brauchen? Es hört einfach niemals auf.“

Er schüttelte den Kopf und ließ seine Augen dabei mit einem Ausdruck über Nejis Gesicht wandern, der so voll war von verzweifelter Zärtlichkeit und Zuneigung, dass es Nejis Brust dazu brachte, sich ruckartig unter der Handfläche des Schattenninjas zu heben, während sich seine Kehle zuschnürte.

„Es macht mich wahnsinnig…“, fuhr Shikamaru fort, da er sich dieser Tatsache offenbar nicht schämte. „Ich kann ohne das nicht mehr atmen. Aber eben diese Sache, die ich für dich empfinde…sie würde mich umbringen, wenn ich nichts anderes hätte…genauso, wie sie dich umbringen wird, wenn du nicht mehr Gründe findest, um diese Maske abzulegen.“ Sein Blick zuckte flüchtig zu der Falkenmaske, die vergessen und unangetastet neben dem Bett lag. „Und ich rede nicht davon, neue Aufträge und Verpflichtungen zu finden. Ich rede von richtig heftigen, knallharten Gründen, die einer Uzumaki Rede würdig sind – hörst du mich?“

Und sehr zu Nejis Erstaunen, stellte er fest, dass er das tat.

Er verstand.

Und dann hörte er.

Schwer schluckend wanderte auch sein Blick zu der Maske und seine weißen Augen wurden glasig, als sich sein Fokus einen Atemzug nach dem anderen nach innen verlagerte, bis zu dem Rand dieses Nichts, vor der er sich so gefürchtet hatte. Und da war es. Das düstere Echo der tiefen Schlucht in seiner Seele, das mit einer Leere erklang, die er verspürte, seit er wiederbelebt worden war. Sie war noch immer da. Ein gigantischer Abgrund aus ‚Fehlen‘, der weit und leer gähnte. Eine Leere, von der er nicht erwarten konnte, dass Shikamaru allein sie ausfüllte.

Das ist zu viel…

Und vollkommen unfair dem Schattenninja gegenüber. Diese Löcher in Nejis Welt, diese versehrten Gräben, die er in und um sein Herz gerissen hatte, um Emotionen zu begraben und Menschen draußen zu halten? Das war etwas, für das er jetzt die Verantwortung übernehmen musste.

Denn die Wahrheit war – er war derjenige, der sie erschaffen hatte.

Er hatte jahrelang gearbeitet und gekämpft und geblutet, hatte sich keine Zeit für Freude oder Ruhe oder Interessen außerhalb seines Strebens nach Freiheit gewährt. Er hatte seine Bande zerschnitten, sich von seiner Familie entfremdet und seine Freunde verlassen. Er hatte sich an dieses grausame Regime der Entwicklung gehalten und nur dann Kurven geschnitten, wenn es um irgendetwas ging, das auch nur annähernd gesellig oder persönlich war.

‚Das Einzige, was du schneidest, sind Kurven. Bei jeder Gelegenheit, die sich dir bietet. Du tauchst auf, wenn es dir in den Kram passt, um den ‚angemessenen‘ gesellschaftlichen Part zu spielen und dann verpisst du dich ins Blaue. Sogar bei Shikamarus und Inos Geburtstagsparty. Und jetzt diese kleine Sache, die du in petto hast. Für den Scheiß zu bezahlen ist nicht dasselbe, wie anwesend zu sein, Neji.‘

Inuzuka-Einblick – direkt bis ins Mark. War es denn wirklich verwunderlich, dass ein Rudeltier wie Kiba von Nejis ‚Einsamer Wolf‘-Gehabe angepisst gewesen war? Er beteiligte sich zwar bis zu einem gewissen Maß an Kameraderie, aber das war auch schon, wo er immer die Grenze gezogen hatte. Er besaß keinen besonders ausgeprägten Sinn für persönliche oder starke Gefühle zu irgendjemandem außer Shikamaru oder zu irgendetwas außer ANBU. Keine Versuche, Bande zu festigen, ganz zu schweigen davon, Freundschaften zu pflegen.

Er wusste, wie man arbeitete. Er wusste, wie man kämpfte. Und er wusste, wie man starb.

Aber jetzt…muss ich lernen, wie man lebt…

Und obwohl Shikamaru so sehr wollte, dass er blieb, bat er ihn, zu gehen, zu lernen, herauszufinden…wer in seinem ganzen Leben hatte ihm jemals eine größere Freiheit geschenkt? Es war ein ebenso selbstloser Akt wie zu dem Zeitpunkt, als Neji sein Leben für Shikamaru gegeben hatte.

‚Aber eben diese Sache, die ich für dich empfinde…sie würde mich umbringen, wenn ich nichts anderes hätte…genauso, wie sie dich umbringen wird, wenn du nicht mehr Gründe findest, um diese Maske abzulegen.‘

Da er diese Wahrheit begriff, pochte Nejis Herz mit Akzeptanz. Langsam blinzelnd nickte er, während sich sein Blick wieder auf Shikamarus dunkle, suchende Augen richtete, in denen die honiggoldenen Flecken schimmerten wie winzigen Flammen in den Schatten.

„Sag mir, dass du mich hörst, Neji.“

„Ich höre dich“, wisperte Neji mit einer Stimme, die ein wenig rau, ein wenig roh klang – aber umso menschlicher wegen der Emotionen, die sie enthielt. „Und was ist mit dir?“ Mit den Rückseiten seiner Finger strich er liebevoll über Shikamarus Kiefer, bevor er mit einem Knöchel über ein prominentes Jochbein fuhr. „Wirst du zurechtkommen?“

Shikamarus Braue zuckte und ein schiefes Schmunzeln schlich sich auf seine Lippen. „Machst du Witze? Zwischen Chōji und Ino hab ich meine Gummiwände und Realitätschecks mehr als im Griff.“

„Shikamaru.“

Ein Schimmern dieses alten, vermeidenden Humors, bevor Shikamaru bei Nejis Tonfall ernüchterte und sein dunkler Blick nachdenklich zur Seite wich. „Ich komm schon klar.“ Er setzte sich ein wenig zurück und legte seinen Unterarm auf Nejis Knie ab. „Kann nicht wirklich erklären, wieso ich das weiß…aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich davon erholen werde. Ich muss. Was auch immer das heißt, aber ich hab eine Langstrecke vor mir…und außerdem…“, er warf Neji einen trockenen Blick zu. „Laut eines gewissen, ziemlich lästigen Hyūgas, braucht mein Dorf mich.“

Neji hielt seinen Blick. „Nicht nur dein Dorf.“

Die Mulde in Shikamarus Hals senkte sich heftig und er presste die Lippen zusammen. Indem er sein Gewicht ein wenig verlagerte, lehnte er sich wieder etwas näher, um ihre Gesichter nah zueinander zu bringen. „Ich halte meine Stellung und krieg meinen Scheiß wieder auf die Reihe. Du ziehst deinen ‚Im Äther verschwinden‘-Trick ab und du findest deine Gründe. Klingt das fair?“

Nicht so ganz. Aber es klang notwendig. Da er so tat, als würde er darüber nachdenken, legte Neji den Kopf schief und strich mit den Knöcheln über die Unterseite des Armes, den Shikamaru auf seinem Knie abgelegt hatte. „Mit den Bedingungen kann ich arbeiten.“

„Gut. Vielleicht lass ich dich dann das nächste Mal sogar den ersten Zug machen.“

Nejis Finger erstarrten an Shikamarus Handgelenk und seine Augen blitzten bei diesen Worten auf. „Nächstes Mal?“

Shikamaru schmunzelte ein träges Lächeln.

Noch bevor Neji nachbohren konnte, lehnte sich Shikamaru nach vorn und strich ihre Münder in einer Liebkosung übereinander, die so weich und nachhallend war wie seine Berührung am Nacken des Hyūga, wo Finger langsam massierten. „Geh und finde deine Gründe, Hyūga“, wisperte er mit einer Stimme wie Rauch, die ein Feuer in Nejis Herzen entfachte. „Und wenn du damit fertig bist, sie zu finden…dann komm und finde mich.“

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Hey meine Lieben :)

Wuhu, wieder ein richtig schnelles Update, ich bin ein bisschen stolz auf mich *-*
zum Kapitel an sich will ich gar nicht wirklich was sagen, ich hoffe sehr, dass euch das Shikamaru/Neji zentrierte Kapitel gefallen hat :)
Und VIELEN VIELEN DANK für die zwei neuen Sternchen, die seit dem letzten Kapitel dazu gekommen sind, ich hab mich so unfassbar gefreut! <3 Und ein extra Dankeschön an die liebe Lenevis, die die ganze BtB Serie sogar in ihr Bücherregal gestellt hat, du hast mir eine unglaubliche Freude damit gemacht! <3

Vielen Dank natürlich auch wie immer an meine lieben Reviewer/innen und Leserinnen! <3
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